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Full text of "Friedrich Ueberwegs Grundrifs der Geschichte der Philosophie der patristischen und scholastischen Zeit"

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SCHICHTE DEE PHILOSOPHIE 



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Ontario Council of University Libraries 



http://www.archive.org/details/friedrichueberwe04uebe 



FRIEDRICH UEBERWEGS 

GRUNDRISS DER GESCHICHTE 

DER PHILOSOPHIE 



VIERTER TEIL 

DIE DEUTSCHE PHILOSOPHIE DES NEUN- 
ZEHNTEN JAHRHUNDERTS UND DER 
GEGENWART 



Zwölfte, mit einem Philosophen-Register 
versehene Auflage 

Völlig n e u b e ar b e i t e t von 
DR. TRAUGOTT KONSTANTIN OESTERREICH 

Planm. ao. Professor an der Universität Tübingen 




BERLIN 1923 
VERLEGT BEI E.S.MITTLER & SOHN 



'/DIE DEUTSCHE PHILOSOPHIE 
DES XIX. JAHRHUNDERTS UND 
DER GEGENWART 



Zwölfte, mit einem Philosophen-Register 
versehene Auflage 

Völlig neubearbeitet 

von 

DR. TRAUGOTT KONSTANTIN OESTERREICH 

Planm. ao. Professor an der Universität Tübingen 




BERLIN 1923 



VERLEGT BEI E.S.MITTLER & SOHN 



Alle Rechte aus dem Gesetze vom 19. Juni 1901 
sowie das Übersetzungsrecht sind vorbehalten. 



Vorwort ziir zwölften Auflage. 

Die 11. Auflage des vorliegenden Bandes ist bereits seit mehreren 
Jahren vergriffen. Die Hoffnung auf Eintritt besserer Zeiten, die 
die neue Auflage zunächst etwas hinausschieben Heß, hat sich nicht 
erfüllt. Aber ungeachtet alles äußeren Druckes und aller inneren 
Schwierigkeiten hat die geistige Kultur Deutschlands nicht still- 
gestanden, und gerade in der Philosophie ist die Aufwärtsentwicklung 
eine stetige und jetzt auch an Geschwindigkeit beträchthch zu- 
nehmende. Das vorhegende Werk gibt davon Zeugnis. Es erwies 
sich sogar als notwendig, die neueste Entwicklung in besonderen 
Paragraphen zu behandeln. Eine neue Erkenntnistheorie und eme 
neue Metaphysik sind entstanden und drängen die älteren aus dem 
19. Jahrhundert überkommenen Richtungen zusehends in den Hinter- 
grund. Diese Entwicklung voUzog sich zum Teil erst während der 
Arbeit an der neuen Auflage gleichsam unter den Händen des Ver- 
fassers und machte eine nachträgüche Neuanordnung in derDarsteUung 
erforderhch. Und schon ist am Horizont ein weiteres neues Problem- 
gebiet aufgestiegen : die Parapsychologie und die Parapsychophysik, 
die für die Metaphysik der Zukunft das Fundament abgeben werden. 
Wie groß die Umgestaltung des Bandes ist, zeigt schon der stark 
gewachsene Umfang des Bandes und die Vermehrimg der Zahl der Para- 
graphen. Statt 53 Paragraphen umfaßt jetzt die deutsche Philo- 
sophie 61 Paragraphen, wobei noch zwei Paragraphen der vorigen 
Auflage gestrichen sind. Die Seitenzahl ist von 538 Seiten 
auf 734 Seiten gewachsen, wovon nur ein unwesentUcher Teil auf 
den etwas weiteren Satz entfällt. Die Philosophie des Auslandes 
wird in einem besonderen V. Bande des Ueberweg erscheinen. 
Bei dem großen Aufschwung der deutschen Philosophie macht 
diese Verzögerung nicht viel aus. Die philosophische Führung der 
Welt ist jetzt in unsere Hände übergegangen. 

Der Schwerpunkt der Arbeit hat wieder auf der Philosophie 
der Gegenwart gelegen. Ganz neu sind die § 33 : Neuere Fortbildung 
des Empiriokritizismus (Ziehen); § 43: Die psychologistische Um- 
gestaltung des Kritizismus (Nelson); § 47: Brentano, dessen große 
Wirkung immer deuthcher erkennbar wird; § 51: Die Philosophie 
als Grundwissenschaft (Rehmke); § 55: Die neue Erkenntnistheorie: 
Der Neorealismus (Külpe, Messer, Becher, Störring, N. Hartmann); 



VI Vorwort zur zwölften Auflage. 

§ 56-58 : Die neue Metaphysik : I. Der Neovitalismus, II. Die Religions- 
metaphysik, III. Die Psychometaphysik (Driesch, Oesterreich, Greißler, 
Troeltsch, Scholz, Stern, Groos,Häberlin) ;§59:DieParapsychologie und 
Parapsychophysik, — ein Paragraph, bei dem angesichts der Neuheit des 
Forschungsgebietes, über das die Lehrbücher noch nichts enthalten, auch 
dasAusland kurz berücksichtigt wurde. In einem Anhang zu §59 ist ferner 
eine Darstellung der weltanschaulich nicht ganz einflußlosen Theo- 
sophie (Blavatsky, Besant, R. Steiner) gegeben worden, mit Rück- 
sicht auf die Herkmift derselben ebenfalls unter Berücksichtigung 
des Auslandes. Ebenso ist § 60: Die Philosophie der katholischen 
Kirche (Kleutgen, T. Pesch, Schwertschlager, Cathrein, v. Herthng, 
L. Baur, Greyser u, a.) so gut wie neu verfaßt, womit endlich auch 
dieser von der übrigen modernen Philosophie freilich in einem grund- 
sätzlichen Punkte verschiedenen Richtung Gerechtigkeit widerfährt. 
Besonders tiefe Eingriffe erfuhr femer § 48: Die Phänomenologie, 
in der Scheler jetzt an hervorragender Stelle steht und Husserls 
gesamte Schule näher dargestellt wurde. Die Relativitätstheorie, 
deren philosophische Diskussion erst während der Drucklegung des 
Bandes in vollen Fluß kam, wurde bei den einzelnen Denkern be- 
rücksichtigt und etwas zusammenhängender im Anschluß an den 
NeoreaHsmus (§ 55) behandelt. In der nächsten Auflage sollen diese 
Erörterungen zu einem eigenen Paragraphen ausgestaltet werden, was 
die zum Druckabschluß drängende Zeit diesmal nicht mehr gestattete. 
Näher berücksichtigt bzw. ergänzt worden sind ferner von 
allgemeiner bekannten Denkern: Drews (§ 28), Adickes (§ 29), 
Krönig (§ 30), Jodl (§ 31), Gomperz (§ 32), Stöhr (§ 32), Semon 
(§ 32), Schuck (§ 34), Müller-Freienfels (§ 35), J. Schultz (§ 37), 
Volkelt (§ 38), Schnyder (§ 38), Hönigswald {§ 39), Koppel- 
mann (§ 39), Natorp (§ 40), Cassirer (§ 40), Liebert (§ 40), 
Bauch (§ 41), Neeff (§ 41), Rickert (§ 41), Jonas Cohn (§ 41), 
Mehlis (§ 41), Simmel (§ 42), Cornelius (§ 43), Otto (§ 43), KeyserHng 
(§ 44), Menzer (§ 44), Reininger (§ 44), B. Erdmann (§ 46), Marty 
(§47), 0. Kraus (§47), Conrad-Martius (§ 48), D. v. Hildebrand 
(§ 48), Mahnke (§ 48), Pfänder (§ 48), P. F. Linke (§ 48), 
Geiger (§ 48), Utitz (§ 48), Kerler (§ 48), Dingler (§ 48), Herbertz 
(§ 48), Moog (§ 48), Th. Lipps (§ 49), Höfler (§ 50), Spranger (§ 53), 
Litt (§ 53), Spengler (§ 53), P. Hofmann (§ 53), A. Lasson (§ 54), 
H. Schwarz (§ 54), O. Braun (§ 54), E. Grisebach (§ 54), Haering, 
N. Hartmann (§ 55), die biologischen Denker NaegeU, Bunge, 
Pauly (§ 56), Wobbermin (§ 56), Haas (§ 56). Außerdem fanden 
noch eine große Anzahl anderer Denker Aufnahme oder Ergänzung. 



Vorwort zur zwölften Auflage. VIT 

Geringerer Umfang der Darstellung läßt keinen Rückschluß auf 
geringere Schätzung meinerseits zu, sondern ist nicht selten durch 
äußere Umstände wie nicht rechtzeitige Zugänglichkeit der Ar- 
beiten, völlige Unzugänglichkeit, Mangel an Raum u. a. bedingt. 
Geringe Ungleichheiten sind überhaupt bei einem so umfassenden 
Werk, in das noch während des Drucks immer wieder Einschübe 
erfolgen müssen, nicht zu vermeiden. Nicht wenige deutsche Verleger 
haben Veröffenthchungen ihres Verlages auf Einforderung ohne 
weiteres übersandt. Vorbildlich entgegenkommend war der Verlag 
der phänomenologischen Bewegung Max Niemeyer in Halle. In 
Fällen, wo ein Entgegenkommen ausblieb, konnten, da eine käuf- 
liche Erwerbung, ja jetzt auch jedes Entleihen von auswärtigen 
Bibliotheken unmöglich geworden ist, mehrfach nur die Titel von 
Arbeiten genannt werden (so z. B. bei Publikationen von J. C. B. IMohr 
und B. G. Teubner). Bei Autoren unbekannter Richtung mußte 
auch das unterbleiben. 

Außer den großen Um- und Ausgestaltungen in der Philosophie 
der Gegenv/art hat der Band viele Erweiterungen und Änderungen 
im einzelnen, in den ersten (z. B. Beneke) und mittleren Partien 
erfahren. Auch da ist eine grundsätzUche Änderung erfolgt. In 
der vorigen Auflage befand ich mich noch im Bann der traditio- 
nellen Auffassung vom Tiefstande der deutschen Philosophie in der 
Mitte des 19. Jahrhunderts. Erneute Beschäftigung mit derselben hat 
mich erkennen gelehrt, daß ein solcher allgemeiner Tiefstand der 
Philosophie überhaupt nicht bestanden hat. Auf einem Tiefstand 
befand sich die öffentUche Achtung vor der Philosophie, sie selbst 
stand auf erheblicher Höhe, großenteils keinesfalls unter dem Niveau 
der Philosophie vom Ende des Jahrhunderts, sondern darüber. Er- 
weiterungen oder Neudarstellungen erfuhren vor allem die speku- 
lativen Theisten I. H. Fichte, Perty und Weiße, ferner K. Steffensen 
und C. Frantz. 

Damit der Leser ein volles Bild davon gewinnt, daß der Band 
gegenüber dem alten Ueberweg-Heinze ein ganz neues Buch darstellt, 
ist der Rechenschaftsbericht aus dem Vorwort der 11. Auflage unten 
von neuem zum Abdruck gebracht. Der Raum verbot es auch 
diesmal, die damals nachträglich unter dem Zwang der Umstände 
wieder über Bord geworfene Arbeit vollständig mit aufzunehmen^). 



^) Leider sind bei der Übersendung der über die vorige Auflage er- 
schienenen Rezensionen durch den Verlag an mich dieselben sämtlich in Ver- 
lust geraten, so daß ich nur auf Anregungen mir zufällig zu Gesicht ge- 
kommener Referate Rücksicht nehmen konnte. 



Aus dem Vorwort zur elften Auflage. 



Zu den ersten drei Bänden des „Ueberweg" tritt hiermit auch 
der vierte, in neuer Bearbeitung und an Umfang stark gewachsen. 
Seit dem Jahre 1908 ist er vergriffen. Im Winter 1911/12 wurde 
vom Verlag an mich die Aufforderung gerichtet, die Bearbeitung 
zu übernehmen. Der imzureichende Zustand, in dem sich gerade 
der IV. Band befand, war mir nicht unbekannt. Die Darstellung 
der deutschen Philosophie erforderte, wenn sie auf die Höhe gebracht 
werden sollte, eine vollständige Erneuenmg. Sie auf diese Höhe 
zu bringen, setzte ich mir als festes Ziel, wenn ich mir auch von 
vornherein sagen mußte, daß es innerhalb einer Auflage nicht voll- 
ständig erreichbar sei ; dieser Umstand mußte mit in Kauf genommen 
werden. 

Die wichtigste Aufgabe war zunächst die vöUige Neugestaltung 
der die Philosophie der Grcgenwart betreffenden Partien. Sie sind 
mit Ausnahme weniger Absätze vollständig neu verfaßt worden. 
Aber auch die voraufgegangenen Epochen haben starke Eingriffe 
erfahren, auch hier sind große Abschnitte völhg neu. Die deutsche 
Philosophie, welche in der vorigen Auflage (ohne die Bibhographie) 
noch nicht 360 Seiten einnahm, umfaßt jetzt (1915) deren 482 (eben- 
falls ohne die Bibhographie). Die Zahl der Paragraphen des deutschen 
Teils ist von 41 auf 53 gestiegen. 

Im einzelnen sind die wichtigsten Neuerungen die folgenden. Zunächst 
■wurde das Ganze statt in zwei in drei Abschnitte geteilt. Es war ein seit 
langem unerträglicher Zustand, der schon längst hätte beseitigt sein sollen, 
daß die Hegeische Schule, der spekulative Theismus, Trendelenburg und der 
Materialismusstreit unter dem Titel „Philosophie der Gegenwart" auftraten. 
Diese Philosophie der nachhegelschen Zeit in den ersten Teil mit hinüberzu- 
nehmen, konnte ich mich nicht entschließen. So wurde die Dreiteilung un- 
umgänglich. Die zusammenfassenden Übersichten §§ 1, 2, 16 und 26 sind 
völlig neu. Schwierigkeiten bereitete auch, namentlich für die Philosophie 
der Gegenwart, die Anordnung des Stoffes. Ich habe es auf das Unan- 
genehmste empfunden, daß manche Zusammenhänge zerrissen werden mußten, 
um überhaupt zu einer Anordnung zu kommen. Ich habe schließlich eine 
gewählt, die halb systematischer Natur ist, aber im großen und ganzen zugleich 
in gewissem Umfange die Denker in der Folge ihres historischen Wirksam- 
werdens zu behandeln erlaubt. Bei der außerordentlichen Zerklüftung des 



Aus dem Vorwort zur elften Auflage. IX 

philosophischen Denkens der Gegenwart stehen freilich immer eine ganze 
Reihe von Denkern in gleichem Maße in Geltung. Diese Gleichzeitigkeit 
ihres Wirkens ist leider auf keine Weise literarisch darstellbar. 

Der erste Teil ist um drei neue Paragraphen erweitert worden : Wilhelm 
von Humboldt, Fries, Bolzano, sowie einen Anhang zum Hegel-Paragraphen, 
der Bardili und Berger behandelt. Eine völlige Neubearbeitung der spe- 
kulativen Denker war in der vorliegenden Auflage noch nicht möglich, 
angesichts der erst soeben in Fluß gekommenen Forschung, wo z. T. wichtige 
Publikationen erst bevorstanden bzw. noch bevorstehen, auch nicht ratsam '^). 
Doch wurden auch diese Paragraphen gründlich revidiert und z. T. wesentlich 
ergänzt, so besonders Fichte. Noch größere Zusätze hat Hegel erfahren 
dessen Darstellung durch Ueberweg s. Z. übrigens die ausdrückliche Billigung 
Rosenkranz' erhalten hat); auch eine allgemeine Würdigung Hegels wurde 
eingeschaltet, die dazu beitragen möge, ihm eine allgemeine gerechte Be- 
urteilung zu verschaffen. Die bisher auf Rosenkranz und Haym beruhende 
Darstellung seiner Jugendentwicklung ist durch eine Zusammenfassung der 
von Dilthey (und anderen) gefundenen Resultate ersetzt worden. Über die 
Aufsätze im Kritischen Journal wurden ebenfalls einige Mitteilungen gemacht. 
Ebenso erfuhren die Paragraphen Herbart und mehr noch Beneke Eingriffe. 
In dem Paragraph über die Schellingsche Schule erfuhren besonders Oken, 
Schubert, Solger und Steffens stärkere Änderungen, neu hinzu kamen Trevi- 
ranus und J. Kemer. — Bei den großen Gesamtausgaben ist überall der 
Inhalt der einzelnen Bände angegeben worden. Bei dem Fehlen von Gesamt- 
registern in den meisten dieser Ausgaben war es bisher oft umständlich und 
zeitraubend, einzelne Schriften in ihnen zu finden. Dem ist nun ein Ende 
gemacht. 

Im zweiten Teil wurden neu verfaßt die Abschnitte über Strauß, Feuer- 
bach, Marx, Engels, Stirner, K. Chr. Planck — den lange vergessenen, erst 
jetzt wieder bekannter werdenden Denker — , ferner die Paragraphen über 
Fechner und Lotze. Fast völlig neu ist auch § 21 (Mechanische Weltanschauung 
und Materialismus). Wesentlich erweitert wurden die Absätze über F. J. Stahl 
und Richard Wagner. Tiefere Eingriffe erfuhren namentlich die Darstellungen 
über Kuno Fischer, Pfleiderer, F. Th. Vischer, I. H. Fichte, Chr. H. Weiße, 
Th. Waitz, Ueberweg, Trendelenburg, Czolbe. Einiges, so namentlich in der 
Herbartschen Schule, wurde auch gestrichen. Von einem stärkeren Eingriff 
in den Paragraph über die Hegeische Schule habe ich abgesehen, da hier 
eine wirkliche Besserung nur durch eine vollständige Umarbeitung des 
Ganzen, die die alphabetische Behandlvmgsweise preisgibt, möglich ist. 

An dem dritten Teil: „Philosophie der Gegenwart" ist mit Ausnahme 
der Paragraphen über die katholische Philosophie, die mit Lotze verwandten 
Denker und die theologische Systematik, die aber ebenfalls erheblichere 
Eingriffe erfuhren, so gut wie alles durchaus neu. Nur kleine Bruchstücke 



^) Diese historische Forschung ist durch den Weltkrieg völlig ins Stocken 
gekommen. Der Schwerpunkt der philosophischen Produktion liegt jetzt ganz 
in der Systematik. Die schon im Entstehen begriffen gewesenen Fichte- 
Schelling-, Hegel- und Schleiermacher-Philologien, die die philosophische 
Entwicklung zu hemmen drohten, sind infoige der geistigen Rückwirkungen 
des Weltkrieges nicht zur Entfaltung gekommen. (Anmerkung der 12. Auflage.) 



X Aus dem Vorwort zur elften Auflage. 

wurden aus der vorigen Auflage übernommen. Neu sind demnach die 
Paragraphen über Entwicklungslehre und Monismus, E. v. Hartmann, Wundt, 
Positivismus, Empiriokritizismus, Immanenzphilosophie, idealistisch-prag- 
matistischen Positivismus, sämtliche den Neukritizismus behandelnden Para- 
graphen — es ist das wohl überhaupt die erste eingehende Gesamtübersicht 
über die neukritizistische Bewegung. Ferner sind neu der Paragraph über 
die Psychologie, sowie die über die logische Bewegung der Gegenwart 
handelnden Partien, mit Rücksicht auf die hohe Bedeutung, die die logischen 
Probleme gewonnen haben; seit die Erkenntnistheorie der exakten Disziplinen 
vorläufig einen gewissen Abschluß erreicht hat, ist die logische Bewegung 
relativ eingehend behandelt worden. Allgemeine Billigung wird es finden 
daß ich den Paragraphen über Okkultismus als selbständigen Paragraphen 
aufgegeben habe. Neuerem, mir zweckmäßig erscheinenden französischem 
Verfahren gemäß habe ich ihn in neuer Fassung als Anhang hinter den die 
Psychologie behandelnden Abschnitt gesetzt. Neu sind weiter die Abschnitte 
über Nietzsche, Dilthey und Eucken, ebenso größtenteils die beiden Para- 
graphen „Weitere neuere Denker" (in der vorliegenden 12. Auflage aufgelöst!) 
und „Weitere Literatur auf Einzelgebieten". 

Die Bearbeitung ist mit wenigen, unwesentlichen (die Sclielling- 
sche Schule betreffenden) Ausnahmen stets auf Grund der Werke 
der behandelten Denker selbst, nicht nach sekundären Darstellungen 
erfolgt. Der Raum zwang leider vielfach zu Beschränkung. ; Eine 
Reihe großer Abschnitte, so Lotze, Fechner, E. v. Hartmann,' Lieb- 
mann, Riehl, Cohen, Natorp, Windelband, Rickert, Husserl, Eucken, 
Dilthey mußte nachträglich stark, teilweise bis auf ein Drittel 
des Manuskriptumfanges, zusammengestrichen werden. Entsprechen- 
des gilt von zahlreichen anderen nicht in selbständigen Paragraphen 
behandelten Denkern. Besonders stark von den aus Raumrück- 
sichten notwendigen Kürzungen wurden auch der § 52 und § 53 
(der 11. Auflage!) betroffen. Ich hatte beabsichtigt, in zwei selb- 
ständigen Paragraphen die Philosophie der exakten und der biolo- 
gischen Naturwissenschaften (Ostwald, Boltzmann, Weinstein, 
Becher u. a., Driesch, Reinicke u. a.) zu geben, sowie alle wichtigen 
Publikationen, die in § 53 aufgeführt sind, mit einer näheren Charakte- 
ristik zu begleiten. Der Mangel an Raum zwang, in letzter Stunde 
von bei dem Abstand zu nehmen und auch hier monatelange Arbeit 
über Bord zu werfen. Bei § 53 mußte der gesamte Text fortbleiben, 
ich mußte mich für diesmal darauf beschränken, nur die Titel zu 
nennen. In der nächsten Auflage, von der an das Buch in zwei Bände 
geteilt werden soll, hoffe ich mehr Raum zu haben. Auch die Ver- 
fügung über den Raum wird eine leichtere sein als diesmal, wo der 
Druck der ersten Hälfte des Bandes bereits vor sich gehen mußte, 
lange ehe die zweite abgeschlossen war. Gewisse dadurch bedingte 
Ungleichheiten werden dann fortfallen. 



Aus dem Vorwort zur elften Auflage. XI 

Erheblich gewachsen ist auch die jetzt am Ende des Bandes 
stehende philosophiegeschichtliche BibHographie. Von dem Grund- 
satz, nur eigentliche Monographien aufzuführen, ist nur in wenigen 
Fällen abgewichen worden, da der Literaturanhang sonst leicht 
auf ein Mehrfaches seines Umfangs anwachsen würde. Es ist selbst- 
verständlich daß auch die meisten systematischen Arbeiten jedes 
Zeitraums auf andere die gleichen Probleme behandelnden Schriften 
ihrer Epoche eingehen. Bei den Haupt denkern ist statt der bisherigen, 
für den Herausgeber bequemsten, chronologischen eine sachhche An- 
ordnung gewählt worden. Eine absolute Vollständigkeit war weder 
hier noch bei den bibliographischen Angaben im Text möghch, 
noch auch war sie beabsichtigt. Die jetzt jährhch erscheinende 
Rugesche Gesamtbibliographie der Philosophie^) läßt den -wirklichen 
jährlichen Umfang der philosophischen Produktion erkennen. Ein 
,,Ueberweg", der alle diese Pubhkationen wahllos aufnähme, würde 
ein Monstrum an Umfang darstellen. Es ist also auch jetzt wieder 
eine gewisse Auswahl getroffen worden und wird es auch in Zukunft 
werden. Etwaige Ergänzungsvorschläge werde ich aber selbstver- 
ßtändhch stets mit Dank entgegennehmen und sorgfältig prüfen 
— es gilt das sowohl für die deutsche wie die außerdeutsche Philo- 
sophie. — Einen sehr großen Aufwand von Mühe und Zeit hat die 
für die deutsche Philosophie durchgeführte Prüfung der meisten 
bibliographischen Angaben, sowohl derer im Text wie derer im An- 
hang, gekostet. Sie erfolgte, soweit nicht die Schriften selbst durch 
meine Hand gingen, zumeist an der Hand der großen Bibliographien 
des Buchhandels, z. T. auch auf Grund der Kataloge der Königlichen 
Bibhothek Berhn und der Universitätsbibliothek Tübingen. Eine 
absolute Gewähr für Richtigkeit gibt es, ganz abgesehen von etwa 
von mir bei der Korrektur übersehenen Druckfehlern, hier freihch 
nicht; nicht nur in den nachgeschlagenen Werken und Katalogen, 
selbst auf den Titelblättern der Schriften kommen gelegentHch 
Druckfehler vor ! Einige wenige Titel entzogen sich jedem Versuch, 
sie nachzuprüfen. 



^) Auch dies Unternehmen ist durch den Weltkrieg zum Stillstand ge- 
kommen. Bedauerlicher ist, daß das auch von der Jahresübersicht des „Philo- 
sophischen Jahrbuchs" gut. (Anmerkung der 12. Auflage.) 



Inhaltsverzeichnis. 



Saits 

Vorwort zur zwölften Auflage V 

Aus dem Vorwort zur 11. Auflage VIII 

Die Philosophie seit Beginn des neunzehnten Jahrhunderts. 

§ 1. Die Philosophie des 19. Jahrhunderts 1 

Fünfter Abschnitt der Philosophie der Neuzeit. 
Das Zeltalter der spekulativen Systeme (bis 1831). 

§ 2. Das Zeitalter der spekulativen Systeme 4 

§ 3. Fichte und Fichteaner 11 

§ 4. Friedrich Wilhelm Joseph SchelUng 35 

§ 5. Schellings Schule und seine Greistesverwandten 56 

§ 6. Wilhelm von Humboldt 67 

§ 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel 73 

§ 8. Karl Christian Friedrich Krause 102 

§ 9. Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher 112 

§ 10. Die romantische Schule 128 

§ 11. Arthur Schopenhauer 133 

§ 12. Jakob Friedrich Fries 147 

§ 13. Johann Friedrich Herbart 156 

§ 14. Bernard Bolzano 175 

§ 15. Friedrich Edviard Beneke 186 

Sechster Abschnitt der Philosophie der Neuzeit. 

Die Philosophie in der Mitte des 19. Jahrhunderts (1831—70). 

§ 16. Die Philosophie in der Mitte des 19. Jahrh\mderts 197 

§ 17. Die Hegeische Schule 200 

§ 18. Aus der Hegeischen Schule hervorgegangener Radikahsmus: 

Strauß, Feuerbach, Marx, Stirner 219 

§ 19. Der spekulative Theismus: I. H. Fichte, Weiße vmd die Gegner 

Hegels 231 

§ 20. Die Schule Herbarts 262 

§ 21. Anhänger Schleiermachers, Schopenhauers, Benekes 273 

§ 22. Rückgang auf Aristoteles (Trendelenbiirg) imd andere Philosophen 283 
§ 23. Die mechanische Naturauffassung und der Materialismus . . . 285 
§ 24. Fortwirken der Natiirphilosophie imd Begründving der experimen- 
tellen Psychologie: Fechner 292 

§ 25. Synthese der mechanischen Weltansicht mit dem Ideahsmus : Lotze 299 



XIV Inhaltfiverzeichniß. 

Seite 

Siebenter Abschnitt der Philosophie der Neuzeit. 

Der Wiederaufstieg der Philosophie (seit 1870). 

§ 26. Der Wiederaufstieg der Plulosophie seit 1870 309 

§ 27. Die Entwicklungslehre und der Monismus 314 

§ 28. Synthese der NatiUTvissenschaft und spekulativer Metaphysik: 

Eduard von Hartmann 331 

§ 29. Die Philosophie als Weltanschauungssynthese: Wundt .... 343 

§ 30. Mit Lotze verwandte Denker. Nachwirkung des Theismus . . 367 

§ 31. Die positivistische Philosophie. I. Der Positivismus :Laas .... 378 

§ 32. II. Der Empiriokritizismus: Avenarius, Mach 388 

§ 33. III. Neuere Fortbildimg des Empiriokritizismus: Ziehen . . . 401 

§ 34. IV. Die Immanenzphilosophie: Schuppe 407 

§ 35. V. Idealistisch-pragmatistischer Positivismus: Vaihinger. . . . 410 

§ 36. Nevikantianismus vind Neokritizismus 416 

S 37. I. Die physiologische Richtung: Helmholtz 419 

§ 38. II. Die metaphysische Richtung: Liebmann, Volkelt 422 

§ 39. III. Die realistische Richttmg: Riehl 429 

§ 40. IV. Die logizistisch-methodologische Richtimg: Cohen, Natorp, 

Cassirer 434 

§ 41. V. Der werttheoretische Kritizismus. — Übergang zu Fichte. 

Windelband, Rickert, Münsterberg 449 

§ 42. VI. Die relativistische Umbildung des Kritizismus: Simmel. . 467 
§ 43. VII. Die psychologistischeUmgestaltiing des Kritizismus. Nelsons 

Neufriesische Schule 471 

§ 44. Weitere von Kant beeinflußte Denker 477 

§ 45. Die Psychologie 483 

§ 46. Die Logik als Normen- und Methodenlehre des Denkens . . . 491 

§ 47. Brentano und seine engere Schule 497 

§ 48. Die reine Logik und die Phänomenologie: Husserl, Scheler , , 503 

§ 49. Synthese der Psychologie mit der reinen Logik: Lipps .... 528 

§ 50. Die Gegenstandstheorie: Meinong 534 

§ 51. Die Philosophie als Grundwissenschaft: Rehmke 540 

§ 52. Die Kulturpliilosophie : Nietzsche 543 

§ 53. Die Philosophie der Geisteswissenschaften: Dilthey 551 

§ 54. Vorläufer einer neuen Metaphysik: Eucken. — Der Neoidealismus 559 

§ 55. Die neue Erkenntnistheorie. Der Neorealismus: Külpe .... 569 

§ 56. Die neue Metaphysik: I. Der Neovitalismus : Driesch 586 

§ 57. II. Die Rehgionsphilosophie : Troeltsch 600 

§ 58. III. Die Psychometaphysik 612 

§ 59. Die Parapsychologie und die Parapsychophysik 617 

§ 60. Die Philosophie der katholischen Kirche : ' Der Neuthomismus . 628 

§ 61. Weitere Literatur auf Einzelgebieten. Nachträge 646 

Literatur über die Geschichte der Philosophie vom Beginn 

des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart 661 

Philosophen-Register 725 



Die Philosophie seit Beginn des neunzehnten 

Jahrhunderts. 

§ 1. Die Philosophie des neunzehnten. Jahrhunderts. 
Die Geschichte der Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts 
bietet als Ganzes ein zugleich reicheres und zerrisseneres Bild als 
die der voraufgegangenen Jahrhunderte. Wie das ganze Kultur- 
leben sich national schärfer differenzierte, die einzelnen Länder, 
voran Deutschland, Frankreich und England, in höherem Maße 
als zuvor zu selbständigen Kultureinheiten wurden, so ist auch 
auf philosophischem Gebiet der internationale Zusammenhang ein 
weniger enger geworden. Die Philosophie der einzelnen Länder 
entwickelte sich relativ selbständig. Die Verwandtschaft, die diese 
Entwicklungen z. T. miteinander zeigen, ist oft mehr bedingt durch 
allgemeine Vorgänge in den übrigen Kulturgebieten, vor allem in 
den positiven Wissenschaften (Fortschritte der Naturwissenschaften. 
Aufkommen der Entwicklungslehre usw.), als durch unmittelbare 
Wechselbeziehungen innerhalb der Philosophie selbst. Allein am 
Anfang des Jahrhunderts ist zugleich mit dem allgemeinen europäischen 
Einfluß der deutschen Kultur auch in stärkerem Maße ein solcher 
der ideaüstischen Spekulation zu konstatieren Ein ebenso starker 
Einfluß etwa Comtes, MiUs oder Spencers auf die deutsche Philo- 
sophie hat später nicht stattgefunden. 

Der Satz von der Intemationalität der Wissenschaft, den keine 
Zeit öfter ausgesprochen hat als das neunzehnte Jahrhundert, kann 
nur für die positiven Wissenschaften näherungs weise Geltung be- 
anspruchen. Die Teilung des Stoffes nach nationalen Entwicklungen 
im vorhegenden Werke entspricht darum den geschichtUchen Tat- 
sachen selbst. Erst seit dem Jahre 1900 etwa sind wieder engere 
Wechselbeziehungen zwischen den verschiedenen nationalen Ent- 
wicklungssphären der Philosophie hervorgetreten. Um den gleichen 
Zeitpunkt trat auch zum ersten Male Amerika in der Geschichte 
der Philosophie hervor. Während die poUtischen Spannungen zwischen 
den Staaten immer größer wurden, berührte sich ihr Geistesleben 
auf dem höchsten Gebiete, das es hat, näher als seit langem. Der 

Ueberweg, QrundriS IV. 1 



2 § 1- Die Philosophie des netinzehnten Jahrhunderts. 

Ausbruch des Weltkrieges hat die Wechselbeziehungen zur deutschen 
Philosophie dann jäh unterbrochen. Einer Wiederherstellung des 
früheren Zustandes stehen neben psychologischen Momenten, die 
sich aus dem Versailler „Friedensvertrag" ergeben, auch rein äußer- 
Hche Scliwierigkeiten entgegen, die von dem durch die deutsch© 
Valuta bedingten Fehlen der fremden Literatur herrühren. 

Die Entwicklung der deutschen Philosophie nach Kant 
zerfällt in drei ziemlich deuthch geschiedene Epochen. Die erste 
Periode ist das Zeitalter der großen Systeme; obschon nicht das 
Ganze der Philosophie ihrer Zeit, nehmen sie doch eine überragende 
Stellung in ihr ein. Die Anfänge dieser Bewegung liegen noch im 
achtzehnten Jahrhundert. Das Jahr 1800 bedeutet keine Scheidelinie 
in der Geschichte der Philosophie. Vielmehr ist das entscheidend« 
Jahr des Beginns der Spekulation das Jahr 1794 gewesen, in dem 
Fichtes Wissenschaftslehre hervortrat. Die Begrenzung der Blüte- 
epoche der philosophischen Spekulation nach der andern Seite bildet 
der Tod Hegels (1831). Nicht als wenn die spekulative Entwicklung 
damit völlig aufgehört hätte, aber die Philosophie dieses Typus hatte 
ihren Höhepunkt überschritten. Zugleich verliert die Philosophie 
mehr und mehr die Herrschaft über das Leben. Von den positiven 
Wissenschaften und der Gesellschaft wird ihr zuletzt selbst dae 
Existenzrecht abgestritten. Die Objekte des Erkennens schienen 
an die positiven Einzeldisziplinen völlig aufgeteilt zu sein, so daß 
kein Gegenstand mehr für Philosophie übrig blieb. Selbst der Materia- 
lismus vermochte auch innerhalb der Wissenschaft neuen Boden zu 
gewinnen. Aber die Meinung ist irrig, daß die Philosophie in der Mitte 
des Jahrhunderts allgemein auf ein tiefes Niveau herabgesunken sei. 
Sie fand vielmehr in selbständigen Geistern den Rückweg zu wahrer 
Wissenschaftlichkeit, die ihr im Zeitalter der Spekulation vielfach 
verloren gegangen war, sie kehrte dabei von der pantheistischen 
Wirklichkeitsauffassung zu einem vertieften Theismus zurück. DenKul- 
minationspunkt fand sie in I. H. Fichte und Weiße. Etwas später 
entwickelte Lotze zugleich eine Wissenschaftslehre von dauernder 
Bedeutung. Die Tendenz, Anschluß an die das Denken der Zeit 
beherrschende Naturwissenschaft zu gewinnen, führte endlich zur 
Begründung der experimentellen Methodik in der Psychologie. AUe 
drei Momente bilden die Brücke zur dritten Epoche — die Grenze 
ist hier weit weniger scharf. 

Diese dritte Epoche beginnt ungefähr mit dem Jahr 1870, mit 
Vorläufern in den sechziger Jahren. Um diese Zeit tritt eine neue 
Generation hervor, die die philosophische Wissenschaft von Grund 



§ 1. Die Philosophie des neunzehnten Jahrhunderts. 3 

auf neu errichten will. Der Zusammenhang mit dem spekulativen 
Idealismus, merkwürdigerweise aber auch mit der auf ihn folgenden 
Philosophie, geht fast völlig verloren. Die bis gegen den Ausgang des 
Jahrhunderts die Situation beherrschende Tendenz ist die Richtung 
auf die Erkenntnistheorie, und zwar überwiegend die Erkenntnis- 
theorie der Naturwissenschaft, in viel geringerem Maße der Geistes- 
wissenschaften. Als Erkenntnistheorie also gewann damals die 
Philosophie neues Leben. Es ergab sich, daß, wenn auch die ganze 
übrige Wirklichkeit unter die Einzelwissenschaften aufgeteilt ist, 
doch das wissenschaftliche Erkennen selbst ein noch nicht okkupiertes 
Problemgebiet darstellt. Als Erkenntnistheorie hat sich die Philo- 
sophie denn auch bei den positiven Wissenschaften zunächst wieder 
Achtung erzwungen. Die Richtimgen des erkenntnistheoretischen 
Denkens sind mehrfacher Art gewesen. Gemeinsam war allen zu- 
nächst die antispekulative Tendenz. Der realistische Geist des ganzen 
Zeitalters spiegelt sich deutlich in dieser agnostizistischen Scheu 
vor Metaphysik und der Selbstbescheidung zur Erkenntnis- 
kritik. 

Nur langsam fand die Philosophie Mut zur Weiterausdehnung 
ihrer Ziele. Zur selben Zeit (um 1900), als die realistisch-materielle 
Lebensverfassung in der Gesellschaft eine innere Unbefriedigung 
entstehen ließ und eine neue Erhebung des Lebens von der den ein- 
seitigen Realismus wieder überwindenden Kunst ausging, reifte eine 
neue Generation, die die Philosophie wieder als Weltanschauung 
auffaßt. Sie bezeichnet einen neuen Abschnitt der philosophischen 
Entwicklung, und schon ist die Führung in ihre Hände übergegangen. 
Auch ältere, ursprüngUch geistig anders gerichtete Denker haben 
sich der Rückwirkung dieser Weitung der Auffassung von der Auf- 
gabe alles Philosophierens nicht zu entziehen vermocht. Von Bedeu- 
tung ist femer die eingetretene starke Vertiefung der Auffassung 
aller Probleme, der logischen und erkenntnistheoretischen, so gut 
wie der psychologischen, ethischen und metaphysischen. Der Ent- 
stehung einer neuen Logik folgt jetzt die Entstehung einer neuen 
Metaphysik, die z. T. dem spekulativen Theismus aus der Mitte dea 
19. Jahrhunderts nicht unverwandt ist. Sie geht zunächst noch über- 
wiegend von der Biologie aus (Neovitalismus), beginnt aber bereits 
auch auf psychischem Gebiet weitere Nahrung zu finden (religiöse 
Erlebnisse; Parapyschologie ; mediumistische Physik). Auch die 
Verändenmg der Lage in den anorganischen Naturwissenschaften 
führt zu metaphysischen Problemen (Theorie der Materie, Rela- 
tivitätsprinzip). 

1* 



•4 § 2. Das Zeitalter der spekulativen System«. 

All die Stelle der materialistischen und physiologischen Gnmd- 
gesinnung der letzten Jahrzehnte beginnt die Überzeugung von der 
Superiorität des Geistes gegenüber der materiellen Welt zu treten. 
Mehr und mehr eröffnet sich die Aussicht auf eine neue wissenschaft- 
lich fundierte Anschauung von der Welt und dem Leben des Menschen, 
welche der Gesellschaft den mit dem Verlust der Traditionsreligion 
verloren gegangenen Halt zurückzugeben imstande sein wird. 



Fünfter Abschnitt der Philosophie der Nenzeit. 

Das Zeitalter der spekulativen Systeme. 

§ 2. Das Zeitalter der spekulativen Systeme. Die 
Philosophie Kants hatte eine volle Vernichtung alles metaphy- 
sischen Dogmatismus und die Begründung eines streng wissenschaft- 
lichen Systems sein wollen. Dennoch hat die weitere Entwicklung 
der Philosophie bei den einflußreichsten Hauptvertretern zunächst 
eine durchaus spekulative Richtung eingeschlagen. Ein spekulatives 
System nach dem andern trat hervor. Der Prozeß, in dem es geschah, 
und seine psychologischen Bedingungej" 'sind im einzelnen noch 
nicht vollkommen aufgehellt, — er wurde bereits damals als rätsel- 
haft empfunden. Dennoch ist soviel ersichtüch, daß es wesentlich 
aus der neuen Dichtung kommende Einflüsse gewesen sind, die ihn 
ermöglicht haben. Auch ist im Auge zu behalten, daß Kants Philo- 
sophie in metaphysischer Hinsicht keineswegs derart skeptisch - 
agnostizistisch gewesen ist, wie dies die positivistischen Umdeutungen 
seines Systems in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts behauptet 
haben. Kant hatte die Hauptsätze der theistischen Metaphysik als 
unaufgebbare Postulate des sitthchen Bewußtseins zu retten versucht, 
und daneben waren von ihm, namentlich in der Kritik der UrteUa- 
kraft. in freihch höchst problematischer Form noch andere Andeu- 
timgen metaphysischer Natur gemacht worden. 

Die Epoche des Idealismus hat in ihren Hauptvertretern einen 
viel größeren inneren Wertreichtum in sich besessen als Kant, der 
außer den intellektuellen Erkenntniswerten im wesentUchen nur 
die rein moralischen Pflichtwerte als eigenes Erlebnis besaß. Die 
Gefühlswerte aller Mystik mißachtete er als Schwärmerei, auch die 
Kunst spielte in seinem Leben keine Rolle. LedigUch sein moraUschee 
Pfhchtwert-Bewußtsein erhob ihn über die Aufklärung. Im Gegen- 
satz zu deren verstandesmäßiger utihtaristischer Nüchternheit war 



§ 2. Das Zeitalter der spekulativen Systeme. 5 

nxm eine Lebensrichtung entstanden, die mit dem Sturm und Drang 
beginnt, sich fortsetzt in die klassische Dichtung und dann weiter- 
lebt in der Romantik. Ihnen allen gemeinsam ist eine überutilita- 
ristische und überrationale Lebensauffassung. Sie erlebt eine Fülle 
anderer Werte, die nichts zu tun haben mit den Werten der Nütz- 
lichkeit, nichts zu tun auch mit kantisch-friderizianischer Pflicht- 
diezipliniertheit. 

Die Umwandlung des Lebensbewußtseins, die sich so in unserer 
klassischen Literaturepoche vollzog, war eine so durchgreifende, daß 
sie sich nm* mit der vergleichen läßt, die innerhalb der Renaissance- 
zeit sich in den die europäische Kultiu* bedeutenden Schichten voll- 
zogen hat. Eine Befreiung des Lebens von dem Druck transzendenter 
Mächte ist das zentrale Moment gewesen, also eine Loslösung von der 
überkommenen bei Kant noch so stark wirksamen religiösen Welt- 
anschauung. Nirgends wohl ist dieser Prozeß reiner und vollständiger 
zur Vollendung gekommen als in der Person Goethes. Es entstand 
in ihm eine Weltanschauung, die neben dem Sittlichen in Wissenschaft 
und Kunst die höchsten dem Menschen erreichbaren Werte, das 
Göttliche, sah. 

Wer Wissenschaft und Kvmst besitzt, 
Der hat auch Religion. 
Wer jene beiden nicht besitzt. 
Der habe ReUgion. 

Alles, was vom Christentum bis dahin nicht ablösbar gewesen war, 
ist fortgefallen: Sündenbewußtsein, Unwertgefühl und Negation der 
Welt, ohne darum eudämon istischem Materiahsmus Platz zu machen. 
Diese Lebensgesinnung und damit in Wahrheit unsere klassische 
Dichtung ist es gewesen, die den tiefsten Anstoß zui- Entstehimg der 
ideaüstisch-spekulativen Epoche gegeben hat, welche auf Kant folgt«. 
Ohne solchen Einfluß durch das Leben, von außen her. würde die 
Weiterentwicklung der Philosophie, die sich damals vollzogen hat, 
unverständlich, ja, man darf wohl sagen, mimöglich gewesen sein. 
Die Systeme des Idealismus sind Versuche gewesen, den ganzen 
Reichtum von Werterlebnissen, den das Zeitalter Goethes besessen 
hat, zu philosophischer Bewußtheit zu erheben. Nicht nur die Natur, 
sondern die ganze Sphäre des Geisteslebens haben diese Weltanschau- 
ungen zu umfassen unternommen. Den relativ engsten Wertkreis 
umfaßte Fichte. Das beherrschende Element seines Leben;ä ist 
trotz eines starken Hanges zur Spekulation mid prinzipieller Hoch- 
wertung auch der übrigen Kulturgebiete doch noch die Moralität 
im engsten Sinn der Pflichthandlung gewesen, und auch alle übrigen 



6 § 2. Das Zeitalter der spekiilativen Systeme. 

Werte tauchen bei ihm in die Gefühlswelt der moralischen Pflicht- 
erfüllmig ein. Weit reicher ist die Fülle der Werte, die in Schelling 
mid Schleiermacher lebendig gewesen ist. Dieser ist erfüllt von 
dem Gefühl der Hermhuter Religiosität und dem Bewußtsein des 
Wertes der Eigenart menschlicher Individualität, jener schafft der 
Kunst Raum in der Philosophie, erst später auch den Werten 
mystischer Religiosität und denen der eigentlich sittlichen Welt sich 
erschließend. 

Der universellste, die eigene Subjektivität durch Hingabe an 
die gesamte historische Geisteswelt gleichzeitig erweiternde, zu- 
rückdrängende und überwindende Denker endlich ist Hegel ge- 
wesen. Er erst nimmt in seiner objektiven, wahrhaft philosophischen 
Geistesverfassung alle Werte in sein System auf, während Schelling hin- 
gerissen wurde vom Gedanken wie dem Werterlebnis des Augenblicks. 

Die philosophische Arbeit jener Greneration ist bei allen von 
dem Streben nach dem Ergreifen des metaphysischen Sinnes der 
Wirklichkeit getragen. Daß die Welt, obschon keine Schöpfung 
im Sinne des Theismus, doch ein sinnvolles, Wert enthaltendes 
Ganzes ist, das ist die gemeinsame Überzeugung und Voraussetzung 
des ganzen Zeitalters und seiner Philosophie. Und das Ringen der 
einzelnen Denker hat erst dann einen Abschluß gefunden, wenn 
sie einen Standpunkt gefunden hatten, der die Wirklichkeit ihnen 
einleuchtend als ein solches wertvolles Ganzes erscheinen ließ. Die 
Verschiedenheit ihres Standpunktes ist wesentlich bedingt durch die 
Verschiedenheit ihres individuellen Werterlebens. 

Die erkenntnistheoretisch-metaphysische Struktur der Systeme 
ist bedingt durch Kant. So wenig sie mit ihm übereinstimmen 
— von dem Maß ihrer Abweichung von ihm haben die Denker nicht 
stets Bewußtsein gehabt — , die ganze Metaphysik des Zeitalters 
ist bedingt durch das Kantische System und die in ihm enthaltenen 
Spannungen. Die unmittelbar auf Kant folgende Kritik seines 
Systems, wie sie seitens Jacobis, Schulze-Änesidemus' u. a. an seinen 
metaphysischen Grundideen geübt worden ist, hat der Metaphysik 
des Idealismus den Boden bereitet. Insbesondere die Unvereinbar- 
keit der Lehre Kants vom Ding an sich mit seiner Kategorienlehre 
xmd ihre dadurch bedingte Ausscheidung bedeutete höchste Steige- 
rung des Mutes zur Erkenntnis. Im gleichen Augenblick, wo man 
das Ding an sich preisgab, wurde die Tiefe der Wirklichkeit erkenn- 
bar, denn es blieb nun kein unerkennbares Etwas mehr hinter dem 
Denken und der Welt übrig. Die Natur wurde zum Produkt des 
Bewußtseins, ihre Struktiu- aus dem Wesen dieses apriori ableitbar. 



§ 2. Das Zeitalter der spekulativen Systeme. 7 

Auch kamen von Kant unmittelbare Anregungen im Sinne 
naturphilosophischer Spekulationen, was bisher nicht beachtet worden 
ißt, da man Kant auch jetzt immer noch einseitig als Kritiker der 
Metaphysik ansieht, während er in Wirklichkeit nicht nur eine prak- 
tische Metaphysik des Glaubens, sondern auch theoretische Meta- 
physik in erheblichem Umfange entwickelt hat. Nach ScheUings 
eigenem Zeugnis haben insbesondere Kants metaphysische Anfangs- 
gründe der Naturwissenschaft, die bereits den Übergang zur eigent- 
lichen Naturphilosophie darstellen, in diesem Sinne gewirkt. (Sämtl. 
Werke Abt. I, Bd. 10, S. 394.) 

Dazu kommt ein weiteres Moment. Das Bewußtsein der Werte, 
die als absolute aufgefaßt wurden, war ein so intensives und stand 
so im Vordergrunde des ganzen Lebens, daß sich eine für die Wendimg 
ins Spekulative entscheidende tiefgehende Veränderung im Realitäts- 
bewußtsein der ganzen Zeit damals vollzogen hat*). Der Begriff 
,, Realität" wurde abstrahiert von den Werten. Man verstand dem- 
entsprechend — gemäß der objektiv-absoluten Auffassung der Werte— 
«nter ihm etwas Absolutes, der Veränderimg und den Grenzen von 
Raum und Zeit Überlegenes. Auf die räumlich-zeithchen Dinge der 
Wahrnehmung konnte der Begriff Realität also gar nicht eigentUch 
Anwendung finden. Diese erschienen darum als irreell, fast als Schein. 
Die platonische Mißachtung der empirischen Welt gegenüber der 
absoluten Welt der Ideen ist damals wieder aufgenommen worden. 
Und zwar war sie mehr als bloße Theorie, das Leben selbst war von 
ihr als dauernder Bewußtheit erfüllt**). 

Mit dieser (freilich nicht konsequent durchgeführten) Anschauung 
von dem, was Realität ist, geht parallel die Forderung schlechthinnigor 
Notwendigkeit für die philosophische Erkenntnis. Die Mathematik 
erscheint in ihrer Apodiktizität von neuem***), wenn auch nicht 
ihrer Methode nach, wie im sechzehnten Jahrhundert als Vorbild 
der Philosophie. Die spekulativen Systeme erstrebten daher etwas 
ganz anderes als Wahmehmungserkenntnis oder auf sie aufgebaute 
Hypothesen. Die Erfahrung gibt nur Einzelnes, Zufälliges zu erkennwi. 
Jene Systeme aber wollten apodiktische Erkenntnis von der Art dw 
Mathematik. Auch hier wirkt Kants Vorbild nach, der von der 



*) Bestätigende Zeugnisse z. B. bei H. Steffens, Lebenserinnerungen. Aus- 
wahl. Jena 1908. 

••) Man muß sich in dieses veränderte Realitätsbewußtsein, das die 
aiaterielle Welt fast als irreell empfinden ließ, einmal mit voller Lebhaftigkeit 
hineinversetzt haben, um es und mit ihm die Philosophie der ganzen Epoche 
7M verstehen. 

**•) Vgl. z. B. Hegel im Krit. Joum. d. Philos., Bd. H, H. 2, S. 4, Fichte 
bei Steffens, Lebenserinn., Jena 1908, S. 155. 



8 f 2. Dae Zeitalter der spektdativen Systeme. 

Philosophie strenge Notwendigkeit verlangt hatte. Die Anspruch«' 
des Idealismus an logische Strenge, Beweisbarkeit der Philosophie 
waren also im Prinzip viel größer als die des späteren empirischeo 
25eitalters, das sich mit Hypothesen aus Wahrnehmungszufälligkeit 
begnügt hat. (Im faktischen Aufbau der Systeme verlor sich dann 
freilich die Strenge der Deduktion bald.) Diese Tendenz erreicht 
ihren Höhepunkt in Hegels metaphysischer Logik. Die Weltan- 
schauungsbegründung kann demgemäß für den ganzen Idealismii:« 
nicht den Ausgang von der empirischen, räumlich-zeitlichen Wirklich- 
keit nehmen, die gar nicht echte Realität im Sinne der Anschauung 
der Zeit ist und die logisch angesehen eine Häufung von Zufälligkeiten 
darstellt, sondern sie beginnt anderswo. Die Ausgangspimkte der 
Deduktion sind bei den einzelnen Denkern verschieden. Bei Fichte 
und dem jungen Schelling ist es das Bewußtse'n, das Ich im Sinne 
der transzendentalen Apperzeption Kants*), bei Hegel später de^r 
Begriff des reinen Seins usw. 

Auch die Methode ist nicht einheitlich; das eigentliche Ver- 
fahren ist entweder das der intellektuellen Anschauimg, einer vei- 
meintUch besonderen philosophischen Intuition; oder das der Dialektik 
resp. auch eine Kombination beider. Beide sind von Fichte vorge- 
bildet. Schelling bekannte sich vorzugsweise zur ersten, während 
Hegel die Dialektik in klassischer Weise ausbildete. Das Ziel ist 
die Ableitung der Wirklichkeit, aber nicht die der Einzeltatsachen — 
diese sind logisch zufällig und darum nicht ableitbar — . sondern 
allein der Grundzüge. Der extrem-spekulative Charakter der Philo- 
sophie der Zeit ist z. T. eine unmittelbare Wirkung ihrer Methodik, 
insbesondere der Dialektik, die. wenn einmal angenommen, ruhelos 
voi*wärts treibt. 

Da-s Wesen der Dialektik besteht daiiu, daß in den ziuoa Aiujgüugiy- 
puukt geuommenen Begriffen oder Sätzen innere Widersprüche nachgewieee» 
werden, die nach Aufhebvtng vorlangen. Die Syntht-sis. welche die Spaantmg 
zwischen Thesis und Antithesis lÖ8t, zu finden, ist die Aufgabe des Denkers. 
Dieses dialektische Verfahren hat mit der Mathematik die strenge logische Not- 
wendigkeit gemein, aber es unterscheidet sicli völlig von ihr. insofern sein V*v- 
fahren des logischen Fortgangs nicht das des Schließen«, sondern von ganz 
anderer Art ist, eben ein Nachweisen und Wiederaufheben von immanenten 
Widersprüchen. Das dialektische Verfahren hat zur uiunittelbaren Folge eine 
von der gewohnten Auffassvmg der logischen Struktur der Wirklichkeit völlig 
verschiedene Anschauung von derselben gehabt. Da nämlich die Wirklichkeit 
imter die Begriffe als ihre Inhalte eingeht, so gilt alles, was von den Begriffen 



*) Auch dae aber nur cum graue salis. Genau genommen geht die W. L 
von 1794 von einem anderen Pwikte sds AnsatzpuÄt aus (s. u-). 



§ 2. Das ZoitÄlter der spekulativen 'Systeme. 9 

gut und AMS ihnen mit Notwendigkeit folgt, auch für die Wirklichkeit. Da nun 
der Grundtatbestand, auf dem sich die Dialektik aufbaut, die weitgehende 
Widerspruchserfülltheit der Begriffe ist, so ergibt sich, daß auch in der konkreten 
Wirklichkeit logische Widersprüche eingeschlossen sind, d. h. daß die Wirk- 
hohkeit teilweise irrational ist. Der Satz des Widerspruch.s vind das unter 
ihm stehende gewöhnliche reflektive Denken reicht mithin nicht an die 
reale Wirklichkeit heran. 

Dennoch bekennt sich aber auch die Dialektik zu keinem ins Unendliche 
fortgehenden Irrationalismus der Dinge. Vielmehr geht auch sie zuletzt von 
der Voraussetzung aus, daß der Widerspruch in der Wirklichkeit nur als Über- 
gangsstadium, aber nicht als abschließender verharrender Tatbestand vorhanden 
und möglich ist. Denn das ist ja das Ziel aller Dialektik, den analytisch vor- 
gefundenen Widerspruch (Thesis — Antithesis) in einer übergreifenden Thesiß 
wieder aufzuheben. Diese Synthesis freilich kann sich dann von neuem als 
mit immanentem Widersprvich behaftet herausstellen. Aber bis ins Unendliche 
geht es so nicht fort, sondern jedes System glaubt schließlich mit der dialektischen 
Entwicklung zu einem Punkte zu gelangen, wo kein W^iderspruch mehr übrig 
bleibt. Und zwar ist es dabei eine, wenn auch nicht klar bewußte Voraussetzung 
allei- dialektischen Systeme, daß dieser Punlit erreicht ist, wenn die Deduktion 
so weit gelangt ist, daß sie die Grundstruktur der Wirklichkeit und ihren Ent- 
wicklungsgang abgeleitet hat. So sehr die Wirklichkeit als über den Satz des 
Widerspruchs hinausreichend angesehen wird, so stellt sie zuletzt doch jenes 
Endgebilde dar, das sich ergibt, wenn aller Widerspruch überwunden und in 
einer höchsten Synthesis aufgehoben ist. Es kommt hierbei aber wohlbemerkt 
nirgends das Konkrete, Einzelne. Zufälhge, sondern allein die allgemeine 
Struktur, das Allgemeine als solches, in Betracht. Ein einzelner konkreter 
Sachverhalt (z. B. Krugs Schreibfeder) ist nicht als deduzierbar angesehen 
worden. Auch Hegels Dialektik reicht nicht bis an das Konkrete, wirkUch 
Einzelne heran. Selbst seine Geschichtsphilosophie hat es nur mit den Volks- 
geistern zu tvm. mit Individuen nur als Werkzeugen ihrer (im Prinzip wenigstens). 

Das letzte in der Kette der metaphysisch-spekulativen Systeme, 
das sich in schärfsten Gegensatz zu den übrigen setzt und doch mit 
ihnen zusammen eine Gruppe bildet, ist das Schopenhauers. 
Trotz aller Verschiedenheit im einzelnen ist es spekulativ-metaphysisch 
wie sie. Es blieb zunächst ohne Wirkung, denn das Lebensgefühl, 
von dem es erfüllt war — verwandt dem des späteren, tief melan- 
cholischen Schelling — , war pessimistisch, lebens- und weltvemeinend 
imd stand damit im Gegensatz zum Geist der ganzen Epoche. Unter 
den Denkern zweiten Ranges dieses Zeitraums ragt hervor Krause ; 
auch als Mensch ohne jenes Maß von Lebensfähigkeit, das die großen 
Idealisten im Kampf um die Existenz zum Siege geführt hat. 

Der Zauber der Systeme des Idealismus, der ihre Zeitgenossen 
gefangen nahm, ist im Begriff sich heute zu erneuern. Wie belebender 
Frühlingshauch strömt es uns aus ihnen wieder entgegen. Das Kultur- 
leben der Zeit mit seinem ganzen Reichtum ist in ihnen zum Ausdruck 



10 § 2. Das Zeitalter der spekulativen Systeme. 

gekommen. Der Umkreis von Wirklichkeit, den sie philosophisch 
zu umfassen bemüht sind, ist größer als der in irgendeinem der vor- 
aufgegangenen Systeme enthaltene. Diese Systeme hätten unter 
solchen Umständen nicht so schnell wieder einflußlos sein und so 
stark unterschätzt werden können, wie es der Fall gewesen ist, wenn 
sie nicht neben so bedeutenden Vorzügen schwere Mängel aufgewiesen 
hätten. Dieselben liegen in ihrer Methodik, und diese wieder hat ihren 
Grund in der unzureichenden Entwicklung des logischen Grewissens 
ihrer Urheber. Wie es oft in der Geschichte der Fall gewesen ist, 
sprengte das in ihnen wogende reiche innere Leben die Ketten, die 
das intellektuelle Gewissen rasch dem ideenbeflügelten Denken an- 
legt, es zu langsamerer Bewegung nötigend. 

Was für den an gedanliliche Präzision und Konsequenz Gewöhnten eine 
längere, auf das Sachlichegerichtete Beschäftigung niit den Idealisten in logischer 
Hinsicht so peinvoll macht, ist die Laxheit des Wortgebrauchs \ind die danüt 
zusammenhängende unerträgliche Häufung fortgesetzter Äquivokationen. Ein 
Beispiel dafür ist der Terminus ,,Sein". Schon bei Fichte und dann später bei 
Hegel ist ein unzählige Male wiederkehrender Vorgang der, daß unter ,,Sein" 
ausdrücklich etwas anderes als das bloße Dasein verstanden wird und dann 
unmittelbar danach doch beides in nachlässigster Weise miteinander identi- 
fiziert wird. Von derselben Leichtfertigkeit ist es, wenn Fichte zunächst tmter 
ewigem JLeben eine bestimmte Gesinnungs- und Handlungsart versteht \ind 
dann fortfahrend einen so Lebenden als ewig, unsterblich im gewöhnlichen 
Sinne ansieht. Die Schriften der deutschen Spekulation stellen eine geradesu 
tmerschöpfliche Fundgrube für Äquivokationen dar. Daran vermag auch die 
eingetretene Umwertung ihrer geistig-geschichtlichen Gresamtbedeutung nicht« 
zu ändern. Die scharfe Kritik, die schon Bolzano, Fries u. a. an der Begriffs- 
verwirrung der deutschen Spekulation geübt haben, ist voll berechtigt gewesen. 

Bei Köpfen, in denen die Disziplin des Denkens ausgeprägter 
war als die Fülle inneren Werterlebens, stießen die spekulativen 
Systeme deshalb schon zu ihrer Zeit sofort auf Widerstand und ^'- 
fuhren eine überaus scharfe Kritik, die ihre großen Mängel rücksichts- 
los zutreffend bloßlegte, aber ihre bedeutenden Eigenschaften oft 
verkannte. Noch vor dem eigentlichen Zusammenbruch der Speku- 
lation sind mehrere selbständige Denker hervorgetreten, welche im 
Gegensatz zu ihr streng wissenschaftliche, verstandesmäßig begrün- 
dete Systeme zu schaffen unternahmen. 

Wenngleich die idealistischen Systeme bei weitem den größten 
Einfluß von der Philosophie am Beginn des neunzehnten Jahr- 
hunderts geübt haben, stellen sie also nicht das Ganze der Philo- 
sophie ihrer Zeit dar. Gleichzeitig und im Gegensatz zu ihnen ent- 
standen die Gedankensysteme von Herbart, Fries, Beneke und 
Bolzano, des erst jetzt in seiner Bedeutung erkannten böhmischen 



§ 3. Fichte und Fichteaner. 11 

Denkers. So verschieden die Richtung ihres philosophischen Denkens 
im einzelnen ist, so verbindet sie miteinander doch ihre logisch- 
wissenschaftUche Strenge, die sie von den Idealisten trennt, und 
die damit gegebene scharfe Ablehnung unzureichend fimdierter 
Spekulation. An Reichtum inneren Wertlebens und umfassender 
Weite des philosophischen Denkens stehen sie hinter den Idealisten 
sämtlich zurück. Diesen letzten steht trotz seines prinzipieUea 
GJegensatzes relativ am nächsten Herbart, näher als die übrigen 
drei. Auch er ist Metaphysiker *), jedoch von ganz anderen Tendenzen. 
Auf metaphysischem Wege versuchte er, auch die Psychologie als 
mathematisch-exakte Disziplin auszubilden. Femer hat er 
die Pädagogik zum Rang einer philosophischen Disziplin zu erheben 
gestrebt. 

Weit größer als die Klluft, die Herbart von den Idealisten trennt, 
ist der Gegensatz bei Fries und B e n e k e. Sie sind die philosophischen 
Repräsentanten der Naturwissenschaft der Zeit. Fries be- 
gründet den Psychologismus, indem er die kantische Kritik ins 
Psychologische umbiegt und alle Philosophie auf Selbstbeobachtung 
zurückführt. Im übrigen verbindet ihn mit dem romantischen Zeit- 
alter der Versuch einer ästhetischen Begründung der Religiosität. 
Zum Psychologismus bekennt sich auch Beneke und versucht ejie 
neue vermeintKch rein erfahrungsmäßige und ihre Hypothesen eng 
an die Empirie anschließende, in Wahrheit stark konstruktive Psycho- 
logie als sicher fundierte Grundlage aUer übrigen philosophischen 
Disziplinen zu schaffen. Ganz im Gegensatz zum Psychologismus 
befindet sich Bemard Bolzano, auch als Mathematiker von Bedeu- 
tnng. Er setzt die Denkrichtung von Leibniz, der von Kant auf 
lange Zeit — bis zur Gegenwart — in den Hintergrund gedrängt 
worden ist, mit voller Konsequenz und großer Gedankenklarheit 
fort, auch in der Metaphysik. Seine Leistungen liegen wesentlich 
auf logischem Gebiet sowie in der Psychologie des Denkens. Der 
Gegensatz der vier genamiten Denker zu den spekulativen Haupt- 
systemen tritt auch darin zutage, daß sie auf metaphysischem Ge- 
biete im Gegensatz zur pantheistischen Geistesrichtimg der Zeit 
am Theismus, Bolzano sogar am katholischen Dogma, festhalten. 

§ 3. Fichte und Fichteaner. In Johann Gottlieb 
Pichtes (1762—1814) Philosophie verbinden sich eine scharfe 
Intelligenz und ein leidenschaftHch erregtes, oft sehr eigenwilliges 



*) So daß er insofern auch der Gruppe der spekulativen Systeme zugezählt 
weixlen könnte. 



12 § 3. Fichto und Fichteaner. 

Temperament mit dem bei ihm ins Heroische gesteigerten morahschem 
Bewußtsein Kants und der allgemeinen Kulturwertung des Goethe- 
Hchen Zeitalters. Beides, das Sittliche und die geistige Kultur, werden 
von ihm, im Sirme des ganzen Zeitalters, als Manifestation des Ab 
soluten aufgefaßt. — Unter dem Einflüsse der Philosophie Kants 
gab Fichte den bis dahin von ihm vertretenen Determinismus auf 
und versuchte, den von Kant inaugurierten Kritizismus in konse- 
quenter Gestalt darzustellen. Persönlich überzeugt, lediglich Kants 
Philosophie vorzutragen, entfernte er sich in Wahrheit immer stärker 
von demselben. Mit viel größerer Entschiedenheit als Kant, für den 
eine solche Lehre überhaupt umstritten ist (s. diesen Grundriß Bd. III 
und unten den Neukantianismus), und größter Schärfe verwarf Fichte 
die Annahme von transzendenten Dingen an sich, die durch Affektion 
unserer selbst in uns Empfindungen hervorbringen. Auch die Emp- 
findungen sind vielmehr nach Fichte ein Produkt des Ich. Aus dem 
Subjekt, dem Ich, stammt nicht nur die Form, es produziert auch die 
Materie der Erkenntnis. Dieses Ich ist nach Fichte jedoch nicht 
das individuelle, sondern ein allgemeines. Es erinnert an Kant« 
transzendentale Apperzeption und sein Bewußtsein überhaupt. Es 
ist reine Tätigkeit, nichts Substantielles, sondern ein Prozeß, eine 
Tathandlung. Das Ich setzt sich selbst und das Nicht-Ich. Dieses 
Nicht-Ich wird von ihm gesetzt, lediglich weil das Höchste: die Pflicht 
nicht realisiert werden kann, ohne daß das Ich handelt, und alles 
Handeln ein dem Ich gegenüberstehendes Nicht-Ich nur Voraus- 
setzimg hat. Die Welt ist das versinnlichte Material der Pflicht und 
nur um dieser willen da. Aus dem sittlichen Bewußtsein gewirmt 
Fichte auch einen neuen moralischen Beweis für die Realität 
der fremden Personen: sitthches Handehi setzt eine Mehrheit von 
Individuen voraus. 

Die Methode Fichtes ist die für die Weiterentwicklung d«? 
Idealismus vorbildhch gewordene apriorisch-dialektische. Sie 
verläuft nach dem Schema: Thesis, Antithesis und Synthesis. in 
welch letzterer der Widerspruch zwischen den beiden erst-en auf- 
gehoben wird. 

Den bei Kant noch vorhandenen Begriff eines persönlichen 
transzendenten Gottes gibt Fichte auf. Das GöttUche erblickt er 
in der von ihm als sicher bestehend angenommenen sittUchen Welt- 
ordnung. Alles sittliche Handeln ist Handeln allein um der Pflicht 
willen. Das Wesen der ReHgiosität liegt dem gegenüber in dem Be- 
wußtsein, daß im Morahschen das Wesen des Absoluten zutage tritt. 
Das in diesem Gedanken — er variiert im einzelnen wie viele G-e- 



§ 3. Fichte und Fichteaaer. 13 

danken Fiohtes mannigfach — enthaltene mystische Moment tritt 
in den Schriften Fichtes zunehmend deutlicher hervor, wie überhaupt 
sein Philosophieren immer mehr einen religiösen Charakter ange- 
Mtommen hat. 

Noch strenger als Kant trennt Fichte das Gebiet des Rechts 
von dem der Moral. Auf dem Gebiet der Staatsphilosophie 
war er zunächst in ausgesprochenem Maße Kosmopolit, ein be- 
geisterter Anhänger dei französischen Revolution. Später, unter 
dem Eindruck des Zusammenbruchs des preußischen Staates, ent- 
wickelte sich in ihm ein aufs höchste gesteigertes deutsches National- 
l!>ewußtsein, ohne daß indessen die kosmopolitische Tendenz in ihm 
völlig verschwand. Fichte erstrebte eine allgemeine Menschheits- 
erneuerung, die von der deutschen Nation ihren Ausgang nehmen 
wollte. Politische Selbständigkeit galt ihm als Voraussetzung geistig- 
moralischer Kultur, welche aber allein Selbstzweck ist und ein Her- 
vortreten des Absoluten. Götthchen darstellt. Die Aufgabe der Mensch- 
heit ist Ordnung aller ihrer Verhältnisse aus Freiheit durch Vernunft. 
Wie die Reden an die deutsche Nation eine Art sittlichen Staats- 
sozialismus fordern, vertritt der (zeitlich frühere) geschlossene 
Handelsstaat einen solchen wie auch nationale Autarkie auf wirtschaft- 
lichem Gebiet. 

Schulmäßig schlössen sich an Fichte um* wenige Denker an; 
doch ist seine Spekulation auf den ferneren Entwicklungsgang der 
deutschen Philosophie von entscheidendstem Einfluß geworden. 
Ebenso sind die Romantiker von ihm abhängig. 

Fichtes wichtigere Schriften: (Anonym) Versuch einer Kritik 
aller Offenbarung, Königsberg 1792, 2. venu. A. (nicht anonjin) 1793; Berl. 
1871 (Philos. Bibl.). — (AnonjTn) Ziirückforderung der Denkfreiheit von d. 
Fürsten Europens, die sie bisher unterdrückten. E.Rede. Heliopolis im letzten 
Jahre der alten Finsternis o. O. und J. (Danzig 1793). Neudruck, Jena. Die- 
derichs 1916 (Flugblätter 17. H.); nach d. Erstdruck v, 1793 neu hg,v. Reinh. 
Strecker, Lpz. 1919. (Anonym) Beiträge zur Berichtigung der Urteile des 
Pubhkums ü. d. französ. Rev^olution. I. Teil Z. Beurteilung ihrer Rechtmäßig- 
keit, 1. Heft, o. O. 1793; 2. vmveränd. A. 1795. Rez. v. Änesidemus oder üb. d. 
Fundamente der von Herrn Prof. Reinhold in Jena geUeferten Elementar - 
philosopliie. Jenaer Allg. Lit. Zeit. 1794, Nr. 47— 49. Nach dem Antritt der 
Professm- in Jena erschien die Abhandlung: „Üb. d. Begriff der Wissenschafts - 
lehre oder der sog. Philos.", Weimar 1794 (2. verm. A. Jena u. Lpz. 1798), 
und die Schrift: ,, Grundlage der gesamten Wissenschaftslehre, als 
Handschr. für seine Zuhörer", Jena und Lpz. 1794, 2. A. Tüb. 1802; 2. verb. A. 
Jena u. Lpz. 1802 (bei weitem die einflußreichste unter allen Darstellungen der 
W^.-L.). Einige Vorlesungen üb. die Bestinmaung des Gtelehrten, ebdf. 1794 
(auch in der Universalbibl.). Demselben Jahre gehört der für Schillers ,, Hören" 
geschriebene Aufsatz ,,Über Geist imd Buchstaben in der Phil." an, gedr. erst 
1798 im Phil. Joum. Grundriß des Eigentüml. in der Wissenschaftslehre, Jena 
u. Lpz. 1795, 2. imveränd. A. Tübingen 1802, 2. verb. A. Jena u. Lpz. 1802. 
Grundlage des Naturrechts nach Prinzipien der Wissenscliaf ts- 
iehre. Ebd. 1796. Erste Einltg. in die Wisssenschaftsl. ; Zweite Einltg. in die 



14 § 3. Fichte und Fichteaner. 

Wissenschaftslehre, für Leser, die schon ein philosophisches System haben, und: 
Versuch e. neuen Darstellg. der W.-L., alle drei im Philos. Joiirnal 1797. Das 
System der Sittenlehre nach den Prinzipien der W.-L., Lpz. n. 
Jena 1798. Über den Grund uns. Glaubens an eine göttl. Welt- 
regierung, im Philos. Journal, 1798. J. G. Fichtes Appellation an das Publikua» 
über die diirch ein Kurf . Sachs. Konsistorium beigemessenen atheistischen Ä\iße- 
rungen. Eine Schrift, die man zu lesen bittet, ehe man sie konfisziert, Jena, Lp», 
u. Tüb., 1. u. 2. A. 1799. Der Herausgeber des Philos. Journals gerichtliche Ver- 
antwortungsschriften gegen die Anklage des Atheismus. Hg. von J. G. Fichte. 
Gedruckt auf Kosten des Herausgebers, Jena 1799. Die Bestimmung des 
Menschen, Berlin 1800, 2. A. 1838, hg. v. Kehrbach in d. Univ.-Bibl. Lpt- 
Der geschlossene Handelsstaat; e. philos. Entwurf als Anhang zur 
Rechtslehre, Tüb. 1800 (auch in der Universeilbibl. u. i. d. Inselbücherei, Lp«. 
1917 N. 226). Frdr. Nicolais Leben u. sonderbare Meinimgen, Tübingen 1801 
(eine gegen die Aixfklärung gerichtete Satire von schonungsloser Schärfe). 
Soimenklarer Bericht an das Publikum üb. das eigentl. Wesen d. neuest. Philos., 
ein Versuch, den Leser zum Verständnis zu zwingen, Berl. 1801. Darstellung 
der Wissenschaftslehre, Tüb. 1801. Die Grundzüge des gegenwärt. 
Zeitalters. Vorles. geh. zu Berl. i. J. 1804—05, Berl. 1806. Die Anweisung 
zvim seligen Leben. Vorles. geh. zu Berl. 1806, Berl. 1806, 2. unveränd. A. 1828; 
hg. V. H. Scholz, Berl. 1912 (Deutsche Bibl.). Deduzierter Plan einer zu Berlin 
zu errichtenden höhern Lehranstalt (geschr. 1807), Stuttg. u. Tüb. 1817; hg. 
V. E. Spranger, Lpz. 1910, 2. A. 1919. Reden an die deutsche Nation, 
Berl. 1808, 2. A. Lpz. 1824, neu hrsg. von J. H. Fichte mit Einl., Tüb. 1859 «. 
1860; von demselb. auch in der Biblioth. d. deutsch. Nationallit., 1871; hg. 
von E. Kühn, Freibg. 1881 mit F.s Biogr., hg. v. Th. Vogt in H. Bayers BibL 
Päd. Klass. Bd. 20, Langensalza 1881, 2. A. 1896, hg. v. H. Leser (Deutsch© 
Taschenbibl.) Münch. u. Lpz. 1908, Berl. 1912 (Deutsche Bibl.), hg. v. Eucken, 
Lpz. Insel Verlag 1909 (revidiert nach den preuß. Zensurakten), femer auch in: 
Reclams Universalbibl. (o. J.), Meyers Volksbücher, Hendels Bibl. d. Ges.-Lite- 
ratiu", Histor.-polit. Bibl. Reden in Kernworten. (Auswahl aus d. Red. an d, 
d. Nat.) Lpz. 1921. Die W.-L. in ihrem allg. Umrisse, Berlin 1810. Ü. d. einzig 
mögl. Störung der akad. Freiheit, 1812 (Rektoratsrede v. 1811). hg. v. A. Rüge, 
Heidelbg. 1905. Üb. d. Begriff d. wahrhaften Krieges, Lpz. 1914 (originalgetr. 
Neudruck). Dass. hg. v. K. K. Loewenstein, Berl. 1915. Was e. Volk sei, 
Jena 1915 (Flugblätter N. 1, 8. Rede an d. deutsche Nation). V. ehrenvollen 
Frieden (hg. v. H. Schulz, Halle 1917. Machiavell. Nebst e. Briefe Carls v. 
Clausewitz an F. Krit. Ausg. v. Hans Schulz, Lpz. 1918. Inwiefern Machiavellis 
Politik auch noch auf unsere Zeiten Anwendung habe, Lpz. 1917 (Reclams 
Univ. Bibl.). Rechtslehre (1812) Nach d. Handschr. hg. v. Hans Schul«, 
Lpz. 1920. 

Viele der angeführten Schriften F.s jetzt in Einzelausgaben i. d. PhiL 
Bibl. s. u. 

F. u. Forberg, D. ph. Schriften z. Atheismusstreite. Mit Einl. v. F. Medicuß 
Lpz. 1910. Die Schriften zu F.s Atheismusstreit, hg. v. H. Lindau (Bibl. d. 
Philosophen, Bd. 4), Münch. 1912. Vorlesungen u. Reden, Zwickau 1818 (Etui- 
Bibl. d. deutsch. Klassiker Nr. 40). 

Die posthum erschienenen Werke s. u. 

Die Hauptausgabe ist: Joh. Gottl. Fichtes Sämtliche Werke 
herausg. von I. H. Fichte, 8 Bde., Berl. 1845—46, mit sehr brauchbaren Vor 
reden des Herausgebers, leider jedoch nicht mit chronologischer Anordnung 
der Werke F.s. (Erste Abteilung: Zur theoret. Philosophie, 2 Bde. ; zweite Ab 
teilung: A. Ziu- Rechts- und Sittenlehre, B. Zur Religionsphilosophie, 3 Bde. 
dritte Abtoikmg: Populärphilos. Schriften.) Es enthält Bd. I: Rez. d. Aenea. 
Begriff d. W.-L.; Gnmdl. d. ges. W.-L.; Grundr. d. ges. W.-L.; 1- u. 2. Einl 
i. d. W.-L.; Vers. p. n. Darst. d. W.-L. (1797). Bd. II: W.-L. v. 1801; Best 
d. Mensch.; Sonnenkl. Ber. ; Vgl. d. v. H. Schmid aufgest. Systems; Ann. d, 
ph. Tons; Rez. von Bardili, Antwschr. an Reinhold; Tats. d. Bew., W.-L. v 
1810. Bd. III: Naturrecht; Geschl. Handelsst. Bd. IV: Sittenl. ; Staatsl. 
Rede an s. Zuhörer v. 1813. Bd. V. Aphor. u. Relig.; Kritik aller Offenb. 
Atheismus Schriften ; Rückerinn. ; A. e. Pri vatschr, ; Anw. z. sei. Leben. Bd. VI 



§ 3. Fichte und Fichteaner. 16 

Zurückford. d. Denkfr., Beitr. z. franz. Revol. ; Wesen d. Gelehrten; Störung 
d. ak. Freih. Bd. VII: Grundz. d. geg. Zeitalt.; Reden a. d. dtsche. Nation; 
tmvcröff. Anh. dazu; Polit. Fragmente v. 1806—07; Polit. Entw. v. 1813; 
Exkurse z. Staats] . v. 1813. Bd. VIII: Nicolai; Deduz. Plan; Vermischte 
Aufsätze ; Rezensionen ; Poesien. 

Ebenso wichtig wie die Gesamtausgabe sind: J.G.Fichtes Nachgelassene 
Werke, hg. v. I. H. Fichte, 3 Bde., Bonn 1834-35. Es enthält Bd. I: Ein- 
leit\ingsvorles. in die W.-L. v. 1813; Ü. d. Verh. d. Logik z. Philos. oder tran- 
szendentale Logik (1812); D. Tatsachen des Bewußtseins (1813). Bd. II: 
W.-L. V. 1813 (S. 1- 86); W.-L. V. 1804 (S. 87-314); W.-L. v. 1812 (S. 31.5-492) 
System d. Rechtslehre v. 1812 (S. 493-652). Bd. III: Sittenlehre (1812); 
Aszetik (1798); Vorlesungen ü. d. Bestimmung des Gelehrten (1811); Predigt 
(1791); D. Patriotismus u. s. Gegenteil (1807); Ideen ü. d. inn. Organisation 
der Univers. Erlangen (1805—06); Tagebuch ü. d. animal. Magnetism. (1813); 
Term. Aufsätze u. Fragmente; Über Macchiavelli. 

J. G. Fichtes Werke. Auswahl in 6 Bänden. Hg. u. eingel. v. F. Medicvis, 
Lpz. 1908—12 (jetzt m der Philos. Bibl.). Es enthält: Bd. I: Einl.; Krit. 
all. Offenb.; Rez. d. Änesidemiis; *Begriff a. W.-L.; *Best. d. Gelehrten v. 
1794; *Grimdl. d. ges. W.-L.; *Gnmdr. des Eigentüml. d. W.-L. Bd. II: 
♦Naturrecht; *Sittenl. v. 1798. Bd. III: *1. u. 2. Einl. i. d. W.-L. u. Vers. 
«. neuen Darst. d. W.-L. (Neuer Abdruck 1921); *Grund ims. Glaubens; ♦For- 
bergs Abhandl. ; *Appellation; *RückeriiijQer. ; *Privatschr. ; *Best. d. Menschen; 
♦Geschl. Handelsst.; *Sonnenkl. Bericht; »Nicolai. Bd. IV: *W.-L. v. 1801; 
*W.-L. V. 1804; * Grundz. d. gegenw. Zeitalt. Bd. V: *Wes. d. Gelehrten; 
*Anw. z. sei. Leb. (2. Aufl. 1921); Bish. Schicksale d. W.-L.; Zu ..Jacobi an 
Fichte"; *Red. an die d. Nat.; W.-L. v. 1810; *Best. d. Gelehrten v. 1811. 
Bd. VI: *Sittenl. v. 1812; *Transzend. Log.; *Staatsl.; Index. (Die mit * be- 
»eichneten Schriften sind auch einzeln erschienen, die auf den Atheismusstreit 
bezüglichen vereinigt u. d. Titel: Fichte und Forberg, Die philos. Schriften 
aum Atheismiisstreit, mit Einl., hg. v. F. Medicus Lpz. 1910; Zur W.-L. von 
1804 vgl. die Varianten in Bd. VI, S. 627 ff.). 

Fichtes Briefwechsel ist zus. mit seiner ausführüchen Biographie voa 
B. Sohn herausg. worden: Joh. Gottl. Fichtes Leben und lit. Briefwechsel, 
Sulzbach 1830, 2. Aufl., Lpz. 1862. Aui3erdem achtundvierzig Briefe v. J. G. 
Fichte u. seinen Verwandten, herausg. v. Mor. Weinhold. Lpz. 1862 (von einiger 
Bedeuttmg für die Familienverhältnisse imd für seinen Charakter), S. A. aus d. 
Grenzboten; Schillers u. F.s Briefwechs., a. d. Nachl. Sch.s herausgeg. von I. H. 
Fichte, Lpz. 1847. F.s u. Schelhngs philos. Briefwechs., a. d. Nachl. beider 
herausg. v. I. H. Fichte u. K. Fr. A. Schelling, Stuttg. u. Augsb. 1856. Inter- 
essante Nachträge hat namentlich Karl Hase geliefert in dem Jenaischen 
Fichtebüchlein, Lpz. 1856. Vgl. Will. Smith, Memoir of Joh. G. Fichte, 2. ed., 
Lond. 1848, femer auch J. G. Fichte, Lichtstrahlen aus seinen Werken u- 
Briefen nebst einem Lebensabriß v. Ed. Fichte, Lpz. 1863. Hierin auch ein 
chrono! og. geordnetes Verzeichnis von Fichtes sämtl. Schriften (auch von 
ungedruckten), desgl. in: Fichtes Worte, hg. von Jul. Hilß, Minden 1910. 
Ungedruckte Briefe v. Kant u. Fichte, mitgeteilt v. Teichmüller, Z. f. Philos, 
1874. Aus den Papieren d. Älinisters . . . Th. v. Schön, Halle 1875 (in Anlage 
B 10 Briefe F.s). R. Richter, E. imgedruckter Fichtebrief, Kantst. 5, 1900. 
E. ungedr. F. -Brief femer in Kants Sämtl. Werken, hg. v. Rosenkranz ^i. 
Schubert, 11. Teil, 1. Abt., Lpz. 1842. Briefe v. J. G. Fichte, mitgeteilt v. A. 
Löckle, Südd. Monatsh., April 1910, S. 487—503. Georg Bülow, Fichteana 
(mit e. ungedr. Fichtebrief). In: Festgabe z. 60. Gebiu-tstag C. Baeumkers, 
Beitr. z. G. d. Ph. d. Mittelalt., Suppl.band, Münst. 1913. Hans Schulz, Aus 
F.s Leben. Briefe u. ^Mittlgn. z. e. künft. Sammig. v. F.s Briefwechsel, Berl. 1918. 
Briefwechsel F.s mit Feßler über Freimaurerei im Allg. Handbuch der Frei- 
maurerei, 2. A. Leipzig 1863 Bd. I (in der 3. Aufl., 1900, wurde der Briefwechsel 
fortgelassen). Einige Briefe F.s an Goethe im Goethe -Jahrbuch, Bd. XV. 

Dazu kommen bisher ungedruckte Stücke aus dem Nachlaß bei: Willy 
Kabitz, Studien z. Entwicklvmgsgesch. d. Fichteschen Wissenschaftslehre a. d. 
Kantischen Philosopliie, Berl. 1902 (E. Teil auch in den K.-St. 16, 1911). 
Fr. Dannenberg, Eine bisher unveröffentlichte Abh. F.s gegen das Unwesen der 



16 § -j. Pichte und Fichteaner. 

Kritik. A. d. Nachl. hg. K.-St. Ib, 1911. E. Brief Fichtes ü. s. Verb. z. Kantischieu 
Ph. Mitget. V. M. Grunwald, Kantst. II, 1898, S. lOOff. Zwei Marienhymnen 
r.8 bei B. Frank, Rezensionen ü. schöne Lit. v. Schelling u. Carohne. Sitzung« - 
ber. d. Heidelb. Akad. 1912. Amtl. Schriftstücke aus F.b Berliner Zeit bei 
M. Lenz, Gesch. d. Univ. Beriin, HaUe 1910, Bd. IV. J. G. Fichte, Über Gott 
u. UnsterbUchkeit. Aus e. Kollegnachschrift von 1795 mitgeteilt von Ernst 
Bergmann, Berl. 1914. (publiziert nach [Chr. Fr. Wilh. Penzenkuffer], Etwas 
von dem Herrn Professor Fichte u. für ihn. Herausgegeben /on e. wahrheits- 
hebenden Schulmeister, [Bayreuth], 1800, S. 141 — 187). Ideen üb. Gott u. 
Unsterblichk. 2 relig. ph. Vorlesgn. a. d. Zeit vor d. Atheismusstreit. Mit e. 
Einl. hg. V. Frdr. Büchsel, Lpz. 1914. Maximilian Kunze, Predigten von 
J. G. F. (1786—95). Herausgegeben und mit e. Einl.: Fichte der Prediger, 
versehen, Lpz. 1918. D. Patriotismus u. s. Gegenteil. Patriot. Dialoge. Nach 
d. Hdschr. hg. v. Hans Schulz, Lpz. 1918. Maxim. Kunze, Neue Fichte -Funde 
a. d. Heimat u. Schweiz nebst Einl., Gotha 1919. 

Der handschriftliche Nachlaß F.s befindat sich jetzt auf der Kgl. Bibl. in 
Berlin. Nachweis über weitere Manuskripte resp. Briefe, Kantst. XVII, S. 11 S, 
vgl. ferner Medicus' Fichte-Ausg. Bd. VI, S. 627 üb. Nachschriften d. W.-L. a. 

d. Jahren 1804, 1812 u. S. S. 1798 (noch unveröffentl. Fassung der W.-L.) auf 
der Univ. -Bibl. in Halle. 

Anthologien : J. G. Fichte, Lichtstrahlen aus s. Werken u. Briefen nebst 

e. Lebensabriß von E. Fichte. Mit Beiträgen v. I. H. Fichte, Lpz. 1863. J. G. 
Fichte, Bearb. v. Fr. Färber, Langensalza 1891 (Klassiker der Pädag. Bd. 12). 
F.s pädagogische Sclu-iften und Ideen mit biogr. Einl.. hg. v. H. Keferstein, 
Wien u. Lpz. 1893 (Pädag. Klass. Bd. 13). J. G. Fichte, E. EvangeUum der 
Freiheit, hg. ^^ Max Rieß, Jena 1905. Fichte, Mit Einl. u. Erläut., hg. v. Frhr. 
V. Reitzenstein, Berl. 1907. Fichtes Worte, hg. v. Jul. Hiß, Minden 1910 (mit 
Chronol. u. Bibliogr.). Tat u. Freiheit. E. Fichtebuch, ausgew. v. Emil Engel - 
hardt,. Bd. I, Hambg. (1919). 

Übersetzungen: Populär works, transl. by W. Smith, 2 vols., Lond. 
1848—49, 4. ed. 1889; auch Einzelausg. Die Wissetischaftsl. und die Rechtslehre 
sind auch von A. E. Kroger ins Englische übers. ( Science of knowledge, Philadelphia 
1868, Science of rights, ebd. 1869). Kleinere Schriften von Fichte sind englisch 
veröffentlicht in The Jovu'nal of Speculative Philosophy. — The vocation of 
ruan, Chicago 1906. — Italienisch: Dottrina della scienza, Bari 1910. Introd. 
alla vita beata, o dottrina della sei., vol. I. Lanciano 1912. Sulla missione del 
dotto. ebd. 1912. Nachweis weiterer engl. u. französ. Übers, bei Baldwin, 
Dictionary of Philosophy III, 1, S. 204. 

Fichtes Leben: Johann Gottlieb Fichte wurde am 19. Mai 1762 zu 
Rammonau in der Oborlausitz geboren und wuchs in dürftigen Verhältnissen 
auf. Sein Vater, ein Bandwirker, war ein Abkömmling eines in Sachsen zurück- 
gebliebenen schwedischen Wachtmeisters aus dem Heere Gustav Adolfs. De« 
talentvollen Knaben, der sich besonders an den Predigten des Pfarrers Wagner 
erbaute vmd bildete, nahm ein Freiherr von Miltitz sich an; dieser brachte ihn 
zunächst in sein eigenes Schloß zu Siebeneichen, dann zu dem Pfarrer Krebel 
in Niederau, bei dem der Knabe zwei Jahre blieb, bis er zunächst nach Meißen 
auf die Schule kam. Von 1774 — 80 besuchte Fichte die Fürstenschule zu Pforta 
und studierte dann in Jena, hierauf in Leipzig Theologie, wo er in äußerst 
bedrängten Verhältnissen durch Privatstunden seinen Unterhalt verdienen 
mußte, da die Nachkommen des Frhm. von Miltitz nach dessen Tode — F. war 
damals noch in Schulpforta — seinen Schützling völlig im Stich ließen. Fichtes 
eigene Arbeit wälirend des Uniyersitätsstudiums galt weniger dem Berufs- 
studium als der Allgcmpinbildung. Die theologische Dogmatik führte ihn zur 
Philosophie. Sehr stark beschäftigte ihn das Freiheitsproblem, er wurde damals 
Determinist. Von 1784 — 88 war er Hauslehrer in verschiedenen Orten Sachsens. 
1788 wurde ihm in einer Zeit, als er in höchster Verzweiflung unmittelbar 



§ 3. Fichte und Fichteaner. j^y 

vor dera Selbstmord stand, eine Hauslehrerstolle in Zürich angeboten, die er 
dann bis 1790 bekleidete. In Zürich verkehrt« er viel im Hause des Kaufmanns 
Rahn, eines Schwagers Klopstocks, und verlobte sich mit seiner Tochter 
Johanna, einer nicht gewöhnlichen Frau. Fichte nennt sie in einem Briefe an 
sie ,,eine Gefährtin, in welcher männliche Erhabenheit des Geistes mit weib- 
licher Zärtlichkeit sich vereinigte". Infolge der ungünstigen materiellen Ver- 
hältnisse erfolgte die Eheschließung erst 1793. 1790 kehrte er nach Leipzig 
zurück, wo er wiederum gezwungen war. Privatstunden zu geben; er wurde 
durch sie veranlaßt, sich mit Kant zu beschäftigen, da ein Student Unterricht 
in der kaiitischen Philosophie bei ihm nehmen wollte. Das Studivun Kants 
ergriff ihn so sehr, daß er an seinen Bruder am 5. Sept. 1790 schrieb: ,,Ich 
fand darin (in der kantischen Philosophie) eine Beschäftigung, die Kopf imd 
Herz füllte; mein ungestümer Ausbreit iingsgeist schwieg; das waren die glück- 
lichsten Tage, die ich je verlebt habe. Von einem Tag zum andern verlegen 
um Brot, war ich dennoch damals vielleicht einer der glücklichsten Menschen 
auf dem weiten Rund der Erde." 1791 kam er nach Königsberg, wo er anstatt 
jeder andern Empfehlung das Manuskript seines ersten, rasch (vom 13. Juli 
bis 18. August) niedergeschriebenen Werkes: ,, Versuch einer Kritik aller 
Offenbarung" Kant vorlegte und dadurch dessen Wohlwollen gewann. Diese 
in kantischem Geiste geschriebene Schrift wurde vom Verleger (den Fichte 
Kants Vermittel vmg verdankte), wie es scheint, absichtlich, ohne daß Fichte 
um dieses Verfahren wußte, mit Weglassvmg des Namens des Verfassers und 
der Vorrede, worin dieser sich als ,, Anfänger" bezeichnet, veröffentlicht und 
von dem Rezensenten in der Jenaer AUg. Lit.-Ztg. wie überhaupt fast allgemein 
von dem philosophischen Publikum als ein Werk Kants angesehen. Fichte 
wurde über Nacht ein berühmter Mann, als Kant alsbald in öffentlicher Erklä- 
rung mit anerkennenden Worten die Ehre der Autorschaft Fichte zuwies (1792). 
Nach Reinholds Abgang von Jena nach Kiel ward Fichte 1794 (in welches 
Jahr auch die ersten Darstellungen der Wissenschaftslehre fallen) dessen Nach- 
folger in der Jenenser Professur, die er bis zu dem sogenannten Atheismus- 
streit 1799 bekleidete. Dieser hatte seinen Anlaß darin, daß Fichte in einem 
Aufsatz: ,,Über den Grund unsers Glaubens an eine göttliche Weltregierting", 
den er einer Abhandlung Forbergs: ,,Entwickl. des Begriffs der Religion" 
emleitend vorausschickte (im Philos. Journal, Jena 1798, Heft 1, eine Inhalts- 
angabe der Abhdl. Forbergs s. u.), die Begriffe Gott und moralische 
Weltordnung miteinander identifizierte, was ein anonymer Pamphletist 
in einer Schrift: ,, Schreiben eines Vaters an seinen Sohn üb. d. Fichtesch. u. 
Forbergsch. Atheismus" denunziatorisch rügte. Die kursächsische Regiervmg 
konfiszierte jene Aufsätze, verbot das Journal und verlangte von der Weimarer 
Regierung die Bestrafung Fichtes und Forbergs mit der Drohung, andernfalls 
ihren Untertanen den Besuch der Universität Jena verbieten zu woUe.a. Die 
Regierung zu Weimar wich vor dieser Drohung insoweit zurück, daß sie be- 
schloß, den Herausgebern des Journals wenigstens formell einen Verweis 
wegen Unbedachtsamkeit durch den akademischen Senat erteilen zu lassen. 
Fichte, der von der Absicht eines Verweises erfuhr, von seinem wahren Charakter 
aber wohl nicht hinreichend unterrichtet war, erklärte in einem (privaten, 
aber auch zu öffentüchem Gebrauch verstatteten) Briefe vom. 22. März 1799 
an ein Mitglied der Regierung, Geheimrat Voigt, daß «r im Fall einer ihm durch 
den akademischen Senat zu erteilenden ,, derben Weisung ' seinen Abschied 

ITeberweg, Grandriß IV. n 



18 § 3. Fichte und Fichteaner. 

nehmen werde, und fügte die Drohung bei, es würden in diesem Fall auch andere 
Professoren mit ihm die Universität verlassen. Diese Drohvmg, welche nach 
Fichtes Absicht die Regierung einschüchtern und von einem öffentlichen 
Verweise zurückschrecken sollte, wagte Fichte auf Grund von Äußerungen von 
Kollegen, besonders von Paulus, der gesagt zu haben scheint, Fichte dürfe 
darauf hinweisen, auch er (Paulus) und andere würden im Fall einer Be- 
schränkung der Lehrfreiheit nicht in Jena bleiben. Dies hatten Paulus 
und andere wohl von einem solchen Verfahren gegen Fichte, wodurch mittel- 
bar auch ihre eigene Lelirfreiheit beschränkt, das Verharren in Jena ihnen 
verleidet, und ein Ruf nach auswärts, etwa nach Mainz, wo sich eine Aussicht 
zu bieten schien, annehmbar werden könnte, verstanden. Ficht© hatte es aber 
von vornherein in einem volleren Sinne aufgefaßt und als ein Versprechen, 
jedenfalls zugleich mit ihm selbst sofort die Universität zu verlassen, gedeutet. 
Fichtes Schreiben erregte in Weimar heftiges Mißfallen. Die ihm bis dahin gün- 
stige Stimmvmg schlug ins Gegenteil um. Er erhielt einen scharfen Verweis und 
obendrein die Entlassvmg, indem seine Ankündigung, eventuell den Abschied 
nehmen zu wollen, die bloß wegen ihres trotzigen Tones hätte gerügt werden 
dürfen, \ingerechtfertigterweise sofort als ein bereits eingereichtes Abschieds- 
gesuch behandelt wurde. Goethe, der seinerzeit selbst für die Berufung Fichtes 
gewirkt hatte, trat entschieden dafür ein, daß sich die Regierung nicht durch 
die Art Fichtes drohen lassen dürfe, xmd als der große Verlust erwähnt wurde, 
den die Universität durch den Weggang des berühmten Mannes erleide, soll 
er gesagt haben: ,,Ein Stern geht unter, ein anderer geht auf." Vergeblich 
erklärte Fichte nachträglich, daß der von ihm angenommene Fall eines ent- 
ehrenden vind die Lehrfreiheit beschränkenden Verweises nicht vor- 
liege. Eine Petition der Studenten zu seinen Gtmsten wai' wohlgi meint, konnte 
aber nur erfolglos sein. Fichte ging, die anderen Professoren blieben. Die ganze 
Angelegenheit, einschließlich der damals noch bedeutimesvoUen Frage, ob 
Fichte atheistische Ansichten vertreten hätte, hatte außerordentUches Auf- 
sehen erregt, und es erschienen eine Menge Schriften für und wider ihn, von 
denen einige im Literaturanhang aufgezählt sind. — Die Akten über den Fall 
sind damals von der Weimarischen Regierung veröffentlicht worden (s. Lit.- 
Anhang). Sie finden sich auch in Fichtes Leben u. literar. Briefwechsel, II, 
die betreffenden Verteidigungsschriften Fichtes selbst, nämlich die Appellation 
an das Publikum gegen die Anklage des Atheismus imd die Gerichtliche Ver- 
antwortimg gegen die Anklage des Atheismus, im 5. Bd. von Fichtes SämtHchen 
Werken, S. 193—333, s. auch oben S. 14 u. IG. 

Fichte wandte sich, als er Jena verlassen, nach BerUn. wo ihm — die 
PoUzei war sogleich bedenklich geworden — ein im Geiste Friedrieh des Großen 
gesprochenes Wort des Königs, welches Religionsansichten und bürgerliche 
Stellung gebührend sonderte, Duldung sicherte. Er verkehrte mit Friedrich 
Schlegel, Dorothea Veit, Schleiermacher, Tieck und anderen bedeutenden 
Männern und hielt bald auch öffentliche Vorträge vor einem zahlreichen Kreis 
Gebildeter. Im Jahr 1805 wurde ihm eine Professur an der (damals preußischen) 
Universität Erlangen erteilt (mit der Erlaubnis, den Winter stets in Berlin 
zuzubringen); er hat daselbst aber nur während des Sommersemesters 180.5 
gelesen. Im Sommer 1806 ging Fichte infolge des Vorrückens der Franzosen 
nach Königsberg, wo er kiirze Zeit Vorlesungen hielt, auch bereits an den Reden 
an die deutsche Nation arbeitete, die er im Winter 1807 — 08 unter hoher per- 



§ 3. Fichte und Fichteaner. 1 9 

sönlicher Gefeüir in dem von französischen Truppen besetzten BerUn im Aka- 
demiegebäude hielt. Seit der Gründung der Berliner Universität ord. Professor 
an derselben, übte er unter unausgesetzter Arbeit an seinem System eine 
eifrige Lehrtätigkeit. Er war der erste gewählte Rektor, legte jedoch sein Amt 
vorzeitig nieder, weil er im Kampf gegen studentische Mißstände und Duell- 
unweeen vom akademischen Senat im Stich gelassen wurde. (Dazu vgl. jetzt 
bee. M. Lenz, Gesch. d. Univ. Berhn, Halle 1910, Bd. I; in Bd. IV die Akten, 
die die Haltung der Regierung — Schuckmann — als von mustergültiger Ob- 
jektivität erweisen.) Fichte starb am 29. (nicht 27.!) Januar 1814, einem 
Larazettfieber erliegend, welches durch seine Frau, die sich der Krankenpflege 
in den Lazaretten widmete und selbst von der Ansteckiong wieder genas, auf 
ihn übertragen worden war. 

Fichte war eine sehr selbständige, eigenmächtige, nicht selten schroffe, 
zu heroischer Haltung neigende, zugleich religiös gefühlserregbare Persönlich- 
keit, hingegeben an seine spekulative Gedankenarbeit und dann doch wieder 
voll starker Tatkraft und Begeisterung für die Verwirklichiing seiner Ideen, 
rücksichtslos seine Ansichten, auch wenn er sie nicht beweisen konnte, aufrecht 
haltend und konsequent dvirchführend. Bei praktischen Fragen hat er die realen 
Möglichkeiten oft außer Augen gelassen, so z. B. bei seinen Ideen über die 
Umgestaltung der Universitäten. Die Schroffheit seines überall zu grund- 
Btürzenden Reformen drängenden Wesens hat von früh auf in allen seinen 
Stellungen zu Konflikten geführt. Sein ihm befrevmdeter Arzt Ilufeland sagt 
sehr richtig von ihm: ,,Sein Grundcharakter war die Überkraft." Fichte selbst 
sagt von sich: ,,Ich habe nur eine Leidenschaft, nur ein Bedürfnis, nur ein 
volles Gefühl meiner selbst, das: außer mir zu wirken. Je mehr ich handle, 
desto glücklicher scheine ich mir." Gegen sich selbst kannte er keine Schonung, 
wie er durch seine in gefahrvollster Zeit gehaltenen Reden an die deutsche 
Nation bewiesen hat. Auch seiner Gattin, die im Gedanken an ihre PfUcht 
der Sorge für Mann und Kind schwankte, ob sie sich an der Pflege der verwun- 
deten und kranken Krieger beteiligen soUte, gab er zur Antwort: ,,Wie kannst 
du zweifeln!" 

DieMacht seiner Rede war eine bedeutende, und er hat sie selbst hoch an- 
geschlagen. 1813 eachte er daran, das Heer als Redner zu begleiten. Und 
das Zeugnis der Umwelt sagt das gleiche. Es ist berichtet, wie der Staatsrat 
Beyme noch in späteren Jahren aus der Fülle lebendiger Erinnerungen heraus 
von denx Eindruck der Vorlesungen Fichtes zu erzählen pflegte, wie er damals 
die frische Kraft des Morgens dazu verwandt habe, sich den Gedankengang 
Fichtes zu vergegenwärtigen. Wie der Tiefsinn des Denkers und seine sittlich 
heroische Persönlichkeit den Hörer unwiderstehlich mit sich fortgerissen habe. 

Über Fichtes Vorlesungen in Jena schreibt Steffens: ,, Dieser kurze, 
stämmige Mann mit seinen schneidenden, gebietenden Zügen imponierte nur, 
ich kann es nicht leugnen, als ich ihn das erstemal sah. Seine Sprache selbst hatte 
eine schneidende Schärfe ... Er gab sich alle mögliche Mühe, das, was er sagte, 
zu beweisen; aber dennoch schien seine Rede gebietend zu sein; als wollte er 
durch einen Befehl, dem man unbedingten Gehorsam leisten müsse, einen 
jeden Zweifel entfernen." (Steffens, Lebenserimi. IV, S. 79.) 

Von dem Beruf eines Gelehrten, also von seinem eigenen, spricht er in er- 
habener Weise (Ges. Werke VI, 333 f.): ..Auch mir an meinem Teile ist die 
Kixltur zoeinee Zeitalters und der folgenden Zeitalter anvertraut . . . Ich bi: 

2* 



20 § 3. Fichte und Fichteaner. 

dazu berufen, der Wahrheit Zeugnis zu geben ; an meinem Leben und an meinen 
Schicksalen liegt nichts; an den Wirkungen meines Lebens liegt unendlich viel. 
Ich bin ein Priester der Wahrheit; ich bin in ilirem Solde, ich habe mich ver- 
bindlich gemacht, alles für sie zu t\in imd zu wagen und zu leiden. Wenn ich 
um ihrer willen verfolgt und gehaßt werden, wenn ich in ihrem Dienste ver- 
sterben sollte — was tat ich dann Sonderliches, was tat ich dann weiter als da.s, 
was ich schlechthin tun müßte?" 

Daß der Charakter Fichtes freilich nicht allen in reinstem Lichte erschien, 
zeigen Äußerungen von Schelling, Schleiermacher, Hegel; von dem letzten 
z. B. ein Brief an Schelling vom 3. Januar 1807. Die schweren Mängel seines 
Charakters sind jetzt durch eine Untersuchung von G. Kafka (Erlebnis u. 
Theorie in F.s Lehre vom Verh. d. Geschlechter, Z. f. angew. Ps. 16, 1919) 
einwandfrei klargestellt worden. Es kann danach keinem Zweifel mehr unter- 
liegen, daß er uneingaschränkte, sittliche Bewunderung nicht verdient, sondern 
daß ihm der Vorwurf eitler Selbstberauschung in großtönenden Worten und 
der Verschönerung engherziger egoistischer Gesinnung mit idealistischen 
Redensarten nicht erspart bleiben kann. Auch war er von auffallender Gefühls- 
kälte. Aus Anlaß einer lebensgefährlichen Erlcrankung seiner Frau, die er 
während der Besetzung Berlins diu*ch die Franzosen dort mit ihrem Sohn allein 
ztirückgelassen hatte, macht er üir einen morahschen Vorw^urf daraus, daß die 
ihr übertragene Verantwortung sie vor der Erkrankung nicht bewahrt habe. 
Audi varen die Beziehvmgen zu seiner Braut mindestens anfänglich von 
Eitelkeit und Berechnung bestimmt gewesen. 

Fichtes Philosophie nach seinen Hauptschriften: Die Ent- 
wicklungsgeschichte von Fichtes Philosophie ist noch nicht zureichend aufge- 
klärt, es bedarf dazu noch einer vollständigen, bisher noch nicht geleisteten 
Heranziehung alles erreichbaren Quellenmaterials. Fichte selbst sieht als den 
entscheidendsten Augenblick seines Lebens das Bekanntwerden mit Kants 
Philosopliie an, und zwar mit Kants Moralphilosophie. ,,Ich habe", schreibt 
er von ihrem Studiiim aus, ,,eine andre Moral angenommen und, anstatt mich 
mit Dingen außer mir zu beschäftigen, mich mehr mit mir selbst beschäftigt." 
Die Tradition, daß Fichte überhaupt erst Ende der Zwanziger zur Philosophie 
gelangt sei, ist jedoch imhaltbar. Vor seiner Bekanntschaft mit dem kantischen 
System hatte Fichte (s. o.) einem Determinismus gehuldigt, dessen Quelle 
man früher in Spinoza suchte; neuerdings hat Nohl das Buch eines Leipziger 
Juristen C. F. Hommel: Alexander von Joch, Über Belohnung und Strafe 
nach türk. Gesetzen, Bayreuth u. Leipzig 1770, 2. A. 1772 als dieselbe nachzu- 
weisen gesucht. Durch Kant wurde Fichte der Freiheitslehre zugeführt. Kante 
Lehre, daß die Kategorie der Kausalität nur auf Erscheinungen Anwendung 
finde, S(;hien ihm die Möglichkeit einer Unabhängigkeit des Willensaktes vom 
Kausalnexus zu verbürgen. Auf die Wahl zwischen deterministischem Dog- 
matismus und der Freiheitslehre des kantischen Kiitizismus bezieht sich sein 
Wort (Erste Einl. in die Wissenschaftslehre, 1797, Werke I, S. 434): „Was 
für eine Philosophie man wähle, hängt davon ab, was man für ein Mensch ist." 

Die Kritik aller Offenbarung war in kantischem Geiste und Stil 
verfaßt. Sie kommt zu dem Ergebn s, daß die Möglichkeit einer Offenbarung 
nicht a\i8schließbar, ebensowenig aber der Beweis für ihre Realität möglich 
ist. Der Glaube an sie läßt sich von niemand fordern. Die Schrift steht 
'.•öllig auf dem Boden der kantischen Auflösung der Religion in Moralität. 



§ 3. Fichte und Fichteaner. 21 

Auch in der ferneren Zeit glaubte Fichte nichts als die richtig verstandene 
kantische Lehre zu lehren. Doch zeigt sich seine Selbständigkeit schon darin, 
daß er nicht auf Kant eingehenderen Bezug nimmt, sondern frei alles von neuem 
darstellt, auch seine Terminologie weicht, genau besehen, von der Kants selir 
erhebüch ab. Der Punkt, in dem man Kant nach Fichtes Meinung am meisten 
mißverstand, war das Ding an sich. Die Kritik der Zeit (s. Bd. III) hatte 
die inneren Widersprüche dieses Begriffs innerhalb des kantischen Systems 
aufgedeckt. Fichte tat den Schritt, ihn fallen zu lassen imd das System des 
Kritizismus daohne aufzubauen. ,, Hätte Kant wirklich", sagt er, ,,die Empfindung 
durch ein transzendentes Ding an sich erklären wollen, so werde er die Kritik 
der reinen Vernunft eher für das Werk des sonderbarsten Zufalls als für das 
eines Kopfes halten." 

Schon in der 1792 verfaßten, in der Jenaer Allg. Literaturzeitung er- 
schienenen ,, Rezension des Anesidemus" (der Sclirift von Gottlob Ernst Schulze 
über die Fundamente der von Reinhold gelieferten ,,Elementarphilos., nebst 
einer Verteidigung des Skeptizism. geg. die Anmaßimgen der Vemunftkritik") 
sah Fichte den wesentlichen Inhalt der ki'itischen Doktrin in dem Nachweis, 
daß der Gedanke von einem Dinge, das an sich unabhängig von irgendeinem 
Vorstellvmgsvermögen Existenz und gewisse Beschaffenheiten haben soUe, 
eine Grille, ein Traum, ein Nichtgedanke sei. Diesen Gedanken habe noch nie 
ein Mensch gedacht vmd könne auch keiner denken. Man denke allemal sich 
selbst als Intelligenz, die das Ding zu erkennen strebe, mit hinzu. Die Unter- 
scheidung Kants zwischen den Dingen, wie sie uns erscheinen, und den Dingen, 
wie sie an sich sind, solle ,, gewiß nur vorläufig und für ihren Mann gelten". 
Wie sehr sich Fichte über seine Übereinstimmung mit Kant tävischte, 
erfuhr er, als Kant 1799 eine Erklärung erließ (im Intelligenzblatt Nr. 109 zur 
Allg. Literatur -Ztg. 1799, s. Kants Gesamm. Schriften, Akad.-Ausg., Brief- 
wechsel, Bd. 3, S. 396 f.), er halte Fichtes AVissenschaftslehre für ein gänzhch 
tmhaltbares System und protestiere gegen jede Hineindeutung Fichtescher 
Sätze in seine eigene Vernunftkritik, die nach ihrem Buchstaben und nicht 
nach einem vermeintlich dem Buchstaben widerstreitenden Geist verstanden 
sein wolle. In gleicher Art hatte Kant sich schon 1798 in Briefen an Tieftrunk 
tmd Kiesewetter über die „Wissenschaftslehre" ausgesprochen. Die Konstruk- 
tion aus dem bloßen Selbstbewußtsein ohne gegebenen Stoff machte auf ihn 
einen gespenstigen Eindruck; er fand in Fichtes Werk ntir ein ,, ephemerisch es 
Erzeugnis". (Über sein Verhältnis zur Kantischen Philosophie spricht sich 
Fichte in einem Briefe aus dem Jahre 1804 aus, Kant-St. II, 1897, S. lOOff.) 
— Fichte nannte daratifhin (in einem Briefe an Reinhold) Kant einen „Drei- 
viertelskopf"; er hielt an der Überzeugung fest, daß es kein von dem denkenden 
Subjekt unabhängiges Ding an sich, kein Nicht-Ich, das keinem Ich entgegen- 
gesetzt wäre, gebe, xind ebenso auch an der Überzeugung, daß nur diese Lehre 
dem Geiste des Kritizismus entspreche und der ..heilige Geist in Kant" wahrer 
als Kants individuelle Persönlichkeit gedacht habe. Übrigens spricht Fichte 
bereits in eben jener Rezension den Satz aus, daß das Ding wirklich und an sich 
so beschaffen sei, wde es von jedem denkbaren intelligenten Ich gedacht werden 
müsse, daß mithin die logische Wahrheit für jede der endlichen Intelligenz 
denkbare Intelligenz zugleich real sei. — Dieser Satz ist später, jedoch ohne 
die Einschränkung: ,,für jede der endlichen Intelligenz denkbare Intelligenz", 
das Fundament der ScheUingschen und Hegeischen Doktrin geworden. 



22 § 3. Ficht« tind Fichteaner. 

Von entscheidendem Einfluß auf die ganze weitere Entwicklung der Philo- 
sophie war die Grundl. d. ges. Wissenschaftslehre v. 1794. Es gibt nach 
Fichte zwei mögliche philosophische Standpunkte: den Dogmatismus und 
den Idealismus. Nach dem ersten sind die Erfahrungen als vom Gefühl der 
Notwendigkeit begleitete Vorstellungen, Produkte eines transzendenten Dinges 
an sich, nach dem Idealismus gibt es kein solches, jene Vorstelliuigen sind nach 
ihm ebenso Produkte der Intelligenz wie etwa die vom Gefühl der Freiheit 
begleiteten Phantasievorstellungen. Keine der beiden Systeme kann nach 
Fichte das andre widerlegen, sie streiten über das nicht weiter ableitbare letzt© 
Prinzip. Eine Entscheidung zwischen ihnen ist nur durch Willkür möglich, 
diirch die Verschiedenheit der individuellen Neigung. Fichte selbst stellt sich 
auf die Seite des Idealismus. Die gesamten Erfahn.xngen sind auch ihm niu* 
notwendige Vorstellungen, hinter denen nichts Transzendentes steht, und die 
Aufgabe der WLssenschaftslehre ist, das System jener notwendigen Vorstellungs- 
weisen zu entwickeln. Er erkennt (i. d. genannten Rezens.) mit Reinhold und 
Schulze an, daß die gesamte philosophische Doktrin aus einem Grundsatz 
abgeleitet werden müsse, glaubt aber nicht, daß zu diesem Behuf Reinhokis 
,,Satz des Bewußtseins" (welcher lautet: ,,Im Bewußtsein wird die Vorstellung 
durch das Subjekt vom Subjekt und Objekt unterschieden und auf beide 
bezogen") zureiche. Denn dieser Satz könne nur die theoretische Philosophie 
begründen, für die gesamte Philosophie aber müsse es noch einen höheren 
Begriff als den der Vorstellung und einen höheren Grundsatz als jenen geben. 
Fichtes Methode ist nun die: \uxter Beiseitelassvmg aller Erfahrung von 
einem bestimmten Ginindsatze auszugehen vind zu zeigen, welche Bedingungea 
er voraussetzt, was diese wiederum an Bedingvihgen voraussetzen usw. Das 
letzte Resultat muß die gesamte Erfahrung sein. Ihre Deduktion, die durchaus 
apriorischer Natur ist, erfolgt in der ,, Grundlage der gesamten Wissens chafts- 
lehre", welche als erster umfassender derartiger Versuch großen Einfluß auf die 
Entwickliuig der weiteren Philosophie ausübte. Die Form der Deduktion ist 
die seitdem in der Spekulation des Idealismus, vor allem bei Hegel weitver- 
breitete des Dreitakts von Thesis, Antithesis, Synthesis. Ihr Wesen 
besteht darin, daß in dem Satze, von dem ausgegangen wird, ein innerer Wider- 
spinich nachgewiesen wird (Antithesis); in einem dritten Satz (Synthesis) wird 
derselbe dann zur Aufhebung gebracht. Dieser Ruhepunkt ist aber nur ein 
einstweiliger; denn alsbald dient der Synthesissatz als neuer Ausgangspunkt, 
als neue Thesis, in der wiederum ein Widerspruch nachgewiesen wird (Anti- 
thesis), der wiedertim in einer Synthesis zum Verschwinden gebracht wird, 
worauf der Prozeß von neuem beginnt. 

Der absolut imbedingte Grundsatz, der zunächst gefunden werden muß, 
soll ..diejenige Tathandlung ausdrücken, die unter den empirischen Bestim- 
mungen unseres Bewußtseins nicht vorkommt, noch vorkommen kann, sondern 
vielmehr allem Bewußtsein z\mi Grunde liegt und allein es mögUch macht". 
Fichte findet ihn im Anschluß an Kants Lehre von der transzendentalen Ein- 
heit der Apperzeption in dem Ichbewußtsein, worunter jedoch nicht das 
individuelle Ich zu verstehen ist. In der Durchführung verwischt sich freilich 
für Fichte der Unterschied zwischen göttlichem, allgemeinem, absolutem und 
menschlichem, individuellem, endlichem Ich, während eigentlich nur dtks ab- 
solut© Ich die Welt aus sich und in sich durch produktive Einbildungskraft bildet, 
das individuelle Ich dagegen eine Welt außer sich hat und durch diese in seinem 



§ 3. Fichte und Fichteaner. 23 

Denken vmd Handeln mitbestimmt ist. Das absolute Ich ist nach Fichte nicht 
ein für sich bestehendes Etwas, sondern es erschöpft sich im Tun (Aktuahstische 
Auffassung des Ich!). „Denkt man es auch nur als Tätiges, so hat man schon 
einen empirischen und also abgeleiteten Begriff desselben." (Üb. d. Entstehung 
V. Fichtes Grundgedanken der Tathandlung vgl. H. Steffens, Lebenserinnerungen 
Auswahl, Jena 1908, S. 154f. Ges. Ausg. Bd. IV, Bresl. 1841 S. 161f.) Der 
Grundgedanke seiner Philosophie, der der Tathandlung des Ich. hat Fichte 
nach eigner Erzählving plötzlich überrascht vmd ergriffen. 

Fichte geht in seiner Deduktionskette aus von dem Satz A ist A, weil 
von irgend etwas ja ausgegangen werden muß und diesen Satz jeder zugibt. 
Erster Grundsatz (Thesis): Durch die Behaupttuig, daß der Satz A = A 
an sich gewiß sei, wird nicht gesetzt, daß A sei, sondern man setzt nur: Wenn 
A ist, so ist A. Ob A i>t, danach ist gar nicht die Frage. Nur der notwendige 
Zusammenhang zwischen dem „Wenn" und dem ,,So" wird schlechthin und 
ohne allen weiteren Grund gesetzt. Dieser Zusammenhang = X ist im Ich und 
durch das Ich gesetzt. Insofern nun dieser Zusammenhang gesetzt wird, ist A 
in dem Ich und durch das Ich gesetzt sowie X. X ist nur in bezug auf ein A 
möglich, X ist aber im Ich wirklich gesetzt, folglich muß auch A im X wirklich 
gesetzt sein, insofern X darauf bezogen wird. Das schlechthin gesetzte X läßt 
sich auedrücken: Ich = Ich, Ich bin Ich. Dieser Satz hat eine ganz andere 
Bedeutung als A = A, durch den gar nicht ausgemacht ist, ob A existiert. Der 
Satz: Ich bin Ich, gilt aber nicht nur der Form, sondern seinem Gehalte nach. 
In ihm ist daß Ich nicht unter Bedingung, sondern schlechthin gesetzt. Deshalb 
läßt sich der Satz auch ausdrücken: Ich bin. So ist es Erklärungsgrund aller 
Tatsachen des empirischen Be'woißtseins, daß vor allem Setzen im Ich das Ich 
selbst gesetzt sei. Das Ich ist zugleich das Handelnde als xirteüendes und das 
Pi'odukt der Handlvmg. Das Ich ist Ausdruck einer Tathandlung, der unmittel- 
bare Ausdruck dieser Tathandlimg ist: Ich bin schlechthin, d. i. Ich bin 
schlechthin, weil Ich bin, und bin schlechthin, was Ich bin, 
beides für das Ich. — So ist zwar von dem Satze A = A, weil von irgend- 
einem im empirischen Bewußtsein gegebenen Gew^issen der Anfang genommen 
werden muß, ausgegangen, aber der Satz: Ich bin, läßt sich nicht aus ihm er- 
weisMi, vielmehr umgekehrt begründet: Ich bin, den Satz A = A- Sobald 
nämlich vom bestimmten Gehalt, dem Ich, abstrahiert wird, und die bloße 
Form, die Folgerung von dem Gesetztsein auf das Sein, übriggelassen wird, 
so erhält man als Grundsatz der Logik A = A. Abstrahiert man femer von 
allem Urteilen als bestinrnntem Handeln und sieht dabei bloß auf die Handlungs- 
art des menschlichen Greistes überhaupt, so hat man die Kategorie der Rea- 
lität. Alles, worauf der Satz A = A anwendbar ist, hat, inwiefern derselbe 
darauf anwendbar ist, Realität. 

Zweiter Grundsatz ( Antithesis) : Tatsache des empirischen Bewußt- 
seins ist: Non-A nicht = A. Es kommt demnach vmter den Handlungen des 
Ich ein Entgegensetzen vor. Nun ist aber ursprünglich nichts gesetzt als das 
Ich, also kann nur dem Ich schlechthin entgegengesetzt werden, vmd dies 
dem Ich Entgegengesetzte ist = Nicht-Ich. Dem Ich setzt sich entgegen 
ein Nicht-Ich. Von allem, was dem Ich zukommt, muß kraft der bloßen 
Gregensetzung dem Nicht-Ich das Gegenteil zxikommen. Aus diesem Satze: 
dem Ich ist entgegengesetzt das Nicht-Ich. entsteht durch Abstraktion von 
dem Gehalte der logische Satz: Non-A nicht = A. Und abstrahiert man von 



24 § 3. Fichte und Fichteaner. 

der bestimmten Handlung des Urteilens ganz und sieht bloß auf die Form der 
Folgening vom Entgegengesetztsein auf das Nichtsein, so hat man die Kate- 
gorie der Negation. 

Dritter Grundsatz (Synthesis): Da das Nicht-Ich audh im Ich ist, 
so sind sich Ich und Nicht-Ich im Ich entgegengesetzt: daraus folgt, daß sie sich 
gegenseitig einschränken. Einschränken heißt aber die Realität von etwas durch 
Negation ztim Teil aufheben, also wird das Ich sowie das Nicht-Ich als teilbar 
gesetzt. So ergibt sich der dritte Grundsatz, der die Vereinigung von Ich und 
Nicht-Ich darstellt: Ich setze im Ich dem teilbaren Ich ein teil- 
bares Nicht-Ich entgegen. Hierin hegen die drei Sätze: 

a) das Ich setzt sich als beschränkt oder bestimmt dvirch das Nicht-Ich, 
die Grundlage der theoretischen Wissenschaftslehre; 

b) das Ich setzt das Nicht-Ich als bestimmt durch das Ich, die Grundlage 
der praktischen Wissenschaftslehre. 

Der entsprechende logische Satz ist der Satz des Grundes: A ist zum Teil 
= Non-A, und umgekehrt; jedes Entgegengesetzte ist seinem Entgegen- 
gesetzten in einem Merkmale = X gleich, imd jedes Gleiche ist seinem Gleichen 
in einem Merkmale = X entgegengesetzt; ein solches Merkmal X heißt der 
Gnind, im ersten Falle der Beziehungs-, im zweiten der Unterscheidungsgrund. 
Aus diesem dritten Satze ergibt sich die Kategorie der Limitation, 

Es ist in diesem dritten Grundsatz eine Synthesis (die ..Gi-undsynthesi*.") 
zwischen dem entgegengesetzten Ich vmd Nicht-Ich vorgenommen, nach deren 
Möglichkeit sich nicht weiter fragen läßt. Man ist zu ihr ohne allen weiteren 
Grund befugt. Es ist hiermit die kantische Frage: Wie sind synthetische 
Urteile a priori möglich ? auf die allgemeinste und befriedigendste Art beant- 
wortet. Mit dem Bisherigen ist die Summe des Unbedingten in der Wissen- 
schaftslehre erschöpft. Alle übrigen Synthesen, welchegüitig sein wollen, müssen 
in dieser ersten liegen; sie müssen zugleich in und mit ihr vorgenommen worden 
sein. Alles, was von nun an im Systeme des menschlichen Geistes vorkommen 
soll, muß sich aus dem Aufgestellten ableiten lassen. Es kommt darauf an, in 
dieser Synthesis eine Antithesis zu finden, die in einer neuen Synthesis aufge- 
hoben wird, mit dieser neuen Synthesis dasselbe zu tun, und so fort, bis man 
zu Gegensätzen kommt, die sich nicht weiter vollkommen verbinden lassen. 
Hier fängt dann das Gebiet des praktischen Teiles an. — Indem Fichte aus 
jenen drei Sätzen das gesanate theoretische Bewußtsein nach Inhalt und Form 
und zugleich die Normen des sittlichen Handelns deduziert, glaubt er hierdvirdi 
zu Kants Kritik das System der reinen Vernunft hinzuzufügen. 

Das Wesentliche der von ihm auch kritische Philosophie genannten 
Wissenschaftslehre besteht nach Fichte darin, daß ein absolutes Ich, als 
schlechthin unbedingt und dvu-ch nichts Höheres bestimmbar, aufgestellt wird. 
Dogmatisch dagegen ist alle Philosophie, die dem Ich an sich etwas gleich- 
und entgegensetzt. Dies geschieht in dem höher sein sollenden Begriff des 
Dinges, der vöUig willkürhch als der schlechthin höchste aufgestellt werde. Im 
kritischen Systeme ist das Ding das im Ich gesetzte, im dogmatischen dasjenige, 
worin das Ich selbst gesetzt ist. Der Kritizismus ist darum immanent, weil 
er alles in das Ich .setzt, der Dogmatismus transzendent, weil er noch über das 
Ich hinausgeht. Der Dogmatismus muß gefragt werden, warmn er sein Ding 
an sich ohne einen höheren Grund annehme, da er bei dem Ich nach einem 
höheren Grund fragt. Er muß nach seinem eigenen Grundsatze, nichts ohne 



§ 3. Fichte und Fichteaner. 25 

Grund anzunehmen, wieder einen höheren Gattungsbegriff für den Begriff des 
Dingt« an sich anführen, und so weiter fort. Ein durchgeführter Dogmatismus 
leugnet entweder, daß unser Wissen einen Grund halje, daß überhaupt ein 
System im menschlichen Geiste sei, oder er widerspricht sich selbst. — Das ab- 
solute Ich F.s ist ganz etwas anderes als das Ich des wirklichen Bewußtseins. 
Das letztere ist ein gesondertes und abgetrenntes: es ist eine Person unter meh- 
reren Personen. Bis zvim Bewußtsein dieser Persönlichkeit setzt die Wissen- 
schaftslehre ihre Ableitung fort. Das Ich aber, von welchem die Wissenschafts - 
lehre ausgeht, ist nichts weiter als die Identität des Bewußtseienden und Be- 
wußten, und zu dieser Absonderung muß man sich erst durch Abstraktion 
von allem übrigen in der Persönlichkeit erheben. Es ist die Ichheit, die allen 
gemeine Vernunft, die allem Denken zugrunde liegt. Wer überhaupt nicht 
von dem wirldichen BewTißtsein xind seinen Tatsachen zu abstrahiern vermag, 
an den hat die Wissenschaftslelxre alle Ansprüche verloren. Dieses Ich, welches 
noch nicht Individuum ist; entsteht diu-ch intellektuelle Anschauung, 
welche das unmittelbare Bewußtsein, daß ich handle, und dessen, was ich handle, 
ist. Sie ist das dena Philosophen angemutete Anschauen seiner selbst im Voll- 
ziehen des Aktes, wodurch ihm das Ich entsteht, nicht das Anschauen eines 
Seins, sondern eines Handelns, also etwas ganz anderes als die intellektuelle 
Anschauung, von welcher Kant gesprochen hatte. Daß es ein solches Vermögen 
der intellektuellen Anschauung gibt, läßt sich eicht durch Begriffe demon- 
strieren, noch, was es sei, aus Begriffen entwickeln. Jeder muß es unmittelbar 
in sich selbst finden, oder er wird es nie kennen lernen. 

Von diesem Ich der intellektuellen Anschauung, mit welchem die Wissen- 
schaftslehre anhebt, ist wohl zu unterscheiden das Ich als Idee, mit welchem 
sie schließt. Im ersteren liegt lediglich die Form der Ichheit ; dadurch, daß man 
es faßt, erhebt man sich zur Philosophie. In dieser Gestalt ist es nur für den 
Philosophen. Das Ich als Idee ist für das Ich selbst, welches der Philosoph 
betrachtet, vorhanden. Er stellt es nicht auf als seine eigene, sondern als Idee 
des natürlichen, jedoch vollkommen ausgebildeten Menschen. Das Ich als Idee 
ißt das Verrnrnftwesen, sofern es die allgemeine Vernunft teils in sich selbst 
vollkommen darstellt, teils auch außer sich in der Welt ausführhch realisiert 
hat. Die Idee des Ich hat mit dem Ich der Anschauung das gemein, daß in 
beiden das Ich nicht als Individuum gedacht wird, im letzteren nicht, weil die 
Ichheit noch nicht bis zur IndividuaUtät bestimmt ist, nur Intelligenz, Geistig- 
keit, Vernunft ist, durch welche wir uns allem, was außer uns ist, nicht nur 
Personen, entgegensetzen, im ersteren nicht, weil durch die Bildxmg nach 
allgemeinen Gesetzen die Individualität verschwimden ist. Mit der Idee des 
Ich schließt die Vernunft in ihi'em praktischen Teile, indem sie dieselbe als das 
Endziel des Strebens unserer Vernunft aufstellt, welchem diese jedoch nur 
ins unendliche sich anzunähern vermag. Sie ward nie wirklich sein \md kann 
als Idee auch nicht bestimmt gedacht werden. (Zweite Eixdeitvmg in d. Wissen- 
schaftslehre 1797, Werke I, 463f., blbi., Sonnenkl. Bericht 1801, Werke II, 382.) 
Um die Grmidlage des theoretischen Wissens zu gewinnen und in 
den Deduktionen fortzuschreiten, ist es nun nötig, in dem obersten Gnmdsatze 
desselben: das Ich setzt sich als bestimmt durch das Nicht-Ich, Gegensätze zu 
finden. Das sind folgende: 1. das Nicht-Ich bestimmt als tätig das Ich, welches 
insofern leidend ist, 2. das Ich bestimmt sich selbst, ist also tätig. Diese beiden 
Gegensätze werden vereinigt und aufgelöst durch den Begriff der Wechsel- 



26 § 3. Fichte imd Fichteaner. 

bestimrnung: dae Ich setzt Negation in sich, sofern ee Healität in das Nicht- 
Ich setzt, und setzt Reaütät in sich, sofern es Negation in das Nicht-Ich setzt. 
So sind Ich und Nicht-Ich gegenseitig durcheinander bestimmt. Wird das Idi 
bestimmt, so leidet es, \ind zwar durch das Nicht-Ich, welches als tätig gedacht 
wird. So erhalten wir die Kategorie der Kausalität. Es wird aber doch vor- 
ausgesetzt, daß im Ich alle Realität vorhanden ist, und sofern es den ganzen be- 
stimmten Umkreis aller Realitäten umfaßt, ist es Substanz. Wir stellen uns 
Dinge außer uns vor dadurch, daß das Ich eine Realität in sich aufhebt und diese 
aufgehobene Realität in ein Nicht -Ich setzt. Wird eine Einwirkung der äußern 
Dinge auf das vorstellende Subjekt angenoiTimen, so heißt dies; Wir setzen die 
Dinge als Nicht-Ich unserem Ich entgegen; dadurch wird unser Ich beschränkt. 
In Wahrheit sind wir es aber selbst, was da handelt, nicht die Dinge. Je nach- 
dem man bei dem Vorstellen nun das Ich als tätig oder als leidend betrachtet, 
je nachdem die Tätigkeit als von dem Ich oder dem Nicht-Ich ausgehend ge- 
dacht wird, ist der Idealismus oder der Realismus vertreten. Es sind so in dem 
wahren System des philosophischen Wissens die Ansprüche der beiden Welt- 
anschauungen vereinigt, indem sie beide beschränkt werden. Die Tätigkeit nun, 
durch welche das Ich sich selbst bescliränkt und die Vorstellung hervorbringt, 
ist die Einbildungskraft. Beim Vorstellen schwebt das Ich zwischen ent- 
gegengesetzten Richtungen, nach dem Ich oder nach dem Nicht-Ich hin, und 
dieses Schweben ist Wirkimg der Einbildungskraft, welche das Leiden und die 
Tätigkeit des Ich zvun Bewußtsein bringt. 

Zuerst wird durch diesen Prozeß die Empfindung erzeugt, wobei nocli 
nichts Äußeres gesetzt wird, sondern das Ich sich nur durch etwas Fremdes in 
sich beschränkt fühlt. Auf die Empfindimg folgt die Anschauung. Es wird 
etwas außer uns gesetzt, das Angeschaute, welchas dem anschauenden Subjekt 
durch eine notwendige Täuschung als ein von außen Kommendes erscheint; die 
Richtung des Produzierens und des Auffassens ist eine ganz entgegengesetzte, 
und deshalb kann das Ich nicht in demselben Akte auffassen tuid produzieren 
zugleich. Beim Auffassen erscheint ihm deis Produkt schon als ein fertiges. 
Damit die Anschauung aber Realität gewinne, mxiß sie festgehalten werden. 
Dies geschieht dvirch den Verstand, welcher die Anschauung fixiert, sie zu 
etwas Erkanntem macht. Sind Zeit und Raum Gesetze des Anschauens, so 
sind die Kategorien Gesetze dieses Fixierens. Hat der Verstand die Gegen- 
stände festgesetzt, so reflektiert über sie die Urteilskraft, indem sie ver- 
gleicht, die Verhältnisse bestimmt, subsumiert usw. Die Anschauung der voll- 
kommenen Spontaneität des Ich, aus welcher folgt, daß nichts real sein könne 
für das Ich, ohne auch Ideal im Ich zu sein, und umgekehrt, ist die Vernunft - 
erkenntnis, die Grundlage alles Wissens. Hier ergreift das Ich sich selbst, 
d. h. kommt zum reinen Selbstbewußtsein. Hier ist die Entwicklung zum Aus- 
gangspunkt zurückgekelirt. erkennt aber, daß das Bestimmtwerden des Ich 
aus ihm selbst hervorgeht, imd damit ist der Übergang zum Praktischen ge- 
geben. 

Unerklärt blieb bisher der Anstoß, durch welchen die imendliche Tätig- 
keit des Ich begrenzt wird. Dieser wurde nur postuliert, der Grund dazu muß 
aber gefimden werden, sonst hätte die Wissenschaftslehre kein festes Fundamwit. 
Der Grundsatz der praktischen Wissenschaftslehre war: das Ich setzt das 
Nicht-Ich als bestimmt durch das Ich. Das Ich ist absolut, frei nach diesem 
Satze, es hat unendliche Tätigkeit, oder es geht mit seinem Streben in die 



§ 3. Fichte und Fiohteaner. 27 

Unendlichkeit. Der Trieb kann so sein Ziel nicht erreichen, kann nicht kausaJ 
werden. Damit das Ich dies werde, damit es überhaupt praktisch werde, setzt 
ee ein Gegenstreben entgegen, und so entsteht der Anstoß oder das Nicht-Ioh. 
Damit ist die Welt gesetzt, die aber nur in einem Ich ist und für ein Ich ist. 
Es entsteht ein Wechselverhältnis zwischen der Freiheit des Ich im Verhältnis 
zur Welt, insofern es praktisch ist, und der Gebiindenheit des Ich durch die 
Welt, insofern es als Intelligenz erscheint. Der Begriff der Pflicht, welcher als 
unbedingtes Sollen auftritt, nötigt aber das Ich, die W^elt, das Nicht-Ich, das 
eine bloße Schranke ist, als ein Nichtiges zu erkennen iind zu bekämpfen. Die 
moralische Weltordnung wird von Ewigkeit her dafür gesorgt haben, daß 
endlich gelinge, was sein soll, d. h. daß die Vemtmft = Ich über die Unvernunft 
= Nicht-Ich siegen werde. Die Natur selbst als das Unvernünftige kann keinen 
Zweck haben. Es tritt bei Fichte völlige Naturverachtvmg zutage. 

Von einzelnen Disziplinen hat Fichte nach den Grundsätzen der Wissen- 
schaftf-lehre bearbeitet das Naturrecht und die Moral, indem er das erstere 
als durchaus tmabhängig von der Moral behandelte. Erst auf diesen beiden Ge- 
bieten konstruiert Fichte die Mehrheit der Individuen. Das Ich kann sich nicht 
als freies Subjekt denken, ohne sich durch ein Ävißeres auch zur Selbstbestim- 
mvmg bestimmt zu finden; zur Selbstbestimmung aber kann es niir durch ein 
Vernunftwesen solUzitiert werden; es muß also nicht nur die Sinnenwelt, 
sondern auch andere Vernunftwesen außer sich denken, also sich als ein Ich 
unter mehreren setzen. Das Sittengesetz steht uns ebenso fest wie unser Sein, 
das Pflichtgebot ist absolut gültig, es setzt dies aber vernünftige Wesen neben 
uns voravis, da es ohne diese nicht wirklich, nicht erfüllbar wäre, da wir ohne 
diese unsere sittUche Bestimmung nicht erreichen könnten. Wenn wir von der 
Intelligenz aus zur Grewißheit einer Mitwelt vernünftiger Wesen nicht gelangen, 
so von der praktischen Vernunft avis, die eine Ergänzung der theoretischen ist. 
(Moralischer Beweis für die Realität der andern Personen.) Alles 
Pvecht bezieht sich auf Gemeinschaft und kann nur in einer Gemeinschaft 
existieren. Das allgemeine Rechtsgesetz lautet: Es muß jeder seine Freiheit 
durch den Begriff der Möglichkeit der Freiheit der andern beschränken, unter 
der Bedingung, daß die andern in bezug auf ihn das gleiche tun. Der Staat 
hat die Aufgabe, das Vemunftrecht in allem, was menschliches Bedürfnis ist, 
zu verwirküchen, hat aber mit der Gesinnung nichts zu tun. fir ist notwendig, 
um dem Vemunftrecht die äußere Sanktion zu verleihen, und er entsteht 
durch den übereinstimmenden Willen aller seiner Mitglieder, sich ihre Rechte 
gegenseitig zu sichern. 

Die Moral bezieht sich nicht auf das äußere Verhalten der Menschen wie 
dae Recht, sondern wie Fichte mit Kant annimmt, auf das iruiere, den WiUen. 
und zwar muß das Prinzip der Gesetzgebung für den Willen sich ergeben aus 
dem Begriffe der Freiheit, der unbedingten Selbsttätigkeit als dem Wesen des 
Ich. AusdiesemergibtsichdieForderung der Selbständigkeit, Selbstbestimmung, 
der Trieb dazu, welcher als ,, reiner Trieb" alle SittUchkeit begründet. Dtis 
Prinzip der Sittenlehre besteht demnach in dem notwendigen Gedanken der 
Intelligenz, daß sie ilire Freiheit nach dem Begriffe der Selbständigkeit schlecht- 
hin und ohne Ausnahme bestimmen solle. Die Äußerung und Darstellung des 
reinen Ich im individuellen Ich ist das Sittengesetz. Durch die SittUchkeit 
geht das empirische Ich vermöge einer unendhchen Annäherung in das reine 



28 § 3. Fichte imd Fichteaner. 

Ich zurück. Die Natur hat nur Sinn als Vorbedingung eines moralischen Lebens; 
sie bietet die Mittel zum Handeln, ist aber eigentlich nur eine Schranke, die 
stets aufzuheben ist. 

Fichtes Ethik ist wie die Kants durchaus antieudämonistisch. nur noch 
über Kants Fassung hinaus ins Heroisch-Enthusiastische gesteigert. Im Gegen- 
satz zu Kant führt Fichte seine Ethilc bis ins einzelne durch. Es ist eine reine 
Willensethik, darum zugleich rationalistisch. Fichte hat kein tieferes Verständ- 
nis für das, wius Goethe das Dämonische genannt hat, vind als geistiger Zeugungs- 
trieb bezeichnet werden könnte. Der Mensch liat sich nach Fichte viehnelir 
aUe Aufgaben mit Willkür imd Vorsatz zu stellen, van sie dann systematisch - 
planmäßig durchzuführen. Das Wesen des Moralischen besteht im Pflicht- 
bewußtsein. Es gibt nur einen Endzweck: die Pflicht. Es gibt Pflichten in 
Ansehung des Leibes, der Intelligenz, der Gemeinschaft. ,,Beliandle den andern 
seiner moraüschen Bestimmung gemäß." Es besteht eine Pflicht zur Teil- 
nahme an Staat und Kirche, die als eine rein moralische Anstalt aufgefaßt 
wird. Neben den allgemeinen Menschenpflichten gibt es noch besondere Pflich- 
ten des Berufs tmd Standes (= Zustandes; vgl. den Gebrauch d-^s Wortes 
, Stand' bei Eucken); zu den letzteren gehört die Eheschließ img ; es lasse sich 
kein Zweck und keine Pflicht denken, der sie geopfert werden müßte. Der 
Gesellschaft nützlich zu sein, ist der einzelne verpflichtet, ja für den letzten 
Zweck der Gesellschaft zu arbeiten, d. h. das Menschengeschlecht immer melir 
vom Zwange der Natur zu befreien, überhaupt zii veredeln; er ist hierzu ver- 
pflichtet, weil seine ganze Bildimg nur durch die Gesellschaft möglich war. 
Im übrigen bedingt der Fortschritt eines Mitgliedes den Fortschritt aller. 
Das Gefühl meiner Würde und meiner Kraft steigt, wenn ich sehe, daß mein 
Dasein nicht zwecklos ist, daß ich ein notwendiges Mitglied der großen Kette 
bin, die von der Entwicldung der ersten Menschen bis in die Ewigkeit hinau;ä- 
geht. Alle Wohltäter der Menschheit, alle großen Namen haben für mich ge- 
arbeitet; ich kann aber selbst ihre Aufgabe ergreifen, das gemeinsame Brüder- 
geschlecht immer reicher und glücklicher zu machen; ich kann den herrlich'-ii 
Tempel, den sie unvollendet lassen mvißten, seiner Vollendung näher bringen. 
Wenn ich auch aufhören muß wie sie, so ist es doch der erhabenste Gedanke. 
daß , wenn ich jene erhabene Aufgabe übernehme, ich sie nie vollendet haben werde, 
nie aufhören werde zu wirken und so überhaupt nie avif hören werde. .,Das, 
was man Tod nennt, kann mein Werk nicht abbrechen; denn mein Weric 
soll vollendet werden, und es kann in keiner Zeit vollendet werden, mithin ist 
meinem Dasein keine Zeit bestimmt — und ich bin ewig. Ich liabe zugleich 
mit der Übernehmung jener großen Aufgabe die Ewigkeit an mich gerissen. 
Ich helje mein Haupt kühn empor zu dem drohenden Felsengebirge und zu 
dem tobenden Wassersturz vmd zu den krachenden, in einem Feuermeer schwim- 
menden Wolken und sage: Ich bin ewig, und ich trotze eurer Macht! Brecht 
alle herab auf mich, imd du Erde und du Himmel, vermischt euch im wilden 
Tumulte, und ihr Elemente alle — schäumet und tobet und zerreibet im wilden 
Kampfe das letzte Sonnenstäubchen des Körpers, den ich mein nenne; — mein 
Wille allein mit seinem festen Plane soll kühn und kalt über den Trünxmern 
des Weltalls schweben; denn ich habe meine Bestimmung ergriffen, und die 
ist dauernder als ihr; sie ist ewig, und ich bin ewig, wiesle."' (Einige Vorlesung, 
üb. die Bestimmung des Gelehrten, 1794, Ges. Werke VI, S. 322f., zugleich 
ein Beispiel dafür, zu welch begeisterten Worten Fichte sich erheben konnte.) 



§ 3. Fichte und Fichteaner. 29 

Eine lebendige populäre Darstellung seines Idealismus in seinem Gegen- 
satz zum Determinismus gibt Fichte in der „Bestimmung des Menschen"; 
sie sollte „anziehen \ind erwärmen und den Leser kräftig von der Sinnlichkeit 
zum Übersinnlichen fortreißen". Die Schrift zerfällt in drei Bücher, deren 
erstes vom Zweifel, deren zweites vom Wissen (Gespräch zwischen ,,Ich" und 
einem erscheinenden Geiste) und deren drittes vom Glauben handelt. 

In politischer Hinsicht begrüßte Fichte wie auch Kant die französische 
Revolution als Proklamation der Selbsttätigkeit vind der Freiheit des Indivi- 
duums aufs freudigste. In ihrem Sinne schrieb er 1793 in der Schweiz zwei 
(anonyme) Scliriften ,, Beiträge z. Berichtig, d. Urteile d. Publiktmis über die 
französ. Revolution", worin Fichte den Gedanken durchfülirt, daß obschon 
die Staaten durch Unterdrückung und nicht durch Vertrag entstanden seien, 
doch der Staat seiner Idee nach auf einem Vertragsverhältnis beruhe \ind dieser 
Idee inuner näher geführt werden müsse, und „Zurückforderung der Deiik- 
freiheit von den Fürsten Europas, die sie bisher unterdiHickteu. Eine Rede. 
Heliopolis. Im letzten Jahre der alten Finsternis." Fichte dachte zu dieser 
Zeit völlig kosmopolitisch. Er hatte nach seinem eigenen Wort ,,sein Vaterland 
aufgegeben und hing an keinem Staate". Die Wirkung der , »Beiträge" war 
eine derartige, daß Goethe die Berufung Fichtes, der als Jakobiner galt, nach 
Jena als einen Entschluß ,,der Kühnheit, ja der Verwegenheit" bezeichnet hat. 
Die zweite Schrift begann mit den Worten: ,,Die Zeiten der Barbarei sind vorbei, 
ihr Völker, wo man euch im Namen Gottes anzukündigen wagte, ihr seiet 
Herden Vieh, die Gott deswegen auf die Erde gesetzt habe, um einem Dutzend 
Göttersöhnen zum Tragen ihrer Lasten, zu Knechten und Mägden ihrer Be- 
quemlichkeit und endlich zum Abschlachten zu dienen." — In dem ,, Ge- 
schlossenen Handelsstaat" (1800) erstrebte Fichte eine Art Sozialismvis, 
mit scharfer Bevormundung durch den Staat. Allerdings besteht Recht auf 
Arbeit oder auf Existenz des einzelnen, aber Aufsicht des Staats über Wahl 
des Berufes, über Grund und Boden, nur nicht Kommvtnismus. Dagegen ist 
Gewerbefreiheit, Freihandel, Weltgeld zu verwei f en, nur Landesgeld soU es geben, 
das Gleichgewicht von Warenmenge vmd Geld soll festgehalten sowie der Wert 
der im Staate produzierten Güter genau bestimmt werden. Also hier will 
Fichte volle Herrschaft des Staates. 

Den Zweck des Staates sieht Fichte darin, daß er alle individuellen Kräfte 
auf das Leben der Gattung richtet. Der Frage der Regierungsform legt Fichte 
sichthch kein besonderes Gewicht bei. 

Der Staat hat die unzivilisierten Völker zur Kultur zu führen, er hat di«; 
Natur zu bewältigen, die Industrie zu befördern usw., damit der Mensch ,,Zeit 
übrig behalte, um seine Betrachtung in sein Inneres und avif das Überirdische 
zu wenden. Dies ist der Zweck der menschlichen Gattung als solcher." Die 
höheren Zweige der Vemunf tkultur : Religion, Wissens cliaft, Tugend können 
jedoch nie Zweck des Staates werden. Die Gründe Fichtes dafür sind überaus 
dürftiger Natur. Auffallend groß und im Widerspruch zu seiner Zeit befindlich 
ist Fichtes aus seiner Willensnatur hervorgehendes Verständnis für den Macht- 
kampf der Staaten, er billigt ihn sogar. Unmittelbar daneben steht aber auch 
noch ein starker Kosmopolitismus, der ihn bekennen läßt: ,, Welches ist denn 
das Vaterland des wahrhaft ausgebildeten christUchen E uropäers ? Im allgemeinen 
ist es Europa, insbesondere aber in jedem Zeitalter derjenige Staat in Europa, 
der auf der Höhe der Kultur steht. . . . Mögen ... doch die Erdgeborenen, 



/ 
30 § 3. Fichte und Fichteaner. 

welche in der Erdscholle, dem Flüsse, dem Berge ihr Vaterland anerkennen, 
Bürger des gesunkenen Staates bleiben; sie behalten, was sie wollten und was 
sie beglückt; der sonnenverwandte Geist wird unwiderstehlich angezogen 
werden und hin sich wenden, wo Licht ist und Recht. Und in diesem Weltbürger- 
Sinne können wir denn über die Handlungen und Schicksale der Staaten uns 
vollkommen beruhigen, für uns selbst und für unsere Nachkommen, bis an das 
Ende der Tage." — Der Zusammenbruch des preußischen Staates 1806/07 
ließ die nationalen Momente in Fichte erstarken. Die ,, Reden an die deut- 
sche Nation'' offenbaren ein deutsches Nationalgefühl von ganz außerordent- 
licher Stärke. Alles Gute heißt jetzt deutsch, alles Schlechte Ausländerei. 
Die Abhängigkeit der Entwieklimg nationaler Kultur von der politischen 
Selbständigkeit wird von Fichte klar erkannt. Doch ist auch um diese Zeit 
Fichtes Kosmopoütismus nicht völlig geschwunden. Die innere Erneuerung, 
die bei der deutschen Nation beginnen soll, soll sich auf die ganze Menschheit 
ausdehnen. Tendenzen zur Beschränkung des Besitzes naoralischer oder geistig«* 
Güter auf die eigene Nation haben Fichte fern gelegen. Er erstrebte eine allge- 
meine Menschheitskiiltur. Die dazu erforderliche innere Erneuerung der 
Menschheit sollte bei der deutschen als der höchststehenden Nation beginnen. 
,^s ist kein Ausweg; wenn ihr versinkt, so versinkt die Menschheit mit ohne 
Hoffnung einer einstigen Wiederherstellung." 

,,Laßt die Freiheit auf einige Zeit verschwunden sein aus der sichtbaxen 
Welt : geben wir ihr eine Zuflucht im Innersten unserer Gedanken so lange, 
bis um uns herum die neue Welt emporwachse, die da Kraft habe, diese Gre- 
danken auch äußerlich darzustellen." Dieses Ziel, zu dem die , .Reden" die 
Mittel zeigen wollen, soll erreicht werden durch* eine völlig neue, zur Selbst- 
tätigkeit vmd Sittlichkeit führende Erziehung, für welche Fichte in Pestalozzis 
Pädagogik den Anknüpfungspunkt findet. Der Staat soll die Erziehung ganz 
in die Hand nehmen. Die Jugend mviß wegen der Verderbtheit fast aller Er- 
wachsenen in geschlossenen Anstalten, fem von der Familie, in Koedukation 
für die Sittlichkeit und namentlich für die nationalen Aufgaben herangebildet 
werden. Nicht durch die einzelnen Vorschläge, die großenteils überspannt und 
abenteuerlich sind, wohl aber diu'ch die Gesinnung des Ganzen hat Fichte 
damals zur sittlichen Erhebung der deutschen Nation wesentlich nütgewirkt 
und zumal die Jugend zum aufopferungsfreudigen Kampfe für die nationale 
Unabhängigkeit begeistert. Dieselbe war aber in Fichtes Augen nur Mittel 
zum Zweck, um die Erfüllung der sittlichen und geistigen Ziele der Nation m 
ermöglichen, auf denen entsprechend der hohen geistigen Kultur der Zeit 
auch für ihn das Schworgewicht lag. 

Auf dem Gebiet der Religionsphilosophie bricht Fichte mit dem bei 
Kant noch vorhandenen Theismus. Im System der Wissenschaftslehre waa- 
für eine transzendente Gott-Person kein Platz. Im Sinne der Ankläger im 
Atheismiisstreit muß daher die gecen Fichte erhobene Anklage als richtig 
bezeichnet werden. Wenn sich Fichte dennoch leidenschaftlich gegen dieselbe 
zur Wehr setzte, so geschah es, weil die Anklage wegen Atheismus im Sinne 
der Religiositätslosigkeit gemeint war und Fichte sich als tiefer religiös als 
seine Gegner fühlte. So ging er von der Verteidigung zum Angriff übsr: die 
Gegner, deren einzige Lebenstendenz der gemeine Genuß sei, trügen keine 
Bedenken, diese niedrige Gesinnung auch Gott anzusinnen. Gott wollte nach 
ihnen durch die Weltschöpfung die höchstmögliche Summe von Lust erzeuge :. 



§ 3. Fichte und Fichteanw. 3 1 

Diese Auffassung ist „radikale Blindheit über geistliche Dinge, gänzliche Ent- 
fremdung von dem Leben, das aus Gott ist". Ein solcher Gott ist wahrhaft 
,,der Fürst dieser Welt", ein ,, Götze". — Fichte selbst identifiziert demgegen- 
über Gott bzw. das Göttliche mit der (unpersönlichen) moralischen Welt- 
ordnung. In noch weit größerem Umfange als Kant erkennt er den tiefsten 
Bedürfnissen des Gemüts Realität zu. Es ist nach ihm das ,, Gewisseste", 
daß es eine moralische Weltordnung gibt. , J)ie lebendige und wirkende mora- 
hsche Ordnung", heißt es in jener Abhandlung über den Grund unseres Glaub^is 
an eine göttliche Weltregierung, ,,i8t selbst Gott; wir bedürfen keines anderen 
Gottes und können keinen andern feissen. Es liegt kein Grund in der Ver- 
nunft, aus jener moraUschen Weltordnung herauszugehen und vermittels 
eines Schlusses vom Begründeten auf den Grund noch ein besonderes Wesen 
als die Ursache derselben an2ainehmen. Es ist gar nicht zweifelhaft, vielmehr 
das Gewisseste, was es gibt, ja der Grund aller andern Gewißheit, das einzige 
absolute gültige Objektive, daß es eine moralische Weltordnung gibt, daß jedem 
Individuvim seine bestimmte Stelle in dieser Ordnimg angewiesen vmd auf 
seine Arbeit gerechnet ist, daß jedes seiner Schicksale, inwiefern es nicht etwa 
diu*ch sein eigenes Betragen verursacht ist, Resultat ist von diesem Plane, daß 
ohne ihn kein Haar fällt von seinem Haupte und in seiner Wirkungssphäre 
kein Sperling vom Dache, daß jede wahrhaft gute Handlung gelingt, jede böse 
mißlingt, und daß denen, die uui das Gute recht lieben, alle Dinge zum Besten 
dienen müssen. Es kann ebensowenig von der anderen Seite dem, der nur einen 
Augenblick nachdenken und das Resultat dieses Nachdenkens sich redlich 
gestehen will, zweifelhaft bleiben, daß der Begriff von Gott als einer besonderen 
Substanz unmöglich und widersprechend ist, imd es ist erlaubt, dies aufrichtig 
m sagen und das Schulgeschwätz niederzvischlagen, damit die wahre Reügion 
des freudigen Rechttuns sich erhebe." 

Die Idee dieser moralischen Weltordnung ist ,, hinreichend für die Bildung 
echt religiöser Gesinnung". Das einzig mögliche Glaubensbekenntnis ist: 
,, fröhlich und unbefangen vollbringen, was jedesmal die Pflicht gebeut, ohne 
Zweifeln vmd Klügeln über die Folgen. Dadurch wird dieses Göttliche uns 
lebendig und wirklich." 

Der Unterschied des religiösen Menschen vom allein moralischen liegt 
darin, daß der Religiöse das Gesetz der Pflicht ,,in sich lebendig als das Gesetz 
der ewigen Fortentwicklimg des Einen Lebens fühlt". ,,Was der moralische 
Mensch Pflicht nannte und Gebot, was ist es ihm ? [dem Religiösen] die geistigste 
Blüte des Lebens, sein Element, in welchem allein er atmen kann." So wendet 
Fichte Schillers Idee der schönen Seele aus dem Moralischen ins Religiöse. 

Bald nach dem Atheismusstreit ging Fichte dazu über, den Ausgangs- 
punkt .seines Philosophierens im Absoluten zu nehmen, üisbesondere bereits 
in der Darstellung der Wissenschaftslehre aus dem Jahre 1801 (erst in den 
Werken, Bd. II, 1845 gedruckt), in welche avich einzelne Schleiermachersche 
Begriffe aus den Reden über die Religion eingegangen sind, imd in der „An- 
weisung zum seligen Leben". Er erklärt Gott für das allein wahrhaft Seiende, 
welches sich durch sein absolutes Denken die äußere Natur als ein unwirkliche« 
Nicht-Ich gegenüberstelle. Zu den beiden früher (im Anschluß an Kants 
Ethik) unterschiedenen praktischen Lebensstandpunkten, dem des Genussee 
tmd dem des Pflichtbewußtseins in der Form des kategorischen Imperativs, 
fügt Fichte uvmmehr drei andere hinzu, die ihm als höhere gelten: die positive 



32 § 3. Fichte und Fichteaner. 

oder schaffende SittUchkeit, die reUgiöse Gemeinschaft mit Gott und die philo- 
sophische Gotteserkenntnis. 

In der Rohgionsphilosophie des späteren Fichte, wie sie besonders in der 
„Anweisung zum seHgen Leben" vorliegt, tritt das mystische Element noch 
stärker hervor als beim Fichte des Atheismusstreites, unter unverkennbarem 
Einfluß von Schleiermacher. Alles das VergängUche der Welt liebende Leben 
ist ein bloßes Scheinleben und vergeht. Das dem Einen, Unveränderlichen, 
Ewigen zugewandte Leben dagegen ist ewig und selig und allein eigentUches 
Leben. In der Liebe zxun Ewigen vereinigt sich der Mensch mit dem Göttüchen. 
Wer nicht das Ewige bereits auf Erden umfassen lernt, wird es auch jenseits 
des Grabes vergeblich suchen. Es ist uns liier so nah wie dort. ,, Durch das 
bloße Begrabenlassen kommt man nicht in die Seligkeit." Die Ergreifvmg des 
Ewigen findet nach Fichte aber nicht wie bei Schleier macher durchs Gefühl 
statt, sondern allein dtirch den ,, Gedanken". Fichte versteht daininter jedoch 
nicht ein reines Denken im Sinne der gegenwärtigen philos. Terminologie, son- 
dern ein unerschütterUches inneres, geradezu evidentes Überzeugtsein. Die 
Bedingung, iim zu ihm zu gelangen, ist das Fahrenlassen alles Hinfälligen und 
Nichtigen; dann kommt das Ewige von allein. Atif diesem Standpunkt kommt 
es schließlich nach Fichte sogar zu einem völligen Verschwinden der Freiheit, 
indem der Eigenwille, die Selbständigkeit des Ich und damit dieses selbst fort- 
fällt, das gewesene Ich fällt hinein in das reine göttUche Dasein! 

Über diesen Standpiuikt der Religion hinaus, für den das Gute keine Aus- 
geburt unseres Geistes, sondern die Erscheinvuig des inneren Wesens Gottes ist, 
hegt nur noch der Standpunlct der Wissenschaft, die erkennt, wie das Eine sich 
in das Mannigfaltige verwandelt hat. ,,Die ^\1ssenschaft hebt allen Glauben 
auf und verwandelt ihn in Schauen." Fichte glaubt diesen höchsten Standpunkt 
im Evangelium Johannis wiederzufinden. 

Seine Geschichtsphilosophie hat Fichte in den ,, Grundzügen des 
gegenwärtigen Zeitalters" (Vorles. geh. zu Berlin 1804—05) gegeben. Fichte 
unterscheidet zwei Bestandteile der Historie: einen apriorischen und einen 
aposteriorischen (die gewöhnliche Historie). Der apriorische betrifft den Welt- 
plan und die Weltepochen, die sich ohne alle Erfahrung deduzieren lassen. Nur 
soweit wie die apriorische Deduktion reicht, reicht nach Fichte das Begreifliche 
an der Geschichte! Zu den naerkwürdigsten Annahmen in Fichtes Gescloichts- 
philosophie gehört die Idee eines ursprünglichen ,, Normalvolkes". Da aus der 
Vernunftlosigkeit niemals Vernunft entstehen könne (Polemik gegen die Idee 
der Abstammung des Menschen aus der Tierwelt!), müsse ein Normalvolk 
angenommen werdeii, ,,das durch sein bloßes Dasein ohne alle Wissenschaft 
oder Kunst sich im Zustande der vollkommenen Vemunftkultur befunden 
habe". Neben ihm können aber noch ganz primitive Völker existiert haben. Der 
Zweck des Erdenlebens der Menschheit ist, daß sie in demselben alle ihre Ver- 
hältnisse mit Freiheit nach der Vernunft einrichte. Auf dem Wege dazu durch- 
läuft sie fünf Perioden: 1. diejenige, da die menschlichen Verhältnisse ohne 
Zwang und Mühe durch den bloßen Vernunft Instinkt geordnet wurden: 
Zustand der Unschiild des Menschengeschlechts (Einwirkung Rousseaus auf 
Fichte!): 2. diejenige, da dieser Instinkt schwächer geworden und, nur noch 
in wenigen Auserwählten sich aussprechend, durch diese wenigen in eine 
zwingende äußere Autorität für alle verwandelt wird: Zeitalter der positiven 
I^ehr- und Lebenesysteme; 3. diejenige, da diese Autorität und mit ihr die Ver- 



§ 3. Fichto und Fichtesuier. ;■{;-{ 

Qunl't überhaupt abgeworfen wird: Zustand der vollendeten Sündhaftigkeit 
und Ungebundenheit, gänzlicher Gleichgültigkeit gegen alle Wahrheit; 4. die- 
jenige, da die Vernunft in der Gestalt der Wissenschaft in die Gattung eintritt 
und die Wahrheit als Höchstes anerkannt wird: Zustand der beginnenden 
Rechtfertigung; 5. diejenige, da zu dieser Wissenschaft sich die Kunst gesellt. 
um das Leben mit sicherer und fester Hand nach der Wissenschaft zu gestalten, 
und da diese Kunst die vernunftgemäße Einrichtung der menschlichen Ver- 
hältnisse frei vollendet, mid der Zweck dos gesaniten Erdenlebens erreicht wird, 
und unsere Gattung die höheren Sphären einer andern Welt betritt. Die Mensch- 
heit macht sich selbst zum Abbilde der Vernunft: Zustand der vollendeten 
Rechtfertigung und Heiligung. Diese letzte Periode ist eine Rückkehr zum 
Ursprung, jedoch so, daß die Menschheit sich mit Bewußtsein wieder zu dem 
macht, was sie ohne ihr Zutun gewesen ist. F. fand, daß seine Zeit (1804) in 
der dritten Epoche stehe. In den Reden an die deutsche Nation (1807) erklärte 
Fichte später jedoch, daß in den seit den Gnindz. d. gegenw. Zeitalt. ver- 
strichenen drei Jahren das dritte Zeitalter abgelaufen sei und das vierte be- 
gonnen habe, die Selbstsucht habe sich selbst vernichtet. — In den im Sommer- 
aemester 1813 gehaltenen Vorlesungen über die Staatslehre erklärt F. (Werke, 
Bd. IV, 508) die Geschichte für den Fortgang von der ursprünglichen, auf 
bloßem Glauben berulienden Ungleicliheit zu der Gleichheit, die das Resvdtat 
des die menschlichen Verhältnisse durchaus ordnenden Verstandes sei. 

Das historische Studium Fichtes wurde eröffnet durch die Bio- 
graphie seines Sohnes (1830, 2. sehr verm. A. 1862), der reiches Quellenmaterial 
(der II. Bd. besteht nur aus solchem) mitteilte, wie er denn auch F.s Nachlaß 
veröffentlicht hat. Er betonte das Überwiesen des praktischen Moments in 
F.s Philosophie. Eine Nachprüfung seiner Darstellving ist noch nicht erfolgt. 
Noch vor der 2. Aufl. .jenes Buches erschien J. H. Loewes (Prof. in Prag) Ent- 
wicklungsgescliichte des F.schen Systems, bei weitem das bedeutendste Werk 
unter der älteren F.-Literatvir und noch heute beachtenswert. Es begründete 
jene Auffassung, daß alle Veränderungen der F.schen Philosophie nixr , .Evo- 
lutionen", , »naturgemäße Entwicklungen" derselben darstellen. „So oft di© 
Hülle wechselte, der Kern blieb stets derselbe; im Gegenteil trat das früher 
verborgene Wesen ima so sichtbarer hervor." (S. 262). Dieselbe Ansicht vertrat 
Harms (1862, ebenso i. s. Philos. seit Kant 1876). Einer solchen (Fichte 
selbst eigen gewesenen) Auffassung war schon Schelling entgegengetreten, 
wälxrend Herbart (Allg. Metaph. II 355) ihr wiederum zustimmte. Dieses 
Problem bildete überhaupt den Hauptdiskussionspunlct aller F.interpretation, 
und noch heute ist eine volle Einigung der Forschimg nicht erreicht, wenn 
richon die Gegensätze von beiden Seiten her geringer geworden sind. Den 
Standpunkt der unveränderten Lehre vertreten jetzt u. a. K. Fischer, Medicus 
und Raich. Der umgekelirten Auffassung neigen Windelband und Lask zu. 
Nach Leon (Fichte S. 413ff, 456) liegt ebenfalls keine Veränderung, sondern 
nur eine Umformung des Systems vor. Während F. in der ersten Periode 
durch die Dialektik von der Welt zu Gott aufsteigt, nimmt das Sj'stem in der 
zweiten Periode den imigekehrten Weg und betrachtet die Welt vom Standpvmkt 
Gottes aus, dessen Realisierungsprozeß sie darstellt. Hirsch (S. 44) spricht 
von ,, einer in sich geschlossenen Entwickhmg, die Fichtes Denken zu der 
Religionsphilosopliie der Anweisung zum seligen Leben hingeführt hat." Es 
ist noch eine Reihe von Einzeluntersuchungen über die Entwicklung der Ge- 

Ueberweg, Orandrlß IV. 3 



34 § 3. Fichte und Fichteaner. 

dankenwelt Fichtes erforderlich, ehe eine endgültige Präzisierung von der Art 
seines Entwicklungsganges im ganzen möglich sein wird. 

Das Hauptwerk der letzten Jalirzehnte ist K. Fischers Darstellung, 
die aber auch für F. keinen Abschluß bot. Auf das Imndschriftliche Material 
hat erst Kabitz wieder zurückgegriffen. Den Versuch einer neuen Auffassung 
F.s, die das Praktische in ihm vor dem Theoretischen zurücktreten läßt, unter- 
nalim Medicus. 

Anhänger Fichtes. 

Zu der von Fichte in der ,, Wissenschaftslehre" dargelegten Doktrin hat 
sich eine Zeitlang auch der selu* unselbständige, ständig unter dem wechselnden 
Einfluß anderer Denker stehende Kavl Leonhard Reinhold bekannt, der 
später teils Bardilische, teils Jacobische Ansichten annahm (h. Grundriß III). 

Ferner schlössen sich Fichte an: Friedr. Karl Forberg (1770—1848). 
Forberg hat in dem oben S. 17 erwähnten Aufsatz es für ungewiß erklärt, ob 
ein Gott sei, den Polytheismus, falls nvir die mythologischen Götter moralisch 
handelten, für ebenso verträglich mit der Religion wie den Monotheismus und 
in künstlerische:- Beziehung für vorzüglicher erklärt, die Religion auf zwei 
Glaubensartikel bescliränkt: den Glauben an die Unsterbliclikeit der Tugend, 
d. h. den Glauben an ein Reich Gottes auf Erden, d. h. die Maxime, an der 
Befördenuig des Guten wenigstens so lange zu arbeiten, als die Unmögliclii<eit 
des Erfolges nicht klar ervsiesen sei; endlich es dem Ermessen eines jeden 
anheimgegeben, ob er es ratsamer finde, an einfen alten Ausdruck ,, Religion" 
einen neuen verwandten Begriff zu binden und dadurch diesen der Gefahr 
auszusetzen, von jenem wieder versclilungen zu werden, oder Heber den altea 
Ausdnjck gänzlich beiseite zu lassen, aber dann zugleich auch bei selir vielen 
schwerer oder gar nicht Eingang zu finden. Forberg hat auch später noch, 
in einem Briefe an Paulus, Koburg 1821, in: Paulus u. s. Zeit, von Reichlin- 
Meldegg, Stuttgart 1853, Bd. II, S. 268f., vgl. Hase. Fichte-Büchlein S. 24f., 
erklärt: ,,Des Glaubens habe ich in keiner Lage meines Lebens bedurft und 
gedenke in meinem entschiedenen Unglauben zu beharren bis ans Ende, das 
für mich ein totales Ende ist" usw., wogegen Fichte über die Unsterblichkeit, 
obschon er sich zu verschiedenen Zeiten verscliieden äußert, doch stets affir- 
mativere Ansichten gehegt hat; kein wirklich gewordenes Ich kann nach 
Fichtes Doktrin jemals untergehen: wie das Sein ursprünglich sich brach, 
ßo bleibt es gebrochen in alle Ewigkeit. Wirklich geworden im vollen Sinne 
ist aber nur das Ich, das sich als Leben des Begriffs erscheint, das also etwas 
allgemein imd ewig Gültiges aus sich entwickelt hat. (Vgl. Löwe, Die Philo- 
sophie Fichtes, Stuttg. 1862, S. 224 — 230.) 

Friedr. Imm, Niethammer (geb. 1766, Dozent imd ao. Prof. in Jena, 
1803 zugleich mit Schelling nach Würzburg berufen, seit 1807 Studien- und 
Oberkonsistorialrat in München, gest. 1848) trug zuerst die Kantische Lehre 
vor. näherte sich dann Fichte und schrieb von dessen Standpunkt aus: Ab- 
leitung des moralischen Gesetzes aus der Form der reinen Vernunft, Jena 1793, 
Üb. Religion als Wit^s., zur Bestimmung des Inhalts d. Religionen u. d. Be- 
handlungsart ihrer Urkunden, Neustrel. 1795, Vers, einer Begründung des 
▼ernunftmäßigen Offenbarungsglaubens. Er war Herausgeber des ,,Pliilo8. 
Journals", zuerst allein, dann mit Fichte zi-sanunen, 1795 — 98, in dem der 



§ 4. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. ;^5 

zum Atheismu8?treit führende Aufsatz Fichtes erschien. Es ist das Haupt- 
organ der Fichteaner gewesen. 

Johannes Baptista Schad, geb. 1758 zu Mürzbach zwischen Koburg 
und Bamberg, vom 9. Jahre im Benediktinerkloster Banz erzogen, dann In 
Bamberg von Jesuiten unterrichtet, trat 1778 als Novize in das Kloster Banz 
ein und entsprang 1798 aus demselben, nachdem er wegen seines gegen das 
wüste Leben im Kloster geäußerten Abscheues und wegen seiner freieren An- 
sichten hart behandelt worden war. Bald darauf habilitierte er sich in Jena, 
wurde 1802 daselbst ao. Prof. und ging 1804 als oid. Prof. der Philos. nach 
Charkow. 1817 erhielt er daselbst plötzlich wegen einiger Stellen in seinen 
Schriften die Entlassung und wrude aus Rußland verwiesen. Nach Jena zurück- 
gekehrt, starb er daselbst 1834. Vgl. Schads Lebens- und Klostergesch. , von 
ihm selbst beschrieben, 2. Bde., Erf. 1803 — 04, 2. Aufl.: Schads Lebensgesch., 
Altenb. 1828. Als Anhänger Fichtes zeigte sich Schad in den Schriften: Ge- 
meinfaßl. Darstell, des Fichteschen Systems u. der daravis hervorgeh. Religions- 
theorie, 3 Bde., Erf. 1800 — 02. Geist d. Ph. unsrer Zeit, Jena 1800; Gnmdr. 
der Wissenschaf tsl., Jena 1800; Neuer Grundriß der transzendental. Logik 
u. der Metaphys. nach d. Prinzipien d. W'issenschaftsl., Jena 1801; Absolute 
Harmonie des Fichteschen Systems mit der Relig., Erf. 1802. Der Lehre Schel- 
lings nähert sich Schad in: System der Natur und Transzendentalphilos., 
2 Bde., Landshut 1803 — < '4. Das Paradies der Liebe. A. d. liinterlass. 
Schriften nebst e. Biogr. d. Verf., Würzbg. 1910. 

Gottl. Ernst Aug. Mehmel (geb. 1761, gest. 1840 als Prof. in Erlangen) 
hat in Schriften und Vorlesungen sich im wesentUchen Fichte angesclilossen. 
Von seinen W'erken seien erwähnt: Versuch e. vollst, analytischen Denklehre 
als Vorpliilosophie, Erl. 1803, von Jean Paul als die einzig genießbare Logik 
bezeichnet, Ü. das Verh. d. Ph. zvir Religion, Erl. 1805, Lehrb. d. Sittenlelu-e, 
Erl. 1811. Reine Rechtslehre, Erl. 1814. 

Dem Kreise Fichtes gehörte auch Aug. Ludw. Hülsen (1765 — 1810) an, 
der sich aber später von ilim in derselben (pantheistischen) Richtung entfernt« 
wie Berger (s. § 7). 

Der Einfluß Fichtes wurde sehr bald durch den Schellings und später 
Hegels in den Schatten gestellt. 1833 bezeichnet Beneke Fichtes Philosopliie 
als ,,im Grunde gänzlich verschollen". (D. Ph. in ihr. Verh. z. Erf. usw., 
Berl. 1833, S. 97.) 

§ 4. Friedrich Wilhelm Joseph Schellings (später von 
Schelling, 1775—1854) Philosophie hat nicht den Charakter eines 
geschlossenen einheitlichen Systems. Eine mehr künstlerische als 
inteHektueUe Natur und leicht empfänglich für Anregungen von 
außen hat Schelling außerordentlich zahlreiche Wandlungen seüjcs 
Denkens erfahren. Sehr früh mit glänzender Produktion hervor- 
tretend verlor er in späteren Jahren den Zusammenhang mit der 
Zeit und hat bei langer Lebensdauer zuletzt noch den Umschlag der 
deutschen Weltanschauung in den Materiausmus erlebt. Er ist 
ursprünghch von Fichte ausgegangen^ hat dann aber bald einen 
eigenen philosophischen Standpunkt entwickelt und ist dadurch 

3* 



•{(S § 4. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. 

der Schöpfer eines neuen ästhetischen Pantheismus (Monismus) 
geworden, der auf seine Zeit große Wirkung geübt hat. Schelling 
selbst bezeichnet sein System in dieser Epoche als Identitäts- 
system. Die in der Wirklichkeit vorhandenen Gegensätze von 
Subjekt und Objekt, Realem und Absolutem, Natur und Geist lösen 
sich nach ihm im Absoluten auf. Das Organ der philosophischen 
Erkenntnis der Identität der Gegensätze im Absoluten ist weder die 
Wahrnehmung noch der gewöhnliche Verstand, sondern ein besonderes 
Vermögen, die intellektuelle Anschauung, in der die Intelligenz 
bewußt mit Freiheit reproduziert, was sie bewußtlos mit Notwendig- 
keit produzierte. Von den beiden Teüen der Philosophie, der Philo- 
sophie der Natur und der Philosophie des Geistes, hat Schelling zu- 
nächst besonders die Naturphilosophie ausgebildet. Er ist der 
Hauptschöpfer der Naturphilosophie der Romantik. 

Der Weltprozeß ist nach ihm ein künstlerischer, bewußt- 
loser Produktionsvorgang aus dem Absoluten, der sich in 
bestimmten Stufen vollzieht. Die Wirklichkeit ist ein göttliches 
Kunstwerk, ein einheitlicher, großer Organismus, der sich entwickelt 
und dessen Höhe die Geisteswelt ist. ,,Die Natur ist der sichtbare 
Geist, der Geist die unsichtbare Natur." Der negative oder reale 
Pol ist die Natur. Der Natur wohnt ein Lebensprinzip inne, welches 
die unorganischen und die organischen Wesen zu einem Gesamt- 
organismus verknüpft. Dieses Prinzip nennt Schelling die Weltseele. 
Die Kräfte der unorganischen Natur wiederholen sich in höherer 
Potenz in der organischen. Der positive oder ideale Pol ist der Geist. 
Die Stufen seiner Entwicklung sind: das theoretische, das praktische 
und das künstlerische Verhalten, d. h. die Hineinbildung des Stoffes in 
die Form, der Form in den Stoff, und die absolute Ineinsbildung von 
Form und Stoff. Die Kunst ist bewußte Nachbildimg der bewußt- 
losen Naturidealität, Nachbildung der Natur in den Kulminations- 
punkten ihrer Entwicklung ; die höchste Stufe der Kunst ist die Auf- 
hebung der Form durch die vollendete Fülle der Form. — Der durch- 
schlagende Begriff bei Schelling, eigentlich in allen seinen Phasen 
war ,, einheitlicher Organismus". Die Natur, die Tier- und Pflanzen- 
welt, der Staat, die Geschichte wie die Kunst sind die GUeder des 
Weltorganismus. 

Im Gegensatz zu seiner früheren Zeit wandte Schelling sich 
später überwiegend Problemen der Philosphie des Geistes zu, be- 
sonders religionsphilosophischen. Durch sukzessive Mitaufnahme 
mancher Philosopheme von Piaton und Neuplatonikern, Giordano 
Bruno, Jakob Böhme und anderen hat seine Philosophie immer 



§ 4. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. 37 

neue Wandlungen erfahren. Sie ist immer mystischer geworden 
und erreichte einen neuen Höhepunkt in den „Philosophischen 
Untersuchungen über das Wesen der menschlichen Freiheit", ihr 
Einfluß auf den Entwicklungsgang der Philosophie ist aber ein 
weit geringerer gewesen als der des anfänghchen Identitätssystems. 
Nach Hegels Tode hat Schelling das Identitätssystem, das von 
Hegel nur auf eine logische Form gebracht worden sei, zwar nicht 
für falsch, aber für einseitig erklärt und als negative Philosophie 
bezeichnet, die im Rationalen bleibe und nicht von dem zu Denkenden 
aus das Existierende begreifen könne. In dem Existierenden ist 
nicht nur Vernunft, sondern auch Vernunftwidriges. Gott und Welt 
erscheinen darum ScheUing nicht mehr als identisch. Die Welt ist 
durch einen Abfall aus dem Absoluten hervorgegangen. Das Problem 
des Bösen tritt in Schellings Denken hervor, wie überhaupt die ethi- 
schen Momente mehr zur Geltung kommen als in den früheren 
Epochen seines Denkens. 

Die Ergänzung der negativen oder rationalen Philosophie ist 
die positive Philosophie: die „Philosophie der Mythologie" 
und die „Philosophie der Offenbarung". Diese höhere Stufe der 
Philosophie geht unmittelbar in Theosophie über und ist eine Speku- 
lation über die Potenzen und Personen der Gottheit, durch welche 
der Gegensatz des petrinischen und paulinischen Christentums oder 
des Katholizismus und Protestantismus in einer Johanneskirch© 
der Zukunft aufgehoben werden soll. — Der Erfolg dieser obwohl 
phantastischen, so doch künstlerisch großartigen positiven Philo- 
sophie ist weit hinter Schellings Verheißungen zurückgeblieben. 

Schellings Schriften: Die einzelnen Schriften, wenigstens die wich- 
tigeren s. u. 

Die Hauptavisgabe ist die von Schellings Sohn, K. F. A. Schelling, ver- 
ftnstaltete Gesamtausgabe seiner Werke, welche auch vieles bis dahin Un- 
gedruckte enthält. 1. Abt. 20 Bde., 2. Abt. 4 Bde., Stuttg. u. Augsb. 1856 ff. 
(z. T. sind anastatische Neudrucke erschienen). Der Text weicht von dem der 
Erstdrucke nicht selten ab, ohne daß es angegeben wird. Kritische A\isgaben 
fehlen noch. 

Es enthalten: I. Abt. Bd. I: Magisterdiss. ; Ü. Mythen; Möglichk. e. Ph. 
überh. ; De Marcione; Vom Ich als Prinzip; N. Dedukt, d. Natvirr. ; Dogm. u. 
Kritiz.; Abhdlen. z. Erl. d. Ideal, d. W.-L.; A. d. Allg. Übers, d. n. ph. Lit.; 
Offenb. u. Volksunterr. ; Rez. ü. Sclilosser. — Bd. II: Ideen zvir Philos. d. Natur; 
Von d. Weltseele. — Bd. III: Erster Entw. e. Systems d. Natvirph.; Einl. z. d. 
Entw. e. Syst. der Naturph. ; Syst. d. transz. Idealismus; Ü. d. Jenaische Allg. 
Literaturzeit. — Bd. IV: Allg. Ded. des dyn. Prozesses; Ü. d. wahren Begriff 
d. Naturph. ; Darst. meines Syst. d. Philos. ; Brvmo, e. Gespräch; Fernere Darst. 
a. d. System d. Philos.; Die vier edlen Metalle; Miszellen. — Bd. V: Abhdl., 
Rezens. usw. a. d. Krit. Joum. d. Philos.; Vorl. ü. d. Meth. d. akad. Studivuns; 
Ph. d. Kunst (a. d. Nachlaß). - Bd. VI: I. Kant; Ph. u. Relig. ; Propäd. d. Ph. 
(a. d. Nachl.), Syst. d. ges. Ph. u. d. Naturph. insbes. (dgl.). — Bd. VII: Darl. 
d. wahr. Verh. d. Naturph. zu d. verb. Fichteschen Lehre; A. d. Jahrb. d-^r 
Medizin als Wiss.; Ü. d. Verh. d. bild. Künste z. d. Natur; Ph. Unters, ü. r 



38 § 4. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. 

Wes. der menschl. Freiheit; Stuttg. Privatvorles. (a. d. Nachlaß); Aufs. u. 
Rezens. a. d. Jenaer u. Erlang. Literaturzeit, u. d. Morgenblatt. — Bd. VIII: 
Ü. d. Wesen deutsch. Wiss. (a. d. Nachl.); F. W. J. Schellings Denkmal d. 
Schrift V. d. göttl. Dingen usw.; A. d. AJlg. Zeitsclir. v. Deutschen f. Deutsche; 
Die Weltalter. 1. Buch (a. d. N.); Ü. d. Gotth. von Samothr. ; Kleinere Aufs, 
(a. d. N.). — Bd. IX: Üb. d. Zushg. d. Natur mit d. Geisterwelt (a. d. Nachl.); 
Anmerk. z. Wagners äginet. Bericht; Erlanger Vorträge (a. d. N.); Specilegium 
(dsgl.); Abhdl.en philol. u. mj'th. Inh. (z. T. a. d. N.); 1. Vorl. i. Münch. (N.); 
Rede v. 1830; Akademiereden i. Münch. (z. T. a. d. N.) — Bd. X: Z. Gesch. d. 
n. Ph. (a. d. N.); Vorr. zu Cousin; Darst. d. ph. Empir. (N.); Anthr. Schema (N.); 
Frh. V. Moll u. S. De Sacys, Darst. des Naturproz. (N.); Vorw. z. Steffens; 
Urspr. d. Sprache (N.). Epigrammata, Gedichte u. metr. Übers, (z. T. a. d. N.) — 
II. Abt. Bd. I: Einl. i. d. Ph. d. Mythol. (Naclil.); Ü. d. Quelle d. ewigen Walir- 
heiten. — Bd. II: Ph. d. Mvth. ; Wandgemälde in Pompeji. — Bd. III: Ph. d. 
Offenb. (Nachl.). Bd. IV: Ph. d. Offenb. (N.); And. Dedukt. d. Prinz, d. pos. 
Ph.; 1. Vorl. in Berlin. 

Vor einigen Jahren erschien: Schellings Werke. Auswahl in 3 Bänden. 
Mit Geleitwort v. A. Drews, hg. u. eingel. v. Otto Weiß, Lpz. 1907. Es enthält: 
Bd. I: D. Schriften zur Nat\irph. : Geleitw. u. Einl. 1.* Vom Ich als Prinz, d. 
Ph. ( 1 795) ; 2. * Ideen z. e. Ph. d. Natur (1797); 3.* Von derWeltsee!e( 1798); 4*. Ein- 
leitung ziun I. Entwurf (1799); 5.* AUg. Dedukt. d. dynam. Prozesses (1800). 
— Bd. II: D. Schriften z. Identitätssystem; 1.* Syst. d. transz. Idealism. (1800); 
1* Darst. m. Systems (1801); 3.* Bruno (1802); 4.* Vorl. ü. d. Meth. d. akad. 
Studivuas (1803). Bd. III: D. Philos. der Kunst, d. Sclu-iften z. Freiheitsl. u. e. 
Auswahl a. d. pos. Ph. 1.* Ph. der Kunst (a. d. Nachl.) (1802/03); 2. Ü. d. Verh. 
d. bild. Künste zur Natur (1807); 3.* Ü. d. Wesen d. menschl. Freih. (1809); 
4. Danst. d. philos. Empir. (1827); 5.* Auswahl aus der posit. Ph. (Ph. d.Myth. 
u. Offenb. 1840 — 50). Die mit einem * bezeichneten Schriften sind 1911 auck 
einzeln erschienen fin der Philos. Bibliothek]. 

Sonstig» — außer den weiter unten erwähnten — Einzelausgaben: Clara od. 
Zusammenhang der Natur mit der Geisterwelt. Ein Gespräch (a. d. Naclil.), 
jjuerst in d. Ges. Ausg. I. Abt. Bd. IX, separat .Stuttg. 1862, 2. A. 186.5. — 
Schellings Münchener Vorlesungen: Zur Geschichte der neueren Philosophie. 
Darstellung des philos. Empirismus. Neu hg. mit Erläut. v. A. Drews (Ph. Bibl.), 
Lpz. 1902. D. Weltalter hg. v. Kuhlenbeck, Lpz. 1913 (Univ. -Bibl.). Clara, 
dsgl., ebd. 1913 (Univ.bibl.). Üb. d. Verh. d. bild. Künste zvir Natur, ebd. 1915 
(nebst Gedanken üb. Malerei; Univ.bibl.), femer dsgl. Leipz. 1913 (Xenien- 
büchereiNr. 32). Briefe üb.Dogm. u.Kritiz. hg. u. eingel. v. O. IBraun, Hauptwerk 
d. Ph. in Neudrucken, Bd. 3 Lpz. 1914. Gedichte, hg. v. O. Beensch, Jena 1917. 

Anthologien. Schelüng als Persönlichkeit. Briefe, Reden, Aufsätze. 
Hg. V. O. Braun, Lpz. 1908. Auszüge a. d. Schriften Sch.s. Mit Biogr. New 
York 1853 (Meyers Groschen-Bibhothek d. deutsch. Klassiker Nr. 313). F. W. 
Schelling, Schöpferisches Handeln. Hg. v. Emil Fuchs. (Anthologie) Jena 1907. 
Worte Sch.s Hg. v. B. Ihringer. Minden 1910. Schelling, Philosophie, hg. v. 
O. Bravin (Deutsche Bibüothek Nr. 127), Berl. (1919). 

Die von Schelling nach Goethes Tode gesprochenen Worte stehen in d. Bei- 
lage z. Münchener Allg. Zeitung 4. April 1832. Sch.s Testament hg. v. e. kath. 
Geistlichen in der Berliner Morgenzeitung 1854. Erich Frank, Rezensionen ü. 
schöne Lit. v. Schelling u. Caroline i. d. Neuen Jenaisch. Literaturz. Sitzungsber. 
d. Heidelb. Akad. 1912. (Bisher imgedriickte) Erwiderung Sch.s auf e. Rez. in 
der Jenaischen Allg. Lit.zeit. veröff, v. Gundelfinger, Preuß. Jahrb. Nov. 1907, 
Bd. 31, H. 11. 

Schellings Briefe: Solche sind zuerst hg. worden von G. L. Pütt in Er- 
langen: Aus Sch.s Leben in Briefen, Bd. I, 1775-1803, Lpz. 1869; Bd. II u. III, 
Lpz. 1870. Maximilian IL, König v. Bayern u. Schelling. Briefwechsel, hrsgeg. 
von L. Trost u. F. Leist, Stuttg. 1891. Schellings Briefwechsel mit Niethammer 
vor 8. Berufung nach Jena. Hg. von Georg Dammköhler. Im Hegel-Archiv II, 1. 
Lpz. 1913. Sechs neue Briefe bei Barth61emy-St. Hilaire, V. Cousin. Bd. 3, 
Par. 1895. Ein neuer Brief Sch.s in: Logos 5, 1914. S. 123f. Versch. Briefe von imd 
an Seh. mitgeteilt v. O. Braun: Werdandi, April 1909; Nord u. Süd, Juli 1909; 



§ 4. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. 39 

Hochland, Dez. 1911; Deutsche Revue, Jan. 1912, andere Briefe bei M. Lenz. 
Gesch. d. Universität Berlin. 

Schelling galt lange Zeit auch als Verf. d. , .Nachtwachen von Bonaven- 
tura", Penig 1805, die eine pessimistische, ja nihilistische Tendenz haben. Die- 
■elben werden jetzt Wetzel zugeschrieben. Den Nachweis für die Urheberschaft 
Wetzeis hat Franz Schultz, Der Verfasser der Nachtwachen von Bonaventura, 
Unters.en zvir deutschen Romantik, Berl. 1909, zu erbringen gesucht. Ebenda 
ausführliche Erörterung der Geschichte des Problems. Der Glaube an die 
Autorschaft Schellings wurde 1903 durchDiltheys ablehnendes Urteil erschüttert, 
das die ganze Frage wieder ins Rollen gebracht hat (s. Schultz, S. 85). Cl. 
Brentano, Nachtwachen von Bonaventtora, hg. v. E. Frank, Hdlbg. 1912; 
Rezension darüber v. Berend in: Eviphorion 19, 1912. E. Frank hält Cl Bren- 
tano für den Verfasser: Germ. -Roman. Monatsschr. 1912. Weitere Au.sgaben: 
Lindau u. Lpz. 1877 (Bibl. deutsch. Curiosa 2. u. 3. Bd.); hg. v. H. Michel, 
Berlin 1904 (Deutsche Literaturdenkm. d. 18. u. 19. Jh Nr. 133); Lpz. 1909. 

Der gröfite Teil des Nachlasses Schellings befindet sich z. Z. in den Händen 
Yon O. Braxm- Basel, der seine Drucklegung wie auch eine umfassende Aus- 
gabe der Briefe vorbereitet. Einzelne neue Briefe und anderes findet sich bereits 
in «. bisherigen Arbeiten über Seh. Nachweis weiteren Materials Kant-Studien 
XVII 8. 114. 

Übersetzungen: ein genaues Verz. derselben bei Baldwin, Dictionary of 
Ph. III, 1, S. 453f. Hinzukommen: Syst. d. transz. Idealismtis, ital. Bari 1908. 
Bruno, ital. Torino 1908, Unters, ü. d. Wesen d. menschl. Freiheit, ital. Lanciano 
1910. 

Schellings Leben: Sohn eines württembergischen Landgeistlichen, 
geb. zu Leonberg in Württ., der Vaterstadt Keplers, am 21. Jan. 1775, trat 
Friedrich Wilhelm Joseph (später: von) Schelling, dessen glänzende Anlagen 
■ich früh entwickelten, bereits in seinem 16. Lebensjahre, zu Michaelis 1790, 
in da» theologische Seminar (,, Stift") zu Tübingen ein. Mit HölderUn und Hegel, 
beide fünf Jahre älter als er, war Schelling in Tübingen selir befreundet. Als 
letzterer seine Phänomenologie des Geistes veröffentUcht hatte, worin er sich 
gegen Ansichten Schellings ausspricht, sah ihn Seh. als seinen Widersacher 
an und hat sich nie wieder mit ihm ausgesöhnt. Außer theolog. Studien trieb 
Seh. philologische u. philosophische, 1796 und 1797 mathematische und natur- 
wissenschaftliche in Leipzig, wo er die Studien zweier junger Barone von Riedesel 
leitete, mit denen er gleichzeitig seine erste größere Reise über Heilbronn, 
Heidelberg, Mannheim, Darmstadt, W^eimar — wo er Schiller kennen lernte — 
«nd Jena nach Leipzig gemacht hatte. Eine Zeitlang studierte fer auch in Jena 
und hörte dort Fichte. 1797 gab er seine Hofmeisterstelle auf, da ilim das 
, .Weltleben" nicht zusagte und er Gelehrter werden wollte. Während er aus 
materieller Rücksicht nach einem Lehramt suchte, wurde er auf Goethes Ver- 
anlassimg 1798 als ao. Prof. nach Jena berufen, dozierte dort neben Fichte 
und ebendaselbst auch noch nach dessen Abgange, mit bedeutender Wirkung. 
In Jena bildete damals den Mittelpunkt des Kreises der Romantiker die geistig 
bedeutende Caroline, eine weibliche Übematur, damals noch die Frau A. W. 
Schlegels, geb. Michaeüs, verwitwete Böhmer, die Schelling schon bei einem 
kurzen Aufenthalt in Dresden kennen gelernt hatte. Zwischen den beiden 
kongenialen Naturen entstanden tiefere Beziehungen. Nachdem Caroline 
»ich von Schlegel, der sie niemals befriedigt hatte, hatte scheiden lassen, wurde 
sie, beinahe 12 Jahre älter als Schelling, 1803 seine Frau. Sie starb schon 1809, 
worauf Schelüng 1812 sich mit der viel jüngeren, ihr befreundet gewesenen 
Pauline Gotter vermählte. — 1803 erliielt ScheUing eine Professur der Philo- 
sophie in Würzburg, die er bis 1806 bekleidete, wurde dannMitgUedder Akademie 
der Wissenschaften ia München (später, nach Frdr. Hnr. Jacobis Tode, deren 



40 § 4. Friedrich Wilhelm Joseph Schelüng. 

beständiger Sekretär), las in Erlangen 1820 — 26 und wurde 1827, als unter 
Aufhebung der Universität zu Landshut die zu München gegründet wurde, 
»u derselben Professor. Von da wurde er 1841 „gegen die Drachensaat des 
Heg'e'Ischen Pantheismus" nach Berlin als Mitglied der Akademie der Wissen- 
schaften durch den romantisch gesinnten König Friedrich W^ilhelm IV. berufen. 
Er sollte kommen „nicht wie ein gewöhnlicher Professor, sondern als der von 
Gott erwählte und zum Lehrer der Zeit berufene Plulosoph. dessen Weisheit. 
Erfahrung und Charakterstärke der König zu seiner eigenen Stärkimg in seiner 
Nähe wünsche". Schelling hielt dann an der Berliner Universität einige Jahre 
lang Vorlesungen über Mythologie und Offenbarung, gab aber die Lehrtätigkeit 
bald wieder auf, nachdem diese Vorlesungen sofort aus nachgescliriebenen 
Hdften ihrem wesentlichen Inhalte nach teils durch Jul. Frauenstädt, ,,Schel- 
lings Vorlesungen in Berlin. Darstellung und Kritik", Berlin 1842, teils durch 
H. E. G. Paulus, einen heftigen Gegner Schell ings, den er selbst den ,, alten 
Bösewicht" nennt, ,,Die endlich offenbar gewordene positive Philosophie der 
Offenbarung . . . der allgemeinen Prüfung dargelegt", Darmstadt 1843, heraus- 
gegeben worden waren. Schelling ließ sich infolge dieser ohne sein Wissen und 
seinen Willen geschehenen Veröffentlichung in einen Prozeß wegen Nachdrucks 
mit Paulus ein, der zu seinen Ungunsten entschieden wvu-de, nachdem Pavüu« 
eine Schrift hatte erscheinen lassen: ,, Vorläufige Appellation an das Publikum 
contra des Philosophen F. W. J. v. Schellings Versuch, sich mittelst der Polizei 
unwiderleglich zu machen", Darmst. 1843. Die Abweisung der Klage und das 
mangelnde Entgegenkommen der Behörden verbitterten Schelling so stark, 
daß er dem Ministerium erklärte, unter solchen Umständen nicht weiter Vor- 
lesungen halten zu können, und sich möglichst von der Welt zurückzog. Er 
starb ana 20. August 1854 im Badeort Ragaz in der Schweiz, wohin er z\ir 
Beseitigung eines alten katarrhalischen Übels gereist war. Dort wurde er auch 
bestattet. So glanzvoll und groß die Wirkung des jungen Schelling gewesen 
war. so vereinsamt ist sein Alter gewesen. Das Zeitalter des Materialismus war 
herangekommen, und die spekulativen Systeme standen bereits in Verachtung 
Schon die Wirkting seiner Vorlesungen in Berlin war trotz des noch enormen. 
Andranges zu seiner Antrittsvorlesung unverhältnismäßig gering gewesen. 

Schelling war eine geniale, vielseitige, gedankenreiche, künstlerisch rer- 
anlagte und kunstverständige Natur, voller Empfänglichkeit für äußere An- 
regungen und fremde Gedanken, phantasievoll und von poetischer Auffassung, 
von größter Beweglichlceit, das an ihn Herankommende zu verarbeiten und in 
eigener Weise zu gestalten, so daß er nicht ein feststehendes System aufstellte 
und ausführlich entwickelte wie Hegel, sondern im philosopliischen Produzieren 
imnaer vorwärts drang und eine Gestalt seiner Überzeugung auf die andere 
folgen ließ, in dieser Beziehung Piaton ähnlich, so daß man vier, fünf oder auch 
noch melxr Perioden seines Philosophierens unterscheiden kann. 

Zeller gliederte so: 1. Trsz. Idealism. u. Natph. 2 Identitätsph. 3. Über- 
gang z. Theosophie. 4. Positive Ph. - Windelband fG. d. Ph., 5. A., S. 478) 
unterscheidet 5 Perioden: 1. D. Naturph. bis 1799. 2. D. ästh. Idealismus 1800 
bis 1801. 3. D absolut. Idealismus 1801-03. 4. D. Freiheitslehre 1804-12. 
5. Ph. d. Mythol. u. Offenb. — Kuno Fischer teilt so: 1. Von d. Wissenschafts- 
lehre zur Naturph. (1794 — 97). 2. D. Naturph. (1797 — 1807). 3. D. Identitätsph. 

4. D. Religionsph. — Drews (D. Ph. im ersten Drittel d. 19. Jh., Lpz. 1912. 

5. 42 f.) meint, daß sich die verschiedenen Perioden in der Hauptsache auf zwei 



§ 4. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. 41 

zurückführen lassen: 1. Periode der Identitätsplülos. 1797 — 1806. 2. Periode 
der sog. positiven Pli- 1806 — 54. — Der gleichen Ansicht ist E. v. Haxlmann 
(G. d. Metaph. II.). 

In Schellings Werken ist vieles Unklare enthalten, es herrscht in ihnen 
die dichterische Phantasie statt des strengen logischen Denkens; zum Teil 
sind sie glanzvoll geschrieben. Auch das Unklare wird von ihm klar ausgedrückt, 
d. h. man versteht leicht den Sinn seiner Worte. Darin ist er Hegel weit über- 
legen. Es treten die logischen Schwächen aber um so deutlicher zutage. Nicht 
allzu selten entbehren schön klingende Worte jedes vernünftigen Sinnes. 
Man kann Schelling den Philosophen der Romantik nennen. Er hat auf ihre 
Vertreter stark eingewirkt, wie auch sie auf ihn. Von seiner Bedeutung war 
er in vornehmer Weise tief durchdrungen und ohne Vermögen, seinen Gegnern 
gerecht zu werden. Eine ungeheuer selbstbewußte, stark eigenwillige, majestä- 
tisch wirkende, kamiiffrohe Natur — ,, Granit" nannte ihn Caroline — ließ 
er andere nicht gelten. Über Hegel äußerte er unter anderem: ,,Ich kann also 
wolil von ihm und seinen Nachfolgern sagen, daß sie mein Brot essen." Auch 
nannte er Hegels Philosopliie vor seinen Hörern das öde Produkt ,, einer hek- 
tischen, in sich selbst verkommenen Abzehrung". Von manchen seiner Zeit- 
genossen wurde Schelling wie ein höheres Wesen angestaunt, von anderen wie 
eine „Inkarnation des Bösen" angesehen. Auch vom Katheder aus übte er 
eine bedeutende Wirkung. Vgl. die Schilderung eines Gegners, des Hegelianers 
Rosenkranz, Schelling, Danzig 1843, S. XVIII ff. — Von den deutschen Idea- 
listen hat Schelling auf Goethe den bedeutendsten Eindruck gemacht. 

Über die Antrittsvorlesung Schellings in Jena schreibt Steffens: ,,Er 
hatte in der Art, wie er erschien, etwas sehr Bestimmtes, ja Trotziges, breite 
Backenknochen, die Schläfen traten stark auseinander, die Stirn war hoch, 
das Gesicht energisch zusammengefaßt, die Nase etwas aufwärts geworfen, 
in den großen klaren Augen lag eine geistig gebietende Macht. Als er zu sprechen 
anfing, schien er nm- wenige Augenblicke befangen." (Lebenserinn. IV S. 75f.) 

Dieselben Faktoren, die den jungen Schelling zum Gegenstand der Be- 
wunderung vieler Zeitgenossen machten, ließen ihn später, als die allgemeine 
Geisteslage sich zugxinsten der empirischen Tatsachenforschung verschob, 
zum Objekt größter Geringschätzung werden. Neben seiner dichterisch-phan- 
tastischen Metaphysik zog ihm besonders die wesentlicii vonihm geförderte Natur 
Philosophie ausgedehnte Mißachtung zu. Als das Wesen dieser Naturphilo 
Sophie, deren Wert heute wieder umstritten zu werden begiiuit, bezeichnet 
er selbst dasBedürfiiis der damaligenZeit ,,sich des in derNatur Gegebenen philo- 
sophisch bewußt zu werden". Man wollte „die Natur der rätselhaften Materie 
begreifen", d. h. sie in der Weise , ableiten', wie es Kant zunächst in seinen 
„Metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft" versucht hatte, 
während die spätere Molekulartheorie sich am einfach Tatsächlichen genug sein 
ließ. (Sämtl. Werke Abt. I, Bd. 10 S. 394.) 

Schelling findet, daß auch die Natiirwissenschaft es mit dem Allgemeinen 
beim Licht, der Elektrizität usw. zu tun habe. Der Unterschied gegenüber der 
Philosophie hegt in seinen Augen darin, daß die Naturwissenschaft diese Dinge 
,, abstrakt, d. h. in ihrem Für-sich-sein" betrachtet, während der Philosoph 
„die Formen und Erscheinungen der Natur nicht für sich, sondern als Momente 
eines Zusammenhangs, der über die Natur hinausgeht und ebensowohl auf die 
geistige Welt sich erstreckt", ansieht. Die Naturforschung kommt dabei nich ; 



42 § 4. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. 

Relir weit. Der Philosoph dagegen kann „auf seinem Wege ausmitteln und 
wissen . . . ob die allgemeine Schwere auf Anziehung beruht oder ob sie 
durch Druck bewirkt ist. Durch Beobachtung und Experiment oder über- 
haupt anders als in einem über abstrakte^) Naturforschung liinausgehendcn 
Zusammenhang wird man das freilich nicht wissen.'' 

Was man sich darunter zu denken hat, wird etwas deutlicher durch de« 
Nachsatz: „Allein es scheint auch nicht schwer zu begreifen und einzusehen, 
daß Erscheinungen von solcher Allgemeinheit wie Licht und Schwere nicht 
selbst wieder in einer Einzelheit, z. B. einer zufällig existierenden Materie, 
daß sie nur in den vorgängigen Bedingungen aller äußeren Existenz ihren Grund 
haben und in diesem Sinn nur a priori begriffen werden können." (S. 396.) 

Schellings Philosophie nach seinen Hauptschriften: In seiner 
Magisterdissertation ,,Antiquissinii de prima malorum origine philosophematis 
explicandi tentamen criticum" (1792) gab er der biblischen Erzälilung vom 
Sündenfall eine allegorische oder mythische Deutung, im Anscliluß an Herder- 
sche Ideen. In gleichem Geiste war die Abhandlimg geschrieben, die 1793 in 
Paulus' Memorabilien (Stück V, S. 1 — 65) erschien: ,,Über Mythen, histor. 
Sagen und Phylosopheme der ältest. Welt." Der neutestamentlichen Klritik 
und ältesten Kirchengeschicht« gehört die Abhandlung an: ,,De Marcione 
Pavilinarum epistolarum emendatore", Diss. Tüb. 1795. Immer mehr aber 
wandte sich Sch.s Interesse der Philosophie zu. Er las Kants V'ernunftkritik, 
Reinholds Elementarphilosophie, Maimons Neue Theorie des Denkens, G. E. 
Schulzes Aenesidemus und Fichtes Rezension dieser Schrift und dessen Schrift 
über den Begriff der Wissenschaftslehre und schrieb 1794 die (Tübingen 1795 
erschienene) wesentlich Fichtesche Gedanken bringende Schrift: ..Über die 
Möglichk. einer Form d. Philosophie überhaupt", worin er zu zeigen 
sucht, daß weder ein materieller Grundsatz, wie Reinholds Satz des Bewußt- 
seins, noch ein bloß formaler, wie der Satz der Identität, sich ziun Prinzip der 
Philosophie eigne; dieses Prinzip müsse in dem Ich liegen, in welchem das Setzen 
und das Gesetzte zusammenfallen. In dem Satze: Ich = Ich bedingen Form 
und Inhalt sich gegenseitig. 

In der nächstfolgenden Schrift: ,,Vom Ich als Prinzip der Philo- 
sophie oder üb. das Unbedingt© im menschl. Wissen", Tüb. 1795 
(wiederabgedr. in den ,,Philos. Schriften", Landshut 1809), entwickelt Schelüng 
„das Programm des neuen Pantheismus" (Dilthey). Es ist die erste Darstellung 
desselben, sie war von beträchtlicher Wirkung, so auf Hegel. Seh. leitet den 
Pantheismus aus dem absoluten Ich ab, das er als das walire Prinzip der Philo- 
sophie bezeichnet. Das Ich (Gott) enthält alles Sein, alle Realität. Alles, was 
ist, ist im Ich. Es ist das Sv y.al näv, vmwandelbar und übersinnlich. ,,Das 
Ich bringt sich selbst hervor, setzt alle Realität in sich selbst." Das unendliche 
Ich hat kein Objekt mehr sich gegenüber, es hat daher auch kein Bewußtsein 
und keine Persönlichkeit. Es kann auch niemals selbst Objekt werden, keine 
Sprache vermag es auszudrücken, es wird von uns lediglich dadurch erfaßt, 
daß ,, selbsterrungenes Anschauen des Intellektualen in uns dem Stückwerk 
unsrer Sprache zur Hilfe kommt". Das letzte Ziel alles Strebens des Indiri« 

^) Abstrakt bedeutet für Schelling nichts weiter als isolierte Betrach- 
tung eines Dinges, losgelöst von seinem allgemeinen Zusammenhange mit der 
übrigen Wirklichkeit, 



§ 4. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. 

duurus hat die Erweiterung seiner Persönlichkeit ins Unendhche, d. h. ihre 
Vernichtung zu sein. Dazu muß es, wie Schelling in einer sich an Kant völlig 
anlehnenden Weise deduziert, unsterblich sein. Das absolute Ich ist absolut 
frei, d. h. es folgt nur seinen eigenen Gesetzen, da ihm nichts gegenüber steht; 
die Freiheit des empirischen Ich ist eingeengt durch die Objekte. Für das un- 
•ndliche Ich gibt es keine Möglichkeit, Notwendigkeit, Zufälligkeit und auch 
keine Zweckverknüpfung in der Welt. ,,Gäbe es für das unendliche Ich Mecha- 
nism oder Technik der Natur, so wäre ihm Technik Mechanism und Mechanism 
Technik, d. h. beide fielen in seinem absoluten Sein zusammen. Demnach 
muß selbst die theoretische Nachforschung das Teleologische als mechanisch, 
das Mechanisch© als teleologisch, beides als in einem Prinzip der Einheit be- 
faßt betrachten."' Das Verhältnis von absolutem und empirischem Ich ist bei 
Schelling ebenso unklar als bei Fichte. 

In den ,,Philos. Briefen über Dogmatismus und Kritizismus", 
in Niethammers Philos. Joui'nal 1796 (wiederabgedr. in den .,Philos. Scliriften", 
Landshut 1809), tritt Schelling den Kantianern entgegen, die er im Begriff 
findet, ,,aus den Trophäen des Kritizismus ein neues System des Dogmatismus 
au erbauen, an dessen Stelle wohl jeder aufrichtige Denker das alte Gebäude 
zurückwünschen möchte". Schelling sucht, besonders bei dem moralischen 
Beweise für das Dasein Gottes, nachzuweisen, daß der KJritizismus in dem Sinne, 
wie die meisten Kantianer denselben verstehen, nur ein widerspruchsvolles 
Mittelding von Dogmatismus und Kritizismus sei; recht verstanden, sei die 
Kritik der reintn Vernunft gerade dazu bestimmt, die Möglichkeit zweier 
einajider entgegengesetzter Systeme, welche beide den Widerstreit zwischen 
Subjekt imd Objekt durch Reduktion des einen auf das andere aufheben, 
nämlich des Idealismus und des Realismus, aus dem Wesen der Vernunft ab- 
zuleiten. ,,Uns allen," sagt Schelling, ,, wohnt ein geheimes, wunderbares Ver- 
mögen bei, uns avis dem Wechsel der Zeit in imser innerstes, von allem, was von 
außen her hinzukam, entkleidetes Selbst zurückzuziehen und da unter der Form 
der Unwandelbarkeit das Ewige anzuschauen ; diese Anschauung ist die innerste, 
eigenste Erfahrung, von welcher allein alles abhängt, was wir von einer über- 
sinnhchen Welt wissen vind glauben." Schelling nennt dieselbe die ,, intellek- 
tuelle Anschauung". Spinoza, meint Schelling, objektiviert dogmatisch 
oder realistisch diese Anschauung und glaubt daher (gleich dem Mystiker) sich 
im Absoluten zu verlieren; der Idealist aber erkennt sie als Anschauung seiner 
«elbst; sofern wir streben, das Absolute in uns zu realisieren, sind nicht wir in 
der Anschauung der objektiven W^elt, sondern ist sie in dieser unserer Anschau- 
ung verloren, in welcher Zeit und Dauer für uns daliinschwinden und die rein» 
absolute Ewigkeit in uns ist. — Die Quelle des Selbstbewußtseins ist das Wollen. 
Im absoluten Willen wird der Geist seiner selbst unmittelbar inne, \md er hat 
«ine intellektuelle Anschauung seiner selbst. 

Obwohl Kant die Möglichkeit einer intellektuellen Anschauung negiert, so 
glaubt doch SchelUng in der 1796 und 1797 geschriebenen, gleichfalls zuerst ia 
dem von Fichte und Nietlmmmer herausgegebenen Pliilos. Joiu-nal erschienenen 
,,Allgenieinen Übersicht der neuesten philosophischen Literatur", 
später in den ,, Philos. Schriften" 1809 wieder abgedr. unter dem Titel: ,,Ab- 
handlungen zur Erläuterung des Idealismus der Wissenschafts- 
lehre", mit dem Geist seiner Lehre sich in Übereinstimmung zu finden, da 
Kant selbst das Ich in dem Satze: Ich denke, für eine rein intellektuelle V«r- 



44 § 4. Friedrich Wilhelm Joseph ScHeiling. 

Stellung erkläre, die allem empirischen Denken notwendig vorangehe. Die von 
Reinhold aufgeworfene Frage, ob Fichte durch seine Behauptung, daß da« 
Prinzip der Vorstellungen lediglich ein inneres sei, von Kant abweiche, beant- 
wortet Schelling, indem er sagt: ,. Beide Philosophen sind einig in der Be- 
hauptung, daß der Grvmd unserer Vorstellungen nicht im Sinnlichen, sondern 
im Übersinnlichen liege. Diesen übersinnlichen Grund muß Kant in der theo- 
retischen Philosophie symbolisieren und spricht daher von Dingen an sich 
als solchen, die den Stoff zu unseren Vorstellungen geben. Diese symbolische 
Darstellung kann Fichte entbehren, weil er die theoretische Philosophie nicht, 
wie Kant, getrennt von der praktischen behandelt. Denn eben darin besteht 
das eigentümliche Verdienst des letzteren, daß er das Prinzip, das Kant an die 
Spitze der praktischen Philosophie stellt, die Autonomie des Willens, 
zvim Prinzip der gesamten Philosopliie erweitert und dadurch der Stifter einer 
Philosophie wird, die man mit Recht höhere Philosophie heißen kann, weil 
«ie i Irrem Geiste nach weder theoretisch noch praktisch allein, sondern beides 
zugleich ist." Von der (historisch richtigen) Auffassung der Kantischen ,, Dinge 
an sich" im eigentlichen Sinne redet Schelling mit derselben Verachtung wie 
von der (Aristotelischen, im wesentlichen gleichfalls historisch richtigen) Auf- 
fassungder platonischen Ideen als Substanzen, indem er die großenteils allerding» 
unleugbar vorhandenen imd auch von anderen bereits aufgezeigten, teilweise 
jedoch nur vermeintlichen, durch Schellings eigenes Mißverständnis erzeugten 
Widersprüche urgiert, in welche jene Auffassung sich verwickle. ,,Die unend- 
liche Welt ist ja nichts anderes als unser schaffender Geist selbst in unendUchen 
Produktionen und Reproduktionen. Nicht also Kants Schüler! Ihnen ist die 
Welt vind die ganze Wirklichkeit etwas, das, unserem Geiste ursprünglich fremd, 
mit ihm keine Verwandtschaft hat als die zufällige, daß sie auf ihn wirkt. 
Nichtsdestoweniger beherrschen sie eine solche Welt, die für sie doch nur zu- 
fällig ist und die ebensogut auch anders sein könnte, mit Gesetzen, die, sie 
wissen nicht wie und woher, in ihrem Verstände eingegraben sind. Diese Be- 
griffe und diese Gesetze des Verstandes tragen sie, als höchste Gesetzgeber der 
Natur, mit voUem Bewußtsein, daß die Welt aus Dingen an sich besteht, 
doch auf diese Dinge an sich über, wenden sie ganz frei und selbstbeUebig 
an, und diese Welt, diese ewige und notwendige Natur, gehorcht ihrem speku- 
lativen Gutdünken ? Und diese soll Kant gelehrt haben ? — Es hat nie ein 
System existiert, das lächerlicher vind abenteuerlicher gewesen wäre." — In 
Kant sah Schelling zu dieser Zeit nur die Morgenröte der Philosophie. Über 
ihn müsse man hinausgehen: Fichte habe die Philosophie avif eine Höhe ge- 
hoben, vor der selbst den meisten Kantianern schwindeln werde. Die Fichtesche 
Wissenschaf tslelire sei die gereinigte, echte, folgerichtige Lelire Kants; sie sei 
die einzige Rettung des Menschengeschlechts, da sie die Menschlieit heiße, 
endlich in sich selbst zu suchen, was sie bisher in der Welt außer sich zu finden 
geglaubt habe. — Durch die , .Übersicht" zog er Fichtes Aufmerksamkeit 
auf sich, so daß dieser seine Berufung nach Jena ins Auge faßte. 

Im Jahre 1797 erschien zu Landshut der erste (und einzige) Teil der 
„Ideen zu einer Philos. d. Natur" (2. Aufl. Landshut 1803), mit welcher 
Schelling ein weiteres Stadium seines Pliilosophierens beginnt. Er sucht die 
Natur aus dem Wesen des Ich in Fichtescher Weise abzuleiten. Der ,, große 
Kunstgriff" der Natur soll darin bestehen, daß sie alles in ihren Erscheinungen 
durch die entgegengesetzten Kräfte der Abstoßung und Anziehung erreiche. 



§ 4. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. 45 

nicht mechanisch-atomistisch, sondern dynamisch. Die Natiir ist der sichtbare 
Geist, der Geist die unsiclitbare Natur. ~ Hierauf veröffentlichte Schelling 
im Jahre 1798, Hamburg, die Sclirift: ,,Von der Weltseele, eine Hypothese 
d. höh. Physik z. Erklärung des allgemeinen Organismus" (der 2. Auflage, 
welche zu Hamburg 1806 erschien, wie auch der 3., Hamb. 1809, ist eine Abh. 
„Über die Verhältnisse des Idealen tmd des Realen in der Natur od. Entwicklung 
der erst. Grundsätze der Naturphilos. an den Prinzipien der Schwere und des 
Lichts" beigefügt). Von Hölderlin beeinflußt, an den Kantischen Begriff des 
Organischen anlcnüpfend, faßt er hier das Leben als das Wesentliche aller Dinge. 
,,Das Leben ist allen lebenden Individuen gemein; was sie voneinander unter- 
scheidet, ist n\ir die Art des Lebens." ,,Das allgemeine Prinzip des Lebens indivi- 
dualisiert sich in jedem einzelnen lebenden Wesen." Die Prinzipien des Mecha- 
nismus und Organismus sind ilim dieselben, da ein und dasselbe Prinzip an- 
organische und organische Natvu" verbindet. Er spricht hier den Gedanken 
«chon aus, ,,daß die Stufenfolge aller organischen AVesen durch allmähliche 
Entwicklung einer und derselben Organisation sich herausgebildet habe", 
und kommt zum Begriif eines organisierenden, die Welt ziun System bildenden 
Prinzips^ d. h. einer Weltseele. 

Im folgenden Jahre erscliien: ,, Erster Entwurf eines Systems der 
Naturphilosophie", Jena und Lpz. 1797, nebst der kleinen Schrift: ..Ein- 
leitung zu seinem Entwurf eines Systems der Naturphilosophie oder: Über den 
Begriff der spekulativen Physik und die innere Organisation eines Systems 
dieser Wissenschaft", Jena u. Lpz. 1799. Dann folgt das ,, System des 
transzendentalen Idealismus", Tübingen 1800. Schelling betrachtet in 
diesen Sclu-iften das Subjektive oder Ideelle und das Objektive oder Reelle 
als zwei Pole, die sich wechselseitig voraussetzen und fordern. Auf der Über- 
einstimmung eines Objektiven mit einem Subjektiven beruht alles Wissen. 
Demgemäß gibt es, wie Schelling in diesen Schriften ausführt, notwendig 
zwei Grundwissenschaften. Entweder nämlich wird das Objektive zum ersten 
gemacht und gefragt, wie ein Subjektives zu ihm hinzukomme, das mit ihm 
übereinstimme, oder das Subjektive wird zum ersten gemacht, und die Aufgabe 
ist die: wie ein Objektives zu ihm hinzukomme, das mit ihm übereinstimme« 
Die erste Aufgabe ist die der spekulativen Physik, die andere die der 
Transzendentalphilosophie. Die Transzendentalphilosophie betrachtet, 
indem sie die reelle oder bewußtlose Vemunfttätigkeit auf die ideeUe oder be- 
wußte zurückführt, die Natur als den sichtbaren Organismus unseres Verstandes; 
die Natiurphilosophie dagegen zeigt, wie das Ideelle auch hinwiederum aiis dem 
Reellen entspringt und aus ilun erklärt werden muß. Ztun Behuf der Erklärung 
des Fortgangs der Natxir von den niedrigsten bis zu den höchsten Gebilden 
nimmt Schelling die Weltseele an. Er faßt im ,, System des transzendentalen 
Idealismus" die Grundgedanken seiner Naturphilosophie dahin zusammen: 
,JDie notwendige Tendenz aller Naturwissenschaft ist, von der Natur aufs 
Intelligente zu kommen. Dies und nichts anderes hegt dem Bestreben zur,runde, 
in die Naturerscheinungen Theorie zu bnngen. — Die vollendete Theorie der 
Natur würde diejenige sein, kraft welcher die ganze Natur sich in eine Intelligenz 
auflöste. Die toten und bewuß! losen Produkte der Natur sind nur mißlungene 
Versuche der Natur, sich selbst zu reflektieren, die sogenannte tote Natur aber 
überhaupt eine unreife Intelligenz, daher in ihren Phänomenen noch bewußtlos 
schon der intelligente Charakter durchbhckt. Das höchste Ziel, sich selbst 



46 § 4. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. 

ganz Objekt zu werden, erreicht die Natur erst durch die höchste und letzte 
Reflexion, welche nicrhts anderes als der Mensch, oder allgemeiner, das ist, 
was wir Vernunft nennen, durch welche zuerst die Natur vollständig in sich 
selbst zurückkehrt, und wodurch offenbar wird, daß die Natur ursprünglich 
identisch ist mit dem, was in uns als Intelligenz lond Bewußtes erkannt wird." 
Im einzelnen ist Schellings Naturphilosophie reich an phantastischen, ja 
sinnlosen Gedanken. Als Beispiele mögen folgende Sätze dienen: ,,Die Pflanze 
läßt sich definieren als ein organisches Wesen, dessen Gehirn in der Sonne 
ist, das Tier hat die Sonne in sich selbst, es ist also = Zentrifugenz." ,,Die 
Blatt- und insofern die Pflanzenbildung überhaupt in unserem Si nnensystem 
ist durcli die Mode repräsentiert, wie sie ja im Ring des Satumus sich selbst 
konzentrisch stellen, nachdem sie vorher sukzessiv produziert waren, gleich- 
8am zur Blüte gelangen. Die Pflanzen sind Tiere." 

Aus dem Subjektiven aber das Objektive entstehen zu lassen, ist di« 
Aufgabe der Transzendentalphilosophie. ,,Wenn alle Philosophie darauf 
ausgehen muß, entweder aus der Natiu" eine Intelligenz oder aus der Intelligenz 
eine Natur zu machen, so ist die Transzendentalpliilosopliie, welche diese 
letztere Aufgabe liat, die andere notwendige Grundwissenschaft der Philo- 
sophie." 

Schelling teilt die Transzendentalphilosophie den drei Kantischen Kritiken 
gemäß in drei Teile: die theoretische Philosophie, die praktische und die, welch© 
auf die Einheit des Theoretischen und Praktischen geht, und erklärt, wie die 
Vorstellungen zugleich als sich richtend nach den Gegenständen und diese als 
sich richtend nach den Vorstellungen gedacht wferden können, indem sie die 
Identität der bewußtlosen imd der bewußten Tätigkeit nachweist, d. h. die 
Lelire von der Naturzweckmäßigkeit imd von der Kunst. In dem theoretischen- 
Teile der Transzendentalphilosophie betrachtet Seh. die Stufen der Erkenntni» 
in ilirer Beziehung auf die Stufen der Natur. Die Materie ist der erloschene 
Geist: die Akte und Epochen des Selbstbewußtseins lassen sich in den Kräften 
der Materie und in den Momenten ihrer Konstruktion wiederfinden. Alle 
Kräfte des Universums kommen zuletzt auf Vorstellungskräfte ziu'ück; der 
Leibnizische Idealismus, dem die Materie als der Schlafzustand der Monaden 
gilt, ist, gehörig verstanden, vom transzendentalen in der Tat nicht verscliieden. 
Die Organisation ist darum notwendig, weil die Intelligenz sich selbst in ihrem 
produktiven Übergehen von Ursache zu Wirkung oder in der Sukzession ihrer 
Vorsteliimgen anschauen muß, insofern diese in sich selbst ziirückläuft; dies 
aber kann sie nicht, ohne jede Sukzession permanent zu machen oder sie in 
Ruhe da zustellen; die in sich selbst zurückkelirende, in Ruhe dargestellte 
Sukzession ist eben die Organisation. Es ist aber eine Stxifenfolge der Organi- 
sation notwendig, weil die Sukzession, die der Intelligenz zum Objekt wird, 
innerhalb ihrer Grenzen wieder endlos, die Iiitelligenz also ein unendliches 
Bestreben, sich zu organisieren, ist. In der Stufenfolge der Organisation muß 
notwendig eine vorkommen, welche die Intelligenz als identisch mit sich selbst 
anzuschauen genötigt ist. Nur eine nie aufhörende Wechselwirkung des Indi- 
viduums mit anderen Intelligenzen vollendet das ganze Bewußtsein mit allen 
seinen Bestimmimgen. Nur dadurch, daß Intelligenzen außer mir sind, wird 
mir die Welt überhaupt objektiv; die Vorstellung von Objekten außer mir 
kann mir gar nicht anders entstehen als durch Intelligenzen außer mir, und 
nur durch Wecliselwirkung mit anderen Individuen kann ich zum Bewußtsein 



§ 4. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. 47 

■aeiner Freiheit gelangen. Eine Wechselwirkung von Vemunftwesen durch 
das Medium der objektiven Welt ist die Bedingung der Freiheit. Ob aljer 
alle Vemunftwesen der Vemunftforderung gemäß ilir Handeln durch die Mög- 
lichkeit des freien Handelns aller übrigen einschränken oder nicht, darf nicht 
dem Zufall anvertraut sein; es muß eine zweit© und höhere Natur gleichsam 
über der ersten errichtet werden, nämlich das Rechtsgesetz, welches mit der 
Unverbrüchlichkeit eines Naturgesetzes herrschen soll zum Behvif der Freiheit. 
Alle Versuche, die Rechtsordnung in eine moralische umzuwandeln, sind 
vorfehlt iind schlagen in Despotismus um. Ursprünglich hat der Trieb zur 
Reaktion gegen Gewalttätigkeit die Menschen zu einer Rechtsordnung geführt, 
die für das nächste Bedürfnis eingerichtet war. Die Sicherung guter Verfassung 
des einzelnen Staates liegt zuhöchst in der Unterordnung der Staaten unter 
ein gemeinsames, von einem Völkerareopag gehandhabtes Rechtsgesetz. Das 
allmähliche Realisieren der Rechtsverfassvmg ist das Objekt der Geschichte. 
Die Gescliichte als Ganzes ist eine fortgehende, allmählich sich enthüllende 
Offenbarung des Absoluten. Man kann in der Geschichte nie eine einzelne 
Stelle bezeichnen, wo die Spur der Vorsehung oder Gott selbst gleichsam sicht- 
bar wäre ; nur durch die ganze Geschichte kann der Beweis vom Dasein Gottes 
vollendet sein. Jede einzelne Litelligenz kann betrachtet werden als ein in- 
tegrierender Teil Gottes oder der moralischen W^eltordnung ; diese wird existie- 
ren, sobald jene sie errichten. Die Geschichte nähert sich diesem Ziele vermöge 
einer prästabilierten Harmorüe des Objektiven oder Gesetzmäßigen und des 
Bestimmenden oder Freien, welche nur denkbar ist durch etwas Höheres, was 
über beiden ist als der Grund der Identität zwischen dem absolut Subjektiven 
und dem absolut Objektiven, dem Bewußtsein und dem Bewußtlosen, welche 
eben zum Behuf der Erscheinung im freien Handeln sich trennen. Ist die Er- 
scheinung der Freiheit notwendig unendlich, so ist auch die Geschichte selbst 
eine nie ganz geschehene Offenbarung jenes Absoluten, das zum Behuf des 
Erscheinens in das Bewußte und Bewußtlose sich trennt, selbst aber in dem 
unzugänglichen Lichte, in welchem es wohnt, die ewige Identität und der ewige 
Grund der Harmorüe zwischen beiden ist. Seh. unterscheidet drei Perioden 
dieser Offenbarung des Absoluten oder der Geschichte, welche er als die des 
Schicksals, der Natur und der Vorsehung charakterisiert. In der ersten Periode, 
welche die tragische genannt werden kann, zerstört das Herrschende als völlig 
blinde Macht kalt und bewußtlos auch das Größte und Herrlichste; in sie fällt 
der Untergang der edelsten Menschheit, die je geblüht hat, und deren Wieder- 
kehr auf die Erde nvir ein ewiger W'unsch ist. In der zweiten Periode offenbart 
sich das als Natur, was in der ersten als Schicksal erschien, und führt so all- 
mählich wenigstens eine mechanische Gesetzmäßigkeit in der Geschichte herbei. 
Diese Periode läßt Seh. mit der Ausbreitimg der römischen Republik beginnen, 
durch die die Völker untereinander verbunden wurden und, was bis dalün von 
Sitten und Gesetzen, Künsten xmd Wissenschaften nur abgesondert vinter 
einzelnen Völkern bewahrt wurde, in wechselseitige Berührung kam. Die 
di'itte Periode der Geschichte wird die sein, wo das, was in den früheren als 
Schicksal und Natur erschien, sich als Vorsehung entwickeln und offenbar 
werden wird, daß selbst das, was bloßes Werk des Schicksals oder der Natur 
zu sein schien, schon der Anfang einer auf unvollkommene Weise sich offen- 
barenden Vorsehung war. ,,Wann diese Periode beginnen werde, wissen wir 
nicht zu sagen. Aber wenn diese Periode sein wird, dann wird auch Gott sein." 



48 § 4, Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. 

Auf der notwendigen Harmonie der bewußtlosen und der bewußten Tätigkeit 
beruhten die Naturzweclonäßigkeit und die Kunst. Die Natur Istz weckmäßig, 
ohne eint'iTx Zweck gemäß herv^orgtbracht zu sein. Das Ich selbst aber ist für 
sich selbst in einer und derselben Anschauimg zugleich bewußt und bewußtlos, 
nämlich in der Kunstanschauung. 

Was in der Erscheinung der Freiheit luid was in der Anschauung des Natur- 
produkts getrennt existiert, nämlich Identität des Bewußten und Bewußt- 
losen im Ich und Bewußtsein dieser Identität, das faßt die Anschauimg des 
Kunstprodulctes in sich zusammen. Jede ästhetische Produktion geht aus von 
einer an sich unendlichen Trennung der beiden Tätigkeiten, welche in jedem 
freien Produzieren getrennt sind. Da nun aber diese beiden Tätigkeiten im 
Produkt als vereinigt dargestellt werden sollen, so wird durch dasselbe ein 
Unendliches endlich dargestellt. Das Unendliche, endüch dargestellt, ist 
Schönheit. Wo Schönheit ist, ist der unendliche Widerspruch im Objekt selbst 
aufgehoben; wo Erhabenheit ist, ist der Widerspruch nicht im Objekt selbst 
vereinigt, sondern nur bis zu einer Höhe gesteigert, bei welcher er in der An- 
schauung unwillkürlich sich aufhebt. Das künstlerische Produzieren ist nur 
dorch Genie möglich, weil seine Bedingung ein unendlicher Gegensatz ist. 
Waß die Kunst in ihrer Vollkommenheit hervorbringt, ist für die Beurteilung 
der Naturschönheit, die an dem organischen Naturprodukt als schlechthin 
zufällig erscheint, Prinzip und Norm. Mit der Kunst hat die Wissenschaft 
in ihrer höchsten Funktion eine und dieselbe Aufgabe; aber die Art der Lösung 
ist eine verschiedene, sofern sie in der Wissenschaft mechanisch ist, und das 
Genie in ihr stets problematisch bleibt, während jede künstleiische Aufgabe 
nur durch Genie aufgelöst werden kann. Die Kunst ist die höchste Vereinigung 
von Freiheil und Notwendigkeit. 

Die ,, Zeitschrift für spekulative Physik". 2 Bde., hrsg. von 
Schelling, Jena und Leipzig 1800—01, enthält im ersten Bande neben Ab- 
handlungen von Steffens namentHch eine ..Allgemeine Deduktion des dyna- 
mischen Prozesses oder der Kategorien der Physik" von Schelling, an deren 
Schluß sich die bemerkenswerte Äußerung findet: ,.Wir können von der Natur 
zu uns, von uns zu der Natur gehen, aber die wahre Richtung für den, dem 
das Wissen über alles geht, ist die, welche die Natur selbst genommen hat", 
femer ..Miszellen", unter welchen ein kurzes naturphilosophi«»ches Gedicht 
her\^orgehoben zu werden verdient, das den Grundgedanken derf ortschreitenden 
Entwicklung des in der Natur gleichsam versteinerten Riesongeistes zum Be- 
wußtsein, welches er im Menschen gewinnt, sehr lebendig und klar darstallt. 
Der Mensch kann zu sich im Hinblick auf die Welt sprechen: ,,Ich bin der Gott, 
den sie im Busen hegt, der Geist, der sich in allem bewegt. Vom ersten Ringen 
dunkler KräfU.^ bis zum Erguß der ersten Lebenssäfte, wo Kraft in Kraft und 
Stoff in Stoff verquillt, die erste Blut', die erst© Knospe schwillt, zum ersten 
Strahl von neugobomem Licht, das durch die Nacht wie zweite Schöpfimg 
bricht und aus den tausend Augen der Welt den Himmel so Tag wie Nacht 
erhellt, ist eine Kraft, ein Wer-h; el-piel und Weben, ein Trieb und Drang nach 
immer höherm Leben." 

In der ,,Darstellunpr meines Systems" im zweiten Bande dieser 
Zeitschrift führt Schelling die Nebenordnung der Natur- und Transzendental- 
philosophie auf den Grundgedanken zurück, daß rüchts außer der absoluten 
Vernunft, sondern alle« iu ihr sei, die absolute Vernunft aber als die totale 



S i. Kriedricti Wilholin Joseph Soliclling. 49 

Iiidifft I t?nz lies Subjcktiv^eii und Objektiven gedacht werden müsse. Die Ver- 
nunft ist das Wahif uu sich; die Dinge an sich erkennen, heißt, sie erkennen, 
wie sie in der Vernunft sind. Schelling weist unter biidh'fher Anwendung 
mathematischer Formeln in geometrischer Methode die Stufen der Natur 
als Pot«nzen de? Sul^jckt^^-Obj kts nach. Die Darstelhmg der Stufen des 
Gtiistes feWt. Die Differenz, welche SchelUng (hypothetisch imd mit der Hoff- 
nung auf spätere Einigtmg) zwischen seinem Standpunkt und dem Fichteschen 
findet, bezeichnet er durch den Gegensatz der Formeln : Ich = alias, imd alles = 
Ich; auf jenem Satze beinhte Fichtes subjektiver Idealismus, auf diesem sein 
eigen<!- objektiver ld<ixlisjniis. den Schelling auch das absolute Identitäts- 
systtm nennt. Die mathemiitisehe P'oim der spinozischen Ethik wählt er, 
weil er denjenigen, wekhem er dem Inhalt und der Sache nach am meisten sich 
anzunähern glaixb«-. auch in Aiisehtuig der Foim z\im Vorbild zu wählen den 
meisten Oioind habe. 

Im Jahre 1802 erschien das Gespräch: ..Bruno od. üb. das natürl. 
und göttl. Prinzip der Dinge", Berl. 1802 (2. Aufl. ebd. 1842), worin Seh. 
sich teils an Sätzt> des Giordano ]3r\ino, teils an den Timäus des Piaton anlehnt. 
Neben der Indifferenz wird hier mitimter das Ideale Gott genannt. Teils an 
den Bruno, teils an die Darstelhmg des Systems im zweiten Bande der ,, Zeit- 
schrift für spekul. Physik'": ,,Über den wahren Begriff der Naturphilo- 
soplüe" schließen sich die ,, Ferneren Darstellungen aus dem Systeme der 
Philosophie" an, welche die ..Neue Zeitschrift für spekulative Physik", 
Tüb. 1802, enthält, die auf einen Band beschränkt blieb. In demselben Jahre 
vorband sich Schelling mit Hegel zur Herausgabe der Zeitschrift: ,, Kritisches 
Journal der Philosophie", Tüb. 1802 — O.S. Der in diesem Journal ent- 
haltene Aufsatz: .,Üb. d. Verhältn. der Naturphil, zur Philos. überhaupt" ist 
nicht von Hegel, der übrigens die meisten Beiträge geliefert hat. sondern von 
Schelling verfaßt worden, was sich nach Erdmanns Bemoi-kung aus der Nicht- 
unterscheidung der Logik ;i1s des allgemeinen Teiles der Philosophie von der 
Nntur- und Transzendentalphilosophie, da doch Hegel nachweisbar damals schon 
diese Unterscheidung machte, .schließen läßt. (Michelet in seiner Schrift: 
Schelling und Hegel, Berlin 1839. und Rosenkranz, Seht;lling, Danzig 1843. 
S. 190—195, haben das Gegenteil behauptet. Für Sehellings Autorschaft 
erklärt sich auch Haym, Hegel u. s. Zeit, S. 156 und 495; doch vgl. anderseits 
Rosenkranz und Michelet in der Zeitschrift: ,,Der Gedanke", Bd. I, Berl. 1861, 
S. 72ff., und Michelet, Wahrh. a. m. L-, S. 172ff. Auch die Autoi-schaft der 
Abhandlimgen: Über Rückert imd Weiß, tmd: Über Konstruktion in der 
Pliilosophie, war streitig; mehrfach sind beide Hegel zugeschrieben worden. 
So auch Erdmann, Grundr. d. Gesch. d. Philos. II, T. 614f.) 

Die Grundzüge seines gesamten Lehrgebäudes hat Schelling in populärer 
Form in seine (1802 gehaltenen) „Vorlesungen üb.d.Methodedesakaden». 
Studiums" Stuttg. und Tüb. 1803 (3. Aufl. ebd. 1830, hg. v. O. Braun, 
Lpz. 1907), aufgenommen. Er definiert hier die Philosophie als die Wissen- 
schaft der absoluten Identität, die Wissenschaft alles Wissens, welche das 
Urwissen immittelbar und an sich selbst zum Grund und Gegenstand hat. 
Ihrer Form nach ist die Philosophie eine unmittelbare Vernunft- oder intellek- 
tuelle Axischauimg, die mit ihrem Gegenstande, dem Urwissen selbst, schlecht- 
hin identisch ist. Darstellung intellektueller Anschauung ist philosophische 
Konstruktion. In der absoluten Identität oder der allgemeinen Einheit des 

IT eberwag, Orondriü IV. a 



50 ?? '^- Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. 

Allgemeinen tmd Besonderen liegen besondere Einheiten, welche den Übergang 
zu den Individuen vermitteln: diese nennt Schelling im Anschluß an Piaton 
Ideen. Diese Ideen können nur in der Vernunftanschauung enthalten sein, 
und die Philosophie ist demgemäß die Wissenschaft der Ideen oder der ewigen 
Urbilder der Dinge. Die Staatsverfassung, sagt Schelling, ist ein Bild der Ver- 
fassung des Ideenreichs. In diesem ist das Absolute als die Macht, von der alles 
ausfließt, der Monarch, die Ideen sind die Freien, die einzelnen wirklichen 
Dinge sind die Sklaven und Leibeigenen. Schelling nimmt hiermit den Realismus 
(dieses Wort im scholastischen Sinne verstanden), der seit dem Ausgange des 
Mittelalters von allen namhaften Philosophen aufgegeben worden war und 
nur in der Doktrin des Spinoza in bezug auf die absolute Substanz in gewissem 
Sinne liegt, durch Verschmelzimg dieser letzteren Doktrin mit Piatons Ideen - 
lehre von neuem auf. Die Philosophie wird in drei positiven Wissenschaften 
objektiv, welche nach dem Bilde des innern Typus der Philosopliie sich gliedern. 
Von diesen ist die erste die Theologie, welche als Wissenschaft des 
absoluten imd göttlichen Wesens den absoluten Indifferenzpunkt des Idealen 
tmd Realen objektiv darstellt. Die ideelle Seite der Philosophie, in sich getrennt 
objektiviert, ist die Wissenschaft der Geschichte und, sofern das vorzüglichste 
Werk der letzteren die Bildung der Rechtsverfassung ist, die Wissenschaft des 
Rechts oder die Jurispriidenz. Die reelle Seite der Philosophie wird, für sich 
genommen, äußerlich repräsentiert durch die Wissenschaft der Natur, und 
wiefern diese sicli in der des Organismus konzentriert, die Medizin. Nur durch 
das historische Element können die positiven oder realen Wissenschaften von 
der absoluten oder der Philosopliie geschieden sein. Da die Theologie als das 
wahre Zentrum des Objekt ivwerdens der Philosophie vorzugsweise auf speku- 
lativen Ideen beruht, so ist sie überhaupt die höchste Synthese des pliilosophi- 
ßchen imd historischen Wissens. Sofern das Ideale die höhere Potenz des Realen 
ist, so folgt, daß die jiu'istische Fakultät der medizinischen vorangehe. Dei' 
Gegensatz des Realen und Idealen wiederholt sich innerhalb der Religions- 
geschichte als der des Hellenismus tmd des Christentums. Wie in den Sinnbildern 
der Nattir, lag in den griechischen Dichtungen die Intellektualwelt wie in einer 
Knospe verschlossen, verhüllt im Gegenstand und unausgesprochen im Sub- 
jekt. Das Christentum dagegen ist das geoffenbarte Mysterium; in der idealen 
Welt, die sich in ihm erschließt, legt das Göttliche die Hülle ab, sie ist das laut 
gewordene Mysterium des göttlichen Reiches. Die geschichtsphilosophische 
Konstruktion, die Schelling im System des transzendentalen Idealismus ge- 
geben hat, modifiziert er jetzt in dem Sinne, daß er die bewußtlose Identität 
mit der Natur der ersten Periode als der Zeit der schönsten Blüte der griechischen 
Religion und Poesie vindiziert, dann mit dem Abbrechen des Menschen von 
der Natur das Schickal herrschen, endlich aber die Elinheit als bewußte Ver- 
söhnung wiederhergestellt werden läßt; diese letzte Periode, welche die der 
Vorsehung sei, leite in der Geschichte das Christentum ein. Die Ideen des 
Christentums, die in den Dogmen symbolisiert wurden, sind von spekulativer 
Bedeutung. Schelling deutet die Dreieinigkeit als das Fundamentaldogma dee 
Christentums dahin, daß der ewige, aus dem Wesen des Vaters aller Dinge 
geborene Sohn Gottes das Endliche selbst sei, wie es in der ewigen Anschauung 
Gottes ist, und welches als ein leidender und den Verhängnissen der Zeit unter- 
worfener Gott erscheint, der in dem Gipfel seiner Erscheinung, in Christo, 
die Welt der Endlichkeit schheßt und die der Unendlichkeit oder der Herrschaft 



S 4. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. 5| 

des Geistes eröffnet. Die Mensch werdiing Gottes ist eine Menschwerdung voa 
Ewigkeit. Das Christentum als historische Ersclieinung ist zunächst aus einem 
einzelnen reHgiösen Verein unter den Juden (dem Essäismus) hervorgegangen ; 
seine allgemeine Wurzel hat es in dem orientaUschen Geist, der bereits in der 
indischen Religion das InteUektualsystem und den ältesten Ideaüsmios geschaffen 
und, nachdem er durch den ganzen Orient geflossen war, im Christentiun sein 
bleibendes Bett gefunden hat; von ihm war von alters her die Strömung unter- 
schieden, die in der hellenischen Religion und Kunst die höchste Schönheit 
geboren hat, während doch auch auf dem Boden des Hellenismus mystische 
Elemente sich finden und eine der Volksreligion entgegenstehende Piülosophie, 
vornehmlich die platonische, eine Prophezeiung des Christentums ist. Die 
Ausbreitling des Christentums erklärt sich aus dem Unglück der Zeit, welches 
für eine Religion empfängüch machte, die den Menschen an das Ideale zurück- 
wies, Verleugnvmg lehrte iind zum Glück machte. Die ersten Bücher der Ge- 
schichte und Lehre des Christentums sind nur eine besondere, noch dazu unvoll- 
kommene Erscheinung desselben ; ihr Wert m\iß nach dem Maß bestimmt werden, 
in welchem sie die Idee des Christentums ausdrücken. Weil diese Idee nicht von 
dieser Einzelheit abhängig, sondern allgemein und absolut ist, so darf .sie die 
Auslegung dieser für die erste Geschichte des Cliristentums wichtigen Urkunden 
nicht binden. Die Entwicklving der Idee des Christentiuns liegt in seiner ganzen 
Geschichte und in der neuen, von ihm geschaffenen Welt. Die Philosophie hat 
mit dem wahrhaft spekulativen Standpunkt auch den der Religion wieder 
errungen und die Wiedergeburt des esoterischen Christentums wie die Ver- 
kündigung des absoluten Evangehimas in sich vorbereitet. 

In den Bemerkungen über das Studitim der Geschichte und der Natur 
geht ScheUing von dem Gedanken aiis, daß jene im Idealen axisdrücke, was 
diese im Realen. Er unterscheidet von der philosophischen Geschichtskon- 
struktion die empirische Aufnahme und Ermittlimg des Geschehenen, die 
pragmatische Behandlung der Geschichte nach einem bestimmten durch das 
Subjekt entworfenen Zweck und die künstlerische Synthesis des Gegebenen 
«nd Wirklichen mit dem Idealen, welche die Geschichte als Spiegel des Welt- 
geistes, als ewiges Gredicht des göttlichen Verstandes darstellt. Der Gegenstand 
der Historie im engeren Sinne ist die Bildung eines objektiven Organismiis der 
Freiheit oder des Staats. Jeder Staat ist in dem Verhältnis vollkommen, in 
welchem jedes einzelne GHed, indem es Mittel zvma Ganzen, zugleich in sich 
selbst Zweck ist. Die Natur ist die reale Seite in dem ewigen Akt der Subjekt - 
Objektivierung. Das Sein jedes Dinges in der Identität als der allgemeinen 
Seele und das Streben zur Wiedervereinigung mit ihr, wenn es aus der Einheit 
gesetzt ist, ist der allgemeine Grund der lebendigen Erscheinimgen. Die Ideen 
sind die einzigen Mittler, wodurch die besonderen Dinge in Gott sein können. 
Die absolute, in Ideen gegründete Wissenschaft der Natur ist die Bedingung 
für ein methodisches Verfahren der empirischen Naturlehre ; in dem Experiment 
und seinem notwendigen Korrelat, der Theorie, liegt die exoterische Seite, 
welcher die Naturwissenschaft zu ihrer objektiven Existenz bedarf ; die Empirie 
schUeßt sich der Wissenschaft als Leib an, sofern sie reine objektive Dai-stellung 
der Erscheinxmg selbst ist und keine Idee anders als durch diese auszusprechen 
sucht. Es ist Aufgabe der Naturwissenschaft, in den verschiederen Natur- 
produkten die Denkmäler einer wahren Geschichte der zeugenden Natur zu 
erkennen. Die Kunst ist vollkomniene Ineinsbildung des Realen und Idealen; 



.'S 2 ?j ^- Fripdricli Wilhelm Joseph Schcilinfi'. 

sie teilt niit der Philoi-oi^liic die Aiifliebung dei" Gegensätze der Erscheinung; 
aber .-<ie verhält sidi docli \\ i« denun z\tr Philosopliie. mit der sie sicli mif dem 
letzten Gipfel begegnet, wie Keales zu Jdenlem. l^hilosupliie der Kunst ist not- 
wendiges Ziel des P]iilf>.sop]ien, dei- m dieser das inner«' Wesen seimr Wissen- 
schaft wie in einem nutgisehen und symbolLschen Spiegel schaut. 

Das in den bisher erwähnten ScJiriften dargelegte Identitätssystem 
ist SehelUngs originale Leistung. Immer mtelii- wich von nun an die Fülle eigener 
Produktivität einem Synkretismus und Mystizismus, der immer' trüber und 
doch zugleich prätensionsvoller ward. Von Anfang an war Sehellings Pliiloso- 
phiei-en in seinen einzelnen Scljriften nicht eine Systembildung auf dem Gi imde 
vorangegangener Vertrautheit mit der Gesamtheit der früheren Leistungen, 
sondern vielmehr eine sofortige modifizierende Aneignung von Philosophemen 
»inzehier Denker; je mehr daher sein Studium sich ausl)reitet<;, um so mehr 
mangelte seinem Denken Prinzip \ind System. Einzelne mystische .Aiiklänge 
finden sich schon in den Vorlesungen über akademisches Studium. Ein nn den 
Neuplatonismus und danach auch an Sätze des Jakob BöJime iuiknüplender 
MystizismtiR beginnt Macht zu gewinnen in der diucii Escheiunay ers .,1'hilos. 
in ihr. Übergange z\u- ISichtphilos. ', Erlangen 1803, s. unten (worin Esclienmayer 
ähnlich wie Jacobi ein Hinausgehen über das philosophisclie Denken zum 
religiösen Glauben fordert) provozierten Schrift: ..Philosophie und Ueii- 
gion". Tüb. 1804, in welcher Schelliug die Endlichkeit und Leibhchkeit für 
(in Produkt des Abfalls vom Absoluten, diesen Abfall aber, dessen Versöhnung 
die Endabßicht der Gescliichte sei, für das Mittel zur vollendeten Offenbarung 
<ioU(^ erklärt. Doch sind nur Anfänge dt-s späteren Standpunkts in dieser 
Schrift nachzuweisen. Die (oben erwähnte, der 2. Aufl. der Schrift von der 
VV'eltseele boigegebene) Abhandlung ..Üb. d. Verhältu. des Realen iind 
Idealen in der Natur", wie auch die Schi-ift : ..Darlegung d. wahr. Ver- 
liältnisses der Naturphilos. zu der verbesserten fichteschen 
Lehre, eine Erläutemngsschrift der ersteren ". Tüb. 1806. und die naturphik>- 
sophischen Aufsätze in den (von A. F. Maicus und Schelling lierausgegebenen) 
..Jahrbüchern der Medizin als Wissenschaft'". Tübingen 1806 bis 
1808, zeigen neben theosophischen Elementen doch vorwiegend immer noch 
den alten Gedankenkreis. Freilich sagt er sich in der ,, Darlegung" v(>7\ Fichte 
vollständig los und trägt wie in der Schrift „Über das Verhältnis" die Lehre 
vom absoluten Bande vor, indem dieses oder die Kopula die auf die logische 
Kopula gegründete Identität im Absoluten oder die Untrennbarkeit des End- 
lichen und Unendlichen sein soll. Zugleich ist aber die Kopula mit jedem der 
Iwiiden Verbundenen identisch: Ist ist Ist. Sie ist auch die unendliche Liebe 
seiner srlbst, ,,Das Ist hebt unendlich dae Ist, das Unendliche liebt imendlich 
da« Endliche. " Es läuft dies in Mystik aus : Schelling sagt auch damals geradezu, 
er schäme sicli dew Namens vieler sogenannter Schwärmer nicht, sondern er 
woU«) ilui latit bekennen und sich auch rühmen, von ihnen gelernt zu haben. 
Zugleich aber wird Natiupliilosophie hineingemengt-, indem das Band, das alle 
Dinge bindet und in der Allheit eins macht, in der Natur die Schwere ist. 

Eine Fortbildung der früher geäußerten Gedanken über Schönheit imd 
Kun.st enthält die Festrede: ,, Üb. das Verhältnis der bildenden Künste 
zu der Natur" (München 1807, nexier Abdr. Berl. 1843), welche als das letzte 
Ziel der Kunst die Vernichtung der Forni durch Vollendung der Form bezeichnet: 
wif; die Natur in ihren el(>nientaren Bildxmgen zuerst auf Härte und Verschlossen - 



§ -I. Friedrich Wilhtlni Josej)!) Scheilinfi. 53 

heit hinwirkt und erst in ihrer Vollendung ale die höchste Milde erticheiiit, »> 
soll der Künstler, der der Natur als der ewig schaffenden Urkraft nacheifert 
und die Produkte derselben nach ilirem ewigen, im unendlichen Verstände eut- 
worfenen Begriff im Momente ilires vollendeten Daseins darstellt, erst im Be- 
grenzten treu und walu* sein, um im Ganzen vollendet und schön zu erscheinen 
und durch immer höhere Verbindving imd endliche Verschmelzung mannig- 
faltiger Formen die äußerste Scliönheit in Bildimgen von höchster Einfalt bei 
unendlicheiTi Inhalt zu erreichen. 

Die Theosophie prävaliert, zum Teil infolge des zunehmenden Einflusses 
des der Lehre Jak. Böhmes und St. Martins huldigenden Franz Baader, in den 
,,Philo6. Untersuchungen über das Wesen der menschl. Freiheit 
un«l die damit zusammenhängen üen Gegenstände", welche zuerst 
in den ,,Philos. Schriften", Landshut 1809, ferner Reuthngen 1834, erschie- 
nen sind. Schelling hält an dem Grundsatz fest, daß von den höchsten Be- 
griffen eine klare Vernunfteinsicht möghch sein m\iß, indem sie nur dadurch 
uns wirklich eigen, in \ms selbst aufgenonunen im.d ewig gegründet werden 
können. Er hält auch mit Lessing die Ausbildung geoffenbarter Wahrheiten 
in Vernunftwalirheiten für schlechterdings notwendig, wenn dem menschlichen 
Geschlecht damit geholfen werden soll. Zu diesem Behuf unterscheidet er 
in Gott di-ei Moment«: 1. Die Indifferenz, den Urgrund oder Ungrund, 2. die 
Entzweiimg in Grund und Existenz, 3. die Identität oder die Versöhnung des 
Entzweiten. Der Ungn.ind oder die Indifferenz, worin noch keine Persönlichkeit 
ist, ist nur der Anfangspunkt des göttlichen Wesens, das, was in Gott nicht er 
selbst ist, die imbegreifliche Basis der Realität. In ihm hat das Unvollkommene 
und Böse, das in den endhchen Dingen ist, seinen Gnmd. Alle Natiirwesen haben 
ein bloßes Sein im Grunde oder in der noch nicht zur Einheit mit dem Versta-nde 
gelangten anfänglichen Sehnsucht und sind also in bezug auf Gott bloß peri- 
pherische Wesen. Nur der Mensch ist in Gott und eben diirch dieses In- Gott -sein 
der Freiheit fähig. Die Freiheit des Menschen liegt in einer intelligiblen, vor- 
zeitlichen Tat, durch welche er sich zu dem gemacht hat, was er jetzt ist; der 
empirische Mensch ist in seinem Handeln der Notwendigkeit unterworfen, 
aber diese Notwendigkeit niht auf seiner zeitlosen Selbstbestimmung. Wollen 
ist Ursein. Die Einheit des partikularen Willens mit dem universalen Willen 
ist das Gute, die Trennung das Böse. Der Mensch ist ein Zentralwesen und soll 
darum auch im Zentro bleiben. In ihm sind alle Dinge erschaffen, so wie Gott 
nur durch den Menschen auch die Natur annimmt imd mit sich verbindet. 
Die Natur ist das erste oder alte Testament, da die Dinge noch außer dem Zentro 
imd daher unter dem Gesetze sind. Der Mensch ist der Anfang des neuen 
Bundes, der Erlöser der Natur, durch welchen als Mittler, da er selbst mit Gott 
verbunden wird, nach der letzten Scheidung Gott auch die Natur annimmt 
imd zu sich macht. 

In der Streitschrift gegen Jacobi: ..Denkmal der Schrift Jacobis 
von d. göttl. Dingen und der ihm in derselben gemachten Beschuldigung 
eines absichtl. täuschend., Lüge redenden Atheismus". Tüb.1812, weist Schelling 
die Anschuldigung zurück, seine Philosophie sei Naturalismus. Spinozismus 
und Atheismus. Er sagt. Gott sei ihm beides, A und O. erstes imd letztes, 
jenes als Deus implicitus. unpersönliche Indifferenz, dieses als Deus explicitus, 
Gott als Persönlichkeit, als Subjekt der Existenz. Ein Theismus, welcher dei 



54 $4^ Friedrich Wilhelm Joseph Sohelling. 

Grund oder die Natur in Gott nicht anerkenne, sei unkräftig und leer. Gegen 
die von Jacobi behauptete Identität eines reinen Theismus mit dem Wesentlichen 
im Christentxim richtet Schelling eine herbe Polemik, welche das Irrationale 
und Mystische als das wahrhaft Spekulative verteidigt. 

Die Schrift ,,Über die Gottheiten von Samothrake", Stuttg. und 
Tüb. 1815, die eine Beilage zu den (nicht mit veröffentlichten) ,, Weltaltem" 
bilden sollte, ist eine allegorische Deutung jener Gottheiten auf die Moment« 
de« Gottes der ScheUingschen Al-handlung über die Freiheit. 

Nach langem Schweigen veröffentlichte Schelling 1834 eine Vorrede zu 
Hubert Beckers Übersetzung einer Schrift Victor Cousins (über 
franz. und deutsche Philos.. in den Fragments philosophiques, Par. 1833). 
Schelling bezeichnet hier die Hegelseho Philosophie als eine bloß negative, die an 
die Stelle des Lebendigen und Wirklichen unter Beseitigung des empirischen 
iOlementes den logischen Begiiff gesetzt und demselben durch die seltsame 
Fiktion oder Hypcstasierung die n\ii' jenem zukommende Selbst bewegung 
geliehen habe. Im wesentlichen die gleiche Kritik hat Schelling in seinen zu 
München gehaltenen Vorlesungen ..,Zur Gesch. d. neueren Philos." geübt. 

In seiner Ersten Vorlesung in Berlin (Stuttg. u. Tüb. 1841) erklärt 
Schellinu, er werde die Erfindung seiner Jugend, das Identitätssystem, das 
Hegel nur auf eine abstrakte logische Form gebracht habe, nicht aufgeben, wohl 
aber als negative Philosophie durch die positive Philosophie ergänzen. Hegel 
hat die Logik ausgebildet, d. h. die Wissenschaft des Rationalen oder des 
Nicht-nicht-zu Denkenden. Durch Vernunft wird aber das Irrationale, das in 
dem wirklich Existierenden sich findet, nicht erfaßt. Deshalb soll die positive 
Philosopliie, als eine neue bis jetzt für unmöglich gehaltene Wissenschaft, 
die wirkliche Aufschlüsse zu gewähren, das menschliche Bewußtsein über 
seine gegenwärtigen Grenzen zu erweitern versprach, über die bloße Vernunft - 
Wissenschaft durch Mitaufnahme einer die Resultate hypothetischer Deduktion 
bestätigenden, das Sein (das „Daß") des rational erkennbaren Wesens (des 
.,Was") erkennenden Empirie hinausgehen. Existiert ein ,, transzendentes 
Positives", so ist dieses aus der Religion durch Erfahrung aufzunehmen. Die 
ReUgion ist aber entweder mythologische oder geoffenbarte: deshalb ist die 
positive Philosophie vornehmlich Philosophie der Mythologie und Offen- 
barung, d. h. der unvollendeten und der vollendeten Religion. 

In den Berliner Vorlesungen führte Schelling im wesentlichen nur 
die schon in der Schrift über die Freiheit vorgetragene Spekulation weiter aus. 
Die positive Philosophie will nicht aus dem Begriffe Gottes seine Existenz, 
sondern vimgekehrt, von der Existenz ausgehend, die GöttliclakeJt des Existie- 
renden beweisen. In Gott werden von Schelling unterschieden: 1. das blind 
notwendige oder unvordenkliche Sein, 2. die drei Potenzen des göttüchen 
Wesens: der bewußtlose Wille als die causa materialis der Schöpfung, der 
besonnene Wille als die causa efficiens, die Einheit beider als die causa finalis, 
secundum quam omnia fiunt; 3. die drei Personen, die aus den drei Potenzen 
durch Überwindung des unvordenklichen Seins vermöge des theogonischen 
Prozesses hervorgehen, nämlich: der Vater als die absolute Möglichkeit des 
Überwindens, der Sohn als die überwindende Macht, der Geist als die Vollendvmg 
der Überwindung. In der Natur wirken nur die Potenzen, im Menschen die 
Persönlichkeiten. Indem der Mensch vermöge seiner Freiheit die Einheit der 



§ 4. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling-. 55 

Potenzen wieder aufhob, ward die zweite vermittelnde Potenz entwirklicht, 
d. h, der Herrschaft über das blindseiende Prinzip beraubt und zur bloß natürlich 
wirkenden Potenz erniedrigt. Sie macht sich im Bewußtsein des Menschen wieder 
zum Herrn jenes Seins vmd wird zur göttlichen Persönlichkeit vermöge des 
theogonischen Prozesses, dessen Momente die Mythologie und Offenbarung sind. 
Die zweite Potenz war im mythologischen Bewußtsein in göttlicher Gestalt 
(ir fio^fi d-tov), entäußerte sich aber derselben und ward Mensch, um dxirch 
Gehorsam in Einheit mit dem Vater göttliche Persönlichkeit zu werden. Die 
Epochen der christlichen Zeit bestimmt Schelling, indem er den Fichteschen 
Gedanken, daß der Protestantismus den Paulinischen Charakter trage, das 
Johannes-Evangelimn aber mit seinem Logos-Begriff den christlichen Geist 
am reinsten ausdrücke, weiter ausbildet, als das Petrinische Christentum oder 
den Katholizismus, das Paulinische oder den Protestantismus, und drittens als 
die ,,Johanneskrrche der Zukunft". 

Während der junge Schelling der W^elt mit dem Gefühl des ästhetischen 
Pantheismus gegenüberstand, ist der älter gewordene SchelUng religiös ein- 
gestellt gewesen: das ästhetische Harmoniegefühl der Jugend macht Platz 
einem Gewahrw'erden der tiefen Schatten in der Welt. Das Problem der Un- 
^'oUkommenheit der W^elt erfaßt ihn. Es beschäftigten ihn die Fragen nach 
dem Verhältnis der Welt zu Gott, dem Absoluten, nach der Herkunft des 
Endlichen und des Bösen und dem Endziel des Weltlaufs. Die Antwort auf 
diese Probleme, die ScheUing gibt, weichen von denen des Pantheismus weit 
ab und näherten sich immer mehr dem Christentum. Die Lehre des Theismus 
von der Schöpfving der W^elt durch einen W^illensakt Gottes lehnte er aber ebenso 
energisch ab wie jedes Aufgehenlassen der Welt in Gott. Die EndUchkeit imd 
die Unvollkommenheit der Welt schienen ihm verständlich nur durch einen 
Abfall vom Absoluten. Eine Erklärung desselben hält Schelhng für tmmöglich. 
.,demi er ist absolut und kommt aus Absolutheit, obgleich seine Folge und das 
notwendige Verhängnis, das er mit sich führt, die Nicht-Absolutheit ist". ,,Die 
äußerste Entfernung erreicht der Abfall von Gott in der Icliheit." Aber bei 
ihr setzt dami auch die Rückkehr zum Absoluten wieder ein. In den über- 
irdischen Mächten von Wissenschaft, Kunst und sittlichem Tun vollzieht sich 
die ..Versöhnung und Wiederauflösung in die Absolutheit". 

Es handelt sich vim eine höchst eigentümüche Verschmelzung des christ- 
lichen Gedankens von der Sündigkeit der Ichheit und der W^elt — dieses 
,, verworrenen Scheinbilds gefallener Geister" — iiüt dem Gtoetheschen Gefühl 
von der Göttlichkeit von Wissenschaft, Kunst imd Sittlichkeit. 

Eine Fortexistenz der individuellen Seele nahm Schelling nicht an, nur 
ihr ,, wahres An -sich", ihre ,,Idee" sei ewig. — Ins Phantastisch- Grandiose 
gehen Schelüngs Ideen über die Grestimseelen. Sie sollen die ersten abgefallenen 
Wesen gewesen sein. 

So stark reügiös nun auch Schelling in seiner Spätzeit geworden ist, 
und so sehr er der Theosophie ztmeigte, so darf man doch nicht meinen, daß 
er positiv im orthodoxen Sinne geworden sei. Die ganze alte Rechtgläubigkeit 
ist ihm auch jetzt noch ein ,, Joch". Er hat sich also seiner geistigen Freiheit 
als Philosoph nicht entäußert. (S. W. I, 10, S. 398.) Echte Philosophie muß 
nach wie vor mit jeder Autorität gebrochen haben. (S. 399.) Als Ergebnis der 
völligen Freiheit, des Bruches mit jeder Autorität sieht er aber nicht eine 



5t) ?^ ">. Schelliiigs Schule und sciiu' (ji-isttsverwandteu. 

Abwendung vom Christentum, sondern im Gegenteil ,,«-in frei erkanntes und 
frei angenommenes Cliristentum" an Stelle einer ..verdumpften Theologie" an. 
Dieses Chi'istentimi soll nicht verwässert sein. Den Deismus nennt er geradezu 
,,die vollkommene Abolition alles Christlichen". Er hält vielmehr an der Tat- 
sache der Offenbanuig im eigentlichen Sinne fest. ,,Mit der Offenbarung sich 
beschäftigen, um sie nur wieder in Plülosophie, d. h. in das, was iniabhängig 
von ihr schon gewvißt ist, aufzulösen, wäre ein der Philosophie unwürdiges 
Treiben, da sie vielmehr immer auf Erweitenxng des mcnsclüichen Wissens 
bedacht sein soll." (S. W. I. Bd. 10, S. 401.) In dieser Unabhängigkeit der 
Offenbarung und des Glaubens von allem gewöhnlichen Erkennen erblickt er 
auch den wahren Sinn der unverstandenen, daruin so viel mißbra\ichten 
Glaubensfreiheit". (S. W. I, Bd. 10, S. 406.) 

Den Pantheismus Hegels, der Gott diu-ch die Natur hindurch gehen läßt, 
um seiner selbst bewußt zu werden, nennt Schelliug ,, monströs", vmd seinen 
Gott ..ein anfänglich austemhaftes Absolutes". (S. 397.) 

§ 5. Schellings Schule und seine Geistesverwandten. 
Unter den zahlreichen Anhängern und Geistesverwandten Schellinge 
sind für die Geschichte der Philosophie besonders folgende von 
Bedeutung, in deren Nennung wir von Männern, die sich enger 
an Schelling, besonders an die erste Form seiner Lehre anschlösse.) 
und hier an die Naturphilosophie, zu solchen fortgehen, die zu 
ihm in einem freieren Verhältnis standen 'und zum Teil ihrerseits 
auf ihn Eirfluß geübt haben: Georg Michael Klein, der treue 
Darsteller des Identitätssystems und engste Anhänger Schellings, 
Joh. Jakob Wagner, der den Partheismus des Identitätssystems 
gegenüber dem Neuplatonismus und Mystizismus in Schellings 
späteren Schriften festhält, an, die Stelle des Ternars oder der Tricho- 
tomie aber den Quaternar oder die vierteilige Konstruktion setzt, 
der um die Geschichte der Philosophie verdiente *- ^ef- ^' Anton 
Friedr. Ast, der seinerzeit durch sein Handbuch der Geschiclite 
der Philosophie bekannte Thaddäus Anselm Rixner. der Natur- 
forscher Lorenz Oken, nach welchem alle Philosophie nur Natur- 
philosophie ist, der Pflanzen physiologe Nees v. Esenbeck, der 
Pädagoge und Religionsphilosoph Beruh. Heiiu". Blasche, der 
Erkenntnistheoretiker Ignaz Paul Vital Troxler , welcher in mancher 
Hinsicht von Schellings Lehre abweicht, Adam Karl Aug. Eschen - 
mayer, der die Philosophie schließlich in Nichtphilosophie oder 
religiösen Glauben übergehen läßt, die Katholiken Joseph v. Gör res 
und Wendischmann, der mystisch-naturphilosophische Psychologe 
und Kosmologe Gotthilf Heinr. v. Schubert, der die Schellingsche 
Naturphilosophie mit besonnenem Empirismus verbindende Physio- 
loge und Psychologe Karl Friedr. Burdach, der geistvolle Psycho- 



§ 5. Schelling's Schule iin<l seine «ieistesverwandten. ö? 

logeund Kranioskopiker Karl Gust. (' a r u s , der Physiker HansC'hriatia« 
Oersted, der Ästhetiker Karl Wilh. Ferdinand Solger, der viel- 
seitig gebildete, schließlich dem strengen Konfession alismus der 
Altlutheraner huldigende Heinrich Steffens, der mit Steffens be- 
freundete Astronom und Rechtsphilosoph Joh. Erich v. Berger, 
der aber später Hegel nahe stand. 

Der Theosoph Franz v. Baader, der von Schelling zwar viel- 
fach beeinflußt ist, aber auf diesen selbst wieder eingewirkt hat, 
ist Stifter einer besonderen philosophischen Richtung geworden. 
Er hat sich vielfach an Jakob Böhme angelehnt und mit dessen 
mystischen Gedanken Kantische und Fichtesche Elemente ver- 
bunden. Er behauptete einen Parallelismus zwischen dem ,. Reich 
der Natur" und dem ,, Reich der Gnade". 

Von Schelling wurden in ihrer Jugend auch Krause, Schleier- 
macher und Hegel beeinflußt. 

Mit gewissen neuschellingschen Prin.zipien stimmt der anti- 
rationalistische, theologisierende Rechtsphilosoph Friedrich Julius 
Stahl überein (obwohl derselbe gegen die Bezeichnung seiner Ge- 
Bamtrichtung als ,,Neuschellingianismus" protestiert). Über ihn sowie 
einige andere dem spekulativen Theismus nahestehende Denker, auf die 
besonders der spätere Schelling Wirkmig übte, vgl. unten. 

Für den Zweck der vorliegenden Daj-stellung muß es genügön, von den 
Denkern zweiten Ranges die Havipt schritten zu nennen und ihre wichtigsten 
Gedanken anzugeben. Wer genauere Belehrung sucht, sei aiif Erdmanns 
umfassende Gesamtdarstellung in s. Versuch e. wiss. Darstellung d. Gesch. d- 
neueren Philos., Bd. III, 2 und in s. Gesch. d. n. Philos., Bd. III verwiesen. 

G. M. Kleins (geb. 1776 zu Alitzheim in Bayern, lange im Gymnasial - 
dienst, gest. 1820 als Prof. der Philosophie in Würzburg) ganz auf Schellingschen 
Schriften und Vorträgen beruhendes Hauptwerk ist: Beiträge z. Stud. d. 
Philos. als Wissenschaft des All, nebst einer voUständ. und faßl. Darstellg. 
ihrer Hauptmomente, Würzburg 1805. Speziell hat derselbe die Logik. Ethik 
und Religionslelire nach den Prinzipien des Identitätssystems, aber doch 
etwas vollständiger, bearbeitet in den Schriften: Verstandeslehre, Bamberg 
1810, umgearbeitet als: Anschauungs- und Denklehre, Bamb. u. Würzbg. 1818; 
Versuch, die Ethik als Wissenschaft zu begründen, Rudolstadt 1811; Dar- 
Btellunp der ph, Relig. u. Sittenlehre, Bamb. u. Würzbg. 1818. In der letzten 
Schrift suchte er das Identitätssystem als der Religion imd Sittlichkeit im- 
gefährlich zu erweisen und ging dabei auch auf den Vemunftglauben Kants 
zurück. 

Eine verwandte, jedoch der Fichteschen näher stehende Richtung ver- 
folgte Joh. Jesus Stutzmann (geb. 1777, gest. als Gymnasiallehrer u. Privat- 
dozent in Erlangen 1816), Philos. Untersuchung üb. d. Gründe aller Moral 
u. Religion, in: Henkes Mus. d. Relig. 1803. Systemat. Einleit. in die Religions- 
philos., Götting. 1804. Philosophie des Universums als Organisation 
des gesamten Wissens, Erlang. 1806. Er will darin darlegen, daß die Pliilo- 



58 § 5, Schellings Schule und seine Geistesverwandten. 

Bophie nicht in Natur-, Ideal- tmd Kunstphilosophie auseinandergelegt werden 
müsse, sondern daß in jedem dieser drei Teile das ganze Universum, nur von 
versclüedenen Seiten aus, betrachtet werden müsse. Philos. d. (Jesch. der 
Mensclih., Nürnb. 1808. Grundzüge des Standpunktes, Geistes u. Gesetzes 
der universell. Philos., Nürnb. 1811. Pseudonyin (Machiavel d. Jüngere): 
Denkmal dem Jahre 1813 gesetzt, Nürnb, 1814. 

Joh. Jak. Wagner (geb. 1775 in Ulm, lange Zeit, seit 1803 ao. Prof. in 
Würzburg, einige Jalire mit Schelling daselbst zusammen, zuletzt ihm aber 
entfremdet, gest. 1841 in Neu-Ulm). U. a. : Philos. der Erziehungskunst, 
Lpz. 1802. Von der Natur der Dinge, Lpz. 1803. Syst. d. Idealp hilos. , Lpz. 
1804. Gnmdriß der Staatswiss. u. Politik, Lpz. 1805. Theodicee, Bamberg 
1809. Mathematische Philos., Erlang. 1811. Der Staat, Erlang. 1811. Organon 
der menschl. Erkenntnis, Erlang. 1830, Ulm 1851. Kleine Scliriften, 
3 Tle., auch unter dem Titel: Strahlen deutscher Weltanschauung, hg. v. 
P.L.Adam, Ulm 1839 — 47. Nachgelassene Schriften, 1. bis 7. Teil, Metaphysik, 
Logik, Erkenntrüslehre, Naturphilosophie, Anthropologie, Ästhetik, Praktische 
Philosophie, hrsg. von dems., Ulm 1852 — 57. Joh. Jak. W., Lebensnaclirichten 
u. Briefe, von Phil. Ludw. Adam und Aug. Kothe, Ulm 1849, neue Ausg. 1815. 
Nachweis über Nachlaßstücke Kantstudien Bd. XVII, S. 115. — W^agner 
schloß sich zunächst an die Naturphilosophie Schellings eng und mit 
Begeisterung an, indem er dessen Gedanken nur in mehr mathematischer 
Weise auszuführen suchte. Durch die theologischen und neuplatonischen 
Elemente, die später in Schellings Philosophie hervortraten, wurde er ihm 
ganz entfremdet, so daß er ihn sogar aufs heftigste angriff. Die intellektuelle 
Anschauimg und absolutes Wissen seien leere Redensarten, das Absolute sei 
nicht zu erkennen, sondern niu" anzuerkennen. Wugner selbst suchte die Mathe- 
matik eng mit der Philosopliie zu verbinden. Die begriffenen mathematischen 
Sätze sollen mit den Formen des Denkens und der Sprache übereinstimmen. 
Denken ist Rechnen; eine chemische Analyse ist nichts als eine Division. 
Das Grvmdscliema alles Seins bildet nach dem ,, Organon" die Tetrade: Wesen, 
Gegensatz, Vermittlung, Form, und das allherrschende Gesetz lautet: Das 
Wesen der endhchen Dinge geht durch vermittelte Gegensätze in Form über, 
und ebenso geht die Form durch Löstmg aller Vermittlung tmd Erlöschen 
aller Gegensätze in das einfache Wesen zurück. So zerfällt das Organon in 
vier Teile: Ontologie, d. i. das System von den Kategorien, Erkenntnissy^tem, 
Sprachsystem und W^eltsystem. 

F. Ast (geb. 1778 in Gotha, seit 1805 Prof. d. klass. Literatur in Landshut. 
seit 1826 in München, wo er 1841 starb), Handb. d. Ästhetik, Lpz. 1805. Gnmd- 
linien der Philos., Landshut 1807, 2. Aufl. 1809. Grundriß e. Gesch. der 
Philos., ebd. 1807, 2. Aufl. 1825, worin er als erster den Versuch machte, 
in der geschichtlichen Entwicklung der Philosophie eine vernünftige Not- 
wendigkeit nachzuweisen. Piatons Leben vi. Schriften, Lpz. 1816, worin er 
die früheren Annahmen mehrfach bekämpfte. 

Thaddaeus Ans. Rixner (geb. 1776 zu Tegemsee, seit 1787 Bene- 
diktiner in Metten, liierauf Lelu^er an verschiedenen Lyzeen, zuletzt am Am- 
berger, gest. 1838 in München), Aphorismen aus der Philos., Landshut 1809, 
umgearbeitet Sulzbach 1818 unter dem Titel: Aphorismen der gesamten 
Philosopliie, I: reintiieoretische Philosophie, II: praktische vmd ästhetische 
Philosophie. In diesem Werke folgte er der früheren Schellingschen Richtung. 



§ 5. Schellings Schule und seine Geistesverwandten. 59 

Später neigte er etwas zu Hegel in seinem Handb. d. Gesch. d. Philos., ebd. 
1822 — 23, 2. Aufl. 1829; Supplementband, verfaßt v. Viktor Philipp Gum- 
posch, ebd. 1850. Mit Thaddaeus Siber zusammen gab er Leben und Meinungen 
berühmter Physiker am Ende des 16. und zu Anfang des 17. Jahrhunderte 
heraus, Sulzb. 1809-26. 

Gottfr.Reinh.Treviranus(geb.inBremenl776.dortge8t. als Gymnasial- 
professor 1837), auf zoologischem und besonders botanischem Gebiet tätig, 
vertrat den Entwicklungsgedanken, indem er auf Vererbbarkeit beruhende 
langsame Entwickliing der Lebewesen lehrte. Biologie od. Philos. der lebenden 
Natur, 6 Bde., Götting. 1802-22. 

Lorenz Oken (geb. in Freiburg 1779, 1807 — 19 zuerst Professor der 
alten Geschichte, dann der Philosophie und Naturgeschichte in Jena, später 
in München, zuletzt in Zürich, gest. 1851), Die Zeugung, Bamberg u. Würzb. 
1805 (die Samenbildving ist Zersetzung des Organismus in Infusorien, die 
Fortpflanzimg ist eine Flucht des Bewoliners aus der einstürzenden Hütte. 
Elemente des organischen Körpers sind ,, Bläschen" die ,,im Wasser zu Tieren, 
in der Luft zu Pflanzen determiniert werden", eine Vorahnung der Zellstruktur; 
doch war die ganze Lehre von Oken nicht auf Gnind von Beobachtungen, 
sondern rein deduktiv als eine Folge der Kugelgestalt der Planeten aufgestellt 
worden). Über das Universum, Jena 1808. Lehrb. d. Naturphilos., 
3 Bde. Jena 1809-11, 2. A. 1831, 3. A. Zürich 1843. Isis, enzyklopädische 
Zeitsciirift, Jena 1817 — 43. Nachweis ü. O. s. Nachlaß, Kantst., XVII,S.114. 
Von der Theosophie Schellings woUte Oken, der dem Christentvun fernstand, 
nichts wissen, umgekehrt äußerte sich Schelling, der von der Naturphilosophie 
Okens in seiner Würzburger Zeit stark beeinflußt worden war, in späterer 
Zeit sehr abfälhg über Okens Lehre. Jedenfalls ist er unter den Naturphilo- 
sophen aus dem Schellingschen Kreise der hervorragendste und ist als Natur- 
philosoi)h bedeutender als Schelling selbst. Oken ist Pantheist: Alles, was 
\^ar sehen, sind Gedanken Gk)ttes. Die Naturkörper sind erstarrte Gedanken 
Gtottes. Da sein Denken keinen Anfang vmd kein Ende hat, ist auch die Welt 
anfang- und endlos. Alles ist Gott, außer ihm existiert nichts. Alles Seiende 
ist materieller Natur. Nie gab es ein Chaos. Die unnaittelbare Position Gottes 
ißt der Äther. Beide sind identisch. Gottes Selbstbewußtsein ohne besondere 
Gedanken ist das Licht, der leuchtende Gott. Die Organismen sind nicht er- 
schaffen, sondern haben sich aus dem Urschleim entwickelt. Die Naturphilo- 
sophie ist für Oken die Lehre von der ewigen Vei^wandlung Gottes in die Welt, 
welche sein Selbstbewußtseinsakt ist, und zwar gilt ihm die ganze Pliilosophie 
aJs Naturplailo Sophie. Zwar behandelt er auch Wissenschaft, Staat, Kunst, 
aber alles dies ist ihm nichts als Naturerecheinung. Der G^ist ist nur die 
geistige Natior, die Natur der schwere Geist. Das Tierreich ist der in seine 
Bestandteile auseinandergelegte Mensch, indem sich bei diesem in kleine 
Organe gesammelt hat, was auf die verschiedensten Tierklassen verteilt ist. 
Die auf den niederen Stufen selbständigen Gregensätze keliren auf den höheren 
als Attribute wieder. Der Mensch ist das vollkommene Tier, sein Verstand ist 
göttUcher Verstand. Die Kunst ist Darstellvmg des Willens der Natur. Am 
höchsten steht die Philosophie, innerhalb ihrer die Regierungskunst. Der 
höchste, götthche Mensch ist der (Kriegs-) Held. Von großer Bedeutung war 
Okens Auffassimg des Schädels als Verbindung modifizierter Wirbel (Ü. d. 
Bedeut. d. Schädelknochen, Bamb. 1807). Sehr verbreitet war O.s Natui- 



60 § ■'>. Schellin^s Schul«' und steine Geistesverwandten. 

ye«eh., 13Bde., Stuttg. 1833 — 41, bes. tüchtig s. Lehrb. d. Naturgesch. 1813 — 26. 
Dirrch die ..Isis"' viärkte Oken für Verbreitxing naturwissenschaftlicher Kennt- 
nisse. Anch ist er der Begründer der Jahresvorsamml. Deutscher Naturforsch. 
11. .\rzte. 

Nees V. Esenbeck (1776 — 1858, hatte Medizin studiert, auch eine 
Zeitlang als Arzt praktiziert, wurde 1817 Professor der Botanik in Erlangen, 
dann in Bonn imd Breslau, 1852 wegen Teilnahme an der Arbeiterbewegung 
aus seinem Amte entlassen), Das System der spekulativen Philosophie. Bd. I: 
Naturphilosophie, Glogau und Leipzig 1842. Allgemeine Formenlehre der Natur, 
Breslau 1852. 

Bernh. Heinr. Blasche (1776—1832, starb zu Waltershausen als 
Schwarzburger Edukationsrat). Über das Wichtigste, was in der Naturphilo- 
sophie seit 1801 istgeleistetworden. in,,Isis" 1819, H. IX. Das Böse im Einklang 
mit der Weltordnvmg, Lpz. 1827. Handb. d. Erziehvmgswiss., Gießen 1828. 
Pliilos. der Offenbanmg, Lpz. 1829. Die göttl. Eigenschaften, Lpz. 1831. 
Philos. Unsterbliehkeitslehi'e, oder: vie offenbart sich das ewige Leben? 
Erfurt u. Gotha 1831. Seine Schriften suchen die Schellingsche Identitätsieirre 
zu popularisieren. Da^s Universiun als Einheit betrachtet ist Gott, in seiner 
sich verändernden Mannigfaltigkeit Welt. Nur für den, der das Ganze nicht 
ins Auge faßt, eil)t es Übel und Bösen. — Blasche war besonders auf pädago- 
gischem Gebiete tätig. 

Ignaz Paul Vitalis Troxler (1780 — 1866, war lange Zeit Arzt, zuletzt 
Professor der PhiloBopliie nacheinander in Luzem, Basel und Bern), huldigte 
in seinen ersten Schriften, so in seinen Ideen zur Grvmdlage der Nosologie 
und Therapie, Jena 1803, in der Über das Leben imd sein Problem, Götting. 
1807, in den Elementen der Biosophie, Augsb. 1807, der Schell ingschen Natur- 
philosopliie. In seinen späteren Schriften, die manches Ähnliche mit den Schriften 
Joh. Jark. Wagners aufzeigen, wandte er sich von ihr ab. Blicke in das Wesen 
des Menschen, Aarau 1812. Natm-lehre des menschl. Erkennens, Aarau 1828. 
Logik der Wissensch. des Denkens vuid Krit. aller Erkenntnis, Stuttgart und 
Tübingen 1829 — 30. Vorlesungen über die Philos., als Enzyklopädie vind 
Methodologie der philos. Wissenschaften, Bern 1835. Troxler huldigt der 
tetradischen Konstruktion, der Tetraktys, die er anthropologisch begründet: 
Geist und Körper als absoluter Gegensatz, Seele und Leib als relativer Gegen- 
satz, der die Glieder des absoluten vermittelt. 

Werber (D. Lehre von der menschl. Erkenntnis, Karlsr. 1841, Ab- 
handlungen: I. D. Entstehung d. menschl. Sprache u. ihre Fortbildg., IL Gnmd- 
lagen der Philos. des Schönen u. d. Philos. des Wahr., Heidelb. 1871 — 73) der 
seinem Berufe nach Mediziner, sich an Troxler anschloß. 

Karl Adolf Eschenmeyer (1770 — 1852, seit 1811 in Tübingen a. o. 
Prof. der Philos. imd Medizin, seit 1818 daselbst o. Prof. der praJct. Philos.. 
seit 183G Privatmann in Kirchheim, wo er auch starb), D. Philos. in ihr. Über- 
gänge zur Nichtphilo.«., Erlang. 1803, eine Schrift, die Einfluß auf Schelling 
hatte, s. ob. Der Eremit u. der Fremdling, 1805. Einl. i. Natur u. Gesch., 
1806. Send.schr. a. Schelling, 1813. Psychologie, Tüb. 1817, 2. Aufl. 1822. 
System der Moralphilos., Stuttg. u. Tüb. 1818. Normalrecht, ebd. 1819—20. 
Religionsphilos., 1. Teil: Rationalismus, Tüb. 1818, 2. Teil: Mystizismus, 
ebd. 1822, 3. Teil: SupranaturaJismus, ebd. 1824. JMysterien d. Innern Leb., 
erläut. aus der Gesch. der Seherin von Prevorst, Tüb. 1830. Gnmdr. d. Natur- 



§ 5. KcliHlIinps SehuU- und soiiio Goistesverwandton. ß| 

phil., ebd. 1832. Die Hegeische ReligionHphilos., ebd. 1834. Der IschariotißmiiH 
unserer Tage, ebd. 1S35 (gegen Strmxß). Cljarakteristik d. Unglaubens, ebd. 
1838. Grundzüge einer christl. Philo8.. Basel 1841. Über die Philosophie muß 
man zur ..Nichlphilosophie " hinausgehen. Der Glaube Hteht über der Speku- 
lation und will diene nicht vei-werfen, .sondem ergänzen. Die übersinnlichen 
Ideen, d. h. die des Walrren, Guten und Schönen, sowie die Gottes, der Freiheit 
«nd derünsterbhchkeit sollen nur durcheinun mittelbares Wissen erfaßt werden. 
In seiner Religionspliilosopliie stellt er üVier den Rationalismus und Mystizismus 
den Supranatiu'alismus. Gegen Ende »eine« Lebens beschäftigte sich E. mit 
Geistererscheinungen uu'l Jinderen okkulten Phänomenen. 

Gotthilf Heinr. (v.) Schubert (26. IV. 1780 bis 1. V'II. 18l'0. stu- 
dierte in Jena bei Schelling, in vielfachen Lebensstellungen, Prof. in Erlangen 
imd München), Alindimgen einer allgem. Gesch. des Lebens, Lpz. 1806 — 21. 
Ansichten von der Nachtseite der Naturwiss.. Dresd. 1808. 4. Aufl. 1840. 
entstanden aus natxirphilosophischen Vorträgen, die er in Dresden gehalten 
hatte. Ü. Größenverhältiiisse u. Exzentrizitäten des Weltalls, Dresd. 1808. 
Handbuch, d. Natiu-gesch. . Xürnbg. 1813. Allg. Naturgesch.. Erl. 1826. um- 
gearbeitet zur Geschichte der Xatur, 3 Bde., ebd. 18.35 — 37. Ü. Einheit im 
Bauplan der Erdveste, Münch. 1835. Die Symbohk des Traumes, Bamberg 
1814, 4. Aufl. 1862. Die Urwelt u. die Fixsterne, Dresd. 1823, 2. Aufl. 1839. 
Die Gesch. der Seele, Tüb. 1830. 5. Aufl. Stuttg. 1878, sein bekanntestes 
Werk, phantaeievoll. träumerisch-mystisch, anregend, aber ohne wiss., ge- 
naueres Eingehen auf die ps>-chologischen Problem*-. Die Seele ist der Üljergang 
von Materit zu Geisi. Ein Au.szug daraus: Lehrb. d. Menschen- u. Seelenkunde, 
Erlang. 1838, 2. Attfl. 1842. Altes n. Neues a. d. Gebiete der inneren Seelen- 
kunde, Lpz. 1816, 2. Aufl. 5 Bde.. Lpz. u. Erlang. 1817 — 44, neue Folge 2 Bde.. 
3. Aufl. Frkf. 1856—59. Die Kiankheiten und Störungen der menschüchen 
Seele, Stuttg. 1845. Vermischte Schriften. 2 Bde., Erlang. 1856 — 60. Der 
Erwerb avis einem vergangenen imd die Erwartungen von einem künftigen 
Leljien, eine Selbstbiographie, 2 Bde., Erlang. 1854 — 56 (wichtig f. d. Geistes- 
gesch. d. Zeit). Seh. schloß sich in seinen ersten Schriften der Naturphilosophie 
Schellings an, später beschäftigte er sich viel mit Seelenproblemen und huldigte 
mystischen Anschauungen. Er ist nicht Pantheist vmd stellt den Geist über 
die Natur. 

Die Tendenzen der Zeit zum Okkultismus fanden besondere Belebung 
durch den Ai'zt imd Dichter .Justinus Keruer, der deshalb hier mit genannt 
sei (geb. 18. Septbr. 1786 in Liidwigsbvirg, gest. 1862 in s. langjährigen Wohn- 
ort Weinsberg). Er vertritt den spiritistischen Mystizismus vmd nahm die 
mittelalterliche Lehre von Besessenheitszuständen wieder auf. Er hat selbst 
mehrere derartige, von ihm beobachtete Krankheitsfälle im Sirme dieser Theorie 
besclirieben. Großes Aufsehen machten seine Studien ülser die sogenannte 
Seherin von Prevorst. in welchem Fall der junge D. Fr. Strauß sich damals 
auf seine Seite gestellt hat. Die hypnotischen und hj-pnoseähnüchen Zustände 
deutete Kemer teils im Sinne der Inspiration bzw. Besessenheit, teils auch 
als „magnetische" Zustände. Auch an Visionen, die Fähigkeit der Somnam- 
bulen, Heihnittel zu finden, u. a. glaubte er. - Kritisch benutzt, bieten manche 
von ihm mitgeteilte Krankheitsgeschichten noch heute interessantes psycho - 
pathologisches Material. Die Seherin von Prevorst; Enthüllungen ü. d. innere 
T^ben des Menschen u. das Hineinragen einer Geisterwelt in die unsere. Stuttg. 



62 § 5. Sehellings Schule imd seine Geistesverwandten. 

u. Tüb. 1829, 5. Avifl. 1877; auch in Reclams Univ.-Bibl. ; Geschichten Be- 
sessener neuerer Zeit, Karlsruhe 1834; Nachricht v. d. Vorkommen des Be- 
sessenseins, Stuttg. 1836; E. Erscheinung a. d. Nachtgebiete d. Natur, ebd. 
1836; Die somnambulen Tische, ebd. 1853. Blätter aus Prevorst, Karlsr., 
später Stuttg. 1835—39; Magikon, Stuttg. 1840 — 53. 

C. F. Burdach (1776 — 1847), Der Mensch nach den verschiedenen Seiten 
seiner Natur, Stuttg. 1836.. 2. Aufl. a. u. d. T. : Anthropol. für das gebild. 
Publilvimi, hrsg. von Ernst Burdach, ebd. 1847. Blicke ins Leben, Bd. I— II: 
Komparative Psychol., Bd. III: Sinnenmängel und Geistesmacht, Lebens- 
bahnen, Bd. IV: Rückblick auf mein Leben, Lpz. 1842 — 48. 

Dav. Theod. Aug. Suabedissen (1773—1835, seit 1822 Prof. der Philo- 
sophie in Marburg), Die Betrachtung des Menschen, 3 Bde., Kassel u. Lpz. 
1815—18. Philos. und Geschichte, 1821. Zvir Einl. in d. Philos., Marburg 
1827. Grundzüge d. Lehre vom Menschen, ebd. 1829. Grundzüge d. ph. Reli- 
gionslehre, ebd. 1831. Grundzüge d. Metaph., ebd. 1836. Suabedissen war 
ebensosehr durch Kant, Reinhold tmd Jacobi wie durch Schelling angeregt. 
Die Selbsterkenntnis ist ihm das Zentrum des philosophischen Erkennens, 
indem ihm die Philosophie Wissenschaft vom Leben des Menschen ist, in seinem 
Verhältnis zu beiden, zu Gott und zur Welt. 

Karl Gust. Carus (1789 — 1869, seit 1815 in Dresden als Direktor der 
medizinisch-chirurgischen Akademie, seit 1827 Leibarzt des Königs), Grund- 
züge der vergleich. Anatomie u. Physiologie, Dresd. 1825. Vorlesungen über 
Psychol., Lpz. 1831. Syst. der PhysioL, Lpz. 1828-40, 2. Aufl. 1847-49. 
Gnmdzüge der Kranioskopie, Stuttg. 1841. Psyche. Z. Entwgesch. der Seele, 
Pforzheim 1846, 3. Aufl., Stuttg. 1860. Physis.* Z. Gesch. d. leibl. Lebens, 
Stuttg. 1851. Symbolik der menschl. Gestalt, Lpz. 1853, 2. Aufl. 1857. Or- 
ganen der Erkenntnis der Natur u. d. Geistes, Lpz. 1853. Vergleichende Psychol. 
oder Gesch. der Seele in der Reihenfolge der Tierwelt, Wien 1866. In seinen 
philosophischen Arbeiten huldigte er einem ästhetischen Naturpantheismus. Vgl. 
Karl Gust. Carus, Lebenserinnerungen und Denkwürdigkeiten, 4 Bde., Leipzig 
1865. Carus hält die morphologische Gestaltung des Organismus nur für 
verständlich, wenn man sie als hervorgebracht durch die Seele ansieht. 
Der Aufbau des Organismvis geschieht durch vmbewußte psychische Funk- 
tionen. Das Bewußtsein erhebet sich erst allmählich aus jenen vorbewußten 
Bedingungen. „Der Schlüssel zur Erkenntnis vom Wesen des bewußten 
Seelenlebens liegt in der Region des Unbewußtseins." Carus hat durch 
diese Lehren stark auf I. H. Fichte gewirkt. [Vgl. dessen Anthropologie, 
3. Aufl. S. 295]. 

Frederik Christian Sibbern •(1785 — 1872), Professor in Kopenhagen, 
der sich wesentlich an Schelling anschließt tmd nicht ohne Bedeutung für das 
Greistesleben in Dänemark gewesen ist. Sein vorzüglichstes Werk ist : Menneskets 
aandelige Natur og Vasen (des Menschen geistige Natur und Wesen), 2 Bde., 
Kopenhagen 1819 — 28, in späteren Auflagen unter dem Titel: Psychologie. 
Femer hat er geschrieben: Logikens Elementer, Kopenh., 3. Avifl. 1866. Med- 
delelser af Inholdet af et Skrift fra Aaret 2135 (Mitteilungen avis dem Inhalt 
einer Schrift von J. 2135), eine utopistische Darstellung sozialer imd religiöser 
Ideale. S. über Sibbern auch in Bd. V über dänische Philosophie. 

H. Chr. Oersted (1777 — 1851, Entdecker des Elektromagnetismus), 
Der Geist in d. Natur, Kopenh. 1849 — 50, deutsch v. K. L. Kannegießer mit 



§ 6. Schellmgs Schule und seine Geistesverwandten. 6'^ 

e. biogr. Skizze v. P. L. Möller, Lpz. 1850, 6. Aufl. ebd. 1874. Neue Beiträge 
zu dem Geist in d. Nat., deutsch, Lpz. 1851. Die Naturwissensch. in ihr. Ver- 
hältnis zu Dichtkunst u. Religion, deutsch, Lpz. 1850. Die Naturwissensch. 
u. die Geistesbildung, deutsch, Lpz. 1850. Gesanunelte Schriften, deutsch 
Ton Kannegießer, 6 Bde., Lpz. 1851 — 53. S.überihninBd. Vindem Paragraphen 
über dänische Philosophie. 

Karl Wilh. Ferdinand Solger (geb. 1780 in Schwedt [Uckermark], 
auch altphilologisch gebildet und tätig, seit 1811 Prof. d. Philos. in BerUn, 
gest. 1819). Erwin, Vier Gespräche über das Schöne und die Kunst, Berl. 1815, 
neue Ausg. Berlin 1907. Philos. Gespräche, Berl. 1817. Nachgel. Schriften 
u. Briefwechsel hg. v. Ludw. Tieck u. Fiiedr. v. Raumer, 2 Bde., Lpz. 1826. 
Vorles. ü. Ästhetik, hg. v. K. W. L. Heyse Berl. 1829. Soigers Votiim im Fichte- 
Konflikt bei M. Lenz, Gesch. d. Univ. Berlin, Halle 1910, IV, S. 157ff. Solger 
ist beeinflußt von Fichte xmd SchelUng, die er beide gehört hatte und für die be- 
deutendsten Denker seiner Zeit erklärt, daneben auch von Spinoza. Manches 
erinnert auch an Hegel. Solger behauptet aber, von ihm unabhängig zu sein. 
Seine Philosophie ist stark mystischer Natur. Die Philosophie und die Offen- 
barung haben denselben Lihalt. Religion ist Selbstvernichtung der Indivi- 
dualität, so daß sie zu einer Äußerung Gottes wird. Besonders wichtig ist 
Solgers tiefsinnige Ästhetik, die auch platonische Elemente in sich aufge- 
nommen hat. Das Schöne ist die Darstellung der Idee, Offenbarung Grottes 
in der Erscheinung. Wo die Außenwelt diirch Gott angeschaut wird, entsteht 
die Kunst. Eine vollständige Vereinigimg von Irdischem und Idee ist aber 
nicht mögHch. Als irdische Erscheinung nimmt die Idee teil an der Nichtig- 
keit des Irdischen. Die Ktmst (wie auch Religion und Sittlichlceit) ist danun 
gleichzeitig eine Offenbarung und Selbst Vernichtung Gottes, die Erkenntnis 
von der Vernichtung der Idee in ihrem Erscheinen ergibt die Stimmung der 
tragischen Ironie, ein Terminus, der an Schlegels romantische Ironie 
anklingt, von Solger aber viel tiefer gefaßt wird. — Eingeteilt wird die Kunst 
von Solger in symbolische tmd allegorische, was bei der Art der Terminologie 
Solgers mit der Einteilimg Hegels (klassische tmd romantische Kunst) über- 
einstimmt. 

Karl Hieron. Windischmann (1775 — 1839, seit 1818 Prof. der Philos. 
und Mediz. in Bonn) sclüoß sich zuerst unbedingt an Schelling an, so in: Begriff 
der Physik, 1802. Ideen zur Physik, Würzb. 1805. Später gewann die Hegeische 
Philosophie wesentlichen Einfluß a.ui ihn. Sein Hauptwerk: Die Philosophie 
im Fortgange der Weltgeschichte, 4 Bde., Bonn 1827 — 34, ist über China und 
Indien nicht hinausgekommen. Es sollte „die Greschichte der Philosophie 
so darstellen, daß in ihr die Geschichte der Intelligenz im Fortgange der Welt- 
geschichte erkannt werde". Wie Schubert, Baader, MoHtor (s. unt.) beschäftigte 
sich auch Windischmann viel mit hypnotischen und visionären Zuständen, 
sie ins Mystische deutend. 

Henrik Steffens (1773 — 1845) ist eine der interessantesten Persön- 
lichkeiten der naturphilosophischen Bewegung der Romantik. Norweger von 
Gebiu-t, diu-ch den Gegensatz von traditionaler Religiosität und Naturwissen- 
schaft, sowie die Einsicht in die Grenzen des Wissens zur Philosophie geführt, 
kam er 1804 nach Deutschland, wo die Wiederentdeckung Spinozas di.u"ch 
Jacobi tmd Schelling tief auf ihn wirkte. Er wurde nacheinander Prof. in 
Halle, Breslau, Berlin. In der Zeit vor imd nach den Freiheitskriegen trat 



t)4 § !). SchellingH Sohiile and seine Geistesverwandten. 

Steffen« rtuch als Politiker hervor. Über sein Leben hat er eine umfangreiche 
AntoiMOgraphie gesclirieben : Was ich erlebte, 10 Bde.. Bresl. 1S40 — 45. 2. A. 
1844—46, die zalilreiche Mitteilungen über Fichte, Schelling und viele andere 
hervorragende Persönlichkeiten der Zeit enthält. Euie gute Aviswahl u. d. 
T. H. Steffens. Lebenserinnenmgen aus dem Kreis der Romantik. In Aub- 
wahl hg. v. Fr. Gundelfinger, Jena 1908. Rezena, von Schellings naturphilos. 
Schriften, verfaßt 1800, abg. in Schelhngs Ztschr. für .spekul. Physik, Bd. 1, 
Heft 1. S. 1 — 48 \md Heft 2, S. 88 — 121. Über <l. Oxydations- und Desoxy- 
dationsprozeß der E3rde, ebd. Heft 1, 143—168. Beiträge z. irmeren Natiu'- 
gesch. der Erde Freiberg 1801. Grundzüge d. philos. Naturwissensch., Berl. 
1806. Üb. d. Idee der Universitäten, Berl. 1809; hg. v. Ed. Spranger, Lpz. 1910. 
2. A. 1919. Die gegenv. artige Zeit und wie sie geworden, 2 Bde., Berl. 1817 
Karikaturen des Heiligsten, 2 Bde., Lpz. 1819—22. (Durch die Sünde werden 
die einzelnen Momente der Idee des Staates in den Er.scheinxmgen Isoliert 
und verzerrt. Zusammengenommen lassen sie allerdings noch die Idee erkennen, 
aber einzeln sind sie ihr entgegengesetzt.) Schriften, alt und neu, 2 Bde.. 
Bresl. 1821. Antlu-opol.. 2 Bde., Bresl. 1823. Wie ich wieder Lutheraner 
ward, und was mir das Luthertum ist, ebd. 1831 (gegen die Union). Polemische 
Blätter zur Befördeinmg der spekul. Physik, Brasl. 1829, 1835. Novellen, 
ebd. 1837 — 38. Christi. Religionsphilos. , ebd. 1839. Nachgel. Schriften, 
m. ö. Vorwort v. Schellmg, Berl. 1846. Ziu- Erinnerung an Steffens. Aus 
Briefen an seinen Verleger, hg. v. M. Tietzen, Lpz. 1871, Schriften. x\xi8ge%v. 
u. hg. V. M. Pulver, Lpz. 1921. Nachw. ü. Nachlaßstücko Kantst. XVII. 
S. 115. Mit Mineralogie und Geognosie besonders vertraut, stellte er 
eine geschichtliche Ansicht von der Natur ^uf und suchte Entstehimg 
und Gescliichte des Menschen einzureihen in einen Zusammenhang mit 
dem Erdorganismus und der Entwicklimg des ganzen Sonnensystems, 
wie er auch den ersten Teil der Anthropologie geologische Anthropologie 
nennt. In der ganzen organischen Entwicklung kommt es namentlich auf die 
Individualität an, die erst im Menschen ganz erfüllt ist. In dem zweiten und 
dritten Teil, dem ph,\ Biologischen und psychologischen, sucht er darziitun, 
wie durch die Begierde des Menschen die ganze Natur angesteckt in Kampf 
geriet, und wie dieser Kampf durch Aneignung der Gnade zu Ende kommt. 
Auf Schleiermacher hat Steffens während dessen Aufenthalts in Halle nicht 
unbedeutend gewirkt, später hat er besonders auf Braniß großen Einfluß 
geül>t. — Steffens hat auch eine christlich gefärbt«) Religionsphilosopltie 
entwickelt. 

Franz Baader. Leben und Schriften: Franz Baader (geb. 27. März 
1765 in München, später geadelt, zuerst Arzt, dann Bergmann und als solcher 
bis 1820 im bayerischen Staatsdienst, seit 1826 Honorarprofessor an der Uni- 
versität München, gest. ebd. 23. Mai 1841; seine Biographie, von Franz lioff- 
maiin verfaßt, steht im 15. Bande der (Gesamtausgabe seiner Werke und ist 
auch separat, Lpz. 1857, erschienen), der mit seinen Fachstudien das der 
Philosopliie und Mathematik verband, besonders mit Schriften Kants, später 
auch Fichtes und Schellings, wie anderseits Jakob Böhmes und Louis Claude 
de St. Martins vertraut (über sein Verhältnis zu Böhme handelt Hamberger 
im 13., zu St. Martin Fr. v. Osten-Sacken im 12. Bande der Gesamtausgabe 
der Werke Baaders), hat, wie schon oben in dem Schelling behandelnden 
Paragraphen erwä'int wurde, auf die Ausbildung von Schellings Naturphilo- 



§ 5. Sohellings Schal f- und seine Geistesverwandten. 65 

Sophie einen nicht un! )eträchtlichen, auf die der Sehe'.lingschen Theosophie 
einen wesentUch mitbestimmenden Einfluß gewonnen, während er ander- 
seits durch Schellings Doktrin in der Ausbildung seiner eigenen Speku- 
lation gefördert worden ist. Baaders Beiträge zur Elementarphysiologie, 
Hamb. 1799, sind von Schelling in seinen naturphilosophischen Schriften 
benutzt worden. Durch Schelüngs ,, Weltseele" ist Baader zu seiner Schrift: 
Üb. d. pythagor. Quadrat in d. Natur od. d. vier Weltgegenden, Tüb. 1798, 
veranlaßt worden, woraus Schelling wiederum manches in seinem Ersten 
Entwurf e. Syst. d. Naturphil. 1797 vmd in der Ztschr. f. spekvü. Physik 
entnommen hat. Demnächst hat Baader, hauptsächlich im mündlichen Ver- 
kelu', Schelüng auf den Theosophen Jakob Bölime hingelenkt. Eine Sammlung 
Baaderscher Abhandlungen sind die Beiträge zur djTiamischen Philos., Berl. 
1809. In den Fermenta cognitionis, Bd. 1 — 4, Berl. 1822 — 24, Bd. 5 
(Titel: Proben relig. Philosopheme) Leipz. 1825, bekämpft Baader die damals 
herrschenden philosophischen Richtungen und empfiehlt das Studium des 
Jak. Böhme. Die an der Münchener Universität gehaltenen Vorlesungen über 
spekulative Dogmatik sind in 5 Heften 1827 — 38 im Druck erschienen. 

Die zu Baaders Lebzeiten veröffentlichten und die im Manuskript nach- 
gelassenen Schriften hat Baaders bedeutendster Schüler, Franz Hoffmann 
(gest. 22. Oktober 1881 als Prof. der Philos. in Würzburg, der Verfasser von: 
Spekul. Entwickig. d. ewig. Selbsterzeugung Gottes, aus Baaders 
Schriften zusammengetragen, Amberg 1835, Vorhalle zur spekul. Theol. Baaders 
Aschaffenb. 1836, Grundzüge der Sozietätsphilos. von Franz Baader, Würz- 
burg 1837, neue Ausg. [Summa-Schriften, 2. Publik.] Hellerau 1917. Franz 
v. Baader als Begründer der Philos. der Zukiinft, Lpz. 1836, und anderer 
Schriften), im Verein mit Jul. Hamberger, Emil August v. Schaden, Christoph 
Schlüter, Anton Lutterbeck und Freihr. v. Osten- Sacken, unter Beifügung 
von Einleitungen und Erläuterungen in einer Gesamtausgabe zusammengestellt: 
..Franz v. Baaders sämtliche Werke", 16 Bde., Lpz. 1851 — 60. Die 
Einleitung: Apologie der Naturphil. Baaders wider direkte und indirekte 
Angriffe d. modern. Phil, und Naturwissensch. , ist auch in besond. Abdruck, 
Lpz. 1852, erschienen. Femer hat Hoffmann hrsg.: Die Weltalter, Licht- 
strahlen aus Baaders Werken, Erlang. 1868. 

Ph ilo Sophie. Die Schriften Baaders sind reich an Etymologien und 
spielenden Analogien und meist in wenig zusammenhängender Form abgefaßt. 
Älit Schelling teilt Baader den Mangel an strenger Beweisführxmg und 
daß Prävalieren der Phantasie. Schüler Baaders, wie Hoffraann, haben diesem 
Mangel insoweit abzuhelfen gesucht, als derselbe in Baaders aphoristischer 
Schreibart begründet ist, ohne jedoch liierdurch die Gedanken selbst als wissen- 
schaftUch haltbar erweisen zu können. Nach Baader ist der Mensch weder im 
Praktischen autonom, wie Kant will, noch ist er im Theoretischen in der Aus- 
übung seiner Vernunft alleinwirkend. Was sein Wollen begründet in seiner 
Bewegung, muß selbst Wille, ein Wollender sein, und in seiner Erkenntnis 
ist der Mensch nur ein Mitwirker der göttlichen Vernunft. Unser Wissen 
ist ein Mitwissen (conscientia) des göttlichen Wissens tmd daher weder 
ohne dieses zu begreifen, noch auch anderseits mit diesem zu identifizieren. 
Zwar kann Gott nicht erwiesen werden, aber man kann^j^och die unmittel- 
bare Überzeugung von Gott klai'er machen. Mit dem (Gewissen, d. h. dem 
Sich wissen, fällt zusammen das Wissen des Gewußtwerdens von einem Höheren. 

Uaberweg, Graadriü IV. 5 



66 § Tj. Schellings Schule und seine Geintesverwandten. 

Wir sind weder theoretisch noch pra>ktisch spontan tätig, sondern nur rezeptiv 
tätig, bedürfen also fortwährend eines Höheren. Der Mensch ist das sprechende 
und wirksame Bild Gottes, und demnach wii'd man sich nach dem Wesen 
der Menschen auch eine weitere Kenntnis Gottes verscrhat'fen können. Von dem 
immmienten oder esoterischen oder logischen Lebensprozeß Gottes, viodvirch 
Grott sich selbst aus seinem Nichtoffenbarsein hervorbringt, ist der emanent<^ 
oder exoterische oder reale zu unterscheiden, in welchem Gott dtuch Ül)er- 
windung der ewigen Natur oder des Prinzips der Selbstheit zur Dreipersönlich- 
keit wird, land von beiden Prozessen wiederum der Kreationsakt. in w(>]chom 
Gott sich nicht mit .«ich selbst, sondern mit seinem Bilde zusaramenschheßt. In- 
folge des Sündenfalls ist der Mensch von Gott in die Zeit imd in den Raiun 
gesetzt worden, tun durcli Ergi-eifung des Heils iu Christo die Ewigkeit und Sehg- 
keit wieder zu gewirmei«. (.der anderenfalls der Läutenuagsstrafe teils in <liefif»rii 
Leben, teils im Hades, teils im Höüenpfuhl zu verfallen. Aus dem Had''^.< 
findet noch lOrlösung statt, aus der Hölle nicht rnehi". Doch involviert der 
richtige Satz: .ex infernis nuUa reddmptio" nicht notwendig das Kichtaufhöv^'n 
der Höllenpein. Die Materie, als die Konlcretheit von Zeit xmd Raum, ist nicht 
Grund des Bösen, sondern v-ielmehr Folge desselben, also Strafe, zugleich 
aber auch Schutzmittel gegen das Böse, da der Mensch in dieser Scheinzeit 
im einzelnen verneinen kann, was er in der wahron Zeit. d. h. der Ewigkeit, 
bei seinem Fall im ganzen bejaht lipt. Zeit und Materie wird aufhören. Nach 
dem Aufhören der Zeitregion kann jedoch die Kreattir immer noch aus der 
ewigen Höllenregion in die ewige Himmelsregion (aber nicht umgekehrt) 
übertreten; nachdem die zur Hölle Verdammten ohne Gottes Hilfe ihre Sünde 
selbst gebüßt haben, erjisclit ihre Widerstandskraft gegen Gott, luid sie werden 
nun, nachdem durch die Peinigung ihi" Widerstreben gebrochen worden ist, 
die untersten und äußersten Gheder des Hinunelreiclis. Obschon dem Papsttum 
abgeneigt, bekennt sich Baader zu der Doktrin der katholischen Kirche im 
Sinnf! Anselms, wonacli das Erkennen dem Glauben, von welchem es ausgehen 
muß, iu keinem Betracht widerstreiten darf. Er wirft den Begründern des 
ProtestantismiLS vor, anstatt des reforjnierenden Prinzijis das revolutionäre 
ergriffen zu haben: denn revolutionierend sei jede Richtmig einer Tätigkeit, 
we'che, anstatt von ihrem Begründenden auszugehen, gegen da*^selbe, als 
ob es ein Hemmendes wäre, sich wende und erhebe (s. Werke J. S. 76). 

Den Einfluß Schellings, später den Baaders, zeigt Franz Jos. Molitor 
( 179V»— 1860), der durch mündlichen Verkehr mehr als durch seine vScliriften 
ge^rkt hat. Ideen zu einer Ivünstlichen Dynamik d^r Geschieht^, Frkf. a.. M. 
1805. Seine naystLsch -kabbalistischen Ansichten sind vertreten in srnnem 
unvoll. Hauptwerk: Philosophie der Geschichte oder über die Tradition, 
1. Bd. Frankf. a. M. 1827 (vollst, umgearb. 1855), 2. Bd. Münstei- 1834. 3. e\>d. 
1839, 4. 1. Abt. ebd. 18.'!3. Die jüdische Kabbala hat für die Kirche Bedeutung, 
insofern sie Mystik e.TTjung*^. durch welche eine eigentlich cliristliche Pliilo- 
sophie erst möglich ist. 

Über Stahl und andere Philosophen, die durch Schelling Jieeinflußt 
worden sind, s. u. 

Unter der Einwirkung Schellings stand auch der zunächst, als V<)rkiinn>ter 
inner- und außen^litischer Freiheit, späterhin des Katholizismus wirksam 
gewordene Joseph von Goerres. Geb. 1776 in Koblenz. Zunächst Lehrer 
und vor allem Schriftsteller, wurde er ei*st 1827 als Professor der allgemeinen 
und Literaturgeschichte nach München bentfen. Er starb 1848, nachdem 



§ t). Wilhelm von Humboldt. H7 

er noch den Sturz des Ultramontanismus miterlebt hatte. Natiu'wissenscluilt- 
lich, so für die neue Chemiie lebhaft interessiert, erfuhr er besonders auch den 
Einfluß von Schellings Natvirphilosophie. Aphorismen übtjr Kunst, Kobleiiz 
1802. Aphorismen über die Organonomie, ebd. 1802. Exposition der Physio- 
logie, ebd. 1805. Aphorismen über Organologie, Frankf. 180.5. Glaube und 
Wissen, Münch. 1806. D. cliristl. Mystik. 4 Bde, Regensburg 1836-42, 2. A. 
1879f., Neudruck, ein an historischem, aber unkritisch gesammeltem Material 
reiches Werk, ein Sy.stem der kathoüschen Mystik in ihrem ganzen Umfange 
unter Verwendung von Schellings Pliilosophie. Ges. Schriften 1854 — 74, Gts. 
Briefe, hg. v. Maria Goerres, .3 Bde.. Münch. 1854 — 74, Ausgew. Werke und 
Briefe, hg. von W; Schellberg, 2 Bde., Kempten. 1911. Außerdem politische, 
literaturhistor. u. a . Schriften. Üb. d. Grundlage, Gliederung u. Zeitenfolge 
d. Weltgepch.. Bresl. 1830. 

§ 6. Wilhelm von Humboldt (1767 — 1835) gehört nicht 
zu den großen Systematikern der Philosophie, doch ist er ihnen 
verwandt in der universalen Art seiner Weltauffassung. Er ist wie 
durch seui Leben der reinste Verkörperer, so durch seine Schriften 
der philosophische Repräsentant des klassischen Humanität Ideals. 
Die Bestimmung des Menschen ist nach ihm die Ausbildung seiner 
Individualität zu dem harmonievollen Kunstwerk einer in allen ihren 
Anlagen entwickelten Persönlichkeit, die zu aUen Seiten der Welt 
ein positives Verhältnis hat. Realisiert fmdet Humboldt dies Ideal 
im Griechentum und üi Goethe. Der Staat hat die Grenzen seiner 
Tätigkeit an dieser ünieren Selbstentwicklung der Individuen und 
an dem freien Schaffen der Nation. Die allgemeine Verwirklichung 
des Humanitätsideals ist das Ziel der Geschichte. Dieser meta- 
physischen Auffassung der Geschichte ungeachtet, die in ihr im 
Geiste Schellings Ideen einer götthchen Weltregierung erbhckt, hat 
Humboldt ein entschiedenes Verdienst um die Theorie der Historik. 
Er ist der erste Den_ker. der um ihre Erkenntnistheorie bemüht 
war und bereits ihren überbegrifflichen Charakter erkaante. — 
Philosophisch am nachhaltigsten hat W. v. Humboldt auf dem Ge- 
biet der Sprachphilosophie gewirkt. Er ist der Begründer dieser 
Disziplin. Die Sprachen sind nach ihm das Abbüd der Struktur 
der Volksgeister, ihre Verschiedenheit ist aus der Verschiedenheit 
dieser zu erklären. Geistesgeschichtlich ist W. v. Humboldt noch 
insofern von großer Bedeutung, als er in semer Stellu g als Leiter 
des preußischen Unterrichtswesens (1908—10) das gesamte höhere 
Unterrichtswesen einschließlich der Universitäten (Gründung der 
Universität Berlin !) im Sinne des Humanitätsideals reorganisierte. 

Die Einordnung W. v. Humboldts au diese Stelle ist gerechtfertigt 
durch seine Verwandtscliaft mit dem Denken Schellings, die in allgemeinen 
Zoittendenzen begründet liegt. 

5* 



68 § 6. Wilhelm von Humboldt. 

W. V. Humboldts wichtigste Schriften: Entsprechend W. v. H.s 
relativ geringem Triebe zur Produktivität ist ein großer Teil seiner Arbeiten 
Fragment und unveröffentlicht geblieben. Die neue Akademieausgabe enthält 
alles. Vgl. unten die .Angabe der Bandinhalte. Die literarisch hervorragendsten 
Teile seiner Produktion sind seine Briefe. Den „Briefen an e. Freundin" sind 
jetzt als noch bedevitender seine Briefe an s. Braut u. Gattin zur Seite getreten. 

Ästhetische Versuche. H. 1. Ü. Goethes Hermann u. Dorothea. 
Braunschw. 1799, 4. A. 1882. Üb. d. Kawi- Sprache auf d. Insel Japan, 
nebst e. Einl. ü. d. Verscliiedenh. d. menschl. Sprachbaues u. ihren Einfluß 
auf die geistige Entw. d. Menschengeschlechts, Berl. 1836—39. Die genannte 
Einl. auch separat, Berl. 1836. (Das Werk erschien posthum, mit einem Vor- 
wort von A. v. Himiboldt.) Ideen zu e. Versuch, die Grenzen der Wirk- 
samkeit des Staates zu bestimmen, hg. v. E. Cauer, Bresl. 1851, in 
Reclams Univbibl. Lpz. 1885, Berl. 1917, München 1919, neu hg. v. W. Poseck, 
Potds. 1920, engl. Lond. 1854. franz. Paris 1866 und Paris 1867 (2 verschiedene 
Übersetz.). (Verfaßt ist die_Schrift bereits 1792.) Sonette Berl. 1853. Üb. 
d. Geschlechtsunterschied. Üb. d. männl. u. d. weibl. Form. hg. v. Fr. Giese, 
Langensalza 1917. 

In den historisch-philol. Abhandlungen der Berliner Akademie erschienen 
u. a.: Ü. d. vergl. Sprachstudium 1820-21 S. 239-260. Ü. d. Aufgabe des 
Geschichtsschreibers 1820-21 S. 305-322, Inselbücherei Nr. 269. Lpz. 
(1919), Ü. d. Entstehen der gramm. Formen u. ihren Einfluß auf die Ideen- 
entwickig. 1822-23 S. 401-430, Ü. d. Buchstabenschrift 1824 S. 151-188, 
Üb. d. vmter dem Namen Bhagavad-Gita bekannte Episode des Mahabharata 
1825 S. 1-64, Ü. d. Kawi-Sprache 3 Bde. 1832. 

Abhandlungen ü. Geschichte u. Politik, mit Einl. hg. v. L. B. Foerster. 
Berl. 1809 (Hist.-poUt. Bibl. Bd. 5, recht brauchbare Ausgabe). Die sprach - 
philos. Werke W. v. H.s hg. u. erl. v. H. Steinthal, Berl., 1883-84. Grund- 
züge d. allg. Sprachtypus, Lpz. 1884 (= Intern. Zeitschr. f. allg. Sprachwiss. 
Bd. I, S. 383—411). H.s Jugendbriefe an V\^egener, hg. v. Leitznaann, Lpz. 
1896. Seclis imgedruckte Aufsätze ü. d. Klass. «Altert., hg. v. A. Leitzmann, 
Lpz. 1896 (Deutsche Lit.-Denkmale d. 18. u. 19. Jh. Nr. 58-62). Ü. Schiller 
u. d. Gang s. Geistesentwicklg., hg. v. Emil Große, Berl. 1902 (= Große, 
Zum deutsch. Unterricht, H. 3); dass. (Inselbücherei Nr. 38) Lpz. 1913. Tage- 
buch W. V. H.s von s. Reise nach Norddeutschland i. J. 1796, hg. v. Albert 
Leitzmann, Weimar 1894 ( Quellenschr. z. n. deutsch. Litgesch. Bd. 3). Üb. 
d. Aufg. d. Geschichtsschreibers. — Betrachtgn. üb. d. beweg. Ursachen 
d. Weltgesch. — Latium u. Hellas, Lpz. 1917. (Feldausg. d. Ph. Bibl.) Über 
d. deutsche Verfassung, Lpz. 1919. (Taschenausg. d. Philos. Bibl.) 

W. v. Humboldt, Auszüge a. d. Werken, New York (1852), Meyers Groschen- 
bibl. W. V. H.s ausgewählte philos. Schriften, hg. v. Joh. Schubert, 
Lpz. 1910. (Ph. Bibl.) Ausgew. Schriften hg. v. Th. Kappstein, Berl. (1917). 
Universahtät (Stücke a. H.s Schriften), ausgew. v. Joh. Schubert, Jena 1907. 

Wilh. v. Humboldts Gesammelte Werke, hg. v. Carl Brandes (Vorw. 
V. A. V. Humboldt) 7 Bde., Berl. 1841 — 52 (Anordnung nach systemat. Ge- 
sichtsp., dazu in jedem Bd. Sonette.) Die maßgebende, viel neues Material 
aus dem Nachlaß bringende Ausgabe ist jetzt: Wilh. v. Humboldts Gesam- 
melte Schriften. Hg. v. d. Königl. Preuß. Akad. d. Wiss., Berlin seit 1904. 
Es enthält Bd. I (1785—95): Solcrates u. Piaton ü. d. Gotth.; Ü. Relig. ; Ideen 
ü. Staatsverf. ; Ü. d. Gesetze d. P^ntw. d. menschl. Kräfte; Ideen z. c. Vers. d. 
Grenzen . . . ; Ü. d. Stud. d. Altert. ; Theorie d. Bild. d. Mensch. ; Rez. v. Jacobis 
Woldem. ; Ü. d. Geschlechtsimtersch. ; Ü. d. männl. u. weibl. Form; Rez. v. 
Wolfs Odyssee-Ausg. ; Plan e. vergl. Antlirop.; Pindar. — Bd. II (1796—1799): 
18. Jahrhundert; U. Goethes Herm. u. Doroth..; Geist d. Menscliheit ; Roz. 
V. Agnes v. Lilien; Musee des pet. Augustins; Ü. d. gegenw. franz. Bühne. 
- Bd. III (1799-1818): Selbstanz. von Ü. Goethes Herm. u. Doroth. ; D. 
Montserrat; Antikes Theater in Sagunt; Cantabrica; Latiiun u. Hellas; Gt^ch. 
d. Verfalls . . . d. griech. Freistaaten; Akademieantrittsrede; Berichtigungen 
zu Mithridates' 2. Bd. ü. d. kantabr. Sprache; Ankünd. e. Sehr. ü. d. vaskische 
Spr. ; Ess. s. 1. langues du nouveau continent; Bedingimgen d. Gedeihens v. 
Wiss. u. Kunst; Beitr. ü. d. Weltgesch.; Beitr. ü. d. bew. Ursachen i. d. Welt- 



§ 6. Wilhelm von Humboldt. 69 

gesch. - Bd. IV (1820-22): Ü. d. vergl. Sprachst.; Ü. d. Aufg. d. Gosch.schr. ; 
Urbew. Hispaniens; Mex. Sprache; Entst. d. gramm. Form.; Grunds, d. Wort- 
betonung; Verbalform. d. Sanskritspr. ; Nationalcharakter d. Sprachen. — 
Bd. V (1823 — 26):. Ehem. amerik. Kultzust.; Zshg. d. Schrift mit d. Sprache; 
Buchstabenschr. ; Ägypt. Bildsäulen; Bhagavad-Gita; Progr. d. Ver. d. Kunstfr. ; 
Kunstvereinsber.e ; Chines. Spr. ; Amerik. Sprachen; Grundz. d. allg. Sprach- 
typus. — Bd. VI.l (1827— 35) : Kunstver.berichte ; Dual. Sep. des mots-sanscrits 
Sprachen der Südsee ; Verwandtsch. d. griech. Plusq.perf . ; An essay . - . ; 
Aiih. z. Rückerts Rez . . . ; Verschiedenlit. d. menschl. Sprachbaues ; Verwdtsch. 
d. Ortsadv. ... — Bd. VI, 2 (1827—35): Kunstver.ber. ; Gramm. Bau d. Spr.en; 
Schiller u. d. Gang s. Geistesentw. ; Rez. v. Goethes 2. röm. Auf. ; Lettres 
s. I. alph. de la Polynesie asiat. — Bd. VII, 1: Ü. d. Verschied.ht. d. mensclü. 
Sprachbaues u. ihren Einfl. auf d. geist. Entw. d. Menschengeschlechts. A. v. 
Hiimboldts Vorwort z. Kawiwerk. — Bd. VII, 2: ParaUpomena (1785—1829). 
Namenreg. zu Bd. 1-7. 10-12. - Bd. VIII: Übers.en. - Bd. IX: Gedichte. 
- Bd. X: Polit. Denkschr. 1802-10. - Bd. XI: dsgl. 1810-13. - Bd. XII: 
desgl. 1815-34. Bd. XIII: Nachträge. - Bd. XR'-XVI: Tagebücher. 

Die Akademieausgabe wird durch eine Brief abteilung fortgesetzt. 

Ebenso wichtig wie die eigentlichen Werke H.s sind seine Briefe: Brief- 
wechsel zw. Schiller u. W. v. H., mit e. Einl. : Über Schiller u. d. Gang 
sein. Geistesentwicklung. Hrg. v. W. v. H. selbst. Stuttg. u. Tüb. 1830; 
.3. verm. Aufl. mit Anm. v. A. Leitzmann, Stuttg. 1900 (s. auch unt. S. 70). 
Briefe an eine Freundin (Charlotte Diede, von dieser nach dem Tode 
H.s veröffentlicht), Lpz. 1847, 11. Aufl. 1883, hg. v. L. Geiger, Berl. u. Stuttg., 
Coli. Spemann, auch in Reclams Univ.bibl., hg. v. R. Habs (1884), zum ersten 
Male nach d. Original hg. von A. Leitzmann (Vorbericht v. Charl. Diede) 
2 Bde., Lpz. 1909. 16.-20. Taus. 1919. Ausgew. u. hg. v. A. v. Gleichen- 
Rußwurm, Berl. 1912 (Deutsche Bibl. Bd. 5). Diese Briefe enthalten, wie 
jetzt Leitzmarua aus den Originalen erwiesen hat, willkürhche (bisher von 
niemand bemerkte!) Veränderungen und Einschübe seitens der Empfängerin. 
Den Originaltext bietet aUein die Ausgabe v. Leitzmann. Literar. Nachl. 
V. Frau Karoline v. Wolzogen Bd. II (Briefe an dieselbe), Lpz. 1849. W. v. 
H.s Briefe an F. G. Welcker, hg. v. R. Haym, Berl. 1859. A. d. Nachl. Vam- 
hagens von Ense (Bd. I: Briefe an Henr. Herz), Berl. 1867. Neue Mitteilungen 
a. Goethes Handschr. Nachl. III. T. : Goethes Briefwechsel mit d. Gebrüdem 
V. H. (1795—1832), hg. v. F. Th. Bratranek, Lpz. 1876. Ansichten ü.Ästhetik 
u. Literatur von W. v. H. Seine Briefe an Kömer (1793 — 1830). hg. v. 
F. Jonas, Berl. 1880. Aus W. v. H.s letzten Lebensjahren (E. Mittig. zuvor 
imbek. Briefe), hg. v. Theod. Distel, Lpz. 1S83. Briefe v. W. v. H. an F. H. 
Jacobi, hg. u. erl. v. A. Leitzmann, Halle 1892. Briefe an Johanna Motherby 
von W. V. H. und E. M. Arndt. Mit e. Biogr. Joh. Motherbys u. Erl. hs- v. 
Heinr. Meisner. Lpz. 1893. Guillaume de Humboldt et CaroHne de Hvimboldt, 
Lettres ä Geoffroi Sehweighäuser. Trad. et annotees sur les originaux ined. 
p. A. Laquiante, Paris 1893. Briafe W. v. H.s an G. H. L. Nicolovius, ha- 
v. R. Haym, Berl. 1894 ( Quellenschr. z. n. deutschen Literaturgesch. Bd. 1). 
Wilh. u. Caroline v. Humboldt in ihren Briefen, hg. v. Anna v. Sydow, 
Bd. 1, 2, 3, 4, 5, 6: Berl. 1906, 07. 09. 10, 12, 13. Bd. 1 in 6. Aufl.. Berl. 1910. 
Gekürzte Aiisgabe in 1 Bd., Berl. 1920. D. Brautbriefe Wilh. u. Karoünes 
v. H.. Lpz. (1920). Briefwechsel zwischen W. v. H. u. A. W. Schlegel, hg. 
V. A. Leitzmann. Mit e. Einl. v. Berthold Delbrück. Halle 1908. Neue Briefe 
W. V. H.s an Schiller 1796-1803. Bearb. u. hg. v. Friedr. Clemens Ebrard, 
Berl. 1911. W. v. H. im Verkehr mit s. Freunden, e. Auslese s. Briefe hg. 
V. Th. Kappstein, Berl. (1917). Eüse Maier. W. v. H.. Lichtstrahlen aus s. 
Briefen, Lpz. 1850, 6. A. 1881. W. v. H. in seinen Briefen. Ausgew. u. eingel. 
V. Karl Seil, Lpz. u. Berl. 1909 (Deutsche Charakterköpfe Bd. 7). 

Der Nachlaß H.s befindet sich größtenteils im Familienarchiv in Tegel, 
teilweise auch in der Königl. Bibl. in Berlin. 

W. V. Humboldts Leben und Entwicklung: Karl Wilhelm v. 
Htmaboldt, geb. 22. Juni 1767 in Potsdam als Sohn des Majors imd Kammer- 
herm Alexander Greorg v.Hvunboldt, entstammt einem pommerschen Geschlecht. 



70 § 6. Wilhelm von Humboldt. 

Die Entwicklungsgeschichte W. v. Humboldts ist zuerst von Schlesier. 
dann von Haym auf Grund des damals noch geringen Quellenmaterials in 
glänzender Weise dargestellt worden. Die volle Erkenntnis seiner plülosophi- 
schen Stellung ist jedoch erst E. Spranger zu verdanken, der das seit Hayna 
sehr vermehrte QueUenmaterial mit philologischer Genauigkeit durchaeforscht 
hat: die Hauptdifferenz gegenüber Haym liegt in der höheren Einschätzung 
der von W. \-. Himiboldt in Paris imd besonders in Rom erfalu-enen Wand- 
lungen. Der Entw icklungsgang Humboldts zerfällt nach Spranger in folgende 
Epochen: Jugendzeit 1767 — 89, Periode des Werdens 1789 — 98, Höhe 
der geistigen Entwicklung 1798—1809, Zeit des amtlichen Wirkens 1809 
bis 1819, Altersperiode 1820 — 35. Jugend: Die ersten Lehrer W. v. Hum- 
boldts wai'en Kunth. Campe. Engel, Dohm und Klein. Die geistige Atmosphäre, 
die den Heranreifenden dann lungab, war die der Berliner Aufldärung in der 
Perivide der Umbildung zur Romantik. Tiefsten Einfluß auf ihn übten seit 
1780 Fravien, insbesondere Henriette Herz. 1787 bezog er mit seinem Bruder 
die Universität Frankfurt a. O., wo er Jura studierte. Ostern 1788 ging er 
nach Göttingen, wo er Pütter und Sehlözer, außerdem aber den Neuhumanisten 
Hejme hörte. Gleichzeitig beschäftigte er sich mit Kant, der entscheidend 
auf sein Denken wirkte. Ferner trat er z\i Förster \ind F. H. Jacobi in Be- 
ziehungen. Werdezeit: 1790 trat er nach Abschluß seiner juristischen Studien 
beim Berliner Kammergericht ein und wurde bald darauf Legationsrat im 
Departement des Äxißeren. Schon 1791 nahm er seinen Abscliied, lun sich 
ganz der geistigen Selbstbildung zu widmen. Im selben Jahi-e verheiratete 
er sich mit Caroline ^^ Dacheröden, deren Bedeutimg füj* sein ferneres Leben 
eine sein- tiefgehende gewesen ist. .,Das Zusammenleben mit meiner Frau 
war und ist die Ginindlage meines Lebens" (an Goethe 1829). Seine weitere 
Beschäftigung galt zunächst der griechischen Antike. Seit 1793 traten 
die ästhetischen Probleme \ind erneutes Kantstudium hinzu. 1794 siedelte 
er nach Jena über luid lel)te die nächsten Jahre in enger Geistesgemeinschaft 
mit Goethe und Schiller. Das Humanitätsideal gestaltete sich in seinem 
Geist aiis. 1797 ging er nach Paris. Ein Wendepunkt seines Lebens trat ein. 
Während er bisher vorwiegend der Selbstbilduug gelebt hatte, drängt« es ihn 
nun zu eigener Produktion. Gleichzeitig erwachte in ihm devitsches National - 
gefühl. Entwicklungshöhe: 1797 — 1800 \md 1801 unternahm er voii Paris 
aus Reisen nacli Spanien, die das Interesse für Sprachen, ziuiächst für das 
Vaskische, in ihm wachriefen. 1801 kehrte Humboldt nach Deutschland 
zurück, wo er an der Romantik teilweise Anteil nahm. Die ihn seit langem 
erfüllende Sehnsucht nach Italien fand Befriedigi.ing, als er 1802 zum preu- 
ßischen Gesandten beim heiligen St\ilile ernannt \\'urde. Er versenkte sicii 
von neuem in die Antike, gleichzeitig aber ))elüelt er Fühhuig mit der Romantili 
und erfuhr auch Schillings Einfluß. Amtliches Wirken: 1809 wurde 
Humboldt, nach Berlin zurückgekehrt, ,.Chef der Sektion für den Kultus 
und öffentlichen Untei-richt". Die achtzehn Monate seiner Tätigkeit bedetiteten 
eine außerordentlich folgem'eiche Epoche für das preußische Unterrichtswesen 
und im weiteren ^'erlauf für das deutsche überhaupt. Es ist die Zeit der Schöp- 
fung des himionistischen GxTnnasiitnLS und der Gründung der Universität Berlin. 
Humboldt übertrug djis Hmnanitätsideal auf das staatUclie Erziehimgswesen 
(Entscheidende Dnrstellung aus den Akten bei Spranger: W. v. Humboldt 
und die Refoim des Rildimgswesens. Berl. 1910). 1810 wurde er Gesandter 



§ G. Wilhelm vi-n Humboldt. 71 

in Wien, nach Erledigung vvfuterer Missionen 1817 Gesajidter in L(jndon. 
Aul seinen dringenden Wunscli Oktober 1818 zurückberufen, erliielt er 1819 
dif Stellung eine» ,, Ministers für die ständischen Angelegenheiten'". Doch 
seViied er noch im selben Jalu" infolge seines Wideistandes gegen die Reaktion 
(Karlsbader Beschlüsse) aus dem Amt. Alter: Der Kest seines Lebens, den 
er in Tegel verbrachte, gehöi'te wissenschaftlichen Studien, vor allem derSprach - 
f orschung. Sein Hauptwerk, über die Kawi-Sprache, erscliien erst posthum. 
Er stai'b am 8. April 18.").") in Tegel. 

Humboldts philosophische Bedeutung: W. v. Humboldt gehört 
nicht zu den Klassikern der Philosophie im höchsten Sinn. Es kann deshalb 
hier auch nicht Aufgabe sein, seinen Gedanken auf den verschiedenen Ge- 
bieten der Philosophie ins Detail zu folgen. Nui* auf einzelnen Gebieten der 
Philosopliie hat er greifbar positive Leistiuigen aufzuweisen, so in der Er- 
kenntnistheorie der Geschichte, in der Ästhetik und der Sprachphilosoplüe. 
I>ennocli ist seine geistesgeschichtüche und auch füi* die Philosophie l^elang- 
volle Bf deutung eine größere als nm* eine derart spezialistische. Er ist der 
lebendige Repräsentant des Humanitätsideals und seiner Ethik. 
Wie durch seine Schriften, von denen vieles ei-st als Fragment nach seinem 
Tode, zvma Teil erst heute an die Öffentlichkeit getreten ist, stellt er ebenso- 
sehr diu"ch sein persönliches Leben und Sein dasselbe in VoUendtuig dar. 
Humboldt verkörpert damit Tendenzen, die atxch Ijei Herder, Goethe und Schiller 
^•o^handen waren, bei ihnen aber von dem Reichtiun produktiver Leistimgen 
in den Schatten gestellt werden. Der vollkommene Mensch ist für Humboldt 
der universale, der allen Seiten des Kulturlebens offen, füi" alle empfäng- 
hch i«t. Diese Rezepti\dtät war Humboldt selbst im höchsten Maße zu eigen, 
mit der Ausnahme, daß das Soziale noch aiißerhalb seines Gtesichtski'eises 
blieb. Er ist Arisioki'at der Bildung. Ebenso war die Natur, so wie sie sich der 
Xaturwissenschaft darstellt, seinem Greiste fremd. Xm* insoweit das Physische 
als Ausdruck und Symbol von Geistigem aufgefaßt werden kann, trat er ihm 
nälier. — Das Ideal universaler Selbstbildvmg bedeutet in Himaboldts Augen 
nicht eine bloße Aufnalune zahlreicher Kenntnisse. Bildimg ist füi' ilxn mehr 
als etwas liloß Intellektuelles. L"i^niversal gebildet ist ein Mensch nach ihm 
erst, wenn alle Seiten des ^lenschlicheu in ihm entwickelt sind. Mit dieser 
Tendenz zur Ausweitung des Individiuuns verbindet sieh nun bei Hmnboldt 
eine gleich starke Schätzung der Individualität, die er in seiner roman- 
tischen Periode im Sinne ScheUings als eine ,,Idee" ansieht. Das .,Allgemein- 
mensciüiche"' als solches ist nirgends realisiert, es tritt iix der WirkHchkeit 
überall nvu- auf in der Form der Individualität. Diese, \\elr-he eine der Er- 
kenntnis nicht durchdi'inghche geheünnisvoUe letzte Potenz dai'stellt, soll 
nicht unterdrückt, sondern diu-ch die Inbeziehungsetzimg zur Gesamtheit 
des Menschlichen entwickelt werden. Von der Individuaütät avis erfährt 
die Tendenz zur Universalität eine ästhetische Formmag, die den Menschen 
zum Kunstwerk macht und verhindert, daß jene universale Tendenz 
zu:- inneren Zusammenhanglosigkeit führt. Hiunboldt bezeichnet jene Formurig 
(wenig glücklich) als , .Totalität", so daß das Humanitätsideal die drei Mo- 
mente: der Universalität, Individuaütät mid Totalität in sich scliließt. — 
Es ist selbstverständlich, daß bei dieser Idealsetzung Kants Pflichtetliik 
Humboldt zu eng erschien imd ilim die Moralplülosoplüe Jacobis vmd Schillers 
gemäßer war. Spranger bezeichnet die Hmnanitätslehre Humboldts in ihrer 



72 § 6. Wilhelm von Htunboldt. 

frühen Gestalt geradezu als eine „Etliik des Selbstgenusses" (dargestellt ist 
da« Humanitätsideal vor allem in: Ü. Goethes Herrn, u. Doroth. ; Geist der 
Menschheit (a. d. Xachl.); außerdem aber noch an vielen andern Stellen, 
auch in den Briefen). Das Humanitätsideal ist der beherrschende Gesichts- 
punkt in Humboldts ganzem Philosophieren. So bestimmt er in den Ideen 
zu einem Versuch, die Grenzen der Wirksamkeit des Staates 
zu bestimmen — der bekanntesten Schrift Humboldts (mit 25 Jahren ver- 
faßt, aber erst posthxxm 1851 erschienen) — die Aufgabe des Staates dahin, 
für Schutz nach außen und Rechtssicherheit nach innen zu sorgen, im übrigen 
der freien individuellen und nationalen Selbstentfaltung Raum zu lassen. 
Die Möglichkeit positiver Mitwirkving des Staates zur Realisierung jenes 
Ideals durch Eingriffe in das Erziehungs-, Unterrichtswesen usw. bestreitet 
Humboldt. In seiner Stelliong als Leiter des preußischen Unterrichtswesens 
hat er dann freilich später selbst eine solche positive Arbeit des Staates ins Werk 
gesetzt. 

Auch die bei Humboldt sehr lebhafte Tendenz zur geisteswissenschaft- 
lichen Psychologie erhält ebenso wie das Studium der Geschichte für ihn 
eine höhere Rechtfertigiuig dadurch, daß auch sie zu einer allseitigen Bereiche- 
rung des Innern führt. So hat ihn insbesondere der Gegensatz der Greschlechter 
beschäftigt, aber auch völkerpsychologischen Problemen war er zugewandt. 
W^ie jedes Individuiun stellt naeh ihm auch jedes Volk; jeder ,, Volksgeist" 
— ein Begriff; den er ähnUch metaphysisch faßt, wie die ganze Romantik — 
eine besondere Form der Menschlichkeit dar. Insbesondere beschäftigte ihn 
die Psychologie der Antike, vor allem des Gi iechentums. Bei gründlicher Ver- 
senkung in die wissenschaftlichen Einzelheiten hieit er doch an der von Winckel- 
mann geschaffenen neuhumanistischen Griechenbegeisterung fest. In der 
hellenischen Welt glaubte er das Hiunanitätsideal in der Reaütät verkörpert, 
und unter diesem Gesichtspunkt hat er psychologische Analysen desselben 
gegeben. (So in: Über das Studium des Altertimas; Latium und Hellas; Ge- 
schichte des Verfalls und Unterganges der griechischen Freistaaten.) In seiner 
eigenen Zeit war ihm Goethe der lebende Repräsentant jenes Ideals, denn 
seine Dichtungen rufen nach Humboldt den auf Universalität gerichteten 
Gemütszustand hervor, dessen Erregvmg das letzte Ziel a\ich der Kunst ist, 
die die WirkUchkeit in die Sphäre der Phantasie erhebt und die Idee in ihrer 
Reinheit darstellt. Oder in Humboldts eigener Terminologie: ..Die Kunst 
ist die Darstellung der Xatur durch die Einbildungskraft". Jedes vollendete 
Kunstwerk ruft jene universal -menschUche Stimmung in uns hervor, ..die 
Stimmung, in die uns der Belvederische Apoll oder eine Stelle des Homer 
versetzt". ,,Alle Fäden menschlicher Gefühle sind alsdann in vms aufgezogen. 
wir empfinden die menschliche Natur zugleich in allen ihren Berührungspunkten. 
(Aus Humboldts Hauptschrift zur Ästhetik: Über Goethes Hermann iind 
Dorothea" X.) 

Endlich wird auch die Geschichte von Humboldt vom Humanitäts- 
ideal aus betrachtet. ,,Da8 Ziel der Geschichte kann nur die Verwirklichung 
der durch die Menschheit darzustellenden Idee sein, nach allen Seiten und 
in allen Gestalten." Und die höchste Aufgabe des Gescliichtschi'eibers ist 
die Darstellung des Strebens jener Idee, ,, Dasein in der Wirklichkeit zu ge- 
winnen". Wenn Humboldt dergestalt teil hat an der metaphysisch -roman- 
tischen Interpretation der Geschichte, so hat er auf der andern Seite doch aiieh 



§ 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 73 

die Grundlagen einer positiven Erkenntnistheorie der Geschichte 
geschaffen. Er hat mit klarem Bewtißtsein hervorgehoben, daß die Erforschiing 
der Geschichte nicht eine Sache des bloßen Intellekts ist, sondern die Mit- 
wirkung der Gesamtheit der menschlichen Seelenkräfte zur Voraussetzung 
hat, da der Historiker sich in das Innere der Personen und Epochen, mit denen 
er es zu tvin hat, hineinversetzen muß, wenn er seine Aufgabe erfüllen und mehr 
als eine zusammenhanglose Aufzählung äußerer Ereignisse bieten will. (Ü. d. 
Aufg. d. Geschichtsschreibers.) — Grundlegend war Humboldt auf dem Ge- 
biet der Sprachphilosophie. Nach dem Urteil Steinthals (Humboldts 
sprachphilos. Werke S. 13) beginnt dieselbe überhaupt erst mit ilxm. ,,Er 
hat nicht an Vorhandenes angeknüpft und läßt sich aus Vorhergehendem 
nicht ableiten." Weit mehr als auf andern Gebieten hat Humboldt es auf 
sprachwissenschaftlichem zu abgeschlossenen Schriften gebracht, während 
sonst seine literarischen Pläne meist über das erste Stadium nicht hinaus- 
kamen. — Auch die Beschäftigung mit der Sprachwissenschaft steht bei 
Humboldt unter dem Gesichtspunkt des Humanitätsideals. Die Sprache 
ist nach ihm der vollendetste ätißere Ausdruck des Volksgeistes, ,, gleichsam 
die äußerhche Erscheinung des Geistes der Völker", und danum auch der 
voUkomraenste Zugang zu ihm. (Daher erklärt sieh auch die starke Betonung 
der formalsprachlichen Bildung in dem von Humboldt geschaffenen humani- 
stischen Gymnasium.) In dieser psychologischen Auffassung der Sprache 
liegt die eigentliche Leistung Wilh. v. Humboldts. Sie hebt die Sprachwissen- 
schaft aus dem Stadium des bloßen Sammeins zu dem des Begreifens der Sprach- 
phänomene empor. Die Ursache der Verschiedenheit der Sprache ist im Gteist 
der Nationen zu suchen (Ü. d. Versch. d. menschl. Sprachbaues, § 7). ..Ihre 
Verschiedenheit ist nicht eine von Schallen und Zeichen, sondern eine Ver- 
schiedenheit der W^eltansichten selber" (Ü. d. vgl. Sprachstud.). Die Sprache 
selbst vergleicht Humboldt dem Organismus. Sie hat alle Eigenschaften 
eines solchen, vor allem sind alle ihre Teile nicht nacheinander entstanden 
zu denken, sondern gleichzeitig miteinander gegeben. Durch die aUzuweit- 
gehende Durchführung des Vergleichs mit dem Organismus verschließt sich 
Humboldt freihch jeden Weg zu einer wirklichen Erklärung der Entstehimg 
der Sprache. Er betrachtet sie denn auch als ,, unmittelbar in den Menschen 
gelegt". Immerhin nimmt er eine allmähliche Entstehung an. ,,Sie geht not- 
wendig (aus dem Menschen) hervor, und gewiß auch nur nach tmd nach, aber 
so, daß ihr Organismus nicht zwar, als eine tote Masse, im Dunkel der Seele 
liegt, aber als Gesetz die Funktionen der Denkkraft bedingt, imd mithin das 
erste Wort schon die ganze Sprache antönt und voraussetzt" (U. d. vgl. Sprach- 
studium). Die Sprache ist ,,kein Erzeugnis der Tätigkeit, sondern eine unwill- 
kürliche Emanation des Greistes, nicht ein Werk der Nationen, sondern eine 
ihnen durch ihr inneres Gleschick zugefallene Gabe" (Ü. d. Versch. d. menschl. 
Sprachbaues, § 2). — Auch der stark formalistische Charakter des huma- 
nistischen Gymnasiiims in seiner älteren Grestalt,die übermäßig starke Betonung 
des rein sprachlichen Momentes im Unterricht hat ihre Wiu-zeln in Humboldts 
Sprachtheorie. Man meinte mit der Sprache sieh auch notwendig den Geist 
der Antike anzueignen. 

§ 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770-1831) ist 
der bedeutendste und einflußreichste der deutschen Idealisten ge- 



74 § 7. Gf>;'rL' Wilhelm Fiiodrich Heprel. 

wesen. Seine Stellung in der Philosophie und seine Bedeutung 
für dieselbe wird bestimmt durch die ihm eigene Verbindung sonst 
getrennt auftretender Fähigkeiten : eines außerordentlich reichen 
inneren Wertlebens, das zugleich tiefstes, nachfühlendes Verständnis 
der Geschiclite der geistigen Welt in sich schloß und rein intellek- 
tueller ^Veranlagung für abstrakteste Spekulation. Durch diese 
A^ereinigung inneren Wertreichtums und begrifflichen T)enkvenn(>gens 
w\irde er zum größten Denker seiner Epoche. 

Die Faktoren, die in semer Jugendzeit auf ihn wirkten, \\aren 
die Antike, Kant und die Französische Revolution. In der Univer- 
salität seines Geistes hat er dann weiter und weiter gegriffen, so 
daß er allmählich die ganze Geisteskultur und ihre Geschichte 
mit seinem Denken umspannte. Sein System umfaßt dement- 
sprechend die gesamte geistige Wirküchkeit in ihrer historischeu 
Entwicldung: Sittlichkeit. Recht, Staat, Kunst. Religion und 
Pliilosophie: auch die Natur hat er — hier weniger glückhch — 
in sein System aufgenommen. Die Methode desselben ist die dia- 
lektische. Hegel sucht durch rein logische Begriffsentwicklung 
zu zeigen, daß jeder Begriff (Thesis) über sich selbst hinaus führt 
zu emem andern, mit ihm in Spannung befindlichen (Antithesis). 
In einer Synthesis wird der Widersprucl,i dann i^eseitigt; worauf 
das Spiel von neuem begmnt. Da Hegel ferner überzeugt ist. im 
Begriff, dem abstrakten Denken, das AVirkliche selbst zu erfassen, 
so hat jede logisch -dialektische Entwickhnig gleichzeitig reale Be- 
deutung. Hegels System wird zum Panlogismus. Alles Wirkliche 
ist vernünftig. Die Wirklichkeit spiegelt die Stufen der logischen 
Entwicklung wider. Obwohl an sich alles Logische jenseits des 
Zeitlichen steht, geht für Hegel in der Durchführung semes Systems 
der Begriff der logischen Entwicklung über in den der zeitlichen. 
Die Stufen der zeitlichen Evolution entsprechen denen der dia- 
lektischen. Die Philosophie ist die Wissenschaft vom Absoluten, 
der sich entwickelnden absoluten Vernunft, welche Hegel als das 
Urerste an die Stelle der absoluten Indifferenz des Schellingschen 
Systems setzt. Sie offenbart sich in Natur und Geist. In der Natur 
entäußert sie sich und kehrt im Geiste dann aus diesem ihrem Anders- 
sein in sich zurück. Ihre Selbstentwicklung ist demnach eine drei- 
fache, nämlich 1. im abstrakten Elemente des Gedankens. 2. in 
der Natur, 3. im Geiste; nach dem Schema: Thesis, Antithesis, Syn- 
thesis. Demgemäß hat auch die Philosophie drei Teile, nämlich 1. die 
Logik . welche die Vernunft an sich als das Prius von Natiu- und Geist 
betrachtet, 2. dieNaturphilo Sophie, S.diePhi los op hie des Geistes. 



§ 7. Geor.' Wilhelm Frieclrich Herrel. 75 

Um das Subjekt auf den Standpunkt des philosophischen 
Denkens zu erheben, kann dem System die Phänomenologie 
des Geistes, d. h. die Lelu*e von den Entwickhmgsstufen des 
Bewußtsein als Erscheinungsformen des Geistes, propädeutisch 
vorangeschickt werden, die jedoch auch als ein Glied der philo- 
sophischen Wissenschaft innerhalb des Systems, nämlich in der 
Philosophie des Geistes, ihre Stelle findet. Die Logik, die in gleicher 
Weise die Formen des Denkens wie des Seins umfaßt, ist für Hegel 
mit der Metaphysik identisch. Sie betrachtet die Selbstbewegung 
des Absoluten von dem abstraktesten Begriff, nämlich dem Begriff 
des reinen Seins, bis zu dem konkretesten derjenigen Begriffe, die 
der Spaltung in Natur und Geist vorangehen, d. h. bis zur absoluten 
Idee. Ihre Teile smd: die Leln-e vom Sein, vom Wesen imd vom 
Begriff. Die Lehre vom Sein ghedert sich in die Abschnitte : Qualität, 
Quantität, Maß; in dem ersten werden als Momente des Seins das 
reine Sein, das Nichts und das Werden betrachtet: dann wird das 
Dasein dem Sein entgegengesetzt und im Fürsichsein die Vermittlung 
gefunden, die das Umschlagen der Quaütät in die Quantität zur 
Folge hat. Die ^Momente der Quantität sind: die reine Quantität, 
das Quantum und der Grad; die Einheit von Qualität und Quantität 
ist das Maß . Die Lehre vom Wesen handelt von dem Wesen als Grund 
der Existenz, dann von der Erscheinung, endlich von der Wirklich- 
keit als der Einheit von Wesen und Erscheinung: unter den Begriff 
der Wirklichkeit stellt Hegel die SubstantiaUtät. Kausalität mid 
Wechselwirkung. Die Lehre vom Begriff handelt vom subjektiven 
Begriff, welchen Hegel in den Begriff als solchen, das Urteil und den 
Schluß einteilt, von dem Objekt, worunter Hegel den Mechanismus, 
Chemismus und die Theologie begreift, und von der'Idee, die sich als 
Leben. Erkennen und absolute Idee dialektisch entfaltet. 

Die Idee entläßt aus sich die Natur, indem sie in ihi* Anders- 
sein umschlägt. Die Natur strebt, die verlorene Einheit wieder zu 
gewinnen; die Erreichung derselben aber ist der Geist als das Ziel 
und Ende der Natur. Die Stufen des natürlichen Daseins betrachtet 
Hegel in den drei Abschnitten: Mechanik, Physik, Organik; 
die letztere handelt von dem Erdorganismus, von der Pflanze und 
von dem Tiere. Das Höchste im Leben der Pflanze ist der Gattungs- 
prozeß, dui'ch welchen das Einzelne in seiner Unmittelbarkeit für 
sich negiert, a1:)er in die Gattung aufgehoben wird. Die animahsche 
Natur ist in der Wirklichkeit und Äußerliclikeit der unmittelbaren 
Einzelheit zugleich in sich reflektiertes .Selbst der Emzelheit, in 
sich seiende subjektive Allgemeinheit; das Auseinanderbestehen der 



76 § 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 

Räumlichkeit hat keine „Wahrheit" für die Seele, die eben darum 
nicht an einem Punkte, sondern in Millionen Punkten überall gegen- 
wärtig ist. Aber die tierische Subjektivität ist noch nicht für sich 
selbst als reine, allgemeine Subjektivität; sie denkt sich nicht, 
sondern fühlt sich und schaut sich an, sie ist sich mu" in einem be- 
stimmten, besonderen Zustande gegenständlich. 

Das Beisichsein der Idee, die Freilieit, oder die Idee, welche 
aus ihrem Anderssein in sich zurückgekehrt ist, ist der Geist. 
Die Philosophie des Geistes hat drei Abschnitte: die Lehre vom 
subjektiven, objektiven und absoluten Geist. Der subjek- 
tive Geist ist der Geist in der Form der Beziehung auf sich selbst, 
dem innerhalb seiner die ideelle Totalität der Idee, d. h. das. was 
sein Begriff ist, für ihn wird; der objektive Geist ist der Geist in 
der Form der Realität als einer von ihm hervorzubringenden und 
hervorgebrachten Welt, in welcher die Freiheit als vorhandene Not- 
wendigkeit ist: der absolute Geist ist der Geist in an mid für sich 
seiender und ewig sich hervorbringender Einheit der Objektivität 
des Geistes und seiner Idealität oder seines Begriffs, der Geist in 
seiner absoluten Wahrheit. Die Hauptstufen des subjektiven Geistes 
sind: der Naturgeist oder die Seele, das Bewußtsein oder der Geist 
als solcher. Hegel nennt die betreffenden Abschnitte seiner Doktrin : 
Anthropologie, Phänomenologie und Psychologie. Der objektive 
Geist steUt sich dar m den Formen des Rechts, der MoraUtät und 
der beide in sich vereinigenden Sittlichkeit, in welcher die Person 
den Geist der Gemeinschaft oder die sittliche Substanz in Familie, 
bürgerlicher Gesellschaft imd Staat als ihr eigenes Wesen weiß. 
In dem Staate ist der götthche WiUe selbst gegenwärtig: die mon- 
archische Verfassung ist die Entwicklung der Vernunft, alle anderen 
Verfassungen gehören niedrigeren Stufen der Entwicklung und Rea- 
hsierung der Vernunft an. Der absolute Geist umfaßt die Kunst, 
welche die konkrete Anschauung des an sich absoluten Geistes als 
des Ideals in der aus dem subjektiven Geiste geborenen konkreten 
Gestalt, der Gestalt der Schönheit, gewährt, die Religion, welche 
das Wahre in der Form der Vorstellung, und die Philosophie, 
welche das Wahre in der Form des Gedankens, der Wahrheit selbst 
ist. Die starke Betonung der Bedeutung des Staates und der Staats - 
autorität, die bei Hegel zuweilen mit der Weltvernunft fast als 
identisch erscheint, macht es erklärlich, daß er in Preußen längere 
Zeit der eigentliche Staatsphilosoph war. 

Auf die Gestaltung vieler Wissenschaften, namenthch der 
Rechtswissenschaft, der Ästhetik, der Religionsphilosophie, der G^e- 



§ 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 77 

Schichtsphilosophie, der Soziologie, hat die Hegeische Lehre lange 
Zeit großen Einfluß gehabt. Nachdem das System dann Jahr- 
zehnte hindm'ch in seiner Bedeutung tief unterschätzt worden ist, 
ist jetzt ein objektives Urteil in Bildung begriffen, ja es scheint 
sein System neuen Einfluß zu gewinnen. 

Ein vollständiges Verständnis der Werke ist noch nicht erreicht. 
Es wird stark erschwert durch seine eigenmächtige Ausdrucksweise, 
auch ist überall da, wo es sich um Begriffsäquivokationen oder 
sonstige logische Unklarheiten handelt, der Sache nach die Er- 
reichung wirkücher Klarheit unmöglich. 

Die Unverständüchkeit der Hegeischen Pliilosophie wurde auch von 
Angehörigen seiner und der nächsten Generation bereits empfunden, wenn- 
schon es z\xni guten Tone gehörte, davon nicht zu sprechen. Der Tübinger 
Kanzler Rümelin schreibt darüber: 

,,Ich kann nicht sagen, wieviel Mühe luid Kopfzerbrechen es iins ge- 
kostet hat, diese sogenannte spekulative Methode Hegels auch nur so weit 
in uns aufzunehmen, um zu begreifen, wie sie denn eigentlich von ihrem. Ur- 
heber gemeint war. Es fragte einer den andern kopfschüttelnd: verstehst 
du es denn ? bewegt sich der Begriff in dir von selbst vmd ohne dem Zutim ? 
schlägt er in sein Gegenteil um, und springt daraus die höhere Einheit der Gegen- 
sätze hervor ? W'em man dies zutraute, der galt für einen spekiilativen Kopf. 
Wir andern standen nur auf der Sttife des Denkens in endhchen Verstandes- 
kategorien. Denn das Prädüiat des verständigen Denkens, durch welches 
sich jetzt jedermann geelul: findet, galt damals sonderbarerweise für einen 
Tadel. Wir suchten den Gnmd, warum wir diese Methode nicht recht ver- 
stehen konnten, in der Stimapflieit unserer eigenen Begabung tmd waren 
nicht so keck, ihn in der Unklarheit imd den Mängeln der Methode selbst 
zu vermuten." (Gustav Rümelin, Reden und Aufsätze, Tübingen 1875 S. 48f.) 

Hegels Schriften. (Anonym) VertrauHche Briefe ü. d. vormalige 
staatsrechtliche Verhältnis des Waadtlandes (Pays de Vaud) zur Stadt Bern. 
E. völlige Aufdeckung der ehemaügen Oligarchie des Standes Bern. Aus dem 
Französischen eines verstorbenen Schweizers übersetzt u. mit Anmerkungen 
versehen. Frankf. a. M. (Jägersche Buchh.), Ostern 1798 (212 S. kl. 8"). (Ü. 
diese erste, bis vor ktirzem vergessen gewesene, anonyme Publikation Hegels 
vgl. Hugo Falkenheim. E. unbekannte politische Denkschrift Hegels. Preuß. 
Jalu-b. 138, 1909 S. 193ff.) Differenz des Fichteschen u. Schellingschen Systems 
der Philos. in Beziehung auf Reinholds Beiträge zur leichteren Übersicht d. 
Zustandes der Philos. bei dem Anfange des 19. Jh.s. Erstes Heft, Jena 1801. 
De Orbitis planetarxun. Pro venia legendi, Jena 1801. Über d. Wesen der 
pliilos. Kritik überhaupt u. ihr Verhältnis zvun gegenwärt. Zustand der Philos. 
insbesondere (Krit. Joum. d. Philos., hg. von Schelling u. Hegel. Tübingen 
1802 — 03; Bd. I, Heft 1). Wie der gemeine Menschenverstand die Pliilosophie 
nehme, dargestellt an den Werken des Herrn Krugs» (ebd. Bd. I, Heft 1). Ver- 
hältnis des Skeptizismus zur Philosophie. Darstelhmg s. verschiedenen Modi- 
fikationen u. Vergleich des neuesten mit dem alten (ebd. Bd. I, H. 2). (Über 
d. Verh. der Naturphilos. zur Philos. überh , ebd. Bd. I, H. 3. Diese Abh. 
wurde von Hegel u. Schelling gleichmäßig als Eigentum in Anspruch genommen; 
wahrscheinlich gehört sie dem letzteren.) Glauben u. Wissen: die Reflexions- 
philos. der Subjektivität in der Vollständigkeit ihrer Formen als Kantische, 
Jacobische u. Fichtesche Ph., (ebd. Bd. II, H. 1). Über d. Wissenschaft 1. 



•78 § 7. Georg Wilhelm Friedrich He,Q;el. 

Behandkmgsarteii d. Naturrechts, s. Stelle in der prakt. Pii. u. sein Verh. 
zu d. positiven Rechtswissenschaften (ebd., Bd. II, H. 2 u. .3). Übor die Anteil- 
schaft H.s an den im Philos. Journ. befindlichen „Notizenblättern" >'ojl. Michelct 
in „Der Gedanke" I, S. 74f. System der Wissenschaft. I. Tei': Die Phäno- 
menologie des Geistes, Bamb. u. Wih'zb. 1807. Wissenschaft der 
Logik. I. Teil: Die objektive Logik. 1. Abt.: Die Lehre vom Sein. 2. Abt.: 
D. Lehre vom Wesen, Nürnb. 1812. IT. Teil: Die subjektive l^ogik od. d. Lehre 
vom Begriff (ebd. 1816). Ü. Fr. Jacobis Werke. 111. Bd.. Lpz. 1816 (Rez. 
in den Heidelberger Jahrbüchern der Lit. 1S17). Beurteilung der im Druck 
er53chienonen ^Verhandlungen in der Versanamlung der Landstände d. König- 
reichs Wvirttemberg im Jahre 1815 u. 1816. Abt. I — XXXIII (ebd.. 1817. 
n. 66—68. 73—77). Enzvkiopädie der philosoph. Wissenschaften im Grund- 
risse. Hdlbg. 1817. 2. A.'ebd. 1827; 3. A. 1830. Grundlinien der Philo- 
sophie des Rechts oder Naturrecht u. StaatswLssenschaft im Grundrisse. 
Berl. 1821. Vorrede zu dem Buche von Hinrichs. Die Religion im inneren 
Verhältnis ziu- Wissenschaft (Hdlb. 1829). Ferner hat Hegel Rezensionen 
gesclirieben über: W. v. Hiunboldt, Über die unter dem Namen Bliagavad- 
Gita bekannte Episode des Mahabharata, Berl. 1826 (in dvn Jali''l)üch<m 
für wiss. Kritik. 1827); Solgcr, Nachgel. Scliriften u. Brief w.. hg. v. L. Ti^ck 
u. Fr. V. Raumer (ebd. 1828); Hamann, Schriften, hg. v. F. Roth, Beri. 1821 
biß 1825 (ebd. 1828); K. F. G. . . . 1 (Göschel), Aphorismen n. Nichtwissen u. 
absolutes Wissen im Verh. zur chinstl. Glaubenserkenntnis (el)d. 1829); (Anom m) 
Ü. die Hegeische Lehre oder absolutes Wissen u. moderner Pantheismus. 
Lpz. 1829 (ebd. 1829); K. E. Schubarth u. L. A. Carganico. Ü. Philos. überh. 
u. Hegels Enzyklopädie des philos. Wissens insb.. E. Beitr. zur Beurteilung 
der letzteren, Berl. 1829 (ebd. 1829); A. L. J. Ohlerl. D. Ideah-ealismus, Neust. 
1830 (ebd. 1831); J. Görres, Ü. d. Grundlage, Gliederimg u. Zeitenfolge d. 
Weltgeschichte, Bresl. 1830 (ebd. 1831). — Ü. d. engl. Reformbill (in Alle, 
preu«. Staatszeitung. 1831). 

Hegels Werke sind bald nacli seinem To/ie in einer Gesamtausgabe 
erschienen, die noch heute die einzige ist: .,G. W. F. Hegels Werke, vollst. 
Ausg. durch einen Verein von Freunden des Verewigten". Bd. I — XIX: Berl. 
1832-45 u. 1887. Bd. I: Hegels jjbilos. Abhandlungen. liR. v. Karl Ludw. 
Mich?let 1832, 2. A. 1845. Bd. II: Phänomenologie des Geistes, hg. v. Joh. 
Schulze 1832. Bd. III — V: Wissenschaft der Logik, hg. v. Leop. v. Henning 
1833-34, 2. A. 1841. Bd. VI und VII: Enzyklopädie der philo.sophischen 
Wissenschaften im Gi-undrisse (..Die große Enzyklopädie'), und zwar Bd. VI: 
Der Enzyklopädie erster Teil, die I^gik, h{,. und, nach Anleitung der vom 
Verf. gehalt. Vorlesungen, mit Erläuterungen u. Zu.sätzen versehen von Leop. 
V. Henning, 1840; 2. A. 1843 (in diesem Bd. steht auch Hegels Berliner Antritte- 
vorlesung); Bd. VII, 1. Abt.: Vorlesgn. üb. d. Naturphil, als der Enzykl. der 
philos. Wissenschaften zweiter Teil. hg. von K. L. Michelet 1842; 2. verb. 
A. 1847: Bd. VH, 2. Abt.: Der Enzykl. dritter Teil, die Philos. d. Geistes, 
hg. V. Ludw. Boumann 1845. Bd. VIII: Grundlinien der Phil, des Rechts 
od. Naturrecht u. Staatswissenschaft im Grundrisse, hg. v. Ed. Gans 1833; 
2. A. 1840. Bd. IX: Vorlesungen üb. die Philos. der Gesch., hg. von Ed. Gan^ 
1837 (in 2. Aufl. hg. v. Hegels Sohn Kari Hegel 1840. 3. A. 1843). Bd. X. 
Abt. 1-3: Vorlesungen ül). d. Ästhetik, hg. v. H. G. Hotho 1836-38; 
2. A. 1842-43. Bd. XI u. XII: Voriesungen üb. d. Philos. d. Relig., nebst 
e. Schrift üb. d. Beweise vom Diisein Gottes, hg. v. Phil. Marheineke 1832 
(in 2. Aufl. V. Bruno BaxieT 1840). Bd. XIIl— XV: Vorlesungen ü. d. Geschichte 
d. Philos., hg. V. K. L. Michelet 1833-36. 2. A. 1840-44. Bd. XVI u. XVH: 
Vermischte Schriften, hg. v. Friedr. Förster u. Ludw. Botmiann 1834 — 35 
(die in Bd. XVI enthaltene Rezension über Fr. Jacobis Werke, I. Bd. ist nicht 
von Hegel, sondern von E. v. Meyer). Bd. XVIII: Philos. Propädeutik, hg. 
V. Kari Rosenkranz 1840. l^d. XIX. 1. u. 2: Briefe von und an Hegel, hg. 
v. Karl Hegel, Lpz. 1887. 

Gynmasialreden H.s sind auch abgedi-uckt bei F. Kapp, H. als Gym- 
nasialreklor, Minden 1835. (Rez. darüber i. d. Münch. Gelehrt. Anz. 18'>7. 
Nr. 184—186.) Nachweis von in d. Gesamtausgabe nicht abgedruckten, anders- 
wo veröffentlichten Briefen, sowie anderer Hegeliana in dem v. H. Falke! i- 



§ 7. Geoi-ir Wilheiiu Friedri.-li Hogel. 79 

heim \i. G. Lasson bearbeiteteu Aiüiang z,ur 2. Aufl. v. Kuno Fischei-s Hegnl, 
Bd. II. S. 1196ff., wo überhaupt viel Hegel-Materia! aufgespeichert ist. R. v. 
Delius. A. Hegels Briefen; Ein (iedieht H.s. in: Almanach d. Riipreehtpre8.se 
auf d. J. 1920 (Münch. Verlag W. C. F. Hirth). 

Neuere Einzelausgaben: Die im VI. u. VII. Bde. der AN'erke enthaltene 
,, Enzyklopädie" hat ohne die oben ei'wälinten Zusätze Rosenkranz separat, 
Berl. 184Ö, herausgegeben und von neuem in der .,Philos. Bibl.", Bd. .30. Berl. 
1870 (WiederaMruck IST 8). 

Die maßgebenden Ausgaben siiad jetzt die von G. Lasson (unter 
Mitvvirkimg von O. Weiß) in der Pliilos. Bibliothek herausgegebenen, die .soweit 
möglich auf das Handschriftenmaterial zurückgehen und zu einer neuen Ge- 
samtausgabe vervollständigt werden sollen. Bisher erschienen die P;^dz> - 
klopädie (mit Hegels Antrittsvorlesvmg), Lpz. 190.J, 2. um e. Namen- u. !Sach- 
regist. verm. A. 1920. Die Phänomenologie, Lpz. 1907. Grundlinien der Philos. 
des Rechts. Mit d'^n v. Gans redigierten Zusätzen aus Hegels Vorlesungen. 
Lpz. 1911; Schriften z. Politik u. Rechtspliilos. (D. Verf. Deutschi. s; Verf. 
d. Wüi-tt. Landstände; D. engl. Ref.bill; D. Behandl.art. d. Natm-r. ; Svst. 
d. Sittl.), Lpz. 1913. Vorlesgn. üb. d. Ph. d. Weltgesch., 1. Bd. D. Vernunft 
in der Geschichte. (Ein!, i. d. Ph. d. Gesch.) Auf Grund d. handschr. Materials 
neu hg.. Lpz. 1917. 2. Bd. 2. dvu-chges. u. um e. Nachtr. verrn. A. 1921. 2. Bd. 
(Orient) 1919, 3. Bd. (Antike) 1920. 4. Bd. (Gennanische Welt) 1920. 

In Reclams Universalbirjl. erscliienen H.s Vorles. ü. Ph. d. Gesch., mit 
Ein], u. Anm. hg. v. F. Brunstäclt, Lpz. 1907. — Hegels Religionspliilosopliie 
in gekürzter Form mit Einf.. Anm. u. Erläuterungen hg. v. A. Drews. Jena. 
Diederichs, 190-5. Üb. d. engl. Reformbill. Feldausg. d. Ph. Bibl.. Lpz. 1918. 
D. Staat, (desgl.) Lpz. 1918. — Die Phänomenologie, hg. v. O. Weiß, Lpz. 
1909. (Die mit dieser Ausgabe vorn Verlag F. Eckart begonnene Gesamt - 
ausg. Hegels wird nicht fortgesetzt!) Eiill. i. d. Ph. d. Geistes, Lpz. (Insel- 
bücherei) (1920). 

Weitere Sonderausgaben, besorgt von G. J. P. J. Bolland: H.s kleine 
Logik nebst dem Kapitel über Raum, Zeit u. Beweg, nach d. Texte d. Enzj'- 
klopädie in der Ausgabe seiner sämtl. WW., Leiden 1899; che ganze Enzy- 
klopädie mit allen Zusä-tzen u. einigen eigenen Anmerkungen. Leid. 1906. 
Vorles. über Philos. d. Religion mit e. Kommentar, I. T. : Text, II: Kommentar, 
1. Hälfte, Leid. 1901; Philos. des Rechts mit e. Einl. (CLXXV Seiten), Leid. 
1902.; D. Phänomenologie (mit \nelen Anmerk.) Leiden 1907; Vorles. ü. Gesch. 
d. Philos., Leid. 1908. 

Von mehreren W'erken sind im Ausland Übersetzungen erschienen, 
franz., ital., engl, und span.. z. B. Lectm'es on the philos. of historv, translat. 
by Jolin Sibree. Lond. 1861, N. Y. 1908: Lectures on the historv of pliilosophy 
translat. by E. S. Haidane. vol. I, Lond. 1894. Ül^ersetzimgen einer Reihe 
von Hegels Schriften finden sich in dein Joiinial of speculative plailos. Ein 
genaues Verzeichnis aller Hegelübersetzungen bei B. Croce. Lebendiges u. 
Tot-ns in Hegels Philosopliie, deutsch. Heidelbg. 1909, S. 187—192. Zu den 
dort angegebenen kommen noch hinzu: Phänomenologie, engl. v. J. B. Baillie, 
2 vols Lond. 1910: Einl. i. d. Propäd.. schwed. v. Joh. AcT. Hannquist. Hel- 
singf. 1845 (zit. bei Thaulow, s. u., IH. S. 200). Rechtsph.. ital.. Bari 1913. 

Nachgelassene Werke Hegels. Der handschrifthche Nachlaß 
Hegels, der umfangreiche Arbeiten aus den verschiedensten Perioden seiner 
schriftstellerLschen Entwicklung enthält, befindet sich in der Hauptsache auf 
der Königl. Bibliothek in Berün. Verwertet, aber nicht vollkommen ausgenutzt 
ist er worden von Rosenkranz u. Haym. völlig auf ilim aufgebaut ist Diltheys 
Abhandlung (s. u.) Eine Reihe von Manuskripten ist femer im Besitz der 
Harvard -Universität. Nähere Angaben im Hegel -Archiv I. 1 S. V Anm. Nach- 
weis über weitere nachgelassene Manuskripte resp. Briefe Kant -Studien XVEE. 
S. 113. Vgl. femer Nohl,Vorr.zus.Aiisg.v.H.stheol.Jugendschriften(s.u. S.VI.) 

Außer den in den Gesamtausgaben abgedruckten Nachlaßstiicken ist 
bisher u. a. veröffentlicht: Rosenlcranz, Hegels Leben, Berl. 1844, S. 431 — 560, 
enthält neben zaliheichen Mitteilungen im Text, so dem Gedicht H.s ..Eleusi.«?" 
(1796), als Anhang u. a. : Fragmente z. Kritik d. Theol. ; Tageb. d. ReLse in 
die Bemer Oberalpen, 1796; Fragmente theol. u. lüst. Studien; Begriff d. 



80 § 7 Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 

Positivität d. Reüg., 1800; Aphorismen a. d. Jenenser u. Berliner Periode. 
Manches Unveröffentlichte auch bei Haym, Hegel u. s. Zeit, Berl. 1857, S. 471 
bis 512, vor allem: S. 473f. ü. Maria Magdalena, 474ff. Unterschied zw. griech. 
Phantasie- u. christlicher posit. Reüg., 483ff. A. d. Abh. ü. d. Verf. Württbgs., 
485ff. Ü. d. Wehr- u. Finanzverf.' Deutschlds., 496ff. Ü. d. Staatsbegriff 
i. d. Kritik d. Verf. Deutschlds. — Eine ganze Reihe von (meist schon durch 
Rosenkranz veröffentlichten) Nachlaßstücken sind femer abgedruckt bei 
Thaulow, H.s Ansichten ü. Erz. u. Unterr., Bd. III, Kiel 1854 (dort auch 4 Schrift- 
proben H.s aus versch. Jahren), wo auch sonst einige Originalmitteilungen 
stehen: Hegels Tagebuch a. d. Gymnasialzeit (1785 — 87) S. 14—33, einige aus- 
gewählte Exzerpte Hegels a. dors. Zeit, S. 33 — 146 (nicht bei Rosenkranz!); 
mehi-ere eigene Gymnasialarbeiten, S. 146 — 161; H.s Gymnasialabgangsrede, 
S. 161—164; Rede als Gymnasialrektor auf s. Amtsvorgänger (nach lüef- 
haber), S. 179—184; Aphorismen Hs. a. d. Berliner Periode, S. 241, a. d. 
Jenenser Periode, S. 288—290, 294. Proben poetischer Versuche Hegels bei 
Rosenkranz, A. Hegels Leben, Liter. -hist. Taschenb. v. Prutz I, 1843. — 
Separat ist sonst herausgegeben worden: Kritik d. Verfassungs Deut- 
lands, hg. V. G. Mollat, Kassel 1893; System d. Sittlichk., hg. v. G. Mollat, 
OsteiTvieck 1893; Das Leben Jesu. Harmonie der Evangelien nach eigener 
Übersetzung hg. v. Rogues. Jena 1906 (unzureichend; vgl. dazu die Rezens. 
v.H. NohlinD. L. Z. 1907 Nr.3, S. 150f.); Hegels theolog. Jugendschriften 
hg. V. Herrn. Nohl, Tüb. 1907 (grundlegende Ausg., die die in vöUige Unord- 
nung geratenen Jugendhandschriften wiederhergestellt hat). Es sind 1. Volksreli- 
gion U.Christentum; 2.* Das Leben Jesu; 3. Die Posivität der christl. Religion; 
4*. D. Geist d. Christentiuns u. sein Schicksal (der Titel der Schrift stammt 
vom Herausg.); 5. Systemfragment von 1800. Dazu 13 Entwurfstücke (* auch 
separat erschienen). Zahlreiche Mitteilungen aus den Jugendhandschriften 
Hegels, einschl. d. politischen, auch bei Dilthey, D. Jugendgesch. Hegels. 
Abh. d. Berl. Akad. d. Wiss. 1905. Hegels Erstes System. Nach d. Hand- 
schi'iften d. Kgl. Bibl. in Berlin hg. v. Hans Ehronberg und Herb. Link, Hdlbg. 
1915. — Vgl. auch Georg Lassen, Beiträge z. Hegelforschung, 2 Hefte, Berl. 
1909—10 (H. 1: H.s Mitarbeit a. d. Erlang. Lit.-Zeit.; H. 2: 5 Briefe H.s an 
Nannette Endel sowie kl. Nachrichten ü. H.s Berliner u. Jenenser Zeit E. 
Schülerarbeit Hegels, III, 2, 2 \mgedr. Briefe Hegels III, 2. Acht Briefe Hegels 
an Goethe, hg. von Am. Genthe, Goethejalirbuch 1895. 

Eine Sammelstelle aller kleineren Stücke aus dem Nachlaß, Briefe usw. 
will das Hegel -Archiv, Berlin seit 1912, sein, hg. v. G. Lassen. Es enthält 
Bd. I, H. 1: H.s Entwürfe zur Enzyklopädie u. Propädeutik n. d. Handschr. 
d. Harvard -Univ., hg. v. J. Löwenberg; Bd. I, H. 2: Neue Briefe H.s u. e. 
kritisches Exzerpt H.s aus Schleiermachers Glaubenslehre, Bd. IL Hegels 
handschr. Zusätze zu s. Rechtsph., hg. v. G. Lassen, Hegel-Archiv II, 2 u. 
III, 1 u. 2 1914-16. 

Brauchbare Anthologien a. Hegels Schriften sind: Frantz u. HiUert, 
H.s Philos. in wörtl. Auszügen, Berl. 1843 (mit guter Einl.); G. Thaulow, 
H.s Ansichten ü. Erziehung u. Unterricht. A. H.s sämtl. Scliriften gesammelt 
u. syst, geordnet. 3 Tle. in 4 Bdn., Kiel 1853 — 54 (mit mannigfachen Erläute- 
rungen). Hegels Gotteslehre u. Gottesfurcht, Lpz. 1846. M. Schasler, Hegel. 
Populäre Gedanken a. s. Werken, Berl. 1870, 2. A. 1873. G. Lassen, Hegel. 
E. Überblick ü. s. Gedankenwelt aus seinen Werken, Stuttg. 1906. Hegel. 
D. Staat (a. d. Rechtsph.) Feldausg. d. ph. Bibl., Lpz. 1918. Hegels Philo- 
soplüe, ..(Auswahl v. P. Hasse) (Deutsche Bibliothek Bd. 105), Berl. 1917. 
Hegels Ästhetik. Unter einheitl. Gesichtspunkt« ausgew., geordnet und mit 
verbind. Text versehen von Alfr. Baeumler, Münch. 1921. Eine Auswahl 
in engl. Sprache: Hegel, Transl. with an Introd. by Josiah Royce (Modern 
Philosophers, Ed. by E. H. Sneath). G. W. F. Hegol's Doctrine of "formal logic. 
Being a transl. of tho first section of the Subjective Logic (Logik Bd. 2. 
Abschn. 1). With introd. and notes of H. St. Macran, Oxford 1912. P. Ar- 
chambault, Hegel, Choix de Textes, Par. 1911. 

Hegels Leben (nebst Entwicklung bis zur Ausbildung eines eigenen 
Systems). Georg Wilhelm Friedrich Hegel, geb. am 27. Aug. 1770 in Stuttgart 



§ 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 81 

als Sohn eines herzogl. Verwaltungsbeamten (Rentkammersekretärs, späteren 
Expeditionsrates), wriclis in von altprotestantischem Geiste erfüllter Umgebung 
auf. Schon auf dem — streng humanistischen — Gymnasium, in dem ihm die 
antike Kulturwelt zxma ersten Male ins Bewußtsein drang, trat das die ganze 
geistige Welt vunfassende Interesse des späteren Denkers zutage. Im Herbst 
1788 bezog er das theologische Stift der Universität Tübingen, wo er von 1788 
bis 1790 den philosophischen, 1790 — 93 den theologischen Kursus absolvierte 
und die für alle drei so folgenreiche Freundschaft mit Hölderlin und Schelling 
scliloß. Der theologische Unterricht wurde von den jungen Gemütern als ein 
drückender Zwang empfunden. Der beherrschende Geist der theologischen 
Fakultät war der auf der äußersten Rechten stehende Supranaturalist Storr, 
der, arm an eigenem inneren Gehalt, das rehgiöse Leben mit intellektuellen 
Mitteln mißhandelte, es in scharfe Begriffe umwandelnd und die Geschichte 
Jesu rein nach Rechtsbegriffen beurteilend ; neben ihm wirkten der ihm gleich- 
gesinnte Flatt imd die mehr rationalisierenden Professoren der Exegese und 
Kirchengeschichte Sclinurrer und Rösler (Ü. d. Universitätsverhältnisse 
speziell d. Ev. -theolog. Fakultät vgl. [E\^ert-]Klüpfel, (Jesch. u. Besclireibung 
der Stadt Tübingen, Bd. II, IV. Absclm., Tüb. 1849). So waren es die lebendigen 
Kräfte der Umwelt, die auf die drei Cienossen wirkten, einmal die Literatur 
der Zeit: die Lektüre der Schriften Kants, dessen Idee der morahschen Sou- 
veränität der Person besonders starke Wirkung übte, Jacobis (Briefe über 
Spinoza), ebenso die Schillers (Götter Griechenlands). Und dann anderseits 
als ein ebenso mächtiger Faktor die französische Revolution. Von gleicher 
Wicbtigkeit wie die genannten literarischen imd politischen Fakta für die Ent- 
wicklung der drei Genossen war die fortdauernde Beschäftigung mit der grie- 
chischen Antike, in der wohl Hölderlin den Führer bildete. Im Gegensatz 
zu Schelling ist Hegels Begabung damals wie auch später für den Femerstehen- 
den im Umgang nicht nach außen in Geltung getreten. Nach beendetem 
Studium begarmen für Hegel Jahre des Hauslelirertums, das für ihn nichts 
unmittelbar Förderndes besaß. Zunächst wurde er in die Einsamkeit nach 
Bern verschlagen, wo er realistische Einbhcke in das Regiment der Schweizer 
Aristokratie tim. konnte; ein reger Briefwechsel mit Schelling ersetzte den 
persönlichen Umgang. Die Tagebuchblätter, eine W^anderung ins Hochalpen- 
gebiet zeigen ihn merkwürdig vinempf anglich für die Größe der Natur; sie 
offenbaren eine Grenze seines Wesens. In die Bemer Zeit fallen Schriften 
über ,,Das Leben Jesu" (1795) und eine Abhandlimg über das Verhältnis 
der Vemunftreligion zur positiven Religion (1795/96). Nach dreijährigem Auf- 
enthalt in der Schweiz kehrte Hegel nach Deutschland zurück und trat im 
Januar 1797 eine Hauslelirerstelle in Frankfurt am Main an, wo er mit dem 
bereits als Dichter berühmt gewordenen Hölderlin erneut in Umgang trat. 
Auch Schelling hatte bereits Weltruhm erworben, während er, Hegel, noch 
ganz unbekannt war — ein nicht geringer Druck selbst für ihn, der nie nach 
Effekt gestrebt hat. In seinen Mußestunden trieb er, wie zum Teil schon in 
Bern, politische Studien neben den theologischen, die auch nicht vernach- 
lässigt wurden. Im Sommer 1798 verfaßte Hegel eine kleine imgedruckt ge- 
bliebene Schrift ,,Über die neuesten inneren Verhältnisse Württembergs, 
besonders über die Gebrechen der Magistratsverfassung". Im selben Jahr 
veröffentUchte er als erste Schrift anonjTn die oben genannte Kritik pohtischer 
Zustände in Bern zur Zeit seiner dortigen Anwesenheit. 

üeberweg, Grandriß IV. u 



82 § 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 

In den Winter 1798/99 oder den Sommer 1799 fällt eine größere Schrift 
über den Geist des Christentums. Im Jahre 1800 entwarf Hegel zimi ersten 
Male einen Umriß seines eigenen Systems. Im Januar 1801 siedelte er, nachdem 
der Tod seines Vaters 1799 ihm ein kleines Kapital in die Hand gegeben hatte, 
das ihm einige Zeit selbständiger Existenz ermöglichte, nach Jena über. Ihm 
hatte sich (wie er am 2. November 1800 an Schelling schrieb) das Ideal des 
Jünglingsalters zur Reflexionsform umgesetzt xmd in ein System verwandelt. 
Er fühlte sich reif zvun Hervortreten aus seiner verborgenen Zurückgezogen- 
heit. In Jena nahm er die politischen Studien von neuem aui. In der Zeit: 
Herbst 1801 bis Frühjahr 1802 entstand eine Schrift über die Verfassimg 
Deutschlands. — Die Entwicklungsgeschichte seines Denkens bis zum Jahre 
1800 ist von Dilthey avif Grund der in der Berhner Königl. Bibliothek vor- 
handenen Nachlaßstücke aufgehellt worden (Die Jugendgeschichte Hegels. 
Abh. d. Berl. Akad. 1905). Es waren vor allem religions- imd staatsphilo- 
sophische Probleme, die Hegel in seinen Jugendjahren beschäftigten. Er 
versenkte sich mit einer Tiefe, die alle ihm vorausgegangene Historie hinter 
sich heß, in die geistige Welt, doch nicht lediglich vmter geschichtUchen Ge- 
sichtspunkten, sondern sogleich um eine philosophische Bemächtigung der 
Geschichte bemüht; aber auch hier noch nicht im reinen Betrachten verharrend, 
sondern von den realen Kultlirproblemen seiner Zeit ergriffen. Auf der einen 
Seite rang er, eine neue Weltanschauung anstrebend, um eine philosophische 
Darstellung und Entscheidung des Verhältnisses von Griechentum, Judentum 
und christUcher Religiosität, auf der andern Seite erfüllte ihn die Sehnsucht 
nach einem deutschen Staat, welche ihn zur Beschäftigung nut Politik bi* 
zu den Einzelheiten der Praxis drängte. 

Auch Hegel ist zunächst von Kant stark abhängig gewesen. Länger 
als Schelling hat er am Idealismus der Freiheit festgehalten. In der Schrift über 
das Leben Jesu stellte er Jesu Leben und Lehre als einen Kampf der Vemunft- 
religion mit der falschen Entwicklimg derselben in positive Religiosität, Kirchen- 
macht und Zeremonialdienst dar. Weitere Dokumente dieser Jahre offen- 
baren einen starken Gegensatz Hegels gegen die christliche Gefülilswelt. 
Den antiken Tod fürs Vaterland stellt er neben den Tod Jesu, ja es findet sich 
der Ausspruch, das Abendmahl könne nicht mehr ohne Ekel genommen werden. 
1795 näherte sich Hegel dem Pantheismus, den ein Gedicht ,,Eleusi8" 
dann 1796 ganz ausspricht. Fichte und Schelling wirkten auf ihn, ohne daß 
er in eine Schülerstellung geriet. Auch vollzog sich insofern eine Wandlung 
in ihm, als ihm Kants Moralgesetz rücht mehr als der Kern des Christentvmis 
erschien; ja die Ethik des kategorischen Imperativs selbst griff er nun an. 
Er wandte sich einem mystischen Pantheismus zu, der ihn damals in der Religion 
das Höchste sehen ließ. Die Welttotalität kann nicht im Denken, sondern 
nur in der Religion besessen werden. Die Sprache der Reflexion ist xmfähig, 
das göttliche Leben auszudrücken. Mit dieser Mystik verband Hegel gleich- 
zeitig schärfste Einsicht in die religiöse, geschichtliche Welt. Hegel stellte 
vum diese Zeit als erster das große Problem auf, wie eine innere Gemütsverfassung 
zu einem Glauben und positiver Religion führt. Er antizipierte Strauß: die 
Auferstehung wird ihm zu einem Mythus, entstanden aus der Sehnsucht nach 
der Vereinigung mit Gott durch das Organ der Phantasie. Es ist das der erste 
Versuch gewesen, die christliche Glaubenswelt als ein Erzeugnis der christ- 
lichen Gemeinde zu begreifen. Während dieser Arbeit entstand Hegel zu- 



§ 7. Georg Wilhelm Friedrich HegeL 83 

gleich ein neues religiöses Ideal, das einer allgemeinen öffentUchen Lebens- 
gemeinschaft. 

Nicht oline Zusammenhang damit ist seine Beschäftigung mit den poli- 
tischen Problemen der Zeit, die die angeführten Schriften zxma Ergebnis hatten. 
Sie stehen gleichmäßig in Gegensatz gegen die absolute Monarchie wie die 
Demokratie. Das größte Problem war für Hegel : wie kann Deutschland wieder 
ein Staat werden ? Das Wesen des Staates sah er in der gemeinsamen Ver- 
teidigung vind der Macht dazu, wie sich denn schon in dieser Frühzeit seiner 
Entwicklung sein tiefer realistisch -pohtischer Sinn offenbart. Er begreift 
MacchiavelU und erkennt die innere W^esensverfassvmg poUtisch großer Menschen 
(Napoleon). 

Gegen die angegebenen Resultate Dütheys ist von Löwenberg (Hegel- 
archiv I, 1, S. XVII ff.) eingewandt worden, daß Hegels Entwürfe, vor allem 
sein mystischer Pantheismus, mit Unrecht als feste Standpunkte Hegels an- 
gesehen sind, während es sich nur um Gedankenexperimente Hegels handle, 
wie sie in den von Löwenberg gleichzeitig veröffentUchten Vorarbeiten Hegels zur 
Enzyklopädie und Propädeutik vorliegen. Nach Löwenberg wäre die Struktur des 
Hegeischen Geeistes eine noch intellektuellere, als sie sich nach Düthey darstellt. — 
1798 Ueß Hegel als erste Publikation eine kommentierte \md bearbeitete Über- 
setzimg einer inParis 1793 von J. J. Gart veröffentlichten Schrift über die ehema- 
hgen staatsrechtüchen Verhältnisse in Bern erscheinen, die erst vor kurzem durch 
H. Falkenheim wieder ans Licht gezogen worden ist (s. o.). Die Schrift enthält 
eine herbe Kritik an der Schweizer Aristokratie, mit der Hegel auch persön- 
hche Erfahrungen gemacht hatte. Die erste Schrift, die Hegel nach seiner 
Übersiedlung nach Jena veröffentHchte, war die ,, Differenz des Fichte. chen 
und Schellingschen Systems der Philosophie", Jena 1801. Sie bestimmt die 
Axifgabe der Philosophie als die Wiederherstell\mg der zerrissenen Harmonie 
des Geistes. Das Fichtesche System ist subjektiver Idealismus, das Schellingsche 
subjektiv-objektiver und daher absoluter Idealismus. Es beniht auf dem 
Grundgedanken der absoluten Identität des Subjektiven und Objektiven; 
in der Naturphilosophie und der Transzendentalphilosophie wird das Absolute 
in den beiden notwendigen Formen seiner Existenz konstruiert. Zu dem 
Schellingschen Standpunkt bekennt Hegel sich selbst. Nachdem Hegel sich 
1801 durch die Dissertation ,,De orbitis planetarum" habihtiert hatte, wirkte 
er in Gemeinschaft mit Schelling für die Verbreitimg des Identitätssystems 
als akademischer Lehrer und (1802 bis 1803) als Mitherausgeber des (schon 
oben bei der Darstellung der Schellingschen Philosophie erwähnten) „Kri- 
tischen Journals der Philosophie" (2 Bde. ä 3 Hefte), zu welchem er die meisten 
Beiträge geliefert hat (ÜLer Hegels Jenenser Vorlesungen vgl. Gabler, Jahrb. 
f. wiss. Kritik, 1832, I, S. 222). 

Da sämtUche Abhandlimgen des „Krit. Journ." nicht imterzeiclmet 
sind, ist seinerzeit über die Autorschaft Hegels oder Schellings in mehreren 
Fällen Streit entstanden (vgl. J. E. Erdmann, Vers. e. wissensch. Darst. d. Gesch. 
d. n. Ph. III, 2, S. 691 ff. u. ob. S. 49). Derselbe ist jetzt durch ein von Nohl 
avifgefimdenes Selbstzeugnis Hegels (Hegels theol. Jugendschr. S. VIII f.) 
erledigt. Es gehören Hegel die folgenden. Diese Abhandlungen, von denen 
besonders die ersten in Gegensatz zu Hegels späteren Arbeiten in klarem 
fheßendem Stil verfaßt sind (wo Hegel in größerem Umfange eigene Ideen 
entwickelt, nimmt der Stü freihch meist alsbald den Hegel später eigentüm- 

6* 



84 § 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 

liehen dunklen Charakter au), stellen eine der Darlegung des eigenen Systems 
vorausgehende Abrechnung mit der philosophischen Produktion der Zeit 
dar. Es enthält Bd. I: 1. Ü. d. Wesen d. philos. Kritik überhaupt imd ihr 
Verhältnis zum gegenw. Zvistand der Ph. insbesondere (eine Einfülirung i, d. 
Zeitschr., aus der hervorgeht, daß Hegel bereits eine fest unu-issene Idee der 
Philosophie feststand). 2. W^ie der gemeine Menschenverstand die Philosophie 
nehme, — dargestellt an den Werken des Herrn Krug (E. vernichtend scharfe 
Kritik dreier Schriften Krugs, der u, a. verlangt hatte, daß die Wissenschafts- 
lelire seine Schreibfeder deduziere). 3. Verhältnis des Skeptizismus zur Philo- 
sophie, Darstellvmg seiner verschiedenen Modifikationen und Vergleichung 
des neuesten mit dem alten. (Der neueste Skeptizismus ist der von Schulze- 
Änesidemus. Die Abhandlung eröffnet einen tiefen EinbUck in Hegels eigenen 
Standpunkt. Die ihm mit Plato gemeinsame, in der Phänomenologie auftretende 
skeptische Haltving gegenüber der Sinnenerkenntnis und dem Dogmatismus 
der exakten Wissenscliaften ist bereits ausgebildet. Auch ist Hegels Lehre 
von dem Gegensatz von Vemvmft- und Verstanderkenntnis, des Standpunktes 
des Unendlichen, Absoluten und dem des Endlichen, ausgesprochen. Die 
erste unterliegt nicht dem Satz des Widerspruchs. Jeder Verniuiftsatz enthält 
Widersprechendes in sich. Ebenso ist die Auffassung Hegels über die Gesch. 
d. Philos. fixiert.) Bd. II: 1. Glauben und Wissen oder die Reflexionsphilosophie 
der Subjektivität, in der Vollständigkeit ihrer Formen als Kantische, Jaco- 
bische und Fichtesche Philosophie (eine Polemik, in der Hegels Grundlehren 
von der Erkennbarkeit der absoluten Vernunft und seine Abneigung gegen 
allen Subjekts- und Gefühlskult ausgesprochen sind). 2. Ü. d. wissenschaftl. 
Behandlungsarten des Natiirrechts, s. Stelle in der praktischen Philosophie 
und sein Verhältnis zu den positiven Rechtswissenschaften. (Die Abhandlung 
zeigt Hegels moralphilosophische Anschauungen in Bildung begriffen, seine 
Abweisung der subjektiven Begründung der Sittlichkeit zugvmsten einer 
Anlehnung an die Mächte der Sitte.) 

Aus der Jenenser Zeit — die zu ilir gehörigen Handschriften bilden 
den größten Teil des Nachlasses — hegt jetzt neuerdings noch eine weitum- 
fassende Handschrift publiziert vor: Hegels ,, Erstes System". Der Heraus- 
geber Elxrenfels setzt die Sclu-ift ins Jahr 1802. Sie ximfaßt die Logik (deren 
erste Seiten fehlen), die Metaphysik und die Naturphilosopliie, von der erst 
der anorganische Teil zur Behandlung gelangt ist. Die Philosophie des Geistes 
fehlt noch ganz. Sie liegt vor in dem etwa gleichzeitigen System der Sitt- 
lichkeit, dessen frühere lückenhafte Ausgabe durch Mollat jetzt durch die 
La.ssons ersetzt ist. Diese Schriften zeigen die Philosophie Hegels in noch 
unvollendeter Gestalt, aber doch auch seine auf ein geschlossenes System 
gerichtete Tendenz. Der Begriff des Absoluten und seines Sichveräußerns 
in der Materie und Wiederzusichkommens im Geist hegt bereits vor. Hegel 
befindet sich weder zu Fichte noch zu SchelUng in einem eigentlichen Schüler- 
verhältnis, obwohl er von ihren Ideen nicht unberülirt ist. Seiner Selbständig- 
keit wird er sich in vollem Umfang aber erst allmähhch bewußt. Auch die 
dialektische Methode liegt bereits vor. 

Vor allem aber hat Hegel die mystische Tendenz, die als Höchstes eine 
Auflösung des Individuums in der Religion erstrebte, wieder aufgegeben. 
Das Höchste ist ihm nicht mehr die Religion, sondern die Philosophie, in der 
das Absolute zu sich selbst konunt. Dieser Gedanke hat sich jedoch noch 



§ 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 85 

nicht völlig durchgesetzt. Das System der Sitthchkeit sieht die Vollendung des 
Individuums noch in der Auflösung des Individuums in den VolksgeLst (worin 
die Einwirkung des antiken Staatsgefühls auf Hegel sichtbar wird). — Auch 
die Schattenseiten des Hegeischen Denkens treten im „System" in der Natur- 
philosophie bereits mit krasser Deutlichkeit zutage, ebenso aber auch der meist 
nicht beachtete Reichtima an positiven Kenntnissen (z.B. auch in der Geologie). 

Die handschriftlichen Zeugnisse über die Entwicklung Hegels in den 
Jahren 1802 — 06 sind noch imgedruckt, obwolil bereits teilweise zur Publi- 
kation vorbereitet und angekündigt. 

Die erste reife, zur Veröffentlichung gelangte größere Frucht von Hegels 
Philosophieren war die Phänomenologie des Geistes (1806). Sie bildet 
den Abschluß der Jenenser Entwickltmg. In ihr umspannt Hegel zimi ersten- 
mal die Gesamtheit der Wirklichkeit, auch die Philosophie des Geistes ist 
nun entwickelt. Er hatte inzwischen klares Bewußtsein seiner Differenz von 
Schelüng gewonnen, zumal seit dieser im Sommer 1803 Jena verlassen hatte, 
vmd der unmittelbare persönliche Verkehr wegfiel. Er gab dieser Differenz 
scharf und schneidend Ausdruck. Seitdem betrachtete ihn Schelüng als seinen 
Gegner, während er vorher auf das innigste mit ihm befreundet gewesen war. 
Hegel selbst scheint ein Bewußtsein von der ganzen Schwere seines Angriffs 
auf Schelüng nicht besessen zu haben, da er später Schelüng in München 
aufgesucht hat, als wenn nichts vorgefallen sei (wie dieser schreibt). Die Voll- 
endvmg der Phänomenologie fiel mitten in die Tage der ScMacht bei Jena, 
wenn die auf Gans zurückgehende Tradition auch unrecht hat, daß Hegel 
das Werk unter dem Kanonendonner der Schlacht beendet habe. In diese 
Zeit fäUt noch einEreignis, das auf den historisch empfindenden Hegel von nach- 
haltigem Eindruck gewesen ist: er sah Napoleon. ,,Den Kaiser, diese Welt- 
seele, sah ich durch die Stadt zmn Rekognoszieren hinausreiten; — es ist in 
der Tat eine wunderbare Empfindung, ein solches Individuiun zu sehen, das 
hier auf einen Punkt konzentriert, auf einem Pferde sitzend, über die Welt 
übergreift und sie beherrscht." ,,Von Donnerstag bis Montag sind solche Fort- 
schritte n\ir diesem außerordentlichen Manne mögÜch, den es nicht mögüch 
ist, nicht zu bewundern." 

Bald nachher verüeß Hegel infolge der Kriegsereignisse Jena, gab die 
ihm dort im Februar 180.5 mit 100 Taler Jahresgehalt erteilte auJSerordentüche 
Professur auf und redigierte eine Zeitlang die Bamberger Zeitung, bis er im 
November 1808 das Direktorat des ÄgidiengjTnnasiToms zu Nürnberg erhielt. 
Er bekleidete dasselbe bis ziun Jahre 1816. In dieser Stellung schrieb er zvun 
Behuf des Gymnasial Vortrags seine philosophische Propädeutüc ttnd verfaßte 
das ausführüche, die früher von ihm selbst noch vuiterscliiedenen Disziplinen 
IjOgik im.d Metaphysik zur Einheit zusammenfassende Werk: , »Wissenschaft 
der Logik", Nürnberg 1812 — 16. Im Herbst 1816 trat Hegel eine Professm- 
der Philosophie in Heidelberg an, nachdem Fries von dort nach Jena zvu-ück- 
gekehrt war. Der ,, höchste Wunsch seines Lebens" ging damit in Erfüllung. 
Während des Aufenthalts in Heidelberg wau-de von Hegel neben einer Be- 
urteilung der Verhandlungen der Württembergischen Landstände in den Jahren 
1815 imd 1816 in den Heidelberger Jahrbüchern 1817 (einer Verteidigung der 
von der Regierung erstrebten Reformen) die ..Enzyklop. der philosoph. 
Wissenschaften im Grundrisse", Heidelb. 1817. veröffentUcht (2. sehr 
erweit. Aufl. 1827, 3. Aufl. 1830). 



86 § 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel 

1818 wurde Hegel nach Berlin berufen. Schon seit langem hatte 
sein Bhck auf dem preußischen Staat geruht. Die großartige Regeneration, 
die sich in ihm vollzogen hatte, ließ Hegel seine weitere Zukunft vorausahnen. 
,,Es ist", so sprach er es in seiner am 22. Oktober 1818 gehaltenen Antritts- 
rede aus. ,, insbesondere dieser Staat, der mich nun in sich aufgenommen hat, 
welcher durch das geistige Übergewicht sich zu seinem Gewicht in der Wirk- 
liclikeit und im Politischen emporgehoben, sich an Macht und Selbständigkeit 
solchen Staaten gleichgestellt hat, welche ihm an äußeren Mitteln überlegen 
gewesen wären. Hier ist die Bildung luid die Blüte der Wissenschaften eines 
df^r wesentlichen Momente im Staatsleben selbst." Hegels Vorlesungen er- 
streckten sich über alle Teile des philosophischen Systems. Sie haben zur Be- 
gründung seiner später weitausgebreiteten Sch\ile, der größten des ganzen 
Jahrhunderts, am einflußreichsten gewirkt. Darüber hinaus haben sie auf die 
Kultur der Zeit den stärksten Einfluß geübt. Wie schon zu Fichtes FüTi^i 
saßen auch zu seinen reife Männer, insbesondere auch höhere Staatsbeamte, 
obwohl sein Vortrag rednerisch stockend und schlecht war. (Eine eindrucks- 
volle Schilderung desselben wie überhaupt von Hegels PersönUchkeit bei Hotho, 
Vorstudien für Leben tmd Kunst, Tüb. 1835, S. 383 ff.) Sein nicht eigentlich 
reaktionäres — Hegel vertrat den im Anzug befindlichen Konstitutionalis - 
mus — . so doch die historische Kontinuität wahrendes System wurde nach 
und nach zur Staatsphilosophie. Hegel selbst erlangte beträchtüche Macht, 
zumal diirch seinen Einfluß atif den Minister Altenstein ; er soll auch drastischere 
Mittel rücht verschmäht haben. Die objektive Kulturwirkvmg der Philosophie 
hat damals einen Höhepunkt erreicht. Durchavis feindlich war Hegels Ver- 
hältnis zu Schleiermacher, der infolgedessen seirier Aufnahme in die Akademie 
mit allen Mitteln entgegentrat. 

An literarischen Publikationen hat Hegel wähi-end seiner Berliner Periode 
nur noch die Rechtsphilosophie herausgegeben: ,, Grundlinien der Philos. 
des Rechts oder Naturrecht und Staatswissensch. im Grund- 
risse", Berl, 1821. and an dem neubegründeten literarischen Organ des 
Hegelianismus, den ,, Jahrbüchern für wissenschaftl. Kritik", mitgearbeitet. 
Durch die dankenswerte vortreffliche Redaktion der Schüler sind die Vorlesungen 
über die Philosophie der Geschichte, der Kunst und Religion, wie auch über 
die Geschichte der Philosopliie, mehr oder minder buchmäßig verarbeitet 
und so voröffentücht worden, nachdem Hegel selbst, mitten in voller Wirk- 
samkeit stehend, am 14. November 1831, dem Todestage von Leibniz, vielleicht 
an der Cholera, gestorben war. 

Hotho schildert Hegel während seiner Berliner Zeit so: ,,Die früh ge- 
alterte Figur war gebeugt, doch von ursprüngUcher Ausdauer und Kraft; 
weder von imponierender Hoheit noch von fesselnder Anmut zeigte sich eine 
äußerhehe Spur, ein Zug altbürgerlicher Gradheit war das Nächste, was sich 
in seinem ganzen Behaben bemerkbar machte. Den ersten Eindruck werde 
ich niemals vergessen. Fahl und schlaff hingen alle Züge wie erstorben nieder, 
keine zerstörende Leidenschaft, aber die ganze Vergangenheit eines Tag und 
Nacht verschwiegen fortarbeitenden Denkens spiegelte sich in ihnen wieder ..." 
(Vorstudien für Leben imd Kunst, Stuttg. 1835 S. 383f.) 

Hegels allgemeine Bedeutung. Hegel ist der größte unter den 
nachkantischon Idealisten. Er hat alle Tendenzen der Romantik in sich er- 
lebt und war ihr dennoch überlegen. Das Irrationale in ihr, der Drang zum 



§ 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 87 

Erlebnis iind die Versenkiing in andere Individualitäten und Epochen hat 
i» ihm die Kraft zu philosophischem Denken nicht abgetötet oder geschwächt. 
Eine einzigartige Kombination von Veranlagung: tiefstes historisches "Ver- 
ständnis und höchster philosoploischer Trieb waren in ihm. ..Er gab in alles 
Geschehen die Tiefe seines Erlebens hinein und verhielt sich dabei doch ganz 
gegenständlich." (Dilthey.) Er weist den Enthusiasmus und die Inspiration 
von sich und will die Philosophie voi strenger begrifflicher Wissenschaft erheben. 
Nicht verwandt dem Wesen Fichtes imd der ewig wechselnden Art Schellings 
strebte Hegel in steter Arbeit ein abgeschlos-sen vollendetes System an. Dies 
Streben nach Abschluß ist es, das ihn erst so spät avis dem Verborgenen hat 
hervortreten lassen. Aber es ist es auch gewesen, dem er seine voUe Reife 
und die Naehhaltigkeit seiner Wirkung verdankt. 

Sein Stil ist kondensiert, schwer und oft dunkel, infolge der auch sein 
Denken erfüllenden \delen Äquivokationen nicht selten sogar verworren. 
Aber oft wiixi das dunkle Dickicht von klassischen, wenn auch zuweilen para- 
doxen Formulierungen durchbrochen. Es ist ein großer Stil. 

Der traditionelle Vorwurf der Wirklichkeitsfremdheit ist nicht zu halten. 
Hegels Philosophie ist zwar in höchstem Maße spekulativ, aber gesättigt 
mit Realität. Und zwar ist es die geistig geschichtliche Wirklichkeit in ihrem 
ganzen Umfange, vor allem Geschichte. Kunst, ReligiositÄt und Philosophie, 
die seinem System zugrunde hegt. Das ist sein Größtes, daß er die geistig 
historische Wirklichkeit zum Gegenstande der Philosophie gemacht hat. 
Fast allein Herder war ihm darin vorausgegangen, aber Hegel ist wesentUch 
tiefer. Die früheren Denker. Descartes, Spinoza, Leibniz, Locke, H\ame, 
waren ganz unhistorisch gewesen, und auch bei Kant, Fichte sowie dem jüngeren 
SclielHng kam die geschichtliche Welt nicht zur voUen Geltung. Es ist erst 
durch Hegel geschehen. Das konstruktive Verfahren seiner Philosophie ist 
vergangen, aber die Tiefe seiner historischen Einsichten ist unvergangen. 
Seine ,,Philosopliie der Geschichte" sowohl wie die ..Ästhetik" und ,, Religions- 
philosophie" vermögen noch heute dem eine historische Aufklärung großer 
Art suchenden Gteist Nahrung zu geben. Dilthey hat von einer Jugendschrift 
Hegels — und die Jugendschriften zeigen alle erst den werdenden Hegel — 
gesagt, sie hinterlasse den Eindruck, ,,daß in diesem jungen Hegel die Anlage 
zu einem großen Historiker war, und zwar noch bevor er unternahm, den 
Zusammenhang der Geschichte in Beziehungen von Begriffen festzulegen". 
Die Fülle und die Tiefe der historischen Intuitionen Hegels übertrifft alle 
Vorstellung. Die Masse wie die großen Individuen, die materiellen Reah täten 
%^-it- die geistigen, alle kommen bei ihm zu ihrem Recht. Viele seiner Intuitionen 
lassen an eindringender Kraft alles hinter sich, was sich positiv-historische 
Forschung nennt. Es bedarf nur des Abstreifens jenes Spirmengewebes von 
Begriffen, das sich in seinem System über die historischen Anschauungen 
gelegt hat. damit diese in ihrer leuchtenden Kraft klar hervortreten. Ein 
\angeheurer Realismus des BHcks, ein xmbedingt sicheres Bloßlegen der ent- 
scheidenden Züge liegt hier vor. Zuzugeben ist allerdings, daß Hegels begriff- 
lich konstruierende Methode ihn mehrfach zu Konflikten mit den Tatsachen 
oreführt hat. 

Das Verst^ändnis des Systems Hegels ist noch nicht in vollem Umfange 
hergestellt. Die früheren Darstellungen sind meist panegjTisch oder ganz 
absprechend gew^en. Und auch die übrigen, einschheßlich Kuno Fischers 



88 § 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 

Hegel-Werk, sind \inz\ireichend. Nur ein dem Tiefsinn Hegels ebenso verständ- 
nisvoll nachgehendes wie die Irrgänge seines Denkens rücksichtslos aufdecken- 
des Verfahren kann zum Ziel führen. Voraussetzung für die Gewinnung eines 
vollen Verständnisses wäre zunächst eine genaue Ermittlung der Bedeutung 
der zahlreichen von ihm geprägten philosophischen Termini wie auch der von 
der gewöhnlichen abweichenden Bedeutung, in der er zahlreiche Worte, wie 
z. B. Begriff, Substanz, Abstraktion u. a. gebraucht. Weder Rosenkranz', 
noch Haynis, noch Kuno Fischers Darstellung reichen aus. 

Hegels System. Die Phänomenologie, aas erstu der großen Werke, 
eröffnet bereits lunfassende Einblicke in den Bau des ganzen Systems. Sie 
ist zugleich das schwerste wie gehaltvollste der Werke Hegels. Der schwere 
und dunkle kondensierte Stil drängt große Gedankenraassen aufs stärkst<^ 
zusammen. 

In der Einleitung zur Enzyklopädie begründet Hegel den Stand- 
punkt des absoluten Wissens durch eine Kritik der Stellungen des philoso- 
phischen Gedankens zur Objektivität, welche in der Geschichte der neueren 
Philosophie hervorgetreten sind, insbesondere des Dogmatismus und Empiris- 
mus, des Kritizismus imd des unmittelbaren Wissens. Das absolute Wissen 
erkennt Denken und Sein als identisch oder, wie Hegel in der Vorrede der 
Piechtsphilosophie sich ausdrückt, das Vernünftige als wirldich und das W^irk- 
liche als vernünftig. 

Die Philosophie Hegels ist zu bezeichnen als ein metaphysisch -lo - 
gisches System, das die Wirklichkeit als Entwicklungsergebnis der ab- 
soluten Vernunft auffaßt. Es trat auf (in der Phänomenologie) mit dem An- 
spruch, eine Überwindtmg und Übersteigerung des Schellingscheii Jdentitäts- 
systems darzustellen. Hegel billigt an der Schellingschen Philosophie, daß 
es ihr um einen Inhalt zu tun sei, um die wahre absolute Erkenntnis, und daß 
das Walu"e ihi- das Konkrete sei. die Einheit des Subjektiven und Objektiven, 
im Gegensatz zu der Kantischen Lehre von der Unerkennbarkeit der Dinge 
an sich und zu Fichtes subjektivem Idealismiis. Hegel findet aber bei ScheUing 
den zweifachen Mangel: 1. daß das Prinzip des Systems, die absolute Identität, 
nicht als ein Notwendiges erwiesen, sondern nur vorausgesetzt werde (das 
Absolute sei wie aus der Pistole geschossen), 2. daß der Fortgang vom Prinzip 
des Systems zu den einzelnen Sätzen nicht mit wissenschaftlicher Notwendig- 
keit begründet sei, tuid danun statt der Auizeigung der Selbstentfaltung 
des Absoluten nur ein willkürliches tind phantastisches Operieren mit den 
beiden Begriffen des Idealen und Realen eintrete (wie wenn ein Maler für Tiere 
und Landschaften mu* die beiden Farben rot und grün zu verwenden hätte); 
es komme aber darauf an, daß das Absolute nicht bloß als die allem Individuellen 
zugrunde liegende Substanz, sondern auch als das sich selbst setzende, aus dem 
Anderswerden sich wiederum zur Gleichheit mit sieh selbst herstellende Subjekt 
aufgefaßt werde. 

Hegel will demnach seinerseits 1. das Bewußtsein auf den Staudpunkt 
der absoluten Erkenntnis erheben, 2. den gesamten Inhalt dieser Erkenntnis 
vermittels der dialektischen Methode systematisch entwickeln. Das erste ge- 
schieht in der Phänomenologie des Geistes und (kürzer, indem blaß die letzten 
Stufen der philosophischen Erkemitnis betrachtet werden) in der Einleitimg 
der Enzyklopädie, das andere in dem gesamten System der Logik. Natur- 
und Geistesphilosophie. 



§ 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 8Vj 

In der Phänomenologie des Geistes stellt Hegel die Entwicklungs- 
formen des menschlichen Bewußtseins dar von der unmittelbaren Gewißheit 
dvirch die verschiedenen Formen der Reflexion und Selbst entfremdung hin 
durch bis zur absoluten Erkenntnis. In der phänomenologischen Darstellung 
verflicht Hegel miteinander die Bildungsgeschichte des individuellen und des 
allgemeinen Geistes. Die Hauptstufen sind: Bewußtsein, Selbstbewrißtsein, 
Verniuift, sittUcher Geist, Religion, absolutes Wissen. Der Gegenstand des 
absoluten Wissens ist die eigene Bewegung des Geistes. Der absolute Geist 
gibt sich die Gestalt des Selbstbewußtseins. Das absolute, begreifende Wissen 
setzt das Dasein aller früheren Gestalten voraus; daher ist es die begriffene 
Geschichte, in ihr sind alle früheren GJestalten bewahrt. — Die Philosophie 
liat nach Hegel keinen besonderen Gegenstand. Sie hat ihren Gegenstand 
mit der Religion gemeinsam. Beide handeln vom Endlichen, der Natvu" und 
dem menschlichen Geist, ihren Beziehungen zueinander und auf Gott, das 
Absolute. Die Philosophie will die Notwendigkeit der Dinge zeigen. Sie 
ist dasjenige Wissen, ,, welches sich mit der Erkenntnis des festen Maßes und 
Allgemeinen in dem Meere der empirischen Einzelheiten und des Notwendigen, 
des Gesetzes ia der scheinbaren Unordnung der tmendlichen Menge des Zu- 
fälligen beschäftigt xnid damit zugleich seinen Inhalt aus dem eigenen Anschauen 
und Wahrnelimen des Äußern und Innern, aus der präsenten Natur, wie aus 
dem präsenten Geiste und der Brust des Menschen genommen hat". Die 
Philosophie läßt den Inhalt der positiven Wissenschaften nicht beiseite hegen. 

Das System der Philosophie ghedert sich in drei Hauptteile: die 
Logik, welche die Wissenschaft der Idee an und für sich ist, die Naturphilo- 
sophie als die Wissenschaft der Idee in ihrem Anderssein, die Philosophie 
des Geistes als die Wissenschaft der Idee, die aus ihrem Anderssein in sich 
zurückkehrt. Die Methode ist die dialektische, welche das Umschlagen 
jedes Begriffs in sein Gegenteil und die Vermittlung des Gegensatzes zu einer 
höheren Einheit betrachtet; in ihr ist sowohl der bloß iinterscheidende Ver- 
stand, wie auch die bloß die Unterschiede aufhebende negative Vernunft 
oder Skepsis als Moment enthalten. Der Begriff ist stets in Bewegung, er 
bleibt nicht das, was er ist, sondern vermöge des in ihm enthaltenen Wider- 
spruchs hebt er sich selbst auf, aber aus diesem Widerspruch kehrt er wiederum 
zu sich selbst zurück. Er ist ebenso sein Gegenteil als er selbst. Diese ewige 
Bewegung ist ein Moment der Heraklitischen Philosopliie, die Hegel sehr 
hoch schätzte, wie er denn anerkennt, daß es keinen Satz des Herakht gebe, 
den er nicht in seine Logik aufgenommen habe. Das vernünftige Erkennen 
im Gegensatze zu dem verständigen besteht in dem ,, Waltenlassen der Sache 
selbst oder der allgemeinen Vernunft in uns, die mit dem Wesen der Dinge 
identisch ist". Mit diesem Verfahren, die Begriffe selbst sich dialektisch ,be- 
wegen' zu lassen, Widersprüche aus ihnen zu erzeugen, stellt sich Hegel in 
Gegensatz zur gewöhnlichen Logik, indem er den Satz des Widerspruchs 
durchbricht. Der Widerspruch bewege die Welt, alle Dinge sind an sich selbst 
widersprechend; dieser Satz drücke gegen die Sätze der Identität, der Ver- 
schiedenheit, die Entgegensetzung, die Wahrheit und das Wesen der Dinge 
aus. Der Widerspruch, worin etwas in sich das Negative seiner selbst ist, 
ist die Wurzel aller Bewegung und Lebendigkeit. (Werke IV, S. 67 f.) — Femer 
ist von grundsätzUcher Wichtigkeit, daß die Begriffe für ihn nicht lebens- 
fremde Wesenheiten sind, sondern selbst als tätig auftreten. Der L^mkreif; 



90 § 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 

dessen, was er Begriff nennt, ist wiederum nicht völlig identisch mit dem, was 
die heutige Logik so nennt. Er ist teils enger, teils größer. So spricht er z. B. 
von den ,, abstrakten sinnlichen Vorstellungen" der Geometrie, und anderseits 
sind nach ihm auch Urteil und Scliluß Formen des Begriffs. — Femer ist 
für ihn wie für die ganze Spekulation der Zeit (Fichte!) prinzipiell, obschon 
es nicht konsequent durchgeführt wird. Wirklichkeit nicht ohne weiteres 
= Dasein. Desgleichen hat das Wort ..Wahrheit" nicht seinen heutigen rein 
logisch-erkenntnistheoretischen Charakter, sondern oft ist Wahrheit einfach 
nur = das Wertvolle. Derartige, das Verständnis erschwerende Abweichungen 
vom gewölinlichen Wortgebrauch und an sie sich anschließende durch In- 
konsequenz der Wortverwendimg entstehende zahlreiche Äquivokationen 
sind in seinem System von großer Tragweite gewesen. 

Die Logik ist die Wissenschaft der reinen Idee, das ist, der Idee im 
abstrakten Elemente des Denliens, die Wissenschaft von Gott oder dem Logos, 
sofern derselbe nur als das Prius der Natiu* ^xad des Geistes (gleichsam wie er 
vor der Weltschöpfung ist) betrachtet wird. Sie zerfällt in drei Teile, näm- 
üch in die Lehre vom Sein als dem Gedanken in seiner Unmittelbarkeit, dem 
Begriff an sich, die Lehre vom Wesen als dem Gedanken in seiner Reflexion 
und Vermittlung, dem Fürsichsein tmd Schein des Begriffs, die Lehre von 
dem Begriff vmd der Idee als dem Gedanken in seinem Zvirückgekehrtsein 
in sich selbst und seinem entwickelten Beisichsein, dem Begriff an iind für sich. 
In dem größeren Werke über die Logik hat Hegel diesen letzten Teil als sub- 
jekti\e Logik, die beiden ersten zusammen als objektive Logik bezeichnet. 

Den Ausgangspunkt der dialektischen Entwicklving in der Logik (und 
damit also zugleich in dem gesamten philosoj5hischen System) bildet das 
reine Sein als der abstrakteste und absolut inhaltsleere, daher mit dem 
Nichts identische Begriff. Zu dem Nichts steht das Sein in dem Doppelver- 
hältnis der Identität und des, obschon unsagbaren, unangebbaren Unterschieds. 
Die Identität im Unterschied von Sein und Nichts ergibt einen neuen, höheren 
Begriff, welcher die höhere Einheit jener beiden Begriffe ist, nämhch den des 
Werdens. Die Arten des Werdens sind das Entstehen und das Vergehen; 
das Resultat des Werdens ist das Dasein; das mit der Negation identische 
Sein oder das Sein mit einer Bestimmtheit, die als unmittelbare oder seiende 
Bestimmtheit ist, oder einer Qualität. Das Dasein als in dieser seiner Be- 
stimmtheit in sich reflektiert, ist Daseiendes, Etwas. Die Grundlage aller 
Bestimmtheit ist die Negation, wobei sich Hegel avif Spinozas Satz beruft: 
omnis determinatio est negatio. Als seiende Bestimmtheit gegenüber der in 
ihr enthaltenen, aber von ihr luiterschiedenen Negation ist die Qualität Realität; 
die Negation aber ist nicht mehr das abstrakte Nichts, sondern das Anders- 
sein. Das Sein der Qualität als solches, gegenüber der Beziehung auf anderes 
ist das Ansichsein. Das Etwas wird ein anderes, da das Anderssein sein 
eigenes Moment ist, das Andere als ein neues Etwas wird wieder ein Anderes; 
dieser Prozeß ins unendüche aber bleibt bei dem Widerspruch stehen, daß das 
Endliche sowohl Etwas ist, wie sein Anderes. Die Auflösung dieses Wider- 
spruchs liegt in dem Gedanken, daß das Etwas in seinem Übergehen in Anderes 
nur mit sich selbst zusammengeht oder das Andere des Anderen wird; diese 
Beziehung im Übergehen vind im Anderen auf sich selbst ist die wahrhafte 
Unendlichkeit, die Herstellung des Seins als Negation der Negation, oder das 
Fürsichsein. Im Fürsichsein ist die Bestimmung der IdeaUtät eingetret^i. 



§ 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 91 

Die Walirheit des Endlichen ist seine Idealität. Diese Idealität des Endlichen 
ist der Hauptsatz der Philosophie, und jede wahrhafte Philosoplüe ist des- 
wegen Idealismus. Die Idealität als die wahrhafte Unendlichkeit ist die Lösimg 
des Gegensatzes zwischen dem Endlichen und dem Verstandes -Unendlichen, 
welches, neben das Endliche gestellt, selbst nur eines der beiden Endlichen 
ist. Die Momente des Fürsichseins sind: Das Eins, die Vielen und die Beziehung 
(als Attraktion tmd Repulsion). Die Qualität schlägt wegen der Unterschieds- 
losigkeit der vielen Eins in ihr Gegenteil, die Quantität, nm. In der Kategorie 
der Quantität ^viederholt sich das Verhältnis des Seins, Daseins und Fürsich- 
seins als reine Quantität, Quantum und intensive Größe oder Grad. Das sich 
gelbst in seiner fürsfichseienden Bestimmtheit Äi^ißerlichsein des Quantimas 
macht seine Qualität aus. Das Quantitative, an ihm selbst so gesetzt, ist das 
quantitative Verhältnis. Indem das Quantitative selbst Beziehung auf sich 
in seiner Äußerlichkeit ist odec das Fürsichsein und die Gleichgültigkeit der 
Bestimmtheit vereinigt sind, ist es das Maß. Das Maß ist das quahtative 
Quantimi. die Einheit der Qualität vmd der Quantität. In dieser Einheit 
ist die Unmittelbarkeit des Seins aufgehoben und dadurch das Wesen gesetzt. 
Das Wesen ist das aufgehobene Sein oder das durch die Negation mit 
sich vermittelte, in sich reflektierte Sein. Dem Wesen gehören an die reinen 
Reflexionsbestimmungen, insbesondere die Identität, der Unterschied und der 
Grund. Die logischen Grundsätze der Identität \md des Unterschieds sind aL^ 
einseitige Abstraktionen, welche bloße Momente der Wahrheit verselbständigen, 
mit Unwahrheit behaftet ; die spekulative Wahrheit ist die Identität der Identi- 
tät imd des Unterschieds, welche im Begriffe des Grundes hegt. Das Wesen 
ist der Grund der Existenz: die Existenz ist die Wiederherstellung der Un- 
mittelbarkeit oder des Seins, insofern es diirch das Aufheben der Vermittlung 
rermittelt ist. Die Totalität als die in Einem gesetzte Entwicklung der Be- 
stimmungen des Grundes und der Existenz ist das Ding. Unter dem ,,Ding 
an sich" versteht Hegel, angebüch im Sinne Kants, die Abstraktion der bloßen 
Reflexion des Dinges an sich, an der gegen die Reflexion in anderes, vermöge 
deren es Eigenschaften habe, als an der leeren Grundlage derselben festgehalten 
werde. Die Existenz des Dinges involviert den Widerspruch zwischen dem 
Insichbestehen und der Reflexion in anderes oder der Materie und der Form; 
in diesem Widerspruch ist die Existenz Erscheinung. Das Wesen muß 
erscheinen. Das unmittelbare, dem Wesen gegenüberstehende Sein ist der 
Schein; das entwickelte Scheinen ist die Erscheinung. Das Wesen ist daher 
nicht hinter oder jenseits der Erscheinung, sondern dadiirch, daß das Wesen 
es ist, welches existiert, ist die Existenz Erscheinung. Die Erscheinvmg ist 
die Wahrheit des Seins und eine reichere Bestimmiing als dieses, insofern 
dieselbe die Momente der Reflexion in sich und in anderes in sich vereinigt 
enthält, wohingegen das Sein oder die Unmittelbarkeit noch das einseitig 
Beziehvmgslose ist. Der Mangel der Erscheinung aber besteht darin, daß sie 
noch dieses in sich Gebrochene, seinen Halt nicht in sich selbst Habende ist, 
welcher Mangel in der nächsthöheren Kategorie, der Wirklichkeit, aufgehoben 
wird. Kant, sagt Hegel, habe das Verdienst, dasjenige, was dem gemeinen 
Bewußtsein als ein Seiendes vmd Selbständiges gelte, als bloße Erscheinung 
aufgefaßt zu haben; er habe aber fälschhch die Erscheinung im bloß subjek- 
tiven Sinne genommen und außer derselben ..das abstrakte Wesen" als Ding 
an sich fixiert ; was freiUch keineswegs Kants eigenthche Meinung war. Fichte 



92 § 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 

habe in seinem subjektiven Idealismus irrigerweise den Menschen in einen 
undurchdringlichen Kreis bloß subjektiver Vorstellungen gebannt; es sei 
vielmelir die eigene Natur der unmittelbar gegenständüchen Welt selbst, 
nur Erscheinung und nicht feste vmd selbständige Existenz zu sein. Die ui\- 
mittelbar gewordene Einheit des Wesens xmd der Existenz oder des Innern 
und des Äußern ist die Wirkhchkeit; ihr gehört das Verhältnis der Substaii- 
tiaUtät, das der Kausalität und das der Wechselwirk\xng an. Die Wechsel - 
wirkimg ist imendliche negative Beziehving auf sich. Diese bei sich bleibende 
Wechselbewegung aber oder das zimi Sein als einfacher Unmittelbarkeit 
zurückgegangene Wesen ist der Begriff. 

Der Begriff ist die Einheit des Seins und des Wesens, die Wahrheit 
der Substanz, das Freie als die für sich seiende substantielle Macht. Der sub- 
jektive Begriff entwickelt sich als der Begriff als solcher, der die Momente 
der Allgemeinheit, Besonderheit und Einzelheit in sich faßt, als das Urteil, 
welches die gesetzte Besonderheit des Begriffs, die Diremtion des Begriffs 
in seine Momente, die Beziehung des Einzelnen a\if das Allgemeine ist, endb'ch 
als der Schluß, der die Einheit des Begriffs und des Urteils ist, Begriff als die 
einfache Identität, in welche die Formunterschiede des Urteils zurückgegangen 
sind, und Urteil, insofern er zugleich in Realität, nämlich in dem UnU^rschiede 
seiner Bestirmmuigen gesetzt ist. Der Schluß ist das Vernünftige und alles 
Vernünftige der ICreislauf der Vermittlung der Begriffsmomente des Wirklichen. 
Die Realisienmg des Begriffs im Schlüsse als die in sich zurückgegangene 
Totalität ist das Objekt. Der objektive Begriff dvirchläuft die Momente: 
Mechanismus, Chemismus vmd Teleologie, welche liier nicht in speziell natui- 
wissenschaftlichem, sondern in allgemein metaphysischem Sinne verstanden 
werden müssen. In der Realisierimg des Zwecks setzt sich der Begriff als das 
an sich seiende W^esen des Objekts. Die Einlieit des Begriffs und seiner Reahtät, 
die an sich seiende Einheit des Subjektiven und Objektiven als für sich seiend 
gesetzt ist die Idee. Die Momente der Idee sind das Leben, das Erkennen 
und die absolute Idee. Die absolute Idee ist die reine Form des Begriffs, 
die ihren Inhalt als sich .selbst anschaut, die sich wissende Walirheit, die ab- 
solute und alle Wahrheit, die sich selbst denkende Idee als denkende und lo- 
gische Idee. Die absolute Freiheit der Idee ist, daß sie nicht bloß ins Leben 
übergeht, noch ein endliches Erkennen dasselbe in sich scheinen läßt, sondern 
in der absoluten Wahrheit ilirer selbst sich entschheßt, das Moment ihrer 
Besonderheit oder des ersten Bestinunens und Andersseins, die unmittelbare 
Idee als ihren Widerschein, als Natur, frei aus sich zu entlassen. Die Idee 
als Sein oder die seiende Idee ist die Natiu-. 

Die Natur ist die Idee in der Form des Andersseins oder der Entäußerung. 
Sie ist der Reflex des Geistes, das Absolute in seinem unmittelbaren Dasein. 
Die Idee durchläuft von ilirem abstrakten Außersichsein in Ravun luid Zeit 
bis zum Insichsein der Individualität iiu animalischen Organismus eine l^ihe 
von Stufen, deren Folge auf der fortschreitenden Reaüsienmg der Tendenz 
zum Fürsichsein oder zur Subjektivität beruht. Doch hat in der Sphäre der 
Natur auch die Zufälligkeit und Bestimmbarkeit von außen ihi* Recht; die Aus- 
führung des Besonderen ist äußerer Bestimmbarkeit ausgesetzt, und liierin 
liegt eine Olinmacht der Natur, die der Philosophie Grenzen setzt; das Parti- 
kularst« läßt sich nicht begrifflich erschöpfen. Die Hauptrnomente der Natur 
.sind: der mechanische, physikalische und organische Prozeß. Die 



§ 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 93 

Idee ist in der Schwere zu einem Leibe entlassen, dessen Güeder die freien 
Himmelskörper sind; dann bildet sich die Äußerüchkeit zu Eigenschaften 
und Qualitäten herein, die, einer individuellen Einheit angehörend, im che- 
mischen Prozeß eine immanente vind physikalische Bewegung haben; in der 
Lebendigkeit endlich ist die Schwere zu Gliedern entlassen, in denen die sub- 
jektive Einheit bleibt. Hegel erkennt diese Folge nicht als eine zeitliche an, 
denn nur der Geist habe Geschichte, in der Natur seien alle Gestalten gleich- 
zeitig; das Höhere, in der dialektischen Entwicklung Spätere, aber ideell 
Prius des Niederen, sei nur im geistigen Leben auch zeitlich später. Die Natur, 
sagt Hegel, ist als ein System von Stufen zu betrachten, deren eine aus der andern 
notwendig hervorgeht und die nächste Wahrheit derjenigen ist, aus welcher 
sie resultiert, aber nicht so, daß die eine aus der andern natürlich erzeugt 
würde, sondern in der innern, den Grund der Natvir ausmachenden Idee. 
Das sogenannte, hypothetisch von Kant vind zuversichthcher von manchen 
Naturphilosophen angenommene Hervorgehen der Pflanzen und Tiere a\is dem 
Wasser und der entwickelteren Tierorganisationen aus den niedrigeren er- 
klärt Hegel für eine nebulose Vorstellung. — Die Natvirphilosophie ist der 
schwächste Teil von Hegels Philosophie und konnte deshalb oft — nicht mit 
Unrecht — lächerHch gemacht werden, so z. B. von Riehl (in d. philos. Kriti- 
zismus). 

Der Tod der niu- unmittelbaren einzelnen Lebendigkeit ist der Hervor- 
gang des Geistes. Der Geist ist das Beisichsein der Idee oder die Idee, die aus 
ihrem Anderssein in sich zurückkehrt. Seine Entwicklung ist der stufenweise 
Fortschritt von der Natvirbestimmtheit zur Freiheit, Seine Momente sind: 
der subjektive, der objektive und der absolute Geist. 

Den subjektiven Geist in seinem unmittelbaren Verflochtensein mit 
der Naturbestimmtheit oder die Seele in ihrer Beziehung zum Leibe betrachtet 
die Anthropologie. Die Phänomenologie als der zweite Teil der Lehre 
vom subjektiven Geiste betrachtet den erscheinenden Geist auf der Stufe 
der Reflexion als sinnliches Bewußtsein, Wahrnehmung, Verstand, Selbst- 
bewußtsein und Vernunft. Die Psychologie betrachtet den Geist, sofern 
er theoretisch als Intelligenz, praktisch als Wille, frei als Sittlichkeit ist. Die 
Intelligenz findet sich bestimmt, setzt aber das Gefvmdene als ihr Eigenes, 
indem sie das All als den sich verwirklichenden vernünftigen Zweck erkennt. 
Zu dieser Einsicht gelangt der Geist aixf dem Wege des Handelns, in welchem 
der Wille das Bestimmende des Inhalts ist. Die Einheit des WoUens und Denkens 
ist die Energie der sich selbst bestimmenden Freiheit. Das Wesen der Sitt- 
lichkeit ist, daß der Wille allgemeinen Vernunftinhalt zu seinen Zwecken habe. 

Die Lehre vom objektiven Geist geht auf die Objektivierungen 
des freien Willens. Das Produkt des freien Willens als eine objektive Wirk- 
üchkeit ist das Recht. Das Recht ist nicht Beschrankimg, sondern Verwirk- 
lichung der Freiheit vind tritt nur der Willkür entgegen. Das Recht als solches 
oder das formelle und abstrakte Recht, worin der freie Wille unmittelbar 
ist. ist Eigentums-, Vertrags- imd Strafrecht; das Eigentum ist das Dasein, 
welches die Person ihrer Freiheit gibt, der Vertrag ist der Zusammenfluß 
zweier WiUen zu einem gemeinsamen "VN''illen, das Strafrecht ist das Recht 
wider das Unrecht, die Strafe die Wiederherstellung des Rechts als Negation 
seiner Negation. Die Strafe ist wesentüch Wiedervergeltung, sie ist die an dem 
Verbrecher sich vollziehende Konsequenz seines Tuns imd sie ist das Recht 



94 § 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 

des Verbrechers selbst, der durch ihre Ausübung als vernünftiges Wesen ge- 
ehrt wird. Es ist dies die sogenannte absolute Strafrechtstheorie. An das 
formelle Recht schließt sich als zweite Stufe die Moralität als der in sich 
reflektierte Wille, der Wille in seiner Selbstbestimmung als Gewissen, indem 
es hier nur auf die subjektive Verbindlichkeit ankommt, als dritte und höchste 
Stvife aber die Sittlichkeit, in welcher das Subjekt sich mit der sittlichen 
Substanz: der Familie, der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staate, 
eins weiß. Der Staat ist die Wirkhclilieit der sitthchen Idee, die selbstbewußte 
sittliche Substanz, als der zu einer organischen Wirklichkeit entwickelte sitt- 
üche Geist, der Geist, der in der Welt steht, der göttliche Wille als gegen- 
wärtiger, sich zur wirklichen Gestalt und Organisation einer 
Welt entfaltender Geist. In der konstitutionellen Monarcliie, der Staats- 
form der neuen Welt, sind die Formen, die in der alten W^elt verschiedenen 
Ganzen angehörten: nämlich Autokratie, Aristokratie, Demokratie, zu Mo- 
menten herabgesetzt: der Monarch ist einer, in seiner Person ist die Persön- 
lichkeit des Staates wirklich, er ist die Spitze der formellen Entscheidung; 
mit der Regierungsgewalt treten einige, in der gesetzgebenden Gewalt, sofern 
die Stände an derselben Anteil haben, die \delen hinzu. Es bedarf der In- 
stitution von Ständen, damit das Moment der formellen Freiheit sein Recht 
erlange, und so auch der Geschworenengerichte, damit dem Rechte des sub- 
jektiven Selbstbewußtseins ein Genüge geschehe. Das Hauptgewicht aber legt 
Hegel nicht auf die subjektive Selbstbestimmung des einzelnen, sondern 
auf den gebildeten Bau des Staates, die Architektonik seiner Vernünftigkeit. 
Seine Rechtsphilosophie ist das Begreifen der Vernunftgemäßheit des wirk- 
lichen Staats vmter scharfer Polemik gegen eine Reflexion und ein Gefühl, 
welche auf der subjektiven Meinimg des Besserwissens beruhen und sich in 
der Aufstellung von leeren Idealen gefallen. 

In der Vorrede Hegels zur Philosophie des Rechts kommt das nament- 
Uch in seinem zweiten Teile häufig mißverstandene Diktum vor: ,,Was ver- 
nünftig ist, das ist wirklich; und was wirklich ist, das ist ver- 
nünftig." Die Philosophie gewähre die Einsicht, daß in Wahrheit nichts 
wiiklich sei als die Idee, indem es darauf ankomme, in dem Scheine des Zeit- 
lichen, Vorübergehenden die immanente Substanz und das Ewige, das gegen- 
wärtig sei, zu erkennen. Das Vernünftige, was synonym sei mit der Idee und 
in seiner Wirklichkeit in die äußere Existenz trete, zeige einen unendlichen 
Reichtum von Formen und Gestaltungen und umziehe seinen Kern mit der 
bunten Rinde, in welcher das Bewußtsein zunäclist hause, welche der Begriff 
durchdringen müsse, xxm. den inneren Puls zu finden und ihn dann auch in 
den äußern Gestaltungen noch schlagen zu fühlen. So ist denn nicht alles 
in die Erscheinung Tretende wahrhaft wirklich. Objektiv vernünftig ist der 
Staat, und so muß dieser wirklich ^\erden, imd umgekehrt als wirldicher muß 
er veniünf tig sein. Der gegen Hegel erhobene Vorw urf politischen Quieti-smus 
aus reaktionärer Stellnngnahme i.-,t in seiner Allgemeinheit nicht zu halten. 
Über die französische Revolution fällt er in der Pliilosophie der Geschichte 
z. B. das Urteil: „So lange die Sonne am Firmament steht xmd die Planeten 
um sie hen^m kreisen, war das nicht gesehen worden, daß der ^Mensch sich auf 
den Kopf, das ist auf den Gedanken stellt und die Wirklichkeit nach diesem 
erbaut." ,,Es war somit ein herrlicher Sonnenaufgang. Alle denkenden Wesen 
haben diese Sprache mitgefeiert. Eine erhabene Rührung hat in jener Zeit 



§ 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 95 

geherrscht, ein Enthvisiasraus des Geistes hat die Welt durchschauert, als 
sei es zur wirklichen Versöhnung des Göttlichen mit der Welt nun gekommen." 
Das Ziel seiner eigenen Zeit sah Hegel in der verfassungsmäßigen Monarchie. 

Der Tiefe seiner historischen Einsicht entspricht Hegels Beurteilung 
der historisch großen Menschen (in der Einleitung zur Philosophie der Ge- 
schichte). Er antizipiert Jakob Burckhardts Lehre von der historischen Größe 
und Nietzsches Idee des Übermenschen. Beide sind vielleicht von ihm ab- 
hängig, Burckhardt unmittelbar, Nietzsche diirch Vermittlung Burckhardts. 

Die Philosophie der Geschichte unterscheidet sich von der Historik 
dadiu-ch, daß sie denkende Betrachtung der Geschichte ist und sie als vernünftig, 
d. h. als planvolle Entwicklung, auffaßt. Und zwar gilt sie Hegel als der Fort- 
schritt im Bewvißtsein der Freiheit. Der bestimmte Volksgeist ist von besonderer 
geographischer und klimatischer Bestimmtheit; er ist auch in der Zeit und 
hat eine durch sein besonderes Prinzip bestinunte Entwickliing seines Bewußt- 
seins und seiner Wirklichkeit zu durchlaufen; — er hat eine Geschichte. 
AIr beschränkter Geist hat er nur eine tmtergeordnete Selbständigkeit, er 
geht in die allgemeine Weltgeschichte über, deren Begebenheiten die 
Dialektik des besonderen Völkergeistes, das Weltgericht darstellt. Die 
Weltgeschichte ist die Zucht, die von der Unabhängigkeit des natürlichen 
Willens durch die substantielle Freiheit zur subjektiven Freiheit führt. Die 
Entwicklungsstufen im Fortschritt sind die ■welthistorischen Völker. Jedes 
Volk repräsentiert eine Stufe des Weltgeistes. Der Orient wußte und weiß 
n\xr, daß einer frei ist, die griechische Tind römische Welt, daß einige frei seien, 
die germanische Welt weiß, daß alle frei sind. Im Osten beginnt die Weltge- 
schichte, im Westen aber geht das Licht des Selbstbewußtseins auf. In den 
substantiellen Gestaltungen der orientalischen Reiche sind alle vernünftigen 
Bestimmungen vorhanden, aber so, daß die Subjekte nur Akzidentien bleiben. 
Die orientalische Geschichte ist das Kindesalter der Menschheit. Der grie- 
chische Geist ist das Jünglingsalter. Hier ergibt sich zuerst das Reich der 
subjektiven Freiheit, aber in die substantielle Freüieit eingebildet. Diese 
Vereinigung der Sitthchkeit und des subjektiven Wülens ist das Reich der 
schönen Freiheit; denn die Idee ist mit einer plastischen Gestalt vereinigt, 
wie in einem schönen Kunstwerke das Sinnliche das Gepräge luid den Ausdruck 
des Geistigen trägt. Der griechische Geist bringt ein dreifaches Kunstwerk 
hervor: 1. ein subjektives: das sich bildende Individuum; 2. ein objektives: 
die Götterwelt der Religion; 3. die Vereinigung des objektiven und subjek- 
tiven: das politische Kunstwerk des Staates, in welchem der allgemeine Geist 
die einzelnen Individuen beherrscht, die schöne Demokratie. Es ist die Zeit 
der schönsten, aber schnell vorübergehenden Blüte. In der natürlichen Einheit 
des Subjekts mit dem allgemeinen Zweck liegt die imbefangene, substantielle 
Sittlichkeit, welcher Sokrates die Moralität, die auf Reflexion beruhende 
Selbstbestimmung des Subjekts, entgegenstellte; die substantielle Sittlichkeit 
bedurfte des Kampfes mit der subjektiven Freiheit, um sich zur freien Sitt- 
Hclikeit zu gestalten. Das römische Reich ist das Mannesalter der Geschichte. 
Es ist das Reich der abstrakten Allgemeinheit. Die Individuen werden dem 
allgemeinen Staatszwecke aufgeopfert; sie erhalten aber zum Ersatz die All- 
gemeinheit ihrer selbst, d. h. die Persönlichkeit, vermöge der Ausbildung 
des Privatrechts. Das gleiche Scliicksal trifft die Völker. Der Sclimerz über den 
Verlust der nationalen Selbständigkeit treibt den Geist in seine innersten 



96 § 7. Georg Wilhelm Friedrich HegeL 

Tiefen zurück; or verläßt die götterlose Welt und beginnt das Leben seiner 
Iixnerliclikeit. Der absolute Wille und der Wille des Subjekts werden eins. 
Innerhalb der römischen Welt entsteht das Christentum, in dem ein neues 
nicht mehr zu überwindendes, sondern nur noch zu entwickelndes Prinzip 
aufgeht, das der Vereinigung des Göttüchen und Menschlichen in einer Person. 
Sie ist das Problem der germanischen Völker. Die germanische Welt ist das 
Greisenalter der Gescliichte, nicht im Sinne der Schwäche, sondern weil sie 
die Welt der Versöhniing ist. Anfänglich ist der Geist noch abstrakt in seiner 
Innerliclilieit befriedigt, das Weltliche ist der Roheit und Willkür überlassen; 
endücli aber formiert sich das Prinzip selbst zu konkreter Wirküchkeit, in 
welcher das Subjekt sich mit der Substanz des Geistes vereinigt. Das Zeit- 
alter der Renaissance und der Entdeckungen vergleicht Hegel mit der Morgen- 
röte, die nach langen Stürmen zum ersten Male wieder einen schönen Tag 
verkündet. Die alles verklärende Sonne, welche auf jene Morgenröte am Ende 
des Mittelalters folgt, war die Reformation. Die Realisierung des Begriffs 
der Freiheit ist das Ziel der Weltgeschichte. Ihre Entwicklvmg ist die walu"hafte 
Theodizee. Wie bestimmt Hegel an den Fortschritt in der Gescliichte glaubt, 
sieht man gut aus einem seiner Briefe an Niethammer vom 5. Juli 1816: ,,Ich 
halte mich daran, daß der Weltgeist der Zeit das Kommandowort zu avan- 
cieren gegeben; solchem Kommando wird pariert: dies Wesen schreitet wie eine 
gepanzerte, festgeschlossene Phalanx, iinwiderstehüch und mit so unmerk- 
Hcher Bewegung, als die Sonne schreitet, vorwärts, dvirch dick und dünn; 
unzählbare leichte Truppen gegen und für dasselbe flankieren drum herum; 
che meisten wissen gar von nichts, tun was es sich handelt, und kriegen nur 
Stöße durch den Kopf, wie von einer unsichtbaren Hand. Alles verweilerische 
Geflunkere und weisemacherische Luftstreicherei hilft nichts dagegen; es 
karm diesem Kolossen bis an die Schuhriemen reichen, ein bißchen Schuhwichse 
oder Kot daran sclimieren, aber vermag dieselben nicht zu lösen, viel weniger 
die Götterschiihe nüt den — elastischen Schwungsohlen oder gar die Sieben- 
meilenstiefel, wenn er diese anzieht, auszuziehen. Die sicherste (nämhch 
innerlich und äußerlich) Partie ist wohl, den Avanceriesen fest im Auge zu 
behalten." — 

Der absolute Geist (= der göttliche, schöpferische Urgrund der Welt) 
oder die Religion im weiteren Sinne als die Einheit des subjektiven vind ob- 
jektiven Geistes realisiert sich in der objektiven Form der Anschauung oder 
des unmittelbaren sinnhchen Wissens als Kunst, in der subjektiven Form 
des Gefühls \ind der Vorstellung als Religion im engeren Sinne, endUch in 
der subjektiv-objektiven Form des reinen Denkens als Philosophie. Diesen 
drei Gebieten entsprechen die Philosophie der Kunst, die Pliilosophie der Reü- 
gion und — wie man sie nennen könnte — die Philosopliie der Philosoplüe, 
d. h. die Bestimmung über Wesen, Stellung mid Funktion der Philosophie 
im Welt Zusammenhang. 

Die Philosophie der Kunst. Dieselbe gehört zu den bedeutendsten 
Teilen des Hegelsehen Systems und steht an tief dringendem inneren Verständ- 
nis neben der Pliilosophie der Gesclüchte. Das Schöne ist das Absolute in 
sinnUcher Existenz, die Wirklichkeit der Idee in der Form begrenzter Erschei- 
nung. Auf dem Verhältnis der Idee zu dem Stoffe beruht der ünterscliied 
der symbolischen, klassischen imd romantischen Kunst. In der symbolischen 
Kunst, in welcher namenthch die orientalische Darstellung befangen bleibt. 



§ 7. Greorg Wilhelm Friedrich Hegel. 97 

vermag die Form den Stoff nicht völlig zu dtirchdringen. Im klassisch Schönen, 
vornehmlich in der griechischen Kirnst, ist der geistige Inhalt ganz in das 
sinnliche Dasein ergossen. Die klassische Kunst ist ,,die Vollendung des Reichs 
der Schönheit. Schönres kann nicht sein imd werden." Die klassische Kunst 
löst sich auf: negativ in der Satire, dem Kunstwerke der in sich zerrissenen 
römischen Welt, positiv in der romantischen Kimst der christüchen Zeit. 
Die romantische Kunst beruht auf dem Vorwiegen des geistigen Elements, 
auf der Tiefe des Gemüts, auf der Unendhchkeit der Subjektivität. Sie ist 
das Hinausgehen der Kunst über sich selbst, jedoch in der Form der Kunst. 
Die romantische Schönheit ist die innere oder geistige Schönheit. — Das 
System der Künste (Architektur, Skulptur, Musik, Malerei und Poesie) ist 
dem der Kunstformen analog. Die Kunst der sjonbohschen Kunstform ist 
die Architektur, die Kunst der klassischen Kiuistform ist die Skulptur, die 
Künste der romantischen sind Malerei, Musik und Poesie. Die Poesie als die 
höchste der Künste nimmt die Totaütät aller Formen in sich auf. Auch die 
romantische Kunstform löst sich auf, nachdem ilir Gehalt erschöpft ist. Eine 
neue Kunstform miiß sich entwickeln. Das neue Menschenideal ist repräsentiert 
in Goethe. 

Die Religionsphilosophie Hegels, die die ganze Breite des religions- 
geschichtlichen Materials, das damals vorlag, zur Unterlage hatte, will nicht 
Religion schaffen, sondern die Religion begreifen. Doch verschmilzt, da die 
tiefste Vereinigung von Gott vmd Ich die wahre Gotteserkenntnis, d. h. die 
ReUgionsphilosophie ist, diese in Wirklichkeit für Hegel mit der Religion 
selbst. Schleiermachers Gefühlstheorie der Religion wird von Hegel abgewiesen. 
Nach Schleiermacher, hat er einmal sarkastisch gesagt, müßte der Hund 
der beste Christ sein. Das Gefühl ist auch auf religiösem Gebiet nur die imterste 
Stufe, über der sich die religiöse Anschauung (die religiöse Kunst), die Vor- 
stellvmg (Mythos) und das Denken (die Philosophie) erheben. Hegel erkennt 
— obwohl gegen Schleiermacher ungerecht — die Bedeutiing der intellektuellen 
Momente für die Religiosität viel tiefer als dieser. Er schätzt sogar die Gottes- 
beweise und behauptet die Lehrbarkeit der Religion. Sein Versuch, Pantheis- 
mus und Theismus zu verschmelzen, bheb vergebUch. 

Die Religion hat wie die Philosophie zum Objekt das Absolute; sie vmter- 
scheidet sich von ihr dadiu-ch, daß sie es nicht erkennt, sondern bloß vor- 
stellt. Die Religion ist die Form, wie die absolute Wahrheit für das vorstellende 
Bewußtsein oder für Gefühl, Vorstellvmg vmd reflektierenden Verstand und 
daher für alle Menschen ist. Die Stufen der Religion in ihrer historischen Ent- 
wicklung sind: 1. die Naturrehgionen des Orients, welche Gott als Natursubstanz 
fassen; 2. die Religionen, in denen Gott als Subjekt angeschaut wird, insbe- 
sondere die jüdische Religion oder die Religion der Erhabenheit, die griechische 
oder die Religion der Schönheit, die römische oder die Religion der Zweckmäßig- 
keit; 3. die absolute Religion, welche Gott zugleich in seiner Entäußerung 
ziu- Endlichkeit und in seiner Einheit mit der Endlichkeit oder seinem Leben 
in der versöhnten Gemeinde erkennt. Die göttliche Idee expliziert sich in drei 
Formen. Diese sind: 1. das ewige in und bei sich Sein, die Form der Allgemein- 
heit, Gott in seiner ewigen Idee an und für sich, oder das Reich des Vaters, 
2. die Form der Erscheinung, der Partikularisation, das Sein für anderes in 
der physischen Natvu- vmd dem endlichen Geist, die ewige Idee Gottes im Ele- 
mente des Bewußtseins und Vorstellens, oder die Differenz, das Reich des 

D« b e r w e g , Grundriß IV. 7 



98 § 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 

Sohnes, 3. Die Form der Rückkehr aus der Erscheinung in sich selbst, der 
Prozeß der Versöhnung, die Idee im Element der Gemeinde oder das Reich 
des Geistes. Der walxre Sinn der Beweise vom Dasein Gottes ist, daß sie die 
Erhebung des Menschengeistes zu Gott enthalten und dieselbe für den Ge- 
danken a\isdrücken sollen. Der kosmologische vmd teleologische Beweis gehen 
vom Sein zum Begriffe Gottes über, der ontologische vom Begriff zum Sein. 
— Hegel äußert sich öfter dahin, daß seine Philosophie denselben Inhalt wie 
die christliche Religion habe und sich nvir formell von ihr unterscheide. 

Höher noch als die Religion steht die Philosophie. Sie stellt das Ab- 
solute nicht bloß vor, sondern erkennt es. Sie ist die sich denkende Idee, 
die sich wissende Wahrheit, die sich selbst begreifende Vernunft. Das philo- 
sophische Wissen ist der denkend erkannte Begriff der Kunst mid Religion. 
Die Entwicklung der Philosophie erfolgt im System vmd in der Geschichte 
auf wesentlich gleiche Weise, nämlich durch den Fortschritt vom Abstraktesten 
zu immer reicherer und konkreterer Erkenntnis der Wahrheit. Darum voll- 
zieht sich auch das Sichselbstbegreifen der Philosophie bei Hegel im Zvisammen- 
hang mit der Untersuchung der Geschichte der Philosophie. In ilir ist Hegel 
bahnbrechend gewesen durch die Einfülinmg des Entwicklungsbegriffs. 
Die Geschichte der Philosophie ist keine bloße Sammlung von Einfällen, 
sondern die Systeme gehen mit innerer logischer Notwendigkeit auseinander 
hervor, so daß die letzte Philosophie stets die höchste und das Produkt aller 
früheren ist, die sie als überwundene Standpimkte in sich aufnimmt. So bedeut- 
sam diese evolutionistische, schon in der Phänomenologie vorhandene Avif- 
fassung der Geschichte der Philosophie gewesen ist, so hat Hegel selbst doch 
die logischen Zusammenhänge der Systeme übA-schätzt und einseitig als allein 
treibende Faktoren der Entwicklung hingestellt, dadiu-ch ^vird sein Darstellungs- 
verfahren ein stark konstruktives. Die Philosophie der Eleaten, des Heraklit 
xmd der Atomistiker entspricht nach ihm dem reinen Sein, dem Werden und 
dem Fürsichsein, die Philosophie Piatons den Kategorien des Wesens, die des 
Aristoteles dem Begriff, die der Neuplatoniker dem Gedanken als Totalität 
oder der konkreten Idee, die Philosophie der neueren Zeit der Idee als Geist 
oder der sich wissenden Idee. Die Cartesianische Philosophie steht auf dem 
Standpunkt des Bewiißtseins, die Kantische und Fichtesche auf dem des 
Selbstbewußtseins, die neueste (Schelling-Hegelsche) auf dem der Vernunft 
oder der mit der Substanz identischen Subjektivität, und zwar in der Form 
der intellektuellen Anschaiumg bei Schelling, in der des reinen Denkens oder 
des absoluten Wissens bei Hegel. Die Prinzipien aller früheren Systeme sind 
als aufgehobene Momente erhalten in der absoluten Philosophie Hegels selbst. 
Eine Entwicklung über diese hinaus zum Höheren gibt es nicht. ,,Es ist eine 
neue Epoche in der W^elt entsprungen. Es scheint, daß es dem Weltgeiste 
jetzt gelungen ist, alles fremde gegenständliche Wesen von sich abzutun 
und, was ihm gegenständlich wird, aus sich zu erzeugen imd es, mit Ruhe da- 
gegen, in seiner Gewalt zu behalten. Der Kampf des endlichen Selbstbewußt- 
seins mit dem absoluten SelbstbewT.ißtsein, das jenem außer ihm erscliien, 
hört auf." — Von den Übertreibimgen Hegels gereinigt, in positiv -wissenschaft- 
licher Gestalt ist die entwicklvmgsgeschichtliche Betrachtimgsweise der Ge- 
schichte der Philosophie dann von den auf ihn folgenden Forschergenerationen 
in größerem Umfange angewandt worden, so von Zell er auf dem Gebiet 
der griechischen Philosophie, von Dilthey auf Ausschnitte der philosophischen 



§ 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 99 

Gesamtentwickliing, von Kuno Fischer auf die Geschichte der neueren 
Philosophie, von Windelband auf das Ganze der Philosophie überhaupt. 

Anhang: Bardili und Berger. 
Anhangsweise seien hier noch zwei Denker erwähnt, die eine selbständigere 
Stellung einnehmen, aber nicht bedeutend genug sind, um einen eigenen Ab- 
schnitt zu rechtfertigen: Bardili und Berger. Beide sind in gewisser Hin- 
sicht Hegel verwandt imd finden deshalb hier ihre Stelle. 

Bardilis Schriften. Epochen der vorzüglichsten philos. Begriffe, 
I. Tl.. Halle 1788. Sophylus oder Sittlichkeit und Natur als Fundamente 
der Weltweisheit. In zwei Gesprächen. Nebst e. Abhdl. ü. d. Geist des Zeit- 
alters, Stuttg. 1794. Allgemeine prakt. Philosophie, ebd. 1795. Üb. d. Gesetze 
der Ideenassoziation, Tüb. 1796. (Anonym) Briefe ü. d. Ursprung der Meta- 
physik, Altona 1798. Grundriß der ersten Logik, gereinigt von den Irr- 
tümern der bisherigen Logiken. Keine Kritik, sondern eine medicina mentis, 
brauchbar hauptsächlich für Deutschlands kritische Philosophie, Stuttg. 1800 
(Bardilis Hauptwerk). Sendschr. B.s an Reinhold ü. s. erste Logik (i. Rein- 
holds Beitr. zur leicht. Übersicht usw., Bd. I, H. 2, S. 72 — 103). Philos. 
Elementarlehre mit bestand. Rücksicht auf die ältere Literatm-. H. 1: Was 
ist imd heißt Philosophie ? Landsh. 1802 (Auf dem Titel steht C. B. (!) Bardili); 
H. 2: Was ist imd leistet die philos. Analysis, 1806, ist rücht von B. selbst 
verfaßt. Beitrag z. Beiu'teilung des gegenw. Zustandes der Vemunftlehre, 
Landsh. 1803. C. G. Bardihs u. C. L. Reinhotds Briefwechsel ü. d. Wesen der 
Ph. u. d. Unwesen der Spekulation, hg. v. C. L. Reinhold, Münch. 1804. 

Christoph Gottfried Bardili, geb. 18. ]VIai 1761 in Blaubeuren 
(Württ.), war zuerst Repetent am Tübinger Stift, dann G\Tnnasialprofessor 
in Stuttgart. Von der Bedeutiang seiner philosophischen Gedanken war er 
prophetisch erfüllt. Gestorben den h. Juni 1808 in Mergelstetten. — Durch 
seine Briefe über den Ursprung der Metaphysik gehört Bardili in die Gruppe 
derjenigen Denker, die gegenüber der Kritik Kants, deren verstandesmäßige 
Richtigkeit sie anerkennen, die Metaphysik dennoch am Leben zu erhalten 
suchen. Bardili übernimmt Kants Phänome.nahsmus: die Welt ist eine ganz 
von uns abhängige Erscheinung, die Dinge an sich sind unerkennbar. Gleich- 
wohl ist die Metaphysik nicht preiszugeben. Vielmehr sind alle Menschen 
, .geborene Metaphysiker", sie streben über die stets lückenhafte Verstandes- 
erkermtnis hinaus zu einer Erkenntnis der Totalität der Welt. Das Haupt - 
organ der Metaphysik ist für Bardili nicht die Vernunft (das Schließen), sondern 
die Einbildungskraft; beide sind jedoch Schwestern, weil beide die Er- 
fahrung übersteigen. Infolge ihres Einbildvmgscharakters sind ^Metaphysik 
und Dichtung eng verwandt. Der antiintellektuelle Zug in Bardili kommt deut- 
lieh darin ztun Ausdruck, daß die Metaphysik als Gebilde der Einbildungs- 
kraft nach ihm nicht erst bewiesen zu werden braucht, dem Verstand kommt 
nur die Befugnis zu, sie zu »beschneiden und von Auswüchsen zu reinigen' 
(108). Die Metaphysik als .schaffende' Einbildungskraft steht höher als die 
bloß .baxuneistemde' W^issenschaft (109). Bardilis Rechtfertigung der Meta- 
physik trägt einen diu-chaus antiinteUektuellen imd halb psychologistischen 
Charakter. Der Nachweis ihrer psychologischen Existenzursache im Be- 
dürfnis, die Verstandeserkenntnis zu ergänzen, genügt ihm, \xm ihr Bestehen 
zu rechtfertigen. — Mit dieser metaphysischen Grundauffassung verbinden 
sich Einflüsse sensuaUstischer Psychologie und Fichtes. Der Grundsinn des 
Menschen ist der Tastsinn, der vom Gef ülil nicht unterschieden wird. Im Tast- 

7* 



100 § 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 

sinn — wie auch in der Begeisterung — vermischt sich der Unterschied von Sub- 
jekt lind Objekt, der erst in der Vorstellung auftritt. Der Gremütszustand 
des Kindes stellt eine solche Verschmelzung von Subjekt und Objekt dar, 
er ist identisch mit dem Begriff des absoluten Ich als dem übersinnlichen Sub- 
strat alles sinnlich Wahrnehmbaren. ,,Dort, beim Absoluten, ist es Gedanke, 
hier ist es ursprünglicher Zustand: die Empirie fängt damit an, womit die 
Transzendentalpliilosoploie endet" (90). Auch von Plato und Schelüng hat 
Bardili Einflüsse erfaliren. Im ,, Grundriß" begründete Bardili in abstruser, 
schwer verständücher Form und unter Verwendung eigentümlicher Buch- 
Btabenformeln einen ,, rationalen Realismus", der mit der weiteren Spekulation 
manche Verwandtschaft aufweist, insbesondere mit dem ( Schellingschen) 
Gedanken der Indifferenz des Objektiven und Subjektiven in einer absoluten 
Vernunft und mit dem (Hegeischen) Gedanken einer Logik, die zugleich On- 
tologie ist. Dasselbe Denken, welches das Weltall durchdriagt, kommt im 
Menschen zum Bewußtsein; im Menschen erhebt sich das Lebensgefühl ziir Per - 
sonaütät, die Natiirgesetze der Erscheinungen werden in ihm zu Gresetzen der 
Assoziation seiner Gedanken. In bezug auf das Ding an sich steht Bardili zu Kant 
in entschiedenem, Fichte verwandten Gegensatz, indem er jenen Begriff eUmi- 
niert, freilich sehr unvollständig. Das Unbedingte (Ding an sich) ist nach ihm 
niu" der Prozeß des Denkens im ,,Ist" (der Kopula, s.u.) mit seiner unendlichmaü- 
gen Wiederholbarkeit, kein Ding. Den ,,einzigen Weg,den zerrütteten Umständen 
unserer erkrankten deutschen Philosophie aufzuhelfen", sieht Bardih in einer 
,, folgerechten Analysis unseres Denkens". Und zwar glaubt er durch reine Logik 
ein reales Objekt setzen zu können. Das Grundprinzip seiner Philosophie ist rein 
logischer Natur : das Prinzip der Identität. Die Mögüchkeit des Denkens beruht 
darauf, daß wir Eines als Eines und dasselbe imVielen unendlichemal wiederholen 
können, z. B. in der Mathematik. Das eigentUche Denken ist die Kopula, 
alles andere dem Denken fremder Stoff, auf den das Denken angewandt wird. 
Es ,, vernichtet" ihn bis auf ein nicht vemichtbares letztes Moment. Erst 
dadurch entsteht das Objekt. Das Urteil ist ,, quasi divisio primaria objecti". 
Bardili spricht darum auch von ,,Ur-Teilungs- oder Objektlehre". Nicht 
vemichtbar am Stoff ist die Form, z. B. Ravun und Zeit. Die Deduktion dieser 
nicht vernichtbaren Momente, der apriorischen Formen, aus der Möghchkeit, 
es unendliche Male wiederholen zu können, leistet die ,,Vemunftlelire". Die 
Anwendung des Denkens liat nach Bardili eine von aiißen vorgehende Verände- 
rung, einen ,, Impuls" durch Materie zur Voraussetzung, der uns das Objekt 
verschafft. Es ist die Wahrnehmung. Alles, was der Impuls heranbringt, 
soll getilgt und ins Denken aufgenommen werden. — Das Denken wird von 
Bardili in einer an Hegel anklingenden Weise als ein metaphysisches unwandel- 
bares Sein vungedeutet und mit Gott identifiziert. Derselbe, der unzertrenn- 
lich neben der Welt steht, wie die Möglichkeit neben der Wirklichkeit, offen- 
bart sich im menschlichen Denken. Das Kriterivun der objektiven Wahrheit 
sieht Bardih entsprechend seiner Vermischung des Unterschieds von Logischem 
und Realem in der Abwesenheit eines Widerspruchs, wobei dieser wiederum 
in der Durchfülinmg nicht als rein logischer erscheint. Damit kreuzt sich dann 
noch eine mißbräuchliche Vei^wendung der Ausdrücke Sein und Nichtsein. 
Das Verbrechen z. B. ist ein ,, Nichtiges", weil es den Widerspruch enthält, 
daß der Täter die Tat nicht gegen sich selbst vollzogen erwünscht. Die ,, Ele- 
mentarlehre" soll das im ,j,Grundriß" mit wissenschafthcher Strenge Ent- 



§ 7. Georg Wilhelm Friedrich Hegel. 101 

wickelte in faßlicher Form darstellen, doch ist Bardili über das erste Heft 
nicht hinausgekommen. Dasselbe offenbart die Verwandtschaft, in der er sich 
zu Kant befindet: er stabiliert eine ,, reine Philosophie", welche ,.den Grund 
der Mögüchkeit eines Weltsystems überhaupt, als eines Systems, aufdecke, 
indem sie auf den Gnmd der Möglichkeit einer Erkenntnis zurückgeht". — 
Besonders eng schließt sich Bardili auf moralphilosophischem Gebiet an Kant an. 

Eine nähere Untersuchung über die Philosophie Bardiüs und seine Wir- 
kung fehlt noch. 

Eine Zeitlang war Reinhold Anhänger Bardilis. Zu dessen Freude 
hat er BardiUs Lehren in viel gewandterer Form dargestellt als dieser selbst. 
Vgl. Beiträge zur leichteren Übersicht des Zustandes der neueren Philosophie, 
6 Hefte, Hamb. 1801 ff. 

Johann Erich von Berger, geb. 1. September 1772 zu Faaburg 
auf Fünen, besuchte die Universitäten in Kopenhagen und Göttingen. 1793 
hörte er in Jena zuerst Reinhold, später Fichte. Bei erneutem Aufenthalt 
daselbst lernte er auch ScheUing kennen. 1798 kehrte Berger nach Dänemark 
zurück, wo er bei Kiel ein Gut kaufte. 1814 wurde er, nachdem er inzwischen 
in Göttingen astronomische Studien getrieben hatte, in Kiel Professor der 
Astronomie, 1816 nach Reinholds Tod statt seiner Professor der Philosophie. 
Er starb 1833. — Berger war zunächst von Hülsen, Schelling und den Schel- 
Ungianem Windischmann, Schubert und Steffens stark abhängig. Seine 
Philos. Darstellimg der Harmonien des Weltalls, I. T. Allg. BUcke, Altona 
1808 (mehr nicht erschienen) sind ein in enthusiastischem Stil verfaßtes Be- 
kenntnis zur pantheistischen Naturphilosophie der Romantik. „Alle Geister 
ruhen in Einem, tmd Einer in allen" (22). Bergers Hauptwerk ist: Allgemeine 
Grundzüge zur Wissenschaft, 4 Bde., Altona 1817, 21, 24, 27 (I: Analyse 
d. Erkenntnisvermögens, II: Naturph., III: Anthrop. u. PsychoL, IV: Ethik, 
Rechts- u. Naturphilos., Religionsph.). In diesem ebenfalls oft enthusiastisch 
geschriebenen (z. B. IV, 590) Werk steht Berger Hegel, auf dessen Logik er 
direkt Bezug nimmt (I, S. XI), sehr nahe. Das Prinzip der Entwicklung und 
des Zusammenhangs unserer Gedanken ist auch das der Entwicldimg imd des 
Zusanmienhanges der Dinge (I, 17). Und zwar schwebt Berger eine Algebra 
der Ideen, der ,, wesentlichen oder geistigen Zahlen" (I, 275), als eines Analogons 
zur Algebra der Zahlen vor. Die Ideen faßt Berger auf als ,,die wirkenden oder 
wesentlichen — ewigen und notwendigen — Begriffe . . . oder als die Urbilder, 
nach welchen das Sein wirklich werden \md sich gestalten mußte" (I, 248). 
Die Philosophie hat es in ihren Ausgangspunkten mit Überzeitlichem zu tim. 
Auch die Zeit soll erst abgeleitet werden (I. 13), doch kann nach Berger das 
abstrakte Denken die sinnliche Anschautmg nicht ersetzen, ,, diese ist die 
notwendige zeitliche Grundlage aller Erkenntnis, ihr Leben und ihre Wirk- 
lichkeit" (I, 72). Anderseits wird die Anschauvmg von Berger (fast wie heute 
in der Marburger Schule) wieder in ganz intellektualistischem Sinne aufgefaßt. 
,,Das Seiende ist mu* das Angeschaute oder Erkamite, und ein anderes Sein 
ist überall nicht — nämlich für den Gedanken" (I, 243). ,,Für den höchsten 
Geist (in uns) ist alles Sein durclisichtig, der fortwirkende Gedanke selbst" 
(I, 246, vgl. 254). „Die Natur ist der fortwü-kende Geist" (I, 275). „Die Sub- 
stanz ist das unendliche Sein, welches der Geist denkt, um sich selbst in seiner 
Freiheit und in seinem Wechsel zu begreifen. So scheint er sich aus dieser Sub- 
stanz selbst hervorzugehen, ob sie dennoch nvir sein eigener Gedanke ist" 



102 § 8. Karl Christian Friedrich Kraiase. 

(I, 266). Die Auflösung des Seins in Gedachtwerden fülirt Berger dazu, ähn- 
lich wie später Fechner, die Fortexistenz von etwas in der Erinneriuig jemandes 
als reale Unsterblichkeit anzusehen (I, 258). Die von dem Dunkel der Sinnes- 
anschauung aufsteigenden Stufen der Erkenntnis entwickelt Berger nicht ohne 
Verwandtschaft mit Hegel. Der Körper ist nichts anderes als die erscheinende 
Seele selbst (III, 359). Die Erkenntnis ist nicht auf die Erscheinungswelt 
beschränkt (gegen Kant). Die in der ,, Harmonie des Weltalls" vertretene 
pantheistische Auffassvmg hält Berger auch in den ,,Gnmdzügen" fest. Die 
Welt ist ein göttliches harmonievolles Wesen, das sich zu höheren Stvifen 
emporringt, da die Welt noch nicht die beste Welt ist (650). Damit steht im 
Widerspruch die andere Lehre Bergers, daß in Gott, der ganz pantheistisch 
gedacht wird, bereits alle Dissonanzen gelöst sind (668). Er ist die die Welt 
erfüllende schaffende Seele. Für das Dasein Gottes bedarf es keines Beweises, 
er bekundet sich dem BewTißtsein vmmittelbar als die allgemeine Vernunft, 
an deren Wirklichkeit niemand ohne Widerspn.ich zweifeln kann (IV, 636). 
Die einzelnen Individuen sind integrierende Bestandteile Gottes (650). — 
Auf moralphilosophischem Gebiete erblickt Berger das Wesen der Sitt- 
lichkeit in ,, innerer Einigkeit mit sich selbst" (IV, 171), das höchste Gut be- 
steht in der harmonischen Ausbildung aller Kräfte der Menschen (173). In 
der Entwickkmg des Staates und der Gesetzgebung offenbart sich die Vernunft 
selbst (244). Das Recht ist ewig, obwohl es sich nur im Staat realisieren kann 
(240). Das Ideal, dessen künftige Verwirkliclumg Berger für glaublich erachtet, 
ist die allgemeine Staatsrepublik (751). Das Vorrecht des Menschen ist das 
der Freiheit (252). — Berger ist von Einfluß auf TrendelenbT.u"g gewesen. 

§ 8. Karl Christian Friedrich Krause (1781-1832) hat 
alle Teile der Philosophie bearbeitet und versucht, den Pantheismus 
des Identitätssystems zu einer All-in- Gott-Lehre oder dem Panen- 
theismus umzugestalten, indem er glaubte, die Vereinigung des 
Subjektivismus Kants und Fichtes mit dem Absolutismus Schellings 
und Hegels gefunden zu haben. Das Wesentliche seines Systems 
ist die reine, ganze, ungeteilte Grunderkenntnis oder Grundan- 
schauung: Gott oder Wesen, imd die Wissenschaft davon ist 
Wesenlehre oder Gottlehre. In der Ethik hat er mit seiner Be- 
tonung des Satzes, daß das Gute als Gutes gewollt und getan werden 
soll, und mit seiner Hervorhebung der Freiheit viel Ähnlichkeit 
mit Kant. Der Zweck der Menschheit ist ein allgemeiner Mensch- 
heitsbund, ein Ideal, das erst ganz und rein erkannt sein, von einigen 
gepflegt sein muß in inniger Freundschaft, bis sich der Verein über 
Familien, Stämme und Völker verbreitet. 

Am meisten ist Krauses Rechtslehre, welcher die Ethik als 
Grundlage dient, geschätzt und auch von Schülern, wie Ähren s, 
weiter ausgebildet worden. Die Verbreitung und die genauere 
Kenntnis der philosophischen Ansichten Krauses ist durch seine 
eigentümliche Terminologie, die erst recht deutsch sein wollte. 



§ 8. Karl Christian Friedrich Krause. 103 

sehr beschränkt worden. In außerdeutschen Ländern, namentlich 
in Spanien, war Krause lange Jahre viel bekannter und geachteter 
als in seinem Vaterlande. 

Krauses Schriften. Verzeichnisse der Schriften Kr.s finden sich 
am Schkiß der unten zuletzt genannten Werke Kr.s, z. B. in: Zur Theorie 
der Musik, und im ]\Ienschheitsbunde. Krause hat außerordenthch viel ge- 
schrieben, selbst aber nur einen kleinen Teil seiner Schriften veröffentlicht. 
Aus seinem beinahe unerschöpflich scheinenden Nachlaß ist sehr vieles bis in die 
allemeueste Zeit herausgegeben worden. Grvmdlage d. Xaturrechts od. philos. 
Grundriß d. Ideals d. Rechts, 1. Abt., Jena 1803. Grundriß der historischen 
Logik, Jena 1803. Entwurf d. Syst. d. Philos., 1. Abt. (allg. Phil. u. Anl. z. 
Natvu-phil.), Jena 1804. Syst. d. Sittenlelire. 1. Bd.: Wissenschaftl. Begründung 
d. Sittenl.. Lpz. 1810, 2. Aufl., hg. von P. Hohlfeld u. A. Wünsche, Lpz. 1887. 
Das Urbild d. Menschh., Dresd. 1811, 2. Aufl. Gott. 1851, 3. durchge-seh. 
Aufl., hg. von P. Hohlfeld u. Aug. Wünsche, Lpz. 1903. Abriß d. Syst. d. 
Philos., 1. Abt.: Analvt. Philos., Gott. 1825. Abriß d. Syst. d. Logik, Gott, 
1825. 2. Aufl. ebd. 1828. Abriß d. Svst. d. Rechtsphilos., ebd. 1828. Vor- 
lesungen üb. d. Syst. d. Phil., ebd. 1828; 2. Aufl., 1. Teil: Der zur Ge- 
M-ißheit der Gotteserkenntnis als des höchsten Wissenschaftsprinzipes empor- 
leitende Teil der Phil., Prag 1869, hg. von Herrn. Leonhardi (vgl. über den 
rück- oder emporleitenden Teil d. Philos. H. v. Leonhardi u. v. Andreae, 
Prag 1869), 2. Teil (zugleich mit neuer Ausgabe des 1. Teils): Der im Lichte 
der Gotteserkenntnis als des höchsten Wissenschaftsprinzipes ableitende 
Teil der Phil., hg. von P. Hohlfeld u. Aug. Wünsche, Lpz. 1889. Vorlesungen 
üb. d. Grundwahrheiten d. Wissenschaft, zugleich in ihrer Beziehung 
zu dem Leben. Nebst e. kiirz. Darstell, u. W^ürdig. der bisherigen Systeme 
der Pliilosophie, vornehmhch der neuesten von Kant, Fichte, Schelling u, 
Hegel u. der Lehre Jacobis, ebd. 1829; 2. Aufl. 1. Teil: Erneute Vernunft- 
kritik, Prag 1868; 2. Teil: Die Grundwahrheiten der Geschichte u. die Enzykl. 
der Phil., ebd. 1869; 3. verm. u. vielf. verb. Aufl. hg. v. W^ünsche, Lpz. 1911 
(in verständlicher Sprache, ohne Verwendung der sonst von Krause vero'andten 
Terminologie). 

Seine nachgelassenen Werke haben später Schüler, Freunde und Anhänger 
(H. K. V. Leonhardi, Röder, P. Hohlfeld, A. Wünsche u. a.) herausgegeben. 
Es erschienen: Die Lelire vom Erkennen u. v. d. Erkenntnis, od.: Vorlesung. 
üb. d. analyt. Logik u. Enzyklopädie der Philos., hg. von H. K. v. Leonliardi, 
Gott. 1836, Vorlesungen üb. d. psych. Anthropologie, hg. von H. Alirens, 
Gott. 1848. Die absolute Religionsphilosophie im Verh. zum gefühlgläubigen 
Theism. vi. nach ilirer Vermittking des Supernaturahsm. u. Raticnalism., 2 Bde., 
hg. V. H. K. V. Leonhardi, Gott. 1834 — 43, Abriß der Ästhetik od. Philos. 
des Schönen und der schönen Kunst, hg. von J. Leutbecher, ebd. 1837, Geist 
der Gesch. der Menschheit, od. Vorlestm.g über die reine, d. i. allgemeine Leben- 
lehre u. Philos. der Gesch. zur Begründung der Lebenktmstwissensch., hg. 
von H. K. V. Leonhardi, 1843, in etwas verkürzter u. vereinfachter Form 
2. Aufl. herausgeg. v. Paul Hohlfeld u. Avig.. Wünsche, Lpz. 1904 unter dem 
Titel: Lebenlehre u. Philosophie der Gescliichte ziu" Begründtuig der Leben- 
kunstüissenschaft. Das System der Rechtsphilos., hg. v. K. Röder, Lpz. 1873, 
Vorlesvmgen üb. Ästhet, od. üb. d. Ploilos. des Schönen u. d. schönen Kunst, 
Lpz. 1882, System, d. Ästhetik od. d. Philos. d. Schönen u. d. schönen Kmist, 
Lpz. 1882, Reisekunststudien, ebd. 1883, Die Wissenschaft von der Land- 
verschönerkunst, ebd. 1883, Vorlesungen üb. synthet. Logik, ebd. 1884 
Einleit. in d. Wissenschaf tsl., ebd. 1884, Vorles. üb. angewandte Pliilos. d. 
Gescliichte, ebd. 1885, D. analyt. induct. Teil des Systems d. Philos., ebd. 
1885, Reine allgem. Veniunft-Wissensch. od. Vorschule d. anahi;. Haupt- 
teiles d. Wissenschaftgliedbaues, ebd. 1886, Abriß des Svstems der Phil., 
ebd. 1886, Grundr. d. Gesch. d. Phil., ebd. 1887. System d' Sittenlehre, ebd. 
1888, Philosoph. Abhandhmgen, ebd. 1889, Zur Gesch. der neueren pliilosoph. 
Systeme, ebd. 1889, Abriß der Philosophie der Gescliichte, ebd. 18S9, Das 
EigentümUche der Wesenlelire nebst Nachrichten zur Gescliichte der Aufnahme 



104 § 8. Karl Christian Friedrich Krause. 

derselben, vornehmlich von Seiten deutscher Philosophen, ebd. 1890, An- 
schauungen u. Entwürfe zur Höherbildung des Menschlieitlebens, 3 Bde., 
ebd. 1890—92, 4. Bd. 1902, Anfangsgründe der Erkcnntnislehre, Anhang: 
Aphorismen zur Denkgesetzlehre, ebd. 1892, Zur Religionsphilosophie u. 
spekulativen Theologie, ebd. 1893, Abriß ziu Gesch. d. griechisch. Philosophie 
ebd. 1893, Aphorismen zur Sittenlehre ebd. 1893, Anleit. zur Naturphilosophie, 
ebd. 1894, Grvmdr. der liistor. Logik, 2. Aufl., Weimar 1896, 3. A. hg. v. 
W. Kinkel, 1920, Fragmente u. Aphorismen zum analyt. Th. des Syst. d. Philo- 
sophie, Weimar 1897. Die letzten Werke sämtlich hg. von Paul Hohlfeld u. 
Aug. Wünsche. Grundlage des Xaturrechts od. philos. Grundriß des Ideals 
des Rechts, 1. u. 2. Abt., hrsg. von Geo. Mollat, Lpz. 1890, Der Erdrechtsbund 
an s. selbst und in seinem Verhältnisse zum Ganzen u. zu allen Einzelheiten 
des Menschheitlebens, hg. von demselb., ebd. 1893, Vorlesungen üb. Xatur- 
recht od. Philosophie des Rechts u. des Staats, hg. von Rieh. Mucke, ebd. 
1894, Z\\r Theorie der Musik, hg. von Rieh. Vetter, Berl. 1894, Abhandl. u. 
Einzelsätze üb. Erziehvmg u. Unterricht. 1. u. 2. Bd., hg. von dems., ebd. 1894, 
D. Menschheitbvmd, nebst Anhang und Nachträgen, hrsg. von dems. ebd. 1900, 
Kr.s Briefwechsel, Z\ir Würdigung seines Lebens u. Wirkens, 2 Bde., hg. von 
Hohlfeld u. Wünsche, Lpz. 1903 — 07. Vorlesungen üb. psychische Anthropo- 
logie, a. d. Nachl. hg. v. Hohlfeld u. Wünsche, Lpz. 1905. Entwurf eines europ. 
Staatenbundes (1814), neu hg. v. H. Reichel, Lpz. 1920. Nachweis ü. d. Nach- 
laß Kantst. XVII. S. 114. Vgl. Die neue Zeit, freie Hefte für vereinte Höher- 
bildung der Wissensch. u. des Lebens, von H. K. Leonhardi, mit Beiträgen 
aus Kr.s Nachlaß, 11 Hefte, Prag 1869 — 75. Systeme de la philos. — Traduit 
de l'Allemand p. Lucien Buys, 2 voU., Lpz. 1892 — 95. 

Krauses Leben. K. Chr. Friedrich Krause war geboren den 6. Mai 
1781 zu Eisenberg im Herzogtum S. -Altenburg, wo sein Vater damals Lehrer 
an der Stadtschtile war. Er besuchte die Schvilen zu Donndorf und Altenburg, 
studierte seit 1797 in Jena, wo Fichte iind Schelling lehrten, Plailosophie, 
habilitierte sich daselbst 1802, ging 1805 nach* Dresden als Lehrer an der In- 
genieurakademie vmd habilitierte sich nach Fichtes Tode 1814 in BerUn. 
Da er aber hier eine Besoldung nicht erhielt, ging er wieder nach Dresden, 
wo er bis 1823 der Wissenschaft und der Erziehung seiner Kinder lebte; nur 
1817 machte er als Begleiter eines Freundes und Kunst förderers eine ihn sehr 
bildende Reise durch Deutschland, Italien und Frankreich. Seit 1824 war 
er in Göttingen habilitiert, wo er als Lehrer eine befriedigende Tätigkeit hatte. 
Da aber gegen ilin als Verkündiger des ]Menschheitb\indes eine Kriminalunter - 
suchvmg eingeleitet wurde, ging er 1831 nach München, um dort eine Professur 
zu bekommen. Dies scheiterte an dem Widerspruch Schellings. Hier starb 
er 1832, nachdem er Zeit seines Lebens, da er sich zeitig vermählt hatte imd 
Vater zahlreicher Kinder war, vielfach mit Nahnmgssorgen und sonstiger 
Not zu kämpfen gehabt hatte. Er war ein sittlich hochstehender Charakter, 
von den reinsten Idealen beseelt, aber eine durchaus unpraktische Natur, 
rücht selten niedergedrückt diu-ch die äußeren Mißerfolge, durch das ,,hart© 
bittere Uru-echt", das ihm von seinen Mitmenschen widerfahre, aber stets 
trug doch die Liebe zu ,, Wesen" den Sieg in ilun davon. In seiner Geburts- 
stadt ist ihm ein Denkmal errichtet worden. — Er hat eine sehr große Anzahl 
von Schriften verfaßt, die er nur zvun Teil veröffentUcht hat. Nach seinem Tode, 
sogar bis in die letzten Jahre haben Schüler in ävißerst dankenswerter Weise seine 
hinterlassenen Werke herausgegeben. Der Nachlaß scheint aber noch nicht er- 
schöpft zu sein. W^enn man auch nicht geneigt sein wird, das System Krauses 
oder auch nxu" seine Gnmdlehren anzunehmen, so wird doch anerkamit werden 
müssen, daß er von hohen Ideen und von tiefstem sittlichen Ernst erfüllt war, 
und daß man aus seinen Werken eine Fülle anregender Gedanken gewinnen kann. 



§ 8. Karl Christian Friedrich Kraiiße. 105 

Krauses Philosophie. Wie Fichte und ScheUing glaubt auch Elrause 
eigentlich der erste Fortsetzer Kants zu sein! Aui Schelling will er durchaus 
nicht fußen und war sehr unzufrieden damit, wenn er als Schüler Schellings 
angesehen wurde. Er habe, sagt er, seine Universitätsstudien großenteils 
vollendet gehabt, als Schelling nach Jena gekommen sei, und habe sich von 
dessen Darstellung des transzendentalen IdeaUsmus nicht gefangennehmen 
lassen, \-ielmehr vorausgesetzt, daß Schelling zum Spinozismus werde weiter 
schreiten müssen. Trotzdem gibt er selbst zu, von dem Systeme Schellings 
aus könne man sich am ersten zur, , Wesenlehre", d. h. zu seiner eigenen Lehre, 
erheben. Er nimmt an, das Absolute könne erkannt werden, deshalb sei die 
Lehre vom Absoluten die Philosophie. Gott oder Wesen wird erkannt: 1. als 
vor \ind über jedem Gegensatz und jeder besonderen gegensätzlichen Wesen- 
heit (über jeder Gegenheit und Gegenwesenheit), 2. auch an und in sich wesend 
und seiend, die Gegenheit und Gegeuwesenheit und alle besonderen Gegen- 
heiten als den freien vmd ganzen Gliedbau der Wesenheiten in und unter und 
durch sich enthaltend und begreifend. — Es wird somit Wesen als Wesen, 
von sich selbst, als an imd in luid diirch sich die Gegenheit iind alles Gegen- 
heithche wesend imd seiend. 3. Es wird auch in der Wesenschauung erkannt, 
daß Wesen an und in sich auch alles GegenheitUche als Vereintes ist, und daß 
Wesen selbst als vor und über allem seinem Gegenheitüchen und Besonderen 
wesend imd seiend, vereint wohnt und ist mit allem seinem gegenheitüchen 
und besonderen Wesentlichen, sowohl mit einem jeden für sich, als auch mit 
einem jeden und mit allen als vereinten Wesenthchen, mit einem jeden und 
mit allen. So wird Wesen in der Wesenschauung erkannt als das in sich voU- 
wesentUche, voUkonomene Wesen. Diese reine und ganze Wesenschauung 
und diese ihm oberste Ghederung soll sich in keinem der bisherigen Wissen- 
schaftssysteme finden, sondern da zeige sich die Wesenschauung nur nach 
einzelnen Momenten oder Teilwesenheiten und meist nur in aufsteigender 
Weise und vom Endlichen her durch Verneinung der Endlichkeit ausgesprochen 
und bezeichnet. 

Um diese Wissenschaft zu entwickeln, gibt es einen doppelten Lehrgang, 
den aufsteigenden, subjektiven oder analytischen, und den absteigenden, 
objektiven oder sjnthetischen. Durch den ersten soll man von dem Stand- 
punkt des gewöhnlichen Menschen aus aufsteigen zur Erkenntnis Gottes, 
tmd diese Erkenntnis ist dann wiedenma der Ausgangspunkt des zweiten Lehr- 
gangs. Von hier absteigend soll man den Zusammenhang der Wissenschaft 
nach allen Seiten hin organisch entfalten. Die beiden Lehrgänge sind dem 
Inhalte nach einander gleich, nur die Betrachtungsart ist eine verscliiedene. 

Analytischer Teil. Der Anfang der Erkenntrüs muß in einer zweifel- 
los unmittelbaren Wahrheit ruhen, und zwar besteht diese in dem Selbst- 
bewußtsein, in der Selbstschauung oder Grundschauung Ich. Sehen wir ge- 
nauer zu, was in dem Ich enthalten ist, so finden wir es als ein Vereinwesen 
von Leib imd Geist. Darüber hinaus vinterscheiden wir uns als Wesen, welche 
vor und über diesem innem Gegensatz vmd der Vereinigung existieren. In- 
dem wir uns so vor und über allem einzelnen in \jns erbhcken, können wir 
uns als Ur-Ich bezeichnen. Der Leib gehört nvm der Xatur an. Sie ist in be- 
treff der Zeit, des Raiuns, der Bewegung, der Kraft ein iinendhches Selbst- 
wesen, welches alle Stufen der leiblichen Wesen in sich enthält, ein einziges In- 
dividuum seiner Art. Der Geeist ist ein Teil des Geisterreichs, gewöhnhch bisher 



106 § S. Karl Christian Friedrich Kravise. 

als Vernunft bezeichnet. Dieses wird auch als ein imendliches und einziges Indi- 
vaduiun seiner Art erkannt. Beide, Natur und Geist, existieren allerdings vereint, 
aber sie sind doch auch einander entgegengesetzt. So müssen wir für sie ein 
höheres Ganzes annehmen, dem sie unter und eingeordnet sind. Außerdem 
besteht eine fortwährende Wechselwirkimg zwischen ihnen, die weder in dem 
einen noch in dem andern ihren Grund haben kann. So mviiS auch deshalb 
ein gemeinsames Höheres statuiert werden. Wie wir aber über dem Verein- 
wesen Ich noch ein höheres Ich finden, so wird über diesem Vereinwesen von 
Xatur luid Geist noch ein höheres anzimehmen sein: Gott oder ,, Wesen" 
schlechtlün, das ist das unbedingt Seiende, das wahrhaft Wirkliche, das wahr- 
haft Unendliche und Vollkommene. Die Wesenschauung ist keines Bew-eises 
fähig, bedarf auch keines Beweises. Sie ist an sich gewiß, und jeder Beweis 
erst diu"ch diese möglich. Hier schließt der analytische Lehrgang. 

Der synthet ische Teil beginntmitder Schauung,, Wesen". Die eigent- 
liche Grundwissenschaft ist die Betrachtung von Wesen, welche in sich die 
Prinzipien aller Wissenschaften faßt. Wird Wesen an sich betrachtet, so er- 
hält man einen Gliedbaxi von Kategorien, der bei Krause sehr ausgefülirt 
ist, aber wegen der besonderen Terminologie Schwierigkeit für das Verständ- 
nis bietet. Wir finden da zunächst die Kategorien der Wesenheit, der Einheit, 
der Selbstheit luid der Ganzheit (die Fremd^vörter Qiialität, Substantiaütät, 
Quantität sind nicht ganz ziu' Bezeiclinimg geeignet). Jedes Wesen ist nun 
erstlich ein Gesetztes, in seiner Einheit ist die Thesis ohne Gegensatz, zweitens 
hat es in seiner Mannigfaltigkeit die Antithesis, die Entgegensetzung, vmd drittens 
kommt ihm auch die SjTithesis, die Vereinset zung, zu (Satzheit, Gegensatz- 
heit, Vereingesetztheit). Das sind die Grundlagen der Kategorien, die weiter 
aus dem Angefülirten entwickelt werden: die Richtheit, Faßheit, Satzheit- 
vereinheit usw. Gott steht über der Welt und iliren Gegensätzen erhaben, 
ist aber seiner selbst lu-inne im Selbstbewußtsein, im göttlichen Gemüte und 
Willen mit Allweisheit, Liebe und Güte, als die für alle in der Welt %\-irkenden 
Kräfte absolute Urmacht, welche in die beiden Ordntmgen, der Natur und der 
Geisterwelt, gemäß den Gesetzen derselben, aber doch urfrei, einwirkt. 

Auf diese Grundwissenschaft folgen mm die frwesen lehre, Ver- 
nunf twissenschaf t, Naturwissenschaft, Vereinwesenlehre. Die 
Urwesenlehre soll dartun, daß Gott als erkennendes, empfindendes und wollen- 
des Wesen, oder als Geist, Gemüt und Wille, als das imendlich-unbedingte 
Vernunftwesen und das in der Zeit ursachlich wirkende über der \^ernunft, 
der Natur und dem Verein von beiden steht. Gott erkennt, empfindet und wiü 
nicht erstwesentlich die Welt, d. h. \"ernimft imd Natvu* und beide im Verein, 
sondern unbedingt und erstwesentlich erkennt, empfindet vind will Gott sich 
selbst nach seiner einen, selben und ganzen Wesenheit, und dann auch unter- 
geordnet erkennt, empfindet und will Gott die Welt. Gott ist unendlich imd 
unbedingt weise, liebende, gerechte, heilige Vorsehung. Gottes Einer heiliger 
Wille ist auf die Darlebung seiner Wesenheit in der Einen unendlichen Gegen- 
wart gerichtet. Er umfaßt das Leben der Vernunft der Natur luid das Verein- 
leben liebend, erbarmend, rettend und beseligend, damit in jedem INIomente 
der Zeit das Beste verwirldicht werde. Die Vernunftwissenschaft hat die 
Grundidee des Geisteswesens zu erkennen, die als übersinnliche Erkenntnis 
in der Wesenschauung zvi erfassen ist. Sie steht in dem Organismus der Ideen 
dem Leibwesen gegenüber. In der Einen ^'ernunft oder in dem Einen Geist- 



§ 8. Karl Christian Friedrich Krause. 107 

wesen anerkennen wir alle endlichen Vemxmftwesen oder Geister, wir erkennen 
alle endüchen Geister als das Eine, unendliche aus unendlich vielen Geistern 
bestehende Geisterreich. Die Naturwissenschaft wird im Innern ausgebildet, 
wenn die Grvmdidee Wesen und alle im Gliedbau derselben enthaltenen Teil- 
ideen auf die Idee der Natur angewandt werden in Ableitung, Selbsteigen- 
schauung und Schauvereinbildung (Deduktion, Intuition, Konstruktion). 
In der allgemeinen Ganzheitlelire wird die Raumganzheitlelire oder Raiun- 
gestaltlehre (Geometrie) gebildet, die Formen des Raumes und der Zeit, mit 
einander vereint erkannt, geben die reine Beweglehre (Mechanik). Die all- 
gemeine Wesenheit der Kraft aber, angewandt auf die Natur, gibt die Natur- 
kraftlehre (die physische allgemeine Dynamik). Ferner entsteht auch die 
Deduktion usw. der Natiu" als des Einen Lebens im Baue des Himmels und 
im Gliedbau des Organismus ihrer Prozesse luid aller ihrer Gebilde vom Höchsten 
bis zmn Niedrigsten. Die Vereinwesenlehre ist die Wissenschaft von Gott, 
Vernunft vmd Natur als nach ihrer ganzen Wesenheit, also auch nach ihrem 
ganzen Leben, vereinter Wesen. Die Hauptteile dieser Wissenschaft betrachten 
den Verein Urwesens mit Vernunft, Urwesens mit Natur, der Vernunft und 
Natur unter sich, verinittelt durch Wesen, endlich als ihren innersten Teil 
den Verein der drei, Urwesens, der Natur luid der Vernunft. Das innerste 
Vereinwesen aber in der iinter sich und mit Gott als L'rwesen vereinten Ver- 
ntmft Tind Natur ist die Menschheit, d. i. das Reich aller unendHch vielen end- 
lichen Geister, die mit imendlich vielen organischen Leibern imd mit Gott 
vereint leben. Diese Wissenschaft ist zugleich die ganze Gescliichtswissen- 
schaft, welche dann auch die Gescliichte des Einen Lebens, sofern es sich 
auf dem Schauplatz dieser Erde bis jetzt entfaltet hat imd in Zukimft ent- 
falten wird, in sich schließt. Die Geschichte der Menschheit ist der innerste 
Teil der Einen Gescliichte alles Lebens. 

Den nächsten imd innigsten Einfluß auf das Leben selbst haben die 
Religionswissenschaft, die Sittenlehre, die Rechtslehre und die 
Kunstlehre. Was die erste dieser vier anlangt, so ist Religion des Menschen 
der Verein seines Lebens init dem Leben Gottes, und zwar zunäclist nur, 
insofern der Mensch selbst diesen Lebenverein erstrebt imd mitverursucht. 
Aber dies geschieht nm- di.u:"ch die von oben entsprechende Tätigkeit Gottes, 
wonach Gott als Urwesen in der imendlichen Zeit das Leben des Menschen 
und der Älenschheit auch eigenleblich in sich aufnimmt imd mit seinem Leben 
vereint. Das eine ist die endliche, das andere die unendliche Seite des innern 
Vereinleben Gottes. Die erste Forderung des Gottvereinlebens oder der Religion 
an den Menschen ist, daß er als ganzer selber Mensch Gottes inne, mit seiner 
Ganzlebenschaft zu Gott liin gerichtet sei imd bleibe, und daß er Vereinleben 
mit Gott als Urwesen anstrebe. Diese Stimmiuig des iNIenschen ist Gott- 
innigkeit oder Weseninnigkeit. 

Sittenlehre ist die Wissenschaft des Lebens, sofern es durch den Willen 
bestimmt ist, und begreift die Gesetzlehre des Willens in sich. Der Gegen- 
stand der Sittenlehre ist also der Wille als das Leben bestimmende Tätigkeit 
nach seiner Wesenheit und seinen Gesetzen. Die Wesenheit des Willens ist 
diejenige Tätigkeit des Ganzwesens, welche die Tätigkeit selbst zur Darbildung 
des Wesentlichen im Leben, d. i. des Guten, bestimmt und richtet. Scfern 
ich mm das Lebwesentliche (das Gute) schaue, habe ich Erkenntnis desselben 
und empfinde in mir den Trieb zum Guten. Das Gute für den Menschen ist 



108 § 8. Karl Christian Friedrich Krause. 

nun dasjenige Wesentliche, welches der Mensch nach seiner Eigenwesenheit 
als Mensch darleben kann vind soll. Zu entwickeln hat die Sittenlehre, welcher 
Teil des Einen Guten, der Einen von Gott in sich dargelebten göttlichen 
Wesenheit dasjenige Gute ist, a\if dessen Darlebung der Wille des Menschen 
und der Menschheit die Tätigkeit richten könne und solle. Gott ist das Eine 
Gute, auch das höchste Gut des Lebens für den Menschen. Das erkannte, 
gefüWte, mit dem Grundtriebe erfaßte und gewollte Wesentliche wird als das 
Gute dargelebt, und deshalb ist für den Menschen als sittliches Wesen erforder- 
lich, daß er den Urbegriff des Einen Guten erkenne, sich denselben als einzigen 
Inhalt seines Lebens vorsetze und so mit besonderer Kunst sein Leben ausge- 
stalte. Sofern das Gute auf das Eigenleben als dessen Gehalt bezogen wird, 
erscheint es als Zweck, sofern das sittUche Wesen im \mbedingten Sollen dazu 
verpfUchtet ist, ist es die Pflicht. Das Sittengesetz, welches das vmbedingte 
Pflichtgebot ist, lautet: Wolle du selbst und tue das Gute als das 
Gute. Der materiale Teil darin ist: Wolle und tue das Gute; der formale: 
du selbst, und: als das Gute. Alle untergeordneten Antriebe für die Bestimmung 
des Willens, sowie die selbstischen Triebe sind so ausgeschlossen. Darin, 
daß das Gute rein und allein, weil es gut ist, mit eigener Kraft des Wollens 
imd Wirkens gewollt und erstrebt wird, besteht die sittliche Freiheit, 
die in der Gesetzmäßigkeit, nicht aber in der Ungebundenheit und Gesetz- 
losigkeit des Willens und der Kraft besteht. — Die vmendliche Aufgabe des 
rein sitthchen Lebens ergeht zunächst an jeden Einzelmenschen, aber dann 
auch an jede Gesellschaft. Alle Grundgesellschaften und alle Werkgesellschaften 
sollen unter sich einen Bund schließen, welcher der Sittlichkeitverein oder 
der Tugendbund genannt werden kann. Die unendhche Aufgabe der Religion 
und der Sittlichkeit läßt sich in dem Worte vereinen: Sei gottinnig und 
ahme Gott nach im Leben. 

Mit der Sittenlehre steht in enger Verbindung — Kant und Fichte ent- 
gegen — die Rechtslehre, die vieKach, wolü nicht mit Unrecht, für die be- 
deutendste Leistimg Krauses angesehen wird. Die menschliche Bestimmvuig 
hängt in ihrer Erfüllung nicht von einem Individuum ab, sondern auch von 
Umständen, die dvirch andere bedingt sind, vmd daher mviß das Ganze der 
durch die menschhche Willenstätigkeit herzustellenden Bedingungen, die 
nötig sind, um den vernünftigen Lebenszweck zu verwirklichen, das ist eben 
das Recht, dargelegt werden. Oder auf den Mittelpunkt der Krauseschen 
Philosophie bezogen: ,, Recht ist der Gliedbau aller zeitlich freien 
Lebensbedingnisse des innern Selblebens Gottes und in und 
durch selbiges auch des wesengemäßen Selblebens und Verein- 
lebens aller Wesen in Gott." Im Zustande des Rechts befindet man 
sich nur dann, wenn jedes Individuixm sich infolge der Ordnung der Lebens- 
verhältnisse ungehindert seinem sittlichen Ziele nähern kann. Nicht nur die 
Individuen, sondern auch die PersönUchkeitskreise der einzelnen Familien, 
Gemeinden und die Güterkreise, welche der Religion, Wissenschaft oder Kunst 
zugewandt sind, können nicht bestehen und sich ausbilden ohne ein Ganzes 
von Bedingiingen, unter welchen jeder Kreis sich betätigt und entwickelt. 
Es muß so ein geselliges Wechselverhältnis stattfinden, und dies kann nxir 
in einem bestimmten, ihm ausschließlich gewidmeten Gesellschaftsverein 
auf Erden verwirklicht werden, welcher der Rechtsverein, der Rechtsbvmd, 
der Staat ist. Das Recht ist ztuiächst positiv, insofern es fordert, daß die zur 



§ 8. Karl Christian Friedrich Krause. 109 

Erreichang des sittUchen Ziels nötigen Bedingungen von den miteinander Le- 
benden erfüllt werden. Sodann ist es negativ, indem es fordert, daß alle zeitlich 
freien Hindernisse, welche sich dem begriffsmäßigen Leben in den Weg stellen, 
entfernt werden. Die Strafe soll n\ir erziehend uad bessernd wirken, deshalb 
ist die Todesstrafe zu verwerfen. 

Die Kunstwissenschaft bezieht sich auf das Können, Bilden und 
Schaffen. Die Kunst bildet vermöge der Phantasie Individuelles nach Ideen; 
Kunst ist die CJesamtheit der werktätigen Lebenskraft, welche dem bildenden, 
lebengestaltenden Wesen, seinem Wollen folgend, zu Gebote steht. Im tiefsten 
Sinne ist die Kunst die werktätige Lebenskraft Gottes selbst. An sich ist eine 
Kirnst, die Grottes, und ein Künstler — Gott, wie Gott auch der Eine unbe- 
dingte Regent und Monarch sein soll. In der einen Kvinst Gottes ist aber 
auch alle endliche Kunst der endlichen Wesen insgesamt mitgefaßt. Das Kunst- 
werk muß ein vinendlich bestimmtes organisches Ganzes sein, so daß die inneren 
Teile alle vmter sich und mit dem Ganzen wesentlich übereinstimmen und 
so in der unendlichen Eigentümlichkeit einen bestinamten Urbegriff erschöpfend 
darstellen. Ist es ein freies Kunstwerk, ein Schönkunstwerk, z. B. ein G^e- 
dicht, oder das Leben eines einzelnen Menschen selbst, so ist es der dem Kunst- 
werk selbst eigene Urbegriff, welchen es darlebt. Ist es aber ein nützliches 
Kunstwerk, so muß es den Begriff dessen, wozu es nützt, verwirklichen. An 
den Künstler jeder Art geht die Forderung, daß seine Werke auch in der Form 
gottähnlich seien. Diese Gottähnlichkeit selbst nach Gehalt imd Form nennen 
wir Schönheit, — das ganze Leben ist selbst ein Kunstwerk, und die Eine 
höchste Kimst ist die Lebenskunst, welche auch die Kunst des IVIenschen 
in sich enthält, sein Eigenleben gut und schön zu führen und so stetig weiter 
zu gestalten. 

In seiner Geschichtswissenschaft, mit welcher Krause ,,die Grund- 
wahrheiten der Wissenschaft" schließt, legt er dar, wie sich der Gliedbau 
der Ideen in der Zeit darbildet, oder wie sich daa Leben in der Zeit entwickelt. 
Die ewige Ursache nimmt Gestalt an in ihren Wirkungen; vollendet ist sie 
in keiner Zeit, auch nicht in der Ewigkeit. Der Inbegriff des Realen, in welchem 
das Ideal sich bildet, ist Geschichte. Die Natur hat wohl Perioden, aber als 
notwendig bedingt eigenthch gar keine Geschichte, da eine solche ohne Frei- 
heit nicht möglich ist. Eine Maschine, sofern sie vollkommen ist und sich 
nicht abnutzt, hat keine Geschichte. — Das Leben der Mensclilieit entfaltet 
sich in drei Hauptlebenaltern, in Kindheit, in Jugend und dem Alter der Reife, 
und dieses Gesetz kehrt auch für jedes untergeordnete Selbwesen in der Mensch- 
heit wieder. Alle Völker, Stämme, Ortvereine, Freundvereine, Ehevereine 
sowie jeder Einzelmensch, durchleben diese drei Hauptalter. Hierauf folgen 
zwei Stufen des absteigenden Lebens, welche der Jugend und der Kindheit 
des aufsteigenden Lebens entsprechen. Die erstere davon ist das Hochalter 
der Reife, die letzte das Greisenalter. Die Mensclilieit befindet sich jetzt in 
ihren gebildeteren Völkern am Ausgange der Jugend. Da der Gnmd des voU- 
wesentlichen Gliedbaues der Wissenschaft schon gelegt ist (durch Klrause), 
da besonders die Grundideen der Menschlieit, ihres Lebens und des Menscli- 
heitbundes dargestellt sind (durch Krause), so ist hiermit der erste Anfang 
des Alters der Reife im Geiste begründet. 

Die Anfänge des Menschheitbimdes, der ihm das Ziel der Mensclilieit 
war, glaubte Krause in dem Freimaurerbund zu finden, dem er 1805 beitrat 



HO § 8. Karl Christian Friedrich Kravise. 

lind in dessen Sinne er manche Schriften verfaßte, so namentlich ,,Die drei 
ähesten Urkimden der Freimaurerbrüderschaft", Dresd. u. Freiberg 1810, 
2. Aufl. 1820, 21. Später trat er aus dem Bunde aus, weil er in Streitigkeiten 
geraten war, schrieb diesen Umständen größtenteils sein äußeres Mißgeschick 
zu und bedauerte, überhaupt sich je mit der Freimaurerbrüderschaft einge- 
lassen zu haben. Die Ideen des Menscliheitbundes entwickelte er namentlich 
in: , .Urbild der IMenschlieit". Es ist nach ihm ewige Wahrheit in der Idee 
der Gottheit und der Idee der Menschheit, daß die Menschheit in Gott, im 
unendlichen Ravmae und in der unendüchen Zeit Eine sei und in unendlich 
vielen in Weltenräume gesetzmäßig verteilten, aber unter sich verbundenen 
Teilmenscliheiten als ein Organismus und mit Gott in Einheit lebend, bestehe. 
Die Menschheit dieser Erde sei ein noch in der Bildung begriffenes organisches 
Glied der Einen Menschheit in Gott. Wie nun die gesamte Menschheit ein 
organisches Ganzes sei und als solches erkannt werde, so sei auch die Menscliheit 
dieser Erde bestimmt und fähig, ihr gesamtes Leben in einer organischen 
Geselligkeit zu entwickeln. Wie eine Einheit, an lond für sich über der Viel- 
heit stehend, doch vdele Glieder organisch enthalte und diese untereinander 
und mit sich als der höheren Einheit zusammenschließe, so könne auch die 
gesamte menschliche Gesellschaft, namentlich awi dieser Erde, Eine sein, 
über allen einzelnen Vereinigungen stehen, sie alle unter sich in organischer 
Wechselwirkung imd zu Vereinleben verbinden und so als unter sieh \ind mit 
dem Ganzen vereint vollenden. Dies Allgemeinmenschliche ist dann der Gegen- 
stand alles Strebens, vind die so vereinten Menschen bilden den Menschlieit- 
bimd oder den ,,Urlebenbimd der Menschheit" (s. Herm. v. Leonhardi, Zur 
Biographie Krauses, Anhang zu: ,,Das Eigentümhche der Wesenlehre"). 

Über den Zusammenhang der irdischen Menschheit mit dem Über- 
sinnlichen hatte Krause phantasiereiche Gedanken. Die Menschheit dieser 
Erde vom ersten bis zum letzten Menschen, vom Adam bis zmn Gegenadam, 
stammt avis höheren Geistesgesellschaften und bleibt mit diesen Zeit ilires 
Lebens in allen Lebensaltem auf alleineigentümliche Weise verbvmden. ,,Die 
Sterbenden sind Heimlebende, zu einer höheren Ordnung des Lebens aus dieses 
Erdlebens Schlafe Erwachende; dort sammeln sie sich lebgesetzmäßig und 
lebgesetzfolgUch; die in frühern Lebensaltem als imreife Menschen Heim- 
gegangenen erhalten dort ihre Weiterbildung, wenn und sofern sie nicht zu 
Wesenleb -Sendungen in anderen Teilgesellschaften angestellt werden. Daher 
findet auch zur rechten Zeit und am rechten Orte Wiedersehen und Wieder- 
vereinleben der Einzelnen, der Ehtümer, Freundtümer, der Orttümer — 
statt, wie Swedenborg richtig geschaut hat. Dies ist gewiß, so wahr Gott 
das orom-wesenlebige Wesen ist." Der Wahlspruch der Menschheit, in Mensch- 
heitbund, S. 450. 

Über seine philosophische Terminologie, die viel Anstoß gegeben 
und das Verständnis seiner Gedanken viel mehr gehindert als gefördert hat, 
äußert sich Krause folgendermaßen: Da die reine und selbe Wesenschauung 
imd ihre oberste Güederung bis jetzt auf dieser Erde gefehlt habe, so sei auch 
weder in der Volkssprache noch in den Wissenschaftssprachen eine genügende 
Bezeichnung für diese Grunderkenntnis tmd für ihre obersten Hauptmomente 
zu finden. Gleichwohl sei eine bestimmte, kurze, sprachzeitgemäße Bezeich- 
nung derselben für die Wissenschaft nötig gewesen. So habe er denn die deutsche 
Sprache vorzüglich in ihren Stammworten zu diesem Zwecke untersucht 



§ 8. Kar] Christian Friedrich Krause. 111 

und dadurch seine Bezeichnungen gefunden: „Wesen, Wesenschauung ; die 
Wesenheit Wesens selbst, als Eine, selbe, ganze Wesenheit, bezeichne ich 
mit dem echt deutsehen Worte: or und nenne daher Wesen als nach seiner 
Einen, selben, ganzen Wesenheit: Orwesen. Die Gegenheit nenne ich mit: 
ant, Antheit und daher die Gregenwesenheit : Antwesenheit. Die Wesenheit 
selbst aber als vor. und über der Gegenheit nenne ich mit : ur, als Urwesenheit ; 
mithin Wesen selbst als vor vmd über sich selbst als Gegenwesen, nenne ich 
Urwesen. Die Vereinheit bezeichne ich mit dem Urlinge: mal, als Mälheit, 
mithin die Vereinwesenheit als ^Mälwesenheit, und Wesen selbst als Verein- 
wesen nenne ich Mälwesen. Die vollständige Gliedbauheit nenne ich mit: 
om, also Omheit, vmd die vollwesentHche Gliedbauwesenheit (den organischen 
Charakter) Omwesenheit". 

Krauses Schule. Die bedeutendsten Schüler KJrauses sind: der Rechts- 
philosoph Heinr. Ahrens (geb. 1808, beteiligte sich 1831 an einem Aufstand 
in Göttingen und floh nach Paris, lüelt dort Vorlesungen über die deutsche 
Philosopliie seit Kant, folgte aber 1834 einem Rvif an die Universität zu Brüssel, 
1850 an die zu Graz und wirkte von 1859 — 74 als Professor der praktischen 
Philosopliie und Politik in Leipzig, gest. 1874 in Salzgitter), dessen Cours 
de droit naturel ou de philos. du droit, Paris 1838, 6. ed. Bruxelles 1868 er- 
schienen ist, Xatvirrecht oder Phil. d. Rechts u. d. Staates, Wien 1850f., 6. A., 
1870 — 71, ital. von Alb. Marghieri, Nap. 1872, auch in mehrere andere Sprachen 
übersetzt; Jxu-ist. Enzyklopädie, Wien 1858, auch in fremde Sprachen über- 
setzt. Schon früher hat Ahrens einen Cours de philos., Paris 1836 — 38, Cours 
de philos. de l'liistoire, Brux. 1840, veröffentlicht. 

G. Tiberghien (gest. 1901, Prof. in Brüssel), Essai theorique et histor. 
sur la generation des connaiss. humain. dans ses rapports avec la morale, 
la politique et la reUg., Par. et Brux. 1844; Exposition du Systeme philoso- 
phiqiie de Krause, Brux. 1844; Exquisse de philos. morale, precedee d'une 
introd. ä la metaphysique, Brux. 1854; Psychologie, la science de l'äme dans 
les limites de 1' Observation, ebd. 1862, 3. Aufl. 1872; Logique, la science de 
la connaissance, Brux. 1864f. ; Introduction a la philosophie et preparation 
ä la metaphysique, Brux. 1869, 2. ed. 1880; Elements de la morale imiver- 
selle, Brux. 1879; KJrause et Spencer, Brux. 1882. Die meisten der Sclu-iften 
sind ins Spanische übersetzt, einige auch ins Portugiesische, Elements de la 
morale ins Itahenische. 

H. S. Lindemann, von dem außer der unten erwähnten Schrift über 
Krause noch Darstellungen der Anthropolog. , Zürich 1844 und Erlangen 1848, 
und der Logik, Soloth. 1856, erschienen sind. 

Ferner sind hier zu nennen: Altmeyer, Bouchitte, Duprat, Herm. Freili. 
V. Leonhardi, Mönnich, Oppermann, C. D. A. Röder (Gnuidzüge d. Xatur- 
rechts oder der Rechtspliilos., Leipzig u. Heidelberg 1856, 2. Aufl. ebd. 1860 
bis 63), Th. Schliephake (gest. 1871. Die Grundlagen des sittUchen Lebens, 
Wiesbaden 1855; Einl. in d. Syst. d. Phil., Wiesbaden 1856), Hohlfeld. 

Der Spanier J. S. del Rio (gest. 1869) hat Krauses ,, Urbild der Mensch- 
heit" übersetzt und erläiitert. Madrid 1860, ebenso Krauses ,, Abriß des Syst. 
der Philos.", ebd. 1860. In Spanien wurde eine große Anzahl der Lehrstühle 
der Philosophie luid der Rechtsphilosophie mit Anhängern Krauses besetzt; 
auch gingen die Angriffe gegen die Jesxüten daselbst großenteils von den,,Krau- 
sistas" aus. — Der um die Anwendung der Grundsätze Pestalozzis auf das 



112 § 8. Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher. 

frühe Kindesalter und die Fortbildung des „Anschauungs-Untemchts" zu 
einem ,, Darstellungs-Unterricht" hochverdiente F. Froebel hat von Krause 
Anregungen empfangen. Vgl. Th. Schliephake. Über Friedr. Froebels Er- 
ziehungsmethode, in: Phil. Monatsh. IV, 1870, S. 487 — 509. — Über Tiberghien 
und die spanischen Anhänger Krauses siehe auch unten bei der französischen 
und spanischen Philosophie. 

§ 9. Ein Zeitgenosse von Fichte, Sehelling, Krause und Hegel, 
den ersten und die beiden letzten überlebend, bildete Friedrich 
Ernst Daniel Schleiermacher (1768—1834), insbesondere durch 
Kant, Spinoza und Piaton angeregt, die Kantische Philosophie 
in einer Weise um, durch welche er ebensowohl dem in ihr liegenden 
realistischen wie dem idealistischen Elemente gerecht zu werden 
suchte, so daß seine Lehre als Ideal-Realismus bezeichnet werden 
kann. Unsere Auffassung ist nach ihm durch die Sinnestätigkeit 
bedingt, mittels welcher das Sein der Dinge in unser Bewußtsein 
aufgenommen wird. Das Affiziert werden der Sinne als Bedingung 
der Erkenntnis, welches Kant inkonsequenterweise angenommen, 
Fichte vergeblich um der Konsequenz willen zu beseitigen ver- 
sucht hatte, reiht sich bei Schleiermacher in einer konsequenten 
Weise dem Ganzen seiner Doktrin ein, weil ihm Raum, Zeit und 
Kausalität nicht bloß Formen der im Bewußtsein des Subjekts 
allein vorhandenen Erscheinungswelt, sondern auch der dem Subjekt 
gegenüberstehenden und seine Erkenntnis bedingenden Realität 
selbst sind. In dem Denken, welches den Inhalt der äußeren und 
inneren Erfahrung verarbeitet, oder in der zu der ,, organischen 
Funktion" hinzutretenden ,, intellektuellen Funktion" findet 
Schleiermacher mit Kant die Spontaneität, welche im Menschen 
mit der Rezeptivität der Sinne vereinigt ist, oder das mit dem 
empirischen Faktor zusammenwirkende apriorische Erkenntnis- 
element. Durch eben diese Theorie der Erkenntnis überwindet 
Schleiermacher die aprioristische Einseitigkeit der Hegeischen 
Dialektik. Die Vielheit der nebeneinander bestehenden Objekte und 
nacheinander erfolgenden Prozesse schließt sich zu einer nicht 
etwa bloß von dem denkenden Subjekte hineingetragenen, sondern 
an und für sich realen, Objekt und Subjekt umfassenden Einheit 
zusammen. Vermöge der realen Einheit bildet das Mannigfaltige 
ein gegliedertes Ganzes. Die Totalität alles Existierenden ist die 
Welt; die Einheit des Weltganzen ist die Gottheit. 

Über die Gottheit sind uns nur entweder negative oder bild- 
liche, anthropomorphisierende Aussagen möglich. Jeder Teil der 
Welt steht mit den übrigen Teilen in Wechselwirkung, worin Wirken 
und Leiden vereinigt ist. An unser Wirken knüpft sich das Grefühl 



§ 9. Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher. 113 

unserer Freiheit; an unser Erleiden das Gefühl unserer Abhängig- 
keit. Dem Unendlichen gegenüber als der Einheit des Weltganzen 
besteht in uns das Gefühl der absoluten Abhängigkeit. In diesem 
Gefühle wurzelt die Religion. Schleiermacher ist der Begründer 
jener Auffassung, die das Wesen der Religiosität im Gefühl 
sucht. Wie die Wissenschaft das Produkt des Denkens, das Sitt- 
liche das Gebiet des Willens darstellt, gehört sie der dritten Seite 
des Menschen, der emotionalen, an und besitzt einen selbständigen 
Wert neben und außer der Moralität, in die sie nicht auflösbar ist. 
Die religiösen Vorstellungen und Sätze sind lediglich Darstellungs- 
weisen des religiösen Gefühls und als solche von der wissenschaft- 
lichen Betrachtung, welche die objektive Wirklichkeit im Bewußt- 
sein des Subjekts zu reproduzieren strebt, spezifisch verschieden. 
Die Dogmen in PhUosopheme umwandeln wollen oder in der Theo- 
logie philosophieren, heißt die Grenzen beider Gebiete verkennen. 
Weder soll die Philosophie zu der Theologie, noch diese zu jener 
in dem Verhältnis der Dienstbarkeit stehen; jede ist frei in den 
Grenzen ihres Gebietes. Schleiermacher hat neben der bei ihm 
die Gotteslehre in sich mitbegreifenden Dialektik die christliche 
Glaubenslehre, neben der philosophischen Ethik die christliche 
Ethik bearbeitet. 

Die Einseitigkeit des Kantischen Pflichtbegriffs, der dem All- 
gemeinen das Individuelle opfert, sucht Schleiermacher durch eine 
Ethik zu überwinden, welche die Bedeutung und das Recht der 
Individualität wahrt. Schleiermacher begründet eine indivi- 
dualistische Ethik. Jedes Individuum soll das Wesen des Mensch- 
lichen in einer individuellen Gestalt zur Darstellung bringen (Ver- 
wandtschaft mit der Romantik und W. v. Humboldt). In den 
Vertr. Briefen über Schlegels Lucinde bekämpfte er femer die Ent- 
gegensetzung von Geist und Sinnlichkeit und forderte ihre har- 
monische Einheit. Seine Ethik ist zugleich Güterlehre, Tugend- 
lehre und Pflichtenlehre; doch liegt das Hauptgewicht auf der 
ersten. Er verbindet so die antiken sittlichen Anschauungen mit 
neueren. In dem höchsten Gute als der obersten Einheit des Realen 
und Idealen findet Schleiermacher das sittliche Ziel, in der Pflicht 
das Gesetz der Bewegung zu diesem Ziele hin, in der Tugend die 
bewegende Kraft. Vorwiegend trägt Schleiermachers Darstellimg 
der Ethik den Charakter der Güterlehre. 

Die Art, wie Schleiermacher den Gegensatz und die Einheit 
des Realen imd Idealen in Natur und Geist näher bestimmt ist 
zumeist durch Schellings Identitätsphilosophie bedingt. 

Ueberweg, Grundriü IV, g 



114 § 9. Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher. 

Die bei weitem größte Wirkung hat Schleiermacher auf reli- 
gionsphilosophischem Gebiet geübt, obwohl seine Bedeutung 
nicht auf dieses beschränkt, sondern namentlich auch auf ethischem 
eine hervorragende ist. Die Wirkung auf andern Gebieten hat da- 
durch eine Einbuße erfahren, daß er großenteils zusammenfassend 
seine Gedanken nur in Vorlesungen entwickelt hat imd diese erst 
nach seinem Tode in meist unzureichender Gestalt veröffentlicht 
worden sind. — Die beiden einflußreichsten Werke sind die Reden 
über die Religion und die christliche Glaubenslehre gewesen, jene in 
Hinsicht auf die religiöse Wirkung auf die Gresellschaft imdauf religions- 
pbilosophischem Gebiet, diese innerhalb der protestantischen Theologie. 

Schleiermachers Schriften (die wichtigsten). [Das oft als älteste 
Schrift Sclil.s bezeichnete, anonym erscliienene Buch: Über Offenbarung 
lind Mythologie, Berl. 1799, ist von Grolmaann; s. H. Mulert, D. angeblich 
älteste Schrift Schl.s, in: Theol. Studien u. Kritiken, 1919, 2. H.] Über die 
Religion, Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern, Berl. 1799, 
2. Ausg. 1806, nicht unbedeutend erweitert u. auch sonst von der ersten Ausg. 
abweichend, 3. A. 1821, mit beträchtlichen Zusätzen am Schluß der einzekieu 
Reden, lun Mißverständnissen zu begegnen, 4. Aufl. 1831 u. ö., die, in die ge- 
sammelten WW. aufgenommen, auch Einzelausgaben zugrunde liegt. Eine 
kritische Ausg. mit Zugrundelegung des Textes der ersten Auflage ist be- 
sorgt von G. Ch. Bernh. Pünjer, Bramischw. 1879. Andere Ausgaben: hg. 
V. Karl Schwarz, Lpz. 1868 (Bibl.d. Deutsch. XationaUit.); vonS. Loixunatzsch, 
Gotha 1888; Halle 1889 (Bibl. Hendel); Lpz. 1891 (Meyer) ; Berl. 1912 (Deutsche 
Bibl.), hg. V.O.Braun, unveränderter Neudruck Lpz. 1920. Inilirer urspr. Grestalt 
(1. Aufl.) hg. V. Rvid. Otto, Götting. 1899, 3. A. mit einer Beigabe von de 
Wette, Götting. 1913, 4. A. 1920. Ins Englische übers, v. Jolin Oman, Lond. 
1894. Üb. d. Bildg. z. Relig., Separatausg. Jena 1916. (Flugbl. Nr. 14). Mo- 
nologen, eine Neujalirsgabe, Berl. 1800, 5. A. 1836 u. ö., weitere Ausgaben: 
hg. V. Karl Schwarz, Lpz. 1868 (Bibl. d. Deutsch. XationaUit.); Berl. 1868 
(Ph. Bibl.); Bremen 1870. Lpz. 1874 (Reclam), Halle 1888. Kritische Ausgabe. 
Mit Einl., Bibliogr. u. Lidex von Friedr. Mich. Scliiele, Lpz. 1902 (Ph. Bibl.), 

2. Aufl. hg. v. H. Miüert 1914. Franz., Geneve 1837, 2. A. 1864. Monologen, 
Weihnachtsfeier, Berl. 1914 (Deutsche Bibl.). Jugend u. Alter (a. Monologen), 
Jena 1915 (Flugblätter Nr. .3). Vertraute Briefe üb. F. Schlegels Lucmde 
(anonym), Lpz. 1800; Lpz. 1907. Jena 1907, Hamb. 1835, Weimar 
1920 (Nach Henriette Herz — Ilar Leben u. ilire Eriiuierungen, hg. 
V. J. Fürst, Berl. 1850, S. 112 — sind einige dieser Briefe nicht von Schi., 
sondern von Eleonore Grunow). D. Weilmachtsfeier, Halle 1806, 2. A. Berl. 
1827, Lpz. o. J. (Reclam); hg. v. Mulert. Lpz. 1908. Grundlinien einer 
Kritik der bisherigen Sittenlehre, Berl. 1803, 2. A. 1834, hg. v. Kirch- 
mann, Berl. 1870 (Ph. Bibl.), Krit. Ausg. (Ph. Bibl.). Lpz. 1908. Gelegentliche 
Gedanken über Universitäten im deutschen Sinn, Berl. 1808; hg. v: Ed. Spranger 
Lpz. 1910, 2. A. 1919 (Ph. Bibl.), hg. v. O. Braun, Lpz. 1911. Kurze Darstellung 
d. theol. Studiums, Berl. 1811, 2. A. 1830, Halle 1895 (Hendel), Krit. Ausg. 
V. Heinr. Scholz, Lpz. 1910 ( Quellensclir. z. Gesch. d. Protest., H. 10). Piatos 
Werke, libers. v. Schi., 5 Bde., Berl. 1804-10; 2. A. in 6 Bdn. 1817-27, 

3. A. 1855ff. ; z. T. bei Reclam. Der christl. Glaube nach d. Grundsätzen 
der evang. Kirche im Zusammenhange dargestellt, 2 Bde., Berl., 1821—22, 2. um- 
gearb. A. 1830 — 31 u. ö., 6. A. 1884, anast. Neudr. Gotha (1919), neue unver- 
änd. Ausg. mit Schl.s zwei Sendschreiben über seine Glaubcnsl., Gotha 1889 
(Bibl. theol. Klassiker, Bd. 13-16). Halle o. J. (Hendel), Krit. Ausg. v. Carl 
Stange. 1. Abt., Lpz. 1910. Schl.s Sendschreiben über seine Glaubenslelire, 
hg. V. H. :\Iulert, Gießen 1908. Vgl. femer die aus dem Nachlaß herausgege- 
benen Werke in der Gesamtausgabe und an anderen Orten (s. u.). 



§ 9. Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher. 115 

The theology of Seh. A Condensed presentation o£ his chief work „The 
Christian Faith" by George Gross, Chicago 1911. 

Predigten: 1. Samml. Berl. 1801, 2. A. 1804; 2. Samml. 1808; 3. Samml. 
1814-21; 4. Samml. 1820, 2. A. 1826. Festpredigten 1826 u. 1833. Vater- 
ländische Predigten. Eine Auswahl a. Schl.s Predigten hg. v. Chr. Boeck, 
2 Bde., Berl. 19iyf. Zur Denkfeier der Augsb. Konf. 1831; fernere Sammlungen 
sind nach Schl.s Tode in den sämtl. Werken erschienen. Konfirmationsrede 
am 31. März 1831 . . . bei der Einsegnung des Fürsten Bisraarck gehalten, 
hg. V. Siegfr. Lommatzsch, Berl. 1895. Schl.s letzte Predigt, neu hg. v. Joh. 
Bauer, Marbg. 1905. 

Schleiermachers Werke sind in einer Gresamtausgabe in drei Ab- 
teilungen: I. Zur Theologie, II. Predigten, III. Zur Philosophie u. vermischte 
Schriften, Berl. 1835 — 64, z. T. mehrere Auflagen, herausgegeben worden. 
Eine erhebüche Anzahl von Werken ist dabei auf Grund von Schl.s hand- 
schriftlichem Naclilaß und Kollegheften seiner Schüler ediert worden. 

Es enthält I. Abteilung, Bd. I: Kurze Darstellg. des theol. Studiums; 
Ü. d. Reügion; D. Weihnachtsfeier. Bd. II: Ü. Lukas, 1. Brief Pauli an Timoth., 
Kolosser, Zeugnisse d. Papias. Ü. d. Lehre v. d. Erwählung, Sabellianische 
u. athanaB. Vorst. d. Trinität, Ü. s. Glaubenslehre (2 Sendschr. an Lücke). 
Bd. III und IV: Der christUche Glaube. Bd. V: Kleinere Schriften. Bd. VI: 
Das Leben Jesu. Vorles. an d. Univ. Berlin i. J. 1832 gehalten. A. Sch.s Nach- 
laß u. Nachschriften s. Zuhörer, hg. v. K. A. Rüt^nik. Bd. VII : Hermeneutik 
u. Kritik mit bes. Beziehung auf das N. T. Aus Schl.s Nachlaß u. nach- 
geschrieb. Vorlesungen, hg. v. Friedr. Lücke. Bd. VIII: Einl. ins Neue Testa- 
ment. A. Schl.s Nachl. u. nachgeschr. Vorles., hg. v. F. Lücke. Bd. IX u. X 
erschienen nicht. Bd. XI: Gesch. d. christl. Kirche. A. Schl.s Nachl. u. nach- 
geschr. Vorles., hg. von F. Bonneil. Bd. XII: Die christl. Sitte nach den Grund- 
sätzen der evang. Kirche im Zusammenhange dargestellt. A. Schl.s Nachl. 
u. nachgeschr. Vorles., hg. v. L. Jonas (2. A. 1884). Bd. XIII: Die praktische 
Theologie nach den Gnindsätzen der evang. Kirche im Zusammenhange dar- 
gestellt. Aus Schl.s Nachl. u. nachgeschr. Vorles., hg. v. Jac. Frerichs. 

In neuer Ausgabe erschien: Christhche Sittenlehre, 2 Bde., Gotha 1891 
(Bibl. theol. Klassiker, Bd. 37 u. 38). 

II. Abteilung: Predigten. Bd. I — IV sind Neuausgaben schon zuvor 
gedruckter Predigten, Bd. V — X vmgedruckte. Bd. I: 1. bis 4. Sammlung 
Bd. II: 5.-7. Samml. Bd. III: 1831-33. Bd. IV: Samml. an verschied. 
Orten zerstreut zuvor erschienener Predigten. Bd. V u. VI: Pred. üb. d. Ev. 
Marci u. d. Brief Pauli an d. Kolosser. Bd. VII: 1789-1810. Bd. VIII: Ho- 
mihen ü. d. Ev. Joh. 1823-24. Bd. IX: desgl. 1825-26. Bd. X: Predigten 
a. d. J. 1820-23. 

ni. Abteilung: Bd. I: Grundlinien einer Kritik d. bisher. Sittenlehre; 
Monologen; Vertraute Briefe üb. F. Schlegels Lucinde; A. d. Athenäum; 
Gedanken üb. L'niversitäten im deutschen Sinne usw.; An Sclimalz; U. Hein- 
dorf u. Wolf. Bd. U: Philos. u. verm. Schriften. Bd. III: Reden u. Abh. 
d. k. Akad. d. Wiss., aus Schl.s handschr. Nachl., hg. von L. Jonas. Bd. IV. 
1: Gesch. der Phil., hg. v. H. Ritter. Bd. IV. 2: Dialektik, hg. von L. Jonas. 
Bd. V: Entwurf e. Sj^stems der Sittenlehre, hg. von A. Schweizer. Bd. VI: 
Psychol., hg. von L. George. Bd. VII: Ästhetik, hg. von S. Lommatzsch. 
Bd. VIII : Die Lehre vom Staat, hg. von Chr. A. Brandis. Bd. IX : Erziehxmgs- 
lehre, hg. von C. Platz. 

In neuen Ausgaben erschienen: Grundriß d. philos. Ethik (= Gnmd- 
linien der Sittenlehre), neuer Abdruck besorgt v. F. M. Schiele, Lpz. 1911 
(Ph. Bibl.), Erziehimgslehre, Langensalza (Bibl. päd. Klass.), 3. A. 1902, 
Dialektik, neue krit. Ausg. v. J. Halpem, Berl. 1903 (mit wertvoller Einl.). 
Diu-ch diese Ausgabe ist die in der Gesamtausgabe enthaltene ältere Edition 
dtirch Jonas antiquiert. — S. auch oben. 

Hinzti kommen als Ergänzungen zur Gesamtausgabe Stücke a. d. Nach- 
laß bei Dilthey, Leben Schl.s I. Berl. 1870. Amtliche Schriftstücke SchLs 
sind veröffentUcht bei M. Lenz, Gesch. d. Univ. BerUn, Halle 1910, Bd. JV. 
Ungedruckte Predigtentwürfe bei Joh. Bauer, Schi, als patriot. Prediger 
(Studien z. Gesch. d. n. Protest. H. 4) 1908. Ungedruckte Predigten a. d. 

8* ' 



116 § 9. Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher. 

J. 1820—28. Mit Einl. u. e. Anh. iingedr. Briefe von Sclil. u. Henriette Herz, 
hg. V. Joh. Bauer. Lpz. 1909. Idee zu e. Katechismus für edle Frauen, Berl. 
1906, Jena 1920 (zuerst im Anh. v. Dilthey, Leben Schis., Bd. I). ^Nachweis 
über nachgelassene Manuskripte resp. Briefe, Kant-Studien, XVII, S. 115. 

Über den Briefwechse 1 Schleiermachers, der über sein Leben u. s. 
persönlichen Beziehungen den treuesten Aufschluß gibt, ist zu bemerken: 
Die Briefe von und an J. Chr. Gass hat dessen Sohn W. Gass unter Beifügung 
einer biograph. Vorrede, Berl. 1852, herausgegeben. Den gesamten Schl.schen 
Briefwechsel, soweit derselbe sich erhalten hat und von allgemeinerem Interesse 
ist, hat Ldw. Jonas und nach dessen Tode Wilh. Dilthey hg. unter dem Titel: 
Aus Schl.s Leben, in Briefen. Bd. I: Von Schl.s Kindheit bis zu seiner An- 
stelhmg in Halle, Oktober 1804, Berl. 1858, 2. A. 1860. Bd. II: Bis an sein 
Lebensende, den 12. Febr. 1834, ebd. 1858, 2. A. 1860. Bd. III: Schl.s Brief- 
wechsel mit Freunden bis zu s. Übersiedelung nach Halle, namentlich Friedr. 
u. Aug. Wilh. Schlegel, ebd. 1861. Bd. IV: Schl.s Briefe an Brinkmann, Brief- 
wechsel mit s. Freunden von 1806 — 34, Denkscliriften, Dialog üb. das 
Anständige, Rezensionen, ebd. 1863. Eine ki.u"ze, bis zum April 1794 reichende 
Selbstbiographie Schl.s ist in Bd. I, S. 3—16 abgedruckt. — Engl. v. F. Reivan, 
2 Bde., Lond. 1860. Schl.s Briefe an die Grafen zu Dohna, hg. v. J. L. Jacobi, 
Halle 1887. Schl.s Briefe, Ausw., hg. v. Martin Rade, Jena 1906. W. Dilthey, 
Drei Briefe Schl.s an Gass. In ,, Literarische Mitteilungen", Festsclirift ziun 
zehnjähr. Bestehen der Literatur -Archiv -Gesellschaft in Berlin 1901. Zwei 
neue Schl.-Briefe, mitget. v. W. Wendland. Christi. Welt 1916 Xr. 20. Sclil.s 
Briefwechsel mit s. Braut, hg. v. Heinr. Meisner. Mit 2 Jugendbildn. Schl.s, 
2. A. Gotha (1919). 

1910-1.3 (Lpz.) erschien eine Auswahl von Schleiermachers Werken 
in 4 Bden. ]Mit Geleitwort von A. Domer, hg. u. eingel. v. Otto Braun (Die 
Predigten, hg. von Joh. Bauer, Lpz.). Es enthalten: Bd. I: Geleitwort v. A. 
Dorner. AUg. Einl. v. O. Brauji. *Kritik der Sittenlehre. *Akademieabhandl. 
Register. Bd. II : Schl.s Entwürfe zu e. System der Sittenlehre. Nach den Hand- 
schriften des Berliner Literaturarchivs zum l.'Mal hg. v. O. Braun. Inlialt: 
Aus Schl.s Tagebuch. (Hg. von H. Nolil.) Vers, einer Theorie des geselligen 
Betragens. Tugendlehre 1804/05. Brouillon zur Ethik 1805/06. Etlük 1812/13 
(Einl. u. Güterlehre). Ethik 1812/13 (Tugend- u. PfUcht^nlelire). Ethik 1814/16 
(Einl. u. Güterlehre I); Ethik 1814/16 (PfUchtenlehre). Etlük 1816 (Einl. 
u. Güterlehre I). Register. Bd. III: Auswahlen aus Dialektik, Chr. Sitte, 
Lehre vom Staat, Chr. Glaube. *Predigten üb. d. Hausstand (mit Einl. u. 
Anm. V. Bauer). Reg. Bd. IV: Auswahlen aus: Psychologie. Vorles. üb. Ästhetik, 
Hermeneutik. *Reden ü. d. Religion. *Monologen. Weihnachtsf. ♦Universi- 
täten i. deutsch. Sinne. Register. (Die mit * bezeichneten Schriften sind 
auch einzeln erschienen.) 

Philos. u. verm. Schriften, 2 Bde., Berl. 1838 — 46. Pädag. Schriften, 
hg. V. C. Platz, Langensalza, 2. A. 1876. 3. A. 1902 (Beyers Bibl. päd. Klassiker, 
Bd. 5). Kleinere theol. Schriften, 2 Teüe, Gotha 1893 (Bibl. theol. Klassiker. 
Bd. 47 u. 48). 

Anthologien: Auszüge, Meyers Groschenbibl., New York um 1852. 
Schl.s christliche Lebensanschauungen, Weimar 1846. Eine kurze, zur Ein- 
fülirung in Schleiermachers Gedankenkreis sehr geeignete Sclirift: Ideen, 
Reflexionen u. Betrachtungen aus Schl.s Werken, hg. v. L. v. Lancizolle, 
Berl. 1854, vgl. auch E. Maier, Fr. Schi., Lichtstralilen avis seinen Briefen 
u. sämtl. Werkeia, Lpz. 1875. Stunden d. Weihe u. Sammig. v. Aussprüchen 
Schl.s, hg. V. E. Rudorff, Berl. 1870. Schi., E. Auswahl a. s. Predigten, Reden 
u. Briefen, zusammengest. u. eingel. v. Curt Stage, Berl. 1893 (Relig. Volks- 
bibl., H. 1). Fr. Schi., Harmonie, hg. v. Herm. Mulert, Jena 1906. Schi., 
Über Freundschaft, Liebe u. Ehe. E. Ausw. suis Schl.s Briefen, Schriften 
und Reden v. Albr. Saathoff, Halle 1909 (Hendels Bibl.). Üb. d. Bildg. z. 
Relig. (Anf.d. 3. Rede üb. Relig.), Jena, Diederichs, 1916 (Flugblätter H. 14). 

Schleiermachers Leben. Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher, 
Sohn eines reformierten Geistlichen, geb. zu Breslau am 21. November 1768, 
^^•urde seit 1783 innerhalb der Hermhuter Brüdergemeinde im Pädagogium 



§ 9. Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher. 117 

zu Niesky (Frühj. 1783 bis Herbst 1785) erzogen. Die Glaubensform der Brüder- 
gemeinde gewann auf Schleiermachers Gemütsrichtung den tiefsten Einfluß, 
welcher seine Macht auch dann noch behauptete, als er (seitdem 18. Lebens- 
jahr) der dogmatisch-positiven Form der Religiosität (Glauben an die Gottheit 
Christi und seinen stellvertretenden Tod usw.) entsagte imd (1787) aus dem 
Seminar der Brüdergemeinde austrat. Nachdem er in Halle, wo er sich bereits 
in selbständigen Abhandlungen über die Religion (Mskr. verloren) und das 
höchste Gut (vorh.) versuchte \md auch eine Übersetzung von Aristoteles' 
Nikom. Ethik begann, das theologische Studium absolviert und sich dann 
ein Jahr lang (1789/90) in Dressen aufgehalten hatte (dort entstanden eine 
Rhapsodie über die Freiheit des Willens imd eine Schrift über den Wert des 
Lebens), bekleidete er (Okt. 1790 bis Mai 1793) eine Hauslehrerstelle in der 
Familie des Grafen Dohna-Schlobitten, trat bald danach in das Seminar 
für gelehrte Schulen zu Berlin, welches G^dike leitete, ein und war 1794 — 96 
Hilfsprediger zu Landsberg a. d. Warthe (wo die Predigten Bd. VII entstanden). 
1796 -wurde er Prediger an der Charite in Berlin. Er gewann zahlreiche per- 
sönliche Beziehungen, insbesondere auch zu Frauen. Reger geistiger Ver- 
kehr mit solchen ist Schleiermacher stets ein lebhaftes Bedürfnis gewesen, 
tun so mehr, als er sich von ihnen besser verstanden fühlte als von Männern, 
In besonders regem xxnd innigem Gedankenaustausch stand er mit Henriette 
Herz, der schönen und hochbegabten Frau von Marcus Herz, in deren Haus 
er viel aus- lond einging. Hier lernte er 1797 Frdr. Schlegel kennen, der von 
Jena nach Berlin übergesiedelt war. Bald verband ihn mit diesem innige 
Freundschaft, die für ihn bedeutsam wurde, indem er durch Schlegel in den 
Kreis der Romantiker eingeführt wurde. Schlegel siedelte sogar zu Schleier- 
macher in die Charite über. 1798 — 1800 entstanden u. a. die Monologen imd 
die Reden über dieReügion. Auch beteiligte sich Schleier macher an Fr. Schlegels 
Fragmenten im Athenäum (1798, I, 2). Ebenso trat er 1800 in den anonym 
erschienenen, einen Briefwechsel mit Frauen fingierenden, Vertrauten Briefen 
über Schlegels Lucinde halböffentHch für den Freimd ein. Diese enge per- 
sönliche Verbindung mit dem kompromittierten Romantiker, die Wirlomg 
der Reden über die Religion, endlich die persönhchen, wenn auch rein seehschen 
Beziehvmgen zu Eleonore Grunow, der Frau eines Amtsgenossen, führten 
dazu, daß auch Sclileiermacher 1802 seine Stellung in Berlin aufgeben mußte. 
Er ging als Hofprediger nach Stolpe, wo er, entfernt von regelmäßigem geistigen 
Verkehr, sich sehr vereinsamt und unglücklich fühlte. Damals begann er 
seine Platoübersetzimg, deren Plan schon in Berlin entstanden war. Ebenso 
schrieb er seine Kritik der Sittenlehre (1803). Ein an ihn ergangener Ruf 
nach Würzburg führte dazu, daß er 1804 außerordentlicher Professor der Theo- 
logie und Philosophie in Halle wurde, wo er sich in seinem Bervife, wie im Ver- 
kehr mit Henrik Steffens luid in dem Hause von dessen Schwiegervater, dem 
Kapellmeister Reichardt, glückhch pries. 1806 wurde er Ordinarivis. Seine 
Vorlesungen brachten ihm \'iel philosophische (ethische) wie theologische 
Fördertuig. Zugleich führte er seine Platoübersetzung fort. An selbständigen 
Schriften entstanden: Die Weihnachtsfeier tmd ein Sendschreiben an Gass 
über den ersten Timotheusbrief, durch welches Schleiermacher sich einen 
bedeutenden Ruf als Theologe erwarb. Seit 1807 lebte Schleiermacher, da 
die Universität Halle infolge der Kriegsereignisse geschlossen werden war, 
in Berlin, mit seiner Platoübersetzung imd Arbeiten z\ir Geschichte der grie- 



118 § 9. Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher. 

chischen Philosophie beschäftigt \xnd zugleich an seinem Teil neben Fichte 
und anderen patriotisch gesinnten Männern an der Kräftigung der Gemüter 
zum Zweck einer künftigen Befreiiing des Vaterlandes von der Fremdherr- 
schaft mitwirkend, seit 1809 als hochbedeutender vind einflußreicher Prediger 
an der Dreifaltigkeitskirche. Im selben Jahr verheiratete er sich mit der ver- 
witweten Frau Henriette Willich. Bei der Gründling der Berliner Universität 
(1810) erhielt er an derselben eine ordentliche Professur der Theologie, die er 
bis zu seinem Tode, 12. Februar 1834, bekleidet hat. Er hielt neben den theo- 
logischen Vorlesungen auch philosophische, in denen sich sein System voll- 
endete. (Sie sind erst nach seinem Tode in meist mangelhafter Weise heraus- 
gegeben worden.) 1811 erschien als Kompendiiun seiner Vorlesvingen eine 
theologische Enzyklopädie, die seine neue Auffassung der Theologie vertretende 
,, Kurze Darstellim^g des theologischen Studiums". Auch wurde er Mitglied 
der Akademie der Wissenschaften, der er eine Reihe von Anregungen für 
Unternehmungen auf dem Gebiet der griechisch-römischen Pliilosophie ge- 
geben hat, die Jalirzehnte hindurch fortgegangen sind. 

Im Jahre 1817 war er Präses der zu Berlin versammelten Synode, welche 
über die Union der lutherischen Tind reformierten Kirche beriet. Der Geist, 
in welchem Schleiermacher für die Union als eine freie, jede dem Geiste des 
Protestantismus gemäße Weise der Lelire und des Kultus dem Gewissen der 
einzelnen Prediger vmd Gemeinden anheimgebende Vereinigung wirkte, war 
von der strengeren, an festere Normen gesetzlich bindenden Weise, in welcher 
später das Unionswerk durchgeführt wurde, prinzipiell verschieden. Schleier- 
machers Warnung an den Minister von Altenstein, derselbe möge es dahin 
nicht kommen lassen, daß die Geschichte seinen Namen mit der Depravation 
der Unionsidee verknüpfe, vermochte nicht, diesen von der betretenen Bahn 
abzvüenken, sondern wiu^de niu" als eine persönhche Beleidigung aufgenommen. 
Schleiermacher hat teils infolge dieses Konflikts, teils und schon früher in- 
folge seiner auf eine kirchliche Repräsentativverfassving gerichteten Tätigkeit 
fernerhin fast ebenso andauernd die Ungunst der Regierung erfahren, 
wie Hegel sich ihrer Gxinst und wirksamer Fördenmg seines Einflusses erfreute ; 
erst in seinen letzten Lebensjahren milderte sich die Spannung durch gegen- 
seitiges Entgegenkommen. 1821 — 22 erschien Schleiermachers theologisches 
Hauptwerk, die Christliche Glaubenslehre, die seine Umgestaltung der ge- 
samten Theologie vollendete. Als Prediger, Universitätslehrer vmd Schrift- 
steller hat Schleiermacher eine äußerst reiche iind segensvolle Tätigkeit geübt; 
auf dem Gebiete der Theologie, Philosophie und Altertumsforschung hat er, 
vielseitig anregend, neue Bahnen eröffnend gewirkt. 

,, Eigenart und Erziehung ordneten in Schleiermacher eine seltene Denk- 
kraft und das Vermögen künstlerischen Gestaltens dem Willen unter, das 
seelische Innere menschlich befriedigend und darum auch religiös zu gestalten. 
Hierdurch ist er innerhalb der großen transzendental-philosophischen Bewegung 
Deutschlands als Theolog, Philosoph vmd Altertumsforscher ein bedeutsames, 
ursprünglich wirkendes Element geworden, dessen Einfluß heute in England, 
dem europäischen Norden und Amerika so gut als bei uns wirkt. Indem er 
die seinem Zeitalter zugänglichen religiösen Erfahrxmgen unter dem kritischen 
Gesichtspunkt der Transzendentalphilosophie auffaßte, analysierte und dog- 
matisch, ethisch, kirchlich-praktisch darstellte, wurde er der Reformator 
der Theologie des Protestantismus. Die nachfolgenden Formationen dieser 



§ 9. Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher. 119 

Theologie haben die religiösen Erfahrungen vielseitiger lond massiver erfaßt, 
sie haben den von Kant und Schleiermacher eingenommenen kritischen Stand- 
punkt in der Theologie entschiedener durchgebildet: aber sie vermochten 
nicht, diese seine ganze Position zu erschüttern." (Dilthey, in: Allg. deutsche 
Biogr., Bd. 31, 1890, S. 422.) 

Schleiermachers Philosophie nach seinen Hauptschriften. Die 
Entwicklungsgeschichte Schleiermachers bis zum Jahre 1802 ist von Dilthey 
in seinem Leben Schleiermachers, Berlin 1875, auf Grund des Nachlasses 
in klassischer Weise beschrieben worden*). In der literarischen Produktion 
Schleiermachers sind nach Dilthey vier Epochen zu unterscheiden: 1. Jugend- 
zeit: eingedruckte Maniiskripte, von Dilthey a. a. O. teilweise veröffentlicht; 
2. Intuitive Epoche, 1796—1802: Reden über die ReUgion, Monologen, Briefe 
über Lucinde, Rezensionen im 4. Bd. der Briefe; 3. Kritische Epoche, 1802 
bis 1806: Elritik der Sittenlehre, Platoübersetzung ; 4. Systematische Periode, 
1806 — 34: Weihnachtsfeier, Chr. Glaube, theol.-krit. Schriften, Heraklit, 
Akademieabhandhmgen ; dazu die posthum veröffenthchten Vorlesungen. 
Der geistige Entwicklungsgang Schleiermachers ist kontinuierUcher Xatiir, 
die Hauptrichtungen seines Denkens traten früh hervor und erhielten sich. 
Früh mit der Kantischen Philosophie vertraut (jedoch durch einen Gtegner 
und Vertreter des Rationalismus, Eberhardt, in sie eingeführt), insbesondere 
während des Jahrzehnts 1786 — 96 mit dem Studiiun und der Kritik derselben 
eifrig beschäftigt, später auch auf Fichtes und Schellings Spekulationen ein- 
gehend, mit Jacobis Philosophie schon 1787, mit Spinozas Doktrin zuerst 
aus Jacobis Darstellung, dann (spätestens 1799) auch aus Spinozas eigenen 
Schriften bekannt geworden, danach auch für Piaton und ältere Philosophen 
und schon früh, aber in weit geringerem Maße, für Aristoteles sich interessierend, 
bildete er zuerst vorwiegend in der Kritik fremder Systeme, allmählich aber 
mehr und mehr auch konstruktiv seinen philosophischen Gedankenkreis 
aus. Von Piaton sagt er selbst: ,,Es gibt keinen Schriftsteller, der so auf mich 
gewirkt vmd mich so in das Allerheiligste nicht nur der Philosophie, sondern 
auch des Menschen überhaupt eingeweiht hätte als dieser göttliche Mann." 

Gleich sehr beseelt von tiefem religiösem Gefühl, wie durchdnuigen 
von dem Ernste der Wissenschaft, verfolgt Schleiermacher in allen seinen Werken 
die Tendenz, an der Lösung der Aufgabe mitzuarbeiten, die er als das Ziel 
der Reformation und insbesondere als Bedürfnis der Gegenwart, d. h. seiner 
Zeit bezeichnet: ,, einen ewigen Vertrag zu stiften zwischen dem lebendigen 
christlichen Glauben vmd der nach allen Seiten freigelassenen, unabhängig 
für sich arbeitenden wissenschaftUchen Forschung, so daß jener diese nicht 
hindere und diese nicht jenen ausschheße". 

Bereits die Reden über die Religion (1. Rede: Rechtfertigimg; 
2. über das Wesen der ReUgion ; 3. über die Bildung zur Religion ; 4. über das 
Gesellige in der ReUgion oder über Kirche und Priestertum; 5. über die ReU- 
gionen) bedeuten einen vollständigen Bruch mit der dogmatischen Form 
der Religiosität. Die dogmatischen Systeme sind gar nicht das Wesen der 
ReUgiositä-t, sie sind ..Kunstwerke des berechnenden Verstandes", die Heroen 
der ReUgion haben keine solchen Systeme geschaffen. „Nvir einzelne erhabene 
Gedanken durchzuckten ihre von einem ätherischen Feuer sich entzündende 



*) Der zweite Band, mit dem Dilthey bis ans Ende seines Lebens be- 
schäftigt war, ist von ihm nicht abgesclilossen worden. 



120 C 9. Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher. 

Seele tind der magische Donner einer zauberischen Rede begleitete ihre hohe 
Erscheinung und verkündete den anbetenden Sterblichen, daß die Gottheit 
gesprochen habe." Diese frommen Erhebungen müssen betrachtet werden, 
wenn man erfahren will, was Religion ist. Das Ergebnis einer solchen Ver- 
senkung in das Innere des Frommen ist, daß die Religion eine selbständige 
seelische Funktion des Älenschen ist. Die Religion ist kein Handeln, sie er- 
schöpft sich nicht in Moralität, denn auch der Nichtreligiöse kann moralisch 
sein. Sie ist auch kein Wissen. ,,Das Maß des Wissens ist nicht das Maß der 
Frönunigkeit. " Die Religion ist vielmehr etwas Besonderes, ,,das unmittel- 
bare Bewußtsein von dem allgemeinen Sein alles Endlichen im Unendlichen 
und durch das Unendliche, alles Zeitlichen im Ewigen und dxirch das Ewige. 
Dieses Suchen und Finden in allem, was lebt und sich regt, in allem Werden 
tmd Wechsel, in allem Tun und Leiden, \ind das Leben selbst im unmittel- 
baren Gefühl nur haben und kennen als dieses Sein, das ist Religion". Mit 
diesem Gefühl der Einheit mit dem Unendlichen verbindet sich das der s c h 1 e c ht- 
hinnigen Abhängigkeit von ihm. ,, Wenn der Mensch nicht in der unmittel- 
baren Einheit der Anschauxmg und des Gefühls Eins wird mit dem Ewigen, 
bleibt er in der abgeleiteten des Bewußtseins ewig getrennt von ihm. Darum, 
wie soll es werden mit der höchsten Äußerung der Spekulation unserer Tage, 
dem vollendeten gerundeten Idealismus, wenn er sich nicht wieder in diese 
Einheit versenkt, daß die Demut der Religion seinen Stolz einen andern Realis- 
mus ahnen lasse als den, welchen er so kühn und mit so vollem Rechte sich 
unterordnet ? Er wird das Universuna vernichten, indem er es bilden zu wollen 
scheint, er wird es herabwürdigen zu einer bloßen Allegorie, zu einem nichtigen 
Schattenbilde der einseitigen Beschränktheit seines leeren Bewußtseins. 
Opfert mit mir ehrerbietig eine Locke den Manen des heiligen verstoßenen 
Spinoza! Ihn durchdrang der hohe Weltgeist, das Unendliche war sein An- 
fang und sein Ende, das Universum seine einzige und ewige Liebe; in heiliger 
Unschuld iind tiefer Demut spiegelte er sich in der ewigen Welt und sah zu, 
wie auch er ihr liebenswürdigster Spiegel war; voller Religion war er und voll 
heiligen Geistes, und darvim steht er auch da allein und unerreicht, Meister 
in seiner Kunst, aber erhaben über die profane Zunft, ohne Jünger und ohne 
Bürgerrecht." 

Die Wissenschaft ist das Sein der Dinge in der menschlichen Vernunft; 
die Kunst und die Bildung zur Praxis ist das Sein unserer Vernunft in den 
Dingen, denen sie Maß, Gestalt und Ordnimg gibt; die Religion ist das not- 
wendige und unentbehrliche Dritte zu jenen beiden. An sich treibt die Religion 
den Menschen nicht zu besonderen Handlungen an. Aber mit ihr können 
L^nsittlichkeit und Dünkelwissen nicht bestehen. Sie erzeugt nicht, sondern 
sie begleitet das Wissen und das sittliche Handeln. Wie eine heilige Musik 
soll sie das tätige Leben begleiten. — Alle Förderung echter Kunst und Wissen- 
schaft ist auch Bildung zur Religion. Wahre Wissenschaft ist vollendete 
Anschauung, wahre Praxis ist selbsterze\agte Bildung und Kunst, wahre Reli- 
gion ist Sinn und Geschmack für das U^nendliche. Eine von jenen haben wollen 
ohne diese, oder sich dünken lassen, man habe sie so, ist frevelnder Irrtum. 
Das Universum ist in einer ununterbrochenen Tätigkeit und offenbart sich 
uns in jedem Augenblick, und in diesen Einwirkungen und dem, was dadixrch 
in uns wird, alles einzehie nicht für sich, sondern als einen Teil des Ganzen, 
als eine Darstellung des Unendlichen in unser Leben aufnehmen und uns davon 



§ 9. Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher. 121 

bewegen lassen, das ist Religion. Über die persönliche Unsterblichkeit spricht 
eich Schleiemiacher hier mehr in negativem Sinne aus, wenn auch später 
hinzugefügte Erläuterungen dies in Abrede stellen. Ziel und Charakter eines 
religiösen Lebens ist nicht die Unsterblichkeit außer und hinter der Zeit, 
oder vielmehr nvu* nach dieser Zeit, aber doch in der Zeit, sondern die Unsterb- 
lichkeit, die wir schon in diesem zeitlichen Leben unmittelbar haben können, 
und die eine Aufgabe ist, in deren Lösung wir immerfort begriffen sind:,, Mitten 
in der Endlichkeit eins werden mit dem Unendlichen und ewig sein in jedem 
Augenblick, das ist die Unsterblichkeit der Religion." 

Das Verhältnis der Religion zu den dogmatischen Systemen wird von 
Schleiermacher in ganz neuer Weise dahin bestimmt, daß dieselben lediglich 
Reflexion über die Religion sind. Sie stellen nach ihm einen Versuch dar, 
die religiösen Gefühlserlebnisse in Worten auszusprechen. Es bedeutete diese 
Airffassiuig, mag sie haltbar oder nicht haltbar sein, eine vöUige Umkehrung 
der herrschenden Anschauungen und hatte eine vollständige Umgestaltung 
der protestantischen Dogmatik zur Folge. In der ,, Christlichen Glaubens- 
lehre" hat Schleiermacher sie selbst vorgenommen. 

Aus dieser Auffassung Schleiermachers ergibt sich ohne weiteres eine 
große Weitherzigkeit gegenüber der Vielheit der vorhandenen Religionen. 
Jede ist eine besondere Weise des religiösen Gefühls. ,, Jeder muß sich bewußt 
sein, daß seine Religion nur ein Teil des Ganzen ist, daß es über dieselben Ver- 
hältnisse, die ihn religiös affizieren, Ansichten Tind Empfindungen gibt, die 
ebenso fromm sind und doch von den seinen gänzlich verschieden, und daß 
andern Gestaltungen der Religion Wahrnehmungen und Gefühle gehören, 
für die ihm vielleicht gänzlich der Sinn fehlt." Die Aufgabe der Religions- 
philosophie ist ,,eine kritische Darstellung der verschiedenen gegebenen frommen 
Gemeinschaften, sofern sie in ihrer Gesamtheit die vollkommene Erscheinung 
der Frömmigkeit in der menschlichen Natur sind". Die Rangstufe und der 
Wert einer Religion bestimmen sich danach, wie das Universum aufgefaßt wird. 

Die drei Hauptstufen sind: 1. diejenige, axif welcher die Welt als Chaos 
erscheint und die Gottheit teils in der Form der Persönlichkeit als Fetisch, 
teils unpersönlich als blindes Geschick vorgestellt wird; 2. diejenige, auf welcher 
in dem Weltbewußtsein die bestimmte Vielheit der heterogenen Elemente 
und Kräfte hervortritt tmd das Gottesbewußtsein teils Polytheismus (bei 
den Griechen), teils Anerkennung der Naturnotwendigkeit (bei Lucrez) ist; 
3. diejenige, auf welcher das Sein sich als Totalität, als Einheit in der Vielheit 
oder als System darstellt und das Gottesbewußtsein teils die Form des ]Mono- 
theismus, teils des Pantheismus annimmt. Die höchste Form ist die letzte. 
Alle andern verhalten sich zu ihr als untergeordnete, von welchen dem Menschen 
bestimmt ist, zu den höheren überzugehen. Besonders ausgeführt wird von 
Schleiermacher der Vergleich zwischen Judentum und Christentum. Die 
Zentralanschauung des Judentums ist die Auffassung des ewigen WrJtens 
als Vergeltung. Das Christentum faßt dagegen dasselbe als Erlösung 
auf, als ein fortgehendes Emporführen der ins Verderben gesunkenen Welt 
durch immer vollkommenere Mitteilung des Heils in gottgesandten Per- 
sönlichkeiten. Das Christentum ist ..durch xind durch polemisch", w'eil es 
in der Welt überall Irreligöses aufdeckt und beseitigen will. Daher rührt 
auch die Grundstimmung des Clxristentums. die Schleiermacher als beständige 
Wehmut über den beständig gefühlten Mangel bestimmt. Die Bedeutung 



122 § 9. Friedrich Ernst Daniel Schleiennacher. 

Jesu liegt darin, daß ihm zuerst die Grundanschauung des Christentums 
von dem allgemeinen Verderben und der fortschreitenden Erlösung durch 
höhere Vermittlung aufgegangen ist. Durch die Anschauung und ilire Über- 
tragung auf andere wurde er der Stifter des Cliristentums, durch die IMitteilung 
der Kraft seiner Frömmigkeit der ,.]VIittler". Aber er war auch der Mittler 
sclilechthin. — Die Gemeinschaft derer, welche schon zur Frömmigkeit ge- 
reift sind, ist die wahre Kirche. Die Einzelkirchen sind das Bindemittel 
zwischen diesen Frommen und denen, welche die Frömmigkeit noch suchen. 
Der Unterschied zwischen Priestern und Laien darf nur ein relativer sein. 

Um der freien Entwicklungsmöglichkeit des reUgiösen Lebens willen 
fordert Schleier macher Trennung von Kirche und Staat. Die Möglichkeit 
einer Vergänglichkeit auch des Christentums wird von Schleiermacher zuge- 
geben. Doch sei in praxi nicht abzusehen, wie es untergehen sollte. Seine Auf- 
fassung von der Verderbtheit tuid Erlösungsbedürftigkeit der Welt wird sich 
kaum je als falsch erweisen, und auch das Erscheinen gottgesandter Persön- 
hchkeiten wird schwerUch jemals aufhören. Doch ist das Christentum keine 
ausschheßliche Universalreligion und verlangt es nicht zu sein. 

Wie die Religionsphilosophie Schleiermachers einen menschhch freien 
Geist atmet, so vertritt er auch auf etliischem Gebiet, in den Monologen 
(1. Betrachtung, 2. Prüfungen, 3. Weltansicht, 4. Aussicht, 5. Jugend imd Alter) 
einen individualistischen Standpunkt und wird somit in geA;\dssem Maße 
zum pliilosophischen Repräsentanten der Lebensanschauung der Romantiker. 
Jedes Individuum ist ein Ausdruck und Spiegel des Universums, vmd die höchste 
sittliche Aufgabe ist die Entwicklung und Darstellung eben dieser persönlichen 
Individualität. ,, Immer mehr zu werden, was* ich bin, das ist mein einziger 
Wille." Die Kantische Vernunftfordenmg der Unif ormität des Handelns, der 
kategorische Imperativ, gilt zwar auch Schleiermacher als eine achtbare Er- 
hebtmg über die unwürdige Eitelkeit des sinnlich-tierischen Lebens, aber 
doch niu" als ein niederer Standpimkt im Vergleich mit der höheren Eigenheit 
der Bildung und Sittlichkeit. Das seiner selbst gewisse Ich behauptet in seinem 
innersten, eigensten Handeln seine freie geistige Selbstbestimmiing unab- 
hängig von jeder zufälligen Fügung äußerer Umstände und selbst von der 
Macht der Zeit, von Jugend und Alter. Das erste Mittel zur äußeren Selbst- 
darstellung ist die Kirnst. Das Kunstwerk, besonders der Roman, spricht 
das innere Wesen des Künstlers am vollkommensten aus. Auch die Mono- 
logen Schleiermachers wollten eine solche künstlerische Selbstdarstellung sein. 

Dem ethischen Individualismus Schleiermachers und dem durchgeistigten 
Charakter seiner Beziehvingen zu den Frauen entspricht sein Eintreten für die 
Frauenemanzipation der Romantik in seiner ,,Idee zu einem Katechismus der 
Vernunft für edle Frauen", (s. ob. S. 116). („Laß dich gelüsten nach der 
Männer Kunst, Weisheit und Ehre!") 

Die Vertrauten Briefe über Fr. Schlegels „Lucinde" fordern in 
Übereinstimmung mit Schlegel die ungeteilte Einheit des sinnlichen und 
geistigen Elementes in der Liebe imd bekämpfen die Entweihung des Göttt 
hchen in ihr, die durch unverständige Zerlegung in ihre Elemente, in Geisa 
und Fleisch, erfolge. Schleiermacher nennt die Lucinde ein ..Werk, welche- 
wie eine Erscheinimg aus einer künftigen Gott weiß wie weit noch entfernten 
Welt dasteht". Er hat die idealen Tendenzen des Romans noch beträchtUch 
gesteigert, doch gehört derselbe, mit dem modernen Realismus verglichen. 



§ 9. Fiiedrich Ernst Daniel Schleiermacher. 123 

auch sonst auf die Seite der idealisierenden Kunst; als Ganzes kann das Buch 
kaum frivol genannt werden, es nimmt die Liebe weit ernster, als es vor dem 
Weltkrieg auch außerhalb der frivolen Sphären hei vielen Gewohnheit 
gewesen ist. Unreif ist das Buch freilich bis zum Kindischen. 

Die Wissenschaften teilt Schleiermacher ein in die empirische tmd 
spekulative Betrachtimg der Natur und des Geistes oder die Naturkimde 
und Phj'sik, Geschichtskunde und Ethik. Die Idee der Philosophie geht auf 
die höchste Einheit des physischen und ethischen Wissens als vollkommene 
Durchdringung des Beschaulichen und des Erfahrungsmäßigen. 

Schleiermachers Dialektik nimmt eine mittlere Stellung zwischen der als 
K\anstlehre des Denkens aufgefaßten Logik xmd der metaphysischen Logik 
Hegels ein. Ohne sich eigentlich ziir spekiilativen Philosophie der Zeit zu 
bekennen, aber andererseits auch, ohne sie in der scharfen Weise Bolzanos 
oder Fries' zu bekämpfen, schlägt Schleiermacher \-ielmehr einen mittleren Weg 
ein. Die Dialektik will dementsprechend , .Einheit von Logik und Metaphysik" 
sein. Sie ist sowohl Kunstlehre des Denkens wie auch Erkenntnistheorie. 
Ganz im Geiste der Zeit läßt auch ihn die einfache Erfahrung unbefriedigt, 
es schwebt ihm \'ie]mehr ein Erkenntrisideal vor, das immittelbar an Husserls 
Idee der Erkenntnis als einer in sich logisch geschlossenen Theorie des Seins 
erinnert. ,, Prinzipien und Zusammenhang ist dasjenige, was wir Piiilosophie 
nennen." Wenn die spekulative Philosophie eine ,, vollendete Konstruktion 
des Zusammenhanges" erstrebte, so hat sie darin Schleiermachers volle S^tu- 
pathie, obwohl er dem Geüngen dieses Strebens sichthch skeptisch gegen- 
übersteht und dem Bestreben gegenüber, das endliche Sein aus dem ursprüng- 
hchen und sonach auch aus dem Unendlichen eine vollständige Physik zu 
deduzieren, lakonisch erklärt: ,,Wir maßen uns dieses gar nicht an." 

Schleiermachers Dialektik ist die Kunst des Begründens. Es werden 
in ihr die Prinzipien des Philosophierens entwickelt, welche zugleich die der 
Gesprächsführung sind, weil das Wissen ein gemeinschaftliches Denken ist. 
Sie berviht auf dem Begriff des Wissens als der ÜbereinstimmTxng des Denkens 
mit dem Sein, welche sich zugleich als Übereinstimmung der Denkenden 
untereinander erweisen muß. Kein Denken kann freilich ein allgemeingültiges 
Wissen erreichen, da überall dem Individuxmi Eigentümliches hinzukonamt; 
das Denken bedarf der Sprache, tmd schon die Verschiedenheit der Sprachen 
bringt es mit sich, daß Eigentüinliches nicht zu vermeiden ist. Kein Wissen 
in zwei Sprachen kann als ganz dasselbe angesehen werden. Der ,, transzen- 
dentale Teil" der Dialektik betrachtet die Idee des Wissens an vmd für sich 
und gleichsam in der Ruhe, der ,, technische oder formale Teil" aber betrachtet 
dieselbe Idee in der Bewegung oder das Werden des Wissens. Die Dialektik 
vunfaßt demnach Metaphysik und Logik. Mit Kant unterscheidet Schleier- 
macher Stoff und Form des Wissens luid läßt jenen durch die sinnliche Em- 
pfindung oder ,,orgaiüsche Funktion" gegeben sein, die Form aber aus der 
,, intellektuellen Funktion" oder dem Denken stammen, welchem die Ein- 
heitssetzung tmd Entgegensetzung angehört. Die Formen tmserer Erkermtnis 
entsprechen den Formen des Seins. Rauna luid Zeit sind die Formen der 
Existenz der Dinge, nicht nur die Formen unserer Auffassung der Dinge. 
Die Formen des Wissens sind Begriff vmd Urteil; der Begriff entspricht dem 
Fürsichsein der Dinge oder den ,, substantiellen Formen", Kraft und Erscheinung 
(der höhere Begriff entspricht der ,, Kraft", der niedere der ,, Erscheinung"), 



124 § 9. Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher. 

das Urteil aber dem Zusammensein der Dinge, ihrer Wechselwirkving oder 
ihren Aktionen und Passionen. Die Formen des Werdens des Wissens sind die 
Induktion und Deduktion. Der Deduktionsprozeß oder die Ableitiuig aus 
den Prinzipien darf immer nur in Beziehtmg auf die Resultate des Induktions- 
prozesses, der von den Erscheinungen aus zur Erkenntnis der Prinzipien fort- 
geht, ausgeführt werden. Schleiermacher bestreitet ausdrücklich die An- 
nahme, auf welcher die Hegeische Dialektik ruht, daß das reine Denken, von 
allem andern Denken getrennt, einen eigenen Anfang nehmen xmd als ein 
besonderes für sich ursprünglich entstehen könne, — Die Gewißheit, daß 
Denken und Sein übereinstimmen, bietet ims die Tatsache des Selbstbewußt- 
seins, indem uns imser Ich, nicht nur insofern es Denken, sondern auch 
insofern es ist, ja leiblich ist, gegeben sein soll. 

In der Gottesidee wird die absolute Einheit des Idealen und Realen 
mit Ausschluß aller Gegensätze gedacht, in dem Begriffe der Welt aber die 
relative Einheit des Idealen und Realen vmter der Form des Gegensatzes. 
Es ist demnach Gott weder als identisch mit der Welt, noch als getrennt von 
der Welt zu denken. (Da das Ich die Identität des Subjekts in der Differenz 
der Momente ist, so läßt sich Gottes Verhältnis ziu' Welt mit dem der Einheit 
des Ich zu der Totalität seiner zeitlichen Akte vergleichen.) Wir wissen nicht 
von einem Sein Gottes außerhalb der Welt. Gott hat nie ohne die Welt sein 
können, also kann auch nicht von einem Sein Gottes vor der Welt die Rede 
sein. Die Dinge sind von Gott abhängig, heißt so viel als: sie sind bedingt 
diu-ch den Naturzusammenhang, und demnach ist ein urunittelbares Eingreifen 
Gottes, also das Wunder, nicht möglich. Auch der Mensch ist von dem Natur- 
zusammenhang nicht ausgenommen, vind wenn Schleiermacher von Freiheit 
des Menschen spricht, so versteht er nichts anderes darunter als die Entwick- 
lung der einmal angelegten Persönlichkeit. Die gegensatzlose Einheit des 
Idealen und Realen, der transzendente Grund alles Denkens vind Seins, wird 
zwar vorausgesetzt, ist aber in einem wirklichen Denken nicht vollziehbar. 
Wie für Kant das Ding an sich unerkennbar ist, so für Schleiermacher der letzte 
Grund von allem. Das Denken mviß sich immer in Gegensätzen bewegen 
und kann daher das Gegensatzlose nicht erreichen. Die sogenannten Eigen- 
schaften Gottes sind nicht etwa Seiten seines Wesens oder seiner Wirksamkeit, 
sondern nur Abspiegehmgen dieser Wirksamkeit im religiösen Bewußtsein. 
Sogar den Begriff der Persönlichkeit will Schleiermacher von Gott femgehalten 
wissen. Einer Persönlichkeit kämen Wollen und Verstand zu, diese untersclüeden 
sich aber voneinander und begrenzten sich demnach, und so werde die Gott- 
heit in das Endliche herabgezogen. Nicht den persönlichen, sondern den 
lebendigen Gott will Schleiermacher. 

Die Religion läßt Schleiermacher auch in der Reifezeit seines Systems 
auf dem absoluten Abhängigkeitsgefühl beriihen, in welchem mit dem 
eigenen Sein zugleich das unendliche Sein Gottes mitgesetzt ist. Dieses schlecht- 
hinnige Abhängigkeitsgefühl entsteht dadurch, daß wir uns absolut bestimmt 
fühlen und alles Sein in und außer uns auf einen letzten Grund, die Gott- 
heit, zurückführen. Vermittels des religiösen Gefühls ist der Urgrund ebenso 
in uns gesetzt, wie in der Wahrnehmung die Außendinge in ims gesetzt sind. 
Das Sein der Ideen imd das Sein des Gewissens in uns ist das Sein Gottes 
in vins, Reügion und Philosophie sind einander gleichberechtigte Funktionen; 
jene ist die höchste subjektive, diese diese höchste objektive Funktion des 



§ 9. Friedrich Ernst Daniel Schbiennacher. 125 

menschlichen Geistes. Die Philosophie ist nicht der Religion untergeordnet. 
Diese (scholastische) Unterordnung würde darauf beruhen müssen, daß alle 
Versuche, Gott zu denken, nur aus dem Interesse des Gefühls abgeleitet würden. 
Aber die spekulative Tätigkeit, welche sich auf den transzendenten Grund 
richtet, hat auch in sich selbst Wert \ind Bedeutung, insbesondere zur Ent- 
fernung des Anthropomorphen. Anderseits ist aber auch die Religion nicht 
eine untergeordnete Stufe zur Philosophie. Denn das Gefühl kann nie etwas 
bloß Vergangenes sein ; es ist in uns die ixrsprüngüche Einheit oder Indifferenz 
des Denkens und WoUens, und diese Einheit ist durch das Denken nicht zu 
ersetzen. Schleiermachers Auffassung des Verhältnisses zwischen Religion 
und Philosophie vermeidet somit den Fehler der Hegeischen, wonach das 
Gefüiil ebenso, wie die ,, Vorstellung", eine bloße Vorstufe des Begriffs sein 
soll, unterschätzt aber ihrerseits die Bedeutung des intellektuellen Faktors 
in der Religiosität. 

Mit dem Gottesbewxißtsein ist nach Schleiermacher der Glaube an die 
persönliche Fortdauer nach dem Tode nicht unmittelbar verbunden, es ver- 
trägt sich mit dem Gottesbewußtsein auch die Entsagung auf die persönliche 
Unsterbüchkeit. Aber Schleiermacher nimmt doch in der Dogmatik an, daß 
der Glaube an die Fortdauer der Persönlichkeit gegeben sei mit dem Glauben, 
mit der ,,Unveränderlichkeit der Vereinigung des göttlichen Wesens mit der 
menschlichen Natur in der Person Christi". 

Die Ethik Schleiermachers steht in Gegensatz zur formalen Pflicht- 
ethik Kants. Sie bildet ein Glied jener Kette von Oppositionsbestrebungen, 
der auch Schiller und F. H. Jacobi angehören. Eine wärmere reichere Mensch- 
Hchkeit steht hinter ihr. Die Ethik betrachtet nach Schleiermacher das 
Handeln der Vernunft, sofern dasselbe Einheit der Vernunft 
und Natur hervorbringt. Da Schleiermacher dem Determinismus htildigt, 
so ist nach ihm zwischen Naturgesetz und Sittengesetz kein wesentlicher 
Unterschied, als hätte es jenes mit dem bloßen Sein, dieses mit dem bloßen Sollen 
zu tun. Wenn Schleiermacher auch Freiheit annimmt, so versteht er doch 
darunter etwas anderes als die Freiheit vom Kausalitätsgesetz. ,, Alles im Ge- 
biete des Seins ist ebenso frei als notwendig; es ist frei, insofern es eine für 
sich selbst gesetzte Identität von Einheit und Kraft und Vielheit der Erschei- 
nungen ist; es ist notwendig, insofern es, in das System des Zusammenseins 
verflochten, als eine Sukzession von Zuständen erscheint. " Freiheit ist imGrunde 
die Entwicklung atis sich selbst. Das Sittengesetz stellt sich nur wegen der 
Störvmgen, die von anderen Teilen des Natvirlebens herrühren, als ein nicht 
durchaiis verwirklichtes Gesetz, als ein Sollen dar. Das Unsittliche beruht 
nur darauf, daß die niederen Klräfte nicht vollkommen diu^ch die Intelligenz 
als Willen und dvirch das diesem zukommende Lebensgesetz, das Sittengesetz, 
beherrscht werden. Trotz dieses konsequenten Determinismus wird das Recht 
der Individualität von Schleiermacher selir stark betont. Es kommt 
einem jeden Indi\'iduum seine eigentümliche Bedeutung zu, so daß auch jedes 
Individiium berufen ist, sein eigentUches Urbild zti verwirklichen. Schon in den 
Monologen kommt das Recht des Individumns deutüch zur Geltung. 

Die Ethik selbst wird von Schleiermacher unter den drei Gresichtspunkten 
der Güterlehre, der Tugendlehre und der Pflichtenlehre behandelt, von denen 
jede in ihrer eigentümlichen Weise das Ganze enthält. Ein Gut ist jedes Eins- 
sein bestimmter Seiten von Vernunft luid Natur. In dem Mechanismus und 



126 § 9. Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher. 

Chemismus, der Vegetation, Animalisation und der Humanisierung bekundet 
sich die aufsteigende Stufenfolge der Verbindung der Vernunft vmd der Natur. 
Das Ziel des sittlichen Handelns ist das höchste Gut, d. h. die Gesamtheit aller 
Einheiten von Natur und Vernunft. Die Kraft, aus welcher die sitthchen 
Handlungen hervorgehen, ißt die Tugend; die verschiedenen Tugenden sind 
die Arten, wie die Vernimft als Kiait der menschlichen Natur innewohnt. 
In der Bewegimg zu dem Ziele hin hegt die Pflicht, d. h. das sittüche Handeln 
in bezug auf das sittliche Gesetz oder der Gehalt der einzelnen Handlungen 
als zusammenstimmend zur Hervorbringung des höchsten Gutes. Das sittUche 
Gesetz läßt sich mit der algebraischen Formel vergleichen, welche (in der 
analytischen Geometrie) den Lauf einer Kvirve bedingt, das höchste Gut mit 
der Kurve selbst, die Tugend als die sittlfche Kraft mit einem Instrument, 
welches auf die Hervorbringung der jener Formel entsprechenden Kurve 
eingerichtet wäre. Die verschiedenen Pflichten bilden ein System von Hand- 
lungsweisen, welches hervorgeht aus der Gesamtheit der Tugenden des Subjekts, 
die sich betätigen in der Richtung auf die Eine vmgeteilte sitthche Aufgabe. 

Das Handeln der Vernunft ist teils ein organisierendes oder bildendes, 
teils ein sjinbolisierendes oder bezeichnendes. Organ ist jedes Ineinander 
von Vernunft und Natur, sofern darin ein Handelnwerden auf die Natur, 
Symbol jedes, sofern darin ein Gehandelthaben auf die Natur gesetzt ist. 
Mit dem Unterschiede des Organieierens und Symbolisierens kreuzt sich der 
des allgemein gleichen oder identischen und des individuell eigentümlichen 
oder differenzierenden Charakters des sitthchen Handelns. 

Hieraus ergeben sich vier Gebiete des sittlichen Handelns, 
nämhch: Verkehr, Eigentum, Denken, Gefühl, Der Verkehr ist das Gebiet 
des identischen Organisierens oder das Bildiuigsgebiet des gemeinschaftUchen 
Gebrauchs. Das Eigentvun ist das Gebiet des individuellen Organisierens oder 
das Bildungsgebiet als ein abgeschlossenes Ganzes der Unübertragbarkeit. 
Das Denken und die Sprache ist das Gebiet des identischen Symbolisierens 
oder der Gemeinsamkeit des Bewußtseins. Das Gefühl ist das Gebiet des 
individuellen Symbohsierens oder der ursprünglich verschiedenen Gestaltung 
des Bewußtseins. 

Diesen vier ethischen Gebieten entsprechen vier ethische Verhält- 
nisse: Recht, Geselligkeit, Glaube und Offenbarung. Das Recht ist das sitthche 
Zusammensein der einzelnen im Verkehr. Die Geselligkeit ist das sitthche 
Verhältnis der einzelnen in der Abgeschlossenheit ihres Eigentums, das An- 
erkennen des fremden Eigentums, mn es sich aufschließen zu lassen, und um- 
gekehrt. Der Glaube oder das Vertrauen auf die Wahi'haftigkeit ist im all- 
gemeinen ethischen Sinne das Verhältnis der gegenseitigen Abhängigkeit 
des Lehrens und Lernens in der Gemeinsamkeit der Sprache. Die Offenbarung 
ist im allgemeinen ethischen Sinne das Verhältnis der einzelnen untereinander 
in der Geschiedenheit ihres Gefülils (dessen Inhalt die in dem einzelnen vor- 
waltende Idee ist). 

Diesen ethischen Verhältnissen entsprechen wiederum vier ethische 
Organismen oder Güter, die dvu-ch Gegensätze zusammengehalten werden: 
Staat, gesellige Gemeinschaft, Schule, Kirche. Der Staat ist die Form der 
Vereinigung z\xr identisch bildenden Tätigkeit unter dem Gegensatz von Obrig- 
keit und Untertanen. Die gesellige Gemeinschaft ist die Vereinigvmg zur 
indi\'iducll organisierenden Tätigkeit unter dem Gegensatz der Freundschaft 



§ 9. Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher. 127 

einzelner und der weiteren persönlichen Verbindungen. Die Schule (im weiteren 
Sinne, mit Einschluß der Universität imd Akademie) ist die Gemeinschaft 
zur identisch symboüsierenden Tätigkeit oder die Gemeinschaft des Wissens 
unter dem Gegensatz von Gelehrten und Publikum. Die Kirche ist die Ge- 
meinschaft zur individuell s^-mbolisierenden Tätigkeit, die Form der Ver- 
einigung der unter demselben Typus stehenden Masse zur subjektiven Tätig- 
keit der erkennenden Funktion oder die Gemeinschaft der Religion unter dem 
Gegensatze von Klerus und Laien. Alle diese Organismen finden in der Familie 
ihre gemeinsame Grtmdlage. 

Die Tugend ist entweder Gesinntmg oder Fertigkeit, und wenn dieser 
Gegensatz sich ntm kreuzt mit dem des Erkennens lurid Darstellens, so er- 
geben sich die vier Kardinaltugenden: Weisheit als Gesinnung im Erkennen 
(Belebung in sich), Liebe als Gesinnung im Darstellen (Belebung nach außen), 
Besonnenheit als Fertigkeit im Erkennen (Selbstbekämpfung), Beharrlichkeit 
oder Tapferkeit als Fertigkeit ira Darstellen (Bekämpfung nach außen). — 
Ist der Anteil, welchen der einzelne an dem höchsten Gute hat, Glückseligkeit, 
so wird die Tugend die Würdigkeit zur Glückseligkeit sein. 

Die Pflichten zerfallen in Rechts- und Liebespflichten und in Berufs- 
und Gewissenspflichten nach den Gegensätzen des vuiiversellen und indivi- 
duellen Gemeinschaftsbildens und des imiversellen vmd iadividuellen Aneignens. 
Das allgemeinste Pflichtgesetz ist: Handle in jedem Augenblick mit der ganzen 
sittlichen Kraft und die ganze sittliche Aufgabe anstrebend. Diejenige Hand- 
Ivmg ist jedesmal die pflichtmäßige, welche für das ganze sittliche Gebiet 
die größte Förderung gewährt. In jedem pflichtmäßigen Handeln müssen 
innere Anregung und äußerer Anlaß zusammentreffen. 

Die philosophische Sittenlehre verhält sich zur christlich-religiösen oder 
überhaupt zur theologischen Ethik (in welcher Schleiermacher das wirksame 
imd das darstellende Handeln unterscheidet und jenes in das reinigende und 
verbreitende, dieses in die Darstellung im Gottesdienst und in der geselligen 
Sphäre einteilt), wie die Anschauung zixm Gefühl, das Objektive zum Sub- 
jektiven. Jene wendet sich an die in allen gleiche menschliche Vernimft und 
kann das moralische Bewußtsein als Voraussetzung des Gottesbewußtseins 
betrachten; die theologische Sittenlehre aber setzt immer das religiöse Be%vußt- 
sein imter der Form des Antriebs voraus. Bei der christlichen Sittenlehre 
wird ,, zurückgegangen auf dasjenige im Menschen, was ihn zum Christen 
macht, auf den Glauben", ,,die christüche Sittenlehre soU als Sittenlehre 
Lebensregeln vortragen, aber als christliche Sittenlehre nur so, daß es sich 
zeigt, wer ein Clirist sein wolle, der müsse sein Leben in diesem oder dem Falle 
gerade so einrichten und nicht anders. Die philosophische Sittenlehre trägt 
auch Lebensregeln vor, aber nicht so, daß sie auf eben diese Voraussetzung, 
sondern, Anspruch machend auf allgemeine Gültigkeit, immer nur auf die 
Voraussetzung ztirückgeht, daß, wer nach einem bestimmten schon vorher 
festgesetzten Begriffe ein Mensch sein wolle, auch nur so könne handeln wollen, 
wie diesem Begriffe gemäß vorgeschrieben werde" (Werke, I. Abt., Bd. XII-, 
S. 7). Die christliche Sittenlehre fragt: was muß werden, weil das christliche 
Selbstbewußtsein ist ? wälirend die Glaubenslehre fragt : was muß sein, weil 
das christliche Selbstbewußtsein ist ? 

Manche Gedanken Schleiermachers sind von Beneke wieder aufgenommen 
worden. 



128 § 10. Die romantische Schule. 

Besondere Verdienste hat sich Schleiermacher auch um das Studium 
der Geschichte der alten Philosophie erworben durch seine Einzel- 
abhandlungen (Heraklit u. a.), seine nicht ganz zu Ende gekommene Plato- 
übersetzimg und seine Untersuchungen über die Reihenfolge und Echtheit 
der Platonischen Dialoge. Allerdings iiTte er, wenn er dieselben nicht als 
Prodiikte einer Entwicklungsgeschichte Piatos, sondern als sämtlich von 
einem festen Systemstandpiinkt avis verfaßt ansah. 

§ 10. Die romantische Schule, die mit der Philosophie 
in lebhaften Wechselbeziehungen gestanden hat, lehnte sich in ihren 
philosophischen Gedanken zunächst an Fichte an, indem die pro- 
duktive Phantasie, durch welche nach dessen Lehre die äußere Welt 
zustande kommen soUte, auch als die Phantasie des Künstlers auf- 
gefaßt wurde, so daß Philosophie und Dichtung ineinander über- 
gingen. Das Altertum wurde in seinen poetischen Gestaltungen, 
namentlich auch in Piaton, hochgeschätzt, aber auch Shakespeare 
und die mittelalterliche Dichtung wieder gewürdigt, wie sich über- 
haupt bei den Romantikern geschichtlicher Sinn im Gegensatz 
zu der von ihnen heftig bekämpften Aufklärung geltend machte. 
Die Höhe der Dichtung sah man in Goethe erreicht, dessen Wilhelm 
Meister wie Fichtes Wissenschaftslehre für ebenso hervorragende 
Erscheinungen wie die französische Revolution galten. 

Wie schon der Sturm und Drang vertrat die Romantik einen 
ausgeprägten Individualismus. In ihrem weiteren Verlauf rückte 
derselbe dann allerdings vor dem zunehmend stärker werdenden 
Zug zu Religiosität, Mystik und Symbolik in den Hintergrund. 

Im Kreis der Romantiker standen die Philosophen Schelling, 
der in seiner Naturphilosophie Poesie und Phüosophie vereinigte 
und die ganze Welt unter die ,, Formel der Kunst" brachte, und 
Schleiermacher, der vom romantischen Boden aus das Wesen 
der Religion im Gefühl fand und in der Ethik das Recht der Indivi- 
dualität betonte. Als philosophischer Dichter ist Hölderlin zu be- 
zeichnen, nach dem die Philosophie aus der Dichtung entspringt 
und wieder in diese zurückkehrt. Unter den Vertretern der Romantik 
stehen der Philosophie nahe Friedrich Schlegel, der, von Fichte 
angeregt, an die Stelle des reinen Ich das geniale Individuum setzte 
und so zu einem Kultus der Genialität fortschritt, sich aber später 
mehr einer theosophischen Mystik näherte und offenbarungsgläubig 
wurde, und Novalis (Friedrich v. Hardenberg), ,,der Prophet der 
Romantik", dem die natürliche Wirklichkeit ein Traum ist und der 
Traum Welt wird. Den Künstler hält er für einen magischen Idea- 
listen, die Poesie gilt ihm für das absolut ReeUe, und alles ist um 
so wahrer, je poetischer es ist. 



§ 10. Die romantische Schule. 129 

Obwohl auch Hauptvertreter der Romantik mit ihrer Wirksamkeit 
schon in das achtzehnte Jahrhundert gehören, findet sie ebenfalls doch erst 
liier ihren Platz, weil mehrere der großen Naclifolger Kants, die erst behandelt 
werden mußten, mit ihr in engster Verbindung stehen. 

Frdr. v. Schlegels sämtl. WW. erschienen schon bei seinen Leb- 
zeiten, 10 Bde., "Wien 1822 — 25. (Der Text der älteren Aufsätze vielfach 
und absichtlich darin verändert.) Neue Ausgabe besorgt von Feuchtersie bon, 
15 Bde., Wien 1846. Seine prosaischen Jugendschriften herausgeg. v. J. Minor. 
1. Bd.: Zur griecliisch. Literaturgesch. , 2. Bd.: Zur deutschen Literatur u. 
Philosophie, Wien 1882, 2. A. 1906. Lucinde, Jena 19 07; auch in der Uni- 
versalbibliothek. Frdr. Schl.s Briefe an s. Bruder August Wilhelm, veröff. 
V. Walzel, Berl. 1890. Frdr. Schlegel, Fragmente, avisgewählt u. herausgeg. 
von Frdr. v. d. Leyen (Erzieher zu deutscher Bildung, 2. Bd.), Jena u. Lpz. 
1904 (mit einer Einfülirung). Frdr. Schlegels Fragmente u. Ideen, hg. v. Frz. 
Deibel, Münch. 1905. Die 3 ersten Vorlesgn. üb. d. Ph. d. Lebens (Xenien- 
bücherei Nr. 33), Lpz. 1913. Nachweis über nachgelassene Manuskripte resp. 
Briefe, Kant-Studien XVH, S. 114. 

Friedr. Hölderlins sämtliche Werke hg. v. Chr. Th. Schwab, 2 Bde., 
Stuttg. 1846. Ges. Dichtungen, neu durchges. u. verm. Ausg. in 2 Bdn., mit 
biogr. Einl., hg. v. Berth. Litzmann, Stuttg. 1897. Ges. Werke, hg. v. Wilh. 
Böhm u. Paul Ernst, 3 Bde., Jena 1905. Werke in 4 Tln.. hg. v. Marie Joachimi- 
Dege, Berl. 1908 (Goldene Klassikerbibl.). Sämtl. Werke, hist. krit. Ausg. 
v. N. V. Hellingrath, Münch. seit 1913. Sämtl. Werke u. Briefe in 5 Bdn., 
histor.-krit. Ausg. v. F. Zinkernagel, Lpz. seit 1914. Ungedruckte Gtedichte 
bei: Carl Müller-Rastatt, Fr. Hölderün, Bremen 1894. Fr. H.s Leben. In 
Briefen von und an Hölderlin, bearb. v. Carl Litzmann, Berl. 1890. Ausgew. 
Briefe, Jena 1910. D. Briefe d. Diotima an H., hg. v. Carl Vietor, Lpz. 1921. 
Erich Trummler, D. kranke Hölderlin. Urkimden u. Dichtgn. aus d. Zeit 
s. Umnachtung, Münch. (1920). Neuaufgefimdene Jugendarbeiten. Mitgeteilt 
V. W. Betzendörfer und Th. Haering d. J., Nürnberg 1921. 

Novalis' Schriften, hg. von L. Tieck, Fr. Schlegel u. E. v. Bülow, 
3 Bde., 2 Bde. Berl. 1802, 5. Aufl. Berl. 1838, 3. Bd. 1846. Sämtl. Werke 
hg. von Carl Meißner, eingeleitet von Bruno Wille, 3 Bde., Flor. u. Lpz 1898. 
Schriften. Krit. Neuausgabe auf Gr. des handschriftl. Nachlasses v. Ernst 
Heilborn, 2 Bde. in 3 Tln., Berl. 1901. Novalis' Werke, hg. v. Herrn. Friede- 
mann, Berl. 1912 (Gold. Klass. Bibl.). Novahs. Auswahl a. d. Schriften. 
Mit Geleitw. v. L. Tieck, hg. v. Hans Hahn, Berl. 1912. NovaUs' Briefwechsel 
mit Frdr. u. Aug. Wllh., Charlotte u. Carohne Sclilegel, hg. v. Joh. INIich. 
Raich, Mainz 1880. Fragmente, ausgew. v. Hnr. Simon, Münch. 1905. Schriften 
hg. V.Minor. 4 Bde., Jena 1907. Traum u. Welt. Eine Auswahl aus N.s Dichtgn., 
Briefen, Tagebüchern, Fragmenten, ausgew. u. eingel. v. Phihpp Witkop 
Berl. 1913 (Deutsche Bücherei). D. Christenh. od. Europa, Münch. 1921. 

Nach Steffens, Brief an Karoline Schlegel, ist das Romantische nichts 
anderes als ein Sehnen nach dem L^'nendlichen, das imauf haltsam forttreibt 
und jede selbsterbaute Schranke sofort wieder herunterreißt. Damit ist die 
eine Seite des Romantischen im ganzen richtig angegeben. Schon Friedrich 
Hölderlin (1770 — 1843), der weder zu dem Jenenser noch zu dem Berüner 
Kreis der Romantiker gehörte, ließ den romantischen Zug nach dem Unendüchen 
deuthch sehen. Er war stark pliilosopliisch beanlagt; es zeigt sich das schon 
in seiner Freundschaft mit Schelling und Hegel (s. J. Klaiber, Hölderlin, 
Hegel u. Schelling in ihr. schwäbisch. Jugendjalu-en, Stuttg. 1877), in seiner 
Verehrung Fichtes, aber namentlich tritt es in sehiem Hj-perion hervor, der 
einen durchaus philosophischen Charakter hat. Neben der Begeisterung für 
das Griechentum, die sich ja auch sonst bei Romantikern zeigt, ist die tiefe 
träumende Sehnsucht nach der Einheit mit dem All besonders bemerkbar. 
„Eines zu sein mit Allem, was lebt, in seliger Selbstvergessenheit wiederzu- 
kehren ins All der Natur, das ist der Gipfel der Gedanken und Freuden, das 

Ueberweg, Grandriß IV. 9 



130 § 10. Die romantische Schule. 

ist die heilige Bergeshöhe, der Ort der ewigen Ruhe, wo der Mittag seine Schwül© 
und der Donner seine Stimme verliert und das kochende Meer der Woge des 
Kornfelds gleicht." — „Eins zu sein mit Allem, das ist das Leben der Gott- 
heit, das ist der Himmel des Menschen." — ,,0 du, zu dem ich rief, als wärst 
du über den Sternen, den ich Schöpfer des Himmels nannte und der Erde, 
frevmdlich Ideal meiner Kindheit, du wirst nicht zürnen, daß ich deiner ver- 
gaß ! — Warmn ist die Welt nicht dürftig genug, um außer ihr noch einen 
zu suchen ? O, wenn sie eines Vaters Tochter ist, die herrliche Natur, ist daa 
Herz der Tochter nicht sein Herz ? Ihr Innerstes ist's nicht Er ? Aber hab* 
ich's denn ? Kenn' ich es denn ? Es ist, als sah' ich, aber dann ersclireck' 
ich wieder, als war' es meine eigene Gestalt, was ich gesehen, es ist, als fühlt 
ich ihn, den Geist der Welt, aber ich erwache und meine, ich habe meine eigenen 
Finger gehalten." Noch vor Schellings den neuen modernen Pantheismus- 
begründender Schrift „Vom Ich als Prinzip der Philosophie" (1795; s. o.) 
vertrat Hölderlin in dem 1794 in der Thalia erschienenen Hj'perionfragment 
einen Pantheismus, nach welchem das Unendliche in dem Schönheitserlebeu 
des Künstlers erfaßt wird. Das Verhältnis der Dichtung zur Philosophie ist 
bei Hölderlin ein selir enges: die volle Harmonie des Schönen besitzt nur die 
Dichtung. Die Philosophie entspringt erst aus der Dichtung und wird dann 
auch wieder Dichtung. ,,Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, 
wenn er nachdenkt, und wenn die Begeisterung hin ist, steht er da wie ein 
mißratener Sohn, den der Vater auß dem Hause stieß." 

Während HölderHn mar ,,ein Seitentrieb der Romantik" nach der Be- 
zeichnTing Hayms war: zeigt sich der volle Charakter der Romantik, freilich 
auch schon in seiner bedenklichen Richtung, bei Friedrich Schlegel, 
geb. 10. März 1772 in Hannover, gest. 12. Januar 1829 in Dresden, Sohn des 
Dichters vmd Kanzelredners Joh. Ad. Schlegel, der Batteux' Beschränkung 
der schönen Künste auf Einen Grundsatz in Übersetzung mit eigenen Erweite- 
rungen herausgab, 3. Aufl., Lpz. 1770. Friedrich Schlegel wandte sich zuerst 
dem griechischen Altertum mit Begeisterung zu, aus dem ihm die Begriffe 
der Harmonie und Schönheit aufgingen, und wollte der ,,Winckelmann der 
griechischen Literatiir" werden, veröffentlichte auch 1798 eine ,, Geschichte 
der Poesie der Griechen und Römer". Er spielte dann in Jena vmd in Berlin 
in den romantischen Kreisen mit die Hauptrolle. Die Liebe für Philosopliie 
und Kunst, namentlich Poesie, beherrschte ihn in gleicher Weise, anderseits 
aber erfüllte ihn das Streben nach dem Unendlichen, das aus der Unendlich- 
keit des Fichteschen Ich floß. Neben Fichte stellte er Goethe am höchsten: 
Fichtes Idealismus vmd die Dichtung Goethes waren ihm ,,die beiden Zentren 
der Kunst imd Bildimg". Mit seinen Bruder August Wilhelm gab er 1798 
bis 1800 das ,,Athenaeum", 3 Bde., das eigentüche Organ der romantischen 
Schvde, heraus und ferner ,, Charakteristiken und Kritiken", 2 Bde., 1801. 
In den ,, Fragmenten", die er im Athenaeum veröffentUchte, und die ihn in 
seiner Eigentümlichkeit am besten zeigen, gab er Kunde von seinen pliiloso- 
phischen Gedanken. Er strebte zwar schon zeitig nach der Ausbildung eines 
idealistischen Systems, kam aber damit nicht ziun Abschluß. Die Scheidung 
des absoluten Ich vom endlichen Ich bei Fichte hielt er für unphilosophisch 
und glaubte, allerdings in Anlehnung an Äußerungen Fichtes, die Kunst als 
Vermittlerin zwischen Idealismus und ReaUsmiis hinstellen zu können, indem 
er den ästhetischen Standpunkt mit dem philosophischen identifizierte. So- 



§ 10. Die romantische Schule. l'M 

legte er die Theorie einer neuen romantischen Dichtung dar, die allein unend- 
lich sei, wie sie auch allein frei sei und als höchstes Gesetz anerkenne, daß 
die Willkür des Dichtens über sich kein Gesetz habe. Im Anschluß an Jacobi 
gegen den Formalismus des kategorischen Imperativs polemisierend, mit 
der Wendung, bei Kant sei „die Jvirisprudenz auf die inneren Teile geschlagen", 
findet er in der Kunst die wahre Erhebung über das Gemeine, wozu sich die 
pflichttreue Arbeit nur wie die getrocknete Pflanze zur frischen Blume ver- 
halte. Der wahre Mensch ist der Künstler: im Entschlüsse, sich über das Ge- 
meine zu erheben, wird er der geniale Mensch, in dem die Gottheit spricht, 
so daß er auch der wahre religiöse ist. Die wahre Tugend ist Geniahtät, die 
keine sittlichen Bestimmungen, die nur Beschränkungen diirch das Nicht-Ich 
sind, anerkennt. Für gewöhnhche Naturen ist die Arbeit das Höchste, für den 
Grenialen der Genuß, wodurch dieser den griechischen Göttern ähnUch wird. 

Wenn das Genie sich über jede für das gemeine Bewußtsein geltende 
Schranke erhebt, ist sein Verhalten das ironische, indem es ihm nicht Ernst 
war mit der vorhergehenden Hingabe. Der Begriff der Ironie ist von Schlegel 
von dem sokratischen aus — aber vollständig umgebildet worden. Er spricht 
sich namentlich in Reichardts ,,Lyceum der schönen Künste", das seit 1797 
erschien, darüber aus. Er findet bei Sokrates eine durchaus tmwillkürUche, 
aber doch ebenso besonnene Vorstellung, in der alles Scherz vmd Ernst sei, 
alles offen und doch alles verstellt. Sie entstehe aus der Vereinigung von 
Lebenskimstsinn und wissenschaftlichem Geist; sie müsse überall gefördert 
werden, wo man nicht ganz systematisch, sondern nur gesprächsweise philo- 
sophiere. Sie wird aber auch als ,, Selbstparodie" bezeichnet, als freieste aller 
Lizenzen, da man sich durch sie über sich selbst wegsetze, zugleich sei sie aber 
die gesetzHchste, da sie imbedingt notwendig sei. Es ist die Ironie schließlich 
die St immi mg, ,, welche Alles übersieht, sich über alles Bedingte tmendJich 
erhebt, auch über eigene Kunst, Tugend oder Genialität" (s. Haym, 
Romant. Schule, S. 758ff.). — Ins Extrem treibt Schlegel das ironische 
Verhalten tmd die Polemik gegen die herrschende Sitte indem Roman Lucinde, 
Bd. 1, Berl. 1799, durch die Bekämpfung der Schamhaftigkeit und das ,,Lob 
der Frechheit". Dem Roman hegen seine Beziehungen zu Dorothea Veit, 
der Tochter Moses Mendelsohns, zugrunde, die für ihn schrankenlos sich hingab 
vmd mit der er sich später vermählte. Die beabsichtigte Fortsetzung der 
Lucinde erschien nicht. — Trotz der Beziehung zu Fichtes Idealismus ist die 
Schlegelsche Romantik und Ironie, sofern sie die Willkür des Subjekts an 
die Stelle des Gesetzes im Denken und W^oUen treten läßt, nicht die Konsequenz, 
sondern (wie Lassen in seiner Schrift über Fichte, S. 240, sie bezeichnet) ,,das 
direkte Widerspiel des Fichteschen Geistes". 

Verwandt mit Frdr. Schlegels Romantik war die Denkrichtung von 
Novalis, Frdr. von Hardenberg (1772 — 1801). der sich in Leipzig während 
seiner Studienzeit mit Schlegel eng verband und später, als er Jena zur Blüte- 
zeit der Romantik daselbst oft aufsuchte, als einer der Ihren mit den Ver- 
tretern der Schule dort in regem Verkehr lebte. Weicher, reizbarer als Schlegel, 
ihn an Tiefe übertreffend, mehr als dieser dem Ewigen, Unvergänghchen, 
Jenseitigen zugekehrt, nicht umempfänghch für schönes Genießen, besonders 
in einer Gesamtkunst, aber doch der Nacht, dem Düstern mehr geneigt, fühlte 
auch er sich dvirch Fichte geweckt, obwohl schon vor Fichte andere, so der 
platonisierende Holländer Hemsterhuys, ihn angeregt hatten. In seinem 

9« 



132 § 10. Die romantische Schule. 

Heinrich von Ofterdingen, naxnentlich aber in seinen „Fragmenten", von 
denen er einige luiter dem Titel „Blütenstaub", einige auch im Athenaeum 
veröffentUcht hat, finden wir pliilosophische Gedanken von ihm. Es zeigt 
sich der Zusammenhang mit Fichte, wenn Xovaüs den geheimnisvollen Weg 
nach innen gehen, wenn er ,, in uns oder nirgends die Ewigkeit mit ihren Welten, 
die Vergangenheit imd Zukunft" sein läßt, wenn er dichtet: 

,, Einem gelang es — er hob den Schleier der Göttin von Sais, 
Aber was sah er ? — er sah — Wiuider des Wunders sich selbst." 
Erregung des wirklichen Ich durch das absolute Ich ist Philosoplüe, so daß 
Philosopliieren im Grunde Selbstoffenbarung ist. Die Natur ist ein ,, enzyklo- 
pädischer, systematischer Inbegriff oder Plan unseres Geistes. Um die Natur 
zu begreifen, muß man sie innerUch in ihrer ganzen Folge entstehen lassen." 
Die Natur ist eine versteinerte Zauberstadt, deren Messias der Mensch ist. 
,,Die Philosopliie ist die Kunst, ein Weltsystem aus den Tiefen imseres Geistes 
heraiiszudenken, eine rein intelligible Welt, die Geisterwelt, herauszuprodu- 
zieren." Als eigenthches Wesen des Romantisierens sieht Novalis an das 
Absolutieren, Universaüsieren, Klassifizieren des individuellen Moments, der 
individuellen Situation, vergleicht es dem Algebraisieren und betrachtet 
die Begriffe vmd Verhältnisse der Mathematik als Weltbegriffe und Welt- 
verhältnisse. Die Mathematik ist realisierter Verstand, die mathemalische 
Kiait ist ordnende Kraft. „Das höchste Leben, das Leben der Götter 
ist Mathematik, Mathematik ist Religion." Der Plan der Welt ist die 
Vernunft, wir selbst sind der Entwnirf zur Welt, den wir suchen. Doch ist das 
sittUche Gefühl erst das des schöpfei'ischen Vermögens, der Freiheit, des eigent- 
lich GöttUchen in uns. Nur der moraUsche Sion läßt uns Gott vernehmen: 
„unser eigentlich sittUcher Wille ist Gottes Wille". Die rehgiöse Anlage war 
bei Novalis vorhanden und genährt worden, so daß Schleiermachers Reden 
über die ReUgion gewaltig und dauernd auf ihn wirken mvißten. Mystisch 
schwärmerisch wird er, wenn er die höchste Wollust im Sclimerz findet, wenn 
ihm die christliche ReUgion die eigentUche Religion der Wollust ist, weil im 
Sündenbewußtsein diese Wollust liegt. Je sündiger der ISIensch sich fühlt, 
desto christlicher ist er. — Der Tod ist ein Heimgehen, da das Leben vim des 
Todes willen da ist. Der Tod ist eine Selbstbesiegung, die wie alle Selbstüber- 
windxuig eine neue leichtere Existenz verschafft. Er öffnet die Pforte z\im 
Allerheiligsten, die Sehnsucht nach dem Schmerz beherrscht den Dichter- 
Philosophen wie die Sehnsucht nach dem Tod: jede Bedrängnis der Natur 
ist ilim eine Erinnerung höherer Heimat, Kranldieit wie der Tod gehören 
zu dem mensclilichen Vergnügen, Leben ist eine Art Krankheit des Geistes, 
aber ,, Sterben ist ein echt philosopliischer Akt". 

Während NovaUs jung starb, treu seinem mystischen IdeaHsmus, gab 
Schlegel in seinem späteren Leben die romantisch-philosophischen Gedanken, 
die ihm keine Befriedigung melir gewährten, auf, fand diese im Katholizis- 
mus, zu dem er eich mit Dorothea bekehrte, und näherte sich von dem Sub- 
jektivismus aus mehr einem Pantheismus und einer theosophischen Mystik; 
später stellte er sich ganz auf den Boden von Staat und Kirche. Die philo- 
sophischen Vorlesungen aus den Jaliren 1804—06, herausgegeben 1836- von 
Windischmann, zeigen das Verlangen nach einem methodischen Verfahren, 
nach Formen für das genetische Denken, die zugleich die Formen des Seins 
bilden, und wollen, daß die philosophische Konstrulition in Dreiheiten sich 



§ 11. Arthur Schopenhauer. 133 

bewege. Später hielt er in Wien, wo er sich das Vertrauen der Regierung 
erwarb, Vorlesungen, von denen er die im Jahre 1827 gehaltenen als ,, Vor- 
lesungen über die Philosophie des Lebens" 1828 tmd die 1828 gehaltenen 
als , »Vorlesungen über die Philosophie der Geschichte" 1829 herausgab. Im 
Jahre 1829 hielt er noch Vorlesungen in Dresden, die er aber nicht vollenden 
konnte. Sie erschienen, soweit gehalten, 1830 luiter dem Titel: ,, Philosophische 
Vorlesungen insbesondere über Philosophie der Sprache luid des Worts". 
Die positive Philosophie aus der späteren Zeit nannte er Erfahrungswissenschaft, 
weil unser Wissen von Gott nur Erfahrungswissen sei, das auf die Offenbarung 
Gottes in der Natiu-, dem Gewissen, in der heiligen Schrift und der Weltge- 
schichte zurückgehe. Freilich noch fähiger, die Offenbarung aufzunehmen, 
ist der Wille. In den letzten Vorlesungen über die Philosophie des Lebens 
gibt Schlegel eine Metaphysik des Lebens, worunter er versteht die Aufweisung 
der übernatürlichen Prinzipien in der Wirklichkeit, in dem kirchlichen und 
staatlichen Leben und in der Kunst. In der Philosophie der Geschichte sieht 
er das Heil der Welt nur in einer Wissenscliaft, die den Wahn des Absoluten, 
sei es Ichheit oder Naturell oder Vernunftbegriff, verwirft iind neue Philosophie 
der Offenbarung durch Anerkennung des lebendigen Gottes begründet. — 
Auch in der Ethik wandte sich Schlegel von den Anschauungen seiner früheren 
Jahre völlig ab. Doch kann die Moral nach ihm keine Wissenschaft sein, 
da ihr Prinzip von Gott als sittüchem Gesetzgeber auf dem Glauben beruhe. 
In seiner romantischen Periode bat Schlegel auf seine näheren Be- 
kannten sowie auch auf weitere Kreise höchst anregend gewirkt und ist viel 
bewundert worden, seine späteren Vorträge xind Schriften wurden aber wenig 
gewürdigt. Novahs hat mit seiner mystisch-schwärmerischen und religiösen 
Eigenart zu seiner Zeit und auch nach seinem Tode x-iele Verehrer gefunden, 
auch jetzt gibt es nicht wenige in Deutschland und selbst außerhalb Deutsch- 
lands — z. B. Maeterlinck — , die in ihrer Stimmung und in ihren Tendenzen 
von ihm abhängig sind. 

§ 11. In nahem Anschluß an Kant, die nachkantische Spe- 
kulation verwerfend, aber mit gemäßigter Hinneigung zur Romantik, 
hat Arthur Schopenhauer (1788 — 1860) ein System entwickelt, 
welches mit Kant dem Raum, der Zeit und den Kategorien (unter 
denen die der Kausalität die fundamentale sei) einen bloß subjektiven 
Charakter und eine auf die Erscheinungen, welche bloße Vor- 
stellungen des Subjekts seien, beschränkte Gültigkeit zuschreibt, 
die unserm Vorstellen unabhängige Realität aber nicht mit Kant 
für unerkennbar hält, sondern das Ding an sich als Willen ansieht. 
Den Begriff des Willens nimmt Schopenhauer dabei m einem weit 
über den Sprachgebrauch hinausgehenden Sinne, indem er darunter 
nicht nur das bewußte Begehren, sondern auch den unbewußten 
Trieb bis herab zu den in der unorganischen Natur sich bekunden- 
den BJräften versteht, die er als dem Wollen verwandt ansieht. 

Zwischen den als einen gedachten transzendenten Willen (das 
Ding an sich) und die empirischen Individuen, in denen er erscheint, 



134 § 11. Arthur Schopenhauer, 

stellt Schopenhauer im Anschluß an Platon die Ideen als reale 
Spezies in die Mitte. Die Ideen sind die Stufen der Objektivierung 
des Willens. Die Organismen offenbaren die Ideen jedoch nur in 
getrübter Form. Die reine Darstellung der Ideen in individuellen 
Gestalten ist die Kunst. Erst auf den höchsten Stufen der Ob- 
jektivierung des Willens tritt das Bewußtsein hervor. Alle Intelli- 
genz dient ursprünglich dem Willen zum Leben. In dem Genie 
befreit sie sich von dieser Dienstbarkeit und gewinnt die Präponderanz. 

Auf moralphilosophischem Gebiet ist Schopenhauer der klassische 
Vertreter des Pessimismus, der durch ihn später längere Zeit hin- 
durch kulturell von starkem Einfluß, insbesondere auf die Literatur, 
wurde, nachdem seine Philosophie zunächst geraume Zeit völlig 
unbeachtet geblieben war. Die Welt ist nicht die beste, sondern 
die schlechteste aller möglichen Welten. Der WiUe als Begehren 
ist ein Bedürfen, ein Entbehren, also ein Leiden; er findet niemals 
dauernde Befriedigung. Die Augenblicke selbstvergessener Kunst- 
anschauung bedeuten zwar eine Erhebung des Individuums über 
seine Individualität zum reinen begehrungs- und individualitäts- 
losen schauenden Einswerden von Subjekt und Objekt, aber sie sind 
vorübergehender Natur. Die volle Erlösung vom Leiden kann nur 
durch die Ertötung des Willens zum Leb^n überhaupt herbeigeführt 
werden, welche allein in der Askese gegeben ist. Durch diese Negation 
der Sinnlichkeit ohne positive Bestimmung des geistigen Zieles be- 
rührt sich Schopenhauers Doktrin mit der buddhistischen Lehre 
vom Nirwana, dem glückseligen Endzustande der durch Askese 
gereinigten und in die Bewußtlosigkeit eingegangenen Heiligen, 
und mit gewissen Formen der mönchischen Askese im Christentum. 

Entsprechend dieser pessimistischen Auffassung des Lebens ist 
auch das Fundament, auf dem sich nach Schopenhauer die Moralität 
aufbaut, negativer Natur: das Mitleid mit dem Leid. 

Schopenhauers Schriften sind: Üb. die vierfache Wurzel des Satzes 
vom zureich. Grunde, Diss. Rudolst. 1813, 2. Aufl. Frankf . a. M. 1847, 3. Aufl. 
hg. von Jul. Frauenstädt, Lpz. 1864, 6. A. 1908. Üb. das Sehen u. die Farben, 
Lpz. 1816, 2. Auil 1854. 3. Aufl. hg. von J. Frauenstädt, Lpz. 1869, 4. A. 
1908, Halle 1891 (Hendel), Stuttg. 1902 (Cotta). Üb. d. Sehen u. d. Farben, 
lateinisch in Radius, Scriptores ophthalniologici minores, Tl. 3, Lpz. 1830. 
Die Welt als Wille und Vorstellung, vier Bücher, nebst einem Anhange, 
der die Kritik der Kantischen Philosophie enthält, Lpz. 1819, 2. durch e. 
2. Band verm. Aufl. ebd. 1844, 3. Aufl. 1859, weitere Auflagen zunächst besorgt 
v. J. Frauenstädt, 10. A. 1916, Halle 1891 (Bibl. Hendel), Stuttg. 1902 (Cotta), 
Münch. 1913 (hg. v. Brendel). Über den Willen in der Natur, Frankf. a. M. 
1836, 2. Aufl. ebd. 1854, .3. Aufl. hg. v. Jul. Frauenstädt, Lpz. 1867, 6. Aufl. 
1908. Die beiden Grundprobleme der Ethik (Üb. die Freiheit des menschl. 
Willens, ,, gekrönt v. d. königl. norweg. Societ. d. Wissenschaften zu Dront- 
heim", und: Üb. das Fundament der Moral „nicht gekrönt v. d. königl. dänisch. 
Sozietät d. Wissenschaften zu Kopenhagen"), Frankf. a. M. 1841, 5. Aufl. 



§ 11. Arthur Schopenhauer. 135 

Lpz. 1908, Parerga und ParaUpomena, 2 Bde., Berl. 1851, weitere Auflagen 
hg. von Jul. Frauenstädt, 8. A. 1908. Aus Sch.s handschriftl. Nachlaß, Ab 
handlgn., Anmerkgn., Aphorisnaen u. Fragmente, hg. von J. Frauenstädt 
Lpz. 1864, hg. V. R. v. Koeber, Berl. 1891, v. Herrn. Hirt, Halle 1892 (Hendel) 
Stuttg. (Cotta) 1904. Üb. d. Weiber, neu hg. v. Benedict Friedländer, Treptow 
Berlin 1908. Aphorismen z. Lebensweish. , Krit. Ausg. v. Ed. Grisebach 
Lpz. (Reclam) 1908, in Kröners Taschenausg., Lpz. (1919), hg. v. M. Brahn 
17.-22. T., Lpz. Insel-Verlag 1920, 1921. Berl. (Deutsche Bibl.) 1920. Apho 
rismen zur Lebensweish. Üb. d. Tod usw., Volksausg., Stuttg. 1904. Lpz 
1913, Düsseid. 1903, Berl. (1920). Methaphysik (!) d.. Geschlechtshebe. Üb 
d. Weiber, hg. v. Eberh. Wieacker, Dachau (1920). Über Lesen u. Bücher 
Lpz. 1914 (Inselbücherei). Üb. Schriftstellerei u. Stil, Lpz. 1913 (Inselbücherei) 
Üb. d. Tod, Münch. 1920. Üb. d. Weiber, Münch. 1920. Parerga u. Para 
lipomena. Kleine philos. Schriften, 4 Teile, Stuttg. 1904. Sch.s Gracian 
Übers, wurde zuerst von Jul. Frauenstädt, Lpz. 1862, herausgegeben; hg 
V. A. v. Gleichen-Rußwvirm, Berl. 1912 (Deutsche Bibl.). Memorabihen, 
Briefe imd Nachlaßstücke in: Arth. Schopenhauer, von ihm, über ihn, von 
Frauenstädt u. E. O. Lindner, Berl. 1863. Dav. Asher, Arth. Seh., Neues von 
ihm und über ihn, Berl. 1871. Eduard Grisebach, Edita u. Inedita Schopen- 
haueriana. Eine Schopenhauer-Biographie sowie Randschriften u. Briefe 
A. Sch.s, Lpz. 1888 (darin auch ein Verzeichnis von Sch.s Bibhothek), 

A. Sch.s handschriftl. Nachlaß. Aus d. auf d. Kgl. BibHoth. 
in Berl. verwahrten Manuskriptbüchem, hg. v. Ed. Grisebach, Universal- 
bibhothek., Lpz. o. J. 1. Bd., Balthasar Gracians Handorakel u. Kunst d. 
Weltklugh. übers, v. A. Seh. 2. Einleit. in d. Philos. nebst Abhandlungen 
zur Dialekt., Ästhet, u. üb. d. deutsche Sprach Verhunzung. 3. Anmerk. zu 
Piaton, Locke, Kant u. naclikantisch. Philosophen. 4. Neue ParaUpomena 
u. vereinzelte Gedanken üb. vielerlei Gegenstände. (1. Aufl. 1890 — 93, 2. be- 
richtigter Abdruck 1895 — 96.) — Gracians Handorakel, in: Schopenhauer- 
Mappe. 28 Textstücke a. s. Ms.büchem in getreuer Nachbüdg. hg. v. Franz 
Mockrauer, Münch. 1919. Aus Seh. Erstlingsms., in: Almanach Münchner 
Verleger 1914. Gracians Handorakel in: Hausens Bücherei (Nr. 30), Saar- 
louis 1911. — Der weitere Nachlaß kommt in den von Deussen und Weiss 
veranstalteten neuen Gesamtausgabe Sch.s zur Veröffenthchung. 

Briefwechsel zwisch. A. Seh. u. Joh. Aug. Becker hg. v. Joh. Karl 
Becker, Lpz. 1883. Sch.s Briefe u. Samml. meist ungedruckter oder schwer 
zugängl. Br. von u. üb. Seh. Mit Anmerk. u. biograph. Analekten hg. von 
Ludw. Schemann, Lpz. 1893. K. Bahr, Gespräche u. Briefwechsel mit A. Seh., 
aus dem Nachlaß hg. v. L. Schemann, Lpz. 1894. Sch.s Briefe an Becker, 
Frauenstädt, v. Dors, Lindner u. Asher. sowie andere bisher nicht gesammelte 
Briefe a. d. Jahren 1813-60, hg. von Ed. Grisebach, 1895, 2. Aufl. 1904 
Lpz. (Reclam). Sch.s Gespräche u. Selbstgespräche nach d. Handschr. elg 
iavtöv, hg. V. Ed. Grisebach, Berl. 1898, 2. Aufl. 1902. Der Briefwechsel 
zw. A. Seh. u. Otto Lindner, hg. v. Rob. Gruber, Wien 1913. Briefe, Aufzeichngn., 
Gespräche. Eingel. u. ausgew. v. P. Wiegler, Berl. 1916. 

Sch.s sämtl. Werke hat Jul. Frauenstädt in 6 Bdn., Lpz. 1873—74, 
hg. (wenig sorgfältig), 2. Atifl. 1877, neue Ausgaben, ebd. 1891, 1908, 1916. 
Bd. I: Schriften zur Erkenntnislehre. Bd. II u. IH: Die Welt als WiUe u. 
Vorst. Bd. IV: Schriften ziu- Naturphil. u. Ethik. Bd. V u. VI: Parerga u. 
ParaUpomena. Kleine philos. Schriften. Femer Ed. Grisebach in 6 Bdn., 
Universalbibhoth. , Lpz. 1891, berichtigte Abdr. 1892 — 93, 1921 (genau ge- 
arbeitete Ausgabe, deren 6. Bd., neue A. 1919, u. a. eine chronologische Über- 
sicht über Sch.s Leben u. Schriften, eine Reihe von kürzer. Aufsätzen Sch.s, 
genaue Angaben üb. d. Verhältnis dieser Ausgaben z. Frauenstädtschen 
sowie ein Namen- vmd Sachregister enthält). Es enthält: Bd. I u. II: Welt 
als Wille usw. Bd. III: Satz v. Gnmde; Ü. d. Willen i. d. Nat.; D. Grund- 
probl. d. Ethik. Bd. IV u. V: Parerga u. ParaUp. Bd. VI: Farbenl., Biogr. 
bibUogr. Anh. Namen u. Sachreg. Sämtl. WW., herausgegeb. v. demselben, 
3 Bde., Lpz., Inselverlag 1905. Ferner: Sämtl. \\'W"., Gesamtausgabe mit 
d. letzten Zusätzen, 6 Bde., Berl., BibUographische Anst. (A. Warschauer), 
1891. Sämtl. W^V. in 12 Bdn. mit Einleit. von Rud. Steiner (Cottasche BibUo- 



136 § 11. Arthiir Schopenhauer. 

thek der Weltliteratur), Stuttg. 1894 ff. Schopenh.s sämtl. WW. in 5 Bdn., 
hg. V. Ed. Grisebach {Großherz. Wilh. Ernst Ausg.), Lpz. 1916. Sämtl. Werke,, 
genaue Textausg., mit einer biogr. Einl. v. M. Frischeisen-Köhler, 8 Bde., 
Berl. (Weichert) 1913, N. A. 1921. 

Gust. Friedr. Wagner, Enzyklopäd. Register z. Sch.s Werken 
nebst e. Anhange, der den Abdruck d. Diss. v. 1813, Druckfehlerverz. u. a. m. 
enthält, Karlsr. 1909. Seh. Register v. W. L. Hertslet, Lpz. 1890. 

Eine neue kritisch-wissenschaftliche Ausgabe: Arthur Schopen- 
hauers Sämtliche Werke in 14 Bdn., von Paul Deussen herausgegeben, 
erscheint seit 1911 bei R. Piper u. Co in München. Die Ausgabe soll absolut 
korrekten Text bieten, auch an Vollständigkeit alle bisherigen übertreffen. 
So wird der Nachlaß, der bisher nur z. T. veröff. war, vollständig pubüziert 
werden, ferner alle erreichbaren Briefe des Philosophen, sowie die Briefe 
an ihn, soweit sie von Bedevitung sind. Die Ausgabe druckt auch zum ersten 
Male die zahlreichen, von Seh. in den letzten Ausgaben weggelassenen Stellen 
der früheren Auflagen wieder ab. Der Text geht überall auf die Ausgaben 
letzter Hand u. die Manuskrijjte ziirück. Die Stoffverteilung ist diese: Bd. 1 — 2: 
Welt als Wille u. Vorstellung (1911). Bd. 3: Ü. d. Satz v. Grunde (Original- 
text der Dr.-Diss. v. 1813 u. Ausgabe letzter Hand); Üb. d. Willen i. d. Nat. 
D. beid. Gnmdprobleme d. Ethik (1912). Bd. 4—5: Parerga u. Paralipomena 
(1913). Bd. 6: Kl. Schriften: Üb..d. Sehen u. d. Farben; Theoria colorum; 
Balth. Gracians Handorakel . . . ; Ü. d. Verhunz, d. deutschen Sprache u. a. 
Bd. 7—8: D. Paralipomena des Nachlasses. Bd. 9—10: Philos. Vorlesungen 
(1913). Bd. 11 (1916) -12: D. Genesis des pliilos. Systems (Bd. 11: Erstüngs- 
manuskripte, d. h. vor 1818), (1915). Bd. 13: Sämtliche erreichbaren Briefe 
Sch.s nebst den wichtigsten Briefen an ihn. Bd. 14: Gesamt- Sach- u. Namen- 
Register; Bibliographie der Sch.-Lit. ; Index der Zitate; Persönl. Dolaunente 
(Wiedergabe aller erreichbaren Porträts Schopenhauers, seiner Familie u. 
Freunde, Abbildungen s. Wohnstätten, d. Grabes, Handschrift-Faksimilia u. a.). 
In der Bibliographie des 14. Bandes sollen auch die wichtigsten zeitgenössischen 
Rezensionen Seh. scher Werke abgedruckt werden. Bd. 12 — 14 noch nicht 
erschienen. Diese Ausgabe soll noch überboten werden durch eine andere: 
Schopenh., Hesses deutsche Klassiker- Ausg., hg. v. Otto Weiß, Bd. 1 u. 2 
(Welt als Wille u. Vorst.) Lpz. 1919. Vgl. dazu Kantst. 24, 1919f., S. 347ff. 
Nachweis über nachgelassene Manuskripte resp. Briefe, Kant-Studien 
XVII, S. 115. Vgl, auch ,,Schopenhauer-Bibliothek". Originalhandschriften 
Sch.s, 166 Bde. a. s. Privatbibl., s. Schriften. Briefe u. Gespräche, Liter, ü. 
ihn. Katalog d. Firma J. Baer u. Co., Frankf. a. M. 1905. 

Anthologien: Sch.s Werke. Mit Einleitung, erläuternd. Anm. u. e. 
biogr. histor. Charakteristik Sch.s in Auswahl hg. v. Moritz Brasch, 2 Bde., 
Lpz. 1891 (sehr wenig sorgfältig). A. Schopenhauers Briefwechsel und andere 
Dokumente. Ausgewählt u. hg. von M. Brahn, Lpz. 1911. Gedanken v. A. Seh., 
zusammengest. v. Elisabeth Heinrich, Mülheim a. R. 1898. Seh. -Brevier, 
v. H. Siegfried, Berl. 1902. Gedanken u. Aussprüche, Lpz. 1912. Schopen- 
hauer-Worte. Ausgew. von v. Winterfeld, Lpz. 1907. Von d. Nichtigk. d. 
Daseins. Eine Ausw. a. d. Kleineren Schriften, hg. v. A. Buchenau (Deutsche 
Bibliothek), Berl. 1914. Gedanken, Münch. 1919. Briefe, Aufzeichngn., Ge- 
spräche, hg. v. P. Wiegler (Die fünfzig Bücher. Bd. 10), Berl. (1916). 

Übersetzungen: Vgl. die Angaben bei Bai dwin, Dict.of philos. Bd. 111,1. 
HinzukoHimen femer: Üb. d. vierf. Wiu-zel usw., frz., Paris 1908. Üb. d. 
Fundament d. Moral, frz. 10. 6d., Par. 1908. Parerga u. Paralip., trad. p. 
I. A. Cantacuzene, Par. 1907 — 12. Aphorismen z. Lebensweish., frz. 9. ed., 
Par. 1908, ital., Torino 1908, russ., Petersb. 1910 u. 1912. Pensees et frag- 
ments, frz., 25. 6d., Par. 1908. M6taph. et esthetiqvie, frz., Paris 1909. Ethique, 
droit et politique, frz., Par. 1908. Ereditä delle qualitä; Metafisica dell amore, 
con prefaz. di A. Castaldo, Roma 1909. La filosofia delle universitA, ital., 
Lanciano 1909. Morale et religione, ital., Torino 1908. Saggio sul libero ar- 
bitrio, ital., Milano 1908. Philosopliie et science de la natiu-e. Sur la philos. 
et sa methode. Logique et dialectique. Sur la theorie des couleurs. De la 
physionomie. Premiere trad. fran9aise avec preface et notes par A. Dietrich, 
Par. 1911. Vor dem Krieg erschien: Sämtl. Werke, russ. v. Aichenwald» 



§ 11. Arthur Schopenhauer. 137 

Moskau. Werken, hol!., Amsterd. 1908. D. Ästhetik d. Musik (zus. gestellt), 
Ungar. Budap. 1912. Essai s. 1. apparitions et opuscules divers, frz. Par. 1912. 
Fragments s. l'Hist. de la Ph., Par. 1912. Welt als Wille, ital. Übers, v. 
N. Palanga, Perugia 1913. 

Schopenhauers Leben. Arthiir Schopenhauer wurde am 22. Fe- 
bruar 1788 in Danzig geboren. Sein Vater war ein sehr begüterter Bankier. 
Seine Mutter ist die als Scliriftstellerin bekannte Johanna Schopenhauer, 
Verfasserin von Reisebeschreibungen imd Romanen. Nachdem er in seiner 
Jugend Reisen durch Frankreich und England mitgemacht hatte, bezog er 
1809 nach dem Tode seines Vaters, der ihn gegen seine Neigung für den 
Kaufmannsstand bestimmt und für seine Ausbildung nach dieser Seite liin 
schon gesorgt hatte, die Universität Göttingen, wo er neben Naturwissenschaft 
und Geschichte besonders Philosophie unter der Leitimg des Skeptikers Gott- 
lob Ernst Schulze studierte. Auf dessen Rat las er vor allen andern Philosophen 
Piaton imd Kant; 1811 hörte er in Berlin Fichte, dessen Lehre ihn jedoch 
unbefriedigt ließ. Er promovierte 1813 in Jena mit der Abhandlung: Über 
die vierfache Wurzel des Satzes vom ztireichenden Griinde. brachte den nächst- 
folgenden Winter in Weimar im L'mgange mit Goethe zu, dessen Farbenlelire 
er annahm, und machte auch Studien über das indische Alterttun, lebte dann 
1814 — 18 in Dresden, mit der Ausarbeitung seiner optischen Abhandlimg 
und besonders seines Hauptwerkes: Die Welt als Wille und Vorstellung, be- 
schäftigt. Sobald das Manuskript desselben vollendet war, unternahm er ein© 
Reise nach Rom und Neapel, habilitierte sich dann 1820 an der Universität 
Berlin, der er bis 1832 als Privatdozent angehörte, ohne jedoch mit Eifer und 
Erfolg zu lehren. Die Gesamtzahl aller Höreranmeldungen bei ihm betrug 9. 
1822 — 25 war er wiederum in Italien; 1831 verscheuchte ihn von Berlin 
die Cholera um so leichter, da ihm bei seinen Mißerfolgen die akademisch© 
Lehrerstellung längst nicht mehr wert war. Er hat seitdem in Frankfiu-t a. M. 
gelebt, wo er am 21. September 1860 unvermählt gestorben ist. 

Schopenhauer war in maßloser Selbstbewimderung von dem Wert 
seines Sj-stems so überzeugt, daß er sagte: ,,Die Zeit wird kommen, wo, wer 
nicht weiß, was ich über einen Gegenstand gesagt habe, sich als Ignoranten 
bloßstellt." Die L^niversitäts-Professoren schmähte er besonders deshalb, 
weil er sich von ihnen auf Grund gemeinsamer Verabredung systematisch 
totgeschwiegen glaubte. Er sah sich selbst als eine Art Religionsstifter an, 
der im Gegensatz zur jüdisch-christlichen Religion eine der buddhistischen 
ähnliche, pessinaistische Erlösimgslehre aufstellt, er bezeichnete seine Schüler 
als Apostel und Evangehsten und glaubte, er würde Gegenstand eines künftigen 
Kultus sein. Dabei entsprach sein Leben seiner pessimistischen Theorie imd 
seiner Erlösungstheorie in keiner Weise. Der Wille zum Leben war außer- 
ordenthch stark in ihm, nichts von Verachtung der Genüsse, nichts von Welt- 
entsagung, von demütiger Gesinnung war bei ihm zu bemerken. Er war sich 
dieses Gegensatzes zwischen seiner Tlieorie tmd seinem Charakter deutlich 
bewußt. Atif etwaige Vorwürfe in dieser Beziehimg würde er entgegnen, 
daß sie ihn gar nicht träfen: er erkläre, was die Dinge seien, er enthülle, worin 
das Wesen der Welt \ind die Erlösiing von diesem bestehe. Auch verpfHchte 
er weder sich noch irgendwen zu einer bestimmten Lebens- und Willensrichtiing. 
Sein Thema sei das Sein, nicht das Sollen. Nicht nur zwischen seiner Philosophie 
und seiner Persönliclikeit zeigt sich ein starker Widerstreit, sondern auch in 
seiner Persönlichkeit macht sich ein solcher entschieden geltend: die starke 



138 § 11- Arthur Schopenhauer, 

Sehnsucht nach dem Transzendenten, dem Idealen und nach der Erlösung 
einerseits, und anderseits die starke Leidenschaft, die ihn zum Sinnlichen, 
Irdischen hinabzog. Siehe besonders Volkelt, Schopenhauer, S. 38ff., auch 
Schemann in der Vorrede zu Schopenhauers Briefen, der von den zwei faustischen 
Seelen im Schopenhauer spricht. 

Schopenhauers Philosophie. In der Promotion ssclirift ,,Über 
die vierfache Wurzel des Satzes vom zureichenden Grunde" 
unterscheidet Schopenliauer das principium essendi, fiendi, agendi und co- 
gnoscendi (welche Ordnim.g er als die systematische bezeiclinet) oder (nach di- 
daktischer Ordnung) fiendi, cognoscendi, essendi und agendi. Der Satz vom 
zureichenden Grvmde drückt, allgemein genommen, die zwischen allen 
unseren Vorstellungen bestehende gesetzmäßige und der Form nach a priori 
bestimmbare Verbindung aus, vermöge welcher nichts für sich Bestehendes 
und Unabhängiges, auch nichts Einzelnes und Abgerissenes Objekt für xins 
werden kann. Diese Verbindimg ist nach der Verschiedenheit der Art der Ob- 
jekte auch selbst eine verschiedenartige. Alles nämlich, was für uns Objekt 
werden kann, also alle unsere Vorstellungen, zerfallen in vier Klassen, 
und demgemäß nimmt auch der Satz vom Grunde eine vierfache Gestalt 
an. Die erste Klasse der möglichen Gegenstände unseres Vorstellungs- 
vermögens ist die der anschaulichen, vollständigen, empirischen Vorstellungen. 
Die Formen dieser Vorstellungen sind die des Innern und des äußern Sinnes, 
Zeit vmd Raum. In dieser Klasse der Objekte tritt der Satz vom zureichenden 
Grunde auf als Gesetz der Kausalität; Schopenhauer nennt ihn als solches 
den Satz vom zureichenden Grunde des Werdens, principiima rationis 
Bufficientis fiendi. Wenn ein neuer Zustand, eines oder mehrerer Objekte 
eintritt, so mviß ilma ein anderer vorhergegangen sein, auf welchen der neue 
regelmäßig, d. h. allemal, so oft der erste da ist, folgt; ein solches Folgen heißt 
ein Erfolgen, und der erste Zustand die Ursache, der zweite die Wirkung. 
Als Korollarien ergeben sich a\is dem Gesetze der Kausalität das Gesetz der 
Trägheit, weil ohne äußere Einwirkvmg der früliere Zustand beharren muß, 
und das der Beharrlichkeit der Substanz, weil das Kausalgesetz nur auf Zu- 
stände, nicht avif die Substanz selbst geht. Die Formen der Kausalität sind: 
Ursache im engsten Sinne, Reiz imd Motiv; nach Ursachen im engsten Sinne, 
wobei Wirkimg und Gtegenwirkung einander gleich sind, erfolgen die Verände- 
nmgen im xmorganischen Reiche, nach Reizen die Veränderungen im orga- 
nischen Leben, nach Motiven, deren Medium die Erkenntnis ist, erfolgt das 
Tun, d. h. die äußeren, mit Bewußtsein geschehenden Aktionen aller ani- 
malischen Wesen. Der Unterscliied zwischen Ursache, Reiz und Motiv ist 
die Folge des Grades der Empfänglichkeit der Wesen. Die zweite Klasse 
der Objekte für das Subjekt wird gebildet durch die Begriffe oder die abstrakten 
Vorstellungen. Auf die Begriffe und die aus ihnen gebildeten Urteile geht 
der Satz vom zureichenden Grunde des Erkennens, principimn 
rationis sufficientis cognoscendi, welcher besagt, daß, wenn ein Urteil eine 
Erkenntnis ausdrücken soll, es einen zureichenden Grund haben muß; wegen 
dieser Eigenschaft erhält es sodann das Prädikat wahr. Die Wahrheit ist 
entweder eine logische, d. h. formale, Richtigkeit der Verknüpfvmg von Ur- 
teilen oder eine materiale, auf sinnliche Anschauung gegründet, welche, sofern 
das Urteil sich unnrüttelbar aiif die Erfahrung gründet, empirische Wahrheit 
ist, oder eine transzendentale, die sich auf die im Verstände und in der reinen 



§ 11. Arthur Schopenhauer. 139 

Sinnlichkeit liegenden Formen der Erkenntnis gründet, oder eine metalogische, 
worunter Schopenhauer diejenige Walirheit versteht, welche auf die in der Ver- 
nunft gelegenen formalen Bedingungen alles Denkens gegründet sei, nämlich 
die Wahrheit des Satzes der Identität, des Widerspruchs, des ausgeschlossenen 
Dritten und des Satzes vom zureichenden Grunde des Urteils selbst. Die 
dritte Klasse der Gegenstände für das Vor stellungs vermögen büdet der 
formale Teil der vollständigen Vorstellungen, nämhch die a priori gegebenen 
Anschauungen der Formen des äußeren und inneren Sinnes, des Raumes 
und der Zeit. Als reine Anschauungen sind sie für sich und abgesondert von 
den vollständigen Vorstellungen Gegenstände des Vorstellungsvermögens. 
Raum und Zeit haben die Beschaffenheit, daß alle ihre Teile in einem Verhält- 
nis zueinander stehen, in Hinsicht auf welches jeder derselben durch einen 
anderen bestimmt und bedingt ist. Im Raum heißt dieses Verhältnis Lage, 
in der Zeit Folge. Das Gesetz, nach welchem die Teile des Raumes vind der 
Zeit in Absicht auf jene Verhältnisse einander bestimmen, nennt Schopenhauer 
den Satz vom zureichenden Grunde des Seins, principium rationis 
Bufficientis essendi. In der Zeit ist jeder Augenbück bedingt durch den vorigen; 
auf diesem Nexus der Teile der Zeit berulit alles Zählen; jede Zahl setzt die 
vorhergehenden als Gründe ilires Seins voraus. Ebenso beruht auf dem Nexus 
der Lage der Teile des Raumes die ganze Geometrie; es ist eine wissenschaft- 
liche Avifgabe, solcheBeweise zu finden, welche nicht bloß irgendwie als,,Mause- 
fallenbeweiae" die Wahrheit des Satzes dartun, sondern dieselbe aus dem Seins- 
grimde ableiten. Die letzte Klasse der Gegenstände des Vorstellungsver- 
mögens wird gebildet durch das tmmittelbare Objekt des inneren Sinnes, 
das Subjekt des Wollens, welches für das erkennende Subjekt Objekt ist, 
und zwar nur dem inneren Sinn gegeben, daher es allein in der Zeit, nicht im 
Raum erscheint. In bezug auf das Wollen tritt der Satz vom Grunde auf 
als Satz vom zureichenden Grunde des Handelns, principium rationis 
sufficientis agendi, odesr als das Gesetz der Motivation. Sofern das Motiv 
eine äiißere Bedingimg des Handelns ist, gehört es zu den Ursachen imd ist 
oben in bezug auf die erste Klasse von Objekten betrachtet worden, welche 
durch die in der äußeren Anschauiing gegebene Körperwelt gebildet wird. 
Die Einwirkung des Motivs wird aber von uns nicht bloß, wie die aller anderen 
Ursachen, von außen imd daher mittelbar, sondern zugleich von innen, 
ganz unmittelbar und daher ihrer ganzen Wirkungsart nach erkannt; hier 
erfahren wir das CJeheimnis, wie dem innersten Wesen nach die Ursache die 
Wirkung herbeiführt; die Motivation ist die Kausalität, von innen gesehen. 

Schopenhauers Hauptwerk, Die Welt als Wille und Vorstellung, 
zerfällt in \'ier Bücher, von denen das erste und dritte die Welt als Vorstellung, 
das zweite imd vierte die Welt als Willen betreffen. Buch I geht auf die Vor- 
stellung als unterworfen dem Satze des Gnmdes und demgemäß als Objekt 
der Erfahning und Wissenschaft, Buch III auf die Vorstellung als unabhängig 
vom Satze des Griindes oder als platonische Idee und demgemäß als Objekt 
der Kirnst. Buch II geht auf die Objektivation des Willens, Buch IV auf die 
bei erreichter Selbsterkenntnis statthabende Bejahung imd Verneinung des 
Willens zum Leben. Angehängt ist eine Kritik der Kantischen Philosophie. 

Das erste Buch beginnt mit dem Satze: die Welt ist meine Vor- 
stellung. Dieser Satz, sagt Schopenhauer, gilt für jedes lebende imd erkennende 
Wesen, wiewohl der Mensch allein ihn in das reflektierte abstrakte Bewußt- 



140 § 11- Arthur Schopenhauer. 

sein bringen kann; er gewinnt dieses Bewußtsein durch die pliilosophische 
Betrachtung. Das Zerfallen in Objekt und Subjekt ist diejenige Form, unter 
welcher allein irgendeine Vorstellung, welcher Art sie auch sei, abstrakt oder 
intuitiv, rein oder empirisch, nur überhaupt möglich und denkbar ist. Alles, 
was für die Erkenntnis da ist, also die ganze Welt, ist niu" Objekt in Beziehung 
a\if das Subjekt, Anschauung des Anschauenden, als Vorstellung. Alles, was 
irgend zur Welt gehört und gehören kann, ist unausweichbar mit diesem Be- 
dingtsein durch das Subjekt behaftet und ist nur für das Subjekt da. Die 
wesentlichen und daher allgemeinen Formen alles Objekts können, wie Schopen- 
hauer mit Kant annÜTimt, auch oline die Erkenntnis des Objekts selbst, vom 
Subjekt ausgehend, gefunden und vollständig erkannt werden, d. h. sie liegen 
a priori in unserm Bewußtsein. Schopenhauer behauptet aber überdies, daß 
der Satz vom Grtmde der gemeinschaftliche Ausdruck für alle luis a priori 
bewußten Formen des Objekts sei. Er lehrt, daß das Dasein aller Objekte, 
sofern sie Objekte, Vorstellungen und nichts anderes seien, ganz und gar in 
ihrer notwendigen Beziehung zueinander bestehe, welche der Satz vom Grunde 
ausdrückte. Für jede Wissenschaft ist der Satz vom Gnmde das Organen, 
ihr besonderes Objekt aber das Problem. Der INIaterialismus überspringt 
das Subjekt iind die Formen des Erkennens, welche doch bei der rohesten 
Materie, von der er anfangen möchte, schon ebensoselir, als beim Organis- 
mus, zu dem er gelangen will, vorausgesetzt sind. ,,Kein Objekt ohne Subjekt" 
ist der Satz, welcher auf immer allen Materialismus unmöglich macht. Ander- 
seits, meint Schopenhauer, übersah Fichte, der vom Subjekt ausging, und 
dadurch zu dem vom Objekt ausgehenden Materialismus den geraden Gegen- 
satz ausmacht, daß er mit dem Subjekt auch schon das Objekt gesetzt hatte, 
weil kein Subjekt ohne Objekt denkbar ist, und daß seine Ableitung des Objekts 
aus dem Subjekt, wie alles Deduzieren, sich auf den Satz vom Grunde stützt, 
der doch nichts anderes als die allgemeine Form des Objektes als solchen ist, 
mithin das Objekt schon voraiissetzt, nicht aber vor und außer demselben 
gilt. Den allein richtigen Ausgangspunkt des Pliilosophierens findet Schopen- 
hauer in der Vorstellung als der ersten Tatsache des Bewußtseins, deren 
erste wesentUche Grundform das Zerfallen in Objekt und Subjekt sei, die 
Form des Objekts aber sei der Satz des Grundes in seinen verschiedenen Ge- 
stalten. Aus eben dieser gänzlichen und durchgängigen Relativität der Welt 
als Vorstellung folgert Schopenhauer, daß das innerste Wesen der Welt in 
einer ganz andern, von der Vorstellung dvirchaus verschiedenen Seite derselben 
zu suchen sei. Die Vorstellung bedarf des erkennenden Subjekts als des Trägers 
ihres Daseins. Wie das Dasein der Welt abhängig ist vom ersten erkennenden 
Wesen, ebenso notwendig ist dieses abhängig von einer ihm voraiisgegangenen 
Kette von Ursachen und Wirkungen, in die es selbst als ein Ideines GÜed 
eintritt. Diese Antinomie findet darin ihre Auflösung, daß die objektive Welt, 
die Welt als Vorstellung, nur die eine, gleichsam äußere Seite der Welt ist, 
welche noch eine ganz tmd gar andere Seite hat, die ihr innerstes Wesen, ihr 
Kern, das Ding an sich ist, welches nach der unmittelbarsten seiner Objekti- 
vationen Wille zu nennen ist. 

Von der Objektivation des Willens handelt Schopenliauer im 
zweiten Buch. Dem Subjekt des Erkennens ist sein Leib auf zweifache 
Weise gegeben, einmal als Vorstellung in verstandesmäßiger Anschautmg, 
als Objekt unter Objekten und den Gesetzen dieser imterworfen, sodann aber 



§ 11. Arthur Schopenhauer. 141 

auch als jenes jedem unmittelbar Bekannte, welches das Wort Wille bezeiclinet. 
Der Willensakt und die Aktion des Leibes sind nicht zwei objektiv erkannte, 
diu"ch das Band der Kausalität miteinander verknüpfte, verschiedene Zustände, 
sondern sie sind eins und dasselbe, nur auf zwei gänzlich verschiedene Weisen 
gegeben. Die Aktion des Leibes ist nichts anderes als der objekti\'ierte, d. h. 
in die Anschauung getretene Akt des W^illens. Der ganze Leib ist nichts anderes 
als der objektivierte, d. h. zur VorsteUiing gewordene Wille, die Objektivität 
des Willens. Ob die übrigen dem Indix-iduum als Vorstellungen bekannten 
Objekte gleich seinem eigenen Leibe Erscheinungen eines Willens seien, dies 
ist der eigentliche Sinn der Frage nach der ReaÜtät der Außenwelt. Die ver- 
neinende Antwort wäre der theoretische Egoismus, der sich, wie Schopen- 
hauer lelirt, durch Beweise nimmermehr widerlegen läßt, dennoch aber zu- 
verlässig in der Philosophie niemals anders denn als skeptisches Sophisma, 
d. h. ziun Schein, gebraucht worden ist, als ernstliche Überzeugung aber allein 
im ToUhause gefiuiden werden könnte. Da ein Beweis gegen den theoretischen 
Egoismus zwar nicht möglich, aber auch nicht erforderlich ist, so sind wir 
berechtigt, die doppelte, auf zwei vöUig heterogene Weisen gegebene Erkennt- 
nis, die wir vom Wesen und Wirken ixnseres eigenen Leibes haben, weiterhin 
als einen Schlüssel zum Wesen jeder Erscheinung in der Natur zu gebrauchen 
vmd alle Objekte, die nicht unser eigener Leib, daher nicht auf doppelte Weise, 
sondern allein als Vorstellungen tmserm Bewußtsein gegeben sind, nach Ana- 
logie jenes Leibes zu beurteilen und daher anzunehmen, daß, wie sie einerseits, 
ganz so wie er, Vorstellungen und darin ilxm gleichartig sind, auch ander- 
seits, wenn man ihr Dasein als Vorstellungen des Subjekts beiseite setzt, das 
dann noch Übrigbleibende, seinem inneren Wesen nach, dasselbe sein muß, 
als das, was wir an uns Wille nennen. Der Wille als Ding an sich ist von seiner 
Erscheinung gänzlich verschieden und völlig frei von allen Formen derselben; 
er geht in dieselben ein, indem er erscheint, sie betreffen daher nur seine Ob- 
jektivität. Der Wille als Ding an sich ist einer, seine Erscheiniingen in Raum 
und Zeit aber sind unzählig. Zeit und Raum sind das principium indi- 
väduationis. 

Das einzelne in Raum und Zeit und dem Satze des Grundes gemäß 
erscheinende Ding ist nur eine mittelbare Objektivation des Dinges an sich 
oder des Willens; zwischen diesem imd dem Einzelobjekt steht noch die Idee 
als die alleinige unmittelbare Objektivität des Willens. Die Ideen sind die Stufen 
der Objektivation des W^illens, welche, in zahllosen Individuen aiisgedrückt, 
als die unerreichten INIusterbilder dieser oder als die ewigen Formen der Dinge 
dastehen, nicht selbst in Zeit und Raiun, das Medium der Indi\äduen, eintretend, 
sondern feststehend, keinem Wechsel unterworfen, immer seiend, nie geworden, 
wälirend jene entstehen und vergehen, immer werden und nie sind. Als die 
niedrigste Stiife der Objektivation des Willens stellen sich die allgemeinsten 
Kräfte der Nat\xr dar, welche teils in jeder Materie ohne Ausnahme erscheinen, 
wie Schwere, Undvirchdringhchkeit, teUs sich untereinander in die überhaupt 
vorhandene Materie geteilt haben, so daß einige über diese, andere über jene, 
eben dadurch spezifisch verschiedene Materie herrschen, wie Starrheit, Flüssig- 
keit, Elastizität, Elektrizität, ^Magnetismus, chemische Eigenschaften und 
Qualitäten jeder Art. Die oberen Stufen der Objektivation des Willens, auf 
welchen immer bedeutender die Individualität hervortritt, erscheinen in den 
Pflanzen und Tieren bis zum Älenschen hinauf. Jede Stufe der Objektivation 



142 § 11. Arthitr Schopenhauer. 

des Willens macht der andern die Materie, den Raum, die Zeit streitig. Ein 
jeder Organismus stellt die Idee, deren Abbild er ist, nur nach Abzug des 
Teils seiner Kraft dar, welcher verwendet wird auf die Überwältigvmg der 
niederen Ideen, die ihm die Materie streitig machen. Je nachdem dem Or- 
ganismus die Überwältigung jener die tieferen Stufen der Objektivität des 
Willens ausdrückenden Naturkräfte mehr oder weniger gelingt, wird er zum 
voUkommneren oder unvollkommneren Ausdruck seiner Idee, d. h. er steht 
näher oder ferner dem Ideal, welchem in seiner Gattung die Schönheit 
zukommt. 

ATof dieser Ideenlehre rulit Schopenhauers im dritten Buch vorge- 
tragene Philosophie der Kunst. Die Idee ist noch nicht in die tmtergeord- 
neten, unter dem Satze des Grundes begriffenen Formen des Erkennens ein- 
gegangen, aber sie trägt bereits die allgemeinste Form des Erkennens, die der 
Vorstellung überhaupt, des Objektseins für ein Subjekt. Als Individuen haben 
wir keine andere Erkenntnis, als die dem Satze des Grundes imterworfen 
ist; diese Form aber schließt die Erkenntnis der Ideen aus. Von der Erkennt- 
nis der einzelnen Dinge können wir uns zu der Erkenntnis der Ideen nxxr da- 
durch erheben, daß im Subjekt eine Veränderung vorgeht, welche jenem großen 
Wechsel der ganzen Art des Objektes entspricht und vermöge welcher das 
Subjekt, sofern es eine Idee erkennt, nicht mehr Individuum ist. Das Er- 
kennen gehört ziir Objektivation des Willens auf ihren höheren Stufen. Ur- 
sprünglich vmd ihrem Wesen nach ist die Erkenntnis dem Willen dvirchaus 
dienstbar; bei den Tieren ist diese Dienstbarkeit nie aufgehoben; die Er- 
kenntnis der Idee geschieht, indem die Erkenntnis im Menschen sich vom 
Dienste des Willens losreißt, wodurch das Subjekt aufhört, ein bloß indivi- 
duelles zu sein und in fester Kontemplation des dargebotenen Objektes, außer 
Beinem Zusammenhange mit irgendwelchen anderen rviht und darin aufgeht. 
Wenn man aufhört, den Relationen der Dinge zueinander und zum eigenen 
Wülen am Leitfaden der Gestaltungen des Satzes vom Grunde nachzugehen, 
also nicht mehr das Wo, das Wann, das Warum und das Wozu an den Dingen 
betrachtet, sondern einzig vmd allein das Was, und zwar nicht diu"ch das ab- 
strakte Denken, sondern durch die ruhige Kontemplation des gerade gegen- 
wärtigen natürlichen Gegenstandes, dann ist, was so erkannt wird, nicht mehr 
das einzelne Ding als solches, sondern es ist die Idee, die ewige Form, die 
xmmittelbare Objektivität des Willens auf dieser Stufe, und das Subjekt ist 
reines, willenloses, schmerzloses, zeitloses Subjekt der Erkenntnis. Diese Er- 
kenntnisart ist der Ursprung der Kunst. Die Kunst, das Werk des Genies, 
wiederholt die durch reine Kontemplation aufgefaßten ewigen Ideen, das 
Wesentliche und Bleibende aller Erscheinungen der Welt. Ihr einziges Ziel 
ist die Mitteilung dieser Erkenntnis. Je nachdem der Stoff ist, in welchem 
sie wiederholt, ist sie bildende Kunst, Poesie cder Musik. 

Der Baukunst, als einer der bildenden Künste, können wir keine andere 
Absicht imterlegen als die, einige der Ideen, welche die niedrigsten Stufen 
der Objektivität des Willens sind, zu deutlicher Anschauimg zu bringen, 
nämlich Schwere, Kohäsion, Starrheit, Härte, diese allgemeinen Eigenschaften 
des Steines, diese ereten dimipfesten Sichtbarkeiten des Willens, Grundbaß- 
töne der Natur. Die Ideen, in welcher der Wille die höchsten Stvifen seiner 
Objektivation erreicht, unmittelbar anschaulich darzustellen, ist Atifgabe 
der Historienmalerei und der Skulptur, während die Darstelliing des 



§ 11, Arthur Schopenhauer. 143 

Menschen in der zusammenhängenden Reihe seiner Bestrebtmgen \and Hand- 
lungen der große Vorwurf der Poesie ist. Geschichte verhält sich zur Poesie 
wie Porträtmalerei zur Historienmalerei, erstere gibt das im einzelnen, letztere 
das im allgemeinen Wahre. Die Geschichte hat die Wahrheit der Erscheinung, 
die Poesie hat die Wahrheit der Idee, die in keiner einzelnen Erscheinung 
zu finden ist, aber aus allen spricht. Der Dichter stellt mit Wahl und Absicht 
bedeutende Charaktere in bedeutenden Situationen dar, der Historiker nimmt 
beide, wie sie sich ihm bieten. Die Darstellimg der Idee der Menschheit kann 
der Dichter nun so ausführen, daß der Dargestellte zugleich der Darstellende 
ist, dies geschieht in der lyrischen Poesie; oder der Darzustellende ist vom 
Darstellenden ganz verschieden; das geschieht in allen anderen Gattungen 
der Poesie, indem da das Subjektive mehr vmd mehr zurücktritt, am deut- 
lichsten im Drama, welches die objektivste, in xdeler Hinsicht vollkommenste, 
auch schwierigste Gattung der Poesie ist. Eine ganz besondere und hohe Stellung 
nimmt die Musik ein. Sie ist nicht wie die anderen Künste das Abbild der 
Idee, sie ist vielmehr Abbild des Willens selbst, sie ist so -unmittelbare 
Objektivation des ganzen Willens, wie die Welt selbst es ist, ja wie die Ideen 
es sind. Da es also derselbe Wille ist, der sich in den Ideen wie in der Musik, 
n\xr auf verschiedene Weise objektiviert, so muß eine Analogie sein zwischen 
der Musik und den Ideen. So erkennt Schopenhauer in den tiefsten Tönen 
der Harmonie, im Grundbaß, die niedrigsten Stufen der Objektivation des 
Willens wieder, die imorganische Natur, die Masse der Planeten, in den ge- 
samten die Harmonie hervorbringenden Stimmen, zwischen dem Basse und 
der leitenden, die Melodie singenden Stimme, die gesamte Stufenfolge der 
Ideen, in denen der WiUe sich objektiviert. Die höheren repräsentieren ihm 
die Pflanzen und die Tierwelt Txnd die singende, das Ganze leitende Melodie 
das besonnene Leben und Streben des Menschen. 

Gibt Schopenhauer in dem dritten Buche seines Hauptwerkes seine 
Ästhetik, so in dem vierten seine Ethik, zu deren Darstellung freüich auch 
,,Die beiden Grundprobleme der Ethik" herangezogen werden müssen. Was 
die Frage nach der menschlichen Freiheit anlangt, so ist Schopenhauer voll- 
kommener Detemünist. Alles, was in die Erscheinung tritt, ist dem Satze vom 
Grunde imterworfen. Aber der Mensch hat das imerträgliche Gefühl der Ver- 
antwortlichkeit für das, was er tut, der Zurechnungsfähigkeit für seine Hand- 
lungen, beruhend auf der tmerschütterlichen Gewißheit, daß er selber der Täter 
seiner Taten ist. Die Tat ist jedoch ntu- das Zeugnis von dem Charakter des 
Täters. Der Charakter trägt die Schuld; da aber, wo die Schuld Hegt, muß 
auch die Verantwortlichkeit zu finden sein. Hier nimmt mm Schopenhauer 
die Lehre Kants vom Verhältnis zwischen empirischem \uid inteUigiblem 
Charakter, von der Vereinbarkeit der streng empirischen Notwendigkeit des 
Handelns \ind der transzendenten Freiheit auf, eine Lehre, welche nach Schopen- 
hauer zum Schönsten und Tiefstgedachten gehört, was Kant, ja was Menschen 
jemals hervorgebracht haben. Der empirische Charakter ist wie der ganze 
Mensch als Gegenstand der Erfahrung eine bloße Erscheinung, daher auch 
an Raima, Zeit, Kausalität gebunden, deren Gesetzen unterworfen. Hingegen 
ist die von diesen Formen unabhängige, unveränderliche Bedingung und 
Grundlage dieser ganzen Erscheinung sein intelUgibler Charakter, d. h. sein 
WiUe als Ding an sich, welchem in dieser Eigenschaft absolute Freiheit, d. h. 
Unabhängigkeit vom Gesetze der Kausalität, ZTikonunt. Die Freiheit ist 



144 § 11- Arthur Schopenhauer. 

eine transzendentale, sie tritt nicht in der Erscheinung hervor, sondern ist 
nur insofern vorhanden, als wir von der Erscheinung und allen iliren Formen 
abstrahieren, um zu dem zu gelangen, was außer aller Zeit als das innere Wesen 
des Menschen an sich selbst zu denken ist. Vermöge dieser Freiheit sind alle 
Taten des Menschen sein eigenes Werk, so notwendig sie auch aus dem empi- 
rischen Charakter bei seinem Zusammentreffen mit den IMotiven hervorgehen. 
So dürfen wir die Freiheit nicht in unseren einzelnen Handlungen, sondern 
müssen sie im ganzen Sein und Wesen suchen. Operari sequitur esse. Jeder 
Mensch handelt nach dem, wie er ist, und die demgemäß jedesmal notwendige 
Handlung wird im individuellen Fall allein durch die ]\Iotive bestimmt. 

Infolge dieser Lehre von der empirischen Notwendigkeit jeder Handlung 
gibt Schopenhauer keine Gesetze in der Ethik, sondern nur eine Beschreibung 
der Handlungen, welche für moralisch oder für unmoraUsch gelten. Für un- 
moralisch gelten nun nach ihm bei jedem Vernünftigen zweierlei Handlungen: 
1. die, welche aus reinem Egoismus, 2. die, welche aus reiner Bosheit, d. h. 
aus der Absicht, andern positiv zu schaden, hervorgehen. Außer diesen gibt 
es für die Menschen noch eine dritte Triebfeder für das Handeln, nämlich das 
IVIitleid. Den Handlungen, die aus diesem her\^orgegangen sind, %vird walirer 
moralischer Wert zugesprochen. Solche Handlimgen gehören in das Gebiet 
zweier Tugenden, der Gerechtigkeit, vermöge deren ich den Äußerungen meines 
Egoismus imd meiner Bosheit, durch die andern geschadet wird, entgegen- 
trete, und der ^lenschenUebe, vermöge deren ich zur Linderung \ind Auf- 
hebung fremder Not größere oder geringere Opfer bringe. Das Mitleid ist 
das Fundament der wahren Moral. 

Wenn nun eine Handlung aus Mitleid hervorgehen soll, also ganz allein 
des andern wegen, so muß dessen Wohl unmittelbar mein Motiv sein, wie bei 
den meisten andern Handlungen es mein eigenes Wohl ist. Ich muß mich 
mit dem andern auf irgendeine Weise identifiziert haben. Wie ist das aber 
mögüch ? Dies wird auf metaphysische Art erldärt : da das innerste Wesen 
der eigenen Erscheinung auch das des andern ist, so sind für die dies Erkennen- 
den die Schranken zwischen den verschiedenen Individuen gefallen, und ein 
jeder sagt sich: das bist du, wenn er einen andern sieht, du selbst bist der Lei- 
dende, wenn er einen andern leiden sieht. So ist es auch erklärlich, daß sich 
das Gefühl des Mitleids nicht nxir auf Menschen, sondern auch auf Tiere er- 
streckt, was betont zu haben, Schopenhauer als einen besonderen Vorzug 
seiner Ethik ansah. 

Dem Mitleid entsprechend zu handeln ist moralisch, aber dennoch ist 
dies erst der niedere Flug des Menschen, es gibt noch einen höheren. Das 
Ansich des Lebens, der Wille, das Dasein selbst, wie es in jedem Individuxma 
sich zeigt, ist ein stetes Leiden, ist teils jämmerhch, teils sclirecklich. Der 
Wille ist in seinen Erscheinungen mchts als Begehren, Bedürfnis. Man begehrt 
nur, wenn man etwas bedarf. Alles Streben entspringt aus Unzufriedenheit 
mit dem jeweihgen Zustande, ist also Leiden, solange es nicht befriedigt ist. 
Keine Befriedigung ist aber dauernd, vielmehr ist sie stets der Anfangspunkt 
eines neuen Strebens. Da nun kein letztes Ziel des Strebens zu ersehen ist, 
gibt es auch kein Maß und Ziel des Leidens. Sobald das Streben auf kurze 
Zeit einmal aufhört, stellt sich sogleich der andere Dämon des Lebens, den es 
neben der Not noch gibt, nämlich die Langeweile, ein. Diese ist ein keineswegs 
gering zu achtendes Übel; sie bewirkt, daß Wesen, die einander so wenig 



§ 11. Arthiir Schopenhauer. 145 

lieben wie die Menschen, doch so sehr einander suchen, und wird dadurch die 
Quelle der Geselligkeit. Auch werden überall gegen sie wie gegen andere Kala- 
mitäten öffentliche Vorkehrungen getroffen, schon aus Staatsklugheit, weil 
dieses Übel, so gut wie sein entgegengesetztes Extrem, die Hiingersnot, die 
Menschen zu den größten Zügellosigkeiten treiben kann: panem et circenses 
braucht das Volk. Die Langeweile ist ein so furchtbares Übel, daß sie schon 
Sträflinge zvmi Selbstmord geführt hat. Wie die Not die beständige G^eißel 
des niederen Volkes ist, so die Langeweile die der vornehmen Welt. Im bürger- 
lichen Leben ist sie durch den Sonntag, wie die Xot durch die sechs Wochen- 
tage repräsentiert. Zwischen Not und Langeweile schwingt das Leben wie 
ein Pendel hin und her. 

Mit der Höhe der Intelligenz wächst das Leiden, deshalb ist es für den 
Menschen am größten. Diese Welt für eine gute oder gar für die beste zu er- 
klären, ist nicht nur töricht, sondern gottlos, ziimal der Wille in seinen einzelnen 
Erscheinungen auf das heftigste gegen sich selbst wütet. Die Welt ist die schlech- 
teste, die überhaupt gedacht werden kann, und wäre sie niir noch ein wenig 
schlechter, so könnte sie überhaupt nicht melir existieren. Das Leben ist 
nicht lebenswert, das Nichtsein dem Sein weitaus vorzuziehen. Der Wille 
ist blind, ohne Intellekt gewesen, der diese Welt, das Leben in derselben her- 
vorgebracht hat. Schopenhauer lehrt so den entschiedensten Pessi- 
mismus. In dieser schlimmen Welt erblickt sich der Wille nvm selbst, wenn 
er sich in dem Menschen das Licht der Erkenntnis anzündet. Es kann dann 
die Frage auftauchen : Wozu dies alles ? Lohnt die Last xind die Mühe des 
Lebens durch den Grcwinn ? Als VorsteUvmg freilich, rein angeschaut oder 
durch die Kixnst wiederholt, gewährt das Dasein ein bedeutendes Schauspiel, 
PVeiheit von Qual im Genuß des Schönen. Aber diese Erkenntnis erlöst nicht 
avif immer, sondern n^xc avif Augenblicke vom Leben und ist sonach nicht der 
Weg a\is demselben, nicht ein Quietiv des Willens, dessen es zur dauernden 
Erlösung bedarf. 

Hier wird von Schopenhauer mm — freilich in ganz inkonsequenter 
Weise — die Möglichkeit statuiert, bei dem Lichte deutlicher Erkenntnis 
sich frei für oder wider diesen Willen zu erklären, d. h. den Willen zu bejahen 
oder zu verneinen. Hier ist der einzige FaU, wo die Freiheit, die sonst in die 
intelligible Welt verlegt wird, in die Erscheinung tritt. Der Wille bejaht 
sich, wenn er, nachdem die Erkenntnis des Lebens eingetreten ist, dasselbe 
ebenso will, wie er es bis dahin ohne Erkenntnis als blinder Drang gewollt hat. 
Das Gegenteil hiervon, die Verneinung des Willens zum Leben, zeigt 
sich, wenn avif jene Erkenntnis hin das Wollen endet, indem dann nicht mehr 
die erkannten einzelnen Erscheinungen als Motive des WoUens wirken, son- 
dern die ganze, durch Auffassung der Ideen erwachsene Erkenntnis des Wesens 
der Welt, die den Willen spiegelt, zum Quietiv des Willens wird, tmd so der 
Wille sich selbst frei aufhebt. Dann genügt es dem Menschen nicht mehr, 
die andern sich gleichzusetzen und diese Erkenntnis praktisch in der Gerechtig- 
keit und in der Menschenliebe zu beweisen, sondern es entsteht in ihm Ab- 
scheu vor dem Wesen dieser jammervollen Welt, dessen Ausdruck seine eigene 
Erscheinung ist. Er wählt freiwilhg Keuschheit, um die Fortpflanzung in 
künftige Geschlechter zu verneinen, tmd damit ist der erste Schritt zur Auf- 
hebung des Willens getan. Von allen Menschen so negiert, würde der Wille 
zum Leben überhaupt aufhören. Dann wird die Askese weiter getrieben. 

Ueberweg, Gnmdriß TV. \Q 



146 § 11- Arthur Schopenhauer. 

Freiwillige Armut wird getragen, das Widerwärtige, Abscheu Erregende auf- 
gesucht, um den Willen zu ertöten, die Erscheinung des Willens, der Leib, 
nur kümmerlich ernährt, es wird gefastet, ja Peinigungen luid Kasteiungen 
müssen eintreten, bis der Wüle, der in dem Körper lebt, völUg erloschen ist, 
wenn seine Erscheinung auch noch durch einen letzten Faden mit dem Leben 
zusammenhängt. — Der Selbstmord, als eine besondere Art der Bejahung 
des Willens, ist nicht erlaubt. — Statt der Unruhe, die sonst den Menschen 
von Ziel zu Ziel jagt, erfüllt ihn jetzt der volle Friede. Nur die Erkenntnis 
ist geblieben, der Wille ist geschwunden, nichts ist für den Menschen mehr 
Motiv. Schopenhauer sympathisiert mit den indischen Büßern, mit der 
buddhistischen Lehre von der Aufhebung des Leidens durch den Austritt 
aus der bxuiten Welt des Lebens (Sansara) und Eingang in die Bewußtlosigkeit 
(Nirwana) und mit den asketischen Elementen im Christentiun. 

Schopenhauers spätere Schriften enthalten Beiträge zur Ausbildung 
seines Systems, viel mehr aber noch pikante Äußerungen über die Frauen, 
gegen die herrschenden theologischen Anschauiingen und gegen die philoso- 
phischen Rechtfertigungsversuche derselben, zu deren Behuf, wie Schopen- 
hauer in unablässiger Wiederholiuig insinuiert, die ,, Philosophie-Professoren" 
von der Regierung besoldet werden. Diese in immer neuen Wendungen nicht 
ohne Aufwand von Gleist und Witz vorgebrachten Insinuationen waren be- 
stimmt, dem Zweifel Nahrung zu geben, ob das, was öffentlich gelehrt zu werden 
pflege, sich durch die Überzeugiing von seiner Wahrheit behaupte oder durch 
die Orgajiisation, die Amt \md Brot nur dem Zustimmenden gewährt und so 
den ,,Wülen ziun Leben" beherrscht. Mit maßloser Erbittervmg und ohne 
alles Verständnis für die Bedeutimg von Fichte, Hegel u. a. ergeht er sich 
in groben Schimpf werten über sie. Fichte war es nach Schopenhauer nicht 
um Wahrheit zu tun, sondern nur wocx A\if sehen und persönliche Zwecke; 
schlechte Sophismen, bloßen Hokuspokus und imsinniges W^ischiwaschi nahm 
das Publikum von ihm für Beweise hin ; er war der Vater der Scheinphilosophie. 
Doch steht er ihm als Talentmann noch hoch über Hegel, den er einen Char- 
latan, Unsinnschmierer nennt, dessen Philosophie eine solche des absoluten 
Unsinns sei, wovon drei Viertel barer Unsinn und ein Viertel aberwitzige 
Einfälle sind. Er war ein Philosophaster, ein geistiger Kaliban, der Hanswui'st 
Schellings usw. 

Der Aufsatz ,,Über die Universitätsphilosophie", sowie andere Ab- 
handlungen aus seinen Parergis und Ptiralipomenis, so seine vorzüglich ge- 
schriebenen Aphorismen zur Lebensweisheit — Von dem, was einer ist, von 
dem, was einer hat, tmd von dem, was einer vorstellt — , in denen sich auch 
inhaltlich viel Treffliches, z. B. über das Duell, findet, femer der Aufsatz über 
die Weiber, der Versuch über das Geistersehen und was damit zusammenhängt, 
das längere Gespräch über Religion, seine Metaphysik der Geschlechtsliebe u. a. 
haben Schopenhauers Schriften den Weg ins Publikiun gebahnt. Viel dazu 
beigetragen hat auch die außerordentUch klare, gewandte, lebendige, zum 
Teil glänzende Darstellvmg, die sich mögliclist fernhält von der philosophischen 
Fach- Terminologie imd zugleich Kunde gibt von der vielseitigen Bildimg 
Schopenhauers, namentlich von seiner Belesenheit in philosophischen und 
dichterischen Werken beinahe aller Zeiten und Länder. Eine Zeitlang war 
dann, in und nach Schopenhauers letzten Lebensjahren, der Schopenhaue- 
rieuiisinus in einzelnen Kreisen, besonders in solchen belletristischer Schrift- 



§ 12. Jakob Friedrich Fries. 147 

steller, Modesache, bis er durch den Nietzschekultus abgelöst worden ist. 
Aber auch die wissenschaftliche Wirkung Schopenhauers, insbesondere die 
seines metaphysischen Voluntarismus, ist eine bedeutende gewesen. 

§ 12. Jakob Friedrich Fries (1773—1843) ist ein Haupt- 
vertreter des Psychologismus. Er steht in Gegensatz zu 
den spekulativen Systemen. Selbst der Meinung, Kants Erkenntnis- 
lehre nur von Fehlern befreit zu haben, hat er dieselbe vielmehr 
ganz ins Psychologische gewandt. Da alles Erkennen eine psychische 
Funktion ist, ist nach ihm die grundlegende Disziplin der Philo- 
sophie die Psychologie (,, psychische Anthropologie"). Es sollen 
zuletzt alle apriorischen Vernunfteinsichten, weil sie jedem Menschen 
beim Handeln immanent sind, durch bloße Selbstbeobachtung ge- 
wonnen werden, so daß alle Philosophie zu einer psychologischen 
Erfahrungswissenschaft wird. Dabei nähert sich Fries einem Stand- 
punkt, der das Erkennen nur noch als psychischen Akt behandelt, 
und jede weitere Frage nach der Art seiner Beziehung zum Gegen- 
stand als falsch und unbeantwortbar abweist. 

Der Differenz im Ausgangspunkt ungeachtet schließt er sich 
im einzelnen in breitem Umfang an Kant an. Er übernimmt seine 
Unterscheidung von Erscheinungswelt und Welt der Dinge an sich, 
obschon er letztere nur für einen Gegenstand des Glaubens ansieht, 
da die Gültigkeit der Kategorien auf die Erscheinungswelt beschränkt 
ist. Auch hält er an Kants apriorischer Metaphysik der Natur fest, 
erklärt aber entschiedener als Kant auch die Organismen für bloße 
Mechanismen. Auch auf moralphilosophischem Gebiet über- 
nimmt er von Kant alles Wesentliche. Der Begriff der persönlichen 
Würde ist sein Zentralbegriff. Auf ihn gründet er seine Philosophie 
des poUtischen Lebens im Sinne des Liberalismus seiner Zeit. In 
der Geschichtsphilosophie verbindet Fries mit der Ablehnung 
eines erkennbar zielstrebigen Charakters des geschichtlichen Ver- 
laufs, wie ihn der Idealismus annahm, die Betonung des individuellen 
Wertgehaltes jeder Epoche. 

Am selbständigsten ist Fries auf religionsphilosophischem 
Gebiet. Er würdigt, ähnlich wie Schleiermacher, das Gefühlsmoment 
in der Religion und bringt religiöses und ästhetisches Erleben in 
größte Nähe. In dem Erlebnis erhabener Naturphänomene und 
dem Anschauen künstlerischer Darstellung menschlicher Moralität 
„ahnden" wir das Ewige im Endlichen. --Es gibt nach Fries drei 
Arten des Überzeugtseins: 1. das einsichtige Wissen, 2. das not- 
wendige Glauben (vgl. Kant), 3. die Ahndung, welche im religiös- 
ästhetischen Gefühl vor sich geht. — Die philosophische Wirkung 

10« 



148 § 12. Jakob F iedrich Fries. 

Fries' ist nur von mäßigem Umfang, die Zahl seiner Schüler gering 
gewesen. Neuerdings ist jedoch von mehreren Seiten auf Fries zurück- 
gegriffen worden, so daß von einer neuen Fries- Schule gesprochen 
werden kann (s. u.). 

Fries' Schriften. Bibliographie der von Fries veröffentUehten Arbeiten 
bei Henke, J. Fr. Fries, Lpz. 1867, S. 379 ff. Die wichtigsten der selbständig 
erschienenen sind: Üb. d. Verh. d. empir. Psychol. z. INIetaph. ; Propädeutik 
e. allg. empir. Psychol; V. d. rationalen Seelenlehre; Abriß e. Metaph. d. innem 
Natur; Allgem. Übers, d. empir. Erkenntnisse des Gemüts: alle 5 Avifsätze 
anonym i. Erh. Schmids Psychol. Magazin, Bd. 3. Jena 1798 (S. 156—402). 
De iiituitu intellectviah, Habil.schr 1801; Reinhold, Fichte vmd Schelling, 
Lpz. 1803, 2. verm. Avifl. u. d. Titel: Polem. Schriften Bd. 1, Halle 1824. 
Philos. Rechtslehre u. Kritik aller positiv. Gesetzgebvmg, Jena 1803, 
Lpz. 1914 (originalgetreuer Neudruck); System der Philosophie als evidenter 
Wissenschaft, Lpz. 1804; Wissen, Glaube und Ahndung, Jena 1805, neu hg. 
V. Leonh. Nelson, Göttingen 1905; Neue Kritik der Vernunft, 3 Bde., 
Heidelb. 1807, 2. Aufl. 1828-31; Syst. d. Logik, Heidelb. 1811, 2. Aufl. 1819, 
3. Aufl. 1837, Lpz. 1914 (originalgetreuer Neudruck der 3. Axifl). Von deutsch. 
Philos., Art u. Kunst, ein Votum für Jacobi gegen Schelling, Hdlb. 1812; 
Pop. Vorles.en ü. d. Sternkunde, Hdlb. 1813, 2. A. 1833; Entw. e. Systems 
d. theoret. Physik, ebd. 1813; Metavosize, Bekehret Euch (o. O.) 1814, neu 
hg. V. Nelson, Münch. 1910 (Vorkämpfer deutsch. Freiheit Nr. 2), lig. von 
H. Mühlestein, Münch. 1915. Vom deutschenBundu. deutscher Staatsverfassimg. 
Allgem. staatsrechtl. Ansichten, Hdlb. 1816; Rechtf. des Prof. Fries . . . wegen 
8. Teilnahme am Wartburgfest . . , Aktenmäßig dargestellt v. ihm selbst. 
Jena 1818; Handb. d. prakt. Philos., 1. T. Ethik od. d. Lehren d. Lebens- 
weish., Hdlb. 1818, 2 T. Religionsphilos. u. d. Weltzwecklehre (auch u. d. 
Titel Handb. d. ReUgionsph. u. d. philos. Ästhetik), Hdlb. 1832; Handbuch 
der psych. Anthropologie, 2Bde., Jenal820u. 18^L 2. Aufl. 1837 — 39;Mathemat. 
Naturphilos., Heidlb. 1822; Julius u. Evagoras, ein philos. Roman, Bd. 1, 
Heidelb. 1814; Bd. 1, 2. Aufl. u. Bd. 2, ebd. 1822; mit einigen Kürzungen 
neu hg. v. W. Bousset, Göttingen 1910; D. Lehr. d. Liebe, d. Glaubens u. 
d. Hoffnung, Hdlb. 1823 (für päd. Unterr. zwecke) ; Syst. d. Metaph., Hdlb. 
1824; Lehrb. d. Naturlehre, T. 1, Experimentalphysik, Jena 1826; Gesch. 
der Philos., dargest. nach d. Fortschritten ilirer wiss. Entwicklung, 2 Bde., 
Halle 1837 — 40. Üb. d. opt. Mittelp. im Auge nebst allg. Bemerk, ü. d. Theorie 
d. Sehens, Jena 1839; Vers. e. Kritik d. Prinzip, d. Wahrscheinlichkeitsrech- 
nung, Braunschw. 1842; Politik od. philos. Staatslehre, hg. v. E. F. Apelt, 
Jena 1848. Außerdem noch selbständige Scliriften und Zeitschr. -Aufsätze 
gegen Fichte, Schelling u. a. zur Rechtsphilosopliie, Politik, Natiirwiss., Gesch. 
d. Philos. usw. sowie Rezensionen. — Auszüge a. d. Schriften Fries', Meyers 
Groschenbibhothek, Bd. 313. 

Mitteilimgen a. d. Nachlaß von Fr. bei Henke, Fries, Lpz. 1867. Auto- 
biographische Mitteilimgen, abgedr. bei Schieiden, J. Fr. F. Westermanns 
Monatsh. Juni 1857. Der Nachlaß von Fr. befindet sich auf der Univ.bibl. 
in Jena. Fr.s Briefe an Schieiden (1833—37) aui der Hamburger Stadtbibl. — 
Jacobis Briefe an Fries (1807-16) bei Henke a. a. O. 310-332; ebd. S. 333 
bis 338 Reinholds Briefe an Fr. Vier Briefe von Gauß u. Wilh. Weber an 
Fries. In Abhdl.en d. Friesschen Schule, N. F. Bd. I (1904—06). 

Fries' Leben. Jakob Friedrich Fries, geb. 23. Aug. 1773 zu Barby, 
wurde (wie auch Schleiermacher, s. o.) in der Brüdergemeinde erzogen. Ob- 
wohl auch er frühzeitig mit den dogmatischen Überzeugtmgen der Brüder- 
gemeinde brach, hat er doch ähnlich wie Schleiermacher dauernd vmter dem 
nachwirkenden Einfliiß ihrer Lebensgesinnung gestanden. 1795 bezog er die 
Universität Leipzig, 1797 hörte er in Jena bei Fichte und war dann bis 1800 
Hauslehrer in der Schweiz. 1801 habilitierte er sich in Jena, 1805 wurde er 



§ 12. Jakol) Friedrich Fries. 149 

außerordentlicher Professor in Heidelberg, 1816 ordentlicher Professor in 
Jena, wo Karl August Preßfreiheit und Repräsentativverfassung gewährt 
hatte. 1819 ging es Fries ähnlich wie Fichte; er wurde auf Drängen der preu- 
ßischen und österreichischen Regierungen von seinem Amt suspendiert. Die 
Suspendierung war auf Fries von großer Wirkung, er trat nicht mehr hervor 
imd sah resigniert auch seine Pliilosophie ohne Einfluß bleiben; 1818 hatte 
er Aussicht gehabt, statt Hegel nach Berlin berufen zu werden! Er erhielt 
erst 1824 wieder eine Professur der Physik und Mathematik; seit 1825 hatte 
er auch die Erlaubnis, wieder philosophische Vorlesungen zu halten. Er starb 
in Jena am 10. August 1843. 

Fries' Philosophie. Fries' Philosophie steht in scharfem Gegensatz 
zu den spekulativen Systemen, Herbart eingeschlossen. In seiner Geschichte 
der Philosopliie (II. Bd.) fertigt er die nachkantischen Systeme als Anhang 
ab unter der Bezeichnung ,, Polemische Bemerkungen über neuere große Rück- 
schritte". Er erkannte die intellektuellen Schwächen ihrer Deduktionen und 
hat sie auch bereits persifliert. Die Erkenntnis der sonstigen Bedeutung jener 
Denker ging ihm ab. Auch sind seine eigenen Schriften in manchen Punkten 
wenig klar imd durchsichtig (vgl. einzelne der zitierten Aussprüche). Ein 
zweites Moment, das Fries sich gegen die spekiilativen Systeme der Zeit wenden 
ließ, waren ihre — wenigstens bei Schelling und Hegel — mit den Gesinnungen 
des innere nationale Einheit und Freiheit fordernden Liberalismus nicht in 
Übereinstinunimg befindlichen Tendenzen. 

In vielem schheßt sich Fries eng an Kant an. Er hat sich selbst für 
seinen treuesten Schüler gehalten und erblickte im Kantischen System den 
Abschluß der Geschichte der Pliilosophie, den es mir im einzelnen zu verbessern 
gelte. Außer Kant haben auch Jacobi und Sehleiermacher Einfluß auf ihn 
gewonnen. — Eine Untersuchung über die Entwicklungsgeschichte seines 
Denkens Hegt noch nicht vor. Manches Material dazu bei Henke, J. F. Fries. 
Aus s. handschr. Nachl. dargestellt, Lpz. 1867. 

Gleich die allgemeinen erkenntnistheoretischen Grvmdgedanken über- 
nimmt Fries von Kant. Die vmter den Natixrgesetzen stehende Welt ist bloße 
Erscheinung, ihr liegt ein Sein an sich zugrunde. Unser Wissen erstreckt 
sich nur auf die Erscheimmgswelt. In der Ableitung dieses Standpunktes 
geht Fries jedoch völlig eigene Wege. 

Die größt« Veränderung, die er mit dem Kantischen System vorgenommen 
hat, ist seine Umgestaltiing des Transzendentalen ins Psychologische. Er 
ist ganz und gar Psychologist. Als die wichtigste Aufgabe erscheint ihm 
eine psychologische Durchforschung der Vernunft. ,, Soviel ist 
gewiß, daß, wenn wir das Wiesen der Vernunft tief genug kennen lernten, 
wir daraus alle Gesetze der Spekulation und alle Philosophie müßten be- 
Tirteilen können, denn unsere Erkenntnis der Welt ist als Erkenntnis immer 
nur eine Tätigkeit meiner Vernunft." ,,Der Gegenstand mag außer mir oder 
in mir sein, die Erkenntnis ist immer in mir, und so muß ich sie erst beobachten, 
ihre Gesetze und die Gesetze der Vernimft kennen lernen, aus denen sie ent- 
springt, ehe ich mit Erfolg darüber lu-teilen kann, wie es mit dem Gegenstande 
steht, der ihr entspricht." ,, Selbsterkenntnis ist also die Forderung, Unter- 
suchimg der Vernunft, Kenntnis der Antliropologie!" (N. K. I, Vorr,). Außer 
Herbart hat keiner der Sj'stemphilosophen jener Epoche sich soviel mit Psy- 
chologie beschäftigt wie Fries. 



150 § 12. Jakob Friedrich Fries. 

Diirch bloße psychologische Selbstbeobachtung sollen also die Grund- 
lagen der Pliilosophie gewonnen werden. Fries geht soweit, zu behaupten, daß 
alles Pliilosophieren „geistige Selbstbeobachtung" sei. Jeder Älensch ist 
im Besitz der apriorischen pliilosophischen Erkenntnisse und wendet sie beim 
Handeln ständig an. Es ist daher weiter nichts nötig, als durch Selbstbeob- 
achtimg imd Reflexion diese dem Handelnden immanenten, gewöhnlich dunklen 
Einsichten festzustellen. ,,Die Kritik der Vernunft ist eine auf Selbstbeob- 
achtung ruhende Erfahrungswissenschaft" (Metaph. S. 110). Fries rechnet 
es sich zum besonderen Verdienst an (Gesch. d, Ph. II, 597), daß er bei diesem 
rein immanenten Verfahren die Erkenntnis nicht mit den Gegenständen zu 
vergleichen habe. Die Übereinstimmung des Denkens mit dem Seienden 
nachzuweisen, sei überhaupt luimöglich und die Aufgabe falsch gestellt (N. K. II, 
179f.). Doch hat Fries diese rein immanente, extrem psychologistische Auf- 
fassung des Erkenne ns nicht konsequent diirchge führt. Er schreibt der Er- 
kenntnis objektive Gültigkeit zu im Sinne eines Übereinstimmens mit den 
Gegenständen, da er das gegebene Lebensbewiißtsein mit seinen Inhalten 
einfach hinnimmt und es als richtig voraussetzt. Die Vernunft ,,ist sich selbst 
Garant der Wahrheit, die Erkenntnis ist eine unmittelbare Tatsache meines 
inneren Lebens, die nicht erst a\is Gründen ermittelt werden kann, und mein 
Bewußtsein der Wahrheit ruht nur auf dem Selbstvertrauen der Vernunft" 
(Gesch. d, Ph. II, 597). Die apriorisch-apodiktischen Vemunftsätze werden 
nicht bewiesen, sondern nur im Bewußtsein axifgewiesen. Den Nsichweis, 
wie andere Sätze auf diesen letzten Grundsätzen beruhen, nennt Fries ihre 
,,Ded\iktion". Fries greift insbesondere die Unterscheidung von erkennendem 
Subjekt und erkanntem Gegenstand als Objekt der Vorstellung an: die Selbst- 
beobachtung zeige nichts davon (N. K. I, 42). Ebenso wendet er sich gegen 
die Auffassimg, daß unsere Empfindimgen nur objektive Bedeutimg haben, 
weil ein uns affizierender Gegenstand dahinter steht. — Der Gegenstand in 
der Anschauung (z. B. grüner Baum) wird nicht erst durch Reflexion nach- 
trägUch hinzugebracht, sondern er ist von Anfang an mit dabei, er wird eben 
angeschaut. Von dieser Sinnesanschauung ausgehend, will Fries zeigen, wie 
wir in der inneren Geschichte imseres Erkennens durch Einbildungskraft 
und Reflexion von ihr aus zur vollständigen Erkenntnis kommen (N. K. I, 58). 
Der erste Schritt über den im Empfinden gegebenen Gegenstand (den Sinnes- 
inhalt) hinaus geschieht durch die produktive Einbildungskraft. Die voll- 
ständige Erkenntnis setzt voraus, daß zur Sinnlichkeit noch der Verstand 
hinzutritt. Die Erfahrung entsteht durch die Vereinigung der Wahrnehmung 
mit der an sich rein formalen, apriorisch-apodiktischen Verstandeserkenntnis 
(I, 252). Die Gesetze des Verstandes sind die ,, Gesetze der Denkbarkeit eines 
Dinges" (I, 264). Raum und Zeit sind Anschauungsformen, die aus dem Sub- 
jekt stammen. Die Anschauung ihrer selbst — auf ihr beruht die Mathematik 
— unterscheidet sich als reine Anschauung von der Sinnesanschauung. Die 
Dinge werden uns in der Sinnesanschauung nicht als in Raum xmd Zeit 
konstruiert, sondern nur unter den Bedingungen einer jederzeit mög- 
lichen Konstruktion derselben in Raum und Zeit gegeben; die Kon- 
struktion selbst wird von der Einbildimgskraft geleistet. — Die apriorischen 
Erkenntnisse — Fries nennt sie mit Kant Metaphysik — zerfallen in speku- 
lative Philosophie (Metaph. der Natur und der Seele), Ethik und Toleologie 
der Natur. 



§ 12. Jakob Friedrich Fries. 151 

Auf naturphilosophischem Gebiet wird Fries' Gegensatz zur Speku- 
lation seiner Zeit besonders deutlich. Er hält sich auf soliderem Boden und 
zeigt eine ausgedehnte Kenntnis der positiven Forschung seiner Zeit, war 
er doch selbst (s. o.) Professor der Physik und Mathematik und hat exakt 
natiuTrissenschaftliche Arbeiten geschrieben. Wie Kant hält aber auch er 
apriorische Naturwissenschaft für möglich. Sie zeigt, wie die Kategorien 
durch den mathematischen Schematismus auf die Erfahrung anwendbar 
sind. Die allgemeinsten mathematischen Schemata sind die reinen Zeitbestim- 
mungen. Aus ihrer Verbindung mit den Kategorien entsteht das System der 
höchsten allgemeinen Naturgesetze. Ihm ordnen sich tmter die Metaphysik 
der äußeren Natur und die der inneren. Die erstere ist „reine Bewegungslehre", 
, »gleichsam die Philosophie der angewandten Mathematik". Sie soll die Mathe- 
matik Newtons mit der Philosophie Kants vereinigen. Nach Gesetzen apriori 
wird die Gültigkeit der Arithmetik und Gteometrie für die Natur behauptet, 
apriori erkennen wir die Beharrlichkeit der Masse, ihre Trägheit, das Gresetz 
der Gleichheit von Wirkung und Gegenwirkung. Doch ist der Bereich des 
apriori Erweislichen bei Fries enger als bei Kant. Die Tatsachen der Anziehungs- 
kraft der Körper tmd ihrer Gesetze sind nach ihm nicht apriori feststellbar. 
Die Teile der Naturphilosophie sind : Phoronomie (Bewegungslehre im engeren 
Sinn), Dynamik (Lehre von den Kräften), Mechanik (Bewirkung von Bewe- 
gimgen), Stöchiologie (Zusammensetzung der Massen), Morphologie (Formen 
der Wechselwirkxing in der Körperwelt), Phänomenologie (Lehre von der Art, 
wie uns die Körper in der Wahrnehm vmg erscheinen). — Die Natur als Ganzes 
ist auch nach Fries als ein Organismus zu betrachten. Doch stehen die Or- 
ganismen nach ihm nicht jenseits der mechanischen W^eltordntmg. 

In noch konsequenterer Weise als Kant bricht er mit der vitalistisch- 
teleologischen Auffassung, die „der größte Fehler" sei, ,,der noch in Kants 
Spekulation stehen geblieben ist". (Positiv durchzuführen gesucht hat die 
mechanische Aiiffassung Jakob Matthias Schieiden, zunächst für die Pflanzen- 
welt.) Zugleich sprach Fries den Gedanken einer mathematischen Theorie 
der organischen Formen aus: ,, Einfach und reich und mit der größten geo- 
metrischen Bestimmtheit ihrer Konstruktionen stehen dabei die Fragen nach 
einer reinen Theorie des Kristalhsationsprozesses an der Spitze. Wer wird 
uns ihre Beantwortvmg bringen ? Wer es auch sei, er wird die größte Epoche 
zum Anfang einer neuen Epoche der mathematischen Naturwissenschaft 
bestimmen" (Math. Naturphil. 585). Ein Verdienst kommt Fries auf dem 
Gebiet der Philosophie den exakten Wissenschaften insofern zu, als er zu den 
wenigen Systemphilosophen gehört, die um eine Philosophie der Mathematik 
bemüht gewesen sind (in s. Math. Naturphilos.). Auch mit der Theorie der 
Walirscheinlichkeit hat er sich beschäftigt. 

Auf psychologischem Gtebiet bekennt sich Fries als außer durch 
Kant besonders durch Platner beeinflußt; er befindet sich in Gegensatz zu 
Herbart. Er leugnet die Möglichkeit einer mathematischen Psychologie, 
weil man ohne Maß nicht messen könne. Die Größen des geistigen Lebens 
sind intensiver Natur, für intensive Größen aber gibt es keine Maßeinheit. 
Das einzige mathematische Naturgesetz, das auf die innere Erfahrung anwend- 
bar ist, ist das Gesetz der Stetigkeit. Nicht eirmial das Zugleichsein unserer 
Geistestätigkeiten läßt sich mathematisch konstruieren (Grundr. d. Metaph. 
§ 81). Auch ein Gesetz der Gleichheit von Wirkung und Gegenwirkung ist 



152 § 12. Jakob Friedrich Fries, 

für die innere Welt nicht angebbax. Auch hält Fries an dem Begriff des Seelen- 
vermögens fest. Es sei eine falsche Spitzfindigkeit, Geistestätigkeiten ohne 
Greistesvermögen denken zu wollen. Und zwar unterscheidet Fries (im Syst. 
der Metaph.) drei Grundvermögen: 1. das Erkenntnisvermögen (Verm. zur 
Vorstellung des Daseins der Dinge); 2. das Gemüt, welches uns das Interesse 
gibt, in den Vorstellungen vom Werte der Dinge, die wir in Gefühlen der Lust 
imd Unlust besitzen; 3. die Tatkraft, durch deren Verbindung mit dem Gemüt 
dieses zum Trieb (Begierde) wird. (In der ,, Neuen Kritik" [I, 25] ist das erste 
Vermögen noch geteilt in: Erkennen, Vernunft, äixßerer und umerer Sinn, 
Reflexion.) Ferner unterscheidet Fries zwischen einem unteren und einem 
oberen Gedankenlauf. Der erste ist rein assoziativer Natur, während im zweiten 
die Seele eigentUche Aktivität entfaltet. Die Unterscheidimg ist auch in psycho - 
pathologischer Hinsicht wichtig. Das Wesen der Geistesstörxong besteht in 
einer Störung des oberen Gedankenlaufs. Den SubstantiaUtätsbegriff des Ich 
gibt Fries axxf Gnmd der von Kant an demselben geübten Kritik preis, doch 
erkennt er an, daß alle Tätigkeiten des Geistes demselben Ich angehören; 
er läßt es dahingestellt sein, ob dieses Ich ein selbständiges bleibendes Wesen 
oder nur die identische Form wechselnder Wesen ist. Das bloße Bewußtsein 
meines Daseins, das reine Selbstbewußtsein soll keine eigenthche Anschauung, 
sondern nur ein unbestimmtes Gefühl meines Daseins sein (I, 82). Im ganzen 
durchaus Vertreter der empirischen Seelenlehre, hält Fries doch wiederum 
mit Kant an der MögUchkeit gewisser apriorischer Erkenntnisse der Seele 
fest (I, 9). Das Verhältnis von Leib und Seele bestimmt er in frappierend 
naiver Weise ohne alle Einschränktmg als identisch (II, 221 ff.). 

In seiner Psychischen Anthropologie hat Fries auch zu psychiatrischen 
Problemen Stellxuig genommen. Wie neuerdings erkannt worden ist (siehe 
tmten die neufriesische Schule), ist Fries der psychiatrischen Entwicklung 
uja fast ein halbes Jahrhundert mit seinen Ideen vorausgeeilt. Er unterscheidet 
bereits angeborene xmd erworbene, heilbare und unheilbare, ununterbrochene 
und periodische Geistesstörungen. Ebenso trennt er die konstitutiven Faktoren 
von den auslösenden Momenten. Auch die Bedeutung des physiologischen 
Faktors ist ilina bekannt. Die damaligen Fachpsychiater haben keine von 
diesen Einsichten besessen. 

Am engsten schließt sich Fries trotz mancher Polemik an Kant in der 
Moral- und Rechtsphilosophie an. Der beherrschende Begriff ist der 
der persönUchen Würde. ,, Jede IntelUgenz als Person hat Würde und existiert 
als Zweck an sich" (Syst. d. Ph., § 419). Gegenstand der Tugendlehre sind die 
moraüschen Pflichten, Gegenstand der Rechtslehre die äußeren rechtlichen 
PfUchten. Daß Gnmdgesetz der Rechtslehre ist: ,, Behandle die Menschen 
in keiner Person dem Gesetz der Gleichheit der persönlichen Würde zuwider" 
(§ 431). Die Tugend allein gibt dem Leben Wert. Höchster Zweck im poli- 
tischen Handeln ist, die Gesellschaft zur Tugend zu bilden. Doch kommt 
es nicht zur Aviffassiuig des Staates als , .moralischer Anstalt". ,,Was wir vom 
Staate verlangen, ist die Möglichkeit, unsere Bedürfnisse befriedigen zu können" 
(N. K. d. V. III, 242). Prinzip der Gesetzgebimg soll sein: möglichste Gleich- 
heit des Wohlstandes, verbunden mit möglichster Freiheit in der Art des 
Gentisses bei der Verteilimg des Eigentums. Der Zweck des Staates ist, das 
Recht geltend zu machen. Deshalb ist die einzige mögliche rechtUche Organi- 
sation des Staates die eines wechselseitigen Zwanges des Regenten tmd des 



§ 12, Jakob Friedrich Fries. 153 

Volkes. ,,Der Regent zwingt durch die oberste Gewalt jeden einzelnen tinter 
das Gesetz; das Volk zwingt durch die Furcht vor der aufgeklärten öffentlichen 
Meinung den Regenten unter das Gesetz" (Syst. d. Ph. § 466). Fries bekennt 
sich zu den Ideen der Uberalen Bewegung. Teilnahme des Volkes an den öffent- 
lichen Angelegenheiten, öffentlich-geistiges Leben luid seine Voraussetzungen, 
Preßfreiheit und Repräsentativ\'erfassung, sind die Ideale, von denen sein 
übriges maßvolles und abwägendes Denken getragen wird, das hellenisch- 
antikes Leben als Vorbild ansieht. Weitgehend sind seine Reformforderungen 
auf sozialrechtlichem Gebiet (, »Unser Recht ist ein Faustrecht der Reichen", 
PoHtik 210). Ziun Teil weicht er dabei von sonst durchgehende vom Liberalis- 
mus vertretenen Forderungen, so der der vollen Gewerbefreiheit, erheblich 
ab (207). Das große Vertrauen, das Fries auf die kulturellen Kräfte des Volkes 
setzte, machte Hegel zu seinem Gegner. Hegel bezeiclinete ihn (Vorr. zur 
Rechtsph.) als einen ,, Heerführer dieser Seichtigkeit, die sich Philosophieren 
nennt", und sprach von seiner Wartburgfest-Ansprache als einem ,,Brei des 
Herzens, der Freundschaft und Begeisterung". 

Geschichtsphilosophie. Auch in der Auffassung des Verlaufs der 
Geschichte läßt Fries nur die kaiosale gelten. Er lehnt jede idealisierende, 
eine höhere Zielstrebigkeit in die Geschichte hineinlegende Interpretation 
ab und polemisiert scharf gegen Fichtes, SchelUngs und Hegels Lehren in 
einem der Polemik Rankes verwandten Sinne: es scheint ihm der eigentüm- 
liche Wert jeder Epoche (Politik 22) dixrch eine solche teleologische Betrachtung 
vernichtet zu werden. ,,Die äußere Geschichte der Menschen ist den Gesetzen 
eines Naturlaufs unterworfen, indem nur Gewalt über Gewalt, oder Klugheit 
über Klugheit siegt" (Wissen, GL, Ahnd. 267 f.). Der Widerstreit von Moralität 
und Glück ist nicht zu bedauern. Fielen beide zusammen, so würde die Tugend 
keine Kraft erfordern, sie wäre für die Erschein\ing vernichtet, und die ^^'elt 
wäre noch schlechter als die gegebene, in der wir doch wenigstens der Idee 
der Tugend fähig sind. Ein wirkhcher Fortschritt ist nur aiif intellektuellem 
Gebiet zu erweisen, und seine Verfolgung wie dieFeststeUting der ihn beherrschen- 
den Gesetze darum die eigentUche Aufgabe der Philosophie der Geschichte. 
Mit gründlicher Kenntnis und selbständigem Urteil, wenn auch an Hegels 
Eindringen in die Innerlichkeit der Geschichte nicht heranreichend, entwirft 
Fries ein Bild des allgemeinen geschichthchen Werdeganges (Politik, 2. Teil). 

Mehr Verwandtschaft mit dem Geist der Romantik als auf andern Ge- 
bieten zeigt Fries innerhalb der Religionsphilosophie. Zwar hält er an 
dem Dualismus des Weltbildes Kants: Welt— Gott fest. Er steht im Gegen- 
satz zum Pantheismus seiner Zeit. Doch wird auch er insofern von ihrem Geiste 
berührt, als er Morahtät imd Schönheit in größte Nähe bringt (vgl. Herbart). 
„Die höchste Schönheit ist die Schönheit der Seele, welche der menschliche 
Geist in den Tugenden und allen tugendhaften Handltmgen zeigt" (D. Leliren 
d. Liebe visw. XIV, 49). ,,Die ganze Tugendlehre ist nichts anderes als die 
Lehre von der Schönheit der Seele" (50). Es kreuzen sich hier bei Fries wohl 
der Einfluß Schillers und der der romantischen Griechenauffassving als moralisch- 
ästhetischer Vollendung. Im Zusammenhang mit dieser wie vor allem seiner 
deutsch-nationalen Gesinnung legt Fries Wert auch auf körperliche Schönheit 
und Ausbildung. „Halte avif gesunde, kräftige, gewandte und anmutige Er- 
scheimmg deines Körpers" (XXV). Obwohl Fries m der Bestimmtmg des 
Ästhetischen und seiner Abgrenzung gegenüber dem Sinnlich-Angenehmen 



154 § 12. Jakob Friedrich Fries. 

eich durchaus in den Bahnen Kants bewegt — das Ästhetische ist auch ihm 
das ohne Interesse Gefallende — so geht er doch insofern ganz über ihn hinaus, 
als er das Ästhetische in engste Beziehung zum Religiösen setzt. Zwar hatte 
auch Kant in der Kritik der Urteilskraft — die von Fries als sein bedeutendstes 
Werk betrachtet wxu-de — bereits in gelegenthchen Bemerkungen das Ästhe- 
tische zum Moraüschen vmd Rehgiösen in Beziehvmg gesetzt, aber es waren 
sporadische Bemerkungen gewesen. Fries rückte sie in den Mittelpunkt und 
kommt dadurch zu einer ganz andern Einordmmg der Ästhetik ins System 
der Philosophie: er macht sie zu einem Teil der Religionsphilosophie. Dais 
war möghch allein, weil er auf rehgiösem Gebiet über die Position Kants hinaus- 
geht. Für diesen war der Kern des rehgiösen Lebens im Sinne der Aufklärung 
die Morahtät gewesen. Fries ist Schüler des Herrnhutertums und Zeitgenosse 
der Romantik. Er läßt der Gefühlsseite der Religion viel höhere Berück- 
sichtigung zuteil werden. ,,ReUgiosität besteht nicht bloß durch den Glauben, 
sondern durch Andacht. Andacht ist die ihr eigentiimhche Gemütsstimmung" 
(Wissen, Gl., Ahnd. 237). „Das ganz Eigentiimhche der religiösen Überzeugung 
ist das religiöse Gefühl, welches in den Gefühlßstimmtmgen der Frömmigkeit 
lebt" (Metaph. 515). 

Das religiöse Gefühl stellt nach Fries eine besondere Form menschUchen 
Überzeugtseins überhaupt dar. Er unterscheidet drei Stufen desselben: 1. das 
Wissen. Dies allein ist wirküche Erkenntnis. Aber es bleibt Stückwerk und 
unbefriedigend. 2. das Glauben. Es ist eine zwar auch notwendige und auf 
dem Wahrheitsgefühl beruhende, aus dem innersten Wesen der Vernxinft 
hervorgehende Überzeugung von der Existenz der Seele, Gottes und einer 
höheren Welt, aber kein Erkennen mehr. 3. j!^eben diese beiden, von Kant 
übernommenen Stufen der Überzeugtheit, evidentem Wissen und notwendigem 
Glauben, tritt bei Fries noch eine recht unklar formuherte dritte, wohl unter 
dem Einfluß Jacobis angenommene: die Ahndung. Sie vollzieht sich dvirch 
das ,, reine Gefühl". In ihm allein erreichen wir positiv, nicht durch bloße 
begriffhohe Negationen des Endhchen das Götthche (N. K. d. V. II, 265). 
Die rehgiöse Gefühlsstimmung ist Ahndung des Ewigen im Endüohen. Sie 
wird von Fries in engen Zvisammenhang mit dem Schönen und Teleologischen 
in der Natur gebracht. Diorch beide ahnen wir das Götthche in der Natur. 
Doch besteht ein wesenthcher Unterschied zwischen Fries' ästhetischer Reh- 
giosität und der des Pantheismus. Für Fries bescliränkt sich das religiös 
wirksame Ästhetische fast ganz auf das Erhabene: ,,Am Erhabenen der Natur 
besteht eigentUch die Ahndung des Ewigen" (W., Gl., Ahnd. 224), so daß seine 
Ästhetik mehr rehgiös, als seine Rehgiosität ästhetisch zu nennen ist. Er 
trennt das Ästhetische noch schärfer als Kant vom Sinnhch-Angenehmen. Die 
Ktmst hat religiöse Bedeutvmg nur insofern, als in ihr ,,das Vernünftige selbst 
in schönen Formen als schöne Seele" (231) dargestellt wird. Darstellung 
der morahschen Schönheit der Seele ist die höchste Aufgabe der Kunst. 

Fries' Schule. Auf die Bildung einer Schule durch Fries hat neben 
seinem Gegensatz zum Zeitgeist seine Suspendierung vom philosophischen 
Lehramt schädigend eingewirkt. Die Abhaltung privaten Unterrichts konnte 
den Verlust des Katheders nicht ausgleichen. — Ernst Friedrich Apelt, 
geb. 1815 in Reichenau (Sachsen), nach langer akademischer Wartezeit 1856 
ordentlicher Professor in Jena, gest. als solcher 1859 auf seinem Gut Oppels- 
dorf in der Oberlausitz. Apelt ist ein persönlicher Schüler von Fries, dessen 



§ 12. Jakob Friedrich Fries. 155 

Neue Kritik der Vernunft ihn zum akademischen Studium auf der Univer- 
sität Jena veranlaßt hatte. Apolts wissenschafthche Tendenz ist dieselbe 
wie die von Fries. Wie dieser mathematisch-exakt gründlich vorgebildet — 
seine naturwissenschaftlichen Werke sind sehr tüchtig — wendet er sich gegen 
die Spekvdation imd erstrebt eine lehrbare, streng wissenschaftliche Philosophie, 
die er von Kant und Fries begründet glaubt. Schriften: De viribus naturae 
primitivis, Jena 1839. E. Reinhold u. d. Kantische Philosophie, Lpz. 1840. 
Anti-Orion zu Nutz luid Frommen des Herrn von Schaden, Jena 1843. D. 
Epochen der Geschichte der Menschheit, 2 Bde., Jena 1845 — 46, 
2. A, 1851 (Bd. II: Kants u. Fries' Lehre). Kepplers astron. Weltansicht, 
Lpz. 1849. D. Reformation der Sternkunde. E. Beitr. z. deutsch. Kulturgesch. , 
Jena 1852. D. Theorie der Induktion, Lpz. 1854. Metaphysik, Lpz. 1857, 
hg. V. R. Otto (mit Mitteilg.en aus Apelts Kollegheften), Halle 1910. ReUg.- 
philos. (allg. verständUch), Lpz. 1860. De ratione recta philosophandi com- 
mentatio, Jena 1859. Den Nachlaß Apelts besitzt sein Sohn Otto Apelt, 
Gymnasialdirektor in Jena. — In seiner ,, Metaphysik" hat Apelt ein sehr 
klares, wohlgeordnetes Lehrbuch der Friesschen Philosophie gegeben. Die 
Sclirift ist präziser und klarer als die Darstelliingen, die Fries selbst gegeben 
hat. Sie entbehrt aber des bei Fries vorhandenen Eindrucks eines in tieferem 
Sinne selbständigen Ringens mit den Problemen. Neu gegenüber Fries ist 
besonders die Annahme einer spekulativen Grundform, die als ursprüngliche 
Form den Kategorien zugrunde liegt. ,,Sie ist eine virsprüngliche Grund Vor- 
stellung der objektiven synthetischen notwendigen Einheit im Wesen der Dinge, 
welche im diinklen Innern unserer Erkenntnis verborgen liegt und nach ihren 
verschiedenen GrxxndverhältniSsen, gleichsam nach ihren Dimensionen, in 
den drei Kategorien der Relation vor das Bewußtsein tritt und welche in 
ähnlicher Weise die notwendige Verknüpfung der Existenz der Dinge möglich 
macht, wie der Raum die zufällige Zusammensetzxuig der Gegenstände" (§ 37). 
Außerdem bezeichnet er selbst als von Fries bzw. Kant abweichend seine 
Darstellung der Lehre von der Amphibolie der Reflexionsbegriffe sowie seine 
Begründtmg der Ideenlehre, die bei Kant fehlerhaft, bei Fries lückenhaft 
sei. — Verdienstvoll waren seine Bemühungen um eine Theorie der Induktion, 
,,der KnotenpTinkt, in welchem Empirie und Metaphysik zusammenhängen." 
— Die von A. v. Humboldt sehr geschätzten „Epochen d. Gesch. d. Menschh." 
wollen „die großen Ansichten" Fries' „mit jenem Farbenglanze imigeben, 
welcher den Schilderungen Alexander v. Humboldts einen so magischen Reiz 
verleiht"; sie geben in prächtigem Stil eine geschichtsphilosophische Dar- 
stellung des Werdegangs der Kultur, kulminierend im IL Bd., der die Kant- 
Friessche Weltanschauung behandelt. — Ferner gehörten der Friesschen 
Schule an: E. S. Mirbt (1799—1847; Was heißt Philosophieren imd was 
ist Philosophie? Jena 1839, Kant \and seine Nachfolger, Jena 1841), F. von 
Calker (1790-1870; Denklehre oder Logik imd Dialektik, Bonn 1822), Ernst 
Ha liier (Die Weltanschauung des Naturforschers, Jena 1875. Naturwissen- 
schaft, Religion u. Erziehimg, Jena 1875. Die welterobemde Macht, Lpz. 1886. 
Kulturgeschichte des 19. Jh.s, Stuttg. 1889), Heinr. Joh. Theod. Schmid 
(gest. 1836; Vorles. ü. d. Wesen der Ph., Stuttg. 1836, hg. v. R. Otto Halle 
1911), der Mathematiker Schlömilch (Abhdl.n d. Friesschen Schule, von 
Schieiden, Apelt, Schlömilch imd Schmid, 1847 ff.) und andere an. Besonders 
haben auch Naturforscher Fries geschätzt, so Gauß und der Botaniker und Ent- 



156 § 13. Johann Friedrich Herbart. 

decker der Zelle Mathias Jakob Schieiden (1804—64), ein Gegner der Natur- 
philosophie auf der einen Seite und des Materialismus auf der andern. Eine 
gewisse Führerstellung innerhalb der induktiven Wissenschaft einnehmend, 
wies er die Naturforscher (erfolglos) auf Fries hin (1857). Sein Hauptwerk: 
Grundzüge der wiss. Botanik, Lpz. 1842, 2. A. 1849, geht auf die methodol, 
Fragen ausführlich ein. Üb. d. Materiaiismus in d. neueren deutsch. Natur- 
wiss., Lpz. 1863. Auf Beneke, der zum durchgeführten psychologischen 
Empirismus fortgegangen ist, ist die Friessche Doktrin in mehrfachem 
Betracht von wesentlichem Einfluß gewesen. An Fries anknüpfend, hat auch 
Jürgen Bona Meyer einen psychologischen Empirismxis als die richtige Fort- 
bildung der kantischen Philosophie hingestellt (s. u). 

Auf dem Boden von Fries' Religionsphilosopliie steht ferner der Theologe 
W. M. L. de Wette (1780 — 1849), der auch von Herder und Schelling be- 
einfl\ißt ist. Er versuchte die systematische Theologie auf Fries' Prinzipien 
aufzubauen. Persönlich erlitt de Wette ein ähnliches Schicksal wie Fries. 
Wegen eines an die Mutter Sands, des Mörders Kotzebues, geschriebenen 
Trostbriefes wurde er seiner Stellung als Professor der Theologie an der Uni- 
versität in Berlin enthoben. Ü. d. Religion, ihr Wesen usw., Berl. 1827. Theodor, 
oder des Zweiflers Weihe. Bildungsgesch. e. evang. GeistUchen, 2 Bde. Berl. 
1822, 2. A. 1828. Der autobiographische Roman gewährt EinbUcke in das 
Geistesleben der Zeit. — Ferner stehen Fries nahe die Theologen Dankegott 
Kramer, H. Schieiden, C. A. v. Hase, Schramm imd O. Egfgeling. 

XJber die Neue Fries- Schule der Gegenwart siehe unten. 

§ 13. Im Gegensatz zu Fichte und Schelling hat unter An- 
knüpfung an das realistische Element in der Kantischen Philosophie, 
wie auch an eleatische, Platonische und Leibnizische Lehren Johann 
Friedrich Herbart (1776 — 1841) ein philosophisches System aus- 
gebildet, das er selbst nach seinem vorherrschenden Charakter als 
Realismus bezeichnet. Die Philosophie definiert er als Bearbeitung 
der Begriffe. Die Logik zielt auf die Deutlichkeit der Begriffe 
ab, die Metaphysik auf die Berichtigung derselben, die Ästhetik 
im weiteren Sinne, welche die Ethik in sich faßt, auf die Ergänzung 
der Begriffe durch Wertbestimmungen. Herbarts Logik 
kommt prinzipiell mit der Kantischen überein. Herbarts Meta- 
physik ruht auf der Voraussetzung, daß in den durch die Erfahrmig 
dargebotenen formalen Begriffen, insbesondere in dem Begriff des 
Dinges mit mehreren Eigenschaften, in dem Begriff der Veränderung 
und in dem Begriff des Ich Widersprüche enthalten seien, welche zu 
einer Umformung derselben nötigen. In der Hinwegschaffung dieser 
Widersprüche findet Herbart die eigentliche Aufgabe der Spekulation. 
Das Sein oder die absolute Position kann nicht mit Widersprüchen 
behaftet gedacht werden, daher dürfen jene Begriffe nicht unver- 
ändert bleiben; anderseits ist das Sein so zu denken, daß es den 
empirisch gegebenen Schein zu erklären vermag, denn wieviel Schein 



§ 13. Johann Friedrich Herbart. 157 

vorhanden ist, soviel Hinweisung auf Sein liegt vor. Also sind jene 
Begriffe, obschon sie nicht beibehalten werden dürfen, doch auch 
nicht völlig zu verwerfen, sondern methodisch umzugestalten. Die 
Widersprüche in dem Begriffe des Dinges mit vielen Eigenschaften 
nötigen zu der Annahme, daß viele einfache reale Wesen zu- 
sammen seien, deren jedem eine einfache Qualität zukomme. Die 
Widersprüche im Begriff der Veränderung nötigen zu der Theorie 
der Selbsterhaltung als des Bestehens wider Störung bei gegen- 
seitiger Durchdringung einfacher realer Wesen. Die Widersprüche 
im Begriffe des Ich nötigen zur Unterscheidung von apperzipierten 
und apperzipierenden Vorstellungen. Die gegenseitige Durch- 
dringung und Einheit der Vorstellungen aber beweist die Einfach- 
heit der Seele als ihres Trägers. 

Die Seele ist ein einfaches, unräumliches Wesen, dem 
eine einfache Qualität zukommt. Ihr Sitz ist ein einzelner 
Punkt inmitten des Gehirns. Werden die Sinne affiziert, und setzt 
die Bewegmig mittels der Nerven zum Gehirn sich fort, so wird die 
Seele von den einfachen realen Wesen, die in ihrer nächstenUmgebung 
sind, durchdrungen; ihre Qualität übt dann eine Selbsterhaltung 
wider die Störung, die sie durch jede der ihrigen partiell oder total 
entgegengesetzte Qualität eines jeden von jenen anderen einfachen 
Wesen erleiden würde; eine jede solche Selbsterhaltung der Seele 
ist eine Vorstellung. Alle Vorstellungen beharren, auch nachdem 
der Anlaß, der sie hervorgerufen hat, aufgehört hat zu bestehen. 
Sind mehrere Vorstellungen gleichzeitig in der Seele, und sind die- 
selben einander partiell oder total entgegengesetzt, so können sie 
nicht ungehemmt zusammen bestehen ; es muß so viel von ihnen ge- 
hemmt, d. h. unbewußt werden, als die Intensität sämtlicher Vor- 
stellungen mit Ausnahme der stärksten beträgt. Dieses Hemmungs- 
quantum nennt Herbart die Hemmungssumme. Jede Vorstellung 
hat um so mehr von der Hemmungssumme zu tragen, je schwächer 
sie selbst ist. An die Intensitätsverhältnisse der Vorstellungen und 
an die Gesetze der Änderung dieser Verhältnisse knüpft sich die Mög- 
lichkeit und wissenschaftliche Notwendigkeit, Mathematik auf die 
Psychologie anzuwenden. 

Unabhängig von der theoretischen Philosophie ist Herbarts 
Ästhetik, deren wichtigster Teil die Ethik ist. Die ästhetischen 
Urteile erwachsen aus dem Gefallen imd Mißfallen, welches sich 
an gewisse Verhältnisse, die ehtischen Urteile insbesondere aus dem- 
jenigen, welches sich an Willensverhältnisse knüpft. Nicht in den 
Zielen, den zu erstrebenden Gütern, ist der Wert des sittUchen WoUens 



158 § 13. Johann Friedrich Herbart. 

ZU suchen, sondern in der Form des Willens. Ehe aber diese be- 
stimmt werden kann, ist die Einsicht nötig von dem, was unbedingt 
wert ist, als Gresetz zu gelten. Nur durch eine von allem Wollen un- 
abhängige Wertbeurteilimg ergibt sich die Berechtigung des Ge- 
setzes, zu gebieten. Die Urteile gehen nun auf Willensverhältnisse, 
da es ja auf die Form des Willens ankommt, und sie bilden das System 
der sittlichen Musterbegriffe oder der praktischen Ideen. Auf 
die Übereinstimmung des Willens mit dem über ihn ergehenden 
sittlichen Urteü überhaupt bezieht sich die Idee der inneren 
Freiheit, auf die gegenseitigen Verhältnisse der WiUensakte einer 
Person die Idee der Vollkommenheit, auf die wohlgefäUige 
Übereinstimmung des Willens des einen mit dem Willen des anderen 
die Idee des Wohlwollens oder der Liebe, auf die Vermeidung 
des mißfallenden Streits, welcher bei der gleichzeitigen Richtung 
mehrerer Willen auf das nämliche Objekt entsteht, geht die Idee 
des Rechts, auf die Aufhebung der mißfallenden Ungleichheit bei 
einseitigem Wohltun oder Wehetun geht die Idee der Vergeltung 
oder Billigkeit. Auf der Ethik, welche die Ziele bestimmt, und 
auf der Psychologie, welche die Mittel aufzeigt, ruht die Pädagogik, 
die Herbart zu einer philosophischen Disziplin zu erheben gestrebt 
hat, wie auch die Staatslehre. Der Staat, seinem Ursprung 
nach eine diu-ch Macht geschützte Gesellschaft, ist bestimmt, die 
sämtlichen ethischen Ideen als eine von ihnen beseelte Gesellschaft 
zur Darstellung zu bringen. Der Gottesbegriff, dessen Gültig- 
keit Herbart auf den teleologischen Beweis stützt, gewinnt in dem 
Maße religiöse Bedeutung, als er durch ethische Prädikate bestimmt 
wird. 

Den größten und zum Teil bis heute andauernden Einfluß hat 
Herbarts Pädagogik ausgeübt, geraume Zeit war sie die herrschende 
Lehre. Von erheblichem Einfluß ist auch seine Psychologie ge- 
wesen. Über die Unhaltbarkeit seiner mathematisierenden Methodik 
ist jedoch bereits seit längerer Zeit Einstimmigkeit erzielt. 

Von Herbarts Schriften (deren chronologisches Verzeichnis Harten- 
stein am Schluß des XII. Bandes der sämtlichen Werke gibt) sind die bemer- 
kenswertesten folgende: 

Pestalozzis Idee eines ABC der Anschauung als ein Zyklus von Vor- 
übungen im Auffassen der Gestalten wissenschaftlich ausgeführt, Götting. 
1802; 2., dtirch eine Abh. über d. ästhetische Darstellg. der Welt als das Haupt- 
geschäft der Erziehung vermehrte Aufl., ebd. 1804. Werke XI, S. 79ff. De 
Platonici systematis fundamento commentatio (zvun Antritt des Extraordi- 
nariats in Göttingen), Gott. 1805, W.*) XII, S. 61ff. Kl. Sehr. Bd. I, S.67ff. 
Allgemeine Pädagogik, aus dem Zweck der Erziehimg abgeleitet, Gott. 

•) Unter W. ist stets die Hartensteinßche Gesamtausgabe zu verstehen. 



§ 13. Johann Friedrich Herbart. 159 

1806, W. X, S. Iff.. Lpz. 1894. hg. v. Bemh. Maydorn, Lpz. 1910, Lpz., hg. 
V. Thdr. Fritzsch, 1902, N. A. 1920 (Reclam). Hauptpunkte der Meta- 
physik, Gott. 1806 u. 1808. Kl. Sehr. I, 199. W. III, S. Iff. Hauptpunkte 
der Logik (auch als Beilage zur Ausgabe der Hauptp. der Metaph. 1808), Gott. 
1808. Kl. Sehr. 1,254. W. I, 465ff. Allgemeine praktische Philosophie, 
Gott. 1808. W. VIII, S. Iff. Neue Ausg., Lpz. 1873, 3. Ausg. Hamb. 1891. 
Theoriae de attractione elementoruni principia metaphysica, Regiomonti 1812, 
W. IV, S. 521ff., Kl. S. I, 409. (Deutsch, BerUn 1859.) Lehrbuch zur Ein- 
leitung in die Philosophie, Königsb. 1813, 2. Aufl. 1821, 5. Aufl. 2. Abdr. 
Hamb. 1883, W. I, S. Iff. 4. Aufl. nebst den Abweichung, d. 1.-3. Aufl. 
Mit Einf. hg. v. K. Häntsch, Lpz. 1912 (Ph. Bibl.). (Besonders wichtig.) Ital. 
Bari 1908. Lehrbuch zur Psychologie, Königsb. u. Lpz. 1816, 2. verb. 
Aufl. ebd. 1834, 3. A., 3. Abdr.. hg. v. G. Hartenstein, Lpz. 1887, 4. Abdi-. 
(6. A.) Hamb. 1900. W. V. S. Iff. De attentiouis mensura causisque primariis 
psychologiae principia statica et mechanica exemplo illustraturus acripsit 
J. F. Herbart, Regiomonti 1822, W. VII, 73ff. Kl. S. II, S. 353 ff., übers. 
V. P. Hauptmann in Z. f. Ph. u. Päd. 20. Jg. 1912-13. Psychologie als 
Wissenschaft, neu gegründet auf Erfahrung, Metaphysik und Mathematik, 
Königsb. 1824 — 25, W. Bd. V. u. VI. Allgemeine Metaphysik nebst 
den Anfängen der philosopliischen Naturlehre, Königsb. 1828—29, W. Bd. 
in u. IV. Kurze Enzyklopädie der Philosophie aus praktischen G^sichts- 
pimkten entworfen. Halle 1831, 2. Aufl. 1841, W. Bd. IL Umriss pädagog. 
Vorlesungen, Gott. 1835, 2. Aufl. 1841, W. X, S. 185ff. Krit. Ausg. v. Hans 
Zimmer, Halle 1900 (Hendel), hg. v. Paul Schütze, Bresl. 1910, Lpz. o. J. 
(Universalbibl.). Zur Lehre von der Freiheit des menschlichen Willens, Gott. 
1836, W. IX, S. 241 ff. Analytische Beleuchtung des Naturrechts und der 
Moral, Gott. 1836, W. VIII, S. 213ff. Erinnerung an die Göttingische Kata- 
strophe im J. 1837. Ein Posthumum, Königsb. 1842. 

R. Zimmermann, Ungedruckte Briefe von und an Herbart, Wien 1877. 
Ungedruckte Briefe (17) Herbarts, mitgeteilt von K. G. Brandis in: Beitr. 
zur Lehrerbildung, Gotha 1898, H. 6. Briefe H.s an Drobisch, mitgeteilt 
V. Theod. Fritsch, Jahrb. d. Vereins für wissensch. Pädagogik, hg. v. Th. Vogt. 
34, 35 u. 37, 1902, 03 u. 05. Vgl. auch die Erläuterung, zu dies. Jahrb. 
Nachweis über weitere nachgelassene Manuskripte bzw. Briefe H.s; Kant- 
Studien XVII, S. 113. 

Herbarts kleinere philos. Schriften und Abh. nebst dessen wissensch. 
Nachlaß hat G. Hartenstein in 3 Bdn., Lpz. 1842, herausgegeben. Seine sämt- 
lichen Werke hat G. Hartenstein in 12 Bdn. herausgegeben, Lpz. 1850—52, 
2. Abdr., Hamb. 1883—93. 13. Bd.: Nachträge u. Ergänzungen. Einzelne 
Schriften, z. B. das Lehrbuch zur Psychologie, in wiederholten Auflagen. 
Es enthält Bd. I: Schriften z. Einl. i. d. Philos.; Bd. II: Kurze EnzykL d. 
Ph. ; Bd. III u. IV: Schriften zur Metaph. ; Bd. V — VH: Schriften zur Psychol. ; 
Bd. VIII u. IX: Schriften zur prakt. Ph.; Bd. X u. XI: Schriften zur Pädag,; 
Bd. XII: Hist.-krit. Schriften; Bd. XIII: Nachträge. 

Herbartische Reliquien. Ein Supplem. zu H.s sämtl. Werken, hg. von 
Ziller, Lpz. 1871 (enth. Briefe, Abhandl. u. Aphorismen). 

Die abschließende Ausgabe ist die den ganzen Nachlaß heranziehende 
Ausgabe: Sämtl. Werke in chronolog. Reihenfolge hg. von Karl Kehrbach 
u. O. Flügel, 1. u. 2. Bd., Lpz. 1882, 1885 (nicht mehr in diesem Verlag, Veit 
u, Co., erschienen), 1. u. ff. Bde., bis 19, Langensalza 1887ff. (kritisch genau 
revidierter Text mit Angabe von Varianten und der Paginierung frilherer 
Axisgaben). Es enthält: Bd. I (1794—1805): Erinnerungen an H. von Joh. 
Schmidt; A. d. Jenaer Studentenzeit; A. d. Hauslehrerzeit i. d. Schweiz; 
A. d. J. 1800; Ideen e. päd. Lehrpl. f. höh. Stud. ; Ü. Pestalozzis Schrift ,,Wie 
Gertrud . . ."; Pestalozzis Idee eines ABC, Thesen z\ir Promot. u. Habil. ; 
2 Vorles. ü. Päd. ; Kurze Darst. e. Plans z. päd. VorL ; Ü. d. Standp. d. Beiu-t. 
d. Pestalozzischen Unterrichtsmeth. ; De Piaton. syst, fundam. comm. ; Er- 
gänztmgen. Bd. H (1806 — 08): Allg. Pädfigogik; Hauptpunlcte d. Metaph.; 
Ü. philos. Studium ; Entw. zu Vorles. ü. d. Einl. i. d. Ph. ; Allg. prakt. Ph. 
Bd. III (1810-15): Anl. f. Erz.; D. Odyssee . .; Rede v. 1810; Ü. Erz.; Ph- 
d. Cicero; Ps. Bern. z. Tonlehre; Ps. Unters, ü. d. Stärke e. gegeb. Vorst. . .; 



160 § 13. Johann Friedrich Herbai t. 

Ü. d. dunlvle Seite d. Päd. ; Theoria de attractione . . ; Ph. Aph. . . ; Ü. d. Untersch. 

zw. idealer u. wahrer Geistesgr. ; Bern. ü. d. Urs., w. d. Einverst. ü. d. erst. 
Gründe d. pr. Ph. erschweren; Ü. d. Unangreifb. d. ScheUingschen Lehre; 

Ü. d. freiw. Gehörs. ; PoUt. Briefe; Bern. ü. Aufs. v. Zippel; AUg. Form e. Lehr- 

anst. ; Fichtes Ans. d. Weltgesch. ; Ü. m. Streit mit d. Modeph. dies. Zeit. 

Bd. IV (1813-18): Lehrb. z. Einl. i. d. Ph.;_,Lehrb. z. Ps.; Ü. d. Hang d. 

Menschen z. Wunderb.; Gespräche ü. d. Böse; Ü. d. Verh. d. Schule z. Leben; 

Päd. Gutacht. ü. Schulklassen; Ü. d. gute Sache; Anhänge zur Einl. i. d. 

Plülos. und zum Lehrb. zvir Ps. Bd. V (1819-24): 1. Vorles. ü. prakt. Ph. ; 

Ü. Menschenkenntnis; Be2iieh. zw. Ps. u. Staatswiss. ; De attentionis mensura; 

Ü. d. Mögl. u. Notw., Math, auf d. Ps. anzuwenden; Rede v. 1823; 2 Vorl. 

ü. Elektriz. ; Math. Lehrpl. ; 2 Promotionsreden; Ps. als Wissenschaft, 1. Teil. 

Bd. VI (1825-28): Ps. als Wiss., 2. Teil; Ü. die allg. Verhältnisse der Natur. 

Bd. VII (1828): Allg. Metaph., 1. Teil. Bd. VIII (1829): Allg. Metaph., 2. Teil. 

Bd. IX (1831): Ü. d. Unmögl., pers. Vertrauen . . .; Kiirze Enzyklop. d. Ph. ; 

Briefe ü. d. Anw. d. Ps. auf d. Päd. Bd. X (1831-36): Ü. d. Verh. d. Idealism. 

z. Päd.; Reden v. 1832 u. 33; De princ. logico exclusi medii (33); Göttinger 

Antrittsrede ; Umriß päd. Vorles. ; Ü. d. Subs. d. Ps. ; Freih. d. menschl. W. ; 

Analyt. Beleuchtung d. Naturr. \i. d. Moral. Bd. XI (1837—40): Comm. de 

Real, nat.; Gott. Katastr, ; Ps. Untersuch,; Aph. z. Ps. Bd. XII u. XIII: 

Rezensionen. Bd. XIV u. XV: Akten ü. d. Seminar in Königsb. u. a. 1919. 

XVI bis XIX: Briefe von und an H. Urkunden u. Regesten zu s. Leben, 

.s. Werken, bearb., v, Th. Fritzsch. 1912 (XVI: 1776-1807; XVII: 1808-32; 

XVIII: 1833-38; XIX: 1839-42). Ungedr. Gymnasiallehrplan v. J. Fr. H., 

Neue Jahrb. f. d. kl. Altert., 2. Abtlg., 1915. 

An Auswahlausgaben sind noch zu nennen: Pädag. Schriften, bearb. 

V. Karl Richter, 2 Bde., 1876-78 (Päd. Bibl. - I. Allg. Päd.; Umr. pädag. 

Vorl., II. Kleinere päd. Schriften). 2. Tit. A. 1903. Die bedeutendsten Pädag. 

Schriften H.s, 3 Bde., Langensalza 1898-1901 (I, 1. Lehrb. z. Psychol. ; 

I, 2. Allg. prakt. Ph. ; II, 1. Allg. Päd. ; II, 2. Umrü3 päd. Vorles. ; III. Päd. Ab- 

handl). Pädag. Schriften. Mit Einl., Anme^kgn. u. Registern sowie reichem, 

bisher ungedr. Material a\is H.s Nachlaß hg. v. O. Willmann u. Thdr. Fritzsch, 

2 Bde., Lpz. 1873 u. 1875, 2. Aufl. 1880, 3. Bd. Osterwieck 1917; dieselb. 

hg. mit Biographie v. F. Bartholomäi in d. Biblioth. pädagog. Klassiker, 

2 Bde., Langensalza 1874f. u. ö., 7. A. neu bearb. v. E. v. Sallwürck 1903—06. 

Pädagogische Schriften. Mit e. Darstellung u. Bevirteilung der ethischen u. 
metaphysisch-psychologischen Grundlagen der Pädagogik Herbarts versehen 
von J. Wolff, Paderb. 2. Bde., 1891-95, 2. verb. A. 1911. J. Fr. H., Auswahl 
a. s. päd. Werken, hg. v. Paul Richter, Bielefeld u. Lpz. 1902 (Velhagen u. 
Klasings Samml. päd. Schriftst., Lief. 2). Gedanken des Pädagogen H. Aus 
H.s sämtl. Werken ausgew. u. zusanunengest. v. Otto Foltz, Langensalza 

1910. Ernst Wagner, Vollst. Darstelhmg d. Lehre H.s (Psychol., Ethik u. 
Päd.). A. sämtl. Werken übersichtl. u. System, geordnet u. zusammengest. 
M. d. Bildn. H.s, Langensalza 1887, 11. verm. A. 1907 (= Klassiker d. Päd. 
Nr. 1). Philos. Hauptschriften, hg. v. O. Flügel u. Th. Fritzsch., 1. Bd. 
Lehrb. z. Einl. in d. Ph., mit bish. ungedr. Herbartschen Diktaten, Einl. usw., 
Lpz. 1913; 2. Bd. Ethik (Prakt. Ph.), 1914; 3. Bd. Lehrb. z. Ps., 1914. Lehrb. 
z. Ps., 7. Aufl., Lpz. 1915. 

Principales oeuvres pedagogiques. Trad. par A. Pinloche, LiUe 1894 
(Travaux et m6m. des Facult6s de Lille T. 4, M6m. 15). 

Herbarts Leben. Johann Friedrich Herbart, geboren zu Oldenbvirg, 
wo sein Vater Justizrat war, am 4. Mai 1776, erhielt seine erste Bildung durch 
Privatunterricht und auf dem Gymnasium seiner Vaterstadt; er war früh 
mit der Wolffschen Philosopliie, daneben auch mit Kantischen Lehren bekannt. 
Im Jahre 1794 bezog er die Universität Jena, wo damals gerade Fichte seine 
Wissenschaftslehre vortrug. Lebhaft zu philosophischem Denken angeregt, 
legte Herbart schriftUch seinem Lehrer Bedenken gegen Sätze der Wissen- 
schaftslehre vor und überreichte ihm auch seine Kritik der beiden ersten 



§ 13. Johann Friedrich Herbart. 161 

Schriften ScheUings: Über die Möglichkeit einer Form der Philosophie über- 
haupt, und : Vomich oder dem Unbedingten im menschlichen Wissen. Herbart 
gewann die Überzeugtmg, es komme in der Philosophie nicht darauf an, ,,da 
fortzufahren, wo ein zu großer Berühmtheit gelangter Philosoph zu bauen 
aufgehört hat", sondern: ,,auf die Fundamente zu achten, dieselben der schärfsten 
Kritik zu unterwerfen, ob sie auch wirklich tauglich sind, ein Gtebäude des 
Wissens zu tragen". 

Herbarts Streben nach Genauigkeit in der Untersuchung ward durch 
die Anregxmg, die er von Fichte empfing, gefördert. Auf den Begriff des Ich 
ward früh sein Nachdenken gelenkt. In einem 1794 verfaßten Aufsatz glaubt 
er in dem Sichselbst vorstellen einen ,, unendlichen Zirkel zu finden, da ich 
nüch als den setze, der sich selbst, also den sich Vorstellenden usf. vorstellt", 
meint jedoch, jene Unendlichkeit werde erschöpft, indem das Ich sich die 
Atifgabe selbst, die ganze Unendlichkeit in Einem Begriffe vorstelle, dvirch 
den Begriff des Ich werde also das Umfassen der Unendlichkeit postuliert. 
Die Keime zu Herbarts späterer Lösung des Ichproblems aber imd überhaupt 
zu seinem späteren ,, Realismus" sind bereits in seiner 1796 geschriebenen 
Kritik der Schellingschen Schrift vom Ich enthalten, indem er hier der ScheUing- 
schen Disjunktion: ,, entweder Wissen ohne Realität oder ein letzter Pimkt 
der Reahtät" als drittes Glied beifügt: ,,oder ebenso mannigfaltige Realität 
des Wissens, als es Mannigfaltigkeit des Wissens gibt", die Möglichkeit mehrerer 
Gründe für Eine Folge, gleich mehreren Anhängepunkten für eine Kette 
hervorhebt und den Satz aufstellt: ,, jedes Bedingte setzt zwei Bedingungen 
vora\is". In den Jahren 1797 — 1800 war Herbart Hauslehrer in der Berner 
Familie von Steiger zu Interlaken. Da er vor allem der Poesie xind der Älathe- 
matik bildende Kraft ztischrieb, so beschäftigte er seine drei Zöglinge zunächst 
hauptsächlich mit diesen Unterrichtsobjekten (wobei er Lm Griechischen 
von Homer ausging) und schob Moral und Geschichte auf eine spätere, wie 
er glaubte, für das Verständnis derselben geeignetere Zeit hinaus, erfuhr jedoch 
eine ihn tief schmerzende Störung seines Planes durch ein unvorhergesehenes 
vorzeitiges Abbrechen des Unterrichts bei dem ältesten der Zöglinge. Mit 
Moral imd Psychologie beschäftigte sich Herbart eifrig in dieser Zeit. Dixrch 
einen Besuch bei Pestalozzi*) (geb. 1746, gest. 1827) lernte er dessen Unter- 
richtsweise kennen, welcher er stets ein lebendiges Interesse bewahrt und aus 
der er manches in seine eigene pädagogische Tlieorie aufgenommen hat. — 
Im Jahre 1800 ging Herbart über Jena und Göttingen in seine Heimat zurück. 
Er verweilte bis 1802 in Bremen im Hause seines Freundes Joh. Smidt, mit 
Philosophie und Pädagogik beschäftigt, in Göttingen habilitierte er sich im 
Oktober 1802 als Dozent der Philosophie und Pädagogik; im Jahre 1805 erhielt 
er ebendaselbst eine axißerordentliche Professur, ward aber Ende 1808 nach 
Königsberg als ordentlicher Professor der Philosophie und Pädagogik berufen, 
nachdem Krug, der Nachfolger Kants aiof dem philosophischen Lehrstuhl, 
nach Leipzig abgegangen war. Auch leitete Herbart in Königsberg das von 



*) Pestalozzi. Sämtl. Werke, 15 Bde., Stuttg. u. Tüb. 1819 — 26, 
20 Bde. Berl. 1881-96, 12 Bde. Liegnitz 1899-1902. Ausgew. Werke, 4. Bd. 
in Bibl. päd. Klass. -Auswahl, hg. v. L. Gurlitt, Stuttg. 1907. Auswalil in 
4 Bden. 5. A. Langensalza 1893—1902. Auswahl von P. Natorp in 3 Bden., 
Langensalza 1905. Wie Gertrud ihre Kinder lehrt, Lpz. o. J. (Univ.bibl.). 
Lienhard u. Gertrud, Lpz. o. J. (Univ.bibl.). 

Ueberweg, Grundriß IV. H 



162 § 13. Johann Friedrich Herbart. 

ihm daselbst gestiftete pädagogische Seminar. Im Jahre 1833 nahm Herbtirt 
einen R\if nach Göttingen an, wo er, im Gegensatz zu den Göttinger Sieben, 
sich jeder politischen Opposition enthaltend, als Forscher vmd Lehrer in un- 
unterbrochener Tätigkeit bis zu seinem am 14. August 1841 erfolgten Tode 
wirkte. 

Über seinen Charakter sagt der beste Bericht: „Sittlicher Ernst imd sitt- 
liche Strenge waren in so hohem Grade bei ihm vorherrschend, daß er eigent- 
lich wohl nie am Scheidewege gestanden hat. Der kategorische Imperativ 
war in ihm personifiziert. Eine gewisse UnvoUständigkeit des lebendigen 
Menschen war damit gegeben." (Joh. Smidt, Herbarts sämtl. W. (Kehrbach) 
I, S. XLV.) Für Musik war er jedoch sehr empfänglich. 

Herbarts Philosophie. Herbart definiert die Philosophie (im 
zweiten Kapitel des ersten Abschnitts seines Lehrbuchs zur Einleitung in die 
Philosophie) als Bearbeitung der Begriffe. Er knüpft hierbei ki'itisch an 
Kants Erklärung der philosophischen Erkenntnis als der Vemvinfterkenntnis 
avis Begriffen an. Durch das Wort Vernunft werde in diese Erklärung ein 
Streitpunkt gebracht, sofern der Begriff der Vernunft ein äußerst schwankender 
ist, und nach Herbart eine Vernunft als ein besonderes Seelenvermögen so wenig, 
wie überhaupt irgendeines der von der Aristotelischen und aristoteUsierenden 
Psychologie angenommenen Seelenvermögen existiert. Also bleibe übrig: 
Erkenntnis axis Begriffen. Dies sei jedoch der Gewinn der vorhandenen Wissen- 
schaft; die Philosophie aber als Wissenschaft erzeugend sei Bearbeitung der 
Begriffe. Gregen den Vorwurf, diese Definition sei zu weit, weil Bearbeitving der 
Begriffe in allen Wissenschaften, vorkomme, bemerkt Herbart, Philosophie hege 
wirklich in allen Wissenschaften, wenn dieselben seien, was sie sein soUen. 

Avis den Hauptarten der Bearbeitung der Begriffe, sagt Herbart, ergeben 
sich die Hauptteile der Philosophie. Die erste Aufgabe ist die Klarheit 
und die DeutUchkeit der Begriffe. Die Klarheit besteht in der Unterscheidung 
eines Begriffes von anderen Begriffen, die Deutlichkeit in der Unterscheidung 
der Merkmale eines (ziisammengesetzten, nicht einfachen) Begriffs voneinander. 
DeutUche Begriffe können die Form vonUrteüen annehmen, und die Vereinigvmg 
der Urteile ergibt Schlüsse. Hiervon handelt die Logik. Herbart definiert 
die Logik als denjenigen Teil der Philosophie, welcher die DeutUchkeit in 
Begriffen \ind die daraus entspringende Zusammenstellung der letzteren im 
allgemeinen betrachte. Da aber die Auffassving der Welt und imser selbst manche 
Begriffe herbeiführe, welche, je deutlicher sie gemacht werden, gerade um so 
weniger Vereinigvmg vmserer Gedanken zulassen, so erwachse hieraxis der Philo- 
sophie die wichtige Avifgabe, die derartigen Begriffe durch Ergänzung so zu 
verändern, daß die in ihnen hegende logische Schwierigkeit verschwinde; diese 
Berichtigung der Begriffe sei die Aufgabe der allgemeinen Metaphysik. Die 
Hauptbegriffe der Metaphysik seien so allgemein, imd die Berichtigung der- 
selben von so entscheidendem Einfluß auf alle Gegenstände des menschlichen 
Wissens, daß erst, nachdem jene Berichtigung vorgenommen sei, die übrigen 
Begriffe von der Welt und von uns selbst gehörig bestimmt werden können. 
So schheßen sich an die Metaphysik an als ihre Anwendung auf die Haupt- 
gegenstände des menschlichen Wissens die Psychologie, die Naturphilo- 
sophie xmd die natürliche Theologie oder philosophische ReUgionslehre. 
Femer gibt es Begriffe, die zwar nicht eine Veränderung notwendig machen, 
wohl aber einen Zusatz in unserm Vorstellen herbeiführen, der in einem Urteile 



§ 13. Johann Friedrich Herbart. 163 

des Beifalls oder des Mißfallens besteht. Die Wiesenschaft von solchen Begriffen 
ist die Ästhetik. Angewandt auf das Gegebene, geht die Ästhetik über in 
eine Reihe von Kunstlehren, welche man sämtlich praktische Wissen- 
schaften nennen kann, weil sie angeben, wie derjenige, der sich mit einem 
gewissen Gegenstande beschäftigt, denselben behandeln soll, indem nicht das 
Mißfallende, sondern vielmehr das Gefallende zu erzeugen ist. Zu diesen Kunst- 
lehren gehört auch die Tugendlehre, deren Vorschriften den Charakter der 
notwendigen Befolgung darum an sich tragen, weil wir unwillkürhch und 
unaufhörhch den Gegenstand derselben darstellen, während es bei den meisten 
der praktischen Wissenschaften der Willkür überlassen bleibt, ob man sich 
mit dem Gegenstande abgeben will oder nicht. 

In der Auffassung und Ausführung der Logik kommt Herbart mit dem 
Kantianismus in dem Maße überein, daß er, da er selbst ntu" Grundzüge entwirft, 
für das eingehendere Studivun geradezu auf die logischen Lehrschriften von Kan- 
tianern, wie Hoffbauer, KJrug iind Fries, verweist. Nach Aristoteles ist die 
Logik die Analysis (zergliedernde Sonderung von Form und Lihalt) des Denkens 
überhaupt, nach Kant und auch nach Herbart aber eine Lehre von dem zer- 
gliedernden und diirch Zerghedenmg erläuternden oder verdeutlichenden 
Denken. Kants Einteilung der Erkenntnisse in analgetische und synthetische 
ist, wie für die Unterscheidung der Logik und Vernimftkritik bei Kant, so auch 
für die der Logik txnd Metaphysik bei Herbart maßgebend gewesen. Unsere 
Gedanken, sagt Herbart, sind Begriffe, sofern wir sie hinsichtlich dessen, was 
durch sie gedacht wird, betrachten. Verschiedene Begriffe, die miteinander vm- 
vereinbar sind, wie der Zirkel und das Viereck, von denen aber jeder unabhängig 
von dem andern gedacht werden kann, stehen im konträren Gtegensatz. Die 
bloß verschiedenen, aber nicht tuivereinbaren Begriffe, wie der Zirkel und das 
Rote, sind disparat. Die disparaten sowohl als die konträren Begriffe ergeben 
noch den kontradiktorischen Gegensatz zwischen a vmd non-a, b und non-b, 
indem von a und b gesagt wird, jedes sei nicht das andere. Entgegengesetztes 
ist nicht einerlei. Diese Formel heißt der Satz des Widerspruchs. Mit ihm 
gleichgeltend ist der sogenannte Satz der Identität, A = A, oder eigentlich: 
A ist nicht gleich non-A, wo die Negationen einander aufheben und eine Be- 
jahung ergeben, desgleichen das sogenannte principium exclusi medii: 
A ist entweder B oder nicht B. Wo es erlaubt ist, die Einheit einer Summe an- 
zunehmen, da kann diese Siunme ein solches und auch ein anderes enthalten, 
z. B. dieses Kleid ist rot und blau, dieses Ereignis ist zugleich erfreulich und 
traurig. Wenn Begriffe einander im Denken begegnen, so konunt in Frage, ob 
sie eine Verbindung eingehen werden oder nicht ; die Entscheidxxng dieser Frage 
ist das Urteil. Der vorausgesetzte Begriff ist das Subjekt, der angeknüpfte ist 
das Prädikat. Herbart nimmt an, daß das kategorische Urteü (z. B. Gott ist 
allmächtig, die Seele ist unsterblich, Goethe war ein deutscher Dichter) die 
Behauptvmg der Existenz des Subjekts nicht involviere, und geht von dieser 
Annahme auch in seiner Darstellung der Schlußlehre aus. Her hart bezeichnet 
die Schlüsse der ersten und zweiten Figur als Subsumtions-, die der dritten als 
Substitutionsschlüsse. 

Die Aufstellung der metaphysischen Probleme bereitet Herbart 
durch die Skepsis vor. Jeder tüchtige Anfänger in der Philosophie, sagt 
Herbart, ist Skeptiker; aber es ist auch jeder Skeptiker als solcher Anfänger. 
Wer nicht einmal in seinem Leben Skeptiker gewesen ist, der hat diejenige 

11* 



164 § 13. Johann Friedrich Herbart. 

durchdringende Erschütterung aller seiner von früh auf angewöhnten Vor- 
BteUungen und Meinungen niemals empfunden, welche allein vermag das Zu- 
fäUige von dem Notwendigen, das Hinzugedachte vom Gegebenen zu scheiden. 
Wer aber in der Skepsis beharrt, dessen Gedanken sind nicht zvu: Reife ge- 
kommen, er weiß nicht, wohin jeder gehört, rmd wieviel aus jedem folgt; von 
fremden Gedanken und vom Widerstreite derselben gedrückt, werden die- 
jenigen fast immer Skeptiker, welche fleißig waren im Lesen vmd faul im Denken. 
Herbart unterscheidet eine niedere und eine höhere Skepsis, Jene geht darauf, 
daß wir wegen der Bedingtheit imserer Auffassung durch unsere Subjektivität 
schwerUch ein treues Bild von dem, was die Dinge sind, durch unsere Sinne 
erlangen. Die Körper mögen im Raum auf irgendeine Weise gestaltet, in der 
Zeit irgendwelchen Veränderungen unterworfen, die Stoffe durch Kräfte er- 
griffen und behandelt, die Menschen und Tiere von irgendwelchen Wahrneh- 
mungen und Gesinnungen erfüllt sein; aber wir wissen nicht, was für Wahr- 
nehmungen und Gesinnungen und nicht, was für Kräfte, Stoffe, Veränderungen 
und Gestalten da sind. Der Zweifel aber kann weiter vordringen und zu dem 
Gedanken fortgehen, daß wir wirklich gar nicht alles dasjenige walirnehmen, 
was wir wahrztmehmen glauben, daß wir zu dem gegebenen Wahmehmungs- 
inhalt die Formen, insbesondere die Räumlichkeit, Zeitlichkeit vmd Kausahtät, 
wie auch die Zweckmäßigkeit, die wir den Naturobjekten zuschreiben, unwül- 
kürHch hinzugedacht haben. Hierdurch wird zweifelhaft, ob feste Anfangs- 
ptuikte unseres Wissens irgend zu finden seien, und es kann als ebenso zweifel- 
haft erscheinen, ob im Fall, daß Prinzipien wirkUch vorhanden wären, sich 
Methoden für ein fortschreitendes Denken würden finden lassen, da die Erfah- 
rung als unvollständig, der Analogieschluß als vmsicher, und ein Rechtsgrund 
zu einer Synthesis a priori, wodurch ein Prinzip sich selbst überschreiten 
würde, kaum als denkbar erscheint. 

Herbart hält dafür, daß wir zwar wegen der Relativität aller Eigenschaften 
nicht eine Kenntnis von der wahren Beschaffenheit der Dinge diu-ch die Sinne 
erlangen, aber die Existenz der Dinge ist nicht nur eine gedachte, sondern eine 
erkennbare. In jeder Empfindung liegt die absolute Position als uns gegeben, 
und das Empfvindene beansprucht, als Seiendes zu gelten. Freilich ist das, was 
wir empfinden, nur etwas für uns, es kann ihm daher die selbständige Existenz 
nicht zugesprochen werden. Anderseits ist die in der Empfindung Hegende 
absolute Position eine gegebene Tatsache und kann daher nicht aufgehoben 
werden. Sie mixß daher bezogen werden auf etwas, das nicht empfunden wird, 
und so kommt Her hart dazu, einfache und reale Wesen anzunehmen als 
durch die Erscheinungen notwendig vorausgesetzt; diese werden nicht mu" ge- 
dacht, sondern mittelbar erkannt und sind infolgedessen ein wahrhaft Reales. 
Gegen Kant verficht Her hart auch die Ansicht, daß die Formen der Erfahrung 
wirklich gegeben seien, da wir uns in der Auffassung eines bestimmten Objekts 
an die Verbindung des Wahrnehmungsinhalts mit einer bestimmten Form 
gebunden fühlen und nicht, wie es bei bloß subjektivem Hinzudenken der For- 
men der Fall sein müßte, jeden beüebigen Inhalt in der sinnlichen Wahrnehmung 
selbst mit jeder beUebigen Form verknüpfen können. In welcher Art dieselben 
gegeben seien, ist ein späteres, psychologisches Problem; auf der Tatsache des 
Gegebenseins derselben aber beruht die metaphysische Betrachtung. 

Die gegebenen Formen der Erfahrung sind von der Art, daß sie wider- 
sprechende Begriffe üefem, welche durch das Denken verbessert werden 



§ 13. Johann Frifdrich Herbart. 165 

müssen. Die Ausdehnung im Raum und das Geschehen in der Zeit involvieren 
Widersprüche. Das Ausgedehnte soll sich dehnen durch viele, verschiedene, 
a\ißereinander liegende Teile des Raumes; diirch die Dehnung aber zerreißt 
das Eine in Vieles, und doch soll das Eine mit dem Vielen identisch sein. Indem 
wir Materie denken, beginnen wir eine Teilvmg, die wir ins vmendliche fort- 
setzen müssen, weil jeder Teil noch als ein Ausgedehntes gedacht werden soll. 
Wir kommen nie zu allen Teilen, nie zu den letzten Teilen, weil wir die Un- 
endlichkeit der aufgegebenen Teilimg sonst überspringen müßten. Wollen 
wir versuchen, von dem Einfachen auszugehen und aus ihm die Materie ebenso 
im Denken zusammenzusetzen, wie sie aus ihm wirklich bestehen mag, so 
fragt sich, wie viele Einfache wir wohl zusammen nehmen müßten, um einen 
endlichen Raum auszufüllen. Offenbar müßte die vorige Unendlichkeit jetzt 
rückwärts übersprungen werden. Bei der ^Teilung verliert sich die Realität im 
Unendlichkleinen ; bei der versuchten Rekonstr\aktion können wir dieses nicht 
als Grxmdlage der ReaUtät der Materie gebrauchen. Der Erfahrungsbegriff 
der Materie ist daher einer Veränderung im Denken zu unterwerfen. An die 
imendliche Teilbarkeit der Zeit knüpfen sich die gleichen Betrachtungen. Die 
Erfüllimg der Zeit durch das' Geschehen imd durch die Dauer erfordern noch 
offenbarer als die Raxmierfüllung, daß auf das Erfüllende die Unterscheidung 
der unendlich vielen Teilchen übertragen werde; denn leere Zwischenzeiten 
würden Vernichtung imd AViederentstehen dessen bezeichnen, was in der Dauer 
tmd dem Geschehen begriffen ist. Was geschieht, nimmt die Zeit ein, es ist in 
derselben gleichsam axisgedehnt. Was geschehen ist, zeigt sich im Erfolge als 
ein endliches Quanttun der Verändening. Dieses Endhche soD die unendüche 
Menge dessen in sich fassen, was in allen Zeitteilchen nacheinander geschah. 
So wenig, wie die einfachen Teile des Ausgedehnten im Ravune, ist das wirkliche 
Geschehen, aus dem der Erfolg sich zusammensetzt, denkbar, denn es zerfließt, 
wie klein wir es fassen mögen, immer wieder in ein Vorher, ein Nachher, eine 
Mitte zwischen beiden. 

Der Begriff der Inhärenz oder des Dinges mit mehreren Eigen- 
schaften involviert den W^iderspruch, daß das Eine Vieles sei. Die Mehrheit 
der Eigenschaften verträgt sich nicht mit der Einheit des Gegenstandes. Das 
Ding soll der Eine Besitzer der verschiedenen Merkmale sein. Aber das Besitzen 
muß doch dem Dinge als etwas seiner Natur Eigentümliches, als eine Bestim- 
mung seines Was zugeschrieben werden, folglich ein ebenso Vielfaches sein wie 
die Eigenschaften, die besessen werden. Dadurch aber wird das Ding selbst ein 
Vielfaches, während es doch zugleich Eines sein soll. Die Frage: was ist das 
Ding ? erfordert eine einfache Antwort. Der Begriff von dem Dinge, dessen 
wahre Q\ialität ein vielfacher Besitz von Merkmalen sei, ist ein widersprechender 
Begriff, der einer Umarbeitxmg im Denken entgegensieht, weil er, als aus dem 
Gegebenen stammend, nicht verworfen werden kann. h 

Auch der Begriff der Kausalität, der, obschon nicht als Begriff gegeben, 
doch dtu-ch ein notwendiges Denken über das Gegebene entsteht, involviert 
Widersprüche. Mit dem Gegebenen drängt sich unmittelbar der Begriff der 
Veränderung auf; nun macht sich schon im gemeinen Denken ein Bedürfnis 
fühlbar, zu erklären, warimi die Veränderung eingetreten sei, d. h. die Verände- 
rung als Wirkung aufzufassen und' zu ihr eine Ursache zu suchen. Aber der Be- 
gr iff der Veränderung führt auf ein Trilemma. Entweder nämlich müßte die 
Veränderung eine äioßere Ursache oder eine innere Ursache haben oder tirsachlos 



166 § 13. Johann Friedrich Herbart. 

sein, mit anderen Worten : sie müßte sich entweder axif Mechanismus oder auf 
Selbstbestimmung oder auf absolutes Werden zurückführen lassen. Der gemeine 
Verstand pflegt sich alle drei VorsteUungsarten zu erlauben, indem er in der 
Körperwelt äußere Ursachen, bei dem Willen Selbstbestimmung, für den Lauf 
der Dinge im allgemeinen aber oft das Schicksal, d. h. absolutes Werden, 
voraussetzt. Allein 1. der Begriff der äußeren Ursache erklärt nicht den ur- 
sprünglichen Wechsel, da er auf einen regressus in infinitum zu führen scheint, 
xmd er erklärt auch nicht den abgeleiteten Wechsel, da er den Widerspruch in 
sich trägt, daß das Tätige eine fremde, ihm nicht eigene Bestimmung als Eigen- 
schaft seiner Natur in sich trage, und daß das Leidende nach der Verändenmg 
noch das nämUche Ding, und doch auch nicht mehr das nämliche Ding wie 
vorher sein soll; 2. der Begriff der Selbstbestimmung durch eine innere Ursache 
vermindert diese Schwierigkeiten nicht und leidet zudem an dem Widerspruch, 
daß er das eine Wesen in dem Aktus der Selbstbestimmung durch den Gegensatz 
der Aktivität tmd Passivität mit sich entzweit ; 3. das absolute Werden, welches 
den Wechsel selbst als die Qualität dessen, was ihm unterworfen ist, ansieht, 
leidet an der doppelten Schwierigkeit, daß es eine strenge Gleichförmigkeit des 
Wechsels fordern würde, die doch in der Natur der Dinge erfahrungsgemäß nicht 
angetroffen wird, und daß es auch in sich selbst widersprechend ist, da der 
Begriff des Werdens sich rücht anders denken läßt als durch die wechselnden 
Beschaffenlieiten, welche in der Umwandlung durchlaufen werden, so daß man, 
um die Qualität des Werdens zu bestimmen, die einander entgegengesetzten 
Beschaffenheiten zusammenfassen tind in eine Einheit konzentrieren mviß, 
worin der Widerspruch hegt, daß Entgegengesetzte Eins sein sollen ; sagt man, 
das Wesen sei nur Erscheinung eines nicht wecl\selnden Grundes, so werden die 
Widersprüche nicht genündert, sondern gehäuft; denn es tritt bei dieser An- 
nahme nur um so deutlicher hervor, daß in dem Einen nicht wechselnden Grunde 
alle Mannigfaltigkeit und aller Widerspruch konzentriert sei, woraus das Viele 
und Entgegengesetzte der Erscheintmg sich entfalten soll. 

Der Begriff Ich trägt in sich, wofern das Ich als UrqueU aller unserer 
höchst mannigfaltigen Vorstell\ingen angesehen wird, den Widerspruch der In- 
härenz des Vielen in dem Einen, welcher hier sogar besonders fühlbar ist, weil 
das Selbstbewußtsein das Ich als ein völliges Eins darzustellen scheint: dazu 
aber tritt der dem Ich eigentümliche Widerspruch, daß er als das reine,. in 
sich selbst zurückgehende Selbstbewußtsein sich vorstellen muß, d. h. sein Ich 
vorstellen muß, d. h. sein Sichvorstellen vorstellen muß, und so fort ins unendliche 
(indem jedesmal das Sich durch sein Ich und dieses wiederum durch sein Sich- 
vorstellen zu ersetzen ist), so daß der Ich-Begriff in der Tat gar nicht zustande 
konunen zu können scheint. 

Die Metaphysik, welche die dargelegten Widersprüche aus den Formen 
der Erfalxrung hinwegschaffen und dadtirch die Erfahrung begreiflich machen 
soll, wird von Herbart eingeteilt in die Lehre von den Prinzipien und Methoden 
(Methodologie), von dem Sein, der Inhärenz und der Veränderung (Onto- 
1 o g i e) , von dem Stetigen (Synechologie) und von den Erscheinxmgen (E i d o - 
lologie). An die allgemeine Metaphysik schUeßt sich als angewandte Meta- 
physik die Naturphilosophie und die Psychologie an. 

Die von der Metaphysik zu vollziehende Umbildung der angegebenen Be- 
griffe besteht darin, daß die notwendigen Ergänzungsbegriffe oder die Be- 
ziehungspunkte aufgesucht worden, durch welche allein die Widersprüche, 



§ 13. Johann Friedrich Herbart, 167 

die in denselben enthalten sind, sich a\if lösen lassen. Die Methode, durch 
Axifsuchiing der notwendigen Ergänzungsbegriffe die Widersprüche in den diirch 
die Erfahrung dargebotenen formalen Begriffen aufzuheben, nennt Herbart die 
Methode der Beziehungen. Jeder Begriff jener Art ist ein Grund, avis dem 
tun des in ihm enthaltenen Widerspruchs willen der Ergänzungsbegriff gefolgert 
werden m\iß. Nvu* hierdurch wird nach Herbsirt Synthesis a priori möglich. 
Denn, sagt er, wenn B dem A dxirch Synthesis a priori, also notwendig, zu ver- 
binden ist, so muß A ohne B xmxnöghch sein; die Notwendigkeit Hegt in der 
Unmöglichkeit des Gregenteils; Unmöglichkeit eines Gedankens aber ist Wider- 
spruch (wogegen Kant behauptet hatte, daß synthetische Sätze a priori noch 
eines andern Prinzips als des Satzes der Identität und des Widerspruchs be- 
dürfen). Es ist unmögüch, anzunehmen, daß nichts sei, denn dann würde auch 
nichts erscheinen. Leugne man alles Sein, so bleibe zum mindesten das -unleug- 
bare Einfache der Empfindimg. Das Zurückbleibende, nach aufgehobenem 
Sein, ist Schein. Dieser Schein, als Schein, ist. Weil der Schein nicht hinweg- 
zuheben ist, so muß irgendein Sein vorausgesetzt werden. 

Erklären, daß A sei, heißt, es solle bei dem einfachen Setzen des A sein 
Bewenden haben. Sein ist absolute Position, Der Begriff des Seins 
schließt alle Negation und alle Relation aus. Was als seiend gedacht wird, 
heißt ein Wesen (ens). 

Das Einfache der Empfindung findet sich nie oder höchst selten einzeln, 
sondern in Komplexionen, welche wir Dinge nennen. Wir legen dem Dinge 
seine einzelnen Merkmale als Eigenschaften bei. Die Widersprüche aber, die 
in dem Begriffe des Dinges mit mehreren Eigenschaften liegen, nötigen dazu, 
diesen Begriff, um ihn von eben diesen Widersprüchen zu befreien, durch die 
Annahme zu ergänzen, daß eine Mehrheit realer Wesen existiere, deren jedes von 
schlechthin einfacher, durch keine inneren Gegensätze bestimmbarer Qualität 
sei, deren Zusammen aber die Erscheinung des Einen Dinges mit vielen Eigen- 
schaften bedinge. So sind die Eigenschaften eines Dinges nichts weiter als die 
Beziehungen, in welchen es zu anderen Dingen steht. Diese Beziehungen können 
natürlich viele sein. 

In einer Komplexion von Merkmalen pflegen einzelne zu beharren, 
während andere wechseln. Wir schreiben daher den Dingen Veränderungen 
zu. Aus den Widersprüchen im Begriff der Veränderung aber folgt, daß es im 
Seienden keinen ursprünglichen inneren Wechsel gibt, weil ursprüngliche Selbst- 
bestimmung und absolutes Werden xmmöglich ist, und daß es auch keinen 
abgeleiteten Wechsel geben würde, wofern die Einwirkung von Ursachen nur 
unter der Voraussetzung einer ursprünglich nach außen gerichteten Tätigkeit 
erfolgen könnte. Dann aber würde es gar keinen Wechsel geben, auch nicht 
in der Erscheinung, was der Erfahrung widerspricht. Mithin muß jene Voraus- 
setzung falsch sein und der W^echsel sich ohne eine ursprünglich nach außen 
gerichtete, wie auch ohne eine ursprüngliche innere Tätigkeit erklären lassen. 
Herbart erklärt denselben mittels der Theorie der Selbsterhaltungen, 
welche bei dem Zusammensein der einfachen realen Wesen stattfinden und das 
einzige wirkliche Geschehen ausmachen. Diese Theorie beruht auf dem 
Hilfsbegriffe des intelligibeln Raumes nebst der di esem Räume entsprechen - 
den Zeit und Bewegung, iind auf dem methodischen Hilfsmittel der zufälligen 
Ansicht. 



168 § 13. Johann Friedrich Herbart. 

Unter dem intelligiblen Räume versteht nämlich Herbart denjenigen 
Raum, in welchem die einfachen realen Wesen befindlich gedacht werden 
müssen, im Unterschiede von dem phänomenalen Räume, in welchem 
unsere Empfindvmgen vorgestellt werden, welcher also in der Seele selbst ist. 
Der Begriff des intelligiblen Raumes entspringt, indem sowohl das Zusammen 
als das Nichtzusammen der nämlichen Wesen gedacht werden soll. Das An- 
einander einfacher realer Wesen erzeugt die „starre Linie", der Übergang der 
Punkte ineinander die stetige Linie, aus der IVIischtmg zweier Richtungen geht 
die Ebene, aus der Hinzvifügung einer neuen Richtung der körperliche Raum 
hervor. Die Fiktion des Übergangs der Punkte ineinander setzt eine Teilbar- 
keit des Punktes voraus, welche Annahme Herbart durch die geometrische Tat- 
sache irrationaler Verhältnisse zu rechtfertigen sucht. Auch in dem intelUgiblen 
Räume sind, wie in dem phänomenalen, alle Bewegungen relativ; was Be- 
wegtmg ist in bezvig auf umgebende Objekte, die als riihend betrachtet werden, 
ist Ruhe, sofern eben diese Objekte als in der entgegengesetzten Richtvmg 
jedesmal mit der gleichen Geschwindigkeit sich bewegend angesehen werden. 
Jedes Wesen im intelligiblen Ratune ist ursprünglich ruhend in bezug auf sich 
selbst oder auf den Raum, sofern er selbst als in demselben befindlich betrachtet 
wird, aber nichts hindert, daß diese Ruhe Bewegung sei in Hinsicht auf andere 
reale Wesen: die Ruhe in bezug auf diese wäre nur ein möglicher Fall unter 
\inendlich vielen gleich möglichen. Es ist also vorauszusetzen, daß im allge- 
meinen TorsprüngUch jedes Wesen im Vergleich mit jedem andern in Bewegung 
sei, nämlich in geradUniger Bewegung mit konstanter Geschwindigkeit. Dies© 
Bewegung ist nicht eine wirkliche Verändenmg, weil jedes Wesen in bezug auf 
sich selbst und axif seinen Raxun dabei in Ruhe bleibt, zu andern Wesen aber 
nicht selbst in Beziehung steht, sondern nur durch ein zusammenfassendes 
Bewußtsein in Beziehung gesetzt wird. Wenn aber der Fall eintritt, daß in- 
folge dieser ursprünglichen Bewegung einfache reale Wesen in denselben 
Punkt gleichzeitig gelangen, so erfolgt eine gegenseitige Durchdringung, die, 
sofern die Qualitäten dieser Wesen einander gleich sind, keine Störung ver- 
anlaßt, sofern aber die Qualitäten derselben einander entgegengesetzt sind, 
eine Störung bedingt, da Entgegengesetztes nach dem Satze des Widerspruchs 
nicht in einem Punkte zusammen sein kann; die Störung würde erfolgen, wenn 
das Entgegengesetzte der mehreren Wesen sich wirklich aufheben könnte, da 
dasselbe aber vmaufhebbar ist, so erhalten sich die Qualitäten wider die inten- 
dierte Störung; Selbsterhaltung ist Bestehen wider eine Negation. Die 
Störung gleicht einem Druck, die Selbsterhaltung einem Widerstände. In der 
Seele sind die ,,Selbsterhaltimgen" Vorstellungen; in allen anderen realen 
Wesen sind sie solche inneren Zustände, die auch nach den Herbartschen 
Prinzipien, gleichwie nach den Leibnizschen, irgendwie unsem Vorstellungen 
analog gedacht werden müssen. Das eigentliche imd einfache Was der realen 
Wesen erkennen wir zwar nicht, über ihre inneren und äußeren Verhältnisse 
aber können wir eine Summe von Einsichten erlangen, die sich ins unendliche 
vergrößern läßt. Die Voraussetzung, daß das einfache Was der Wesen bei ver- 
schiedenen nicht bloß verschieden sei, sondern auch konträre Gegensätze bilde, 
ist notwendig. Ist der Gegensatz der Qualität ein partieller, so lassen sich die 
Quahtäten in tmserm Denken in solche Komponenten zerlegen, zwischen 
denen einerseits volle Übereinstimm\uig, anderseits voller Gegensatz statthat. 
Diese Zerlegung, obschon methodisch notwendig, um das Ergebnis zu verstehen. 



§ 13. Johann Friedrich Herbart. 169 

ist doch in bezug axif die Qualitäten selbst eine „zufällige Ansicht", weil 
diese nicht wirklich aus solchen Komponenten hervorgegangen, sondern einfach 
und tinteilbar sind und nxor in der Betrachtving zerlegt werden. 

In unserin Bewußtsein ist die Ichheit gegeben, und doch ist der Ich- 
begriff mit Widersprüchen behaftet. Diese Widersprüche nötigen zu einer 
Unterscheidung der im Selbstbewußtsein apperzipierten und der apperzipieren- 
den Vorstellungsmassen, welche wiederimi die Lehre von der Seele als einem 
einfachen realen Wesen, dem Träger der ganzen Komplexion tmserer Vorstel- 
Ivmgen, die Lehre von den Vorstellungen als den Selbsterhaltungen der Seele 
Tind von den gegenseitigen Verhältnissen der Vorstelhmgen zur Voraussetzung hat. 

An die Teilbarkeit des Punktes knüpft sich die Möglichkeit eines unvoll- 
kommenen Zusammen oder einer teilweisen Durchdringung einfacher 
(aber bei der Fiktion der Teilbarkeit als kugelförmig vorzustellender) realer 
Wesen. Diirch die partielle Diu'chdringimg der einfachen Wesen entsteht die 
Materie. Eine notwendige Folge teilweiser Durchdringung ist die Attraktion 
der Elemente. Denn die Selbsterhaltung kann sich nicht auf den durch- 
drungenen Teil eines jeden dieser realen Wesen beschränken; in dem ganzen 
realen Wesen, in allen fingierten Teilen desselben, befindet sich einerlei Grad 
der Selbsterhaltung, und zwar dartun, weil eben das reale Wesen einfach und 
seine Teile nur fingiert sind. Dem inneren Zustand der totalen Selbsterhaltung 
aber miifl mit Notwendigkeit auch die äußere Lage der einfachen Wesen ent- 
sprechen. Aus dieser Notwendigkeit, daß zu dem innern Zustande ein 
ihm angemessener äußerer Zustand hinzutrete, folgt, daß die partielle 
Durchdringung in ein totales Ineinander übergehen m\iß. Wenn naan sich die 
Elemente als Kugeln vorstellt und die tinendlich kleine Zeit des Eindringens 
wieder in Unendlichkleine der zweiten Ordnung zerlegt, so verhält sich in jedem 
Augenblicke die ganze Kugel zu dem noch nicht durchdrungenen Teile wie 
die anfängliche Anziehung zu der Beschleunigung in diesem Augenblicke. Bei 
einer Verbindung mehrerer einfacher realer Wesen tritt die Repulsion oder 
die Notwendigkeit des Hinausweichens ein, wenn nänüich das Maß überschritten 
wird, in welchem der innere Zustand eines mittleren realen Wesens einer Mehr- 
heit eindringender realer Wesen zugleich zu entsprechen vermag. Attraktion 
und Repulsion sind demnach nicht ursprüngliche Kräfte, sondern 
die notwendigen äußeren Folgen der inneren Zustände, in welche 
mehrere verschiedene Substanzen sich gegenseitig versetzen. 

Ist zwischen Attraktion und Repulsion das Gleichgewicht hergestellt, 
so bildet die betreffende Verbindung von einfachen und realen Wesen ein 
materielles Element oder ein Atom. 

Um die besonderen physikalischen Erscheinungen und Gesetze aus ihren 
letzten Gründen genetisch zu erklären, unterscheidet Herbart bei den Elementen 
einerseits nach dem Maße der Verschiedenheit ilirer Qualitäten den starken 
und schwachen Gegensatz, anderseits nach dem Verhältnisse der Intensi- 
tät der beiderseitigen Qualität den gleichen und ungleichen Gegensatz. 
Auß der Kombination beider Unterscheidungen ergeben sich vier Hauptver- 
hältnisse der Elemente zueinander: 

1. der starke und gleiche oder nahezu gleiche Gegensatz : a\if diesem beruht 
die Bildiing der festen oder starren Materie, insbesondere ihre Kohäsion, 
Elastizität und Konfiguration; 



170 § 13. Johann Friedricn Ilerbart. 

2. der starke, aber sehr ungleiche Gegensatz ; in diesem Verhältnis stehen 
die Elemente des (von Herbart zvir Erklärung der Wärmeerscheinungen voraus- 
gesetzten) Wärmestoffs (Caloricum) zu den Elementen der festen Körper; 

3. der schwache imd nicht sehr ungleiche Gegensatz ; in diesem Verhältnis 
steht zu den Elementen der festen Körper das Elektrikum; 

4. der schwache und sehr ungleiche Gegensatz; in diesem Verhältnis 
steht zu den Elementen der festen Körper der Äther oder das Medium des 
Lichtes imd der Schwere. 

Auf die Annahme einer innern Bildsamkeit der Materie gründet 
Herbart die Biologie (oder Physiologie). Zwischen mehreren inneren Zviständen 
Eines Wesens treten gegenseitige Hemmungen ein (wie in der Seele zwischen 
Vorstellvmgen, welche einander im Bewußtsein beschränken); die gehemmten 
Zustände treten unter begünstigenden Bedingungen wieder hervor und be- 
stimmen dann mit das äußere Geschehen. Durch das einfache Wesen werden 
in anderen, die mit ilmi in Berührung kommen, gleichartige Zustände angeregt ; 
hierauf beruhen die Assimilation und Reproduktion. Auch die Irritabilität 
imd die Sensibilität folgen aus der inneren Bildsamkeit der Materie. 

Das zufälüge Zusammentreffen einfacher realer Wesen begründet nur die 
allgemeine Möglichkeit eines organischen Lebens. Die zweckmäßige Gestalttmg 
aber, die in den höheren Organismen erscheint, setzt den Einfluß einer gött- 
lichen Intelligenz voraus, welche zwar nicht die einfachen realen Wesen 
selbst, wohl aber die vorhandenen Beziehungen derselben zueinander (und 
eben hierdurch auch das, was der vulgäre Sprachgebrauch unter den Substan- 
zen versteht) begründet hat. Der durch teleologische Erwägungen begründete 
Gottesglaube aber befriedigt das religiöse Bedürfnis n\ir, sofern der Mensch 
zu Gott beten oder wenigstens in dem Gedanken an Gott Ruhe finden kann, 
was die Aufnahme der ethischen Prädikate in die Gottesidee bedingt. 

Die Seele ist ein einfaches reales Wesen; denn wäre sie ein Komplex 
mehrerer realer Wesen, so würden die Vorstellungen axiseinander Hegen, imd 
es würden nicht melirere Vorstellungen ziir Einheit des Gedankens und nicht 
die Gesamtheit meiner Vorstellungen zur Einheit meines Bewußtseins sich 
verbinden. Die Selbsterhaltungen der Seele sind Vorstellungen. Vorstelliingen, 
die einander gleichartig oder auch disparat sind, verschmelzen miteinander; 
Vorstellungen aber, die einander partiell oder total entgegengesetzt sind, 
hemmen einander nach dem Maße ilires Gegensatzes. Durch die Hemmung 
wird die Intensität, mit welcher die Vorstellungen im Bewußtsein sind, ver- 
mindert oder ganz aufgehoben. In der gehemmten Vorstellung ist das Vor- 
stellen zu einem Streben, vorzustellen, geworden. Die Intensitätsverhältnieee 
der Vorstellungen lassen sich der Rechnung imterwerfen, obschon die ein- 
zelnen Intensitäten nicht meßbar sind; die Rechnung dient dazu, die Gesetze 
des Vorstellungslaufs auf ihren exakten Ausdruck zu bringen. Sie ist Statik, 
sofern sie auf den Endzustand geht, in welchem die Vorstellungen beharren 
können, Mechanik, sofern sie die jedesmalige Stärke einer Vorstellung in 
einem bestimmten Zeitpunkt während des Wechsels zu ermitteln sucht. 

Es seien gleichzeitig zwei Vorstellungen, A imd B, gegeben, deren Intensi- 
täten einander vollkommen gleich sind, so daß jede sich = 1 setzen läßt. 
Zwischen beiden sei voller Gegensatz (wie z. B. zwischen rot und gelb, gelb 
und blau, dem Grundton und dem um eine Oktave höheren Ton), so daß, wenn 
die eine derselben ungehemmt bestehen soll, die andere total gehemmt sein muß. 



§ 13. Johann Friedrich Herbart. 171 

Da (nach dem Satze des Widerspruclis) Entgegengesetztes nicht gleichzeitig 
an demselben Punkte ziisammen bestehen kann, so müßte die eine beider Vor- 
stellungen zugunsten der andern völlig aufgehoben werden. Aber jede erhält 
sich ; Bestehendes kann nicht ausgetilgt werden. Beide streben mit gleicher Kraft 
gegeneinander. Also sinkt jede auf die Hälfte ilirer ursprüngüchen Intensität 
herab. Dem Glesetze des Widerspruchs würde genügt sein, wenn die eine Vor- 
stellung ganz gehemmt wäre ; es wird tatsächlich soviel von beiden Vorstellungen 
zusammen gehemmt, als die ursprüngliche Intensität der einen von beiden 
Vorstellungen beträgt. Diese auf beide Vorstellungen sich verteilende Gesamt- 
heit der Hemmung nennt Herbart die Hemmungssumme. Ist der Gregensatz 
kein totaler, also nicht durch 1, sondern durch einen echten Bruch zu bezeich- 
nen, so tritt dieser Bruch hier, wie überall, bei der Bestimmung der Hemmiings- 
summe als Faktor hinzu. 

Sind die Vorstellungen A und B an Stärke ungleich, ist die Intensität 
der ersten = a, der andern = b, und ist a >> b, und besteht zwischen A und B 
voUer Gegensatz, so genügt es nach Herbarts Annahme, daß ein Quantvim, wel- 
ches der Intensität (b) der schwächeren Vorstellung gleich ist, an beiden Vor- 
stellungen zusammen gehemmt werde, denn wäre die schwächere aufgehoben, 
Bo wäre der „Widerspruch" entfernt. Die ,,Hemmungssximme" ist also nun = b. 
Jede Vorstellung sträubt sich nait ihrer ganzen Intensität gegen die Hemmtmg. 
Also trägt sie von derselben um so weniger, je stärker sie ist. Also trägt A von 

b2 ab , „ . 

der Hemmungssvunme, welche = b ist, , und B trägt , so daß A im 

a-pb a+b 

b2 a2 + ab — b2 ^ . , 

Bewußtsein bleibt mit der Stärke a — = ; , und B mit der 



a+b a+b 



ab b^ 

Intensität b — 



a+b a+b 

Sind gleichzeitig drei Vorstellungen mit vollem Gegensatz untereinander 
gegeben, deren Intensitäten a, b, c sind, imd ist a > b, b > c, so ist nach 
Herbart die Hemmungssumme = b + c, überhaupt gleich der Summe der 
sämtlichen schwächeren Vorstellungen; denn wären diese alle völlig gehemmt, 
so könnte die stärkste sich ganz behaupten. Auch diese Hemmungss umm e ver- 
teilt sich nach dem umgekehrten Verhältnis der Intensitäten. Es kann dabei 
aber der Fall eintreten, daß die schwächste Vorstellung, indem sie ebensoviel 
oder melir zu tragen hat, als ihre Intensität beträgt, ganz aus dem Bewußtsein 
verdrängt wird, in welches sie jedoch \inter begünstigenden Umständen wieder 
eintreten kann. Die Grenze, an welcher die Intensität genau = ist, nennt 
Herbart die Schwelle des Bewußtseins, wobei freilich das Büd des (horizon- 
talen) Hinübertretens über eine Schwelle mit dem Bilde eines (vertikalen) 
Auf- imd Niedersteigens sich mischt. Den Wert einer Vorstellung, bei welchem 
dieselbe gerade auf die Schwelle des BewuiBtseins herabgedrückt wird, nennt 
Herbart den „Schwellenwert". Ist a = 1, b = 1, so ist yi/^ = 0,707 . . . der 
Schwellenwert von c. 

[Ist die Empfänglichkeit für eine Vorstellung bei konstanter Stärke des 
Reizes (welche wir zunächst um der Einfachheit willen = 1 setzen) ursprünglich 
= a, so ist dieselbe, nachdem die Vorstellung bereits die Intensität x erlangt hat, 
nur noch = a — x. Die Raschheit, mit welcher die Vorstellung an Intensität zu- 
nimmt, oder die „ Greschwindigkeit ihres Wachsens" ist in jedem Augenblick 



172 § 13. Johann Friedrich Herbart. 

dem Maße der Empfänglichkeit proportional. Sie wird also fortwährend ge- 
ringer. Wir betrachten als Zeiteinheit (t = 1) diejenige Zeit, in welcher die 
Vorstellung zu der vollen Stärke = a anwachsen würde, falls die anfängliche 
Raschheit der Zimahme imverändert bhebe. In einem ersten sehr kleinen 

t 
Zeitteil = — bleibt diese Geschwindigkeit des Anwachsens nahezu imverändert, 
n 

in dem ersten unendlich kleinen Zeitteil = dt aber ist sie als unverändert 

t 
(konstant) zu betrachten. Also gelangt in dem ersten Zeitteil — die Vorstellung 

n 

t 
nahezu zu der Stärke a • — , in dem ersten Zeitteil dt aber gelangt sie zu der 
n 

Stärke a • dt. Ist in einem späteren Augenblick, nach Ablauf einer beUebigen 

Zeit = t, die Vorstellung schon bis zu der Stärke x angewachsen, also die 

Enipfänghchkeit nicht mehr = a, sondern niu" noch = a — x, so muß jetzt in 

t t 

einem sehr kleinen Zeitteil = — die Vorstelliing nicht um nahezu a • — , sondern 

n n 

t 
um nahezu (a — x) • — und in einem unendHch kleinen ZeitteU = dt nicht um 
n 

a • dt, sondern um (a — x) dt anwachsen. Bezeichnen wir nun durch dx die 

Zunahme an Stärke, welche die Vorstellung, nachdem sie bis zu x angewachsen 

war, in einem xmendlich kleinen Zeitteil = dt erlangt (oder die Differenz ihrer 

Stärke nach und vor Ablauf dieses unendlich kleinen Zeitteils), so ist, dem Obigen 

dx 

gemäß, dieses dx = (a— x) dt, also ist = dt, aus welcher Gleichung mit 

a — X 

Rücksicht auf den Umstand, daß die Vorstellung vom Nullwerte a\if anwächst, 

/ -t\ 

so daß also für t = auch x = ist, sich das Resultat ergibt :x=\al — e /' 
sofern imter e, wie es übUch ist, die Basis der natürlichen Logarithmen ver- 
standen wird. — Wird die Stärke des Reizes zwar als konstant angenommen, 
aber nicht = 1, sondern = ß gesetzt, so ist die Intensität, zu welcher die Vor- 
stellung in dem ersten Zeitteil dt gelangt (statt, wie oben, = a • dt), vielmehr 
= /;?a • dt; folglich muß sich in dem nach Ablauf der Zeit t, in welcher die Vor- 
stellung bis zu der Stärke x angewachsen ist, zunächst verf Heßenden Zeitteil = dt 
die Stärke der Vorstellung um ß (a — x) dt vermehren, d. h. dx = ß {a.—x) dt. 



/ -ßt\ 

= aVl - e /. 



woraus folgt: x = a\l— e /. Hierin liegt, daß die Vorstellimg der vollen 

Stärke = a zwar ziemlich bald nahe konmat, aber dieselbe in keiner endhchen 
Zeit ganz erreicht, sondern sich ihr in einer solchen Art, wie der Hyperbelzweig 
seiner Asymptote, annähert. (Psychologie als Wissenschaft § 74.) 

Mittels einer ganz analogen Betrachtiing bestimmt Herbart das allmähliche 
Sinken der Hemmungssumme. 

Sind mit einer Vorstellung mehrere andere verbttnden, aber nicht voll- 
kommen, sondern nach einer gewissen Abstufxmg dvirch größere oder kleinere 
Teile, so wird jene Vorstellung, falls sie, nachdem sie gehemmt war, von dieser 
Hemmung befreit ins Bewußtsein zurückkehrt, jene anderen Vorstellungen mit 
sich emporzuheben streben, aber nicht gleichmäßig, sondern in einer bestimmten 
Ordmong und Reihenfolge. Her bart sucht diese Reihenfolge durch mathematische 



§ 13. Johann Friedrich Herbart. 173 

Fonnehi zu bestimmen. Auf abgestuften Verschmelzungen beruht nach 
ihm nicht nur der Mechanismus des sogenannten Gedächtnisses, sondern 
es entstehen daraus auch die räumlichen und zeitlichen Formen unseres 
Vorstellens, die Herbart nicht mit Kant als Formen a priori, sondern als 
Resultate des psychischen Mechanismus betrachtet. 

In dem einfachen Wesen, welches Seele ist, gibt es ebensowenig, wie eine 
urspriinghche Mehrheit von Vorstellungen, eine ursprüngliche Mehrheit von Ver- 
mögen. Die sogenannten Seelenvermögen sind nur hypostasierte Klassen - 
begriffe von psychischen Erscheinungen. Die Erklärung der Erscheinungen aus 
dem sogenannten Vermögen ist illusorisch; in den VorsteUungsverhältnissen 
liegen die wirklichen Urssichen der psychischen Vorgänge. Die Wieder - 
erinnerung geschieht nach den Reproduktionsgesetzen. Der Verstand, von 
dem sich die Namener klärung geben läßt, er sei das Vermögen, unsere Gedanken 
nach der Beschaffenheit des Gtedachten zu verknüpfen, beniht auf der voll- 
ständigen Wirkung derjenigen Reihen, welche vermittels der Einwirkung der 
äußeren Dinge auf uns sich in unserer Seele gebildet haben. Unter der Vernunft 
ist die Fähigkeit zu verstehen, Gründe und Gegengründe gegeneinander ab- 
zuwägen; sie beruht aiof der zusammentreffenden Wirksamkeit mehrerer voll- 
ständiger VorsteUungsreihen. Der sogenannte innere Sinn ist die Apperzeption 
neugebüdeter Vorstellungen durch ältere gleichartige Vorstellungsmassen. 
Gefühle und Begierden sind nichts außer tmd neben den Vorstellungen, am 
wenigsten gibt es dafür besondere Vermögen, sondern sie sind veränderliche 
Zustände derjenigen Vorstellungen, in denen sie ihren Sitz haben. Die Gefühle 
entspringen, wenn verschiedene Kräfte auf die nämliche Vorstellung in gleichem 
oder in entgegengesetztem Sinne einwirken, entgegengesetzte Vorstellungen 
hemmen sich, so daß das Vorgestellte ganz oder zum Teü verschwindet. Es tritt 
aber dann hervor, sobald die Hemmung weicht, demnach verwandeln sich 
Vorstellungen durch ihren gegenseitigen Druck in ein Streben, vorzustellen. 
Dieses Streben wird dann Begehren, Trieb genannt. Der Wille ist ein Streben, 
welches mit der Vorstellxmg der Erreichbarkeit des Erstrebten verbunden ist. 
Die psychologische Freiheit des Willens ist die gesicherte Herrschaft der 
stärksten Vorstellungsmassen über einzelne Affektionen. Kants Lehre von der 
,, transzendentalen Freiheit" ist falsch und ist auch dem praktischen Interesse 
zuwider, indem sie die INIögüchkeit der Charakterbildung aufhebt. — Gefühle 
und Begierden haben nicht im Vorstellen überhaupt, sondern allemal in ge- 
wissen bestimmten Vorstellungen iliren Sitz. So ist es zu erklären, daß es ganz 
verschiedene Begierden und Gefühle zugleich gibt. Es gibt selten reine Freude. 
reine Trauer. Hierfür genügt die Erklärung, daß die Vorstellungen weder 
einzeln, noch alle gleichförmig verbtinden, sondern in verschiedenen größeren 
vmd kleineren Massen im Bewußtsein erscheinen, daß eine jede dieser Massen 
ihr eigentümliche Zustände, d. h. Gefühle und Begierden, in sich trägt, tmd daß 
in dem Zusammentreffen der verschiedenen Massen eine reiche Quelle von 
Mischungen verborgen hegt. 

Die Quelle der ästhetischen Ideen hegt in den unwillkürlichen Ge- 
schmacksuxteüen, und insbesondere die Quelle der ethischen Ideen in eben- 
solchen Geschmacksurteilen über Willensverhältnisse. Es kommt dabei nicht 
auf den Wert an, welchen etwa die Willensverhältnisse für das Subjekt haben, 
sondern auf den Wert, welchen die Willens%-erhältnisse ganz ohne Berücksich- 
tigung des Subjekts für sich haben. Das Begehren und Wollen des Subjekts muß 



174 § 13. Johann Friedrich Herbart. 

ganz aus dem Spiele bleiben. Diese praktischen Ideen sollen als Regulative 
dienen sowohl für das sittliche Leben des einzelnen als der menschlichen Ge- 
sellschaft und vertreten den kategorischen Imperativ Kants. Die Idee der 
inneren Freiheit beruht auf dem Wohlgefallen, welches die Harmonie 
zwischen dem WiUen und der auf ihn gerichteten Beurteilung erweckt. Die 
Idee der Vollkommenheit erwächst daraus, daß in reinen Größenverhält- 
nissen durchgängig das Größere neben dem Kleineren gefällt. Die Größen- 
begriffe, nach welchen das Wollen vergUchen wird, sind: Intension, Extension 
(d. h. Mannigfaltigkeit der von dem WoUen umfaßten Gegenstände) imd Kon- 
zentration des mannigfachen Wollens zu einer Gesamtwirkung oder die aus der 
Extension von neuem entspringende Intension. Der Gegenstand der Idee des 
Wohlwollens ist die Harmonie zwischen dem eigenen tind den voraiisgesetzten 
fremden Willen. Die Idee des Rechte beruht auf dem Älißf allen am Streit; 
das Recht ist die von den beteiligten Personen festgestellte oder anerkannte 
Regel zur Vermeidung des Streites. Indem durch absichtliche Einwirkung des 
Willens auf einen andern oder durch absichtliche Wohltat tind Wehetat der 
Zustand, in welchem die Willen sich ohne dieselbe befunden haben würden, 
abgebrochen oder verletzt wird, mißfällt die Tat als Störerin des früheren 
Zustandes; aus diesem Mißfallen erwächst die Idee der Vergeltung (Bülig- 
keit) oder der Tilgung der Störung durch den Rückgang des gleichen Quantums 
an Wohl oder Wehe von dem Empfänger zum Täter. Tugenden tmd Pflichten- 
ergeben sich erst, wenn die Ideen auf die konkreten Verhältnisse des mensch- 
lichen Daseins angewandt werden. An die lorsprünglichen Ideen schließen sich 
die abgeleiteten oder gesellschaftlichen ethischen Ideen an, insbesondere 
die Idee der Rechtsgesellschaft, des Lohnsystems, des Verwaltungs- 
systems, des Kultursystemsund der beseelten Gesellschaft, die der 
Reihe nach auf den Ideen des Rechts, der Vergeltung, des Gemeinwohls, der 
geistigen Vollkommenheit vind der inneren Freiheit basiert sind. Ntit die Ver- 
einigung aller Ideen kann dem Leben in sanfter Führung die befriedigende 
Richtung anweisen. Die beiden letzten Ideen büden auch die Grundlagen des 
Natvirrechts, das also nicht wie bei Kant vollständig von der Moral getrennt 
werden muß. — Ist die Metaphysik Herbarts realistisch, so trägt seine Ethik 
einen entschieden ideahstischen Charakter, und er weist es zurück, die Ethik 
in der Physik aiifgehen zu lassen, sie zu einer nur erklärenden Wissenschaft 
zu machen. p 

Die Grundlage des religiösen Glaubens hegt nach Her bar t in der 
Naturbetrachtung, die Ausbildung desselben aber ist durch die Ethik bedingt. 
Die Zweckmäßigkeit, die sich in den höheren Organismen bekundet, kann 
weder axif Zufall zimickgef ührt, noch auch als eine bloße Form unseres Denkens 
der Natur selbst abgesprochen werden. Sie findet ihren zureichenden Er klärungs- 
grund nur in einer götthchen Intelligenz, von welcher die Ordnung der einfachen 
realen Wesen herrühren muß. Eine zwecksetzende Intelligenz ist zwar nicht 
erwiesen, aber sie ist doch in dieser teleologischen Form ausreichend begründet. 
Ein wissenschaftliches Lehrgebäude der natürlichen Theologie ist unerreich- 
bar. Herbart meint selbst, seine Metaphysik drohe, sich ihm zu entfremden, 
wenn er sie auf Gott anzuwenden suche. Wichtiger als die theoretische Ausbil- 
dung des Gottesbegriffs ist für das religiöse Bewußtsein die Bestimmung des- 
selben durch die ethischen, mit dem Pantheismus zum Teü unvereinbaren 
Prädikate der Weisheit, Heiligkeit, Macht, Liebe imd Gerechtigkeit. Durch 



§ 14. Bemard Bolzano. 175 

den Glauben an Gott wird ein ethisches Bedürfnis befriedigt, sofern 
der Mensch zu Gott beten oder wenigstens Ruhe finden kann in dem 
Glauben an ihn. 

§ 14. Unter schärfster Ablehnung der idealistisch-spekulativen 
Systeme und im Gegensatz auch zu Kant hat Bern ard Bolzano 
(1781 — 1848) unter Anknüpfung an Leibniz ein System entwickelt, 
dessen Teile von sehr ungleichem Werte sind. Auf metaphy- 
sischem Gebiet erneuert er Leibniz' Monadologie, in der Re- 
ligionsphilosophie vertritt er wie Herbart, für den er Schätzung 
zeigt, den Theismus, indem er den kosmologischen Beweis in 
interessanter Weise modifiziert, ja er hält sogar am katholischen 
Dogma fest und erachtet es als die nachweislich dem Menschen 
heilsamste ReUgion. Seine hervorragenden Leistungen liegen — 
abgesehen von der Mathematik, die er bereits in ganz modernem 
Sinne als rein begriffliche Wissenschaft unter Ausscheidung aller 
Anknüpfung an die Anschauung aufgefaßt hat — auf logischem 
Gebiet. Er hat die Trennung des Logischen vom Psychischen 
bereits mit voller Konsequenz durchgeführt, indem er in allem 
Denken zwischen dem psychologischen Vorgang und seinem 
logischen Inhalt unterscheidet. Er lehrt das Ansichbestehen 
der „Wahrheiten an sich", der ,, Vorstellungen an sich" und der 
,, Sätze an sich" — Ausdrücke, die ihre nähere Erklärung erst 
unten finden können. In bezug auf das Urteil ist er Vorgänger 
der Lehren Brentanos. Die erkenntnistheoretischen Lehren Bol- 
zanos sind unzulänglich. Seine Bedeutung als Logiker ist erst 
von Husserl erkannt worden, der von ihm viele Anregungen 
empfangen hat., 

Bolzanos Schriften. Eine möglichst vollständige Bibliographie der 
Schriften B.s bei Hugo Bergmann, D. philos. Werk B. Bolzanos, Halle 1909, 
S. 212ff. Eine ältere Bibliographie z. B. in den Sitzungsberichten der Wiener 
Akademie 1849, H. 1. — Fast alle Schriften B.s sind nicht von ihm selbst, 
sondern von seinen Schülern, z. T. erst nach seinem Tode veröffentlicht worden. 

Die wichtigsten Schriften B.s sind: Athanasia oder Gründe für die 
Unsterbhchkeit der Seele, Sulzb. 1827, 2. verb. Aufl. Mit einer kritischen 
Übersicht der Literatur über die Unsterbhchkeit seit 1827, ebd. 1838. Anhang 
zur 2. Aufl. der Athanasia. Enth. e. krit. Übersicht d. Literatiu" über Unsterb- 
lichkeit seit 1827. Sialzbach 1838. Wissenschaftslehre. Versuch einer aus- 
führl. u. größtenteils neuen Darstellung der Logik, mit steter Rücksicht auf 
deren bisherige Bearbeiter. Hrg. von mehreren seiner Freunde. Mit e. Vor- 
rede V. J. Ch. A. Heinroth, 4 Bde., Sialzbach 1837; originalgetreuer Neudruck 
von Bd. I u. II, Lpz. 1914 xmd 1915, als Bd. 1 u. 2 der „Werke Bolzanos", 
hg. V. A. Höfler (mehr bisher nicht erschienen). Prüfung der Philosophie 
Georg Hermes' von e. Freunde der Ansichten Bolzanos, Sulzb. 1840. Ü. d. 
Begriff des Schönen. E. philos. Abb., Prag 1843 (A. d. Abh. d. k. bölmi. Ges. 
d. Wiss. V, 3). Ü. d. Emteilimg d. schönen Künste. E. ästh. Abb., Prag 1843. 
Was ist Philosophie? Aus B.s handschr. Nachl., W^ien 1849. Drei philos. 
Abh., welche auch von Nichtphilosophen verstanden werden können. Aus 
Bolzanos schriftl. Nachl., hg. v. F. I^rihonsky, Lpz. 1851. 



176 § 14. Bemard Bolzano. 

Betrachtungen ü. einige Gegenstände der Elementar- Geometrie, Prag 
1804. Beiträge zu e. begründeteren Darstellung der Mathematik, Prag 181Ü 
(nur die 1. Liefer. erschienen). Der binomische Lehrsatz u. als Folgeriing aus 
ihm der polynomische u. die Reihen, die zur Berechnung der Logarithmen 
u. Exponentialgrößen dienen, genauer als bisher erwiesen, Prag 1816. Para- 
doxien d. Unendlichen. A. d. Nachl. hrg. v. F. Prihonsky, Lpz. 1851, 
2. A. Berl. 1889 (Wiss. Klassiker in Faksimüedrucken, Nr. 2), neu hg. v. 
A. Höfler, mit Anm. versehen v. Hans Hahn, Lpz. 1921. Rein analyt. Beweis 
des Lehrsatzes, daß zwischen je zwei Werten, die ein entgegengesetztes Resultat 
gewähren, wenigstens eine reelle Wurzel der Gleichung liege, Prag 1817 (A. d. 
Abhandl. d. böhm Gesellsch. d. Wiss., Bd. V); Wiss. Klassiker in Faksimile- 
drucken, Nr. 8; femer in Ostwalds Klass. d. exakt. Wiss. Nr. 153 I, hg. v. 
Jourdain. Versuch e. objektiven Begründung derLelire von d. Zusammensetzung 
der Kräfte, Prag 1842 (A. d. Abh. d. königl. böhm. Gesellsch. d. Wiss., V. 2). 
Versuch e. objektiven Begründung der Lehre v. d. drei Dimensionen des Ratunes, 
Prag 1843 (stammt a. d. Jahre 1815), u. a. 

(Anonym.) Lehrbuch der Rehgionswissenschaft, e. Abdr. d. Vorlesiingen 
eines ehemal. Religionslehrers an e. kathol. Universität, von einigen s. Schüler 
gesamm. u. hg., 4 Bde., Sulzb. 1834. [B.s Wissenschaftslehre u. Religionswissen- 
schaft in einer beurteilenden Übersicht, Sulzb. 1841.] Ansichten eines frei- 
sinnigen Theologen üb. das Verhältnis zwischen Kirche u. Staat, Sulzb. 1834. 
Religionsbekenntnisse zweier Vernunftfreunde, e. protestant. u. kathol. Theo- 
logen. (Röhr u. Bolzano.) M. Vorrede u. Beurteüg. v. Herausgeber (Fesl), 
Sulzb. 1835. Sendschreiben an S. Hochwürden Dr. J. F. Röhr (betr. seine 
Kritik d. Buches ,, Religionsbekenntnisse zweier Vemunftfreunde"), Siilzb. 1837. 
Über d. Perfektibihtät d. Kathohzismus. Streitschriften zweier Theologen; 
zugleich e. Beitrag z. Aufhellung einiger wichtigen Begriffe aus Bolzanos 
Religionswissenschaft, Lpz. 1845. Erbauungsreden für Akademiker, Prag 1813. 
2. verm. A., 1. Teil, Sulzb. 1839. Erbautmgsreden an d. akad. Jugend, hg. 
von einigen s. Freimde, bevorwortet v. F. Prihonsky, Prag 1849. Neue Folge 
der Erbauungsreden, Wien 1884. Kurzgefaßtee Lelirb. d. kath. christl. Religion 
als d. wahren göttl. Offenbarung, Bautzen 1849 u. a. 

Ü. d. Verhältnis d. beiden Volksstämme in Böhmen. 3 Vorträge, Wien 
1849. Ü. d. Wohltätigkeit, Prag 1847. Was ist Vaterland u. Vaterlandsliebe? 
Prag 1850, u. a. — Lebensbeschreibimg des Dr. B. B. mit einigen seiner im- 
gedruckten Aufsätze eingel. u. erl. v. d. Hg. (J. M. Fesl), Sulzb. 1836, 2. A. 
Wien 1875. 

Nachlaß: Der wiss. Nachlaß sowie die Korrespondenz Bolzanos befinden 
sich im Böhm. Landesmuseum in Prag (Mitteilungen daraus findet man bei 
Bergmann in s. obengenannten Schrift über B.). Andere, sehr umfassende 
Manuskr. philosophischen und noch mehr mathematischen Lihalts sind in 
der (ehem.) K. K. Hofbibhothek in Wien vorhanden. Die von der Phüos. 
Gesellsch. an d. Universität Wien geplante Drucklegimg hat leider noch immer 
nicht stattgefunden. Auch die Wiener Universitäts-Bibl. besitzt Manuskripte 
Bolzanos. Seine fast diu-chgehends von ihm mit krit. Randbemerkungen 
versehene Bibliothek ist s. Z. dem Wendischen Seminar in Prag übergeben 
worden (J. Hoffmann, Lebensbeschr. B.s, Wien 1850, S. 37). 

Bolzanos Leben. Die Lebensgeschichte imd Persönlichkeit Bolzanos 
ist sehr eigenartiger Natur. Bernard Bolzano wurde am 5. Oktober 1781 in 
Prag als Sohn eines Kaufmanns geboren. Er hat sich selbst als ein sehr schwäch- 
liches, reizbares, weich gestimmtes Kind bezeichnet. Nach dem Verlassen 
der Schule, in der er sich nicht eigentlich auszeichnete, wandte er sich (1796) 
den Wünschen des Vaters zuwider dem akademischen Studium zu. Nach drei 
propädeutischen philosophischen Studienjahren entschied er sich für die katho- 
lische Theologie. Auf Veranlassung der auch damit nicht einverstandenen 
Eltern widmete er sich jedoch einstweilen noch für zwei weitere Jahre der Mathe- 
matik und Philosophie. 1805 erhielt er auf seine Bewerbimg einen neu gegrün- 
deten Lehrstuhl für philosophische Religionslehre an der Universität Prag, 



§ 14. Bemard Bolzano. 177 

nachdem er wenige Tage zuvor mit vollßter Überzeugvmg die priesterUchen 
Weihen empfangen hatte. Infolge Abweichens von einem vorgeschriebenen 
Lehrbuch, Verleumdung der Teilnahme an demagogißchen Umtrieben und 
unglücklicher Verkettung verdachterweckender Umstände erhielt er 1819 
seine Entlassung unter Zubilligiing einer Pension. Der Druck seiner Schriften 
wurde verboten. Allen diesen Schicksalsschlägen wie vielfacher E[rankheit 
gegenüber bewies Bolzano die tiefe Buhe eines völlig gläubigen Menschen. 
Am 18. Dezember 1848 ist er gestorben. 

Sein Charakter, seine Milde wird von seinen Freimden in überschweng- 
lichen Worten geschildert. Bolzano erweckt durch die in seiner Autobiographie 
zutage tretende Feinfühiigkeit des moralischen Gewissens fast den Eindruck 
eines mittelalterlichen Mönches. So schreibt er über die ihm zugebilligte Pension : 
„daß diese Pension nur so gering ausfiel, das hat bei meiner Art zu denken 
eher etwas Wohltuendes für mich. Denn von jeher war es mein Wxinsch, von 
den Gütern der Erde nicht allzuviel, höchstens n\ir so viel zu genießen, als bei 
einer gleichen Verteilung derselben auf einen jeden ausfallen würde; von jeher 
war mir nicht bänger zu Mute, als wenn es schien, daß ich vor andern begünstigt 
sei" (S. 77). Mit dieser tiefen Milde verband sich ein xinerhört scharfer Intellekt, 
dessen größte Leistungsfähigkeit auf dem Gebiet des rein abstrakten Denkens 
gelegen war, Mathematik und Logik waren die eigentliche Domäne Bolzanos. 

Bolzanos Philosophie*) — Metaphysik. Bolzanos Arbeit hat sich 
auf viele Teile der Philosophie erstreckt, doch nicht in gleichem Maße und mit 
gleich bedeutenden Ergebnissen wie in der Logik (in der Erkenntnistheorie 
ist er sogar ganz unzulänglich). Er stand in scharfem Gegensatz zur speku- 
lativen Philosophie. Die Methode Hegels erschien ihm als „heillos", als „Faseln", 
er hat sie im letzten Paragraphen der Wissenschaftslehre (IV, § 718) aufs 
rücksichtsloseste kritisiert. Allgemein äußert er über den deutschen Ideaüsmus, 
„daß man nichts deutlich denkt, mit bloßen Bildern spielt und jede auch noch 
so oberflächliche Ähnlichkeit zweier Dinge für eine Identität derselben ausgibt". 
Er gesteht geradezu deshalb nicht alles in den Schriften Fichtes, Schellings und 
Hegels verstanden zu haben. Über den logisch präziseren Herbart ist sein 
Urteil günstiger gewesen. — Seine eigene philosophische Stellung nimmt Bolzano 
(ähnhch wie später Lotze) in der Nähe von Leibniz. Man hat ihn nicht mit 
Unrecht den ,, Leibniz auf böhmischem Boden" genannt. Dies Wort ist richtig 
nicht n\ir, weil Bolzano vieles von Leibniz übernimmt, sondern mehr noch, 
weil seine gedankliche Schärfe und die Art seiner Begabung vielfach an Leibniz 
erinnert. Mit der Schärfe und Sicherheit seines Denkens steht seine gedankliche 
Kühnheit im Zusammenhang. Auch diese Eigenschaft teilt er mit Leibniz. 
Durchaus unrichtig ist es, wenn er als Halbkantianer bezeichnet wird (so in 
Erdmanns Grundr. der Gesch. der Philos. und in den früheren Auflagen des 
vorliegenden Bandes). Es gibt kaum einen wichtigeren Punkt der Kantischen 
Philosophie, den Bolzano nicht einer ablehnenden Kritik unterzogen hat. 
Vgl. u. a. die Zusammenfassung im Lehrbuch der Religionswissenschaft I, 
151 — 164. Gleich den Unterschied zwischen apriorischen und empirischen 
Anschauungen erkennt er nicht an (III, 181); desgl. weist er Kants sämtliche 
Lehren von den analytischen und synthetischen Urteilen zurück (III, 178ff.). 



•) Alle Seitenangaben mit bloßer Bd. -Zahl ohne Titelnennung beziehen 
ich auf die Wissenschaftslehre. 

üebeiweg, Grundriß IV. ]^2 



178 § 14. Bernard Bolzano. 

Die synthetischen Urteile entstehen nach ihm nicht durch Anschauungen, 
sondern teils unmittelbar dvirch die Begriffe, aus welchen sie zusammengesetzt 
sind, teils diirch Ableitung aus gewissen andern Urteilen; analytische Urteile 
endlich treten nur auf, wenn sjTithetische ihnen vorangegangen sind (III, 239). 
Zeit vmd Raum sind keine Anschauungen, sondern Begriffe (!? 79). 

Der Behauptung Kants von der Unmöglichkeit aller Metaphysik hält 
Bolzano entgegen, daß diese Behauptung bereits ein Urteil über die Dinge au 
Bich sei. Bolzano selbst erachtet Metaphysik avis reinen Begriffen für möglich 
vmd hält die Behauptung, daß es in der Metaphysik keinen gesicherten Lehrsatz 
gebe, für übertrieben. Auch in der Mathematik gibt es keinen Satz, der nicht 
von einzelnen, z. B. den Skeptikern, bestritten werde. Als Beispiele sicherer 
metaphysischer Sätze nennt Bolzano : daß ein Gott sei, daß derselbe tmveränder- 
lich, allwissend, allmächtig, heilig sei, daß alle Substanzen der Welt in steter 
Wechsel wirkimg stehen, daß keine einfache Substanz in der Zeit vergeht, daß 
Vorstellungen nur in einfachen Substanzen vorhanden sein können (III, 248). 
Eigentüche Erkenntnisgrenzen erklärt Bolzano sieb überhaupt außerstande 
anzugeben ; ohne ihr Nichtvorhandensein strikt zu behaupten, doch hält er es 
für wahrscheinlich, ,,daß wir nur eben darum außerstande sind, eine solche 
Grenze zu nennen, weil in der Tai keine vorhanden sind, indem die Siunme des 
menschlichen Wissens eine Vermehrung in das Unendliche verstattet" (III, 238). 
Auch die Lehre Kants von den praktischen Postulaten hat Bolzano zu ihrem 
Gegner. „Von einer Pflicht, vollends von einer Notwendigkeit, etwas zu glauben, 
kann nur dort die Rede sein, wo entscheidende Gründe für die Wahrheit des 
Glaubenden vorliegen. Gibt es für unsere Freiheit tmd Unsterblichkeit und für 
das Dasein Gottes keine dergleichen Gründe : so ist es für denjenigen, der solches 
weiß, nicht nur keine Pflicht, sondern nicht einmal mögUch, an diese Gegen- 
stände zu glauben. Überdies scheint es mir ein ganz verkehrtes Verfahren, aus 
irgendeiner Forderung unserer Vernunft die Möglichkeit ihrer Erfüllung folgern 
zu woUen" (III, 256). Es gilt umgekehrt, daß die Forderungen der Vernunft 
nur gelten, wofern die Bedingungen für ihre Erfüllung bestehen. Die Gnmd- 
ansichten Kants werden von Bolzano also abgelehnt. Er erneuert statt dessen 
die Monadologie von Leibniz. Alles, was ist, ist entweder an etwas anderem 
als Beschaffenheit desselben (Adhärenz), oder es besteht für sich, ist eine Sub- 
stanz. Eine solche sind wir selbst, unser Ich, denn alle psychischen Erlebnisse 
setzen ein Ich voraus, das sie hat. Bolzano bekennt sich also zu der streng 
Leibnizschen Ichauffassvmg des Seelenlebens. Es findet sich deshalb bei ihm 
die scharfe Unterscheidung des Ich vom Körper und ebenso von den einzelnen 
psychischen Vorgängen. Das Ich ist keine Komplexion von ihnen, sondern sie 
sind Akzidenzen an ihm. Auch die Materie denkt sich Bolzano ähnlich wie Leib- 
niz als atis lauter Seelenmonaden bestehend. ,,Die ersten einfachen Teile 
aller . . . Körper . . , sind mit einem gewissen Grade der Vorstellungskraft 
versehen" (Athanasia2, S. 62), denn alle einfachen Substanzen sind es (III, 247). 
Aller Unterschied zwischen der sog, leblosen Materie, der Pflanze, dem Tiere iisw. 
ist deshalb ein bloßer Gradunterschied (ebenda). 

Alle Substanzen sind anfang- xmd endlos. Die Welt hat keinen Anfang in 
der Zeit, denn wenn Gott früher als die Welt gewesen wäre, so hätte noch 
irgendein Umstand hinzukommen müssen, ihn zur Schöpfung zu veranlassen. 
Nun war aber außer Gott nichts da, und in ihm gehen keine Veränderungea 
vor sich. 



§ 14. Bemard Bolzano. 179 

Zwischen Körper und Seele besteht Wechselwirkvmg ; es bedeutet das, 
-weil jeder endliche Körper aus einer unendlichen Menge einfacher Teile zu- 
sammengesetzt ist, eine Einwirkung auf eine imendliche Menge von Substanzen. 
Ursache und Wirkung sind hier, wie überall, stets gleichzeitig. Das Problem der 
Entstehung des Ich löst Bolzano abweichend von andern Vertretern des monado- 
logischen Standpunkts (z. B. Lotze) dahin, daß es nicht erst in der Zeugung 
entsteht, sondern ihm durch sie nur Anlaß und Gelegenheit zu schnellerer 
Entwicklung gegeben wird. Trotz ihres einfachen Charakters ist die Seele, weil 
im Körper, auch im Kaume. Einen Widerspruch bedeutet das nicht. Es gibt 
nach Bolzano in jedem Organischen aber nicht nvir eine, sondern eine tinzähl- 
bare Menge von Seelen niederer Art (Äthan. 2, S. 109 f.). Ziun mindesten ist 
jedes Bläschen des weiblichen Eierstocks beseelt, doch glaubt Bolzano es auch 
von allen übrigen Teilen des Körpers. Auch manche Tatsachen der Regeneration, 
die im modernen Vitalismus (Driesch) von Bedeutung geworden sind, führt 
Bolzano als Beweis dafür an, daß in den einzelnen Teilen des Organismus noch 
besondere Seelen vorhanden sein müssen, die seinWachsttunleiten(Athan.2, 112, 
117). Aus dem Substanzcharakter des Ich folgt seine Unsterblichkeit. Bolzano 
glaubt aber über den zukünftigen Zustand des Ich noch mehr aussagen zu können. 
Die Seele nimmt im Tode Teile des Körpers, einen feineren Leib mit sich. Das 
zukünftige Leben wird ein höheres sein. Alle die verschiedenen Vermögen des 
Menschen, wie sie unten Seite 183 aufgezählt sind, werden einen höheren Grad 
von Ausbildiing erlangen. Die Seele wird dann auch noch auf andere Gegen- 
stände als Teile ihres Leibes unmittelbar zu wirken vermögen. Die höchste 
SeHgkeit wird in der Beschäftigung mit Gott bestehen. Die ausgleichende Ge- 
rechtigkeit Gottes setzt sich ins Jenseits fort. 

Bolzano versucht auch einen neuen, auffallend schwachen Gottesbeweis zu 
geben (Äthan. 2, 321 — 326), der davon ausgeht, daß veränderliche Wesen den 
Grund ihrer Existenz nicht in sich selbst haben können; das schaffende Wesen 
müsse unveränderhch und keines Kräftezuwachses fähig, d. h. vollkommen sein. 

Logik. Die philosophischen Ha\iptleistungen Bolzanos Hegen auf dem 
Gebiet der Logik. Husserl hat ihn nicht ohne Grund als einen der größten 
Logiker aller Zeiten bezeichnet. Die Schärfe der begriffüchen Analyse macht 
ihn dazu. Sein Denken ist überaiis genau und sicher, daher kristallklar und 
leichtverständlich. Die Definitionen der Logik oder, wie Bolzano sagt, der 
Wissenschaftslehre, sind freilich weit entfernt, die Tiefe und das Eigentümliche 
seines Werkes ahnen zu lassen. Bolzano definiert die Logik schlechthin als 
praktische Disziplin, als im wesenthchen die Beschreibung des Verfahrens, 
dvu-ch das wir Wissenschaften zustande bringen (I, 45). Noch banaler und nicht 
ganz einstimmig damit nennt er sie diejenige Wissenschaft, welche ims anweist, 
wie wir die Wissenschaften in zweckmäßigen Lehrbüchern darstellen sollen (I, 7). 

Diese Definitionen (eine tiefere Definition I, 56) lassen nicht erkennen, daß 
die Wissenschaftslehre ein ausgedehntes apriorisches Fvmdament besitzt. Erst 
recht wird dieser Sachverhalt dadurch verhüllt, daß Bolzano betont, daß die 
Wissenschaftslehre (in dem definierten Sinn) von der Psychologie abhängig sei, 
da sie zeigen soll, wie der Mensch die Wahrheit zu finden vermag (I, 54). 

Die „Wissenschaftslehre" zerfällt (I, 59) in vier Teile: 1. Funda- 
mentallehre, enthaltend den Beweis, daß es Wahrheiten an sich gibt, tind wir 
Menschen die Fähigkeit, sie zu erkennen haben (I. Bd.). 2. Elementarlehre, 
oder die Lehre von den Vorstellungen, Sätzen, wahren Sätzen und Schlüssen 

12* 



180 § 14. Bernard Bolzano. 

an sich (I. u. II. Bd.). 3, Erkenntnislehre, oder die Lehre von den Be- 
dingiingen, denen die Erkennbarkeit der Wahrheit, insonderheit bei uns Men- 
schen, unterliegt (III. Bd.). 4. Erfindungskunst, oder Regeln, die bei dem 
Geschäfte des Nachdenkens zu beobachten sind, wenn die Erfindung der Wahr- 
heit bezweckt wird (III. Bd.). 5. Eigentliche Wissenschaftslehre, 
oder Regeln, die bei der Zerlegung des gesamten Gebietes der Wahrheit in 
einzelne Wissenschaften und bei der Darstellung der letzteren in besonderen 
Lehrbüchern befolgt werden müssen (IV. Bd.). — Diese Übersicht zeigt, daß 
in die Wissenschaftslehre Untersuchungen eingehen, die mit dem psychologischen 
und rein praktischen Charakter ihrer späteren Teile nichts zu tun haben. Es 
sind die Fundamental- iind Elementarlehre. Sie handeln von Dingen, die nach 
Bolzanos Lehre überhaupt nicht eigentUch existieren. 

Auf drei Grimdbegriffen baut sich seine Wissenschaftslehre auf: den Be- 
griffen des Satzes an sich, der Vorstellimg an sich tmd der Wahrheit an sich. 
Diese Begriffe sind zwar nicht durchaus eigene Konzeptionen Bolzanos, aber sie 
sind zuvor niemals so konsequent und zusammenliängend entwickelt worden. 
Bei der Schwierigkeit der Probleme ist es verständlich, daß Bolzanos Werk 
nicht frei von Mängeln ist, die teils nvir im Ausdruck, teils aber auch in den 
Gedankengängen selbst gelegen sind. 

Bolzano geht aus vom Satz an sich. Zvir Erklärung rekiirriert er auf 
das Phänomen des „bloß gedachten Satzes". Dieser Ausdruck sage bereits, daß 
wir zwischen dem Denken eines Satzes und diesem selbst einen Unterschied 
machen. ,, Dasjenige nun . . ., was man unter einem Satze denkt, wenn man 
noch fragen kann, ob ihn auch jemand ausgesprochen oder rücht ausgesprochen, 
gedacht oder nicht gedacht habe, ist eben das, was ich einen Satz an sich nenne." 
Der Satz an sich darf nicht mit dem Urteilen oder Vorstellen identifiziert werden . 
Zwar werden nach Bolzano alle Sätze von Gott gedacht und die wahren unter 
ihnen von ihm auch als wahr anerkannt, d. h. geurteilt, aber darum ist doch 
ein Satz noch etwas anderes als eine Vorstellung oder ein Urteil. 

Nicht zureichend sind Bolzanos Angaben über die Seinsweise, die den 
Sätzen an sich zukommt. EigentUche Existenz, wirkliches Dasein haben sie 
nicht. ,,Nur der Gtedanke an einen Satz, ingleichen das einen gewissen Satz 
enthaltende Urteil hat Dasein in dem Gemüte des Wesens, das den Gedanken 
denkt oder das Urteil fällt ; allein der Satz an sich, der den Inhalt des Gedankens 
oder Urteiles ausmacht, ist nichts Existierendes, dergestalt, daß es ebenso 
ungereimt wäre zu sagen, ein Satz habe ewiges Dasein, als, er sei in einem ge- 
wissen Augenblick entstanden und habe in einem andern wieder aufgehört" 
(I, 78). Hiermit ist nur Negatives von den Sätzen ausgesagt ; unaufgeklärt bleibt, 
was es heißt, wenn Bolzano dauernd sagt, daß es Sätze an sich ,,gebe". 

Die Sätze an sich sind nach Bolzano nicht als bloße „Vorstellxmgen" 
aufzufassen (dies Wort ist bei ihm meist gleichbedeutend mit Husserls „Be- 
deutungen"). Jeder Satz enthält zwei Vorstellungen als Teile, ist aber nicht 
mit ihnen von derselben Art. Auch Vorstellungen können Sätze als Teüe ent- 
halten, aber man darf den Gegenstand einer Vorstellung nicht mit ihr selbst 
verwechseln. 

Seinen zweiten Hauptbegriff, die Vorstellung an sich (oder „objektive 
Vorstellung") definiert Bolzano so: er sei ,, alles dasjenige, was als Bestandteil 
in einem Satze vorkommen kann, für sich allein aber noch keinen Satz ausmacht. 
So wird z. B. durch die Verbindtmg folgender Worte: Cajus hat Klugheit, ein 



§ 14. Bemard Bolzano. 181 

ganzer Satz ausgedrückt, durch das Wort Cajus allein aber wird etweia aus- 
gedrückt, das, wie man eben sieht, einen Bestandteil in Sätzen abgeben kann" 
(I, 216). Die Summe der im Satz enthaltenen Vorstellvingen ist sein Inhalt 
(II, 5). Auch „diese objektive Vorstellung bedarf keines Subjektes, von dem 
sie vorgestellt werde, sondern besteht — zwar nicht als etwas Seiendes, aber 
doch als ein gewisses Etwas, auch wenn kein einziges denkendes Wesen sie 
auffassen sollte, und sie wird dadurch, daß ein, zwei, drei oder mehr Wesen sie 
denken, nicht vervielfacht" (I, 217). Gegenstand der Vorstellung nennt Bolzano 
jenes, bald existierende, bald nicht existierende Etwas, von dem wir zu sagen 
pflegen, daß sie die Vorstellung davon sei (I, 219). So sind Sokrates, Plato xisw, 
die Gegenstände, auf die sich die Vorstellung ,, griechischer Weltweiser" bezieht. 

Vorstellungen an sich sind weder wahr noch falsch (I, 238). • Die meisten 
sind aus Teilen zusammengesetzt (248). Eigenartig ist die Art, wie Bolzano 
konkrete und abstrakte Vorstellungen scheidet. Konkret (oder Konkretvun) 
nennt er die Vorstellung eines Etwas, das die Beschaffenheit b hat. Die Vor- 
stellung b dagegen, die nur die Vorstellung einer bloßen Beschaffenheit ist, 
heißt, weil sie als ein Bestandteil in jener konkreten erscheint, das Abstraktiun 
derselben oder die von ihr abgezogene Vorstellung. ,,So nenne ich z. B. die 
Vorstellung Tier, d. h. die Vorstellimg eines Etwas, das die Beschaffenheit 
einer Tierheit hat, eine konkrete Vorstellimg; die bloße Beschaffenheits- Vor- 
stellung Tierheit selbst aber nenne ich das Abstraktvun von jenem Konkrete" 
(I, 260). Vorstellungen, die einen oder mehrere Gegenstände haben (s. o.), 
sind gegenständliche, die andern gegenstandslose (z. B. rundes Viereck, grüne 
Tugend, nichts, goldener Berg — I, 304f.); die letzten sind teils widerspruchs- 
voll, teils nicht. Vorstellungen, deren Gegenstand ein einzelnes Objekt ist, 
sind Einzelvorstellungen oder Anschauungen, Sie heißen subjektiv, 
werm die Vorstellimg selbst subjektiv, objektiv, wenn sie objektiv ist (I, 326f). 
Vorstellungen, die keine Anschauvmg sind und auch keine Anschauung als 
Bestandteil enthalten, sind Begriffe (I, 330). Dazu gehören Raum xmd Zeit. 

Der dritte Hauptbegriff, der der Wahrheit an sich, ergibt sich aus dem 
Satz an sich. Wahrheiten an sich sind jene Sätze, die etwas so aussagen, wie es 
ist, gleichgültig, ob diese Sätze von irgend jemand gedacht oder ausgesprochen 
werden (1, 112). Der Gegenstand der Wahrheit braucht nichts real Existierendes 
zu sein, so z. B. nicht bei der Wahrheit ,,Eine Wahrheit ist nichts Existierendes" 
(I, 112). Wahrheiten als eine Art von Sätzen an sich haben ja kein wirldiches 
Dasein. Wenn Bolzano dennoch von ihnen sagt, daß es sie gebe, so will er 
darunter nur verstanden wissen, daß gewisse Sätze an sich die Beschaffenheit 
von Wahrheiten haben — wiederum eine unbefriedigende Erklärung. (Gegen- 
über den Sätzen, die keine Wahrheiten sina, versagt sie zudem ganz.) Es läßt 
eich beweisen, daß es nündestens eine Wahrheit gibt, denn der Satz, daß es 
keine gibt, würde sich selbst widerlegen. Wenn jeder Satz falsch wäre, so 
wäre auch der Satz, daß jeder Satz falsch sei, falsch (I, 145). Bolzano beweist 
femer, daß ee unendlich viele Wahrheiten gibt (I, 146f.). 

Jeder Satz ist entweder wahr oder falsch (II, 7). In allen tritt der Begriff 
des Habens auf: A hat b. Auch die Sätze von der Art: Cajus tut dies, Wilhelm 
existiert, werden dementsprechend von Bolzano gedeutet : Cajus ist dies tuend, 
Wilhelm ist seiend. Selbst ein Satz wie der ,,A soll B" fügt sich nach Bolzano 
in dies Schema ein: A hat ein Sollen des B (II, 69). Negative Sätze faßt Bolzano 
als den Mangel von etwas aussagend auf: A ermangelt b. — Das „Es gibt A" 



IS'"* § 14. Bernard Bolzano. 

will nicht immer die Existenz des A aussagen, sondern nur, daß die Vorstellung 
einen ihr entsprechenden Gegenstand habe. So beim obersten Sittengesetz, 
welches als eine bloße Wahrheit an sich nichts Existierendes sei (II, 53). Das 
„Es gibt kein. . ." bedeutet Verneinung der Gegenständhchkeit einer Vorstellung. 

Über die zwischen VorsteUungen an sich und die zwischen Sätzen an sich 
bestehenden Verhältnisse, insbesondere ihre Verträgüchkeit und Unverträg- 
hchkeit, entwickelt Bolzano je eine Reihe von apriorischen Sätzen (II, 58ff., 
92 ff.), die Vorläufer von Husserls Bestrebungen darstellen. 

Auch der Terminus „Gültigkeit" taucht bei Bolzano auf (II, 81 f.). Er 
bedeutet bei ihm nicht die Wahrheit oder Unwahrheit eines Satzes an sich, 
sondern bezeichnet ,,den Begriff des Verhältnisses, in welchem die Menge der 
wahren Sätze, die sich aus einem Gegebenen dadurch erzeugen lassen, daß 
man gewisse, in ihm als veränderlich zu betrachtende Vorstellungen nach einer 
gewissen Regel mit anderen \-ertauscht, zur Menge aller steht, die so zum Vor- 
schein kommen" (II, 81). Eigenartig ist die Unterscheidung zwischen analy- 
tischen und synthetischen Sätzen bzw. Wahrheiten. Analytischer Natur ist 
ein Satz (eine Wahrheit) nach B., wenn sich in ihm auch nur eine einzige Vor- 
stellung willkürUch abändern läßt, ohne daß seine Wahrheit oder Falschheit 
gestört wird, d. h. wenn alle Sätze, die durch den Austausch dieser Vorstellung 
mit beüebigen andern zum Vorschein kommen, entweder insgesamt wahr oder 
insgesamt falsch sind, vorausgesetzt, daß sie nur Gegenständhchkeit haben (II, 83). 
Dahin gehört ein Satz wie der: ,,Ein Mensch, der sittlich böse ist, verdient keine 
Achttmg", weil die Vorstellrmg Mensch mit jeder behebigen andern, z. B. Engel, 
Wesen, vertauscht werden kann, ohne daß sich an der W^ahrheit des Satzes 
etwas ändert, wofern er nur überhaupt Gegen'ständüchkeit hat. Ein Beispiel 
eines Satzes der umgekehrten synthetischen Art ist: ,,Gott ist allwissend" 
(Methode der Variation der Vorstellungen). 

Das merkwürdigste Verhältnis, das zwischen Wahrheiten stattfindet, ist 
das von Grund und Folge. Es ist von unserem Vorstellen unabhängig. In bezug 
ftvif die Schlvißgesetze weicht Bolzano von der traditionalen Logik, die er scharf 
kritisiert, erhebhch ab. Was die Zahl der nicht weiter ableitbaren Grundwahr- 
heiten anbetrifft, so nimmt er eine Mehrzahl an, ,,weil ich nicht begreife, wie 
aus einer einzigen Walirheit alle die übrigen, die es noch gibt, als Folgen und 
Folgen dieser Folgen hervorgehen sollen" (II, 376). 

Von Belang sind auch Bolzanos Untersuchungen zur Wahrscheinlich- 
keitsrechnung. Die gewöhnhche Auffassung der Wahrscheinlichkeit als des 
Verhältnisses der günstigen zu allen möghchen Fällen, wie sie bei Laplace vor- 
Uegt, hält Bolzano für eine Zirkelerklärung (II, 189), Walirscheinlichkeit ist 
ihm vielmehr ein Verhältnis zwischen Sätzen (II, 171ff.) tmd identisch mit der 
vergleichsweisen Gültigkeit eines Satzes in Hinsicht auf andere Sätze. — Die 
bisher erörterten Ideen der ,, Wissenschaftslehre" Bolzanos gehören der Funda- 
mental- und Elementarlehre an. Offenbar haben wir es bei beiden mit DiszipUnen 
zu tun, die in das Bereich der „reinen Logik" gehören. Ihre Gegenstände sind 
nicht seiender, unwirklicher Natiir und großenteils von der Gattvmg der Husserl- 
Bchen Bedeutungen. 

Philosophie de r Mathematik. Bolzano, der selbst als Mathematiker 
bedeutende Leistungen aufzuweisen hat (vgl. das Schriftenverzeiclinis), hat auch 
dem erkenntnistheoretischen Charakter der Mathematik eingehende Aufmerk- 
Bamkeit geschenkt. Wie in der Logik, steht er auch auf diesem Gebiet den 



§ 14. Bernard Bolzano. 183 

Tendenzen der Gegenwart z. T. nahe (Nachweise bei Bergmann a. a. O. S. 155 
bis 211). Entsprechend dem streng begrifflichen Charakter seines Denkens 
stellt es Bolzano als Ideal hin, ohne alle Anschauung, d, h. Figuren, auszukommen. 
„Wenn der Geometer seinen Beweis damit anfängt, daß er ein Dreieck, sei es 
niu" in der Einbildimg oder auf dem Papier, verzeichnet, so glaube ich, dies sei 
nur bei der bisherigen ünvoUkonamenheit seiner Wissenschaft nötig; es lasse 
sich eine Beweisart denken, bei der man jenes in der Einbildung vorschwebenden 
Dreiecks gar nicht, oder auf jeden Fall doch nur zvir Erleichterung und ungefähr 
so bedarf, wie wir bei einem Sorites iins die Sätze niederschreiben, um immer zu 
wissen, wovon wir avisgegangen, und wie weit wir bereits fortgerückt sind" 
(III, 187). Alle Wahrheiten der reinen Mathematik sind reine Begriffswahr- 
heiten. Die Auffassung der Mathematik als bloßer Größenlehre hat Bolzano 
bekämpft und die Lehre vorweggenonmaen, daß sie behebige Gegenstände 
behandeln kann. In der Aiiffassung des Unendlichen ist er ein Vorgänger 
Cantors. Auch auf dem Geoiete der nichteviküdischen Geometrie hat er sich 
betätigt. Ein Manuskript „Anti-EukHd" ist leider verloren gegangen. 

Psychologie. Der dritte Teil der Wissenschaftslehre ist die Erkennt- 
ni sichre. Mit ihr tritt Bolzano aus dem Reich des rein Logischen über in das 
des Psychologischen. Es ist gesagt worden, daß er nur ein mäßig guter Psycho- 
loge gewesen ist ; es finden sich in der Tat Beispiele auffallend verfehlter psycho- 
logischer Gedankengänge. Dennoch muß das Gtebiet der Psychologie des 
Denkens — sie fällt bei Bolzano großenteils mit der „Erkenntnislehie" zu- 
sammen — von diesem Urteil ausgenommen werden. In ihr bewährt sich 
Bolzano als tiefgehender Analytiker. Bolzano unterscheidet fünf Arten psychi- 
scher Phänomene. 1. Die subjektiven Vorstellungen. Es sind „die Er- 
scheinungen in unserem Gemüte, deren besondere Arten wir mit den Be- 
nennungen: Sehen, Hören, Fühlen, Sicheinbilden, Denken u. dgl. bezeichnen, 
sofern es nur keine Urteile oder Behauptungen sind" (I, 217). Die zweite Art 
psychischer Erscheinungen ist das Urteilen. Die dritte besteht in der Annehm- 
lichkeit oder Unannehmlichkeit, die die meisten VorsteUvmgen begleitet. 
Subjektive Vorstellungen nennt Bolzano in diesem Zusammenhang — nicht 
ohne Widerspruch mit seiner Gresamtklassifikation des Seelenlebens — die 
Auffassungen oder Erscheinvingen der Vorstellungen an sich in dem Gemüte 
eines geistigen Wesens (III, 6). Zu jeder solchen Vorstellung gibt es eine Vor- 
stellung an sich, deren Erscheinung sie ist („Stoff der subjektiven Vorstellung"). 
Der Gegenstand der subjektiven VorsteUiing ist derselbe wie der der objektiven 
Vorstellung; er fohlt also zuweilen. Die subjektiven Vorstellungen sind „Eigen- 
schaften der Seele". Das Befremdende dieses Ausdrucks wird von Bolzano 
unzureichend dahin erläutert, daß man gewöhrüich nur etwas, was ein Objekt 
längere Zeit hindurch ,,hat", seine Eigenschaft zu nennen pflegt; die Vor- 
stellungen vergehen aber im Ich bald wieder (III, 11). Bolzano nennt sie die 
Empfindung, welche die Vorstellungen in uns hervorbringen. Die vierte 
Klasse der psychischen Erschein\m.gen ist das Wünschen, Verlangen oder Be- 
gehren. Es ist die Wirkung im Gemüt, die auftritt, wenn wir urteilen, daß ein 
gewisser Gegenstand uns eine angenehme Empfindimg verursachen würde. 
Die fünfte psychische Erscheinimg endlich ist das W^ollen (II, 67f.). An dieser 
Einteilung ist besonders merkwürdig und unbefriedigend die bunte Zusammen- 
gewürfeltheit der ersten Klasse, der Vorstellungen, wie denn auch sonst die 
Vieldeutigkeit dieses Wortes bei Bolzano ein auffallender Mangel ist. 



184 § 14. Bernard Bolzano. 

Ausgeführt hat Bolzano nur die Psychologie der Vorstellvingen iind Urteile. 
Sie bildet den wesentlichen Inhalt seiner „Erkenntnislehre". Dieselbe beginnt 
sogleich mit einer Einschränkung des Terminus „Vorstellung". Außer durch 
ihren Stoff unterscheiden sich die Vorstellungen besonders durch ihre Stärke 
(Lebhaftigkeit). Die Klassen der subjektiven Vorstellxmgen entsprechen denen 
der objektiven (s. o.), dieselben sind eben nxa deren Aiiffassvmgen durch das 
Ich. Bemerkenswert ist, daß Bolzano mit Leibniz die Existenz bewußtloser 
Vorstellxmgen annimmt. BewTxßtlos sind sie, wenn sie nicht von dem Bewußt- 
sein „Ich denke" begleitet sind (III, 37 f.). Jede Vorstellung läßt, wenn sie 
einmal im Ich aufgetaucht ist, eine gewisse Spur zurück, ein Etwas, das ihr 
Wiederauftreten erleichtert (III, 48ff., Äthan. 88ff.), eine ebenfalls von Leibniz 
vertretene Auffassung. Das Wiederaiiftreten einer Vorstellung bedeutet noch 
keine Erinnerung; dazu muß noch das Urteil, daß wir die Vorstellung bereits 
gehabt haben, hinzukommen (III, 55). 

Die „sinnlichen Gremein vor Stellungen" wie Rot, Blau, Süß, Bitter \isw. be- 
zeichnet Bolzano im Gegensatz zu der zeitgenössischen Ansicht darüber als reine 
Begriffe (III, 89, 91 f.). Er hält sie für zusammengesetzt, obwohl er ihre Teile 
nicht anzugeben vermöge. „Für einfache Begriffe kann ich dergleichen Vor- 
stellungen nicht halten; schon aus dem Grunde nicht, weil es zu jeder derselben 
eine andere gibt, welche, obgleich sie mit jener eigentlich in dem Verhältnisse 
der Ausschließiing stehen will, doch ein so nahe grenzendes Gebiet hat, daß es oft 
zweifelhaft wird, ob wir eine soeben vorhandene Anschauung der einen oder viel- 
mehr der andern unterstellen sollen. So grenzen Rot und Gelb so nahe anein- 
ander, daß wir in manchem Falle nicht wissen, ob eine uns soeben gewordene 
Anschauung Rot oder Gelb zu nennen sei" (III, 88). Alle diese Gemeinvor- 
Btellungen seien wohl, so fügt Bolzano einen nduen Gedanken hinzu, „nichts 
anderes als Begriffe von gewissen Gesetzen, nach denen die Veränderungen in 
tinserer Seele, welche der Gegenstand unserer Anschauimgen sind, vor sich 
gehen". Die einfachen Begriffe sind angeboren, alle übrigen Vorstellungen 
erworben (III, 91). 

Bedeutsam ist bei Bolzano die völlig scharfe Trennung von Vorstellen 
imd Urteilen. Insbesondere in das Wesen des letzten ist er tief eingedrungen 
und hat in vielem die Urteilstheorie Brentanos vorweggenommen. Urteilen ist 
für Bolzano ein Meinen, ein Fürwahrhalten, ein Behaupten, und deshalb von 
dem bloßen Denken wesentlich verschieden. ,,So denke ich mir z. B. jetzt eben 
den Satz, daß es Zwergvölker gebe; aber ich denke dies bloß und behaupte es 
nicht, d. h. ich urteile nicht so." Das Vermögen zu urteilen ist die Urteilskraft. 
Was im Urteil behauptet, anerkannt wird, ist der Satz an sich. Zu jedem Urteil 
gibt es daher einen Satz an sich, der durch dasselbe in dem Gemüte eines 
denkenden Wesens zur Erscheinting gebracht wird (III, 17). Einen eigentlichen 
Unterschied zwischen einsichtigen und uneinsichtigen Urteilen, wie er später 
von Brentano gemacht worden ist, fixiert Bolzano nicht. Es macht ihm augen- 
scheinlich keinen Unterschied für das Urteilen als solches aus, ob es ein unver- 
mitteltes, ein vermitteltes, ein einsichtiges oder durch Überredung entstandenes 
ist (vgl. III, 202 f.). 

Wie der Satz an sich Vorstellungen an sich als Teile in sich enthält, so Mit- 
hält das Urteil subjektive Vorstellungen. Beide entsprechen sich. Das Vor- 
handensein all dieser Vorstellungen in der Seele genügt aber noch nicht, um 
sie als Teile eines Urteils betrachten zu können. Sie müssen dazu noch „in 



I 14. Bemord Bolzano. 185 

eine gewisse ganz eigentümliche Verbindung" miteinander treten. „Fragt 
man, worin diese Verbindung bestehe, so weiß ich bloß zu sagen, es müsse 
eine Art wechselseitiger Einwirkung dieser Vorstellungen aufeinander sein. 
Von welcher Beschaffenheit aber dies Einwirken sein müsse, um eben ein Urteil 
zu erzeugen, vermag ich nicht näher zu bestimmen; und vielleicht, daß es 
auch keiner anderen Bestimmung fähig ist, als eben nur der durch den Be- 
griff der Wirkung, die es hervorbnngen soll" (III, 110). Eine besondere Eigen- 
Bchaft des Urteils ist der Grad der Zuversicht, des Fürwahrhaltens. Er kann 
verschieden sein. Diese Zuversicht ist von der Lebhaftigkeit eines Urteils 
zu unterscheiden (III, 112f.), Die Wirksamkeit eines Urteils auf das Gtemüt des 
Menschen ist um so größer, je größer seine Lebhaftigkeit und Zuversicht smd. 
Zu unterscheiden ist ferner die Klarheit (bzw, Dimkelheit) sowie die Deut- 
lichkeit (bzw. Verworrenheit) der Urteile (III, 116f.). Klar sind Urteile, die 
wir auf eine solche Weise fällen, daß uns von ihnen selbst wieder eine An- 
Bchauung wird. Dunkel sind solche, bei denen das nicht der Fall ist. Deutlich 
dagegen sind Urteile, deren Teile wir zu bestimmen vermögen; verworren 
die, von denen das nicht gilt. Die Einteilung der Urteile richtet sich ganz 
nach der der Sätze an sich. Die eine Anschauung in sich enthaltenden Urteile 
heißen Erfahrxmgen oder Erfahrungsvirteile. Dem Verhältnis von Grund 
und Folge bei den Sätzen an sich entspricht bei den Urteilen die Venu'sachung 
oder Vermittlung eines Urteils durch andere. Es handelt sich dabei tun ein 
Kausalverhädtnis. Besonders wichtige Klassen der imvermittelten Urteile 
sind die von folgender Gestalt: 1. „Ich habe die (psychische) Erscheinxmg A", 
d. h. ich bin das Subjekt eines Empfindungserlebnisses, ich erlebe eine Empfin- 
dung; und 2., ,Dies (was ich jetzt eben anschaue) ist ein A", z. B. dies ist ein 
Rotes, ein Wohlgeruch. Es sind die Wahrnehmungsurteile. In beiden 
Fällen handelt es sich um das, was Brentano später die Evidenz der inneren 
Wahrnehmung genannt hat. Im ersten Falle bezieht sich die Wahrnehmimg 
darauf, daß ich der Träger des Erlebens bin, im zweiten Fall auf die Qualität 
des Erlebnisses. Vermittelte, ebenfalls Anschauiing enthaltende Urteile nennt 
Bolzano Erfahrungsurteile — eine Terminologie, die der Kants ähnelt, 
aber doch nicht völlig gleich ist. Es gibt aber auch unter den reinen Begriffs- 
xirteilen unvermittelte. — VölUg entwickelt ist bei Bolzano bereits die Einsicht, 
daß jede Wahrnehm\mg ein Urteilen darstellt. Das gilt so unbedingt, daß 
•wir selbst Tieren, wofern wir ihnen ein Wahrnehmungsvermögen beilegen, 
auch ein Vermögen zu urteilen zugestehen müssen (I, 161 Anm.). Vielleicht 
haben sie daher auch Begriffe (III, 92). 

Zu den besten Beobachtungen Bolzanos über das Urteil gehört die über 
Beine Unabhängigkeit vom Willen. „So groß auch der Einfluß sein mag, den 
unser Wille auf die Entstehung imd Beschaffenheit unserer Urteile dadurch 
ausübt, daß wir unsere Aufmerksamkeit willkürlich auf gewisse Vorstellungen 
richten, von andern abziehen und so unseren ganzen Gedankenlauf abändern 
können : so hängt es doch nie und nirgends von unserem Willen allein und im- 
mittelbar ab, ob wir ein Urteil fällen oder nicht; dieses erfolgt vielmehr nach 
einem gewissen Gesetze der Notwendigkeit bloß nach Beschaffenheit der 
Bämtlichen in unserer Seele soeben gegenwärtigen V^orstellimgen" (III, 110). 
Auch das Verhältnis von Sprechen und Denken wird von Bolzano bereits 
dem Sinne nach, wie es später von Hiisserl bestimmt worden ist, aufgefaßt; 
die Äquivokationen des Wortes Zeichen werden fixiert (III, 67 ff.). 



186 § 15. Friedrich Eduard Beneke. 

Religionsphilosophie und Ethik. Wir haben nun noch des „Lehr- 
buchs d. Religionswiss." Erwähnung zu tun. Bolzano, der sonst so kritische 
Denker, bekannte sich zum Katholizismus in seiner orthodoxen Gestalt, tmd 
Buchte ihn intellektuell soweit als möglich als die vollkommenste Religion 
zu erweisen. Religion definiert er inteUektuahstisch als ,,den Inbegriff aller 
derjenigen Lehren und Meinungen eines Menschen, die einen Einfluß avif 
seine Tugend und Glückseligkeit haben"; so daß also die Ethik nach B. zur 
Religionsphilosophie gehört. Religionswissenschaft ist die Lehre von der 
vollkommensten Religion in diesem Sinne. Sie zerfällt in Dogmatik und Moral. 
Bolzano xinterscheidet zwischen natürlicher und offenbarter Religion (und 
Ethik). Die erste wird von ihm als die Summe der ohne Offenbarung erkenn- 
baren religiösen und ethischen Sätze bestimmt. Beweisbar ist vor allem das 
Dasein Gottes, das in einem in sehr interessanter Weise verbesserten kos- 
mologischen Beweisverfahren erwiesen wdrd, sowie seine Haupteigenschaften 
und die NichtSterblichkeit der Seele. Die natürliche Religion (und Ethik) 
reicht nach Bolzano wegen ihrer Mängel nicht aus, der Mensch bedarf einer 
göttlichen Offenbarung. Diese liegt allein im Katholizismus vor, den nicht- 
christlichen ReUgionen wird von Bolzano der Charakter der Offenbarung 
restlos bestritten. Auf moralphilosophischem Gebiete polemisiert Bolzano 
ohne besondere Originalität gegen Kant und formvüiert ein eudämonistisches 
Sittengesetz, das mit dem später von Fechner aufgestellten identisch ist: 
„Wähle von allen dir möglichen Handlungen diejenige, die, alle Folgen er- 
wogen, das Wohl des Ganzen, gleichviel in welchen Teilen, am meisten befördert" 
(Religionswiss. I, 236). — Auch mit staatsphilosophischen Problemen hat 
sich Bolzano von der Ethik aus beschäftigt, in demokratisch-soziedem Sinne. 
Vgl. die Mitteilimgen aus einem Manuskript. „Vom besten Staat" bei Berg- 
mann, a. a. O., S. 129ff. Dieses Manuskript erschien Bolzano als „das beste, 
wichtigste Vermächtnis, das er den Menschen, seinen Brüdern, zu hinterlassen 
vermöge, wenn sie es annehmen wollen"! 

Ästhetik. Den Begriff des Schönen bestimmt Bolzano in einer an 
Kant erinnernden Weise. „Das Schöne muß ein Gegenstand sein, dessen 
Betrachtung allen in ihren Erkenntniskräften gehörig entwickelten Menschen 
ein Wohlgefallen, und zwar aiLS dem Grunde gewähren kann, weil es ihnen 
nach Auffassung einiger seiner Beschaffenheiten weder zu leicht ist, noch 
auch die Mühe des deutlichen Denkens verursacht, einen Begriff von ihm zu 
bilden, der sie die übrigen, erst dvirch die fernere Betrachtung aufgefaßten 
Beschaffenheiten erraten läßt, hierdurch aber ihnen die Fertigkeit ihrer Er- 
kenntniskräfte zu einer mindestens dunkeln Anschauung bringt." 

Der Einfluß Bolzanos ist zu seinen Lebzeiten kein bedeutender 
gewesen. Doch hat er eine Reihe von Schülern gehabt, von denen Robert 
Zimmermann und Prohansky die bekanntesten sind. Über Böhmen hinaus 
ist Bolzano lange Zeit fast nur als Mathematiker bekannt gewesen, bis er durch 
die Hinweise Husserls auf ihn (in d. „Logischen Untersuchiingen") seit etwa 
zwei Jalirzehnten in den Brennpunkt des Interesses gerückt ist. In der ge- 
samten logischen Bewegimg der Gegenwart wird auf seine logischen Anschau- 
ungen Rücksicht genommen, so bei Stumpf, Meinong, Marty, Michaltschew, 
Jerusalem, Oesterreich, Bergmann, H. Gomperz u. a. 

§ 15. Auch Friedrich Eduard Beneke (1798—1854), 
der am wenigsten bedeutende der bekannteren Denker vom 



§ 15. Friedrich Eduard Beneke. 187 

Anfang des 19. Jahrhunderts, steht in scharfem Gegensatz zur 
spekulativen Philosophie, insbesondere zu Hegel, aber auch zu den 
metaphysischen und mathematisch-psychologischen Spekulationen 
Herbarts und bekennt sich zum Empirismus. Er ist wie Fries 
ein Vertreter naturwissenschaftlich gerichteter Denkweise 
und vertritt wie jener den psychologistischen Standpunkt, 
indem er in der Psychologie die grundlegende Disziplin der 
Philosophie erblickt. Alles in den philosophischen Begriffen Ge- 
dachte, das logisch Richtige und Unrichtige, das Sittliche und 
Unsittliche usw., sind nur verschiedene psychische BUdungsformen. 
Logik, Metaphysik, Religionsphdosophie, Ethik, Rechtsphilosophie 
und Pädagogik sind deshalb , .sämtlich angewandte Psychologien". 
Bemerkenswert ist, daß Beneke im einzelnen in gewissem Umfange 
die Phänomenologie antizipiert. 

Die Psychologie hat ihre Methode mit der Naturwissenschaft 
gemeinsam und ist selbst eine solche: die Naturwissenschaft der 
inneren Erfahrung. Doch ist die Psychologie ebenso wie die 
Physik nicht einfach eine Sammlung von Beobachtungen, sondern 
auch sie bietet nach Ermittlung der psychischen Elemente gedank- 
liche Konstruktionen des seelischen Grcschehens, — Kon- 
struktionen, bei denen Beneke sehr rasch den Zusammenhang mit 
der Erfahrung völlig einbüßt, so daß seine Psychologie in Wahrheit 
recht unempirisch, vielmehr ganz überwiegend rein konstruktiver 
Art ist. In der Selbstbeobachtung erfassen wir uns selbst mit 
voUer Wahrheit, während die Naturobjekte nur sinnliche Erschei- 
nungen, nicht die Dinge selbst, sondern nur ihre Wirkungen auf 
uns darstellen. Zählimg und Messung findet in der Psychologie 
freüich nicht, mindestens bisher nicht statt, weü es überaus schwer, 
wenn nicht unmöglich ist, ein beharrlich bleibendes Grundmaß 
aufzufinden, aber sie ist der Naturwissenschaft auch insofern 
wesentUch überlegen, weü sie im Gegensatz zu dieser die einfachen 
Elemente des Seelenlebens feststellen kann und eine wirkliche 
Genetik der Seele zu geben vermag. Und zwar leitet Beneke alle 
komplizierteren psychischen Vorgänge aus vier elementaren psychi- 
schen Vorgängen oder ,, Grundprozessen" ab. 

Auch auf ethischem Gebiet steht Beneke in scharfem Gegen- 
satz zu Kant. Er verwirft dessen Lehre von einem uniformen 
allgemeingültigen Sittengesetze und spricht den Gedanken aus, daß 
alle Sitthchkeit individuellen Charakter habe und von Person zu 
Person verschieden sein müsse. Die Grundlage für die Ethik 
erblickt er mit Jacobi, auf den er sich ausdrücklich bezieht, im 



188 § 15. Friedrich Eduard Beneke. 

Gefühl des Sittlichen, Der Gedanke indeterministischer Freiheit 
wird von ihm verworfen. Auf die Psychologie und Ethik gründet 
sich die Erziehungs- und Unterrichtslehre, an deren Ausbildung 
Beneke mit Liebe und Erfolg gearbeitet hat. In der Religions- 
philosophie bekennt er sich unter strenger Scheidung der Grebiete 
des Wissens und des Glaubens zum Theismus. 

Benekes Schriften und Abhandlungen (abgesehen von den 
noch zu erwähnenden Rezensionen): Erkenntnislehre nach dem Bewußt- 
sein der reinen Vernunft in ihren Grundzügen dargelegt, Jena 1820 (gegen 
die Apriorität der Formen der Erkenntnis). Erfahrungsseelenlehre als 
Grundlage alles Wissens in ihren Hauptzügen dargel., Berl. 1820. (Die Schrift 
will keine vollständige Erfahriuigsseelenlehre aufstellen, sondern nur zeigen, 
wie und wo in ihr alle menschlichen Erkenntnisse ihre Wurzeln treiben.) De 
veris philosophiae initiis diss. inaug., Berl. 1820. (,,Philosophiae scopum 
a cognitione per experientiam acquisita attingendum esse". B. vergleicht 
das aus Einem obersten Prinzip ohne Hufe der Erfahrung deduzierende Ver- 
fahren mit dem Versuch, ein Haus vom Dache aus zu bauen. Die dialektische 
Methode, die auf der Voraussetzung einer vom Allgemeinen zum Besonderen 
fortschreitenden Selbstbewegimg des Begriffs beruht, ist immöglich.) Neue 
Grundlegung zur Metaphysik, als Programm zu seinen Vorlesvmgen 
üb. Logik u. Metaphysik dem Druck übergeben, Berl. 1822. (Präzise Dar- 
etellimg der von ihm seitdem stets festgehaltenen Grundzüge der Metaphysik.) 
Grundlegung zur Physik der Sitten, ein Gegenstück zu Kants Grund- 
legung zur Metaphysik der Sitten, mit einem Anhange üb. d. Wesen u. d. 
Erkenntnisgrenzen d. Vernunft, Berl. 1822. (Diese bereits Ende 1821 erschienene 
Schrift gab um des angebUch in ihr gelehrten .»Epikiireismus" wülen zu der 
Maßregelung Benekes Anlaß, weshalb B. derselben eine ,, Schutzschrift für 
meine Grundlegung zvir Physik der Sitten", L^z. 1823, nachfolgen üeß. Im 
Gegensatz zu Kants kategorischem Imperativ will Beneke die Moral a\if das 
Gefühl begründet wissen; er polemisiert im Anschluß an Friedr. Heinr. Jacobi 
gegen den Despotismus der Regel iind in Übereinstimmung mit Herbart zu- 
gunsten des Determinismus gegen Kants Annahme einer transzendentalen 
Freiheit.) Beiträge zu einer rein seelenwissenschaftl. Bearbeitiuig der Seelen- 
krankheitskunde als Vorarbeiten für eine künftige strengwissenschaftliche 
Naturlehre derselben, nebst einem vorgedruckten Sendschreiben an Herbart: 
,,Soll die Psychologie metaphysisch oder physisch [= empirisch] begründet 
werden?", Lpz. 1824. Psychologische Skizzen. I. Bd.: Skizzen z. Natur- 
lehre d. Gefiihle, in Verbindung mit einer erläut. Abhandlxing üb. die Bewußt- 
werdimg der Seelentätigkeiten, Götting. 1825. II. Bd.: Das Verhältnis von 
Seele und Leib, ebd. 1826. — Über die Vermögen der menschl. Seele imd deren 
allmähUche Ausbildung, ebd. 1827. (In diesen zusammengehörigen Schriften 
gibt B. eine erste allseitige Durchführung seiner Psychologie.) Grundsätze 
der Zivil- und Kriminalgesetzgebung, aus den Handschriften des 
englischen Rechtsgelehrten Jeremias Bentham hg. von Etienne Dumont, 
Mitghed des repräsentativen Rates zu Genf. Nach der 2. verb. u. verm. A. 
bearb. und mit Anmerkungen versehen von F. E. Beneke, 2 Bde., Berl. 1830. 
Kant u. die philos. Aufgabe unserer Zeit; eine Jubeldenkschrift 
auf die Kritik der reinen Vernxmft, Berl. 1832. (B. sucht zu zeigen, daß Kants 
Absicht auf die Aufhebung der den Erfahrtmgskreis überschreitenden Speku- 
lation gerichtet gewesen sei, daß aber das von ihm in der Vernunftkritik ein- 
gehaltene aprioristische Verfahren eine Mitschuld an der Nichterreichung 
dieser Absicht und dem Wiederaufkommen der empirielosen Spekulation 
über das , .Absolute" trage.) Lehrbuch der Logik als Kunstlehre des 
Denkens, Berl. 1832. Lehrbuch der Psychologie als Naturwissen- 
schaft, Berl. 1833, 2. verm. u. verb. A. 1845, 4. A. 1877. (Dreßler, der die 
3. u. 4. A. besorgt hat, sagt mit Recht, diese Schrift „bilde gleichsam den 
Grundstock zu allen sonstigen Werken Benekes"; sie ,, führe die Prinzipien 
der neuen Seelenlehre am präzisesten vor". Nach ihr zumeist ist unten die 



I 

§ 15. Friedrich Eduard Beneke. 189 

Darstellung der Lehren Benekes gegeben.) Die Philosophie in üirem Ver- 
hältnisse zur Erf ahrving, zur Spekvilation und zum Leben dargestellt, Berl. 1833. 
(Darin S, 97—113 eine scharfe Kritik der zeitgenössischen Spekulation.) 
Erziehungs- und Unterrichtslehre, 2 Bde., Berl. 1835—36, 2. verm. 
u. verb. A., ebd. 1842, 3. A. besorgt von J. G. Dreßler, ebd. 1864, 4. A. 1876. 
(Besonders infolge der in dieser Schrift vollzogenen Anwendung der Psychologie 
zur wissenschaftUchen Begründung eines praktischen pädagogischen Systems 
hat sich s. Z. die Benekesche Doktrin in einem ziemlich zahlreichen Kreise 
von Schulmännern verbreitet.) Erläuterungen über die Natur und Be- 
deutung meiner psychologischen Grundhypothesen, Berl. 1836. Unsere 
Universitäten und was ihnen not tut, in Briefen an Dr. Diesterweg, Berl. 
1836. (Veranlaßt durch Diesterwegs Schrift: ,,Die Lebensfrage der Zivilisation", 
Essen 1836.) Grundlinien des natürl. Syst. der praktischen Philos., 
Bd. I: Allgemeine Sittenlehre, Berl. 1837. Bd. II: Spezielle Sittenlehre, ebd. 
1840. Bd. III: Grundlinien des Naturrechts, der Politik u. des philos. Krimi- 
nalrechts. E. Vers, eines natürl. Systems dieser WiB6ensch.en. Allgem. Be- 
gründung, ebd. 1838. (Der außerdem noch als Bd. IV beabsichtigte spezielle 
Teil des Naturrechts ist nicht erschienen. Beneke selbst erklärte die Sitten- 
lehre für sein gelungenstes, ihn am meisten befriedigendes Werk.) Syllogis- 
morum analyticorum origines et ordinem naturalem demonstravit Frid. 
Ed. Beneke, Berol. 1839. System der Metaphysik u. Religionsphil. 
Aus den natürlichen Grundverhältnissen des menschl. Geistes abgeleitet, 
Berl. 1840. System der Logik als Kunstlehre des Denkens, 2 Bde., 
Berl. 1842. (Eine Ausführung der in dem ,, Lehrbuch" von 1832 niedergelegten 
Grundzüge. Beneke sondert die Betrachtung des ,, analytischen" Denkens 
von der des ,, synthetischen" und scheidet die in der ,, Metaphysik" behandelten 
erkenntnistheoretischen Probleme aus; vgl. darüber Ueberwegs Kritik in § 34 
seines ,,Syst. der Logik".) Die neue Psychologie. Erläuternde Aufsätze 
zur 2. A. meines Lehrbuchs der Psychologie als Naturwissenschaft, Berl. 1845. 
Die Reform tmd die Stellimg im^serer Schulen. Ein philosophisches Gutachten, 
Berl. 1848. Pragmatische Psychologie oder Seelenlehre in der Anwendung 
auf das Leben, 2 Bde., Berl. 1850. Lehrbuch der pragmatischen Psychologie, 
Berl. 1853. Archiv für die pragmatische Psychologie, 3 Bde., Berl. 
1851 — 53. — Über seinen Entwicklungsgang hat Beneke selbst besonders 
in seiner Schrift: Die neue Psychol., Berl. 1845, 3. Aufsatz, S. 76ff. : ,,tJber 
das Verhältnis meiner Psychol. zu der Herbartschen", sich geäußert. In der 
Vorrede zu seinen ,,Beitr. zu der Seelenkrankheitskunde", 1824, S. Vllff. 
erklärt er sich über einige Konflikte. Bibliographie der Schriften B.s bei 
Otto Gramzow, F. E. B.s Leben u. Philosophie, Bern 1899 S. 277 — 281. Nach- 
weis über nachgelassene Manuskripte bzw. Briefe Kant- Studien XVII, S. 112. 

Benekes Leben. Friedrich Eduard Beneke, geb. zu Berlin am 17. Fe- 
bruar 1798, erhielt seine Gymnasialbildung in seiner Vaterstadt auf dem da- 
mals unter Bemhardis Leitvmg stehenden Fridericianum, nahm 1815 am Feld- 
zug teil und studierte dann Theologie und Philosophie in Halle und Berlin. 
Neben de Wette, der ihn auf Fries hinwies, gewann besonderen Einfluß auf 
ihn Schleiermacher, dem er eine seiner frühesten Schriften gewidmet hat. 
Privatim studierte Beneke teils die neuere englische Philosophie, teils Schriften 
Garves, Platners, Kants und Friedr. Heinr. Jacobis; die sämtlichen Werke 
des letzteren hat Beneke in der Zeitschrift Hermes, Bd. XIV, 1822, S. 255 
bis 339 rezensiert. Im Herbst 1820 habilitierte sich Beneke an der Univer- 
sität Berlin, wo seit einem halben Jahre bereits Schopenhauer Privatdozent 
•w^ar. Auch dessen Schriften hat Beneke früh seine Aufmerksamkeit zugewandt. 
Seine Rezension über die „Welt als Wille und Vorstellimg" führte zu einer 
scharfen Entgegnung Schopenhauers, derBeneke dem Herausgeber der Literatur- 
zeitung gegenüber „Ihr nobler Rezensentenjunge" nannte (s. Literaturanh.). 
Erst als seine drei frühesten Schriftchen, siehe oben, bereits erschienen waren. 



190 § 15. Friedrich Eduard Beneke. 

lernte Beneke eine Schrift Herbarts kennen, nämlich die 2. Auflage des „Lehr- 
buchs zur Einleitung in die Philosophie" (1821), nachdem er vorher nur eine 
oberflächliche Kunde von dessen Ansichten (vielleicht durch Stiedenroths 
Theorie des Wissens, Göttingen 1819) erlangt hatte. Von nun an widmete 
er Herbarts Schriften ein sehr lebhaftes Interesse; viele derselben hat er re- 
zensiert. Er erblickte in Herbart den scharfsinnigsten und (nach Jacobis 
Tode) tiefsten unter den damals lebenden deutschen Philosophen. Wenn 
aber Herbart seine Psychologie auf „Erfalirung, Mathematik iind Metaphysik" 
basiert, so wies Beneke ebensowohl die metaphysische Begründung, wie die 
Anwendung der Mathematik ab, weil sie ,,ganz und gar in luftigen Regionen 
eich bewegen, und ebendeshalb ungeachtet alles Beifalls, den sie vor dem 
Richterstuhle des Mathematikers finden mögen, vor dem Richterstuhle des 
philosophischen Naturforschers als jedes sicheren Haltes entbehrend ver- 
worfen werden müssen", und hielt sich dem Grundsatz nach ausschließlich 
an die innere Erfahrung, die er nur nach derselben Methode, nach welcher 
die Naturwissenschaften die äußere Erfahrung rationalisieren, wissenschaftlich 
verwerten will; er gibt nicht zu, daß sich in den dxirch die Erfahrung darge- 
botenen Begriffen Widersprüche finden, und daß es einer metaphysischen 
Spekulation bedürfe, welche diese nach der ,, Methode der Beziehvmgen" weg- 
schaffe. In der Armahme einer punktuellen Einfacliheit der menschlichen 
Seele findet er den Grundfehler der Herbartschen Psychologie, in dessen Kon- 
sequenz eine durchgängige Trübung der aus der inneren Erfahrung geschöpften 
Einsicht liege. Beneke billigt Herbarts Polemik gegen diejenigen „Seelen- 
vermögen", die nur hypostasierte Klassenbegriffe psychischer Erscheinungen 
seien tmd doch als Erläuterungsgründe eben diesfer Erscheinungen dienen sollen ; 
aber er hält an der Gültigkeit des Vermögen sbegi'iff es überhaupt und auch 
an der Annahme einer Mehrheit psychischer Vermögen fest. Er sucht die 
komplizierten psychischen Erscheinungen auf wenige psj'^chische Grundvor- 
gänge ZTorückzuführen. (Diese Grundvorgänge hat Beneke größtenteils schon 
in der 1820, vor seiner Bekanntschaft mit Herbarts Schriften veröffentlichten 
„Erfahrungsseelenlelire" bezeichnet, jedoch mehr sporadisch, als in vollstän- 
diger wissenschaftlicher Entwicklung; das diirchgeführte Lehrgebäude der 
Psychologie ist nicht ohne einen wesentlichen Einfluß seitens Herbarts ent- 
standen.) Bereits im Jahre 1822 wurde Beneke nach Veröffentlichung seiner 
Schrift: ,, Grundlegung zur Physik (Naturlehre) der Sitten", in welcher er den 
ethischen Relativismus vertrat, unerhörterweise die Erlaubnis zum Halten 
von Vorlesungen entzogen. Beneke will ermittelt haben, daß Hegel diese Ver- 
fügung bei dem ihm befreundeten Minister v. Altenstein aiisgewirkt habe, 
tun keine der seinigen feindliche, der Schleiermacherschen tind Friesschen 
Doktrin näherstehende Philosophie neben seiner eigenen an der BerUner 
Universität atifkommen zu lassen. (Beneke hatte im Gegensatz zu Schopen- 
hauer im Anfang seiner akademischen Tätigkeit beträchtlichen Lehrerfolg.) 
Kimo Fischer, Hegel, 1, A., S. 157 f., glaubte auf Griond der Beneke sehr xm- 
günstigen Universitätsakten (in denen von einem etwa erfolgten persönlichen 
Vorgehen Hegels selbstverständlich nichts zu lesen steht) diese Anschtildigung 
zurückweisen zu dürfen. Max Lenz dagegen, der übrigens Beneke Mangel 
an ernstem Ringen tun die Probleme und selbstgefälliges allzufrühes Fertig- 
sein vorwerfen zu können glaubt, hält Hegel für nicht unbeteiligt an der Maß- 
regelung Benekes, der gegen seinen Willen zur Habilitation gelangt war. (Gesch. 



§ 15. Friedrich Eduard Beneke. 191 

d. Univ. Berlin II, 1). In bestehenden Bundesbeschlüssen fand Altenstein, 
durch fernere Scliritte Benekes gereizt, das Mittel, die großherzoglich sächsische 
Regierung, von der Beneke für ein Ordinariat der Philosophie in Aiissicht 
genommen war, zur Nichtanstellimg eines — obschon politisch unverdächtigen 

— Privatdozenten, dem in Preußen die Venia legendi entzogen worden war, 
zu nötigen. Beneke fand ein Asyl in Göttingeu, wo er von 1824 — 27 dozierte; 
dann kehrte er nach erlangter Erlaubnis als Dozent nach Berlin zurück und 
erhielt daselbst 1882, nicht lange nach Hegels Tode, eine außerordentUche 
Professur, die er, als Dozent und Schriftatelier luiablässig tätig, bis zu seinem 
Tode, 1. März 1854 (in BerUn), bekleidet hat. Er ertrank, wie es scheint, nicht 
ohne eigenen Vorsatz, ein Opfer akademischer Zurücksetzung. Schopenhauer, 
der noch immer Benekes nüt Rachegefühlen gedacht zu haben scheint, schrieb 
darüber am 9. April 1854 Frauenstädt in roher Weise: „Dr. Lindner hat mir 
die Vossische Zeitung mit Benekes Nekrolog zugeschickt, wofür ich ihm sehr 
dankbar bin, da es mich interessiert, die Laufbahn dieses Sünders zu sehen. 
Ich glaube, er hat es schließlich dem Empedokles gleichtun wollen tmd ist 
in Gott weiß welches Loch gesprungen, wo ihn der Teufel finden kann. Statt 
der ehernen Pantoffel wird wohl einmal die goldene Brille ausgeworfen werden. 
(Benekes Leiche war lange nicht zu finden.) Fragt sich, ob ein Derangement 
seiner ,Angelegtheiten' oder seiner Angelegenheiten hn idazu bewogen hat". 

— Entsprechend ihrer geringeren Bedeutung ist die historische Erforschung 
der Philosopnie Benekes bisher fast nur in Dissertationen erfolgt. 

Benekes Philosophie. — Wie Fichte und Fries fühlt sich auch Beneke 
als Fortsetzer Kants, er meint dessen Lehre lediglich von Unvollkonmien- 
heiten zu befreien und ihre richtigen Gledanken konsequent durchzuführen. 
Als die wesentlichste Grundeinsicht Kants erscheint ihm die Lehre, daß eine 
Erkenntnis des Seienden aas reinen Begriffen tuimöglich ist. Nur durch sinn- 
liche Empfindung gelangen wir ziu* Kenntnis aer Realität. Zwei Ziele hatte 
Kant im Auge : die Begründung der Erfahrungswissenschaft und die Gewinnung 
von Raum für den Glauben vermittels der Aufhebung des Scheinwissens. 
Aber Kant hat seine Absichten nicht erreicht, denn anstatt daß die Philosophie 
zur kontinui Tlich «?ich weiter entwickelnden Wissenschaft wurde, folgte viel- 
mehr alsbald ein System auf das andere. Mit großer Schärfe wendet sich 
auch Beneke gegen dieselben und kommt zu dem Endergebnis: „Wo Kant 
auf dem Wege zur Wahrheit ist, haben sie denselben verlassen, und das nur 
in seiner Lehre Falsche haben sie aufgenommen und ausgebildet." Für die 
Tiefen der spekulativen Systeme hat auch Beneke keinerlei Verständnis ge- 
habt. Dagegen bezeichnet er mit erstaunlicher Genauigkeit die Stellen im 
Kantischen System, die die Ausgangspunkte für die spekulative Entwicklimg 
abgegeben haben. 

Als der entscheidende Fehler Kants erscheint Beneke der Versuch, un- 
abhängig von der Erfahrung zur Erkenntnis der Anschauungsformen und der 
Kategorien zu gelangen. Demgegenüber erbhckt Beneke die allein mögliche 
Grundlage in der Erfahrung, und zwar in der psychologischen Erfahrung. 

Immerhin hält auch er apriorische Erkenntnis in gewissen Grenzen 
für möglich. Einmal können wir die Begriffe zergüedem und sie auch zusammen- 
setzen, z. B. den Begriff Gottes als allmächtigen, allwissenden usw. Wesens 
bilden. Anderseits läßt sich dets Verfahren der Mathematik auch außerhalb 
derselben anwenden. Die Aufstellung der verschiedenen Urteilsformen in 



192 § 15. Friedrich Eduard Beneke. 

der Logik soll sich von dem Verfahren der Geometrie nur dadiirch unterscheiden, 
daß diese es mit Raumverhältniesen, jene mit Verhältmssen zwischen Begriffen 
zu tun hat. Auch die psychischen Verhältnisse sollen sich, sobald die seelischen 
Gnmdbegriffe feststehen, unabhängig von aller Erfahrung entwickeln lassen. 
„Die Grundformen der Sitthchkeit Txnd der UnsittUchkeit, des Rechts und des 
Unrechts usw. finden sich ganz so in jedem besonderen Falle wieder; und es 
ist also nicht zu verwundern, aaß die Verhältnisse, welche wir im Abstrakten 
gefunden haben, auch von diesem besonderen Falle gelten müssen." (D. Ph. 
in ihr. Verh. . . . S. 7 5 f.) Wir haben es hier offenbar mit einer Vorahnung 
der Phänomenologie zu tun. Doch meint Beneke, daß die Grundelemente 
überall, auch die der mathematischen Konstruktionen, welche dann aus ihnen 
Gebilde wie die Ellipse, Hyperbel usw. herstellen, aus der Erfahrung stammen 
(S. 79). 

Psychologie. Die philosophische Gnmd Wissenschaft ist nach Beneke 
die Psychologie. Lediglich von ihren „Zergliederungen vmd Aufklärungen" 
könne eine „allgemein-gültige Ausbildung" der Logik, der Ästhetik, der Moral, 
der Rechtsphilosophie, der Religionsphilosophie usw. erwartet werden. Denn 
alles in den Grundbegriffen aller dieser Wissenschaften Gedachte, das logisch 
Richtige luid Unrichtige, das Sittliche und das Unsittliche usw. seien ja ,,nvir 
verschiedene psychische Bildungsformen". Gelänge es nun, „die Entstehungs- 
weise imd den durch diese wesentlich begründeten Charakter dieser Formen 
klar und erschöpfend darzulegen, so werden wir liiermit zugleich auch eine 
erschöpfende Aufklärung über die Grundbegriffe der genannten Wissenschaften 
gewinnen." (S. 27.) 

„Durch alle Begriffe der philosophischen Disziplinen kann ja doch nichts 
weiter gedacht werden, als was in der menschlichen Seele und nach den Ent- 
wickliingsgesetzen der menschlichen Seele gebildet worden ist, und sind dem- 
nach diese letzterer mit Sicherheit imd Klarheit erkannt, so werden wir eben 
hierdurch auch für jene Wissenschaften eine sichere und klare Erkeruitnis 
gewonnen haben." (S. XV.) „Ja selbst die Gnindaufgabe der Metaphysik, 
die Bestimmvmg des Verhältnisses zwischen vmserem Vorstellen imd dem 
Sein außer uns, wird nur durch eine tiefere Einsicht in die Bildvmg unserer 
Vorstellungen gelöst werden können." (S. 27.) Bevor aber diese Aufgaben 
ins Auge gefaßt werden können, bedarf es einer Reform der Psychologie. 

Beneke will die Psychologie über das Stadium der bloßen Spekulation 
emporheben vuid sie zu einer der Physik ebenbürtigen Wissenschaft machen. 
Zu dem Zweck hält er eine völlig neue Methode für tmumgänglich. Auch 
Herbart, der die Reformbedürftigkeit der psychologischen Methode zwar 
zutreffend erkannte, versagte hier insofern, als er die Psychologie aui meta- 
physische Grundlagen stellte. Demgegenüber fordert Beneke \inmittelbaren 
methodischen Anschliiß an die Naturwissenschaft. Wie diese muß auch die 
Psychologie von der Erfahrung ausgehen und vor allem auf empirischem Wege 
die letzten psychischen Elemente feststellen. Mit ihrer Auffindung ist es 
jedoch nicht getan, vielmehr muß alsdann das seelische Leben gedanklich 
konstruiert werden, ganz so wie der Physiker sich nicht mit bloßen Beob- 
achtungsfeststellvmgen begnügt, sondern auf Grund von ihnen die Natur 
gedanklich nachkonstruiert. Benekes Psychologie ist also nicht empirische 
Psychologie im modernen Sinne, vielmehr „erklärende" Psychologie nach 
der Ausdrucksweise Diltheys. „Die Psychologie ist eine Naturwissenschaft, 



§ 16. Friedrich Eduard Beneke. 193 

welche sich, wie alle übrigen Naturwissenschaften, lediglich auf sorgsame 
Beobachtungen stützt, und avis diesen ihre allgemeinen Gesetze, so wie 
die von ihr zur Erklärung zum Grunde gelegten Kräfte, vermöge vorsichtiger 
Induktionen ableitet." 

Beneke hat selbst in seinem „Lehrbuch der Psychologie" den Versuch 
einer solchen konstruktiven Psychologie in weitem Umfange unternommen. 
Es ist eine veränderte Vermögenslehre. Er bekämpft zwar die traditionelle 
Vermögenslehre mit Schärfe, aber doch nur deshalb, weil sie zu Unrecht die 
im Erwachsenen sich findenden psychischen Prozesse zu Vermögen \imdeutete. 
Den Vermögensbegriff selbst erachtet er an sich für ,, fehlerlos". Was notwendig 
ist, ist allein ein Rückgang zu den Urvermögen der menschlichen Seele 
und alsdann eine konstruktive genetische Psychologie des entwickelten 
menschlichen Seelenlebens. Die Vermögen sind aber nicht bloß Möglichkeiten, 
sondern im Innern der Seele in eben dem Maße wirkUch, wie die Entwickliingen, 
welche diurch sie möghch werden, als bewußte Vorgänge wirklich sind. Die 
Vermögen sind die Bestandteile der Substanz selbst; sie haben keinen von 
ihnen selbst verschiedenen Träger. 

Gegenüber der Naturwissenschaft ist die Psychologie nicht nior dadurch 
im Vorteil, daß sie es nicht bloß mit Erscheinungen, sondern mit dem Seelischen, 
wie es an sich ist, zu tiin hat, sondern auch insofern, als sie im Gregensatz zur 
Physik die letzten elementarsten Bestandteile der seelischen Prozesse fest- 
zustellen imstande ist. 

Durchaus modern ist Beneke in seiner vorurteilsfreien, ganz unnatura- 
listischen Bestimmimg des Gegenstandes der Psychologie. Wie schwierig 
auch, meint er, die reale Begrenzung der Seele gegen das Körperliche sein 
mag, so haben wir doch für die Begründung unserer Wissenschaft eine durchaus 
klar bestimmte lond scharfe Grenzlinie: Gegenstand der Psychologie 
ist alles, was wir durch die innere Wahrnehmung und Empfindung auffassen; 
was wir durch äußere Sinne aviffassen, ist wenigstens z\inächst \ind tmmittel- 
bar nicht geeignet, von ihr verarbeitet zu werden, sondern muß, wenn es be- 
nutzt werden soll, erst auf Auffassungen jener ersteren Art gedeutet werden. 
Beneke versucht denn auch, die Psychologie aufzubauen, ohne dabei auf die 
Beziehungen der Außenwelt zu unserem Organismus tmd seinen Sinnesorganen 
Rücksicht zu nehmen, da das unmittelbare Selbstbewußtsein davon nichts ent- 
hält. Nicht ohne Inkonsequenz spricht freihch auch er gleichwohl von „äußeren 
Eindrücken" auf die Seele. Jene physischen Vorgänge dürften nur als parallele 
Vorgänge, nicht aber als Ursachen der Sinneswahmehmungen angesehen werden. 

Beneke nimmt nun vier verschiedene Grundprozesse in der menschlichen 
Seele an. Der erste besteht in den Sinneswahmehmungen (sinnliche Urver- 
mögen der Seele). Höchst merkwürdig ist, daß zu jeder sinnhchen Wahr- 
nehmung ein besonderes Urvermögen gehören soU, das durch diese Wahr- 
nehmung aufgebraucht werde. Doch bilden der Seele fortgesetzt neue Urver- 
mögen sich als Ersatz nach. Der zweite Prozeß soll darin bestehen, daß alle 
seelischen Prozesse sich auch nach ilirem Verschwinden aus dem Bewußtsein 
im Unbewußten forterhalten, als ,, psychische Spitren" oder ,, Angelegtheiten". 
Ihr Vorhandensein wird aus dem Stattfinden späterer Reproduktionen er- 
schlossen. Wie die Seele selbst ortlos ist, so auch diese Spuren. Sie sind auch 
an kein leibliches Organ geknüpft. Durch die immer zunehmende Zahl dieser 
Spuren ist der Seele die Möglichkeit immer weiteren Wachstums gegeben. 

üeberweg, Grundriß IV. 13 



194 § 15. Friedrich Eduard Beneke. 

Ein dritter Gruiidprozeß soll darin bestehen, daß gleiche Tätigkeiten und Spviren 
der Seele danach streben, sich miteinander zu vereinigen (,, Kombinations- 
kraft", „Synthesis"). Der vierte Grundprozeß endlich bestehe darin, daß 
„alle psychischen Gebilde in jedem Augenblick unseres Lebens bestrebt sind, 
die in ihnen beweglich gegebenen Elemente gegeneinander auszugleichen", 
bis zu völliger Gleichgestimmtheit. (Z. B. Steigerung des inneren Lebens 
dvirch Freude, Gesamtherabstimmung durch Kummer.) 

Alle diese verschiedenen Vermögen oder ,, Kräfte" bilden zusammen 
ein System, welches Seele heißt, so daß nach Beneke diese also nicht eigentlich 
jene Vermögen besitzt, sondern avis ihnen besteht. Es ist ein erster, wenn 
auch nicht konsequenter und nicht völlig klar bewußter Versuch, eine Psycho- 
logie ohne Seele zu konstruieren. Das Verhältnis zum Leibe wird als Wechsel- 
wirkung gedacht. Aus den vier Grundprozessen versucht Beneke das gesamte 
psychische Leben zu konstruieren. Er bedient sich des durch die Psychologie 
seiner Zeit, insbesondere auch die des 18. Jalirhtinderts gesananelten empi- 
rischen Beobachtungsmaterials, und auch das pathologische Seelenleben ist 
ihm wohlbekannt. Aber er hat durch seine eigene Psychologie durchaus keine 
Bereicherung der positiven erfahrungsmäßigen Forschung gebracht, vielmehr 
beschränkt er sich trotz aller prinzipiellen Forderung, daß die Psychologie Er- 
fahrungswissenschaft sein müsse, ganz und gar auf die konstruktive Arbeit. 
Er hat insofern mit Herbart die größte Verwandtschaft. Beide stehen alles 
Kampfes gegen die spekulative Plülosopliie ungeachtet doch selbst so weit 
unter ilirem Einfluß, daß sie die Psychologie nach spekulativer Methode 
betreiben. 

Die Logik bestimmt Beneke als Kunstlehre des Denkens. Bei der Dar- 
Btellimg der Denkformen verfährt sie ,, streng genetisch", sie zeigt, wie sich 
avis dem Einfacheren das Zusammengesetzte entwickelt. Benekes Logik 
steht im Gegensatz zur metaphysischen, wie auch zu Kants Aprioritätslehre. 
Die Logik beschränkt sich nach ihm auf die Betrachtung des Denkens als solchen, 
ßie verfolgt es nur bis ziu* Feststellung der allem Denken immanenten Be- 
ziehung auf das Sein; auch der Begriff des bloß subjektiven Vorstellens denkt 
nur eine besondere Art des Seins. Die Entscheidung über den Walirheits- 
gehalt dieser Beziehung liegt der Metaphysik ob. Die einfachsten Denkgeoilde 
sind die Begriffe. Die Begriffe entstehen, indem, wenn mehrere einen gemein- 
samen Bestandteil enthaltende Vorstellungen gleichzeitig im Bewußtsein sind, 
die in einer Melirzahl gegebenen gleichen Vorstellungselemente zu einem Ge- 
ßamtvorstellen (dem Begriff) zusammenfließen. Die logischen: Grundsätze 
M'erden von Beneke (trotz seines sonstigen Psychologismus) nicht als Natur- 
g(isetze des Denkens, sondern als „die allgemeinsten Formeln des analgetischen 
Urteilens" betrachtet (Logik S. 41). 

Metaphysik. Die Metaphysik Benekes, welche bei ihm großenteils 
mit der heute Erkenntnistheorie genannten Disziplin zusammenfällt, 
steht in schroffem Gegensatz zur Spekulation seiner Zeit. Aus bloßem Denken 
ist eine Erkenntnis des Seienden nicht möglich. Auch die Mathematik gibt 
keine solche. Sie besteht aus ,, hypothetischen Sätzen, in welchen sie aussagt, 
daß, wo das eine Glied der Gleichung gegeben sei, auch das andere gegeben sein 
müsse". „Die Geometrie bestimmt allerdings a priori der Erfahrung (in rein 
innerlicher Konstruktion) die Verhältnisse zwischen der EUipse tind ihren 
Abszissen und Ordinaten; aber ob die so gewonnenen Gleichimgen irgend 



§ 15. Frifdrich Eduard Btmke. 195 

in der Natur, und daß sie bei der Bewegung der Planeten, zur Anwendung 
kommen, darüber kann die Geometrie nichts bestimmen" (Metaph. 134 f.). 
Die Metaphysik ist ebenfalls auf die innere Erfahrung zu gründen. 
Erfahrung — insbesondere auch die Naturerfahrung — besteht aber nach 
Beneke nicht allein in bloßen perzipierten Eindrücken, sondern entsteht erst 
durch ihre Verarbeitung im Denken. Alle metaphysischen Begriffe und Sätze 
sind psychische Fakta; deshalb ist eine tiefer dringende Erklärung von ihnen 
nur aus den Entwicklungsgesetzen des Geistes heraus möglich. Das Grund- 
problem der Metaphysik ist das Verhältnis von Vorstellen und Sein. Beneke 
hält es für sicher, daß alles, was wir unseren Vorstellimgen auch gegenüber- 
stellen mögen, bei genauerer Erwägung sich immer wieder als ebenfalls Vor- 
stellung erweist. Dennoch ist es unmöglich, daß „der ganze oder voUe Idealis- 
mus" (Metaph. 65) recht hat. Zwar versucht die Philosophie alle ihre Lehren 
zu beweisen, aber das Beweisen kann nicht ins Unendliche fortgehen. Zuletzt 
muß von unbewiesenen Sätzen ausgegangen werden. „Aber wie kommen 
wir nun zu solchen? — Unstreitig nur durch das allgemein-mensch- 
liche Bewußtsein" (49). Dies aber bekennt sich zum Realismus. So greift 
Beneke zuletzt auf die Vulgäranschauimg als Fundament zurück. Unmittel- 
bar erfassen wir Seiendes in der Selbstwahrnehnaung, „in welche das Sein 
unmittelbar eingeht ohne Zumischung einer fremdartigen Form" (68). Die 
Außenwelt, deren Existenz gewiß ist, ist uns nicht in dieser urmiittelbaren 
Weise gegeben, sie ist ganz und gar Sinneserscheinung; diese stimmt nicht 
mit dem Ansichsein der Dinge überein. „In den Vorstelhmgen des Räum- 
lichen sind Subjektives und Objektives so miteinander verschmolzen, daß 
wir sie nicht mit Sicherheit zu scheiden vermögen" (354). Der räu mli chen 
Ausdehnung liegt ohne Frage etwas Reales zugrunde; welcher Art es ist, 
vermögen wir nicht zu bestimmen (252). Das Werden, das Sichverändern 
dagegen sieht Beneke als eine wesentliche Form auch des An-sich- Seins an 
(261). Inhärenz und Kausalität (wir machen uns Vorstellungen präsent) sind 
ims innerlich gegeben und werden auf das außer uns Seiende übertragen. 

Das „in jeder Hinsicht wichtigste \md interessanteste Gebiet" (361) 
der Metaphysik ist die Religionsphilosophie. Sie erstrebt eine Erweiterung 
xmserer Überzeugimgen über das Sinnliche hinaus zum Übersinnlichen. Er- 
kenntnis ist hier nicht mögHch, sondern nur Glauben. Beide werden von Beneke 
scharf getrennt. Die beiden Hauptprobleme der Rehgionsphilosophie sind 
Gott und die Fortdauer der Seele nach dem Tode. Das Freiheitsproblem 
gehört nicht hierher, da es sich lediglich auf gegebene Verhältmsse bezieht. 
Der Materialismus hat mit seinen Einwänden die Lehre von der Unsterblich- 
keit keineswegs beseitigt, da, wenn das äußere Seelenleben auch abnimmt, 
hieraus auf das innere Seelensein nicht geschlossen werden darf. Für die Er- 
kenntnis Gottes bildet das Fragmentarische alles Gegebenen die Basis. Dieses 
Bruchstückartige nötigt uns, eine Ergänzung in dem Unbedingten, in der Gott- 
heit, zu setzen und diese Gottheit mit Prädikaten zu bekleiden, die teils vom 
Sein überhaupt, teils von der Natur, teils von uns selbst hergenommen sind. 
Obwohl die theistische Vorstellimg am meisten genügt, so wissen wir doch von 
der Gottheit sehr wenig und müssen deshalb zu dem Glauben unsere Zuflucht 
nehmen. Der Pantheismus ist unzureichend, weil er mit der Realität des 
Schlechten unvereinbar ist und keinen inneren Halt fürs Leben gewährt. — 
Ähnlich wie Schleiermacher betont Beneke, daß das Entscheidende in der 

13* 



196| § 15. ^Friedrich Eduard Benske. 

Religiosität nicht' die religiösen VorsteÜLingen, sondern das Gefühlserlebnis 
ist (574). 

Ethik. Auch die Ethik gründet Beneke ganz auf das Gefühl. Er schließt 
eich in dieser Hinsicht ausdrücklich an Jacobi an, dessen Beiträge ztir prak- 
tischen Philosopliie er „weit höher" als diejenigen Kants und Fichtes stellt. 
Er kritisiert Kants Ethik im einzelnen, geistvoll und mit guten Gründen. 
Insbesondere greift er Kants Versuch, ein allgemein-gültiges, für aUe Personen 
ein gleiclimäßiges Verhalten vorschreibendes Sittengesetz aufzustellen an 
und stellt statt dessen den Grundsatz der Individualität der Sittlichkeit 
auf. Die Sittlichkeit fordere von den verschiedenen Menschen je nach ihrer 
Individualität ein durchaus verschiedenes Verhalten. Mit der Allgemein- 
gültigkeit des Sittengesetzes erscheint Beneke auch der apriorische Charakter 
der Ethik erledigt. Auch Kants einzelne ethische Leliren greift Beneke scharf 
an, so daß er sich zu ihm nicht nur in bezug auf die Begründung, sondern 
auch hinsichtlich des Inhalts der ethischen Normen in Gegensatz befindet. 
Die Begründung ethischer Lehren findet Beneke durchweg im Zurückgreifen 
auf das ,, sittliche Gefühl", das spezifischer Natur sein soll. Alis mehreren 
gleichartigen Gefühlen bilden sich „Gefülilsbegriffe", „Begriffstätigkeiten". 
Soweit dieselben richtig gebildet sind, sind auch die aufgestellten ,,Tugend- 
und Pflichtgesetze" richtig. Und zwar soll die Ethik trotz ihrer Begründung 
durch das Gefühl ,, mathematischer Ausarbeitung" fähig sein. Bemerkenswert 
ist, daß Beneke bereits den Begriff einer Rangordnung der Zwecke aufstellt. 

Benekes moralische Grundforderung geht dahin, daß man in jedem 
Falle dasjenige tun soUe, was nach der objektiv und subjektiv walxren Wert- 
schätzung als das Beste oder natürlich Höchste sich ergebe. 

Wir schätzen, sagt Beneke, die Werte aller Dinge nach den vorübergehen- 
den oder bleibenden Steigerungen tmd Herabstimmungen, welche durch die- 
selben für imsere psychische Entwicklung bedingt werden. Diese Steigerungen 
und Herabstimmungen können sich in dreifacher Weise für \inser Bewußt- 
sein ankündigen: 1. in ihrem unmittelbaren Gewirktwerden, 2. in ihren Re- 
produktionen als Einbildungsvorstellvmgen, wodurch die Wertschätzung der 
Dinge oder die praktische Weltansicht begründet wird, 3. in iliren Reproduk- 
tionen als Begehrungen, welche die Gesinnung des Älenschen und die Grund- 
lage seines Handelns bilden. In allen drei Formen messen wir die Werte der Dinge 
gegeneinander unmittelbar in dem Nebeneinandersein der durch sie bedingten 
Steigerungen und Herabstimmungen. Dies gilt von dem Wohl und Wehe 
anderer Menschen ebenso wie von vmserem eigenen. Wir messen dasselbe, 
indem wir die Steigerungen vmd Herabstimmiingen, die in anderen vor sich 
gehen, in \ms nachbilden, also mit den andern fühlen. Die Höhe der Steige- 
rungen vmd Herabstimmungen, welche in uns entstehen, wird bedingt teils 
durch die Natur unserer Urvermögen, teils durch die Natur der Reize oder 
Anregvmgen, teils endlich durch die den Grundgesetzen der psychischen Ent- 
wicklung gemäß erfolgenden Aneinanderbildungen der aus den Verbindvmgen 
von Vermögen und Reizen hervorgehenden Akte. Inwiefern durch diese all- 
gemein-menschlichen Entwicklungsmomente eine Steigerung als eine höhere 
liedingt ist, insofern ist auch der Wert, welcher durch sie vorgestellt wird, 
allgemein-gültig ein höherer. Vermöge der lüerdvu-ch begründeten Abstufung 
der Güter und Übel ist eine für alle Menschen gültige praktische Norm 
gegeben. Es muß liiernach z. B. jeder bis zu einem gewissen Grade ausgebildete 



§ 16. Die Philoeophie in der^Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. J^ I97 

und unverdorbene Mensch einen Genuß der höheren Sinne einem der niederen 
vorziehen xand eine geistige Vervollkommnung einem Genüsse, das Wohl- 
einer größeren Gemeinschaft einer auf ihn selbst beschränkten Förderung usw. 
Was nach der in der menschlichen Natiu* begründeten Norm als das Höhere 
empfunden und begehrt wird, ist auch das moralisch Geforderte. Diese objektiv 
und subjektiv wahre Schätzung der Werte kann aber durch übermäßig viel- 
fache Ansanunlungen von Lust- und Unlust-Empfindimgen niederer Art 
gestört werden, und das ihr gemäße Wollen diu"ch übermäßig vielfache An- 
sammlung ebensolcher Begehrungen xmd Widerstrebungen, wodurch das 
Niedere einen übermäßigen ,, Schätzungsraum" und ,,Strebxmgsraunri" ge- 
winnt. Im Gegensatz zu der abweichenden Wertschätzung kündigt sich die 
richtige durch das Gefühl der Pflicht oder der sittHchen Notwendigkeit, des 
SoUens, an, welches seine Begründung eben darin hat, daß diese Notwendigkeit 
aus dem innersten Grundwesen der menschlichen Seele stammt. Die sittliche 
Notwendigkeit ist eine Notwendigkeit der tiefsten Grundnatur der mensch- 
lichen Seele. 



Sechster Abschnitt der Philosophie der Neuzeit. 

Die Philosophie in der Mitte des neunzehnten 
Jahrhunderts (1831—70). 

§16. Die Philosophie in der Mitte des neun- 
zehnten Jahrhunderts. Die deutsche Philosophie in den 
mittleren Jahrzehnten des neunzehnten Jahrhunderts, in dem Zeit- 
raum vom Tode Hegels (1831) bis etwa zum Jahre 1870 bietet 
nicht das äußerlich glänzende Bild vom Beginn dieses Jahrhunderts. 
Die Philosophie büßte ihren Einfluß auf das Kulturleben immer 
mehr ein. Während in den auf den Tod Hegels folgenden Jahren 
seine Philosophie noch eine fast allgemeine Anerkennung besaß, 
wird das Bild, je näher der Mitte des Jahrhunderts zu, desto 
anders. Das System und mit ihm die Philosophie überhaupt sank 
im öffentlichen Ansehen bis zum äußersten Tiefstand. Einer jener 
tiefgreifenden Umschläge, die zuletzt auf primären psychischen 
Umschlagstendenzen beruhen und für die aUe äußeren Momente 
doch nur von sekundärer, befördernder Kausalbedeutung sind, hat 
damals stattgefunden: man wurde des gesteigerten Idealismus der 
Lebensanschauung wie der metaphj'sischen Spekulationen müde 
und verlangte nach substantiellerer Geistesnahrung. Die Natur- 
wissenschaft war es, die sie auch damals geliefert hat. Sie 
hatte am raschesten die romantisch-spekulativen Anwandlungen 
überwunden und war dann mit Riesenschritten vorwärts geschritten, 
unbekümmert um die spekulativen Systeme ringsum. Von ihr 



198 § 16- Diö Philosophie in der Mitte des neunzelinten Jahrhunderts. 

bezogen nun die neuen Generationen in stetig zunehmendem Maße 
ihre Weltanschauung. Schon als Hegel starb, klagten nach Weiße die 
Älteren häufig, daß das Interesse für Philosophie „tief gesunken, 
ja kaum noch ein Schatten dessen sei", was es in den vorauf- 
gegangenen Jahrzehnten war. (Üb. d. Verh. d. Publik, z. Ph., 
Lpz. 1832, S. 5.) Einen Gradmesser für den philosophischen Tief- 
stand der öffentlichen Meinung um die Mitte des Jahrhunderts 
stellt die rasche Ausbreitung des Materialismus dar. Soweit 
sich philosophisches Interesse erhielt, bezog es sich überwiegend 
auf die Geschichte der Philosophie, die überhaupt in den 
Vordergrund rückte. 

Diese geistige Situation war für die Entwicklung der Philo- 
sophie äußerst ungünstig. Dennoch ist die allgemeine Auffassung, 
daß die Philosophie selbst sich in jenem Zeitraum in einem Tief- 
stande befunden habe, unrichtig. Nicht die Philosophie, sondern 
das öffentliche Urteil über ihre Bedeutung und das Interesse für 
sie befanden sich auf einem Tiefstand. Das bisherige traditionelle 
Urteil bedarf der Revision*). 

Die Philosophie kehrte in die Bahnen der strengenWissen- 
schaft zurück, die sie im Zeitalter des Idealismus in bedenklicher 
Weise verlassen hatte. Zunächst war -die Lage in der Philosophie 
überwiegend beherrscht durch den Kampf um das System Hegels. 
Es entstand eine Spaltung im Lager des Hegelianismus selbst, die 
zu einer vollständigen Auflösung der Schule führte. Die am 
weitesten links Stehenden näherten sich sogar dem Materialismus. 
Wenig später erfolgte die Überwindung des Hegeischen Systems 
durch die Kritik seiner Gegner. In erheblichem Maße wirkte noch 
Herbart, vor allem seine Pädagogik, demnächst seine Psychologie; 
doch auch von der Religionsphilosophie des späten Schelling ging 
Einfluß aus. Trendelenburg hinwiederum knüpfte an Aristo- 
teles an. Die Fortbildung der Philosophie stand unter dem Einfluß der 
mechanischen Naturwissenschaft. Auch die noch aus dem Idealismus 
herkommende Generation vermochte sich ihrer Einwirkung nicht 
zu entziehen, um wieviel weniger die späteren. 

Auf metaphysischem Gebiet wurde die Versöhnung der 
Glaubensbedürfnisse des Gemütes mit den vermeintlichen Ergeb- 
nissen der exakten Forschung allgemeines Problem. Unter der 
Nachwirkung der Schellingschen Naturphilosophie entwickelte 
F e c h n e r ein phantasievolles, religiös gestimmtes, wesentlich natur- 

*) In der vorigen Auflage dieses Bandes befand auch ich mich noch 
unter dem Einflüsse dieses Traditionsurteils. 



§ 16. Die Philosophie in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts. 199 

philosophisches System, das später beträchthche Wirkungen üben 
sollte. Die Hauptströmung aber wandte sich einer anderen Richtung 
zu: sie bog von dem klassischen Standpunkt des Pantheismus zu 
dem des Theismus ab. Sie bezeichnete ihn, da er von der empi- 
rischen Wirklichkeit aus begründet wurde, als „spekulativen 
Theismus". Die metaphysische Weltansicht Leibniz' und Kants 
wurde hier in bedeutender Weise, frei von jeder geistigen Enge, 
weitergebildet. Der Neubegründer des Theismus war der Sohn 
Fichtes, Immanu el Hermann Fichte, sein wichtigster Fort- 
bildner Christian Hermann Weiße. Auch Hermann L o t z e , 
der der bedeutendste Denker des ganzen Zeitraumes von Hegels 
Tode bis zu den siebziger Jahren gewesen ist, gehört in diese 
Bewegung hinein. Unter den ungünstigsten Zeitumständen Bedeutend- 
stes leistend, in seiner Tiefe seiner Zeit weit voraus gehend, bildet 
er mit Fechner die Brücke zur nächsten Epoche. Noch weniger als 
Fechner gehört er philosophisch zu den bereits historisch Gewordenen. 
Das philosophische Hauptwerk Lotzes hegt erst am Ende der 
siebziger Jahre, und auch Fechners Wirksamkeit hat bis in die 
achtziger Jahre gereicht. Doch auch I. H. Fichte ist vielleicht 
noch in der Zukunft eine Nachwirkung beschieden in bezug auf 
den Theismus und seine Stellung zum Mediumismus. 

In seinen Anfängen und den entscheidenden Zügen seines 
Systems gehört der Mitte des Jahrhunderts auch Eduard von 
Hartmann an, der ebenfalls „spekulative Resultate nach induktiver 
Methode" erstrebte. 

Die für die Folgezeit auf lange hinaus zunächst wichtigste Tat» 
Sache aber war die Einführung naturwissenschaftlicher experimen- 
teller Methoden in die Psychologie, wie sie seit den sech- 
ziger Jahren durch Naturforscher : diePhysiker Fechner und Weber 
und die Physiologen und Mediziner Hei mho It z und Wundt erfolgte. 

Während die Philosophie des ersten Drittels des neunzehnten 
Jahrhunderts, soweit die großen Metaphysiker in Frage ko mm en, 
bereits seit längerer Zeit eingehender in ihrer historischen Ent- 
wicklung untersucht wird — ) ein Abschluß ist freüich auch nur 
den Hauptpunkten nach nicht erreicht und das Studium ist vor- 
läufig durch den Weltkrieg und seine Nachwirkungen unterbrochen — , 
hat die Philosophie der Mitte des Jahrhunderts bisher das historische 
Interesse noch nicht in stärkerem Maße auf sich zu ziehen ver- 
mocht. Mit dem Wiedererwachen des Theismus schlägt jetzt auch 
für sie die Stunde. 



200 § 17. Die Hegeische Schule. 

§ 17. Am verbreitetsten war in Deutschland während des 
dritten und vierten Dezenniums des 19. Jahrhunderts von den 
philosophischen Schulen die Hegeische, besonders 
wegen der scheinbaren Geschlossenheit des Systems und der An- 
wendbarkeit seiner Methode und seiner Prinzipien auf die verschie- 
dendsten Disziplinen. Dazu kam noch als äußerer Grund für ihre 
Verbreitung, daß die Anhänger Hegels längere Zeit von der preu- 
ßischen Regienmg, besonders von dem IVIinister v. Altenstein, 
begünstigt wurden, ja die Hegeische Philosophie beinahe preußische 
Staatsphilosophie war. Fast auf allen deutschen Universitäten war sie 
durch Professoren vertreten. Bald jedoch nach Hegels Tode zerfiel die 
Schule in verschiedene Parteien. Die Differenzen lagen auf reli- 
gionsphilosophischem Gebiet. Sie betrafen namentlich die 
Lehren von Gott, von der persönlichen Unsterblichkeit und der 
Person Christi. Über diese Punkte hatte sich Hegel selbst nicht 
hinreichend deutlich ausgesprochen, so daß sich unter seinen An- 
hängern im Anschluß an seine Äußerungen verschiedene einander ent- 
gegengesetzte Ansichten entwickeln konnten. Im System Hegels lagen 
konservative Elemente, die dialektische Methode dagegen drängte 
zur Negation, zur Aufhebung des Bestehenden, da das Bestehende, 
Wirkliche mit Notwendigkeit mivernünitig wird und sich in sein 
Gegenteil verwandelt. -,; 

Die sogenannte rechte Seite neigte der Orthodoxie und dem 
Supranaturalismus zu und huldigte im großen und ganzen der 
Kirchenlehre. Sie hielt den Theismus für in der Lehre Hegels 
begründet, ebenso wie die persönliche Unsterblichkeit und den 
Begriff von Christus als dem wirklichen persönlichen Gottmenschen, 
da nach Hegel die Philosophie denselben Inhalt wie die Rehgion hat. 

Die linke Seite dagegen, die der Jung-Hegelianer, wollte 
der Kirchenlehre einen Einfluß auf die Philosophie nicht gestatten 
und trat für den pantheistischen Gottesbogriff, wonach Gott als 
die ewige und allgemeine Substanz erst in der Menschheit zum 
Selbstbewußtsein komme, ferner für die Ewigkeit des Geistes über- 
haupt, im Gegensatz zu der Unsterblichkeit des individuellen 
Geistes, und für die Auffassung der Gottmenschheit als der Idee 
der Menschheit ein. Sie hielt das Dogma, die Religion, für über- 
wunden durch den Begriff, durch die Spekulation. Dieser linke 
Flügel der Hegeischen Schule mündete mit Strauß und Feuer- 
b a c h zuletzt in den Materialismus ein. 

Als die hauptsächlichsten Vertreter der ersteren Richtung können 
gelten : Gabler, Hinrichs, Göschel, Bruno Bauer in 



§ 17. Die Hegeische Schule. 201 

seiner früheren Periode. Der linken Seite gehörten besonders an: 
Richter, Rüge, BrunoBauerin späterer Zeit, Feuerbach, 
Strauß, Marx; auch Michel et ist zu ihr zu zählen. Eine 
mehr vermittelnde Stellung nahmen ein : Conradi, Rosen- 
kranz, Erdmann, Schaller, Vatke. Die beiden Theo- 
logen D a u b und Marheineke sind nicht geradezu als Schüler 
Hegels zu bezeichnen, schufen aber mittels der Hegeischen Philo- 
sophie eine spekulative Theologie. 

Noch bis zum Ende des neunzehnten Jahrhunderts war der 
Einfluß Hegels auf die Religionsphilosophie deutUch zu 
bemerken bei Theologen wie A. E. Biedermann, weniger 
bei Otto Pfleiderer; in der Rechtsphilosophie wirkte 
Hegel fort auf L a s s o n und K o h 1 e r. 

In den politischen Ansichten zeigt sich imter den Schülern 
Hegels ähnliche Verschiedenheit wie in den religiösen. Die konser- 
vative Richtung war durch die Rechte vertreten, aber auch durch 
die sonst hnks stehenden Strauß und Bruno Bauer, die radikale 
durch die übrige Linke; zu bemerken ist, daß der Sozialist 
Lassalle die Hegeische Philosophie als die einzig wahre an- 
erkannte. — Die geschichtliche Entwicklung des Rechts, die Hegel 
selbst nicht dargestellt hat, wurde von mehreren seiner Anhänger 
in Angriff genommen. 

Besonders belebend wirkte Hegel auf Studium und Darstellung 
der Geschichte der Philosophie; hier ist vor allen zu 
nennen Ed. Zeller, der sich in seinen philosophischen Ansichten 
bald von Hegel abwandte und zum Empirismus überging. Ferner 
sind hervorzuheben : Joh. Ed. Erdmann und Kuno Fischer. 
Alle drei haben sich mehr oder weniger von der Hegeischen Ge- 
schichtskonstruktion freigemacht. — Namentlich in den Jahren 
1830 bis 1840 waren in den verschiedensten Wissenschaften Hegeische 
Gedanken von großem Einfluß, ohne daß sie immer als solche 
anerkannt gewesen wären. Zum Teil drangen sie auch in die 
allgemeine Bildung und die populäre Literatur ein. Warme An- 
hänger gewann die Hegeische Philosophie allmählich auch unter 
Denkern polnischer Nation; ferner in Dänemark, Schweden, Nor- 
wegen, Finnland, in Italien, auch in Frankreich, Nordamerika 
und England. 

Eine Zusammenstellting der aus der Hegeischen Schule hervorge- 
gangenen Schriften gibt Rosenkranz im I. Bde. der Zeitschrift: ,,Der Gedanke, 
Organ der philosophischen Gesellschaft in Berlin", hrsg. von C. L. Michelet, 
Berl. 1861, S. 77, 183, 265ff. Eben diese Zeitschrift hat in einer Reihe von 
Artikeln Übersichten über den zeitgenöss. Stand der Philosophie, insbesondere 



202 § 17- Die Hegeische Schule. 

der Hegeischen, innerhalb und außerhalb Deutschlands, veröffentlicht. Aus- 
fülirlich und mit genauer Kenntnis behandelt die Aiiflösung der Hegeischen 
Schule Joh. Eduard Erdmann in seinem Grimdr. d. Gesch. d. Ph., 2. Bd., 
S. 642—728, der, freilich manches nicht der Hegeischen Schule Angehörige 
hineinziehend, scheidet zwischen Erscheinungen im logisch-metaphy- 
sischen Gebiete — Weiße, I. H. Fichte, C. Th. Fischer, Braniß, Schaller, 
Günther, Herbartianer, Beneke, Gruppe — , im religionsphilosophischen 
Gebiete, Unsterbliclikeitsfrage : Feuerbach, Fr. Richter, Weiße, Göschel, 
Fechner; Christologische Frage: Strauß, Weiße; Theologische Frage: Strauß, 
Michelet, Feuerbach, Br. Bauer, Conradi, Vatke — , im ethischen und poli- 
tischen Gebiete: Rothe; Hallische Jahrbücher, Feuerbach, Stirner, Da\xmer. 

Die oben angegebene Einteilung der Hegeischen Schule in Linke und 
Rechte rührt von Strauß her (Streitschrift., 3. Heft, 1837), der im Grunde 
selbst durch sein Leben Jesu die Scheidung hervorgerufen hatte, da nach 
diesem Werke, das die Konsequenzen der Hegeischen Lehre ziehen wollte, 
auch nur eine gewisse Rechtgläubigkeit dieser nicht mehr zugesprochen 
werden konnte; sie läßt sich aber nicht genau diu"chführen, also auch nicht 
festhalten. Deshalb ziehen wir es vor, bei der Aufzählung der zu nennenden 
Hegelianer die alphabetische Ordniing zu befolgen, indem es hier genügen 
muß, die hauptsächlichsten Werke zu zitieren und öfter Bemerkungen über 
die Lehre hinzuzufügen. Einige Denker, die nicht der Hegeischen Schule 
angehören, ilir aber nahe stehen oder wenigstens einmal nahe gestanden 
haben, sollen hier sogleich mit aufgeführt werden. 

Als eigentliches Organ der Hegeischen Schule wvirden im Jahre 1827 
die Jahrbücher für wissenschaftliche Kritik von v. Henning gegründet und 
bis 1847, wo sie eingingen, redigiert. Sie trygen wesentlich zur Verbreitung 
der Hegeischen Gedanken mit bei und ließen es sich besonders angelegen 
sein, die Angriffe auf die Lehre des Meisters zurückzuweisen. Da sie aber 
für die freieren Hegelianer sich nicht unabhängig genug von der kirchlichen 
Orthodoxie zeigten, so gründeten A. Rüge und Th. Echtermeyer (längere 
Zeit Lehrer am Hallischen Pädagogium, gest. 1842 in Dresden) im Jahre 
1838 die Hallischen Jahrbücher für deutsche Wissenschaft und Kunst, 
die sich von ihrer anfänglichen Mittelstellung bald entschieden nach links 
neigten und ihren zuerst ausgeprägt preußischen Standpunkt aufgaben. 
1841 wurden sie nach Leipzig verlegt und erhielten den Titel: Deutsche 
Jahrbücher, nahmen nun eine politisch und religiös radikale Haltung ein, 
bis sie 1843 in Sachsen verboten wiu'den und damit eingingen. Als fernere 
Zeitschriften für Hegeische Philosophie sind anzusehen die seit 1843—48 
zu Tübingen von A. Schwegler herausgegebenen „Jahrbücher der Gegenwart", 
die von L. Noack redigierten ,, Jahrbücher für spekixlative Philosophie" 
1846 — 48,1 welche letzteren zugleich Organ der Philosophischen Gesellschaft 
in Berlin waren, sowie später der von Michelet redigierte ,, Gedanke" von 
1860 an (1884 das letzte Heft als einziges von Bd. IX), kurze Zeit unter Mit- 
herausgabe von Jul. Bergmann, ebenfalls Organ der Philosophischen Ge- 
sellschaft in Berlin. 

Der Hegeischen Schule gehören an oder sind wenigstens wesentlich 
durch sie mit beeinflußt: 

Bruno Bauer (geb. 1809 zu Eisenberg in Sachsen- Altenburg, habili- 
tierte sich 1834 in Berlin für Theologie, 1839 in Bonn, verlor 1842 wegen zu 
freier Ansichten die Erlaubnis, theologische Vorlesungen zu halten, gest. 



§ 17. Die Hegeische Schule. 203 

zu Rixdorf bei Berlin 1882), gehörte zuerst der Rechten der Hegeischen 
Schule an und polemisierte heftig gegen das Leben Jesu von Strauß, wrxrde 
aber bald auch als biblischer Kritiker einer der Radikalsten und stellte sich 
mit seinem Bruder Edgar Bauer auf den Standpunkt der ,. reinen Kritik", 
des abstrakten Kritizismus, von dem aus alles Sittliche und Religiöse, sowie 
aller staatüche Organismus negiert wrirde. Er bekannte sich offen z\im Atheis- 
mus, indem er behauptet«, hiermit durchaus auf dem Standpunkt Hegels 
zu stehen; freilich sei Atheist auch nicht die richtige Benennung aes freien 
Menschen, da damit auf etwas in Abrede Ge"=telltes Bezug genommen werde. 
Später war er wieder als Schriftsteller in den Diensten der preußischen Reaktion 
tätig. Seine Hauptschriften, die hier in Betracht kommen, sind: Zeitschr. f. 
spelcul. TheoL, Berl. 1836 — 38. Die Posaime des jüngsten Gerichts wider 
Hegel, den Atheisten und Antichristen (ironisch; anonym), Lpz. 1841. Hegels 
Lehre v. Relig. u. Kunst (anonym), Lpz. 1842. Kritik d. evang. Gesch. des 
Johannes (Brem. 1840) u. der Sjmoptiker (Lpz. 1841 — 42). Philo, Strauß 
u. Renan u. d. Urcliristentum, Berl. 1874. Christus und die Cäsaren, der Ur- 
sprung des Christentums aus dem römischen Griechentum, ebd. 1877, worin 
er das Christentum aus der durchaus stoisch und alexandrinisch gefärbten 
Bildung der römischen Kaiserzeit, namentlich von Seneca, herleitet. Auch 
in der Geschichte d. Politik, Kultur und Auf klär. d. 18. Jahrhunderts, 4 Bde., 
1843 — 45, tmd anderen historischen Schriften legt Br. Bauer seinen philo- 
sophischen Standpunkt dar. 

Edgar Bauer (1820—86), Der Streit der Kritik mit der Kirche imd 
dem Staat, Bern 1841, Bruno Bauer und seine Gegner, Berl. 1842, eine Ver- 
teidigung seines Bruders, Bruno Bauer, die ihrem Verfasser Festungshaft 
zuzog. Er gab von 1870 an mit dem streng kirchlichen Bischof Koopmann 
die ,, Kirchlichen Blätter" heraus. 

Ferd. Christ. Baur (geb. 21. Juni 1792, gest. 2. Dezember 1860, seit 
1826 als Professor der Theologie in Tübingen tätig, das Haupt der sogenannten 
Tübinger [kritisch-theologischen] Schule, zu welcher namentüch Hilgen- 
feld, Köstlin, Schwegler, Zeller gehörten), Symbolik und Mythologie oder 
die Naturreligion des Altertums, Stuttg. 1824—25, Die christl. Gnosis, 
Tüb. 1835, Die christl. Lehre v. d. Dreieinigkeit, Tüb.1841, und andere Schriften, 
s. Grdr. IL Baur machte den Versuch, die eigentlich wissenschaftliche Methode 
auch auf die Erforschung tmd Darstellung des Urchristentums anzuwenden. 
S. seine Schrift: Die Tübinger Schule und ihre Stellung zur Gegenwart 
Tüb. 1859, 2. A. 1860. Eine pietätvolle und gediegene Charakteristik seiner 
Persönlichkeit tmd seiner wissenschaftlichen Leistungen gibt Zeller im VII. 
Tind VIII. Bande der Preuß. Jahrbücher, wiederabgedr. in Zellers Vortr. 
und Abh., Lpz. 1865, S. 354-434. Vgl. auch C. Weizsaecker, F. Chr. Baur, 
Rede zur akadem. Feier seines 100. Geburtstages, Stuttgart 1892. Zeller 
will nicht, daß Baur „geradezu der Hegeischen Schule zugezählt" werde, 
tmd macht auf den wesentlichen Einfluß teils Schellings, teils und besonders 
Schleiermachers aufmerksam, erkennt jedoch an, daß die Hegeische Philo- 
Bophie mit seiner Geschichtsbetrachtung nicht nur übereingestimmt, sondern 
auch auf dieselbe eingewirkt habe vermöge der ,,Idee einer innerlich not- 
wendigen, mit immanenter Dialektik sich vollziehenden, alle Momente, welche 
im Wesen des Geistes liegen, nach einem festen Gesetze zur Erscheinung 
bringenden Entwicklung der Menschheit". 



204 § 17. Die Hegeische Schule. 

Karl Theod. Bayrhoffer (geb. 1812, von seiner Professur zu Marburg 
1846 suspendiert, längere Zeit Führer der hessischen Demokratie, ging dann 
nach Amerika, starb daselbst 1888), Die Grundprobleme der Metaphysik, 
Marburg 1835. Die Idee des Christentiims, Marburg 1836. Die Idee und 
Geschichte der Philosophie, Marburg 1838. Beiträge zur Natvirphilosophie, 
Lpz. 1839—40. Untersuchxmg über Wesen, Kritik xmd Geschichte der Reli- 
gion, in den Jahrbüchern für Wissenschaft und Leben, Darmstadt 1849. 
BajThoffer hat sich später von Hegel entfernt, findet in dessen Dialektik 
ein bloßes Gedankenkunststück, worin der wahre Gedanke einer absoluten 
synthetischen Einheit in den Gedanken eines sich selbst auflösenden Wider- 
spruchs verkehrt sei, und will, daß die abstrakt Identischen Herbarts und ihr 
synthetischer Schein, wie die selbstanalytische Identität Hegels sich gleich- 
mäßig in die wirkliche synthetische Einheit auflösen (s. Philosoph. Monats- 
hefte, 3, 1869, S, 369f.). 

K. M. Besser, System des Naturrechts, Halle 1830. 

Gust. Biedermann (geb. zu Böhmisch-Aicha 1815, war prakt. Arzt 
in Bodenbach), Die spekulative Idee in Humboldts Kosmos, ein Beitrag 
zur Vermittlung der Philosophie und der Naturforschung, Prag 1849. Die 
Wissenschaftslehre, Bd. I: Lehre vom Bewußtsein, Bd. II: Lehre des Geistes, 
Bd. III: Seelenlehre, Lpz. 1856—60. Die Wissenschaft des Geistes, 3. Aufl., 
Prag 1870. Kants Kritik der reinen Vernunft und die Hegeische Logik, 
Prag 1869. Metaphysik in ihrer Bedeutung für die Begriffs Wissenschaft, 
Prag 1870. Zur logischen Frage, ebd. 1870. Pragmatik xmd begriffs wissen- 
schaftliche Geschichtsschr. d. Philosophie, ebd. 1870. Die Naturphilosophie, 
Prag 1875. Philosophie als Begriffswissensohaft, 3 Teile, Prag 1878—80. 
Philosophie der Geschichte, Prag 1884. Philosophie des Geistes, des Systems 
der Philosophie. 1. Teil, Prag 1886, Naturphilosophie, 2. Teil, Prag — Lpz. 1888, 
Philosophie des menschlichen Lebens, 3. Teil, 1889, Religionsphilosophie, 
Prag — Lpz. 1887, Philosophie als Begriffswissenschaft, Moral, Rechts- tmd 
Religionsphilosophie, Prag- Lpz. 1890. — Biedermann ist zwar kein eigent- 
licher Hegelianer, erkennt aber doch Hegel größere Bedeutung als allen 
Zeitgenossen zu und berührt sich mit ihm in seiner Panlogistik. Die Hegeische 
Dreiheit: Idee, Natur, Geist verändert er in die Dreiheit: Geist, Natur, 
Leben. 

Alois Eman. Biedermann (1819 geb. in Winterthiir, seit 1850 außer- 
ordentlicher und seit 1864 ordentlicher Professor der Theologie an der Uni- 
versität in Zürich, gest. daselbst 1885), Die freie Theologie oder Philosophie 
und Christentum in Streit und Frieden, Tübingen 1845. Unsere jtmghegelsche 
Weltanschauung oder der sogenannte neueste Pantheismus, Zürich 1849. 
Christliche Dogmatik, Zürich 1869, 2. Aufl. 2 Bde., 1884 — 85. Ausgewählte 
Vorträge xmd Aufsätze, herausgegeben vonKradolfer, Berl. 1885. Die Hegeische 
aprioristische Weltkonstruktion der Begriffsdialektik nahm Biedermann nie 
an, hingegen den Hegels System zugrxmde liegenden Gedanken, daß in allem, 
was ist, Vernxmft sei, und daß unser eigenes vernünftiges, streng logisches 
Denken als das schöpferische Wesen derselben diese Vernunft in den Dingen, 
den inneren Grund ihrer Erscheinxmg, begreifen könne. Die Grundmomente 
der Gottosidee sind Unendlichkeit xmd Geistigkeit, die als formales und reales 
Moment zusammen den Begriff des absoluten Geistes geben. Das Wort 
Persönlichkeit kann auf denselben nicht angewandt werden. Die Welt ist 



§ 17. Die Hegeische Schule. ^^ 205 

in der Zeit und im Baume materiell, ihr Grund ist als ziellos ewig, als raumlos 
ideell. Die Wissenschaft hat das theoretische Moment der Religion von der 
Stufe der Vorstellung zu dem Denken, in die von allen Widersprüchen freie 
Sphäre des spekulativen Begriffs, zu erheben, aber die Religion geht nicht 
in der religiösen Vorstellung auf, sondern zu religiösen Vorgängen gehören 
noch Willensakte und Gefühlszustände. 

Franz Biese, Die Philosophie des Aristoteles, Bd. I: Logik imd Meta- 
physik, Bd. II: Die besonderen Wissenschaften, Berl. 1835—42. Philo- 
sophie, Propädeutik, Berl. 1845. 

Friedr. Wilh. Carov6 (1789—1852), Über alleinseligmachende Kirche, 
Bd. I, Frankfurt a. M. 1826, Bd. II, Gott. 1827. Kosmorama, Frankf. a. M. 
1831. Rückblick auf die Ursachen der französischen Revolution und Andeutung 
ihrer welthistorischen Bestimmtmg, Hanau 1834. Vorhalle des Christentiims 
oder die letzten Dinge der alten Welt, Jena 1851. Er strebte danach, eine 
Menscliheitsreligion aufzustellen, die für alle Völker und alle Zeiten befrie- 
digend sein könnte. 

Franz Chlebik, Dialektische Briefe, Berl. 1869. Die Philosophie 
des Bewußten und die Wahrheit des Unbewußten in den dial. Grund- 
linien des Freiheits- und Rechtsbegriffs nach Hegel xmd Michelet, Berl. 1870. 
Kraft und Stoff oder die Dynamismen der Atome, aus Hegeischen Prämissen 
abgeleitet, Berl. 1873. Die Frage über die Entstehung der Arten, logisch 
und empirisch beleuchtet, Berl. 1873 — 74. 

Aug. Graf v. Cieszkowski (1814—95), Prolegomena zur Historio- 
sophie, BerHn 1838, 2. Auü. 1908. Gott u. Pahngenesie, Berl. 1842. De la 
paiiie et de l'aristocratie moderne, Paris 1844. Die Geschichte weist nach 
Cieszkowski zuerst eine thetische Periode auf, die des Altertums, dann eine 
antithetische, die der christlich-germanischen Welt, endlich eine synthetische, 
die jetzt erst beginnt. Es verhalten sich diese drei Perioden zueinander wie 
Gefühl, Wissen und WiUe, wie Mechanismus, Chemismus und Organismus. 
Nicht sowohl auf die spekulierende Vernunft wie bei Hegel kommt es an, 
als vielmehr auf den Willen, auf die nachtheoretische Praxis. Siehe auch 
unten bei der polnischen Philosophie. 

Kasimir Conradi (1784—1849, Pfarrer in Derxlieim, Rheinhessen), 
Selbstbewußtsein tmd Offenbar\mg, Mainz 1831. Unsterblichkeit -und ewiges 
Leben, Mainz 1837. Kritik der christl. Dogmen, Berl. 1841. Er versuchte 
den Gefühlstheologen zu zeigen, daß sie bei Konsequenz die Hegeische Theo- 
logie annehmen müßten. 

Karl Daub (1765—1836, seit 1794 Professor der Theologie in Heidelberg, 
starb auf dem Katheder mit den Worten: Das Leben ist der Güter höchstes 
nicht) veranlaßte den Ruf Hegels nach Heidelberg. Zuerst nahm er den kri- 
tischen Standpunkt Kants ein, näherte sich dann der Identitätslehre ScheUings, 
wie seine Theologimaena, Hdlbg. 1806 beweisen, hierauf ließ er in Judas 
Ischariot, oder das Böse im Verhältnis zvun Guten, Hdlb. 1816 — 18, die 
mystisch -theosophischen Elemente ScheUings deutlich bemerken. Als ent- 
schiedener Anhänger Hegels versuchte er später die protestantischen Dogmen 
Tunzudeuten in Hegeische Ideen. Von diesem Standpunkt des spekiilativen 
Theologen aus sind geschrieben: Die dogmatische Theologie jetziger Zeit, 
oder die Selbstsucht in der Wissenschaft des Glaubens und seiner Artikel, 
Hdlb. 1833. Über d. Logos, ein Beitrag zur Logik der göttlichen Namen, 



206 § 17. Die Hegeische Schule. 

in den Studien und Kritiken, 1833, Heft 2. Philosophische und theologische 
Vorlesungen, 7 Bde., Berl. 1838 — 44, veröffentlicht durch Marheineke und 
Dittenb erger. 

U. Dellinghausen, Versuch einer spekulativen Physik, Lpz. 1851. 

Herrn. Doergens, Aristoteles oder über das Gesetz der Gteschichte, 
Lpz. 1872 f. 

Joh. Frdr. Gottfr, Eiselen (1785 — 1865, gest. als Prof. d. Staats- 
wissensch. in Halle), Handbuch des Systems der Staatswissenschaften, 
Bresl. 1828. 

Gust. Engel (gest. 1895 in Berlin), Ästhetik der Tonkunst, Berlin 1884. 
Entwurf einer ontologischen Begründung des Seinsollenden, Berl. 1894. 

Joh. Eduard Erdniann (geb. 13. Juni 1805 zu Wolmar in Livland, 
von 1829 — 32 Pfarrer in seiner Heimat, habilitierte sich 1834 in der philo- 
sophischen Fakultät zu Berhn, seit 1836 Professor der Philosophie in Halle, 
gest. daselbst 12. Jvmi 1892). Vorlesungen über Glauben und Wissen, Berl, 
1837. Leib und Seele, Halle 1837, 2. Aufl. 1849. Joh. Ed. Engels Abhandlung 
über Leib und Seele. Eine Vorschule zu Hegels Philosophie des Geistes. 
Neue Aufl. (herausgeg. v. G. J. P. J. Bolland), Leiden 1902. Natvir oder 
Schöpfung? Lpz. 1840. Grundriß der Psychologie, Lpz. 1840, 5. Aufl. 1873. 
Psychologische Briefe, Lpz. 1851; 7. Aufl. 1897, die nach Erdmanns eigener 
Angabe nicht mehr sein wollen als ein Unterhaltungsbuch, das nicht Wissen- 
schaft, sondern die Resultate derselben mitteilt. Grundriß der Logik und 
Metaphysik, Halle 1841, 5. Aufl. 1875. Vermischte Axifsätze, Lpz. 1846, 
darin: ReUgionsphilosophie als Phänomenologie des religiösen Bewußtseins, 
worin er darzutun sucht, daß ,,da die Religionen verschiedene Stufen des 
Bewußtseins zeigen, die Religionsphilosophie, weil sie an einer Stelle Mythen- 
deutung sein muß, es an einer andern gerade nicht sein darf". Philosophische 
Vorlesungen über den Staat, Halle 1851. Vorlesungen über akademisches 
Leben und Studium, Lpz. 1858. Ernste Spiele, Berl. 1871, 4. Aufl. 1890. 
Selur Verschiedenes, je nach Zeit und Ort, Berl. 1871. Darwins Erklärimg 
pathognomischer Erscheinimgen, Halle 1874. Die Schriften zur Geschichte 
der Philosophie sind bereits in Bd. III angeführt worden. Erdmanns Abwei- 
chungen von Hegel sind nur untergeordneter Art. In der geschichtlichen 
Entwicklung oder Philosophie sucht er eine doppelte Notwendigkeit nach- 
zuweisen, einmal die welthistorische, indem das Auftreten eines Systems 
durch den Charakter der Zeit, deren Verständnis das System ist, und das 
Verdrängtwerden desselben dadurch, daß die Zeit eine andere wurde, bedingt 
ist, und dann eine philosophiegeschichtUche, wenn in dem System die Kon- 
klusion nachgewiesen wird, zu der die früheren Systeme die Prämissen sind, 
und wenn ferner gezeigt wird, daß weiter gegangen werden mußte, um nicht 
auf halbem Wege stehen zu bleiben. Er bekannte sich stets als zur rechten 
Seite der Hegelschcn Schule gehörend. Besonders wirksam war er als glänzen- 
der akademischer Lehrer und Redner, obgleich er keine Schüler heranzog. 
Ein Verzeichnis von Erdmanns Schriften bei B. Erdmann, J. E. Erdmann, 
Philos. Monatsh. 29, 1893, S. 219—227. (Beide sind in keiner Weise verwandt 
miteinander.) 

Emil Feuerlein, Die philosophische Sittenlehre in ihren geschichtlichen 
Hauptformen, Tüb. 1857 — 59. Rousseausche Studien, in einer Reihe 
von Artikeln in der Zeitschrift: Der Gedanke, Berhn 1861 ff. 



§ 17. Die Hegeische Schule. 207 

Kuno Fischer, geb. 1824 zu Sondewalde in Schlesien, habilitierte 
eich 1850 für Philosophie in Heidelberg, wo ihm jedoch 1852 die Venia legendi 
vom Ministerium entzogen wurde. In Berlin wurde ihm die Habilitation 
zuerst nicht gestattet; als sie ihm erlaubt wurde, hatte er schon einen Ruf 
als Professor der Philosophie nach Jena erhalten, wohin er 1856 ging. Seit 
1872 war er Professor in Heidelberg, wo er eine von Selbstüberschätzung 
nicht freie, außerordentlich einflußreiche Stellung eingenommen und eine 
glänzende akademische Lehrtätigkeit entfaltet hat. Er starb daselbst, zu- 
letzt emeritiert, am 5. Juli 1907. Diotima, Die Idee des Schönen, Pforzheim 
1849. System der Logik und Metaphysik oder Wissenschaftslehre, Stuttg. 
1852, 2. völlig umgearbeitete Aufl., Hdlb. 1865, 3. Aufl. herausg. vonH. Falken- 
heim, Hdlb. 1909. Geschichte der neueren Philosophie, Stuttg., 
Mannh., Hdlb. 1854 — 77 u. ö. (s. Grundr. III u. unten), weitaus sein bekann- 
testes xmd sehr viel gelesenes, bändereiches Werk. Francis Bacon, Lpz. 1856, 
2. Aufl. 1875. < De realismo' et ideaUsmo, Jena 1858. Schiller als Philosoph, 
Frkft. a. M. 1858. Clavis Kantiana, Jena 1858. Die Selbstbekenntnisse Schillers, 
Frkf. 1858. Akademische Reden (J. G. Fichte, D. beiden Kantischen Schulen 
in Jena), Stuttg. 1862. Lessings Nathan der Weise, Stuttg. 1864, 4. Aufl. 1896. 
Shakespeares Charakter-Entwicklung Richards III., Hdlb. 1868. Anti- 
Trendelenburg, Jena 1870. Über die Entstehung \ind Entwicklungsformen 
des Witzes, Hdlb. 1871. Üoer das Problem der menschlichen Freiheit, Rede, 
ebda. 1875. Goethes Faust, Stuttg. 1878, 2 Bde., 3. Aufl., Stuttg. 1893. 
G. E. Lessing als Reformator der deutschen Literatur, 2 Tle., Stuttg. 1881. 
Goethes Kritik der Kantischen Philosophie, Münch. 1884. Das Streber- 
und Gründertum in der Literatur, Stuttg. 1884. Goethe- Schriften, 9 Teile, 
Heidelberg: 1890 -1903 u. ö. Schiller- Schriften, 4 Hefte, ebd. 1891ff. Philo- 
sophische Schriften, 6 Bde., ebd. 1891ff., 5. Aufl., 1902ff., Bd. I (Einl.i.d.Ph.), 
6. Aufl. 1908. Kritik der Kantischen Philosophie, Münch. 1883, 2. AufL 
1892. Kleine Schriften, 8 Tle., Heidelo. 1888— 98 u. ö. Das Verhältnis zwischen 
Willen und Verstand im Menschen, Vortrag, Hdlb. 1896. Der Philosoph 
des Pessimismus ein Charakterproblem, Hdlb. 1897. Nachweis von Über- 
setzung, ins Englische in Baldwin, Dict. of Ph. III, 1. Obwohl Fischer behauptet, 
in der Logik und Metaphysik seinen eigenen Weg gegangen zu sein, auch 
aristotelische und kritische Elemente aufgenommen zu haben, so steht er 
doch in entschiedener Abhängigkeit von Hegel. Auch für ihn ist die Logik 
zugleich Metaphysik. Die Dialektik Hegels nennt er Entwicklung, den dialek- 
tischen Prozeß Methode der Entwicklung. „Der Vergleichungspimkt zwischen 
Entwicklimg und Dialektik liegt darin, daß es sich in beiden wca Widersprüche 
handelt, die zutage gefördert xmd gelöst sein wollen." Ein entschiedenes 
Verdienst \un die W'eiterentwicklung der Philosophie hat sich Kuno 
Fischer dvirch das Zurückweisen auf Kant erworben (s. u.). Über seinen 
Streit mit Trendelenb\irg betr. Kants Beweise für die Subjektivität des 
Raumes und der Zeit s. Bd. III. Kuno Fischers Hauptwerk ist seine 
Geschichte der neueren Philosophie, die lange Zeit als ersten Ranges 
gegolten hat und durch eine klare, z. T. glänzende literarische Form 
ausgezeichnet ist, sachlich hinter Diltheys Arbeiten jedoch zxurücksteht. 
Auch ist sie unter grundsätzlicher Beschränkung aui gedrucktes Quellen- 
material gearbeitet. — Von Bedeutung waren auch Fischers literar- 
ästhetische Schriften. 



208 § 17- Die Hegeische Schule. 

Ernst Ferd. Friedrich, Beiträge zui Förderung der Logik, Noetik 
und Wissenschaftslehre, Bd. I, Lpz. 1864, schließt sich in der Behandlung 
der ,, eigentlichen Logik" oder Sachvernunftwissenschaft an Hegel und näher 
an Rosenkranz an, weicht aber prinzipiell von dem Hegelianismus insbesondere 
durch die Unterscheidung dreier ,,äqmvokdisparater" Doktrinen ab, die unter 
dem Kollektivnamen der Logik vereinigt seien, nämlich der realen, formalen 
und induktiven Logik oder der „Sachvernunft Wissenschaft, Denkungstheorie 
und Kundigkeitelehre". 

Georg Andr. Gabler (1786 in Altdorf geb., längere Zeit im Schul- 
dienst zu Ansbach in Bayreuth, seit 1835 Hegels Nachfolger in Berlin, gest. 
1853 in Teplitz), Lehrbuch der philosophischen Propädeutik, 1. Abt.: Kritik 
des Bewußtseins, Erlang. 1827. Neue Ausgabe, Leiden 1901, besorgt und 
mit Vorwort versehen von G. J. Bolland. (Der 2. Teil nicht erschienen. 
Dieser 1. Teil ist geeignet, in die Hegeische Philosophie, namentlich in die 
Phänomenologie, einzuführen und ein nicht mißglückter Versuch, die Hegeische 
Lehre allgemeiner verständlich zu machen.) De verae philosophiae erga 
rehgionem christianam pietate, Berol. 1836. Die Hegeische Philosophie, 
Beiträge zu ihrer richtigen Beurteilung und Würdigung, Heft 1, Borl. 1843, 
eine Beleuchtoing der Angriffe Trendelenburgs gegen aie Hegeische Philosophie, 
worin Gabler den Pantheismus, aber noch entschiedener den Atheismus 
zurückwies. Auch in den Jahrbüchern für wissenschaftliche Kritik zeigte 
er sich als treuer Bekenner der Hegeischen Lehre. 

Eduard Gans (geb. 1798, gest. 1839, als Professor der Jurisprudenz 
in BerUn) war namentlich tätig bei der Gründimg der Jahrbücher für wissen- 
schaftUche Kritik. Das Erbrecht in weltge'schichtlicher Entwicklung, 4 Bde., 
Berl. 1824— 35, ist ein Versuch, Hegeische Kategorien auf diesen speziellen 
Teil des Rechts in seinem historischen Verlaufe anzuordnen. Vorlesungen 
über die Geschichte der letzten fünfzig Jahre, in Raumers historischem 
Taschenouch, 1833 — 34. Vermischte Schriften, Berl. 1834. 

Karl Friedr. Göschel (1781 — 1861, Jurist, einige Zeit Konsistorial- 
Präsident in Magdeburg, gest. in Navimburg a. d. S.), Über Goethes Faust, 
Lpz. 1824. Aphorismen über Nichtwissen und absolutes Wissen im Verhältnis 
zum christlichen Glaubensbekenntnis, Berl. 1829, die Hegel selbst selir aner- 
kannte. Der Monismus des Gedankens, zur Apologie der gegenwärtigen 
Philosophie (insbesondere gegen Chr. H. Weiße) an dem Grabe ihres Stifters, 
Naumb. 1832. Von den Beweisen für die ünsterbUchkeit der mensclilichen 
Seele im Licht der spekulativen Philosophie, eine Ostergabe, Berl. 1835, 
worin der Verfasser in Opposition zu Richters negativem Standpunkt drei 
Beweise, analog den Gottesbeweisen, für die persönhche Unsterbliclilieit 
vorbrachte. Die siebenfältige Osterfrage, Berl. 1837. Beiträge zur spekula- 
tiven Philosopliie von Gott, dem Menschen und dem Gottmenschen, Berl. 1838, 
J. J. Hanusch (1812 — 69), Handbuch der wissenschaftlichen Denk- 
lehre (Logik), Lemberg 1843, 2. Aufl. Prag 1850. Handbuch der filoso- 
fischen Ethik, Lemb. 1846. Grundzüge eines Handbuches der Metafysik, 
Lemb. 1845. Geschichte der Filosofio von ihren Uranfängen bis zur 
Schließung der Filosofenschulen durch Justinian, Olmütz 1850. 

Leop. von Henning (1791 — 1866, seit 1825 Professor in Berlin), 
Prinzipien der Etlük in historischer Entwicklung, Berl. 1824. Die Jahrbücher 



§ 17. Die Hegeische Schule. 209 

für wissenschaftliche Elritik sind von v. Henning redigiert worden. Später 
hat sich Henning mehr den Staatswissenschaften zugewandt. 

Herrn. Friedr. Wilh. Hinrichs (1794-1861, seit 1825 Professor in 
Halle), Die Religion im innern Verhältnis zur Wissenschaft, nebst einem 
(gegen Schleiermacher in schroffer Form polemisierenden) Vorwort von 
Hegel, Hdlb. 1822. Vorlesimgen über Goethes Faust, Halle 1825. Grund- 
linien der Philosophie der Logik, Halle 1826. Das Wesen der antiken Tragödie, 
Halle 1827. Schillers Dichtimgen, HaUe 1837-38. Geschichte der Rechts- 
und Staatsprinzipien seit der Reformation in historisch-philosophischer 
Entwicklung, Lpz. 1848 — 52. Die Könige, Lpz. 1852, in welcher Schrift 
die verschiedenen in der Geschichte vorkommenden Formen des Königtums 
als die Momente des vollkommenen modernen dargestellt werden. 

Heinr. Gust. Hotho (1802 — 73, starb als außerordentlicher Professor 
in Berlin) war namentlich der Ästhetik zugewandt. Vorstudien für Leben 
und Kunst, Stuttg. und Tübing. 1835. Geschichte der deutschen imd nieder- 
ländischen Malerei, Berl. 1842 — 43. Die Malerschule Huberts van Eyek, 
Berl. 1855 — 58. Geschichte der christlichen Malerei, Stuttg. 1869ff. 

P. W. Jessen (1824—1875), Beiträge zvir Erkenntnis des psychischen 
Lebens, Schlesw. 1831. Versuch einer wissenschaftlichen Begründung der 
Psychologie, Berl. 1855 (psychologisch bedeutend). Physiologie des mensch- 
lichen Denkens, Hannover 1872. 

Alexander Kapp, Die Gymnasialpädagogikim Grtmdrisse, Amsbergl841. 

Christian Kapp (1798—1874 längere Jahre Prof. in Erlangen, von 
1840 — 44 Prof. der Philos. in Heidelberg, eng befreundet mit L. Feuerbach), 
Christus imd die Weltgeschichte (anonym), Hdlb. 1823. Das konkrete All- 
gemeine der Weltgeschichte, Erlang. 1826, worin der Orient für das Sein, 
das klassisch Antike für das Wesen, die neuere Zeit für den zu sich selbst 
gekommenen Begriff erklärt wird. F. W. Jos. Schelling, ein Beitrag zur Ge- 
schichte des Tages, von einem vieljährigen Beobachter, Lpz. 1843, worin 
Kapp nachzuweisen sucht, daß die Schellingsche Philosophie nichts weiter 
als ein großes Plagiat sei. Er nennt Schelling den ,, philosophischen Cagliostro 
des neunzehnten Jahrhunderts". Kapp schloß sich Hegel nicht exklusiv 
an, sondern in ihm ,,ist der Begriff der Hegeischen Philosophie zugleich zur 
Fichteschen Willensenergie geworden, oder auch umgekehrt die Fichtesche 
Willensenergie zujn Begriff gekommen". Briefwechsel zwischen Ludw. 
Feuerbach und Christian Kapp 1832 — 38, hrsg. imd eingeleitet von August 
Kapp, Lpz. 1876. 

Ernst Kapp (Oberlehrer in Minden, lebte dann als Farmer in Amerika), 
Philosophie oder vergleichende allgemeine Erdktmde als wissenschaftliche 
Darstellung der Erdverhältnisse und des Menschenlebens in ihrem inneren 
Zusammenhang, Braimschw. 1845; 2. Aufl. Vergleichende allgemeine Erd- 
kunde in wissenschaftlicher Darstellxing, ebd. 1868. 

Friedr. Kapp (war Direktor des Gymnasiums in Hamm), Der wissen- 
schaftliche Schulunterricht als ein Ganzes, Hamm 1834. G. W. Fr. Hegel 
als Gymnasialdirektor oder die Höhe der Gymnasialbildung unserer Zeit, 
IVIinden 1835. (Friedrich Ernst und Alexander Kapp sind Brüder, Christian 
Kapp ist ein Vetter von ihnen.) 

Karl Köstlin (1819 geb., gest. 11. April 1894, seit 1857 außerordent- 
licher seit 1863, ordentlicher Professor der Ästhetik und KunstgescMchte 

Deberweg, Grundriß IV. 14 



210 § 17. Die Hegeische Schiile. 

in Tübingen), Der Lehrbegriff des Evangehums tind der Briefe Johannis, 
Berl. 1843. Goethes Faust, seine Kritiker und Ausleger, Tübing. 1860. Ästhe- 
tik, Tübing 1863—69. Hegel in philosophischer, politischer und nationaler 
Bedeutiing, Tübing. 1870. Über den Schönheitsbegriff, Tübing. 1878. Ge- 
schichte und Ethik, 1. Bd., 1. Abt., die griechische Etliik bis Plato, Tübing. 
1887, in welcher auch ein Umriß der Ethik enthalten ist. aber nicht in Hegel- 
scher Weise. Die Ethik ist zwar rationell nach Köstlin, ruht aber auf Empirie; 
die Moral, erbaut auf der Grundlage des wirklichen Wesens des Menschen, 
ist eine Wissenschaft der denkenden Vernunft von der notwendigen, objektiv 
begründeten Beschaffenheit des Wollens und Tuns. Prolegomena zur Ästhetik, 
Tübing. 1889. 

Ferd. Lassalle (1825—64, Sohn eines reichen jüdischen Seidenhändlers, 
Begründer der deutschen Sozialdemokratie, starb infolge eines Duells mit 
dem Rumänen Janko von Rakowitz), Die Philosophie Herakleitos' des Dunkeln 
von Ephesos, Berl. 1858, 2. A. Lpz. 1892, worin er die Grvmdgedanken Hegels, 
namentlich die prozessierende Einheit der Gegensätze, schon bei Heraklit 
fand, von dessen Gedanken Hegel selbst einst erklärt hatte, daß er sie 
sämtlich in seine Philosophie aufgenommen habe. Die Hegeische imd 
die Rosenkranzische Logik und die Grundlage der Hegeischen Geschichts- 
philosophie im Hegeischen Systeme, Vortr., Gedanke, 2., 1861, S. 123—150 
(sehr lesenswert). Das System der erworbenen Rechte eine Versöhnung 
des positiven Rechts und der Rechtsphilosophie, 2 Bde., Lpz. 1861, 2. Aufl. 
1880. Reden u. Schriften, 3 Bde., New York 1883; Berl. 1891-93, herausgeg. 
im Auftrage des Vorstandes der sozialdemokratischen Partei von E. Bern- 
stein. Gesamtwerke (z. T. in 2. Aufl.), 10 Bde., Lpz. 1899 — 1909. Briefe 
an G. Herwegh, hg. v. Marcel Herwegh, Zürich 1896. Aus dem literarischen 
Nachlaß von K. ÜVIarx, Fr. Engels und F. Lassalle, hg. von Fr. Mehring, 
4 Bde. Stuttg. 1902. Reden iind Schriften, Tagebuch, Seelenbeichte. 
In Auswahl hg. nebst e. Darst. seines Lebens und Wirkens v. H. Feigl. 
Wien 1911. 4. — 10. T. 1920. Gesamtwerke. Einzige Ausgabe hg. von 
Erich Blum, Gautzsch bei Leipzig 1919. Ges. Reden u. Schriften, hg. u. 
eingel. von Ed. Bernstein (12 Bde.), 1.-4. Bd. Berl. 1919. Sein „Arbeiter- 
programm", Berl. 1862, war ein Vortrag über den besonderen Zusammen- 
hang der gegenwärtigen Geschichtsperiode mit der Idee des Arbeiter- 
standes. Er betonte besonders die Notwendigkeit der Gründung von Pro- 
duktivgenossenschaften mit Hilfe von Staatskredit. Sein Leben lang hielt 
Lassalle an der Hegeischen Philosophie fest, führte sie nur weiter, indem 
er wie in Natur so auch in Geschichte, um in ihr logische Entwicklung darzu- 
tun, Mechanismus, Chemismtis tmd Teleologie nachzuweisen suchte. Der 
Sozialismus hat bei L. noch nationalen Charakter. 

Ad. Lassen, s. unten in Teil III. 

Gust. Andreas Lautier,'^ Philos. Vorlesimgen, Berl. 1853. 

Gotthard Oswald Marbach (1810—90, seit 1845 Professor in Leipzig, 
bekannter Dichter), Lehrbuch d. Gesch. d. Philos., I.Abt.: Gesch. d. grie- 
chischen Philos., 2. Abt.: Gesch. d. Philos. im Mittelalter, Lpz. 1838 — 41. 

Friedr. Aug. Märcker (geb. 1804, gest. 26. Juli 1889 als Privatdozent in 
BerUn), Das Prinzip des Bösen nach den Begriffen der Griechen, Berl. 1842. Die 
Willensfreiheit im Staats verbände, Berl. 1845. 



§ 17. Die Hegeische Schule. 211 

Philipp Marheineke (1780—1846, seit 1811 Professor d. Theologie in 
Berlin), zeigt sich in der ersten Auflage der Grundlehxen der christl. Dogmatik, 
Berl. 1819, wesentlich durch Schelling beeinfliißt, die zweite Auflage dagegen, 
Berl. 1827, hat er im Geiste Hegels bearbeitet. Theolog. Vorlesungen, hg. 
von St. Matthies und W. Vatke, Berl. 1847 ff. u. System d. theolog. Moral, 
Berl. 1847, System der christl. Dogmatik, Berl. 1847. 

Karl Ludwig Michelet (geb. 1801 in Berlin, seit 1829 ao. Prof. daselbst, 
gest. 16. Dez. 1893 in Berlin), System d. philos. Moral, mit Rücksicht aiif die 
juridische Imputation, die Gesch. der Moral und das christl. Moralprinzip, 
Berl. 1828. Anthropologie u, Psychol.. Berl. 1840. Vorlesxmgen üb. die Per- 
sönlichkeit Gottes u. Unsterblichkeit der Seele od. die ewige Persönlichkeit des 
Geistes, Berl. 1841. Die Epiphanie der ewigen Persönlichkeit des Geistes, eine 
philos. Trilogie; erstes Gespräch: die Persönlichkeit des Absoluten, Nürnb. 
1844; zweites Gespräch: der histor, Christus u. das neueChristent..Darmst. 1847; 
drittes Gespräch: die Zukunft der Menschheit u. die Unsterblichk. d. Seele, 
oder die Lelire von den letzt. Dingen, Berl. 1852. Zur Verfassungsfrage, 
Frankf. a. O. u. Berl. 1848. Zur Unterrichtsfrage, ebd. 1848. Esqtiisse de 
Logique, Paris 1856. Die Gesch. der Menschh. in ilir. Entwickliuigsgange von 
1775 bis auf die neuesten Zeiten, Berl. 1859 — 60. NatTorrecht oder Rechts- 
philos., Bd. I: Einleit., Grundrechte, Privatrecht, Bd. II: öffentl. 
Recht, allgem. Rechtsgesch., Berl. 1866. Die histor. Schriften Michelets, 
bezügl. auf Aristoteles und auf die Pliilos. seit Kant, sind in Bd. I des 
Ueberweg und unten im Anhang angeführt. — Hegel, der unw iderlegte Welt- 
philosoph, eine Jubelsclxrift, Lpz. 1870. Hegel u. d. Empirismus, zur Be- 
urteilung einer Rede Eduard Zellers, Berl. 1873. Das System der Philo- 
sophie als exakter Wissensch., 4 Teile in 5 Bdn, Berl. 1876 — 81 (Logik, 
Natiirphilos., Geistesphilos., Philos. der Gesch.). Wahrheit aus meinem 
Leben, Berl. 1884. Ein Verzeichnis der Schriften Michelets findet sich am 
Schluß von: Acht Abhandlungen Hen-n Prof. Dr. K. L. M. zum 90. Ge- 
burtstag als Festgruß dargebracht von Mitgliedern der philos. Gesellschaft, 
Lpz. 1892. Michelet gehörte zu den treuesten Schülern Hegels und ist bis 
zu seinem Tode stets auf das entschiedenste mit nie wankendem Mute für 
die Lehren seines Meisters eingetreten. 

Ferd. Müller, Üb. den Organismus und die Entwicklimg der politischen 
Idee im Altert\im, oder die alte Geschichte vom Standptmkte der Philosophie, 
Berl. 1839. 

Theod. Mundt (1808—61, seit 1850 Prof. in Berlin), Ästhetik. Die 
Idee der Schönheit u. des Kunstwerks im Lichte unserer Zeit, Berl. 1845, neue 
Ausg. Lpz. 1868, bei aller Polemik gegen Hegel und Hervorhebvmg des 
Prinzips der ,, Unmittelbarkeit" doch sehr wesentlich durch den Hegeischen 
Gedankenkreis bedingt. 

Joh. Georg Mußmann (1833 als Professor in Halle gest.), Lehrbuch der 
Seelenwissenschaft, Berl. 1827. Grundlinien der Logik und Dialektik, 
Berl. 1828. Grundriß der allgem. Geschichte der cliristl. Philos., mit besonderer 
Rücksicht auf die christl. Theol., Halle 1830. Zuerst war er enthiosiastischer 
Verehrer Hegels, später kritisierte er ihn \'ielfach. 

Ludw. Noack (geb. 1819, gest. 1885 als Prof . u. BibHothekar in Gießen), 
Der Religionsbegriff Hegels, Darmst. 1845. Mythologie u. Offenbarung; die 
Reüg. in ihrem Wesen, ihi'er geschichtl. Entwickl. vmd absoluten Voll- 

14* 



212' § 17. Die Hegeische Schule. Q^ "^ 

r 

endung, Darmst. 1845 — 46. Der Genius des Christentviins oder Christus in der 
Weltgeschichte, 3 T., Brem. 1852. Die Theol. als Religionsphilos. in ihrem 
wissenschaftl. Organismus, Lübeck 1853. Die christl. Mystik (des Mittelalters 
u. seit dem Reformationszeitalter), Königsbg. 1853. Die Freidenker in der 
Religion (Engländer, Franzosen, Deutsche), 1853—55. Ferner manche 
andere, meist reUgionsphilosophische Schriften, worin Noack sich teilweise 
an Reiff und Planck angeschlossen hat. In Schriften welche Kant betreffen, 
z. B. Kants Atiferstehung aus seinem Grabe, Lpz. 1862, sagt er, daß Kant 
den Empirismus als den einzig wissenschaftüchen Standptmkt gelten lasse. 
Von 1846 — 48 hat Noack die zu Darmstadt erschienenen Jahrbücher f. spekul. 
Philos. und spekulative Bearbeit. der empir, Wissenschaften heraiisgegeben, 
in welcher auch die philosophische Gesellschaft zu Berhn ihre damaUgen 
Arbeiten veröffentUcht hat. Noacks „Psyche" (1858 — 63) ist eine populär- 
wissenschaftliche Zeitschrift für angewandte Psychologie. Von Eden nach 
Golgatha, bibl.-gesch. Forschungen, Lpz. 1868. PhilosophiegeschichtUches 
Lexikon, Lpz. 1879 (brauchbar). 

Heinr. Bernh. Oppenheim (1819 — 80, mußte 1849 aus Deutschland 
fhehen, kehrte 1860 ztirück, gest. in Berlin), Syst, d. Völkerrechts, Frank- 
furt a. M. 1845. Philos. des Rechts u. der Gesellschaft, Stuttg. 1850 (bildet 
den V. Band der Neuen Enzj-kl. der Wissenschaften u. Künste). Der Katheder- 
SoziaUsmus, Berl. 1872. 

Ed. Ph. Peipers, Syst. der gesamten Naturwissenschaften nach 
monodynamisch. Prinzip, Köln 1840 — 41. Die positive Dialektik, Düssel- 
dorf 1845. 

Otto Pfleiderer, s. unt. in Teil III. ^ 
. K. Prantl (geb. 1820, gest. 1888, lange Zeit Prof. der Philos. in 
München), der, von der Hegeischen Philosophie herkommend, sich namentlich 
dem Studium des Aristoteles und der Geschichte der Logik zugewandt hat. 
Sehr entschieden ist er für das Recht der freien Forschung, namentlich gegen- 
über sich aiifdrängender kirchhcher Autorität, aufgetreten, ohne seine eigenen 
philosophischen Ansichten, die er in kürzeren Arbeiten niedergelegt hat, tiefer 
zu begründen, weiter auszuführen oder systematisch abzurunden. Die gegenw. 
Aufgabe d. Philos., Münch, 1852. Die geschichtl. Vorstufend, neueren Rechts - 
philos., Münch. 1848. Reformgedanken z. Logik in: Sitzgsber. d. Münch. Ak., 
phil. Kl. 1875, Bd. I, S. 159—214. Verstehen u. Beurteilen, Münch, 1877. Über 
d.Berechtig.d.Optimism.,Rede,Münch, 1880. Zur Kausalitätsfrage, in den Sitzgs- 
ber. d. Münch. Ak., phil. Kl. 1883, H. II, S. 113— 139. Von dem sehr verdienst- 
lichen, auch scharf kritisch gehaltenen Werke, Gesch. der Logik sind 4 Bde., 
Lzp. 1858 — 70, erschienen, der 2. Bd. in 2. Aufl. 1885. Nach Prantl sind 
Sprechen und Denken ihrem Wesen nach eins; ferner geben uns die 
Funktionen des subjektiven Bewußtseins den Maßstab objektiver Welt- 
erkenntnis. Nur der Mensch kommt zum Bewtißtsein des wesenseinheitUchen 
Zusammenhangs des Subjektiven und Objektiven. Dem Menschen eigentümlich 
ist der Zeitsinn, vermöge dessen er, in die Vergangenheit zurückgreifend, durch 
Erirmerung Begriffe bilden xmd, in die Zulcunft vorgreifend, durch spontane 
Zweckabsichten ein Gebiet von Ideen oder idealen Impulsen begründen kann, 
..zu deren Verwirldichung er in FarrüHe, in Sittlichkeit, in Recht, in Kunst, 
in Religion und Wissenschaft seine Kräfte versucht", Verz, v. Pr.s Schriften in 
Clarists Gedächtnisrede s, Literaturanh. 



^ § 17. Die Hegeische Schule. 213 

Jac. Fried. Keiff (1810—79, Prof. der Philosophie in Tüoingen), Der 
Anfang der Philcs., Stuttg. 1840. Das Syst. d. Willensbestimmungen oder d. 
Grundwissensch. d. Philos., Tüb. 1842. Über einige wichtige Punkte d. Philos., 
Diss., Tüb. 1843. Reiff, der den Pantheismus heftig bekämpfte, hat sich 
von Hegel aus Fichte genähert und auf Carl Chr. Planck besonders eingewirkt. 

Friedi". Richter (aus Magdeburg, geb. 1802), Die Lehre v. d. letzten 
Dingen, Teil 1, Breslau 1833, Teil 2, Berl. 1844. Die neue ünsterblichkeits- 
lehre, Bresl. 1833. Der Gott der Wirklichkeit, Bresl. 1834. Er veranlaßte 
den Streit über die Unsterblichkeit in der Hegeischen Schule (abgesehen von 
der schon 1831, aber anonym erschienenen Schrift. Feuerbachs), indem er 
zu beweisen sucht, daß bei der Lehre Hegels eine persönliche Fortdauer nicht 
anzunehmen sei; übrigens wünschten eine solche nur die der Resignation 
unfähigen Egoisten. 

Joh. Karl Friedr. Rosenkranz (geb. 23. April 1805 zu Magdeburg, seit 
1833 Prof. in Kgsb., vom Juli 1848 bis Jan. 1849 Rat im Minist, zu Berlin, von da 
an wieder in Kgsb., gest. 14. Juni 1879), De Spinozae philosophia diss., Halle 
luid Lpz. 1828. Über Calderons wundertätigen Magus, e. Beitrag z. Verständnis 
der Faustschen Fabel, Halle 1829. Der Zweifel am Glauben, Kritik der 
Sclu'iften de tribus impostoribus, Halle 1830. Gesch. d. deutsch. Poesie im 
Mittelalt., Halle 1830. Die Naturreligion, Iserlohn 1831. Enzyklop. der theol. 
Wissensch., Halle 1821, 2. Aufl. 1845. Handb. e. allg. Gesch. d. Poesie, Halle 

1832 — 33. Hegel, Sendschreiben an C. Fr. Bachmann, Kgsb. 1834. Das 
Verdienst d. Deutschen um d. Philos. d. Gesch., Kgsb. 1835. Kritik d. Schleier- 
macherschen Glaubenslehre, Kgsb. 1836. Psychologie, Kgsb. 1837, 2. Aufl. 
1843, 3. Aufl. 1863. Gesch. d. Kantschen Philos. (Bd. XII d. Werke Kants 
hg. v. Ros. u. Schubert), Lpz. 1840. Krit. Erläuterungen des Hegeischen 
Systems, Kgsb. 1840. Das Zentrum d. Spekvilation, eine Komödie, Kgsb. 
1849. Studien, 5 Bändch, Berl. u. Lpz. 1839-48. Üb. SchelUng u. Hegel, 
Sendschreib, an Pierre Leroux, Kgsb. 1843. Schelling, Danzig 1843. Hegels 
Leben, Berl. 1844. Krit. d. Prinzipien der Straußschen Glaubenslehre, Lpz. 
1845, 2. Aufl. 1864. Goethe u. s. Werke, Kgsb. 1847, 2. Aufl. 1856. Die 
Pädagogik als Syst., Kgsb. 1848. Syst. d. Wissensch., ein philos. Encheiridion, 
Kgsb. 1850. Meine Reform d. Hegelschen Philos., Sendschreiben an J.U. Wirth, 
Kgsb. 1852. Ästhetik des Häßlichen, Kgsb. 1853. Aus einem Tagebuch, Kgsb. 

1833 — 46, Lpz. 1854. Die Poesie und ihre Gesch., Entwicklxing d. poet. Ideale 
d. Völker, Kgsb. 1855. Apologie Hegels gegen Ha3,Tn. Berl. 1858. Wissen- 
schaft d. logisch. Idee, Kgsb. 1858—59, nebst Epilegomena, ebd. 1862. 
Diderotß Leben u. Werke, Lpz. 1866. Hegels Natvu-philos. u. ihre Erläuterung 
durch den ital. Philosophen A. Vera, Berl. 1868. Hegel als deutscher 
Nationalphilosoph, Lpz. 1870. Erläuterungen zu Hegels Enzyklop. der Philos., 
in d. „Philos. Bibl.'% Bd. XXXIV, Berl. 1870. Von Magdeb. bis Kgsb., Berl. 
1873. Voltaire in R. Gottschalls Neu. Plutarch T. 1, 1874, S. 285-373. Neue 
Studienl — IV, Lpz. 1875 — 78. Briefe von K. Rosenkranz an M. Schasler, hg. 
V. W. Saupe, A. f. G. d. Ph., 29, 1916. In seiner Wissenschaft von der 
logischen Idee weicht R. nicht xuiwesentlich von der Hegelschen Logik 
ab, weshalb er auch von eigentlichen Hegehanern des Abfalls von 
dem Meister bezichtigt wiirde. Nach R. teilt sich die Wissenschaft der 
logischen Idee in Metaphysik, Logik, Ideenlehre, indem das Denken 
dem Sein entgegengesetzt wiid und diese beiden in der Idee zur Einheit 



214 § 17. Die Hege Ische Schule, 

aufgehoben werden. Die Metaphysik güedert sich wieder in Ontologie, Ätiologie 
und Teleologie, die Logik behandelt die Lehre vom Begriff, Urteil, Schl\iß, 
in dem dritten Teil wird Prinzip, Methode und System der Ideeiüehre darge- 
stellt. Die Naturphilosophie führt R. als einer der wenigen HegeUaner 
auf Grvmd Hegelscher Prinzipien weiter aus, indem er nach diesen die Tatsachen 
der Erfalirung behandelt. 

Konstantin Rößler, Syst. d. Staatslehre, Lpz. 1857. (Nur in gewisser 
Hinsicht im Hegeischen Sinne geschrieben.) 

Heinr. Theod. Rötscher (geb. 1803), Aristophanes und sein Zeitalter, 
Berl. 1827. Abhandlgn. ziu* Philos. d. Kunst, Berl. 1837 — 47. Die Kunst d. 
dramat. Darstellung, Berl. 1841, 2. Aufl. Lpz. 1864. 

Arnold Rüge (1802-80, von 1832-41 Privatdoz. in Halle, gest. 
in England), lebte lange Zeit in England, wo er mit Ledru-Rollin, Mazzini, 
Bratiano u. a. das eiu-opäische demokratische Komitee für die Sohdarität der 
Partei ohne Unterschied der Völker bildete, aus dem er bei Kossuths Eintritt 
schied. Die platonische Ästhetik, Halle 1832. Neue Vorschule der Ästhetik, 
Halle 1837. Rüge u. Echtermej-er, Hallesche Jahrb. f. deutsche Wiss. 
u. Kirnst, 3 Bde., Lpz. 1838 — 40. Deutsche Jahrb. f. Wiss. u. Ktmst, 
2 Bde., 1841 — 42. Rüge, Anekdota z. neuest, dtsch. Philos. u. Publizistik, 
Zürich 1843. Rüge u. Marx, Deutsch-französische Jahrbücher, 2 Hefte, Paris 
1844. Zehn Jahre in Paris. Studien u. Erirmerungen, Lpz. 1846. An die 
deutsche Nation, Hamb. 1866. Staat oder Papst, Elberf. 1876. Geschichte 
unsrer Zeit, Lpz. u. Hdlb. 1881. Gesammelte Schriften, 10 Bde., Mannheim 
1846 — 48. Übersetzg. von Buckles Gesch. d. Zivilisation, Lpz. u. Heidelb. 
1860, 4. Aufl. 1871. Rugcs Autobiogr. : Aus früherer Zeit, Bd. I-IV, Berl. 1862 
bis 1867. (Der \aerte Bd. enthält auch eine spekulative Betrachtung d. Ge- 
schichte der Philos. v. Thaies bis zur Unterdrückung der Rugeschen Jahr- 
bücher.) Reden üb. d. Relig., ihr Entsteh, u. Verg , an die Gebildeten tmt. 
ihren Verelirern (in Opposition zu Schleiermacher), Berl. 1869 (1868). Volks- 
ausgabe 1874. Briefwechsel u. Tagebuchblätter a. d. J. 1825 — 80, hg. v. 
Paul Nerrlich, 2 Bde., Berl. 1886. Arn. Rüge, Unser System, herausgeg. v. 
Clair J. Grece. Zum 100. Geburtst. des Verf. m. einem Vorwort von Paul 
NerrHch u, ein. Nachwort des Herausgebers, Frkf. a. M. 1903. 

Jul. Schaller (1810 — 68), Die Philos. vmserer Zeit, zur Apologie u. 
Erläuterung d. Hegeischen Systems, Lpz. 1837. Der histor. Christus u. d. 
Philos., KJritik d. dogmat. Grundidee des Leben Jesu von Strauß, Lpz. 1838. 
Gesch. d. Naturphil. v. Bacon von Verulam bis auf uns. Zeit, Lpz. u. Halle 
1841 — 46. Vorlesungen üb. Schleiermacher, Halle 1844. Darstellung u. Kritik 
d. Philos. Ludw. Feuerbachs, Lpz. 1847. Briefe üb Alex. v. Humboldts Kosmos, 
Lpz. 1850. Die Phrenologie in iliren Grundzügen u. nach ihrem wiss. u. prakt. 
Werte, Lpz. 1851. Leib und Seele, Weimar 1855 u. ö. Psychologie, Bd. I, d. 
Seelenleben d. Menschen, Weimar 1860. 

Max Schasler (geb. 1819, hat unter politischem Mißtrauen mannigfach 
zu leiden gehabt und nie eine amtliche Stelle bekleidet; von 1851 — 77 lebte er 
in Berlin und zuletzt in Jena, gest. 1903), Die Elemente der philos. Sprach- 
wissensch. Wilhelm v. Humboldts, Berl. 1847. Hegel, Populäre Gedanken 
aus seinen Werken, Berl. 1870. 2. Aufl. 1873. Ästhetik als Phil. d. Schön, u. 
d. Kiinst, I. Bd. Krit. Gesch. d. Ästhetik von Plato bis auf die Gegenw., 
Berl. 1871 — 72. Das System der Künste aus einem neuen im Wesen der 



§ 17, Die Hegelßche Schule. 215 

Kirnst begründeten Gliederungsprinz., 2. Aufl., Lpz. 1885. Ästhetik, I.Teil: 
D. Welt d. Schönen, 2. Teil: D. Reich d. Kunst, Lpz. 1866 (D. Wissen d. 
Gegenw.). Anthropogonie. Das Allgemein-Menschliche Beinem Wesen u. seiner 
dreigliedrigen Entwickl. nach oder Ursprung der Sprache, der Sittlichkeit u. d. 
Kunst, Lpz. 1888. Ausgewählte Sammlung gemein verständUcher Abhandlung., 
Studien u. Kritiken aus d. Gebiete der Philos. u. Ästhetik, sowie üb. d. ver- 
schiedenen Formen der allgemein, menschl. Weltanschauung, Jena 1901. La 
Berlin war er als Kvmstkritiker sehr tätig, gab auch die Kunstzeitschrift : 
„Dioskuren" heratis. — Schasler bildet vielfach die Hegeische Lehre in selb- 
ständiger u. glücklicher W^eise um. Seine Geschichte der Ästhetik ist ein 
gründliches, scharf und sicher lui^eilendes Werk. Als ihm besonders eigene 
Punkte gab er an: das Wesen des Scheins, das Wesen des Häßlichen, des Er- 
habenen und das walare Einteilungsprinzip für die systematische Glieder\ing 
der Künste. Über ein halbes Jahrhundert, Jena 1895. 

Alexis Schmidt, Beleuchtung d. neuen ScheUingschen Lehre von 
Seiten d. Philos. u. Theol., nebst Darstellung u. Kritik d. früheren ScheUing- 
schen Philos., u. eine Apologie d. Metaphysik, insbes. der Hegelsehen, gegen 
Schelling und Trendelenburg, Berl. 1843. 

Reinhold Schmidt, Christhche Religion u. Hegeische Philosophie, 
Berl. 1839. D. philos. Absolutism. d. Hegeischen Systems, Berl. 1845. 

Heinr. Schwarz, Über die wesentlichsten Forderungen an eine Philos. 
d. Gegenw. und deren Vollziehung, Ulm 1846. Gott, Natur u. Mensch. 
System des substantiellen Theismus, Hannov. 1857. Üb. Gott u. Welt, 
Zur. 1865. 

Herm. Schwarz, Vers, einer Philos. der Mathematik, verbunden mit 
einer Kritik der Aufstellungen Hegels über den Zweck und die Natur der 
höheren Analysis, Halle 1853. 

F. K. A. Schwegler (1819—57, zuletzt Prof. der Geschichte in 
Tübingen), Jahrbuch, d. Gegenwart, Tübing. 1843 — 48. Die Metaph. des 
Aristoteles, Text, Übersetzung u. Kommentar, Tübing. 1846 — 48. Gesch. 
d. Philos. im Umriß, Stuttg. 1848 u. oft. , auch in Reclams UniversalbibHothek. 
Gesch. d. griech. Philos., hrsg. von Karl Kösthn, Tübing. 1859, 3. Aufl. 1882. 

J. W. (V.) Snellman, Versuch einer spekul. Entwickl. der Idee der 
Persönlichkeit, Tübing. 1841. 

Theod. Sträter, Studien zur Gesch. der Ästhetik, I, Bonn 1861. Die 
Komposition von Shakespeares Romeo und Julia, Bonn 1861. 

Gvistav Thaulow (geb. 1817, gest. 1883 als Prof. d. Philos. in Kiel), 
Erhebung d. Pädagogik zur philos. Wissensch. Oder Einleit. in die Philos. 
d. Päd,, Berl. 1845. Hegels Ansichten über Erzieh, u. L^nterricht, aus Hegels 
sämtl. Scliriften gesammelt u. systemat. geordnet, Bd. I: Zum Begriff der 
Erziehimg, Kiel 1853, Bd. II: Gesch. d. Erziehung, ebd. 1854, Bd. III: Zur 
Gj-mnasialpädagogik u. Univers. Gehöriges, ebd. 1854. Einleit. in die Philos. 
u. Enzyklop, der Philos. im Grundriß, Kiel 1862. 

Wilh. Vatke (geb. 1806, gest. den 21. April 1882 als außerordentl. 
Professor der Theologie in Berhn, hatte lange mit der Gegnerschaft der ortho- 
doxen Theologie, namentlich mit der Hengstenbergs zu kämpfen), D. bibhsche 
Theologie, 1. Bd., d. ReUg. d. A. T., Berl. 1835, worin Vatke nicht mit 
Strauß darin überinstimmte, daß die sinnüche Erscheinimg des Gottmenschen 
mythisch zu fassen sei, aber daran festhielt, daß sich Tatsache vmd Begriff durch- 



216 § 17. Die Hegeische Schule. 

dringen müßten. Die menechl. Freih. in ihrem Verhältnis zur Sünde u. zur 
göttl. Gnade, Berl. 1841, worin Vatke melirfach von Hegel abweicht, 
besonders auch darin, daß er die Religion nicht mehr theoretisch nur auf die 
Vorstellung bezieht, sondern sie als praktische Vermittlung mit dem Göttlichen 
ansieht. Später nahm Vatke mehr Rücksicht auf die Naturwissenschaft, ging 
auch mehrfach auf Kant zurück, behandelt auch die psychologische Erscheinung 
der Religion im menschlichen Selbstbew\ißtsein ausführhch, so daß er von 
reinen Hegehanern als PseudohegeUaner bezeichnet wurde, als ein solcher, der 
die Hegeische Dialektik durch den Kritizismus vernichten woUe. Nach seinem 
Tode wurden herausgegeben v. G. S. Preiß: Historisch-kritische Einleitung 
ins Alte Testament, Bonn 1886, Religionsphilosophie oder allgemeine philo- 
sophische Theologie nach Vorlesungen, Bonn 1888. 

Friedrich Theodor Vischer, geb. 30. Juni 1807 zu Ludwigsburg. Er 
studierte in Tübingen (Stift) Theologie, war einige Zeit Pfarrvikar, dann 
Repetent am Tübinger Stift. Nach größeren Reisen habihtierte er sich 1836 in 
Tübingen, wo er 1837 ao. Prof. wurde. Seit 1838 wandte er sich ganz der 
Ästhetik luid deutschen Literatur zu. Nach Kunstreisen in den Süden wurde 
er 1844 o. Prof. in Tübingen, infolge seiner scharfüberalen Antrittsrede aber 
sogleich avif zwei Jahre svispendiert. 1855 wiorde er nach Zürich, 1866 zurück 
nach Tübingen und gleichzeitig ans Polj^echnikum nach Stuttgart berufen. 
Er starb am 14. Sept. 1887 in Gmunden. Über das Erhabene und Komische, 
ein Beitrag zur Pliilos. des Schönen, Stuttg. 1837. Plan zu einer neueren Ghe- 
dervmg der Ästhetik, Jahrb. der Gegenwart 1844, auch in den Krit. Gängen 2. 
Kritische Gänge 1 — 6, Tübing. 1844 — 73, 2. vermehrte Aufl., 2 Bde., Lpz. 
1914. Ästhetik od. Wissenschaft des Schönen, I: Metaphysik des Schönen, 
II: Die Kunst, III: Die Künste, Reutl. u. Lp*z. 1846—57. Register, Stuttg. 
1858. (Der Abschnitt über Musik in dem Werke rülirt von A. Kösthn her.) 
Über das Verhältnis vonlnhalt xmd Form inder Kunst, Zürich 1858. Auch Einer 
(Roman), Stuttg. 1879, 41. Aufl. 1908, in dessen 2. Bd. sich eine pantheistische 
Weltansicht findet. Altes \ind Neues, Stuttg. 1882, neue Folge, 1889. 
Vorträge für das deutsche Volk, hg. v. Robert Vischer, 1. Reihe: Das 
Schöne und die Kunst. Zur Einführung in die Ästhetik, Stuttg. 1898, 3. Aufl. 
1907; 2. Reihe: Shakespearevorträge, 6 Bde., 1899 — 1905. Ungedruckte Briefe. 
Im „März" I, 14 (2. Juli-Heft 1907). Briefe aus Itahen. Münch. 1907. Ein 
Verzeichnis seiner Scliriften mit bisher nicht veröffentlichten Reisebriefen a. d. 
Jahre 1833 bei O. Keindl, F. Th. Vischer, Prag 1907. Ausgew. Werke, 3 Bde., 
Stuttg. 1918. Ausgew. Prosaschr, Stuttg. 1918. Das Schöne in Natur u. 
Geschichte, hg. u. eingel. v. A. Buchenau (= Deutsche Bibhothek Nr. 126), 
Berl. 1919. Thdr. Klaiber, F. Th. Vischer. Eine Darstelkmg seiner Persönhchk. 
u. e. Auswahl aus seinen Schriften, Stuttg. 1920. Nachweis üb. Briefhand- 
schriften, Kantst. 17, S. 116. — Das Hauptverdienst Vischers liegt in der 
Ästhetik, in deren Behandlung er von der metaphysischen allmähUch mehr imd 
mehr zixr psychologischen überging. Das Schöne ist nach V. die Idee der in der 
Form begrenzter Erscheinung, die Kunst ist die subjektiv-objektive Wirkhchkeit 
des Schönen. Im Scliönen offenbart sich nach ihm zunächst eine einzelne be- 
stimmte Idee lind hierdurch mittelbar die höchste, aber die Idee offenbart sich 
dixrch das Medivim des Menschen. Das Schöne stellt stets den Menschen dar, 
aber, da dieser ein Mikrokosmos ist, auch mittelbar den Makrokosmos, die Idee. 
Die Ästhetik kann empirisch beginnen, aber nachdem sie induktiv gesanmielt hat. 



§ 17. Die Hegekche Schule. 217 

was den Eindruck des Schönen hervorbringt, muß sie weitergehen, muß zeigen, 
warum das ästhetische Verhalten in der menschUchen Natur hegt ; darm kommt 
aus der Metaphysik der Satz der Einheit des Universums hinzu und verbindet 
sich mit der anthi'opologischen Begründung. Die bildenden Künste machen 
die objektive Kunstform aus, die Musik ist die subjektive, und die Dichtkunst 
die subjektiv-objektive. Die Geschichte der einzelnen Künste berücksichtigt 
Vischer eingehend, zieht auch, von Hegel abweichend, in seine Darstellung der 
Epochen der Kirnst viel Naturgeschichtliches herein. 

Karl Werder (geb. 1806 in Berhn, seit 1843 Prof. in Berlin, gest. da- 
selbst 13. April 1893), Logik, als Kommentar u. Ergänzung zu Hegels 
Wiss. d. Logik, 1. Abt., Berl. 1841; 4. Aufl. 1861. 

Ad. Zeising (geb. 1810 in Ballenstedt, war einige Zeit Gymnasiallehrer 
in Bernburg, privatisierte später in Leipzig und zuletzt in München, wo er 1876 
starb), hat seine Bedeutung in der Ästhetik und steht hier Hegel nahe. Neue 
Lehre von den Proportionen des menschlichen Körpers, Lpz. 1854. Ästhet. 
Forschvingen, Frankf. 1855. Die Metamorphosen... der mensclxlichen Ge- 
stalt, Bonn 1859. Der goldene Schnitt, Halle 1884. Schön im eigentUchsten 
Sinne kann nur das Absolute selbst in der Form des Scheines, d. h. die Welt, 
genannt werden. Freihch ist das Schöne nicht die Welt selbst, sondern die 
Identifikation Gottes als Objekts mit dem denkenden Subjekt als seinem Kor- 
relat, d. h. die Anschauung oder das Bild der Welt im Geiste. Die Schönheit 
des Realen besteht eigenthch in der als ideal erkannten Quahtät des Realen oder 
in der Identität der aus den realen Objekten in das geistige Subjekt über- 
strömenden und von diesem zur Einheit zxisammengefaßten QuaHtäten. Am 
bekanntesten ist Zeising dadurch geworden, daß er die ästhetische Bedeutimg 
des sogenannten goldenen Schnittes darlegte, welchem gemäß eine Linie, deren 
Länge = 1, in die beiden Abschnitte u und m nach dem Verhältnis ^: m = m: 1 
geteilt wird, wo m = Y-y (} ^— l)und/< = 1 — m = 14 (3 — 1 5). Die Bedeutung 
findet Zeising darin, daß derselbe die vollkommenste Vermittlung zwischen den 
beiden extremen Verhältnissen der absoluten Gleichheit 1 : 1 tmd der absoluten 
Verschiedenheit 1 : sei, oder zwischen der ausdrucksvollen Sjinmetrie und 
dem maßlosen Auedruck, der starren Regelmäßigkeit und der ungebundenen 
Freiheit. 

Auch Eduard Zeller ist ursprünghch von Hegel ausgegangen, wandte 
sich aber bald von ihm ab. Er wird deshalb erst weiter unten behandelt. 

Anhang: Planck. 
Planck*), Die Weltalter: 1. Teil: Syst. des rein. Realismus, Tübing. 
1850, IL Teil: Das Reich d. Ideahsm. od. z\ir Philos. d. Gesch., ebd. 1851. 
Katechism. d. Rechts, Tüb. 1852. Grxm^dlinien einer Wissensch. d. Natur 
als Wiederherstellung d. rein. Erscheinungsformen, Lpz. 1864. Sechs Vorträge 
üb. d. rechtl. u. bürgerl. Aufgaben der deutschen Nation, Ulm 1866. Süddeutsch- 
land u. der deutsche Nationalstaat, Stuttg. 1868. Gesetz u. Ziel der modernen 
Kunstentwicklung im Vergleich mit der antiken, Stuttg. 1870. Gesetz und 
Ziel der neueren Kunstentwicklvmg im Gegensatz zur antiken, Lpz. 1870. 
Seele u. Geist, oder Ursprung, Wesen und Tätigkeitsform der physischen 
u. geistigen Organisat., Lpz. 1871. Wahrheit u. Flachheit des Darwinismus, 
Nördling. 1872. Grundriß der Logik als krit. Einleitimg z. Wissenschaftslehre, 

*) Die Einordnung Plancks an die obige Stelle ist durch äußerUche 
Momente bestimmt. Ihm einen eigenen Paragraphen zu geben, konnte ichmich 
nicht entsclxließen. 



218 § 17. Die Hegeische Schule. 

Tüb. 1873. Antliropol. ii. Psychol. auf naturwissensch. Grundlage, Lpz. 1874. 
Logisches Kausalgesetz u. natürliche Zwecktätigkeit, Nördüng. 1877. Testa- 
ment eines Deutschen. Philos. der Natur u. der Menscliheit. Hinter- 
lassenes W., hrsg. von K. KöstUn, Tübing. 1881, neue Titelausg., Jena 1912. 
Halbes u. ganzes Recht. Hrsg. von Adolf Gubitz (Ausgew. Stücke aus Schriften 
Plancks). Devitsche Geschichte und deutscher Beruf. Aufsätze u. Reden 
von K. Clir. Planck. Hrsg. von R. Planck, Tübing. 1905 (darin auch eine 
BibUograpliie von P.s gedruckten u. ungedruckten Schriften; e. andre Bibliogr. 
in: Zur Erinn. an P., Tübing. 1880). 

Karl Christian Planck, geb. in Stuttgart am 17. Jan. 1819, 
Btudierte, vorgebildet aui dem Seminar in Schöntal, in Tübingen (Stift) Theo- 
logie und Philosophie. Nach einer größeren Reise nach Norddeutschland, auf 
der er in Berlin zur Hegeischen Schule in Beziehungen trat, xind vorübergehender 
Beschäftigung im geistlichen Amt, versuchte er sich der gelehrten Laufbahn 
zuzuwenden; 1848 — 54 war er Privatdozent der Pliilosophie in Tübingen. Seit 
1854 war er als Lelirer zuerst in Ulm, später an den Seminaren zu Blaubeuren 
und (als Ephorus) zu Maulbronn tätig. Seine lebenslängUch gehegte Selinsucht 
nach einer Universitätsprofessur ist nie in Erfüllung gegangen. Dieser Umstand, 
sowie andere Ziu-ücksetzung und gänzliches Unbeachtetbleiben seiner Pliilo- 
sophie untergruben schließlich seine Kräfte. Er starb am 7. Juni 1879. 

Planck war ein sehr selbständiger Denker, so daß er in keiner Weise zu 
den eigentlichen Hegeüanern gehört. Er hat von Hegel mehr Äußeres, einen 
gewissen formalen Charakter der Spekulation, als Inneres übernommen. Sach- 
liche Am-egungenhat er wohl melir von Schelling empfangen. Zu Hegels Tendenz, 
aus dem reinen Denken sachliche Erkenntnisse zu gewinnen, stand er in ausge- 
Bprochenem, Gtegensatz. Planck setzte die ideaUstischen Systembildungs- 
tendenzen im Zeitalter des Epigonentums, als die mechanische Naturauffassung 
herrschende Auf fassung geworden war, unter ungünstigsten Umständen mit großer 
Energie fort, an der pantheistischen Grundauffassung der WirkUclikeit fest- 
haltend. Seine Gedanken erstreckten sich über d^i ganzen Umkreis der philo- 
sophischen Probleme. Iliren Schwerpunkt hatten sie in der Natur- imd in 
der Sozialphilosophie. 

Planck steht in scharfem Gegensatz zu der atomistisch-mechanischen 
Weltaiiffassung tmd ilirer den Wertgehalt der Wirklichkeit herabziehenden 
Tendenz. Die Wirklichkeit — Raum und Zeit sind ihm objektiv — ist ein 
Wesen, das sich aufwärts entwickelt, Planck nennt es, wenig klar und wenig 
glücklich: ineinander wirkende Konzentriermig. (H. Planck hat diesen Begriff 
als dem Evolutionsbegriff Spencers verwandt zu erweisen gesucht.) Die Her- 
kunft der Wirklichkeit ist uns unbekannt. Auch die Materie hat sich entwickelt. 
Selir lebhaft bekämpft Planck die mechanistischen Deszendenzlehron, ihre 
schwachen Punkte zum Teil ebenda, wo Lotze sie fand, aufdeckend. Das or- 
ganische Leben und seine Stufen sind von der Erde hervorgebracht (hier ge- 
wisse Verwandtschaft Plancks mit Bergson). Die höchste Stvife, mit der die 
Natur „ilir tiefstes Geheimnis, ilir innerstes Zentrum geoffenbart", ist der Mensch. 

Noch größeres Gewicht als auf seine Naturphilosophie legte Planck auf 
Beine Sozialphilosophie. Die politische Überlegenheit Norddeutschlands, 
speziell Preußens rückhaltlos anerkennend, wie er überhaupt einen klaren 
realistischen politischen Bück zeigt., glaubte er, daß Süddeutschland die Auf- 
gabe einer moralischen Regeneration, durch die das politisch national geeinte 
Deutschland auch innerlich eins werden imd eine neue Menschlieitsepoche 



§ 18. Aus der Hegeischen Schule hervorgegangener Radikalismus. 219 

einleiten sollte, vorbehalten sei. Diese Erneuerung, die er für unmittelbar 
bevorstehend hielt, wird die materialistische Grundgesinnung der Gegenwart, 
die Planck auch in der sozialen Gesetzgebung wiederfand, überwinden, indem 
sie die selbstische Isolierung der Indi\nduen aiifhebt und die Gesellschaft in 
eine allgemeine Berufsgomeinschaft und -Organisation tmd damit zu einem 
wirklichen einheitlichen Organismus, den sie noch nicht darsteUt, umgestaltet. 
Der einzelne Mensch wird dadiirch mit seiner gesamten Tätigkeit in den Dienst 
des Ganzen gestellt. Dadiu'ch soll das Ziel, dem die Weltentwicklung zustrebt, 
realisiert und auch die volle Einheit zwischen Mensch und Natur hergestellt, 
die vom Judentum und dem traditionellen Christentum zwischen beiden auf-* 
gerissene Kluft überbrückt werden. Mit männlichem Greiste ist die Sterblichkeit 
auch des Menschen anzuerkennen, wenn sie auch ,,der bitterste Kern" der neuen 
Weltanschauung bleibt. Planck erschien sich durch die Verkündigung der neuen 
Borufsrechtsorganisation der deutschen Nation, die dann weiterhin zu einer 
allgemeinen Menschheitsorganisation tmd damit auch zm* Überwindung der 
Klriege führen sollte, fast im Lichte eines neuen Messias. Sein Vermächtnis 
werde fortleben ,,als Testament des letzten und ewigen Bundes" (S. 38). 

Die Philosophie Plancks ist auf ihre Zeit ohne alle Wirkung geblieben. 
Gegenwärtig sind Anzeichen vorhanden, die auf das baldige Eintreten einer 
gerechten Würdigung seiner geistigen Bedeutung hinzuweisen scheinen. In 
Württemberg soll er einen Kreis von Anhängern besitzen. Der Vorwurf der 
Schwerverständlichkeit kann nur für die logischen und naturphilosophischen 
Teile seines Systems Tind auch hier nur für die früheren Schriften gelten. 

Auch in Ferd. Roses (geb. 1815 zu Lübeck, gest. 1859 in sehr drückenden 
Verhältnissen) „Individualitätsphilosophie" (Über d. Erkenntnisweise des 
Absoluten, Basel 1841. Über d. Kunst zti philosophieren, ebd. 1847. Die Ideen 
v. d. göttl. Dingen u. uns. Zeit, Berl. 1847. Die Psychologie als Einleitung 
in d. Individualitätsphilos., Gott. 1856) zeigt sich eine Hinwendimg des 
deutschen philosophischen Bewixßtseins zur Politik. Vgl. über ihn Eman. 
Schärer in: Ztschr. f. Philos. u. philos. Krit., 1881, Bd. 78, S. 34—70. 
Von Schär er sind einige Schriften, die auf den Prinzipien Roses beruhen, 
erschienen: Beiträge zur Erkenntnis des Wesens der Philosophie, Zürich 1846. 
Üb. d. Standpxinkt und d. Aufgabe der Philosophie, ebd. 1846. 

§ 18. Aus der Hegeischen Schule hervorgegan- 
gener Radikalismus: Strauß, Feuerbach, Marx, 
Stirner. Die radikalsten Vertreter der Hegeischen Linken wandten 
sich schließHch mehr oder weniger materialistischen Anschauungen 
zu. So Strauß, der durch theologisch-historische Kritik (Leben 
Jesu) den kirchlich -christhchen Glauben an die EvangeUenberichte 
entwurzelte und dessen letzte Schrift ,,Der alte und der neue 
Glaube" die Loslösung von der christlichen Religiosität rückhaltlos 
vollzog. Ferner Feuerbach, der wie Bruno Bauer offen den 
Atheismus proklamierte und Religion und Philosophie in Anthro- 
pologie aufgehen lassen wollte. Von Hegel ist ferner auch Marx 
ausgegangen, der Begründer der materialistischen Geschichts- 
philosophie und des ökonomischen Systems des Marxismus. 



220 § 18, Aus der Hegeischen Schule hervorgegangener Radikalismus. 

Der Radikalismus Feuerbachs (und Bruno Bauers) wurde noch 
überboten durch Max Stirner (1806—56), der eine volle Los- 
lösung des Individuums von allen Autoritäten, seien es Personen 
oder Ideen, lehrte und den Egoismus zum Prinzip erhob. 

Unier die Radikalen, die anfänglich von Hegel abhängig waren, könnten 
hier auch gezählt werden: Bnuio Bauer, Arnold Rüge und andere im vorigen 
Paragraphen Genannte. Wir haben sie aber, da sie nicht so selbständige Ge- 
danken ausgebildet haben wie Strauß, Feuerbach, Marx und Stirner imd namen- 
hch nicht von so bedeutender Wirkung wie die vier gewesen sind, neben die 
sonstigen Anhänger Hegels gestellt. 

Strauß' Schriften: Das Leben Jesu, krit. bearb., Tüb. 1835—36, 
3. Aufl. 1898, in der sich Strauß unter dem Einfluß einer psychischen De- 
pression den positiv-cliristlichen Leliren wieder etwas nähert, 4. Aufl. 1840, 
in der die gemachten Zugeständnisse zurückgenommen werden. Das Werk 
rief große Aufregimg imd zahllose Gegensclxriften hervor. Streitschriften 
zui- Verteid. dieser Schrift, ebd. 1837 — 38. Zwei friedl. Blätter, Altena 1839. 
Charakteristiken luid Kritiken, Lpz. 1839. Die christl. Glaubenslehre 
in ihrer gesch. Entwickig. u. im Kampfe mit der modernen Wissensch. dargest., 
Tüb. 1840—41. Der Romantiker auf dem Throne der Cäsaren oder Julian 
der Abtrünnige, Mannh. 1847 (worin Friedrich Wilhelm IV. von Preußen 
als Wiederhersteller der protestantischen Orthodoxie in ironischer Weise 
verglichen wurde mit Julian, der das Heidentum hatte wieder aufleben lassen 
wollen). Christi. Märklin (Freund von Strauß), ein Lebens- u. Charakterbild 
aus d. Gegenwart, Mannh. 1851. Ulrich v. Hütten, 3 Bde., Lpz. 1858—60, 
2. Aufl. 1871. Herrn. Samuel Reimarus u. seine Schutzschr. usw., Lpz. 1842. 
Kleine Schriften biographischen, liter. u. kunsthistor. Inhalts, Lpz. 1862, 
IL 1867. Preußen u. Schwaben, e. Gespräch, Preuß. Jahrb. 1867, Bd. 19. 
Neue Bearbeitung des Lebens Jesu ,,für das deutsche Volk", Lpz. 
1864, frz. 2 tom. Par. 1864 (vgl. üb. dieselbe u. üb. Renans Vie de J^sus ZeUer, 
in v. Sybels histor. Zeitschr. XII, S. 70ff., wiederabgedr. in Zellers Vortr. 
u. Abb., Lpz. 1865, S. 434ff.). Die Halben u. die Ganzen, Berl. 1865 (der Heidel- 
berger Prof. Schenkel u. d. Berliner Hengstenberg). Der Christus des Glaubens 
und der Jesus der Gesch., Berl. 1865 (eine Kritik der Schleiermacherschen 
Vorlesungen über das Leben Jesu). Voltaire, Lpz. 1870 u. 1871, neue Ausgaben: 
Frankf. 1906, Lpz. 1908. Der alte u. der neue Glaube. Ein Bekenntnis, 
Lpz. 1872, 15. A. mit ein. Vorwort v. Ed. Zeller, 1903, franz. Par. 1910. Ein 
Nachwort als Vorwort zu den neuen Auflagen, Bonn 1873. Als Gegenscliriften 
sind zu erwähnen: J. Huber, Der alte u. der neue Glaube, 1873. H. Ulrici, 
Der Philosoph Strauß, Halle 1873. Gesammelte Schriften von Strauß, 
eingel. u. mit erl. Nachweisungen versehen von Ed. Zeller. 12 Bde., Bonn 
1876-81. Es enthält Bd. I, II: Kl. Schriften; Bd. III, IV: Leben Jesu; 
Bd. V: Zum Leben Jesu; Bd. VI: D. alte u. d. neue Glaube; Bd. VII: U. v. 
Hütten; Bd. VIII, IX: Schubarts Leben in s. Briefen; Bd. X: Klopstock, 
Märklin; Bd. XI: Voltaire; Bd. XII: Poetisches Gedenkbuch. 

Strauß' Briefe: Zahlr. Briefe von Str. an Vatke bei Heinr. Benecke, 
Wilh. Vatke, Bonn 1883. Ausgew. Briefe v. Str., hg. u. erl. v. Ed. Zeller, 
Bonn 1895. Biefe an G. Binder, hg. v. Th. Ziegler in: Z. Biogr. von D. F. Str. 
Deutsche Revue 30. Jg. (1905), 2. u. 3. Bd. Briefe von D. F. Strauß an 
L. Georgii. Hg. von Heinr. Maier (erschienen als Tübinger Universitätsschrift 
U. T. 3) Tübingen (J. C. B. Mohr), 1912. Vieles ungedruckte Briefmaterial 
ist ferner von Th. Ziegler in s. Strauß -Biographie verwertet worden (s. Lit.anh.). 
Ebenda Bd. II, S. 765f. näherer Nachweis jenes Materials; ferner vgl. Kant- 
studien XVII, S. 115. 

jf Strauß' Leben. David Friedrich Strauß, geboren als Sohn eines wohl- 
habenden Kaufmanns den 27. Januar 1808 zu Ludwigsbiirg, machte den ge- 



§ 18. Aus der Hegeischen Schule hervorgegangener Radikalismus. 221 

wohnlichen Bildungsgang der Württemberger Theologen durch. Auf dem 
theol. Seminar zu Blaubeuren war er mit bedeutenden Köpfen, so mit 
Frdr. Theod. Vischer, dem Dichter Gust. Pfizer u. a., zusammen. Von 1825 
an besuchte er die Universität Tübingen, geriet anfangs imter den Einfluß der 
ScheUingschen Naturphilosophie, begeisterte sich sogar für Justinus Kerner 
imd die Seherin von Prevorst, wurde dann aber durch Ferd. Christ. Baur, 
der schon in Blaubeuren sein Lehrer gewesen war, zunächst für Schleiermacher 
gewonnen und befreite sich so unter dem Einfluß von Schleiermachers Glaubens- 
lehre vom Kirchenglauben. Bald danach ging er zu Hegel über, und in gewissem 
Umfange ist er dauernd Hegelianer gebheben. Von entscheidender Bedeutimg 
wurde für ihn die Phänomenologie. Nach Beendigung der Universitätsstudien 
war er kurze Zeit Pfarrvikar, brachte den Winter 1831/32 in Berlin zu, durch 
den Wunsch, Hegel zu hören, dahin gezogen. Derselbe starb jedoch zu seiner 
größten Betrübnis xinmittelbar darauf, nachdem er erst wenige Stunden bei 
ihm gehört hatte. Strauß kam dann in nähere Verbindimg mit den HegeUanern 
Michelet und Vatke, auch verschaffte er sich Nachschriften der Hegeischen 
Kollegs. 1832 wurde er Repetent am Stift zu Tübingen, wurde aber infolge 
seines Lebens Jesu 1835 ans Lyzeima nach Ludwigsburg versetzt, eine Stellung, 
die er 1836 aufgab. Er privatisierte dann in Stuttgart. 1839 wurde er als Pro- 
fessor der Theologie nach Zürich berufen, aber noch ehe er sein Amt antrat, 
bereits wieder pensioniert, da seine Berufung in Zürich die größte Aufregung 
hervorgerufen hatte („Züriputsch"). Von da an lebte er als freier Schriftsteller 
an verschiedenen Orten, so in Stuttgart und Darmstadt. In die Jahre 1842 — 47 
fällt seine unglückliche, eine in ihm bestehende Depression noch erhöhende 
und seine geistige Leistungsfähigkeit stark beeinträchtigende Ehe mit der 
Sängerin Anna Schebest. 1848 war er württembergischer Landtagsabgeordneter. 
Er starb am 8. Februar 1874 in seiner Gebiirtsstadt, wohin er sich seit 1872 
zurückgezogen hatte. — Strauß war eine stark sensible Natur von wesenthch 
intellektueller und zwar kritischer Begabung. Über die Entwicklungsgeschichte 
Strauß' geben außer den Werken und Briefen seine Literar. Denkwürdig- 
keiten Auskunft, insbesondere über die psychologischen Entstehungsbedingungen 
seiner Schriften. Auf persönlichen Erinnerungen beruht die Schrift seines 
Freundes Zeller. Ebenso ist Th, Zieglers Straußbiographie aus eigenster Kennt- 
nis der württembergischen Verhältnisse, sowie imter Verwertung ausgedehnten 
ungedruckten Quellenmaterials verfaßt und daher zum. Teil von urkundhchem 
Wert. In gewissem Grcgensatz zu Zieglers Verehrimg für Strauß steht die im 
Persönüchen und SachUchen schärfere, die Schwächen Strauß' klarstellende 
Kritik Maiers (ebenfalls mit Benutzung ungedruckter Briefe gearbeitet). — 
Eine Charakterisierimg der von theologischer Seite über Strauß erschienenen 
Hauptschriften bei Ziegler, Bd. I Vorw. 

Strauß' Verhältnis zur Philosophie. Die Hauptbedeutiing Strauß' 
liegt auf dem Gebiete der Theologie. Die Philosophie selbst hat durch ihn 
überhaupt keine eigenthche Förderung erfahren, so groß auch die pubhzistische 
Wirkung seines alten tmd neuen Glaubens gewesen ist. Obwohl im Grunde 
philosophischer Dilettant, ist Str. doch auf die Geschichte der etiropäischen 
Weltanschauung von entscheidendem Einfluß gewesen: sein Hauptwerk ,,Das 
Leben Jesu" von 1835 vollendete die Zerstörimg des Kirchenglaubens, 
der von der philosophischen Kritik längst untergraben, bzw. in den mildesten 
Fällen (Hegel, Schleiermacher) gänzhch transformiert worden war, insofern 



222 § 18. Aus der Hegeischen Schule hervor gegaügener Radikalismus. 

dasselbe ihn nun auch auf historisch-philologischem Wege entwiirzelte. Sich 
auf den Boden des naturwissenschaftlichen, transzendente Eingriffe in die 
Wirklichkeit ablehnenden Weltbildes stellend, versuchte Str. den Nachweis 
zu erbringen, daß der größte Teil der kirchlichen Lehrüberheferung und 
ihrer Quellen, der Evangehenberichte über Jesu, in das Bereich des Mythus 
gehört. Diesen auf das Alte Testament schon stärker angewandten, für das 
Neue Testament erst zm-ückhaltend geltend gemachten Begriff übertrug nim- 
mehr Strauß avif dasselbe in größter Ausdehnimg. Doch hielt er noch im Prinzip 
an der Hegeischen Lehre fest, daß in den Religionen, und also auch im Christen- 
tum, tiefere Walxrheit, obschon in der Form der Vorstellung, nicht des reinen 
Erkennens, vorhanden sei, ebenso, daß die die Mythen produzierenden Volks- 
geister die Weltvermmft in sich enthielten. Dennoch siegte der starke Instinkt 
Str.' als Historiker über diese metaphysische Konstruktion in solchem Maße, 
daß sie auf seine historische Forschung ganz einflußlos blieb, wodurch deren 
negative zerstörende Tendenz ausschheßüch in den Vordergrund trat; daher 
das imgeheure Aufsehen, das das Werk bei seinem Erscheinen gemacht hat. 
So sehr manche Ergebnisse des Buches inzwischen überholt sind, ist es trotz 
aller erfahrenen Angriffe auf die Entwicklung der historisch-theologischen 
Kjritikdochvon größter Bedeutiuig gewesen. In seiner Christlichen Glaubens- 
lehre (1840 — 41) heß Str. dem Leben Jesu ein weiteres Werk nachfolgen, 
das die zerstörende Wirkung des ersten vollenden soUte. Obwohl ebenfalls 
prinzipiell auf Hegelschem Standpunkt stehend, hat auch dies Werk eine ganz 
wesentUch negative Tendenz. Str, sieht die Geschichte des Dogmas zugleich als 
seinen Auflösungsprozeß an. „Die wahre Kritik des Dogma ist seineGeschichte" 
(I, 71). Unter Preisgabe des theistischen. Gottesbegriffs, der kirchUchen 
Cliristologie, der UnsterbUchkeit des Glaubens, wie überhaupt des ganzen 
cliristlichen Jenseits, vertritt Str. den pantheistischen Standpunkt Hegels. 

Nach einer längeren Zwischenperiode, in der Str., der niemals wieder 
die Schaffenskraft der Zeit des Lebens Jesu zurückerlangt hat — dasselbe 
war in außerordentlich kurzer Zeit, in, wie er sagt, ,,inBpirativer" Weise ent- 
standen — , sich als biographischer Schriftsteller (s. o.) hervortat, veröffent- 
lichte er 1864 noch eine ins Populärere umgestaltete Bearbeitung des Lebens 
Jesu (die erste war absichtlich streng wissenschaftlich gewesen). Dieselbe ließ 
neben der Kritik das positive Bild vom Leben Jesu, soweit es Str, wirklich 
rekonstruierbar schien, deuthcher hervortreten. Das Buch bheb ohne die 
Wirkung des ersten Leben Jesu. 

Zu starkem Einfluß ist dann wieder das letzte größere Werk Str.' 
gelangt: „Der alte vmd der neue Glaube" (1872); es wurde ein Aufklänmgsbuch 
in der Art von Büchners Kraft und Stoff. Es ist das einzige eigentlich philo- 
sophische Werk Str.'. (4 Abschnitte: 1. Sind wir noch Christen? 2. Haben 
wir noch Rehgion ? 3. Wie begreifen wir die Welt ? 4. Wie ordnen wir unser 
Leben ?) Der Einfluß Hegels ist noch mehr in den Hintergriuid getreten als 
früher. Str. ist in weitem Umfang zum Materialismus übergegangen. Ihre 
Wirkimg verdankt die Schrift neben dem klaren Stil, der Str. überhaupt 
zu eigen gewesen ist, der selbstsicheren Art, mit der in ihr die Loslösimg vom 
„alten Glauben" rückhaltlos vollzogen war. Str. stellt sich ganz und allein 
auf den Boden der positiven Wissenschaft, die ihm vor allem in der Natur- 
wissenschaft verkörpert war. Der Bruch mit dem Christentum, seiner Meta- 
physik wie seiner Ethik, ist nicht nur verstandesmäßig, sondern auch gefühls- 



§ 18. Aus der Hegelpchen Schule hervorgegangener RadikaÜBnius 223 

mäßig mit voller Sicherheit vollzogen: ebendeshalb wurde das Buch von so 
N^elen als innerlich befreiend und alles Nebulose vertreibend empfimden. 
Straviß beantwortet die Frage „Sind wir noch Christen ?", die damals noch die 
meisten innerlich bewegt hat, mit einem sicheren ,,Nein". Doch nimmt er auch 
für das Abhängigkeitsgefühl vom AJl mit Schleiermacher die Bezeichnung 
als Religiosität für sich in Anspruch. Wenn so Str. sich auch grundsätzlich 
zum Pantheismus bekannte, tritt die Bedeutung desselben für seine Lebens- 
anschauung doch völlig in den Hintergrund gegenüber der Rolle, die die Hin- 
gabe an die Kunst, vor allem die klassische deutsche Dichtung und Musik, 
darin eirmimmt. Dieselbe tritt bei ihm an die Stelle der Religion. Der Lebens- 
wert, den sie für ihn besessen hat, spricht sich aus in den zwei Anhängen des 
alten und neuen Glaubens: Von unsern großen Dichtern; Von unsern großen 
Musikern. — Besonders schwach sind die ethischen Partien des Buchs. Inter- 
essanter sind seine staatsphilosophischen Gedanken, die eine bedeutende poli- 
tische Einsicht iind Voraussicht offenbaren. In den meisten pohtischen Fragen 
steht Str. auf einem in der Hauptsache konservativen Standptmkt. Er be- 
kennt sich ausdrücklich zur Monarchie und nimmt ztir sozialistischen Bewegung 
eine ähnlich energisch ablehnende Stellung ein wie Jakob Burckhardt. Obwohl 
Süddeutscher, hat Str. mit seinen pohtischen Sympathien ganz auf der Seite 
des strafferen preußischen Staates gestanden. 

Feuerbachs Schriften. De ratione una, universah, infinita. Er- 
lang. 1828 (Habilitationsschrift, deutsch in IV). Gedanken über Tod u. Un- 
sterblichk. (anonym), Nümb. 1830 (I, 3). Geschichte der neueren Philosophie 
V. Bacon v. Ver. bis B. Spinoza, Ansb. 1833 (III, 4). Darstellimg, Entwickliuig 
u. Kritik der Leibnizsch. Pliilosophie, Ansb. 1837 (IV, 5). Pierre Bayle nach 
sein. f. d. Gesch. d. Philos. u. Menschh. interessantest. Momenten, Ansb. 1838, 
2. Aufl. 1844 (V, 6). Ztir Kritik der Hegeischen Philosophie. Hallesche Jahr- 
bücher 1839. Das Wesen des Christentums, Lpz. 1841 u. ö. (VI, 1). 
Kritische Ausgabe mit Einl. u. Anm., v. K. Quenzel, Univ.-Bibl., Lpz., Volks- 
ausg. (Kröner), Lpz. 1909, auch ins Englische übers, von Marian Evans (= Ge- 
orge Ehot), Lond. 1853, 2. ed. 1881, russ. Lond. 1861. Vorläufige Thesen zur 
Reform d. Philosophie, 1842 (II, 2). Grundsätze der Philosophie d. Zukimft, 
Zur. 1843 (II, 2). Das Wesen d. Religion, Lpz. 1845, 2. Aufl. 1849 (VII, 1). 
Das Wesen des Glaubens im Sinne Luthers, Lpz. 1844 (VII, 1). Vorlesungen 
über d. Wesen d. Religion, 1851 erschienen in d. ges. VTW. (VIII, 8), 
Volksausg. (Kröner), Lpz. 1908. Theogonie nach den Quellen des klassisch., 
hebräisch, u. christl. Altertimis, 1857, dsgl. (IX, 9). Gottheit, Freiheit u. 
Unsterblichk. vom Standpvinkte der Anthropologie, 1866 (= Gesamttitel 
von Bd. 10). Spiritualismus u. Materiahsmus, 1866 (X, 10). Der Eudämonismus 
(X, A. d. Nach!.). La Religion. Mort, Immortalite, Paris 1864. — Sämt- 
liche Werke (hg. v. L. Feuerbach selbst), 10 Bde., Lpz. 1846-66.'v 3. T. 
in 2. Aufl. Sämtliche Werke, neu hg. von W. Bolin u. F. Jodl, 10 Bde., 
Stuttg. 1903—11. Die beiden Gesamtausgaben weichen vielfach voneinander 
ab. Die von F. selbst herrührende ist recht sorglos gemacht. Die neue, leider 
auch nicht chronologisch geordnete, enthält mehr als jene auch Stücke aus dem 
Xachlaß; anderseits läßt sie einiges nünder Wichtige fort. Auch hat sie den 
Text stilistisch verbessert, wie sie überhaupt nicht streng wissenschaftlich, 
sondern für weitere Kreise berechnet ist. Von den in ( ) stehenden Zahlen 
oben gibt stets die römische den entspr. Bd. der neuen, die arabische den 
der alten Ausg. an. Dazu kommen noch: Bd. II: Philos. Kritiken u. Grund- 
sätze; Bd. VII: Erläutenmgen u. Ergänzimgen zum Wesen des Chr. m 

Briefe von und an L. F. zum Säkulargedächtnis s. Geburt, hg. u. biogr. 
eingel. v. Wilh. Bolin, 2 Bde.. Lpz. 1904. Briefwechsel zw. F. u. Chr. Kapp, 
hg. V. A. Kapp, Lpz. 1879. Stücke aus d. Nachlaß bei Grün (s. Lit.anhang), 
vgl. auch die Schriften von Beyer, Bolin und Kohut. — Aussprüche aus F.s 
Werken, Lpz. 1879. 



224 § 18. Aus der Hegeischen Schule hervorgegangener RadikaUsmus. 

Feuerbachs Leben. Ludvtdg Feuerbach, geb. am 28. JuU 1804 zu 
Landshut als Sohn des berühmten Kriminalisten Anselm F. (eines Bruders 
des Vaters des Malers Anselm F.), studierte zuerst in Heidelberg Theo- 
logie, wurde hier diirch Daub für Hegel gewonnen und ging 1824 nach 
Berhn, wo er diesen selbst hörte und sich bald ganz der Philosophie widmete. 
Er habilierte sich 1828 in Erlangen. Infolge seiner Schwenktmg zum Naturahs- 
mus kam er jedoch, obwohl seine philosophiegeschichtlichen Arbeiten Aner- 
kenntmg fanden, in der akad. Lavifbahn nicht vorwärts. Er verUeß 
sie deshalb iind lebte seit 1836 in nicht glänzenden, aber auskömmlichen Ver- 
hältnissen in Bruckeberg, einem Dorfe zwischen Ansbach tind Bayreuth. Im 
Wintersemester 1848 — 49 hielt er auf Einladung seitens eines Teiles der Studen- 
tenschaft in Heidelberg öffentliche Vorlesungen über das Wesen der Religion. 
1860 geriet er mit seiner Frau in Vermögensverfall tind sehr bedrängte Umstände, 
infolge deren er auf denRechenberg bei Nürnberg übersiedelte, wo er am 13. Sept. 
1872 starb. Er war im Leben reiner Idealist und hat die akademische Laufbahn 
seinen wissenschaftlichen Überzeugungen, wie sie nun einmal waren, geopfert. 
Die ländliche Abgeschiedenheit seines Lebens brachte ihn auch mit Ungebildeten 
in näheren, von ihm nicht gemiedenen Verkehr. So stand er auch in Briefwechsel 
mit dem Bauernphilosophen Konrad Deubler (1814—84), der in Goisern 
bei Ischl lebte. Vgl. über diesen K. D. : Tagebücher, Biographie und Brief- 
wechsel des oberösterr. Bauernphilosophen, hg. v. Dodel-Port, Lpz. 1886. 

Feuerbachs Philosophie. Eine Übersicht über seine Schriften und 
Entwicklung hat Feuerbach selbst in den Vorlesungen über das Wesen der 
Religion gegeben. — Wie Strauß ist auch Feuerbach von Hegel ausgegangen. 
Seine ersten Schriften befinden sich in deutlicher Abhängigkeit von demselben. 
Manche der Hegeischen Äquivokationen treten bei ihm in verschärfter Beleuch- 
tung zutage, so in den „Gedanken über Tod und Unsterblichkeit". Während 
Strauß bei aller Entfermmg, die sein Denken allmählich von dem Hegels trennte, 
niemals völlig mit diesem gebrochen hat, ist dieser Schritt von F. 1839 
in aller Förmlichkeit durch eine Blritik der Philosophie Hegels, „dieser rationellen 
Mystik", vollzogen worden. (Viel Klritisches gegen Hegel atißerdem besonders 
in den Grundsätzen der Philosophie der Zukunft.) Doch reichen die Anfänge 
seines Naturalismus noch weiter zurück, ztdetzt sogar bis in die Jahre, wo er 
Hegel selbst gehört hat. Umgekehrt zeigt Feuerbach auch nach seiner Los- 
lösung mehrfache dialektische Verwandtschaft mit Hegel. 

F.s philosophische Leistiing ist der Versuch, die von Strauß historisch- 
theologisch erschütterte Religiosität auch psychologisch zu ent- 
wurzeln. Alle seine Schriften, auch die philosophiegeschichtlichen, haben, wie 
er selbst anerkennt, zu ihrem letzten Ziel das Religionsproblem. Seine 
Hauptschrift ist ,,Das Weeen des Christentums", das von allen seinen 
Werken bei weitem die größte Wirkung geübt hat. ,,Man muß", sagt Engels, 
„die befreiende Wirkimg dieses Buches selbst erlebt haben, tun sich eine Vor- 
stellung davon zu machen. Die Bcgeistenmg war allgemein; wir waren alle 
momentan Feuerbachianer." Um jenes Buch herum gruppieren sich, es er- 
gänzend, eine Anzahl anderer Schriften, von denen die wichtigste die „Theo- 
gonie" ist. Die Schrift „Das Wesen der Religion" füllt eine Lücke aus, die 
das „Wesen des Christentiims" gelassen hatte: sie entwickelt F.s Theorie 
der Naturreligion. Die „Vorlesvingen üb. d. Wesen d. Relig." endlich 
geben eine Zusammenfassung und Erläuterung der bis dahin (1848/49) 



§ 18. Aus der Hegeischen Schule hervorgegangener Radikalismus. 225 

erschienenen Werke F.s. — Der Weg, auf welchem F. die Religion zu 
überwinden versucht, ist die Aufdeckung ihrer Entstehung aus egoisti- 
schen Tendenzen des Menschen. Unter völhger Ablehnung von Hegels 
Auffassung der ReUgion als einer Ergreifung höherer Wahrheiten in der Form 
der Vorstellung sucht F. sie als ein Produkt des menschhchen Egoismua 
zu erweisen. Ihre tiefste Wurzel ist auch nach F. das Schleiermacher- 
sche Abhängigkeitsgefühl des Menschen von der Natxxr. Auf der ersten Stufe 
wird die Natur selbst, welche freilich vom primitiven Menschen als menschen- 
ähnliches Wesen aufgefaßt wird, zur Gottheit gemacht. Auf späterer Stufe, 
in der Geistesreligion, die F. mit dem Christentum identifiziert, wird die 
Gottheit über die Natur gestellt. Die Gtottheit ist aber auch dann nichts als 
das Wesen des Menschen, das dieser sich noch einmal selbst gegenüberstellt. 
Alle ihre Züge sind Wiederholungen menschlicher Eigenschaften. Dieses 
Phantasiegebilde von Gottheit entsteht aus den Wunschtendenzen, die die Not 
des Lebens im Menschen wachruft. Der Mensch wendet sich mit Grebeten, 
Opfern usw. an dieses selbstgeschaffene Wesen, um Hilfe von ihm zu erlangen. 
„Der Mensch — dies ist das Geheimnis der Rehgion — vergegenständlicht 
sein Wesen imd macht dann wieder sich zvmi Gegenstand dieses vergegenständ- 
lichten, in ein Subjekt, eine Person verwandelten Wesens" (VI, 37). Der Stand- 
punkt der Religion ist der praktische, der egoistisch-subjektive. F.s 
religionsphilosophische Schriften sind der breit ausgeführte Versuch, diesen 
Gedanken für alle Seiten der Religion durchz\iführen, sie alle als Erzeugnisse 
der Wixnschtendenzen des Egoismus zu erklären. So ist das Dogma von der 
Auferstehung Jesu z. T. nach ihm das befriedigte Bedürfnis des Menschen 
nach Grewißheit für die persönliche Fortdauer nach dem Tode. 

F. bezeichnet diese psychologische Rehgionslehre als Anthropo- 
logie. Von dem Zeitpunkt, wo sie sich dvirchsetzen werde, wird nach F. 
eine neue Epoche datieren, insofern, als nun erst der Mensch und das Mensch- 
hche, insbesondere die Menschenliebe das erste werden, während die bisherige 
Zvirückfühnxng der Moral auf Gott ein gefährUches Unternehmen ist, da auch 
das Schlechteste durch Benxfung auf Gott schon gerechtfertigt worden ist, 
die Aufklärung ist darum „eine moralische Notwendigkeit, eine heilige Pflicht" 
(VII, 270). — Die Ethik basierte F. auf den GlückseUgkeitstrieb. „Der Materia- 
iismus ist die einzige sohde Grxindlage der Moral" (X, 151). Besonders stark 
wirkte auf das „junge Deutschland"seineBetonungder„gesvmdenSinnhchkeit". 

Die erkenntnistheoretisch-metaphysischen Gedanken F.s (sie 
sind besonders in den „Grxmdsätzen der Philosophie" entwickelt) sind 
gegenüber seiner Religionsphilosophie von diirchaus sekundärer Bedeutiong. 
Weder sind sie gleich durchgearbeitet, noch haben sie eine annähernd gleiche 
Wirkung geübt. Auch auf diesem Gebiet hat F. in Gegensatz zrum 
Hegelianismus gestanden. Er bekannte sich zu einer Art von unklarem sensua- 
Ustischen Realismus. Raum und Zeit haben nach ihm reale Bedeutiing. Ich 
xmd Leib sind nicht trennbar. Vielmehr hat F. das — übrigens be- 
sonders auch im Sinne des geschichtspliilos. Materialismvis gemeinte — 
bedenkliche Wort gesprochen: „Der Mensch ist, was er ißt." Einen rückhalt- 
losen MateriaUsmus hat er freiUch nicht vertreten. 

Friedrich Feuerbach, ein Bruder Ludwigs, popularisierte die spätere 
Lehre seines Bruders in : Grundzüge der Rehgion d. Zukim^ft, Zürich u. Nürnbg. 
1843-45. 

Ueberweg, Gnmdriß rv. Jg 



226 § 18. Aus der Hegelschen Schule hervorgegangener Radikalismus. 

Namentlich in den vierziger Jahren übte Feuerbach einen nicht unbe- 
deutenden Einfluß aus, der aber lun so geringer wurde, je mehr sich F. 
von der Philosophie entfernte und je unniethodischer und xinsystematischer er in 
seinen Schriften vorging. Doch fanden auch noch nach seinem Tode seine Lehren, 
namenthch die über ReHgion, Anliänger und \^erehrer, bis hin zur Gegenwart. 
Ludwig Knapp (1821 — 58, habilitiert in Heidelberg, gest. zu Darmstadt) 
System der Rechtsphilosophie, Erlangen 1857, knüpft an F. unmittelbar 
an, indem er das Recht in natiu'wissenschaftlicher Weise zu begründen sucht. 
Die Sinnesphysiologie muß der Pliilosophie als Basis dienen, und besonders 
ist die Annahme einer substantiellen einfachen Seele zu beseitigen, zugleich 
die unzähhger anderer phantastischer Gebilde. Das Denken ist teils ein vor- 
stellendes, teils ein „muskulär erregendes", welches letztere vor allem wichtig 
für die Rechtsphilosophie ist. Es ergreift seinen Gegenstand, indem es ihn sich 
Tjnterwirft. ,,Die muskulär erzw\ingene Unterwerfimg der Natur unter die 
menschhche Gattung ist die Volkswirtschaft, die des menschhchen Individuioms 
unter die Gattung ist die Sittüchkeit", die wieder in Moral tmd Recht zu unter- 
scheiden ist. S. Alor. Rau, L. Feuerbachs Philos. usw., S. 22 — 78. WiUi. Bohn, 
L. Feuerbach, sein Wirken usw., S. 267 — 272. Viel Anregtmg haben auch der 
Ästhetiker Hermann Hettner und der Naturforscher Moleschott, s. u., 
von F. gehabt, mit dem sie in Heidelberg genauer bekannt geworden waren. 
Ein begeisterter Anhänger F.s war WiUi. Bolin (geb. 1835, Bibhothekar in 
Helsingfors), in dessen Werken über F. sich auch ausführhche Kapitel über 
nächste Anhängerschaft, über Jünger F.s und diesem Gleichgesinnte finden. 
Eine bedeutende Schätzung Heß auch Friedr. Jodl (s. u.) F. zuteil werden. 

Gegen Ludw. Feuerbach und Bruno Bauer wandte sich Grg. Frdr. Dau- 
mer (1800—75, mehrere Jalire GjTnnasiaUehrer in seiner Vaterstadt Nürn- 
berg, bekannt dvirch seine Beziehtmgen zu Kaspar Hauser, trat 1859 zum 
Katholizismus über) mit der Schrift: Der Anthropologismus und Kritizismus 
der Gegenwart in der Reife seiner Selbstoffenbarung, Nürnb. 1844, worin er 
ihnen Vergötterung des Menschen auf Kosten der einen großen, heihgen Mutter 
Natur vorwirft. Li seinen vorkatholischen Schriften bekämpfte er in etwas 
unklarer Weise das Christentum, das er als natur- und menschenfeindlich be- 
zeichnete. 

Mit Frdr. Engels veröffentlichte Marx zusammen: Die heilige Familie 
od. Kritik der kritischen Kritik, e. Streitschrift geg. Bruno Bauer zur Auf- 
klärung des Publikums üb. d. Illusionen der spekulativen Philosophie u. 
üb. die Idee des Kommunismus als die Idee des neuen Weltzustandes, 1845. 
Gemeinsam von Marx und Engels verfaßt ist auch das (anonym erschienene) 
Manifest der kommunistischen Partei, Lond. 1848 u. ö. 

Später erschienen von Marx: Misere de la philosophie. Reponse a la 
Philosophie de misere de Proudhon, Bnixelles 1847, Par. 1908. deutsch 1885, 
3. Aufl. 1895. Zur Kritik der politischen Ökonomie, Berl. 1859. Das Kapital, 
Kritik der politischen Ökonomie, 1. Bd. 1867, 4. Avifl., Hamb. 1892, 8. A. 
1919 (Grundlagen der Marxschen sozialistischen Anschauungen imd Kritik 
der bestehenden Gesellschaft); 2. Bd., herausgegeben von Frdr. Engels (Der 
Zirkulationsprozeß des Kapitals), 1885, 2. Aufl. 1893, 3. Bd., 2 Teile (Der 
Gesamtprozeß der kapitalistischen Produktion), 1894. 5. Aufl., 1919; hg. v. 
K. Kautsky, Stuttg. 1914, 4. A. 1921. Gemeinverst. Ausg. besorgt v. Jul. 
Borchardt, Berl. 1920, 2. A. 1920. Franz Diederich, Geschichtliche Tat. Blätter 
u. Sätze a. d. Schriften u. Briefen v. K. Marx, Berl. 1918. Aus dem literarischen 
Nachlaß von K. Marx. Fr. Engels u. F. Lassalle, hg. v. Franz Mehring, 4 Bde., 
Stuttg. 1902. 



§ 18, Aus der Hepelschen Schule hervorgegangener Badikalitmus. 227 

Friedrich Engels schrieb u. a. : Umrisse zu e. Kritik der National- 
ökonomie in Deutsch-französ. Jahrbücher, hg. v. Hugo u. Marx, Paris 1844, 
wieder abgedruckt in Neue Zeit 1890—91, I. Bd.; Die Lage der arbeitenden 
Klasse in England, Lpz. 1845, 2. Aufl. 1892; Herrn Eugen Dührings Um- 
wälzung der Wissenschaft (bes. wichtig), Lpz. 1878, 5. Aufl. 1904; D. Ursprung 
d. Famihe, d. Privateigentums u. d. Staates, Zürich 1884, 8. Aufl. 1900, Stuttg. 
1912; L. Feuerbach u. d. Ausgang d. klass. deutschen Philosophie, Stuttg. 
1888, 3. Aufl. 1903, 5. Aufl. Stuttg. 1910, mit Anh.: K. Marx ü. Feuerbach. 
D. Entwickl. des Sozialism. v. d. L'topie zur Wissensch., 5. vervollst. Aufl. 
mit e. Vorw. v. K. Kautsky, Berl. 1907, 6. A. 1908. Grimdsätze des Kommimis- 
mus. A. d. Nachl. hg. v. Ed. Bernstein, Berl. 1919 Gustav Mayer, Friedr. 
Engels. Eine Biographie 1. Bd. Ergänzgs-Bd. Schriften a. d. Frühzeit, Auf- 
sätze, Korrespondenzen, Briefe usw. gesammelt u. hg., Berl. 1920. — Ges. 
Schriften v. K. IMarx imd Fr. Engels, hg. v. R. Ejasanoff, 2 Bde. Stuttg. 
1917. — Briefwechsel zw. Fr. Engels u. K. Marx, hg. v. Bebel u. Bernstein, 
4 Bde., Stuttg. 1913. 

Karl Marx, von jüdischen Vorfahren, Mordechai, stammend, war am 
15. Mai 1818 zu Trier geboren. Er promovierte 1841 in Berhn mit einer Disser- 
tation über Epikur. Sein Fachstudiiun war die Jurisprudenz gewesen, die er 
jedoch nur als untergeordnete Disziplin neben Philosophie xind Geschichte 
betrieben hatte. Seiner Natur nach zimi Gelehrten bestimmt, verschlossen 
ihm jedoch die poUtischen Verhältnisse die akademische Laufbahn. Er wurde 
darum Journalist. Im Jalire 1842 — 43 gab ihm die Stellving als RedakteTir der 
„Rheinischen Zeitung" die erste Veranlassung, sich mit ökonomischen Fragen 
zu beschäftigen. 1844 gründete er, aus Preiißen axisgewiesen, mit Arnold 
Rüge in Paris die ,, Deutsch-Französischen Jahrbücher", in denen er die Ein- 
leitung zu einer Revision der Hegeischen Rechtsphilosophie erscheinen heß, 
in der er bereits Rechtsverhältnisse und Staatsformen auf materielle Lebens- 
verhältnisse zaaxückführt. In Paris redigierte er auch mit Heinrich Heine vl a. 
zusammen den „Vorwärts", lernte Proudhon dort kennen, ging dann nach 
Brüssel, von wo er 1848 ausgewiesen wxirde, wandte sich nach kurzem Aufent- 
halt an verschiedenen Orten Deutschlands wieder nach Paris, von wo er (viel- 
leicht avif Veranlassung der previßischen Regierung) auch ausgewiesen wurde, 
woravif er nach London ging. Hier lebte er bis zu seinem Tode, 14. März 1883. 

Mit ihm aufs engste befreundet war Friedrich Engels, geb. 28. Nov. 
1820 in Barmen, germanischer Herkimft, Kaufmann. 1843—44 im väterUchen 
Geschäft in Manchester, 1845 — 48 mit Marx in Brüssel und Paris, 1848 — 49 in 
Köln, 1849 Adjutant des Willichschen Freikorps im süddeutschen Avif stand. 
Dann wieder in Manchester. Seit 1870 lebte er bis zu seinem am 5. August 1895 
erfolgten Tode in London. Marx tmd Engels haben \'ierzig Jahre in engster 
Arbeitsgemeinschaft gelebt. Doch hat Engels das Hauptverdienst an der Aus- 
bildung des ,, marxistischen Systems" Marx zugeschrieben. Nach Sombart 
ist indessen seine Bedeutung für sie größer, als er selbst angibt, insbesondere 
hinsichtlich der allgemeinen philosophischen Grundlagen des Marxismus. 

,, Materialistische Dialektik" nannten er imd Engels ihre Philosophie. Der 
Marxismus hat sich stets als Abkömmling der klassischen deutschen Plülosophie 
empfunden. „Wir deutschen Sozialisten sind stolz daratif, abzustammen nicht 
nur von Saint -Simon, Fourier und Owen, sondern auch von Kant, Fichte und 
Hegel. Die deutsche Arbeiterbewegung ist die Erbin der deutschen klassischen 
Philosophie." 

Im Gegensatz zum Ideahsmus besaß Marx ein außerordenthch scharfes 
Auge für die Wirksamkeit der niedrigen Instinkte des Menschen, die für ihn 

15* 



228 § 18. Aus der Hegeischen Schale hervorgegangener Radikalismus. 

eigentlich die einzigen waren. Seine wissenschaftliche Stärke war die Beherr- 
schung der englischen, französischen und auch der russischen ökonomischen 
Verhältnisse. Auch Marx ist ursprüngHch von Hegel ausgegangen, wandte sich 
dann aber der radikalen Linken zu. Gemeinsam mit Engels verfaßte er (1845) 
eine Kritik der nachhegelschen Philosophie, die jedoch nicht in den Druck kam. 
Indessen hat Marx die verächtliche Mißachtiing Hegels, in der sich ,,das ver- 
drießliche, anmaßliche imd mittelmäßigeEpigonentum'' geliel, nicht mitgemacht. 
Auch blieb noch fernerhin Hegels Einfluß auf ihn ein sehr beträchtlicher. 
— Der größte Teil der von Marx entwickelten Theorien gehört den positiven 
Wirtschaftswissenschaften an, von philosophischer Hedeutvmg ist die allgemeine 
Grundanschauung vom geschichtlichen Leben, die d m ganzen System zugrunde 
liegt. Es ist die sogenannte ,, materialistische Goschich^^sauffassung". 
Dieselbe stellt die genaue Umkehrung der idealistischen Auffassung, nach der 
der Verlauf der Geschichte in erster Linie durch geistige Ideen bestimmt wird, 
dar. Nach Marx sind die eigentlichen Triebkräfte in der Gesellschaft die wirt- 
echaftüchen. Der ganze Geschichtsverlauf ist ein ökonomischer Kampf. Dieser 
Auffassung entsprechend ist nach Marx „die ganze Geschichte eine Geschichte 
von BQassenkämpfen gewesen" (im Manifest), ein Gedanke, der nach Engels 
für die Grcschichtswissenschaft denselben Fortschritt bedeutet, wie Darwins 
Theorie für die Naturwissenschaft. 

Der gegenwärtige Zxistand der GeseUschaftsordnungist der kapitab'stische . 
Aus ihm wird sich durch den Klassenkampf eine andere, die des Kommunismus 
des Eigentums, insbesondere der Arbeitsmittel, entwickeln. Die Klassenunter- 
schiede werden aufhören. Auf welchem Wege dieser Prozeß stattfinden wird, 
ob auf demder Revolution oder dem der friedUchen Evolution, darüberschwanken 
die Aussagen von Marx. Es ist der Nachweis zu erbringen versucht worden^ daß 
die spezifisch ,, marxistische" Ansicht die evolutionäre ist. Hammacher (s. u.) 
sieht in der (angeblichen) Durchdringiuig des Proletariats mit dieser unrevo- 
lutionären Anschauung sogar ein Hauptverdienst von Marx. In Wirklichkeit 
ist zu sagen, daß die revolutionäre Tendenz keineswegs derart von Marx auf- 
gegeben ist. 

Die äTißerste Zuspitzvmg der Überwertung der materiellen Momente im 
Leben durch Marx stellt seine Lehre dar, daß nicht allein der Gesellschafts- 
zustand, sondern auch das gesamte geistig-kulturelle Leben durch sie bestimmt 
ist. Die materialistische Geschichtsauffassung erklärt ,,alle historischen Er- 
eignisse und Vorstellmigen, alle PoUtik, Philosopliie, Religion aiis den mate- 
riellen ökonomischen Lebensverhältnissen der fraglichen geschichtlichen Periode' ' 
(Engels). Die Gesamtheit der Produktionsverhältnisse bUdet die „reale Basis, 
worauf sich ein juristischer und politischer Überbau erhebt, und welcher be 
stimmte gesellschaftliche Bewußtseinsformen entsprechen. Die Produktions- 
weise des materiellen Lebens bedingt den sozialen, politischen und geistigen 
Lebensprozeß überhaupt. Es ist nicht das Bewußtsein der Menschen, das ihr 
Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschafthchos Sein, das ihr Bewußtsein be- 
stimmt." 

Der Staat ist nicht ein selbständiges höheres Gebilde, sondern niir eine 
Organisation seitens der die Produktion beherrschenden Klasse. ,,Der moderne 
Staat ... ist eine wesentHch kapitalistische Maschine, Staat der Kapitalisten, 
der ideelle Kapitalist" (Engels). „Die moderne Staatsgewalt ist nur ein Aus- 
schuß, der die gemeinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisklasse ver- 



§18. Aus der Hegeischen Schule hei vfrgegangeiier Radikalismus. 229 

waltet" (Manifest). Aber nicht nur der Staat, sondern auch Moral und sogar 
Religion und Philosophie sind durchaus bedingt durch die ökonomischen Ver- 
hältnisse und den Klassenkampf, sind ihre bloße ,, Ideologie". Eine wirkliche 
Durchführung dieser Auffassung haben weder Marx noch Engels geleistet, 
sondern es bei allgemeinen Andeutungen xind einzelnen Beispielen bewenden 
lassen. So erblickt Engels in Calvins Dogma von der Gnadenwahl den ,, religiösen 
Ausdruck der Tatsache, daß in der Handelswelt der Konktirrenzerfolg oder 
Bankerott nicht abhängt von der Tätigkeit oder dem Geschick des einzelnen, 
sondern von Umständen, die von ihm imabhängig sind". Und Marx sieht in 
Locke den Vertreter der neuen Bourgeoisie, der ,,in einom eignen Werke sogax 
den bürgerlichen Verstand als menschlichen Normalverstand nachwies". Der 
Hauptvertreter der Bovirgeoisie aber ist nach Marx Hegel gewesen. — Die für 
die Massenpropaganda zugeschnittene Geetalt des Marxismus stellt das Kommu- 
nistische Manifest dar, dieses höchst wirksame, ebenso talentvolle, wie innerlich 
vinwahre Meisterstück sozialistischer Agitationsweise. 

Die historische Wirktmg des Marxismus ist eine enorme gewesen. Die ge- 
samte sozialistische Bewegung ist von marxistischen Ideen erfüllt gewesen. — 
Weiterbildung des Marxismus u. a. im ,. Marx- Archiv", hg. v. Max Adler u, 
Rud. Hilferding in Wien (seit 1904). Den Versuch, die materialistische Ge- 
schichtsauffassung auf die Entwicklung der Philosophie anzuwenden, hat 
Abraham Eleutheropulos gemacht (s. weiter xmten). 

Stirners Schriften. Sein Hauptwerk ist Der Einzigefund sein 
Eigentum, Lpz. 1845, 2. Aufl. 1882, 3. Aufl. 1901, auch in der Universal- 
bibl. 1892. Privatausgabe. Veranstaltet von J. H. Mackay, Charlottbg. 1911. 
Seit 1900 liegen Übersetzungen vor ins Französ. (2), Dan., Russ., Span. (2), 
HolL, Engl., Ital. (übers, v. E. Zoccoli, 2. ed. Torino 1908, mit e. Einl. ü. Stirner 
u. s. Geistesverwandte). Die Geschichte der Reaktion, 2 Bde., Berl. 1852. 
Kleinere Schriften u. seine Entgegnungen auf die Krit. seines Werkes ..Der 
Einz. u. s. Eigent." aus d. Jahren 1842—47, hg. von John Henry Mackay, Berl. 
1898. D. unwahre Prinzip unserer Erziehung od. d. Himaanism. u. Realism., 
Lpz. -Charlottenburg 1911. Nachweis weiterer Arbeiten St.s in Mackays Stimer- 
Biographie (s._,u.) 2. A., S. VHIf. Ferner übersetzte St. L. B. Says Lehrb. d. 
prakt. polit. Ökonomie u. Ad. Smiths Untersuchung ü. d. NationaLreichtizm, 
beide Lpz. 1845—47, sowie Says Kapital und Zinsfuß, Hambg. 1852. Stimer- 
Brevier. hg. v. Anselm Ruest, 2. A. Berl. 1906. 

Stirners Leben. Max Stirner, Pseudonym für Johann Caspar Schmidt, 
geb. 25. Okt. 1806 in Bayreuth, studierte 1826—28 u. 1832 — 34 in BerUn, wo er 
auch Hegel hörte, und erlangte 1835 die l edingte facultas dccendi. Er ist jedoch 
niemals als Gymnasiallehrer angestellt werden. Mehrere Jahre war er an einer 
höheren Töchterschiile, später als Zeitungskorrespondent tätig. Er gehörte 
dem Kreise der Hippeischen „Freien" an. Durch die Veröffentlichimg des 
,, Einzigen u. s. Eigentvun" — die zunächst konfiszierte Schrift wtirde ihrer 
„Absurdität" wegen bald wieder freigegeben — erregte er Sensation (das Nähere 
bei Mackay). Das Werk ist dann aber ebenso wie sein Verf. seit 1848 schnell 
vergessen worden. Am 25. Jvmi 1856 starb er vereinsamt in dürftigen Verhält- 
niesen. — Das Verdienst, die noch eruierbaren Daten über sein Leben ermittelt 
zu haben, kommt den langjährigen Bem^ühimgen des Dichters J. H. Mackay zu. 

Stirners Lehre. Sein Hauptwerk hat nach einer Einleitxmg mit der 
Überschrift: Ich hab' mein' Sach' auf Nichts gestellt, zwei Abteilungen: Der 
Mensch und Ich, läßt aler an Ordnung und Verständhchkeit zu wünschen 
ütsrig. Stirner tritt dem LiberaliEmus entgegen, namentlich den Ansichten 



230 § 18. Aus der Hegeischen Schule hervorgegangener Radikalismus. 

Feuerbachs und Bruno Bauers, die ihm viel zu wenig radikal sind. „Der Mensch 
ist dem Menschen das höchste Wesen, sagt Feuerbach. Der Mensch ist nun erst 
gefunden, sagt Br. Bauer. Sehen wir uns denn dieses höchste Wesen luid diesen 
Fund genauer an!" Bauer und Feuer bach vergessen bei ihrem abergläubischen 
Standpunkte die Hauptsache: Den Einzelnen, das Ich, welches das einzig 
Wahre ist. 

Die Philosophie Stirners ist die Vertretung des absoluten Egoismus. 
Er lehnt es ab, die Sache der Menschheit oder die Sache Gottes zu seiner eignen 
zu machen. Beide seien radikale Egoisten : die Menschheit, die das Individuum 
-als Opfer für sich fordert ; aber auch Gott, denn mag er immerhin die Sache der 
Wahrheit und Liebe zur seinigen gemacht haben, er tut es, weil sie ihm nicht 
fremd sind, sondern weil er selbst die Walirheit und die Liebe ist. ,,Gott und 
die Menschheit haben ihre Sache auf Nichts gestellt, aui nichts als auf sich. 
Stelle Ich denn meine Sache gleichfalls a^^f Mich, der Ich so gut wie Gott das 
Nichts von allem andern, der Ich mein alles, der Ich der Einzige bin!" Ein 
grenzenloses Souveränitätsgefühl erfüllt Stirner. „Jedes höhere Wesen über 
Mir, sei es Gott, sei es der Mensch, schwächt das Gefülil meiner Einzigkeit und 
erbleicht erst vor der Sonne dieses Bewußtseins." Gott, Kaiser, Papst, Vaterland 
usw. sind nichts als Gespenster, die zerstört werden müssen. Alle Ideale sind 
„Sparren". Von allem diesen Unsinn nauß der Mensch sich befreien. Nichts 
darf der „Eigene" anerkennen als sich selbst. ,,Wenn Du das HeiUge verzehrst, 
hast Du's zum Eigenen gemacht. Verdaue die Hostie und Du bist sie los!" 
Durch dieses Sichstellen nur auf sich selbst kommt man weiter als durch die 
bloße bürgerhche Freiheit des Liberalismus „Als Eigene seid Ilxr wirklich 
Alles los, und was Euch anhaftet, das habt Ilir angenommen, das ist Eiire Wahl 
und Euer Belieben. Der Eigne ist der geborene Freie, der Freie von Haus aus; 
der Freie dagegen nur der Freiheitssüchtige, der Träumer und Schwärmer." — 
Die Mittel, mit denen man sich in der Welt durchsetzt, „richten sich nach dem, 
was Ich bin. Bin Ich schwach, so habe Ich nur schwache Mittel . . . Ohnehin 
sehen Betrug, Heuchelei, Lüge schlimmer aus als sie sind". ,, Einen Felsen, der 
Mir im Wege steht, umgehe ich solange, bis Ich Pulver genug habe, ihn zu 
sprengen; die Gesetze eines Volkes umgehe Ich, bis Ich Kraft gesammelt habe, 
sie zu stürzen." ,,Ich will Alles sein und Alles haben, was Ich sein und haben 
kann. Ob andere Ähnliches sind vmd haben, was kümmerts Mich ?" „Ist der 
Staat eine Gesellschaft von Menschen, nicht ein Verein von Ichen, deren jedes 
nur sich im Auge hat, so kann er ohne Sittlichkeit nicht bestehen und muß auf 
Sittlichkeit halten. Darum sind wir beide, der Staat und Ich, Feinde. Mir, 
dem Egoisten, liegt das Wohl dieser ,menschlichen Gesellschaft' nicht am 
Herzen, ich opfere ilir nichts. Ich benutze sie nur." „Was kümmert mich das 
Gemeinwohl?" ,,Ich hab' mein Sach' auf Nichts gestellt." 

Man würde Stirner jedoch mißverstehen, wenn man seine Gedanken 
einzig im Sinne eines rein materiellen Egoismus auffassen wollte. Er fordert 
auch das Sichdurchsetzen eines Menschen mit nicht rein materiellen Strebungen, 
wofern sie nur aus seinem eigenen Innern kommen und ihm nicht von außen 
aufgepfropft sind. „Der Entdecker einer großen Wahrheit", betont er, „hat 
seine Wahrheit keineswegs um der andern willen gesucht und gefunden, sondern 
um seinetwillen, weil ihn selbst danach verlangte, weil ihm das Dvmkel und der 
Wahn keine Ruhe ließ, bis er nach seinen besten Kräften sich Licht imd Auf- 
klärung verschafft hatte. Er arbeitet also um seinetwillen und zur Befriedigun g 



§ 19. Der spekulative Theismiis und die Gegner Hegels. 231 

seines Bedürfnisses. Daß er damit auch andern, ja der Nachwelt nützlich war, 
nimmt seiner Arbeit den egoistischen Charakter nicht." 

Mit diesem ethischen Solipsismus verbindet sich bei Stimer auch die 
Tendenz zum erkenntnistheoretischen. ,,Ich bin nicht ein Ich neben andern 
Ichen, sondern das alleinige Ich : Ich bin einzig." Es zeigt sich hier ein Ziisammen- 
hang Stirners mit Fichte, nur ist es bei Stirner nicht das absolute Ich, welches 
die Welt schafft, sondern das individuelle, weil nur dies nach ihm wirkUch, das 
absolute dagegen nur in der Einbildung existiert. In gewissem Sinne gehört 
Stirnor in die Nähe des jungen Deutschlands, von dem ihn freilich seine mon- 
archisch-antiliberalen Tendenzen wiedf»r völlig trennen. Er nimmt teil an der 
Opposition gegen die ,, bürgerliche Sittlichkeit". ,,0 Lais, o Ninon, wie tatet 
Ihr wohl, diese bleiche Tugend zu verschmähen. Eine freie Grisette gegen tausend 
in der Tugend grau gewordene Jungfern!" 

Eine eigentlich philosophische Untersuchiing kann Stirners Buch nicht 
genannt werden. Es ist lediglich ein systematisiertes Bekenntnis wenn nicht 
seiner praktischen, so doch seiner theoretischen Auffassung der Leben<<werte. 
(Stimer selbst hatte ein gewisses Bewxißtsein davon, indem er seine Schrift 
als den Ausfluß der egoistischen Mannesjahre bezeichnet, die die idealistische 
Begeistervmg der Jünglingszeit hinter sich gelassen haben und das persönliche 
Interesse über alles setzen. ,,EndHch der Greis ? Wenn Ich einer werde, so 
ist noch Zeit genug davon zu sprechen.") Gleichwohl kommt dem Buch ein 
gewisser Wert zu: der eines philosophisch-ethischen Experimentes. Ein be- 
stimmter denkbarer und in der Realität in nicht wenigen Fällen annähernd 
realisierter Standpunkt, der des schlechthinnigen Egoismus aus Prinzip, ist 
in ihm zu klassischer Formulierung gelangt. Niemals ist das eigentümliche 
Lebensgefühl stolzen rücksichtslosen Egoismus prägnanter zum Ausdruck ge- 
kommen. Der gelegentlich aufgetauchten Vermutxmg, daß Stimers Schrift 
eine Karikatur Feuerbachscher Lehren sei, widersprechen der Ernst des Buches, 
seine übrigen Schriften sowie die biographischen Nachrichten über ihn. Nach 
dem vorübergehenden Sensationserfolg beim Erscheinen ist Stirners Schrift 
erst am Ende des 19. Jahrhiuiderts zu dauernder Beachtung gelangt, nachdem 
E. V. Hartmann bereits in der Philosophie des Unbewußten und in der Phäno- 
menologie des sittlichen BewuJ3tseins auf ihn hingewiesen hatte. Teils war es die 
anarchistisch -poUtische Bewegung, die die Aufmerksamkeit auf ihn hinlenkte, 
teils die Philosophie Nietzsches, die unter vielfachen Mißverständnissen mit 
den Anschauungen Stirners identifiziert wurde. 

§ 19. Der spekulative Theismus und die Gegner 
Hegels. Weder die Hegeische noch die Herbartsche Schule oder 
eine der übrigen hat einen bedeutenden Denker hervorgebracht. Viel- 
mehr finden wir eine philosophische Neubildung größeren Stils nur 
bei den Gegnern der großen Schulen, von denen namentlich die 
Hegeische stark umkämpft wurde. 

In diesem Kampf gegen Hegel kehrte die Philosophie zu 
strenger wissenschaftlicher Methode zurück. Es beginnt deshalb 
das Problem der Erkenntnistheorie wieder hervorzutreten, obschon 
es freilich erst später das Hauptinteresse auf sich zu konzentrieren 



232 § 19. Der spekulative Theismus und die Gegner Hegels. 

anfing. In den Denkern der Glitte des neunzehnten Jahrhunderts 
überwog doch noch das Interesse für Metaphysik. Der Fortschritt 
des philosophischen Denkens geschah auf doppeltem Grebiet. Ein- 
mal wandte man sich von der Hegeischen Methode ab und dem 
Empirismus zu. Man erkannte die Haltlosigkeit jener Methode 
imd die Bedeutung der Erfahrung für die Erkenntnis. Sodann 
versuchte man auch die Metaphysik auf die Erfahrung zu gründen, 
die man noch frei von mechanistisch-materiaUstischen Vorurteilen in 
ihrer überwiegend teleologischen Struktur erkannte. Eine ganze 
Gruppe von Denkern kam auf diesem Wege zur Verwerfung des 
Pantheismus und kehrte zum Theismus zurück, den sie empirisch 
eingehend zu fundamentieren unternahm. (Spekulativer 
Theismus.) Sie näherten sich dabei dem positiven Christentum 
und der Mystik. Auch die vitalistische Theorie wurde weiter 
ausgebaut. Es wurde auch bereits die Bedeutung der sogenannten 
medialen Phänomene, die man noch wesentlich spiritistisch deutete, 
für die Weltanschauung erkannt. 

Die Bedeutung dieser Denkergruppe ist bisher nicht erkannt 
worden. Und doch fand in ihr der eigentliche Fortschritt der 
Philosophie statt. Der größte unter ihnen ist Hermann Lotze 
(s. u.) gewesen der, wie ebenfalls bisher nicht hinreichend beachtet 
worden ist, in den spekulativen Theismus unmittelbar hineingehört. 

Der Begründer der ganzen Bewegung war der Sohn Fichtes 
Immanuel Hermann Fichte. Neben ihm steht U 1 r i c i , 
Beide, ebenso P e r t y , gingen zum Spiritismus über. Als Lehrer 
Lotzes gewann auf die Zukunft Einfluß Christian Hermann 
Weiße, der besonders als Ästhetiker hervorragt. Bei ihm nimmt 
der Theismus einen an Plato erinnernden, ästhetisch großartigen 
Zug an. Ein tiefsinniger, selbständiger, religiöser Metaphysiker 
verwandter Tendenz war auch Steffensen in Basel. 

Katholischer seits wurde dem Schelling-Hegelschen ,, Pantheis- 
mus" besonders durch Anton Günther ein ,, Dualismus" ent- 
gegengesetzt, den jedoch die kirchliche Autorität verworfen hat. 
Trotzdem hat er sich viele Anhänger erworben. 

Einer der energischsten und glücklichsten Kämpfer gegen 
Hegel war Trendelenburg (s. u.). Auch die Herbartianer 
griffen die absolute Philosophie entschieden an. 

'Die Elritik Hegels durch die neue Generation begann schon zu seinen 
Lebzeiten. 1829 erschien Weißes erste Schrift (Über den gegenwärtigen 
Standpunkt d. philos. Wissenschaft. In bes. Beziehimg auf das System 
Hegels." Aber er empfand sich dabei „Hegeln gegenüber Uterarisch so 



§ 19. Der spekulative Theismus und die Gregner Hegels. 233 

gut wie einßam stehend" (Grundzüge der Metaphysik S. VIII). Im selben 
Jahre erschienen auch I. H. Fichtes „B^it'räge zur Charakteristik der neueren 
Philosophie", die ebenfalls Hegels System ablehnten. Fünf Jahre später, 

1835, konnte Weiße in seinen „Grundzügen der Metaphysik" konstatieren, 
daß j.sich dem Kreise der Hegeischen Anhänger gegenüber ein zweiter, zwar 
minder eng geschlossener, aber tun so vielseitiger und rüstiger aufstrebender 
Kreis der jüngeren philosophischen Generation gebildet habe, dessen Losungs- 
wort bisher wenigstens durchaus die Opposition gegen Hegel war" (S. Vlllf.). 
Dieser tun sich greifenden Opposition gegen Hegel ging parallel die Atisbildung 
des spekulativen Theismus mi+ seinem stärkeren Anknüpfen an die Erfahrung 
und dauernd stärkerer Abwendung von dem konstrtiktiven Verfahren Hegels 
tmd Schellings. Doch ist auch bei diesen Denkern eigentlich durchweg ein 
starker Einfluß Hegels zu bemerken, der sich schon äußerlich in der Gliederung 
der Metaphysik äußert (so z. B. bei Weiße) und von ihnen selbst anerkannt wird. 
Ja, Weiße glaubt anfangs sogar, daß das von ihm in Angriff genommene, neu 
zu errichtende System „das nur teilweise naodifizierte Hegeische" sei. Die 
Geringschätzung Hegels setzte erst wesentlich später ein. 

Das literarische Organ des spekulativen" Theismus war die ,, Zeitschrift 
für Philosophie und spekulative Theologie", zu deren Herausgabe sich 
auf Veranlassung I. H. Fichtes im Jahre 1837 eine Reihe von Männern vereinigte. 
Ihr Programm ging dahin: 1. die Interessen christlicher Spekulation rein 
und lauter zu vertreten, sie selbst wissenschaftlich weiter und tiefer atiszubilden 
und namentlich auch auf Naturphilosophie tmd Anthropologie auszudehnen; 
2. die tiefgreifenden Fragen der Dogmatik tmd praktischen Theologie auf philo- 
sophischen Boden zu ziehen tmd in spekulativer Durchbildung sie ihrer 
Lösung oder gegenseitiger Anerkenntnis entgegenzuführen. Die bedeutendsten 
derer, die ihre Mitwirkung versprachen, waren: H. Beckers, Burdach, 
Carus, C. Ph. Fischer, Fr. Hoffmann, Sengler, Steffens, Weiße; 
außerdem beteiligten sich Theologen an der Zeitschrift, so: Jul. Müller, 
Nitzsch, Neander, Rothe, Twesten. Herausgeber war I. H. Fichte. 
Diese Zeitschrift bildete lange den Mittelpunkt der Bestrebtmgen des speku- 
lativen Theismus, welcher die dtirch SchelHng und Hegel angefangene Ent- 
wicklung der Philosophie zu entschiedenem Theismus hinzuführen suchte, tmd 
der Polemik gegen die entgegengesetzten Lehren. Man teilte vielfach die An- 
sichten der Hegeischen Rechten, war vielfach von Hegel abhängiger, als man 
selbst glaubte, meinte aber, die Linke habe die Hegeische Lehre folgerichtig 
fortgebildet, tmd suchte sich so von Hegel zu scheiden, wodurch es sich erklärt, 
daß die Polemik gegen Hegel stark hervortrat. Auch nachdem die Zeitschrift 
1847 ihren Titel geändert hatte in „Zeitschrift für Philosophie und 
philosophische Kritik" und sie unter der Redaktion von Fichte und 
Ulrici vermittelndes Organ zu sein beabsichtigt, heß sie doch als Ziel 
noch lange deutlich hervortreten den philosophischen Atisbau der christüchen 
Weltanschauung, weil in dieser alle Grundzüge der Wahrheit tmd alle Keime 
eines künftigen höheren Weltzustandes enthalten seien. Die Zeitschrift hat bis 
1917 fortbestanden, nachdem sie in der Revolutionszeit von 1848 — 52 ein- 
gegangen war. — 

I. H. Fichtes Schriften. De philosophiae novae Platonicae origine, 
Berl. 1818. Sätze zur Vorschule der Theol., Stuttg. 1826. Beiträge zur 
Charakteristik d. neueren Phil., Sulzbach 1829; 2., sehr verm. Aufl. 1841. 
Über Gegensatz, Wendepunkt u. Ziel heutiger Phil., 3 Tle., Heidelb. 1832—36. 
ReUg. u. Ph. in ihr. gegens. Verh., Hdlbg. 1834. Grundziige z. System d. Ph. 
T. 1: D. Erkermen als Selbsterkennen, Heidelb. 1833, T. 2: Die Ontologie, ebd. 

1836, T. 3: Die spekul. Theol. od. allg. Religionslehre, ebaa. 1846. Die Idee d. 
Persönhchkeit u. der individuellen Fortdauer, Elberf. 1834, 2. Aufl. Lpz. 1855. 
Ü. d. Bedingungen e. spekulat. Theismus; in e. Beurteilung d. Vorrede ScheUings 



234 § 19. Der spekulative Theismus und die Gegner Hegels. 

zu dem Werke von Cousin ü. franz. u. deutsche Philos., Elberf. 1835. Ontologie, 
Heidelb. 1836. De principioriun contradictionis, identitatis, exclusi tertii in 
logicis dignitate et ordine comm., Bonn 1840. Über d. gegenw. Standp. der 
Philosophie, Tüb. 1843. Gnmdsätze für die Philos. der Zukimft. E. Vortrag z. 
Eröffn. der 1. Philosophen- Versanmalung in Gotha am 23. Sept. 1847, Stuttg. 
1847. Beitrag z. Staatslehre. D. Republik im Monarchismus, Halle 1848. 
Grundzüge z. Entw. d. künft. deutschen Reichsverfassg., Tüb. 1848. System 
der Ethik. Bd. I. D. philos. Lehre v. Recht, Staat u. Sitte in Deutschland, 
Frankreich u. England v. d. Mitte d. 18. Jh. bis zur Gegenwart, Lpz. 1850; 
Bd.ni — 2. Systemd.Ethik, 1851— 53. Anthropologie. D. Lehre v.d.menschl. 
Seele, begründet auf naturwissenschaftlichem Wege, Lpz. 1856, 3. A. 1876. 
Ü. d. Unterschied zw. ethischem u. naturalist. Theismus, Halle 1857 (a. d. 
Zeitschr. f. Philos., Bd. 29 u. 30). Z^lr Seelenfrage, eine philos. Konfession, 
Lpz. 1859. Psychologie. Die Lehre v. d. bewußten Geiste d. Menschen, 
2 Tle., Lpz. 1864— 73. Die Seelenfortdauer u. d. Weltstellung des Menschen, eine 
antliropol. Untersuchung u. ein Beitrag z. Religionsphil., wie zu einer Philos. d. 
Gesch., Lpz. 1867. Vermischte Schriften z. Philos., Theol. u. Etliik, 2 Bde., 
Lpz. 1869. Die nächsten Aixfgaben f. d. Nationalerziehung d. Gegenwart, 
Berl. 1870. D. bish. Zustand d. Anthropologie u. Psychologie; e. krit. Übersicht, 
Zeitschr. f. Philos. Bd. 12. Die theistischo Weltanschauung und 
ihre Berechtigung, ein krit. Manifest an ihre Gegner u. Bericht über die Haupt- 
avif gaben gegenw. Spekulation, Lpz. 1873 (zusammenfassende Schrift). Fragen 
luid Bedenken üb. d. nächste Fortbildung deutscher Spekulation. Sendschreiben 
an Herrn Prof . E. Zeller, Lpz. 1876. Der neuere Spiritualismus, s. Wert u. 
s. Täuschungen, Lpz. 1878. Spiritualistische Memorabilien, inPsychische Stu- 
dien, Jahrg. 1 87 9 (Sitzungsberichte über das spiritistische Medium L. V. Gülden- 
stubbe). Eine größere Zahl von Abhandlungen erschien in der Zeitschr. f. Philos. 

Immanuel Hermann (von) Fichte, geb. 18. Juli 1796 (nicht 1797) in 
Jena, Sohn des Pliilosophen Joh. Gottl. Fichte, studierte in Berhn Philologie, 
hatte aber bereits frühzeitig philosophische Interessen. Die ersten Quellen 
seiner philosophischen Bildung waren vor allem die g^eUruckten Schriften und 
der handschriftliche Nachlaß seines Vaters, den et nelbst herausgab; femer 
wirkten auf ihn Plato, die Neuplatoniker, Leibniz und ScheUing. Gegen Hegel 
und seine Schule hatte Fichte trotz Anerkennung seiner Gesamtbedeutung und 
obwohl auch er durch ihn manche Beeinflussung erfuhr, starke Abneigung. 
1818 promovierte er vmd habilitierte sich in Berlin. 1822 ging er, da er der 
Regierung politisch verdächtig schien, als Ooerlehrer nach Saarbrücken, 1826 
als ebensolcher nach Düsseldorf, wo er die glücklichsten Jalu-e seines Lebens 
verbrachte. Seine philosophischen Schriften führten dazu, daß er 1836 ao. 
und 1840 o. Professor in Bonn wvirde. 1842 wurde er nach Tübingen berufen, 
wo tr bis za seiner Pensionierung 1863 wirkte. Seitdem lebte er, literajisch 
weiter tätig, in Stuttgart, wo er erst am 8. August 1879 starb. 

Die Bedeutung I. H. Fichtes ist bis zum heutigen Tage nicht erkannt 
worden. Zwar hat er so wenig wie sonst ein anderer seiner Generation ein so 
imafassendes System wie Hegel geschaffen. Dazu lagen ihm die Naturwissen- 
schaften, aber auch die Kunst zu fern. Aber er hat die philosophische Ent- 
wicklimg doch in bedeutsamer Weise gefördert. 

Die Aufgnbe der Philosophie wird von Fichte noch durchaus in welt- 
anschaulichem Sinne verstanden. Sie solle ,,ein möglichst treties, möglichst 
erschöpfendes Nachbild des Weltzusammenhanges und r'er Stufenfolge der 
Dinge bieten, durch Nachdenken sich annähern dem Vorbikle, wie es im 
Denken des Schöpfergeistes entworfen ist" (Psychologie, I, S. XXIX). 

Der Philosophie Hegels und seiner Schule setzte er eine scharfe Kritik 
entgegen, wesentliche Fehler desselben früh richtig erkennend, ohne darum in 



§ 19. Der spekulative Theismtis vind die Gegner Hegels. 235 

das Extrem einer Geringschätzung Hegels zu verfallen. In seiner Einleitung 
zu der von ihm gegründeten „Zeitschrift für Philosophie" stehen die aner- 
kennvingsvollen Worte: „So ist Hegels Religionsphilosophie sein geheimnis- 
vollstes, anregungsreichstes, rätselhaftestes Werk, weil es vom ernsten und wür- 
digen Geisteskampfe dieses Denkers Zeugnis gibt und seine vielfachen Ansätze 
darlegt, die tiefsten und eigensten Walirheiten der ReUgion, welche seinen Geist, 
\aelleicht noch von tiefliegenden Jugendeindrücken her, mit wvmderbarer 
Macht ergriffen hatten (wie richtig das von Fichte geahnt worden ist, wissen 
wir erst seit der Veröffentlichvmg der theologischen Jugendschriften Hegels !), 
in den Umkreis seines spekulativen Prinzips hineinzuziehen und sie von hier 
aus zu bewältigen, wodurch das Werk im ganzen den Ausdruck der Paradoxie 
imd Härte, im einzelnen nicht selten des Schwankenden und Unbestimmten 
behalten m\ißte. Und doch welch ein Verdienst, an jenen tiefsten Gehalt die 
Plülosophie nur wieder erinnert, ihn der Spekulation gerettet und vindiziert 
zu haben!" (Bd. I 1837 S. 20f). Diese Anerkennung hinderte jedoch nicht, daß 
Fichte lebhaften Anteü an der kritischen Auflöstmg des Hegeischen Systems 
hatte. Er verlangte als Ergänzung der dialektischen Methode, der er nur 
formale Bedeutimg zuerkannte, „die gottoffenbarende, den ontologischen 
Formbegriff ergänzende Empirie". 

Schon in seinen „Beiträgen zur Charakteristik" bezeichnete er Hegels 
Logik „in allen Gestalten, unter denen sie Hegel vorgeführt hat, ihrem ganzen 
Plane iind Zusammenhange nach, nach Ausgang xuid Anfang, für verfehlt", 
(2. Aufl. S. 926). 

Fichtes eigene Leistungen liegen auf dem Gebiet der Metaphysik, der 
Psychologie tmd Ethik. 

Die für die Philosophie seiner Zeit wichtigste Konzeption Fichtes ist seine 
Rückkehr zum Theismus. Schon 1832 forderte er, die Philosophie müsse zu dem 
Prinzip der Persönlichkeit zurückkehren, sie dürfe Grott nicht mehr als das 
Allgemeine, sondern müsse ihn als Persönlichkeit ansehen. Er begründete 
einen „ethischen Theismus". Die geschichtüch gangbare Bezeichnung 
lautet jedoch „spekulativer Theismus", eine Bezeichnung, die auch auf 
Fichte selbst zurückgeht. Das erste größere Werk, in dem er ilin darstellt, war 
die „Spekulative Theologie"(1846). Die abschließende Schrift ist „Die theistischo 
Weltansicht" (1873). 

Unter Preisgabe der deduktiv-apriorischen Konstruktionsmethode will 
er die Philosophie auf die Erfahrung gründen. Je besser die Welt bekannt 
ist, desto richtiger kann auch der Urgrund ernuttelt werden. Dieses Ausgehen 
von der Erfahrung nimmt Fichte als ein besonderes Verdienst in Anspruch, 
d\irch welches er eine neue Epoche inauguriert habe. Wälirend die Erkenntnis- 
theorie die Möglichkeit einer Erkenntnis der Wahrheit begründet und die 
Übereinstimmung von Erkennen und Sein erweist, forscht die Metaphysik 
über alle Einzelwesen imd Einzelgründe hinaus nach dem Urwesen tmd Ur- 
grund. In dem Suchen nach ihnen hegt die Voraussetzung ihrer Existenz 
bereits eingeschlossen. Das Weltganze ist, wie alle Erfahrung, durch und durch 
teleologisch; eine ,, Stufenreihe von Mitteln und Zwecken", gekrönt von einem 
höchsten Weltzweck, „eine vollendete Ordnung von in sich gegliederten unter- 
geordneten Ordnungen" (S. 122ff.). Dieser Tatsache entsprechend ist der Welt- 
grund nur als zweck-etzend zu denken. Das ist eine Hj'pothese, aber eine durch 
zahllose Erfahrungstatsachen äußerst sicher fundierte. Gott ist nicht nur 



236 § 19, Der spekulative Theismus luid die Gegner Hegels. 

Ordner, sondern gleichzeitig Schöpfer der Welt (wobei Fichte aber xinter 
Schöpfung ntir ein durchgreifendes Abhängigkeitsverhältnis der endlichen 
Dinge von der mit Intelligenz und Absicht wirkenden Weltursache, keinen 
zeithchen Akt versteht). Der Grund für diese Annahme hegt „in der univer- 
salen Welttatsache eines inneren Aufeinanderbezogenseins, eines harmonischen 
Ineinanderpassens der endlichen Dinge" (Theist. Weitaus. S. 117). „Die Nattir- 
wissenschaft überhaupt ist an sich weder theistisch, noch antheistisch ; die 
Frage nach dem höchsten Prinzipe liegt jenseits ihres Erforschungsgebietes. 
Aber sie ist, recht erwogen, der festeste Stütz- und Ausgangspunkt für eine 
theistische Weltansicht, indem sie in der gesamten Natur, ausdrücklicher und 
sichtbarer in der Welt des Organischen und Seelischen, die Universaltat- 
sache innerer Zweckmäßigkeit vmd vollkommener Wohlordnung aufweist. 
Die sogenanten ,Naturgesetze' sind nichts anderes als der besondere Ausdruck, 
aber zugleich die Bestätigung dafür" (Anthr. S. 293). 

Die Struktur der Wirklichkeit bestimmt Fichte, unter sichtUchem Ein- 
fluß von Herbart, aber zugleich mit mannigfacher Polemik gegen ihn, als aus 
vmsterbHchen geistigen Realen bestehend, die in djTiamischer Weise gleich- 
zeitig den Raum erfüllen. Ravmi vmd Zeit sind nicht rein subjektiv. Doch ist 
die Sinneswelt bloßes Phänomen. Alles Geschaffene ist seiner Natur nach ewig. 
Beim Tier ist „das Individuale und zugleich Beharrende" die „Gattungsseele". 
Ausgeprägte Individualität und als solche tmsterblich ist nur der Mensch. 

Die Beschäftigung mit der Psyche des Menschen und ihrem Verhältnis 
zum Leib macht das zweite Problemgebiet von Fichtes Nachdenken aus. Auch 
hier bewegt er sich in den Bahnen der vorkantischen deutschen philosophischen 
Tradition. Er hat seine Psychologie in den beiden zusammengehörenden Werken, 
der „Anthropologie" und „Psychologie" entwickelt. Die ,,Anthropologie" 
ist also keine Anthropologie im heutigen Sinne des Wortes, wie sie sich denn 
selbst im Untertitel als „Lehre von der menschlichen Seele" bezeichnet. Der 
Unterschied gegenüber der „Psychologie" hegt wesentHch darin, daß die 
„Anthropologie" mehr auf metaphysische, mit der Seele zusammenhängende 
Probleme eingeht. Eine spätere Ergänzungsschrift zu beiden Werken stellt 
das Buch „Der neuere Spiritualismus" (= Spiritismus) dar. 

„Die Seele bleibt während ihres ganzen Zeitdaseins imd innerhalb aller 
eigenen Veränderungen beharrlich dieselbe imd hat ein Bewußtsein dieser 
Identität" (Anthr. S. 53). Sie ist ein substantielles beharrliches Wesen und 
vom Körper als dem Nichtidentischen und NichtbeharrHchen unterschieden. 
Die materiahstische Annahme, daß die Seele ledigUch ein Ergebnis des 
Organismus sei, wird widerlegt durch die Tatsache der Identität des Be- 
wußtseins während der ganzen Dauer des Lebens, während die Partikeln des 
Organismus ständig wechseln. Die Tatsache des Selbstbewußtseins ist nur 
erklärUch, wenn die Seele ein reales, vom Organismus unterschiedenes, zugleich 
der Reflexion auf sich selbst fähiges Wesen ist. Tatsache dagegen ißt die Ab- 
hängigkeit der Seele vom Leibe. Der Leib ist Ausdruck der seelischen Eigen- 
art. Er wird gestaltet durch die „organische Kraft", steht also den anorganischen 
Gebilden nicht gleich. 

Fichte steht also durchaus a\if neovitalistischem Boden, und zwar in der 
speziellen Form, welche den Organismus unmittelbar von der Seele abhängig 
sein läßt. „Die Seele ist ein individuelles und beharrliches Wesen, endliche 
Substanz. Ihr Leib ist der reale, ihr Bewußtsein der ideale, ihr selbst empfind- 



§ 19. Der spekulative Theismiis iind die Gegner Hegels. 237 

lieh werdende Ausdruck xind Erweis dieser ihrer Individualität" (S. 273). 
Aber nur zum geringen Teil hat die Seele ein Bewußtsein von ihrem eigenen 
Sein. Zxxax größeren Teil bleibt sie für sich selber in Dimkel gehüllt, denn sie 
sieht selbst ja nur das Resultat ihrer den Organismus aufbauenden Tätigkeit, 
ohne diese selbst zu bemerken. Fichte geht hier Wege, die nach ihm dann 
E. von Hartmann mit größter Konsequenz weiterverfolgt hat. Er stellt 
bereits fest, daß ,, gerade diese bewußtlosen Tätigkeiten das Gepräge instinktiver 
Sicherheit vmd sogar größerer Vernunftgemäßheit an sich tragen als die be- 
wußten; auf völlig analoge Weise, wie wir eine bewußtlose Vernunft in der 
ganzen Natur walten sehen" (S. 273). Der Leib ist auch im kleinsten der 
Lebensweise und den Listinkten des Tieres angepaßt. Seine Seele muß deshalb 
auch im kleinsten Teile des Organismus organisierend gegenwärtig sein (S. 278). 
Der Aufbau eines allseitig passenden Organismus ist die ursprünglichste und 
zugleich mächtigste Instinkthandlung der Seele. Es muß der Seele als erste 
Eigenschaft eine \iniverselle ,, dynamische Gegenwart" im Organismus zuge- 
sprochen werden. Man kann hier von „einem inneren Leibe" oder einem 
,, pneumatischen Organismus" sprechen. Fichte fußt hier auf den Arbeiten 
von Carus (s. ob. S. 62). In der Zeugung vereinigen sich die Elternseelen, 
und aus ihrer realen Verbindung entspringt der neue psychische oder 
organische Keim (S. 517). In jedm Individuvun ist etwas auch seinen Eltern 
durchatis Überraschendes, absolut Neues. 

Im Zusammenhang mit diesen die Bedingtheit des Organismus durch die 
Seele betreffenden Problemen ist Fichte auch noch auf weitere Probleme der 
Philosophie des Organischen geführt worden, zumal als Darwins Ideen wirk- 
sam zu werden begannen. Fichte trat ihnen entgegen. 

Die ersten Organismen sind nach seiner Auffassimg elternlos erzeugt 
worden. Diese elternlose Zeugung hat sich in späteren Erdepochen mehrfach 
noch wiederholt, namentlich auch in bezug auf den ersten Menschen. Höher- 
stehende organische Wesen ließen sich niemals durch Umbildung oder Steige- 
rung aus niedern erklären, so auch nicht der Mensch aus dem Affen. Für die 
verschiedenen Arten gibt es verschiedene Gattungsseelen. ,, Gleichwie in der 
anorganischen Natur die magnetischen und elektrischen Wirkungen sogleich 
hervortreten, sobald die konkurrierenden Bedingtmgen dazu gegeben sind, 
eben also müßte es auch mit der Entstehung der organischen Wesen sich ver- 
halten" (Anthrop. 3. Aufl. S. 540). „Jedes Wesen ist vielmehr sein eigener 
Anfang und hat seinen Erklärungsgrund nur in sich selber" (S. 539). Jedes 
neue Gebilde in der Natur wie in der Geschichte ist aus den bisherigen Natur- 
und Geistesbedingungen durchaus unerklärbar, ohne daß es dartim etwas Zu- 
fälliges wäre. Der Begriff der zeitlichen Schöpfung (Kreatianismus) ist nicht 
zu umgehen. In allen diesen einzelnen Schöpfungen tritt aber ein sdlgemeiner 
Weltplan zutage. 

Eine Fortsetzung der „Anthropologie" ist die „Psychologie". Der starke 
I. Band gibt eine allgemeine Theorie des Bewiißtseins, der Lehre vom sinnlichen 
Erkennen, vom Gedächtnis und von der Phantasie; der viel weniger lunf ang- 
reiche II. Btoid behandelt die Lehre vom Denken und vom Willen. 

Das Wesen des Geistes gegenüber der Seele ist charakterisiert dtirch das 
Selbstbewußtsein, das Denken, die freibewußte Selbstbestimmung \md endlich 
den apriorischen Inhalt der Ideen, welch letzteren Begriff Fichte psycholo- 
gistisch als vorempirische geistige Anlagen auffaßt. 



238 § 19. Der spekulative Theismus und die Gegner Hegels. 

Besonders bemerkenswert ist, daß I. H. Fichte bereits die Echtheit vmd 
die allgemeine Bedeutung der heute als „parapsychisch " bzw. „parapsycho- 
physisch" bezeichneten siipranormalen Phänomene mit voller Klarheit er- 
kannte und eine philosophische Theorie derselben zu geben versuchte. Voraus- 
gegangen waren ihm bereits Schopenhauer, der in seiner Schrift „Vom 
Geistersehen und was damit zusanimenhängt" für die Wahrheit mancher 
sog. Gespenstergeschichten eingetreten war, obwohl er sie in seine Philosophie 
nicht einzuordnen vermochte, sowie Maximilian Perty (s. u. S. 244 f.). 

Schon die ,, Anthropologie" Fichtes versucht nachzuweisen, daß dei Mensch 
neben der gewöhnlichen, empirisch -zeitlichen Seite seines Seelenlebens noch 
eine überzeitliche habe. Zwischen beiden besteht dauernd ein unmittelbarer 
Zusammenhang. Fichte behauptet, „daß ohne eine solche stets ergiebige Quelle 
geistiger Eingebungen tmd Einflüsse im Hintergrunde unseres bewußten Daseins 
anzunehmen, auch nicht der einfachste Hergang erfinderischer Tätigkeit in 
Kunst imd Wissenschaft oder sitthch religiöser Erhebung, am allerwenigsten 
die früheste Kindesentwicklung des Menschen zum bewußten Geiste befriedigend 
sich erklären lasse". 

Die „Psychologie" führt die parapsychologischen Probleme weiter, 
und „Der neuere Spiritxialismus" zieht dann noch den Gesamtunakreis 
der sog. okkulten Phänomen noit heran, die Fichte inzwischen an dem Mediiun 
Ludwig von Güldenstubbe durch eigene Beobachtung kennengelernt hatte. 

Die Seele ist an sich, auch ohne den Organismus, „intelligent und bewußt 
seiner zeugenden Kraft". 

In den Zuständen der „Entleibung" — ^ie seien charakterisiert durch 
Ohmnacht, Empfindungslosigkeit, Starrkrampf, Scheintod u. a. — treten 
gesteigerte Bewußtseinszustände, vor allem Hellsehen auf, das von Fichte als 
ein nicht mehr durch Sinnesorgane bedingtes Wahrnehmen angesehen wird. 
Es handle sich um ,,ein raumschranke nfreies Sich versetzenkönnen in das Ferne 
und Fremde" (Anthr. S. 377). Dasselbe soD aber imsinnlicher Art sein (S. 379). 
Die Anlage zum Hellsehen ist in jedem Menschen vorhanden. Je tiefer der som- 
nambule Zustand, desto entschiedener ist die Anästhesie. Auch die Heran- 
ziehung des Sympathikus als organische Unterlage des Hellsehens lehnt Fichte 
ab. Die Hellsehvorstellungen gleichen am meisten denen des Traiunes. Das 
Hellsehen ist ein „wahrsagender Wachtravim" (S. 395). An die Stelle der W^ahr- 
nelunung tritt vikariierend die Phantasie. Das Gehirn- und Nervensystem wirkt 
dabei nicht mit. Die Physiologie ist außerstande, die Unmöglichkeit solcher 
rein psychischen Vorgänge zu erweisen, obwohl sie es gern behauptet. Auch aus 
anderen Zuständen, so der sukzessiven Spaltimg des Bewußtseins und den 
Hj^ermnesien in AugenbUcken von Lebensgefalir, glavibt Fichte auf Lockerung 
des psychophysischen Konnexes schließen zu dürfen. Da die gewöhnlichen 
Grenzen von Raum und Zeit in den Hellsehzuständen aufgehoben sind, vermag 
der Geist deshalb in denselben auch entfernt von seinen Organismen Wirkungen 
auszuüben (Spvik) und auch anderen in seiner leiblichen Gestalt sich sichtbar 
zu machen (Geistererscheinungen). Fichte erkannte auch, daß die abnormen 
psychophysischen Tatsachen eine Durchbrechung des gewöhnlichen physika- 
lichen Weltbildes bedeuten. Es werde im Anschluß an sie eine neue „dynamisch- 
spiritualistische" (,, transzendentale") Physik entstehen, oberhalb der bisher 
allein geltenden mechanischen, welche lediglich unsere phänomenale Sinnen- 
welt beherrscht. 



§ 19. Der spekulative Theismus und die Gegner Hegels, 239 

Auch der Tod bedeutet für die Seele keine Vernichtung. „Der Mensch" 
bleibt nach dem scheinbaren Vergehen von Seele und Organisationskraft ganz 
derselbe, welcher er im Sinnenleben war. Er kehrt nur in die unsichtbare Welt 
zurück oder eigentUch, da er dieselbe nie verlassen, da sie auch für das Sinnen- 
leben das allein Beharrende und WirksaJne in allem Sichtbaren bleibt ; er hat 
nur eine bestimmte Form seiner Versichtbarung abgestreift. Totsein bedeutet 
daher ledigHch, metaphysisch und physiologisch, der gewöhnlichen Sinnen- 
auffassung nicht mehr perzeptibel bleiben" (S. 8). Da die sich durch die Medien 
offenbarenden angeblichen fremden Persönlichkeiten häufig Dinge offenbaren, 
die kein anderer als sie wissen konnte, so erachtet Fichte den Identitätsbeweis 
für erbracht. Die okkulten Phänomene erscheinen ihm als ein direkter Beweis 
für das Fortleben der Seele des Menschen. Er erwartete deshalb eine Wieder- 
belebung des im Erlöschen begriffenen UnsterbHchkeitsglaubens, mit dem 
,,der Springquell jeder begeisternden Tatkraft, des Aufopferungswillens, eigent- 
hche Kvdturfähigkeit" (S. 30) versiege. Deshalb ist für ihn der Spiritismus 
ein Ereignis, dem an innerer Macht und Wirkung kein anderes in der ganzen 
Geschichte zur Seite gesetzt werden könnte. 

Auch über das Leben nach dem Tode wagt Fichte Hypothesen aiifztisteUen« 
Im Tode verbleibt ,,der innere Leib", der ,, Gestaltimgstrieb", die objektive, 
auch während unseres jetzigen Daseins unablässig wirksame, leibgestaltende 
Phantasie. Wie dieselbe vmter den gegenwärtigen Lebensbedingungen an die 
chemische Stoffwelt gebunden ist, so würde sie im künftigen Dasein einer andern 
Perzeptions- imd Bewußtseinsform teilhaftig, die sich am ehesten mit den 
elcstatischen Ziiständen vergleichen lasse (Anth. S. 378 f.). Findet irgendein 
immittelbarer Konnex mit dem Jenseits statt, so ist das nur in besonderen 
Zuständen möglich, die eine Art „Vortod" sind. „Während desselben aber scheint 
jener Verkehr sogleich und wie unwillkürlich einzutreten" (S. 379). Fichte 
erwägt sogar die Frage, ob nicht in einer fernen Zukunft ,,dem Gteiste eine 
völlige Wiederherstellung zu einem eigentlichen, höher organisierten Leibe 
beschieden sei" (S. 381). 

Charakteristisch für Fichte ist ferner die Annahme eines realen Zusammen- 
hanges der menschlichen Seele mit dem göttlichen Geiste, die im Gebet, der 
Andacht, der Inspiration, Ekstase usw. zutage tritt. Alle ReUgion ist nach 
Fichte überhaupt nur verständhch durch ,, Eingebung", d. h. durch Mitteilung 
eines höheren Geistes dem menschlichen gegenüber, die ganz verschieden ist 
von der unbestimmten inhaltlosen reUgiösen Gemütserregung, welche durch 
übermächtige innerweltüche Erscheinungen im Menschen erregt wird. Alle 
eigentliche Religiosität ist, wie Fichte bereits deuthch erkennt, charakterisiert 
durch ein tm willkürliches Ergriffensein durch eine höhere Macht. Fichte hält 
also an dem Begi-iff der Offenbarungsreligion fest, ja erweitert ihn im Grunde 
dahin, daß er alle echte Religion als solche -ansieht. Die Avifgabe ist, Gefäß 
für die Offenbarung des ewigen Geistes zu werden. Gelangen wir dazu, so be- 
dürfen wir keines anderen Gkjttesbeweises : wir haben ihn im Innern Erlebnis. 
Auch die Ursache für das Gottsuchen aller Menschen ist Gott selbst, er erregt 
im Menschen diesen Trieb. Fichte ist hier ein Vorläufer der modernen Religions- 
phüosophie, wie sie von James, Oesterreich und Scholz vertreten wird. 

Fichte hat diese ^letaphysik auch auf das Bereich der Kirnst ausgedehnt. 
Auch in der künstlerischen Produktion handelt es sich nach ihm um „Ein- 
gebung": die Urphantasie bemächtige sich dTorch Eingebvmg aller einzelneu 



240 § 19. Der spekulative Theismus und die Gegner Hegels. 

Phantasien, die stärkeren befruchte sie dabei zum produktiven künstlerischen 
Hervorbringen, die schwächeren bringt sie zu genießender ästhetischer Auf- 
nahme. In die hervorgebrachten künstlerischen Schöpfungen scheinen „die 
Grundbilder der Urphantasie" hinein, was ihnen überhaupt erst das Gepräge 
der Schönen verleiht. 

Mehr noch, überhaupt alle geschichtlichen Leistungen sind aus unmittel- 
barer Einwirkung Gottes hervorgegangen. Das Ziel der Weltentwicklung ist 
die Erreichung der jedem Wesen beschiedenen Vollkommenheit, die als ge- 
lingende Tätigkeit stets von hoher Lust begleitet wird. Fichte ist überzeugt, 
daß die Bedingungen für jene Erreichung überall gegeben sind. Er bezeichnet 
das geradezu als ,, allgemeines Weltgesetz" (S. 268). Es sei ein all bestätigter Er- 
fahrungssatz, daß Gott die Liebe ist. Der Optimismus ist empirisch beweisbar, 
aller Pessimismus ist ,, krankhafte Lebensmelancholie'' (gegen Schopenhauer). 
Der Schöpfer hat über die empfindenden Wesen eine „unendliche Glücksfülle" 
ausgegossen (S. 240). Die weitere Entwicklung wird zu einer „voll erkannten und 
voU verwirklichten Religion" hinführen, zu der sich bisher stets nur sehr 
rudimentäre Spuren zeigten. Die Hoffnung darauf darf der Unterstützung 
durch die Vorsehung gewiß sein. 

Vom höheren Standpunkt aus angesehen ist das gegenwärtige Leben über- 
haupt nur ein Anfangs- und Ausgangspunkt für eine lange Entwicklungs- 
reihe, deren nächste Stufe sich freilich schon ins Dunkel verhelf. Deshalb 
bedarf auch der Begriff der Menschheitsgeschichte gegenüber der bisherigen 
Fassung von Herder bis Hegel, die ihn rein diesseitig aufgefaßt haben, einer 
Erweitung. 

Am wenigsten bekannt und gewürdigt ist bisher Fichtes Ethik. Auch 
auf diesem Gebiete verband er historische und systematische Forschungen. 
Der i. Band seiner ,, Ethik" gibt eine gediegene Gescliiehte der deutschen, 
französischen imd englischen Ethik im Zeitraum 1750 bis 1850, unter Einstellung 
der ethischen Theorien in den allgemeinen Kulturzusammenhang. Der IL aus 
zwei Bänden bestehende Band gibt dann die eigene Ethik Fichtes, eine Ethik, 
die gleichzeitig Rechts- und Gesellschaftsphilosophie sein will. 

Auch die Ethik wird von Fichte dem spekulativen Theismus angegliedert. 
Sie soU zeigen, wie im Begrift der Gottesliebe allein der letzte Erkläningsgrund 
für den sittHchen Willen zu finden ist. Der Ursprung und die Vollendung der 
Sittlichkeit liegt im Einswerden des menschlichen Willens mit dem göttlichen. 
Fichte steht selbstverständlich auf absolutem Boden. Die praktischen Ideen 
sind nach seiner Auffassung mit einer ,, unwiderstehlichen Evidenz" behaftet. 
Die verschiedenen ethischen Systeme widerstreiten deshalb auch nicht eigent- 
lich einander, vielmehr beruhen die scheinbaren Widersprüche darauf, daß sie 
Verworrenes und Unvollständiges gegeben, ein untergeordnetes Moment für daa 
Ganze des SittUchen gehalten haben. Dem Sitthchen direkt Widersprechendes 
ist nie behauptet worden (II, 15). Wenn der Mensch das Erlebnis des Sein- 
soUens hat, so erlebt er dabei nach Fichte ,,nur seinen innersten Grund- und 
Urwillen" (II, 16). Die Frage nach dem Inhalt dieses UrwiUen; ist nur zu be- 
antworten aus dem metaphysischen Wesen des Menschen. Ihrem Ursprünge 
nach reichen nun alle Menschen in den Urgrund der Schöpfung hinab, und es 
sind daher „alle mit allen eins und verwandt". Deshalb sei der Grimdwille 
auch die Liebe. Nur eine falsche Theorie hat den Menschen als rein egoistisch 
hingestellt, er ist in Wahrheit nichts weniger als das. Er ist von vornherein 



§ 19. Der spekulative Theismus irnd die Gegner Hegels. 241 

darauf veranlagt, sich in der Gesellschaft und im Zusammenhang mit den 
^Mitmenschen zu entfalten. Inhalt jede? Grundwillens sind die drei praktischen 
Ideen der Freiheit, der ergänzenden Gemeinschaft und der Gottinnigkeit. Aus 
dem Begriff der Freiheit, die allen in gleichem Maße zukonunt, ergibt sich 
ailgemeine Rechtsgleichheit. „Jeder in der Gemeinschaft hat gleichen Anspruch 
auf die volle Entwicklung seiner iireignen Individualität, seines Genius." 
(I, 1, 19). Der Idee des Rechts tritt zvir Seite die Idee der ergänzenden Gemein- 
schaft, welche sich gabelt in das Gefühl des luieigennützigen Wohlwollens und 
den Trieb zur Vervollkommnung, die nur durch die Hingabe an die ergänzende 
Gemeinschaft mit anderen möglich sei. Das sittlich-menschheithche Verhältnis 
erfährt seine Vollendung in der Idee der Gottinnigkeit, des Bewußtseins der 
Einheit aller in Gott. Trotz dieser entschieden sozialen Gesamteinstellung steht 
Fichte in stärkstem Gregensatz zu der Revolutionsbewegung der IVIitte des 
vergangenen Jahrhiinderts. Der „Revolutionismus" ist ihm „WiUkür, Eigensinn, 
Trotz gegen den Geist d )r Geschichte" (II, 2, VII). Ebenso steht er aber auch 
in Gegensatz zur Reaktion, der ,, Revolution der Rückbildung". Er vertrat die 
».Notwendigkeit der Umbildimg", aber \mter Wahrung der „künstlerischen 
Stetigkeit", wie er denn überhaupt im Sittlichen und Sozialen die ästhetischen 
Momente hervorhebt. 

Fichtes Ethik setzt sich in bewußten Gegensatz zu der kalten und 
unindividuellen kantischen Pflichtethik. Er ist jener Ethiker, der nach 
Sclileiermacher am deuthchsten den individuahstischen Charakter des Sitt- 
lichen erkannt hat. Jeder Mensch hat seine eigenen Aiifgaben. In der selbst- 
losen Hingabe an diese besteht das tiefste Wesen des SittUchen. ,,Die Begeiste- 
rung, das Dahingenommensein der Person von einer sie durchglühenden Idee 
ist das entscheidende Kennzeichen für die das eigene Selbst überwindende 
Sittlichkeit . . . Jener heiligende Wille ist selbst die Gegenwart und die wirk- 
same Bewährung des göttlichen Geistes und Willens in uns : denn wo wir in der 
Erkenntnis aufsteigend ein Ewiges und Ursprüngliches in vms berühren, da ist 
heihger Boden, da stehen wir den Wirkungen des Götthchen in uns gegenüber" 
(II, 1, 11). Die Sittlichkeit in ihrer Vollendung ist daher ohne Rückgang auf 
die Religion nicht möglich. 

Für jeden Menschen besteht eine Fülle verschiedener Pflichtsphären. 
Kreuzen sie sich, so entsteht ein Konflikt der Pflichten. Die Ethik hat keine 
Mittel, Vorschriften zu ihrer allgemeingültigen Lösung zu geben. Jede Ent- 
scheidung kann vielmehr nur individuell sein. 

In der Rechts- imd Staatsphilosophie zeigt Fichte eine stark soziale Ten- 
denz. ,,Die ganze Zukimft der Welt liegt in der sozialen Frage, nicht in der 
politischen. Welches Volk sie wirklich löst, das wird das erste sein auf Jahr- 
himderte hin !" Die Initiative kann in den deutschen Polizeistaaten, in denen 
aUes für das Volk, nichts durch das Volk geschieht, nur von den Regierungen 
ausgehen (Etliik II, 2 S. XII). Auch für die äixßere Poütik erhofft Fichte von 
der Liebesgesinnung der Menschen eine allmähliche sittüche Erhöhung der 
interstaatlichen Beziehungen im Sinne pazifistischer Ideale. — Bemerkenswert 
ist, daß Fichte auch die Probleme der religiös-kirchlichen Gemeinschaft in den 
Umkreis seiner Ethik mit aufgenommen hat. 

Entsprechend seiner stark sozialen Tendenz war Fichte auch organisato- 
risch für die Philosophie tätig. 1837 schuf er die Zeitschrift für Philosophie 
und spekulative Theologie als Organ der theistischen Bewegung. Ebenso 

Ueberweg. Grundriß IV. ]^g 



242 § 19. Der spekulative Theismus und die Gegner Hegels. 

hat er den ersten deutschen Philosophischen Kongreß ins Leben gerufen. 
Vgl. seinen Eröffnungsvortrag auf demselben: Grundsätze für die Philosophie 
der Zukunft. Ein Vortrag, zur Eröffntmg der ersten Philosophenversamnalung 
in Gotha am 23. September 1841 gehalten. Im Anhange die Statuten der 
Philosophenversammlung, Stuttgart 1847. Er erhoffte von einer Zusammen- 
arbeit der verschiedenen Philosophen auch eine Neubelebung der ,,so tief 
gesunkenen Achtung vor der Philosophie". Zu einer Wiederholvmg des Kon- 
gresses kam es nicht infolge der Revolution. Als für die Zusammenarbeit be- 
sonders geeignetes Gebiet erkannte er (S. 19) die Erforschimg der Geschichte 
der Philosophie, die eben damals in größerem Umfange einzusetzen begann und 
namentlich in Frankreich für die spätgriechische Zeit und das Mittelalter be- 
reits in vollem Gange war (Cousin u. a.). 

I. H. Fichtes theistische Philosophie ist der Weißes so verwandt, daß ihre 
Ansichten seinerzeit lange identifiziert zu werden pflegten, bis Weiße öffentlich 
dagegen Stellung nahm. Fichte selbst äußerte sich über sein Verhältnis zu Weiße 
in der Zeitschrift für Philosophie Bd. 50, 1867, S. 262ff. dahin, daß Weiße nur 
eine Fortbildiing der Hegeischen Philosophie erstrebt habe, in welcher letzteren 
derselbe die früheren Richtungen sämtlich aufgehoben glaube, er selbst dagegen 
halte dafür, daß wesentliche Momente früherer Philosophien, insbesondere der 
Kantischen, in der Hegeischen nicht zu ilu'em vollen Rechte gelangt seien, und 
daß der Fortschritt der Philosophie durch eine Wiederaiifnahme dieser Momente 
und demgemäß auch durch eine volle Mitberücksichtigung aer in anderm Sinne 
als Schelling und Hegel philosophierenden Denker seiner Zeit bedingt sei. 

Ulricis Schriften. Üb. Prinzip u. Methode der Hegeischen Ph., Halle 
1841. Das Grundprinzip d. Philos., 2 Bde., Lpz. 1845-46. (I. Bd.: Gesch. 
u. Kritik d. Prinzipien d. neueren Ph. — II. Bd. : Spekulat. Grimdlag. d. Systems 
der Ph. od. d. Lehre v. Wissen.) Syst. d. Logik, Lpz. 1852. Kompend. d. Logik, 
ebd. 1860, 2. A. 1872. Zur logisch. Frage, Halle 1870. Glauben u. Wissen. 
Spekulation u. exakte Wissensch. — Z. Versöhng.d. Zwiespalts zw. Relig., Philos. 
u. naturwiss. Empirie. Lpz. 1858. Gott u. d. Natur, Lpz. 1862, 3. Aufl. 1875. 
Gott u. d. Mensch, Bd. I: Leib u. Seele, Lpz. 1866, 2. Aufl. 1874. Bd. II: 
Grundzüge d. prakt. Philos. 1. Das Naturrecht, 1873, und andere antimate- 
rialistische Arbeiten, ferner literaturhistorisch- ästhetische Schriften, insbes. 
Charakteristik der antiken Historiographie, Berl. 1833. Gesch. der hellen. 
Dichtung, Berl. 1835. Über Shakespeares dramat. Kunst (1839, 1847), 3. Aufl., 
Lpz. 1868- 69, 2. Ausg. 1874. Der Philosoph Strauß, aus d. Z. f. Ph., Halle 1873. 
Abhandlungen zur Kunstgeschichte als angewandte Ästhetik, Lpz. 1876. Der 
sog. Spiritismus eine wissenschaftliche Frage, Halle 1879, aus der Ztschr. f. 
Philos. N. F. Bd. LXXIV. 

Hermann Ulrici (geb. 23. März 1806, seit 1834 Professor in HaUe, gest. 
11. Jan. 1884) trat schon 1841 als strenger Kritiker Hegels, sowohl von dessen 
Prinzip als von dessen Methode, auf, und im bestimmten Gegensatz zu diesem 
war sein Streben, auf Grundlage festgestellter Tatsachen, d. h. namentlich auf 
Grundlage der Ergebnisse der Naturwissenschaften, eine idealistische Welt- und 
Lebensanschauung aufzubauen, nachzuweisen, daß Gott und die Natxir, Glauben 
tind Wissen, Philosophie, Religion, Sittlichkeit vmd exakte Wissenschaft keines- 
wegs voneinander geschieden seien. Nach ihm ist die geistige Grund- und Ur- 
kraft die des Unterscheidens. Auf ihr ruht alles Bewußtsein und Selbstbewußt- 
sein. Gesetze dieser unterscheidenden Kraft sind die beiden logischen Grund- 
gesetze, 1. das der Identität und des Widerspruchs, 2. das der Kausalität. Aber 
die unterscheidende Tätigkeit vermag nur in ihrer Weise zu agieren, wenn sie 
die zu unterscheidenden Objekte nicht niu- aufeinander bezieht, sondern sie 



§ 10. Der spekulative Theismus luid die Gegner Hegels. 243 

in bestimmten Beziehungen voneinander unterscheidet, nach Quantität, 
Qualität, Gestalt tisw. Dies sind die allgemeinen logischen Begriffe, die Normen 
oder Kategorien, welche auch der unterscheidenden Tätigkeit inhärieren, und 
die wir unbewußt anwenden, wenn wir Vorstellungen bilden. Aber xuiser Denken 
ist nicht in schöpferischer Weise selbsttätig, sondern imsere Empfindungen vmd 
Gefühle, die Perzeptionen des äußern und des Innern Sinnes drängen sich uns 
auf, so daß wir sie haben müssen. Hieraxif beruht alle Tatsüchlichkeit. So setzt 
unsere gesamte Erkenntnis und Wissenschaft die beiden Faktoren voraus, das 
logische Gesetz imd die Tatsächlichkeit. Das Sich-in-sich-Unterscheiden Tind 
was daraus folgt., das Bewußtsein und Selbstbewußtsein, wird von keiner Xatur- 
kraft geübt. Deshalb miiß die Seele als Trägerin dieser besonderen Kraft auch 
als ein besonderes, von den Naturwesen im engeren Sinne verschiedenes Wesen 
gefaßt werden. Sie ist nicht identisch mit den Atomen und den aus diesen 
gebildeten Dingen, welchen jene Kraft nicht zukommt. ,,Sie ist eine unlösbare, 
zentralisierte Einigung von Kräften, deren Tätigkeit zwar durchweg an die 
Mitwirkung der Kräfte des Leibes, insbesondere des Nervensystems, gebunden 
ist und in engster Wechselwirkimg mit ihnensteht, derenmannigf ache Fiuiktionen 
aber nichtsdestoweniger von einem selbständigen, körperlich unabhängigen 
Zentrum ausgehen tmd auf dasselbe zurückwirken." 

Was die Lehre von Gott anlangt, so sucht Ulrici hier eine Vermittlung 
zwischen Deismus und Pantheismus. Der Begriff des Atoms involviert 
das Geschaffensein der atomistisch gebildeten Welt diu-ch eine unbedingte, 
göttliche, metaphysische Urkraft ; ebenso setzen die bedingten Kräfte der Natur 
das Dasein einer sie bedingenden, an sich imbedingten Urkraft voraus. Ferner 
kann die in der Natiir waltende Gesetzlichkeit und Zweckmäßigkeit niu- gefaßt 
werden als die Wirkung einer die Atome und ihre Kräfte nicht nur setzenden, 
sondern auch nach Absicht bestimmenden, selbstbewußten, geistigen LTkraft. 
So hat der Deismus recht, und die Welt muß als Schöpfung Gottes, als ein 
Anderes, von Gott Verschiedenes gefaßt werden. Dagegen darf die Welt dem 
göttlichen Wesen nicht selbständig geschieden gegenübergestellt werden außer 
und neben Gott. Die Welt besteht auch nur durch Gott, nicht bloß durch ihn, 
sondern auch in ihm. Gott ist nicht nur die notwendige Voraussetzung der natur- 
wissenschaftlichen Ontologie und Kosmologie, sondern auch der Naturwissen- 
schaft selbst. Es müssen die Bestimmtheiten der Dinge reale Unterschiede 
der Dinge selbst sein, und wir werden uns dieser Unterschiede durch unsere 
nachunterscheidende Tätigkeit bewußt. Diese mannigfaltigen Bestimmtheiten 
der Dinge nun sowie unsere mannigfaltigen Vorstellungen sind nicht ursprüng- 
lich gegebene, sondern müssen als gesetzt von einer xmterscheidenden Urtätig- 
keit angesehen werden. So ist die eine unterscheidende Urkraft vorauszusetzen. 
Ferner: Freiheit und Vernunft tmd die sie bedingenden ethischen Kategorien 
haben weder in der Natur noch im menschüchen Wesen ihren Ursprung; ander- 
seits stehen die Gebiete des Natürhchen xmd des Ethischen, wie Leib imd Seele, 
in einem so innigen Zusammenhang, daß sie füreinander geschaffen sein müssen. 
Daraus folgt, daß ein Gott, d. h. ein geistiges und freies ethisches, nach ethischen 
Motiven wirkendes Wesen, die schöpferische Urkraft der W^lt sei. Gott kann 
als absolute Idee vom menschlichen Geiste aus erfaßt werden, indem das gött- 
liche Wesen nicht nur nach den logischen, sondern auch nach den ethischen 
Kategorien unterschieden wird. Dies geschieht zum Schluß der Schrift „Gott 
imd Natur", worin Ulrici eine spekulative Erörterung der Idee Gottes imd seines 

16* 



244 § 19. Der spekulative Tlieismus und die Gegner Hegels. 

Veriiältnisses zur Natur und Men.schheit gibt. Ebensowenig wie Fichte war 
Ulrici abgeneigt, den Spiritismus ernst zu nehmen. 

Maximihan Perty (geb. 1804 in Ohrnau, lange Zeit o. Prof. in Bern, gest. 
daselbst 1884), Üb. d. Seele. E. öff. Vortrag, Bern 1856. Grundzüge der Ethno- 
graphie, Lpz. u. Heidelb. 1859. D.Realität mag. Kräfte u. Wirkgn. d. Menschen, 
Lpz. u. Heidelb., 1863. Antliropol. Vorträge, Lpz. u. Heidelb. 1863 (handeln 
über Entstehung u. Entwicklung des Menschengeschlechts sowie die Ent- 
stehung der Kulttu"). Über das Seelenleben der Tiere, Lpz. u. Heidelb. 
1865, 2. Aufl. 1876 (umfassendes Werk, 919 S.). Die Xattu' im Lichte philos. 
Anschauung, Lpz. u. Heidelb. 1869. Blicke in d. verborg. Leben d. Menschen- 
geistes, ebd. 1869. Die myst. Erscheinungen der menschl. Natur, 
Lpz. 1861, 2. Aufl. 1872. Die Anthropol. als d. Wissensch. v. d. körperl. u. 
geist. Wesen d. Menschen, Lpz. 1873 — 74. Der jetzige Spiritualismus 
u. verwandte Erfahrungen der Vergangenheit u. Gtegenwart (E. Supplement 
zu des Verfassers ,,Myst. Ersch. d. mensclil. Nat."), Lpz. 1877. Erinnerungen 
avis d. Leben eines Natur- u. Seelenforsehers des 19. Jahrh., Lpz. 1879. Die 
sichtbare u. d. unsichtb. Welt. Diesseits u. Jenseits, Lpz. 1881. Vor- 
schule der Nat vu-wiss., Stuttg. 1853. AIlg.Naturgesch. als philos. u.Humanitäts- 
wissenschaft. 4 Bde. Bern 1843 — 46. Ferner zoologische Arbeiten. 

Auch Perty steht vöUig auf theistisciiem Boden. Das materielle Uni- 
versum ist diu-ch den Willen des von ihm unabhängigen unendüchen Geistes 
entstanden, der einen Teil seines Wesens in ihm offenbart. Es entwickelt sich 
nach immanenten Gesetzen. Das Weltende wird, soweit die Wissenschaft bisher 
zu erkennen vermag, der Kältetod sein. Das Endziel der Offenbarung ist die 
Welt selbstbewußter Geister. Aber die theisti§che Ansicht ist von Perty nicht 
irgendwie systematisch auszubauen versucht worden. Er war seiner Veran- 
lagung nach aus Neigung mehr Naturforscher als eigentücher Philosoph. In 
zwei großen Werken unternahm er es, eine Gesamtdarstelhmg des nattir- 
wissenschaftUchen Weltbildes seiner Zeit zu geben, von einem höheren philo- 
sophischen Gesamtstandpunkt aus, doch mit ziemhch weitgehendem Eingehen 
auf das Detailmaterial. Seine naturwissenschafthchen Neigungen führten ihn 
weiter auch in das Gebiet der Ethnologie \and der Entwicklungsgeschichte 
des Menschen und seiner Kultur (,,Antliropologie"), über die er ebenfalls zu- 
sammenfassende, einführende Werke schrieb. Seine eigenthche Produktivität 
aber lag auf psychologischem Gtebiet. Als einer der ersten hat er ein großes 
Werk über Tierpsychologie geschrieben. Vor allem hat er das Gtebiet der 
medialen Phänomene tunfassend zu erforschen gesucht, historisch mid syste- 
matisch. In drei Werken hat er diese Arbeit geleistet. Das Hauptwerk sind 
„Die mystischen Erscheinungen" (1861) (XVIII Bl. mid 770 S.). Perty hat 
darin aus der Literatiir ein großes Material parapsychischer und parapsycho- 
physischer Phänomene aus neuerer Zeit gesannnelt und interpretiert. Er ist 
in der 1. Auflage der spiritistischen Hypothese durchaus abgeneigt und findet, 
daß ihm bisher kaum ein Fall begegnet sei, der zu ihr hindränge. Sicher sei 
jedenfalls, daß der Mensch einige Zeit nach dem Tode keine Wirkungen mehr 
zu üben vermöge. Er sucht die Erklärung bereits sehr modern in Prozessen, 
die sich im menschhchen Geiste vollziehen. Sein Ergebnis faßt er in die drei 
Sätze zusammen: 1. Es gibt Kräfte und durch sie bewirkte, zum Teil sinnlich 
wahrnehmbare Phänomene, welche nicht nach den bis jetzt bekannten Natur- 
imd psychologischen Gesetzen, sondern nach Gtesetzen einer höheren Ordnung 



§ 19. Der spekulative Theism^sTund die Gegner Hegels. 245 

sicji richten. IMan hat diese Kräfte und Erscheinungen von vorzugsweise 
geistigem Charakter magische genannt. — 2. Zahlreiche Phänomene, welche die 
frühere Zeit fremden Wesen, Göttern, Engeln, Dämonen usw. zuschrieb, kommen 
uiiwidersprechlich durch die Menschen zustande, welche jedoch luxr in einzelnen 
Indi\aduen luid unter gewissen Umständen wirksam werden. — 3. Wenn das 
Magische in seiner höchsten Bedeutung das von Raum und Zeit Freie, das All- 
gemeine, Allschauende, Allwirksame, mit einem Worte das ist, was die Menschen 
das Göttliche nennen, so kommt auch dem menschlichen Geiste ein Anteil am 
Göttlichen zu. Doch unterscheidet er zwischen dem Universalgeist und den 
,, Prinzipien der Weltkörper", die er als das Geodämonische bezeichnet. Das 
Magische sei frei von den Schranken von Raum imd Zeit, auch frei von den 
Schranken der Individuahtät, es ist seiner Idee nach das Ewige, beim Menschen 
kommt es indes nicht klar ziu" Erscheinung. Es ist aber kein schöpferischer Pro- 
zeß ohne dasselbe möglich, wie es denn auch in den Religionen, der Kunst der 
Dichtung und dem Kviltus eine Rolle spielt. Alle Religionsstifter waren Ek- 
statiker. Wie das Magische sich nach dem irdischen Leben betätigt, wissen wir 
nicht. Vielleicht geht es in den geodämonischen Geist ein. Perty ordnet das 
riesige, freilich wohl nicht immer genügend gesiebte Material vortreffhch tmd 
beiu-teilt es auch recht gut. 

Das zweite Buch ,,Der jetzige Spirituahsmus" (1877) gibt eine Darstellung 
einer größeren Zahl von Medien und medialer Phänomengruppen seiner Zeit. 
Die theoretischen Ansichten Pertys haben sich inzwischen dahin geändert, daß 
er nunmehr für manche Phänomene die spiritistische Deutung als die richtige 
anerkennt, wie er das auch schon in der 2. Auflage der ,, Mystischen Erschei- 
nungen" getan hatte (1872). Die dritte Schrift „Die sichtbare vind die imsicht- 
bare Welt" (1881) stellt eine weitere Ergänzung zu den ,, Mystischen Erschei- 
nungen" dar. Es ist im wesentlichen eine weitere Materialsaimnlung, unter 
Heranziehtmg un4 Diskussion der zeitgenössischen Literatur in spiritistischem 
Sinne. 

Weißes Schriften. Üb. den gegenw. Standp. d. philos. Wissenschaft. 
In bes. Beziehvmg auf d. System Hegels. Lpz. 1829. Syst. d. Ästhetik als 
Wissensch. v. d. Idee des Schönen, Lpz. 1830. Über das Verhältnis d. Publikums 
z. Philos. in dem Zeitpunkte von Hegels Abscheiden, nebst einer kurzen Deir- 
legung meiner Ansicht des Systems der Philos., Lpz. 1832. Die Idee der Gott- 
heit, Dresd. 1833. D. philos. Geheimlehre von d. Unsterblichkeit des menschl. 
Indixnduums, Dresd. 1834. Grundzüge der Metaph., Hamb. 1835. i Kritik u. 
Erläut. d. Goetheschen Pantheismus, nebst einem Anhang zur sittl. Beurteilixng 
Goethes. Lpz. 1837. Die evangelische Gesch., krit. u. histor. bearbeitet, 2 Bde., 
Lpz. 1838, tmd andere auf die biblische und kirchliche Theologie bezügliche und 
religionsphilosophische Schriften, insbesondere: Reden üb. d. Zukunft der evang. 
Kirche, 2. Avifl., Lpz. 1849: Die Christ ologie Luthers, Lpz*. 1852; D. Evangeüen- 
frage in ihrem gegenwärt.. Stadium, Lpz. 1856. Das philos. Problem d. Gegenwart, 
Lpz., 1842, worin W. sich von der Solidarität mit Imm. H. Fichte lossagt. Für 
Weißes Stellung zur Philosophie seiner Zeit ist seine akademische Rede charak- 
teristisch: In welchem Sinne die deutsche Philosophie jetzt wieder an Kant 
sich zu orientieren hat, Lpz. 1847. (Anonym) Reden über die Zukimft der 
evangelischen Kirche, 1. u. 2. A., Lpz. 1849. Philosophische Dogmatik 
oder Pliilos. des Christentums, 3 Bde., Lpz. 1855—62 (der erste Teil enthält 
die eigentliche Theologie nebsib einem kurzen Abriß der Naturphilosophie, der 
zweite behandelt die Kosmologie und Anthropologie des Christentums und der 
dritte die Soteriologie). Artikel Gott, Glaube imd Gewißheit in Ersch. u. Grubers 
Enzyklopädie (in den 50er Jahren). Kleine Schriften zvu- Ästhetik imd ästheti- 
schen Kritik (über Schiller, Goethe usw.), hrsg. von Rud. Seydel, Lpz. 1867. 
W.s Psychol. u. Unsterblichkeitslehre nebst Vorlesgn. üb. d. Materiahsm. n 






246 g 19. Der spekulative Tlieismus und die Gegner Hegels. 

verwandte Beigaben, hrsg. von Rud. Seydel, Lpz. 1869. Syst. d. Ästhetik nach 
d. Kollegienliefte letzt. Hand, hrsg. von Rud. Seydel, Lpz. 1872. Ein Verzeichnis 
der sämtlichen Schriften u. Abhandlungen Weißes gibt Seydel in der Ztsclir. 
f. Pliil., Bd. 55, 1869. Nachträge dazu in Seydels ReUgion u. Wiss., Breslau 1887, 
S. 100. Ein Verzeiclinis der ästhet. Arbeiten Weißes in seinen ,, Kleinen Schrif- 
ten". — Der gesamte Nachlaß einschließlich der Briefe ist auf derUniversitäts- 
Bibhothek in Leipzig. 

Christian Hermann Weiße, geb. 10. Aug. 1801 als Sohn eines Pro- 
fessors der Rechte in Leipzig, studierte ebendaselbst zunächst Jurisprudenz, 
sodann Literaturgesch., Philos. u. Kunstgesch. Zur Philosopie führten ihn nach 
eigenem Bekemitnis zuerst Ästhetik und Geschichte. 1823 habilitierte er sich in 
Leipzig, 1828 wiu'de er ao. Prof. 1837 nahm er seine Entlassung, um ungestört 
wissenschaftlich zu arbeiten. 1841 von neuem habiUtiert, wurde er 1844 ao., 
1845 o. Prof. Er starb am 19. Sept. 1866 an der Cholera. — Weiße ist (1824) 
von Hegel ausgegangen und hielt in seinen frühen Schriften namentlich an der 
dialektischen Methode fest, doch hob er schon 1829 hervor, man könne nicht 
von den bloßen logischen Kategorien oder den leeren Formen des Seins aus zu 
dem in diesen Formen existierenden Wirklichen gelangen. Dazu müsse die 
Erfahrung herangezogen werden. Das System müsse schließen und gipfeln in 
der spekvilativen Theologie. In der ,,Idee der Gottheit" (1833) vergleicht er 
sich mit der Sibylle, da er der Hegeischen Philosophie um den Preis immer 
höherer Würdigung ilires Wertes immer weitergreifende Abzüge machen müsse. 
Immerhin erklärte er auch noch in der Vorrede seiner Metaphysik; (1835): ,,die 
formale Wahrheit und die materiale L^nwahrheit der Philosophie Hegels, die 
gediegene Trefflichkeit ihrer Methode und die trostlose Kahlheit ihrer Resultate 
drängen sich mit gleicher Evidenz meinem Geiste auf". Als Ergänzung forderte 
er ,,das spekulativ anschaviende Erkennen". — AVeißes Lebensarbeit gehörte 
zunächst der Auseinandersetzung mit Hegel, der Begründung seiner Ästhetik 
(1830) und seines metaphysischen Standpunkts (Metaphysik, 1835). 
Weiterhin gewann er engsten Anschluß an das Christentum, dem er sich 
sowohl mit theologischer Forschung (Evangelienkritik, 1838) als auch von 
der Metaphysik her (Philos. Dognmtik, 1855ff.) zuwandte. Die Annahme 
irgendeines Einflusses des späteren Schelling auf ihn hat Weiße mit Be- 
stimmtheit für unrichtig erklärt (Philos. Dogmatik II, IX). 

Wie Fichte d. J. suchte auch Weiße im Gegensatz zu dem pantheistischen 
Idealismus Hegels einen ethischen Theismus auszubilden, aber in noch 
engerem Anschluß an das cliristliche Dogma sowie mit Anknüpfungen an den 
späteren Schelling und an Jacob Böhme, welche Fichte ferner lagen. Der Be- 
griff des absoluten Geistes ist nach Weiße erst in der Dreiheit von Vernunft, 
Gemüt (dies Wort bedeutet bei Weiße dasselbe wie „Phantasie") und Wille 
vollständig erschöpft. Der Dreiheit dieser Grundlcräfte des absoluten und ebenso 
des menschlichen Geistes entspricht die Dreiheit der Ideen des W^ahren, Schönen, 
Guten (dies ist nach Weiße der tiefere Sinn der Trinitätslehre). Der Quell- 
punkt der Lehre Weißes ist der Begriff der Freiheit. Die logische Notwendig- 
keit, welche immer nur Begriffe aus Begriffen gewinnen läßt, kann nur zu all- 
gemeinen Schematen des Möglichen und zur Scheidung desselben vom Unmög- 
lichen führen. Durch die gesetzlichen Bestimmungen der Logik, zu welchen auch 
edie der Mathematik gehören, werden diese leeren Schemata nicht erfüllt mit 
inem wirklichen Inhalte; die Wirklichkeit als solche kommt so nicht zustande; 
dazube darf esfroierAkteder Hervorbringung. So istesvorallem in der Gottheit. 



§ 19. Der Bpekulative Theismus und die Gegner Hegels. 247 

In Gott bildet das logische Absolute nur den letzten Hintergrund, nur die 
Formen der Möglichkeit des Daseins (nur diese Möglichkeiten des Seins bilden 
das Objekt der Logik oder Metaphysik), während die eigentUche Reahtät Gottes, 
sein persönliches Leben, auf inneren Freiheitsakten berviht, auf einer Art von 
freier Phantasieproduktion, und dann auf Wollen. Die Vernunft in Gott, das 
Reich jener logischen Notwendigkeiten, ist für Gottes Freiheitsakte nur der 
allgemein gehaltene Umkreis ihrer Bedingungen und Schranken, gleichsani 
das Maschennetz, in welches die Gestalten des göttlichen inneren Schauens und 
die göttlichen Willensentschlüsse frei eingewirkt sind, ohne es übersehen oder 
verletzen zu dürfen. So ist auch Gott an die logischen und mathematischen 
Gesetze des Möglichen imd an die durch diese Gesetze angewiesenen Daseins - 
formen gebunden, aber innerhalb derselben bewegt er sich frei, wie der künst- 
lerische Genius innerhalb der Gesetze seiner Kunst. 

Unter allen Vertretern des spekulativen Theismus näherte sich Weiße 
dem Christentum am meisten. Er hat einen beträchtlichen Teil seines Lebens 
daran gesetzt, Philosophie Tind Christentum miteinander zti durchdringen. 
Mit vollem Bewußtsein die Arbeit der Scholastik, die nach ihm an dem unzu- 
reichenden Charakter derselben nicht zum Ziele kam, von neuem aufnehmend, 
hat er in seiner dreibändigen ,, Philosophischen Dogmatik oder Philo- 
sophie des Christentums" (1855—62) die christliche Dogmatik zu einem 
philosophischen Systemauszugestalten vmternommen. Da ihn die zeitgenössische 
philologische Kritik niu* auf alttestamentlichem Gebiete befriedigte, hat er auch 
selbständige historisch -kritische Arbeit zum Neuen Testament geleistet. Auf 
dem Grim.de einer dem äxißerlichen Wunder wenig geneigten Christologie hat er 
sich dabei um die Evangelienkritik nicht unbedeutende Verdienste erworben. 
Er ist z. B. einer der frühesten Vertreter der sogenannten ,, Markvishypothese''. 
Soweit eine empmsche Fundamentierung seiner Philosophie durch die zeit- 
genössische positive Forschung möglich erschien, hat er von der Naturwissen- 
schaft seiner Tage Gebrauch gemacht. Was er an ihr vermißte, war, daß sie die 
Erfalxamg nicht in vollem Umfange zur Geltung kommen Heß. Dazu sei er- 
forderlich, auch die religiöse Erfahrung, ,,die Totalität geschichtUcher Gottes- 
offenbarung" voll zu berücksichtigen. Der Anspruch, den Weiße mit seiner 
Philosophie des Christentums erhebt, ist kein geringerer, als die bisherige 
theologische Dogmatik überhaupt diu:ch eine neue zu ersetzen. 

Das Dasein Gottes wird von Weiße auf mehrfache Weise zu erweisen 
versucht. Der ontologische Gottesbeweis führt nur bis zum Begriff des mög- 
lichen Gottes. ,,Es gibt nur eine denknotwendige Wahrheit, nämlich, daß ur- 
sprünglich nur Gott möghch, und daß in seiner IVIöglichkeit die Möglichkeit 
aller Dinge enthalten ist." (I, 332.) Den Schritt zur Wirklichkeit Gottes er- 
laubt der kosmo logische Beweis, den Weiße so formuliert: Wird etwas als 
seiend gesetzt, so wird damit auch Gott als seiend gesetzt, denn obwohl es kein 
Widerspruch ist zu denken, daß nichts von allem Möglichen und damit auch Gott 
nicht existiert, so ist es ein Widerspruch, etwas als seiend zu setzen, das den 
Grund seiner Existenz nicht in sich selbst hat, ohne zugleich eben dieses seinen 
Existenzgrund in sich selbst habende Wesen zu setzen. (I, 340.) Die Beschaffen- 
heit Gottes endüch wird gewonnen aus dem teleologischen Charakter der Wirk- 
hchkeit. Die Welt ist nicht bloß von mechanischen Gesetzen beherrscht, 
sondern alles befindet sich in teleologischer Ordnung, alle Dinge bilden 
eine Stufenreihe. (II, 344.) Das Prädikat denkender Persönlichkeit ver- 



248 § 19. Der spekulative Theismus und die Gegner Hegels. 

sucht Weiße aber auch unmittelbar aus dem kosmologischen Beweis zu 
gewinnen. (§ 329.) 

Die in der Religionsgeschichte uns entgegentretenden Vorstellungen von 
Gott sind selbst bereits Kimdgebungen Gottes, vor allem innerhalb der jüdisch- 
christlichen Sphäre. Es wird von Weiße dementsprechend auch die Drei- 
einigkeitslehre festgehalten. Da sich Gott erst in Jesus völlig offenbarte, muß 
auch diesem das Prädikat Gott zuerteilt werden, denn er ist ihm im Wesen 
gleich. „Es kann imeigentlichen und strengen Wortsinn die ottheit des Vaters 
nur erkannt werden in der Gottheit des Sohnes.'' (1, 396.) Der heihge Geist ist die 
,, Einwohnung des Geistgottes in den Gläubigen." (403.) Die Wesenseigen- 
schaften Gottes sind dreifacher Art. Es gibt 1. metaphysische Eigenschaften: 
Einheit, Einfachheit, Unveränderlichkeit, Unendlichkeit, Allgegenwart, Ewig- 
keit — Allmacht, Allwissenheit; 2. ästhetische Eigenschaf ten : Seligkeit, Herr- 
lichkeit, Weisheit ; 3. ethische Eigenschaften : Güte, Heiügkeit, Gerechtigkeit. 

Die Weltschöpfung entsprang dem schöpferischen Expansionsstreben, 
überströmendem Liebesdrang Gottes zur Mitteilung der eignen Daseinsfülle 
an Wesen, die erst werden sollten. Damit ist auch die Frage nach dem Zweck 
der Welt beantwortet. Der oberste Weltzweck ist „die Beseligung persönlicher 
Geschöpfe". Vielleicht gibt es Gegenden des Ratunes, in denen die Schöpf luig 
noch nicht zum Abschluß gekommen ist. (704.) 

Unter den gesetzlichen, auch für Gott maßgebenden Daseinsformen 
stehen in erster Reihe Zahl, Zeit und Raum, eine Dreiheit, welche Weiße 
schon 1833 als Korrektur der Kantischen Zweiheit ,,Raum und Zeit" einge- 
führt hat (s. Seydel, Viertel jahrsschr. f. wiss. Philos. 1883, 2. Heft: Raum. 
Zeit, Zahl). Weiße behauptet sonach die absolute Objektivität imd 
Realität dieser Formen, nicht weniger für Gott als für die Welt. Durch 
freien Willensentschluß wird Gott Schöpfer der Welt. In dieser, und namenthch 
ira Menschengeiste, zeigt sich analoge Freiheit mit der Freiheit Gottes. Überall 
ist zur Erkenntnis der WirkUchkeit deshalb Erfahrung nötig, da es eine 
Konstruktion des Wirklichen aus dem Vernunftabsoluten nach obigem nicht 
geben kann, vielmehr alle konstruierbare Notwendigkeit nicht weiter als bis 
zu jenen leeren Formen der Möglichkeit führt. 

Der Weltprozeß ist ein zu immer höheren Gestalten sich durchringender 
Kampf Gottes mit dem dvirch die Schöpfung zur Selbständigkeit gelangten 
Weltwesen, das durch seine Freiheit sich zunächst zu Gott in Gegensatz gestellt 
hat. Das Endziel des Kampfes ist der Sieg des ,, Reiches Gottes" im Sinne Jesu. 

Der äxißere Schöpfungsprozeß wird durch einen innern begleitet, in 
welchem ein an sich unbewußtes, aber zvun Bewußtsein luid zur Persönlichkeit 
aufstrebendes kosmisches Seelenleben, eine Naturseele sich bildet. Die mecha- 
nische Struktur der Welt steht unter teleologischen Gesichtspunkten. Jedoch 
geht Weiße noch nicht so weit wie später Fechner und Lotze, alle Vorgänge 
in der Welt für rein mechanische anzusehen. Es gibt daneben auch spontane 
Handlungen Grottes. Die organische Welt wurde von Gk)tt erst auf der Unter- 
lage der anorganischen Schöpfung hervorgebracht. Sie ist nicht rein mechanisch 
oder chemisch erklärbar. Die menschliche Seele ist die Höhe der Schöpfung, 
weil Ebenbild der göttlichen Persördichkeit. Der stetige Fortgang des Prozesses 
der Menschwerdung des Göttlichen ist identisch mit der Religionsentwicklung. 

Alle Religion besteht in dem Erlebnis des Göttlichen inmitten des Men- 
schendaseins. Es kulminiert in der Person vaid im Leben Jesu. Der Zweck 



§ 19. Der spekulative Theismus und die Gegner Hegels. 2-19 

seiner Leidenstat war die Offenbarung des innersten sittlichen Wesens seiner 
Persönlichkeit in ihrer vollen, alles andere Menschliche überstrahlenden Hoheit 
und Lauterkeit. (III, 392.) Das göttliche Feuer wurde in ihm diirch die GJeistes- 
tavie am Jordan entzündet. (310.) Er war sündlos, doch nicht ohne innere Ver- 
suchungen. (311.) Die Erscheinungen des Auferstandenen werden auch von 
Weiße (wie von Fichte) als real angesehen. Ebenso hält er auch die Prophe- 
zeiimgen Jesu über den jüngsten Tag fest. Es werden zur Zeit dieser Welt- 
katastrophe die schöpferischen KJräfte, welche jetzt in die gegenwärtige irdische 
Dingordnung gebunden sind, in vmserem Teile der Welt wieder frei werden, 
„mithin auch die Triebkräfte zur Erzeugung einer unsterbhchen Leiblichkeit 
aus den so entbimdenen Weltstoffen in den Seelen der Abgeschiedenen, ihrer 
Auferstehung entgegen harrenden Gotteskinder". (718.) Aber nur die, welche 
bereits auf Erden oder im Zwischenzustand des Haders eine innere Wieder- 
geburt und Rechtfertigung erfahren haben, haben Teil an diesem geistleiblich 
neugestalteten Gottesbereich, die anderen bleiben im einsamen Todesschlaf, 
tim früher oder später in ihi"em Dasein völlig zu erlöschen. (723.) In sparsamer 
Weise hat auch Weiße die Beobachtungen seiner Zeit an Medien, Hellsehern 
lind Somnambulen anderen zur Beurteilung der Fragen nach dem Zustand 
der Seele nach dem Tode herangezogen. 

Von besonderer Wirkvmg ist Weißes Ästhetik gewesen. Dieselbe wird 
von ihm in engste Beziehimg zur Metaphysik gesetzt. Lotze erbhckte in ihr 
geradezu ,,den vollkommensten Abschluß der Bestrebungen, die auf diesem Ge- 
biete der philosophische Idealismus unserer Zeit entfaltet hat" (Geschichte der 
Ästhetik, Münch. 1868, S. 211). Die Ästhetik Weißes erschien noch vor Hegels 
Vorlesiuigen über Ästhetik. In dieser ersten Gestalt war ihre Methode die 
dialektische, später gab Weiße unter Festhaltung des Ideengehaltes die dialek- 
tische Form preis. Die von Seydel veröffentlichten Vorlesungen Weißes über 
Ästhetik stellen diese spätere Gestalt der Ästhetik Weißes dar. Die Ästhetik 
ist nach Weißes älterer Lehre die Wissenschaft von der Idee der Schönheit. 
Die Idee ist ,,die unter der Gestalt der Ewigkeit und Notwendigkeit erkannte 
Form alles wahrhaft Seienden". Sie steht in der IVIitte zwischen der Idee der 
Wahrheit und der Idee der Gottheit. Die letzte ist die höhere Einheit imd Ver- 
mittltmg der beiden ersten. Die Ästhetik zerfällt 1. in die „Begriffslehre" 
von der Schönlieit, d. h. die Lehre vom Begriff der Schönheit ,,in seinem im- 
mittelbaren und noch nicht durch sich selbst gestalteten Dasein, welches die 
Phantasie ist"; 2. in die Lehre von der Kunst, die das äußerliche und objektive 
Dasein der Schönheit ist ; 3. in die Lehre vom Genius. Weiße begreift danuiter 
nicht nur die Lehre vom Genie, sondern er kennt auch einen ,, Genius in ob- 
jektiver Gestalt" : Xaturschönheit, Sitte imd Gteschlechtsliebe. Das ästhetische 
Organ ist im menschlichen wie im göttlichen Geist die Phantasie (das Gtemüt). 
Im göttlichen Geist ist dieselbe frei schaffender, schöpferischer Art, bei Menschen 
dagegen nur verarbeitend, indem sie das durch die Sinnlichkeit Giegebene 
tmagestaltet. Die Idee der Schönheit ist eine wesentliche Eigenschaft des gött- 
hchen Geistes. 

In der späteren Fassung der Ästhetik bestimmt Weiße als ihre eigentliche 
wissenschaftliche Aufgabe die Frage nach der ,, empirischen Wirklichkeit des 
Schönen im Elemente des irdischen Daseins und des Menschenlebens". 

Alle Schönheit hat ihren Sitz im Geist. Äußere Dinge sind nur so weit 
schön, als sie aus dem Geist stammen. Dieser Geist ist entweder der menschhche 



250 § 19. Der spekulative Theismus und die Gegner Hegels. 

oder der absolute Geist. Auch der absolute Geist ist nicht nur Denken und 
Wille, sondern auch Gefühl. An die Stelle der Sinnlichkeit des endlichen Geistes 
tritt im absoluten Geist die schaffende Phantasie oder das „Gemüt", welches 
nach Weiße die Quelle aller Gefühle ist, denn derselbe hat nichts Äußerliches 
sich gegenüber. Dieser Dreiheit der Gnmdkräfte des absoluten Geistes ent- 
spricht eine Dreiheit von Ideen: das Wahre, Gute und Schöne. Jede von ihnen 
bezeichnet eine Grimdeigenschaft, der Vernimft bzw. des Willens bzw. des 
Gemütes. Die Schönheit Gottes wird auch mit den Namen Seligkeit, Herrlich- 
keit oder auch Weisheit bezeichnet, wie man sieht, eine recht kühne, gewaltsame 
Sprachdeutung um eines philosophischen Schemas willen. Hegel verwandt 
ist die Unterscheidung Weißes zwischen antikem, romantischem und modernem 
Ideal. Das antike Ideal verkörpert den Geist, indem es alle weltgeschichtlichen 
Handlungen des absoluten Geistes in die Gestalt der schönen Erscheinung 
kleidet, das romantische Ideal dagegen vergeistigt den Körper. Im modernen 
Ideal endlich löst sich die auf die Idee des Schönen gerichtete produktive 
Tätigkeit des Menschengeistes von den auf die Ideen des Wahren und Guten 
gerichteten Tätigkeiten. Die Kunst gewinnt eine der Philosophie und 
Religion ebenbürtige Stellung. — Die Ästhetik Weißes ist reich an geistvollen 
Gedanken. 

Besonders an Weiße hat sich angeschlossen Rud. Seydel (geb. 27. Mai 
1835 in Dresden, gest. 8. Dez. 1892, in Gohlis wohnend, bis zu seinem Tode 
ao. Prof. der Philos. in Leipzig), Logik od. Wissenschaft vom Wissen, Lpz. 
1866. Ethik od. Wissensch. vom Seinsollenden (eingeschaltet eine zuvor un- 
gedruckte Abhandlvmg von Chr. H. Weiße), Lpz. 1874 Das Evangel. v. Jesu 
in sein. Verhältnissen zur Buddhasage u. Buädhalehre mit fortlaiof. Rück- 
sicht auf and. Religionskreise untersucht, Lpz. 1882, ergänzt durch: DieBuddha- 
iegende u. d. Leben Jesu, Lpz. 1884. Rel. u. Wissensch., gesammelte Reden u. 
Abhandl., Breslau 1887. Der Schlüssel ztun objekt. Erkennen, HaUe 1889 
(auch i. d. Zeitschr. f. Ph. u. philos. Kr.). Religionsphil, im Umriß, hg. v. 
P. W. Schmiedel, Freib. u. Lpz. 1894. Daselbst auch ein chronologisches Ver- 
zeichnis der wissenschaftlichen Publikationen S.s. Vgl. auch Seydels vortreffl. 
Darstellg. u. Beurteilg. des Schopenhauersch. Systems, siehe unt. Am liebsten 
arbeitete Seydel über Geschichte der Religion und über das Problem und Wesen 
der Religion. Seine Spekulationen erinnern mehrfach an Schelhng, dessen intellek- 
tuelle Anschauung ziu* Erfassung des Absoluten er annahm. Religion ist nicht 
ein, sondern das Verhältnis zum Höchsten, imd zwar wird sie bestimmt als be- 
wußter W^illenstrieb auf unbeschränlcte Unterordnung unter das Göttliche. 
Der religiöse Grundwille kann mu- darauf gehen, das ganze Menschenwesen und 
Menschentum, ja die ganze Welt untergeordnet zu sehen und imterordnen zu 
helfen dem Gtöttlichen, und zwar in der Weise, wie dies aus dem Göttlichen folgt. 
BUebe etwas in der Welt oder im Menschen von dieser Unterordnung aus- 
genommen, so hätte dieses Gott fremde Gebiet gleichsam einen andern Gott, 
und das Höchste wäre nicht das Höchste, da es etwas neben sich hätte. Die 
Formen zxir Verwirklichxmg des religiösen Verhältnisses sind die des Wollens, 
Fühlens, Erkonnens, Handelns. Die Religion sucht das Göttliche als Zentrum 
alles einzelnen auch in des Menschen Zentrum aufzunehmen: Sie will zentrale, 
volle Gottesgemeinschaft, Leben in Gott und aus Gott und um Gottes wiUen. 

Schüler von Weiße ist ferner H. Lotze gewesen (s. u.). Nach E. v. Hart- 
mann, der den Übereinstimmungen zwischen beiden näher nachgegangen ist 



§ 19. Der spekulative Theismus und die Gegner Hegels. 251 

(Lotzes Philosophie, Lpz, 1888), wäre er sogar am präzisesten als „Weißeaner" 
zu bezeichnen, was aber unbedingt viel zu weit geht. 

Ein anderer Schüler Weißes war Gustav Portig (1838— 1911), s. in Teil III. 
Karl Frdr. Eusebius Trahndorff, geb. 1782 in Berlin, längere Zeit 
Professor am Friedrich-Wilhelms- Gymnasium daselbst, seit 1839 pensioniert, 
gest. 1863 in Berlin, hat eine gi-oßo Zalil Schriften verfaßt, die ziun größten 
Teil ungedruckt blieben. Veröffentlicht sind u. a. von ihm: Ästhetik oder 
Lehre von Weltanschauxmg und Kunst, 2 Bde., Berl. 1827. Wie kann der 
Supranaturalismus sein Recht gegen Hegels Religionsphilosophie behaupten?, 
ebd. 1840. Schelling imd Hegel oder das System Hegels als letztes Resultat 
des Grimdirrtoms in allem bisherigen Philosophieren, Berl. 1842. Theos., 
nicht Kosmos, eine Denkschrift als Zeugnis für die Wahrheit, ebd. 1859, 2. Aufl. 
1860 (gegen A. v. Hiunboldt). 33 Artikel gegen den Grundirrtvun der Zeit, 1858. 
Was ist Wahrheit ? , 1863. Trahndorff vertrat entschieden einen christlichen Mono - 
theismus, und deshalb findet er hier seine Stellung. Die Einheit in der Vielheit 
der Erscheinungen des Universiuns kann schwerlich erreicht werden, da die 
Erfahrungswissenschaften nicht vollendet sind, auch wohl nie vollendet werden; 
der Anfang unseres Wissens und Lebens, ja diese gesuchte Einheit, als das 
allvunfassende Erste ist unser Bewußtsein, das die bisherige Philosophie so gut 
wie nicht beachtet hat. Überschreitet der Mensch von sich aus die Schranken 
der Natur, in denen sich Naturobjekte zeigen, so kommt er in eine Region von 
Objekten, welche die Natxxr gar nichts angeht. Diese Objekte waren in uralter 
Überlieferting den ersten Menschen tmmittelbar gegeben, und dieses Vernehmen 
des Übernatürlichen ist die Vernunft, in welcher sich das menschliche Bewußt- 
sein vollendet. In dem ursprünglichen Bewußtsein wird die Idee der übernatür- 
lichen Einheit vernommen und im Gottesoegriff erfaßt. S. Ed. v. Hartmann, 
Die deutsche Ästhetik seit Kant, S. 129—156, der die lange verkannten Ver- 
dienste Trahndorffs auf ästhetischem Gebiete stark betont und ihm in der ge- 
samten Geschichte der Ästhetik den zweiten Platz neben Hegel einräumt. 

Joh. Gust. Friedr. Billroth (1808—36), Vorles. üb. Reügionsphil. hg. 
v.E. Erdmann, Lpz. 1837, 2. Aiifl. 1844, der sich den Ansichten Weißes anschloß. 
Hier besser als bei den Hegelianern dürfte auch zu erwähnen sein der 
kenntnis- und gedankenreiche, namentlich der Ästhetik zugewandte Moritz 
Carriere (geb. 5. März 1817 in Griedel im Großherzogt. Hessen, von 1853 an 
Professor in München, wo er am 19. Januar 1895 starb), dessen anziehend ge- 
schriebene, auch schwierige spekiilative Fragen klar behandelnde Werke einst 
viel gelesen wurden, jetzt aber schon in Vergessenheit geraten sind. Die ReUgion 
in ihrem Begriff, ihrer weltgeschichtlichen Entwicklung imd Vollendung, ein 
Beitrag zum Verständnis der Hegeischen Philosophie, Weilbvirg 1841; ferner 
leUgionsgeschichtliche und religionsphilosophische und ästhetische Schriften, 
deren Standpunkt von dem Hegeischen wesenthch abweicht, wie namentlich: 
Die philosophische Welt anschautmg der Reformationszeit, Stuttg. 1847, 2. Aufl., 
Lpz. 1887, Religiöse Reden und Betrachtungen für das deutsche Volk (anonym), 
Lpz. 1850, 2. Aufl. 1856, 3. Aufl. 1894, Das Wesen und die Formen der Poesie, 
Lpz. 1856, Ästhetik, Lpz. 1859, 3. Aufl. 1885. Als eine Geschichtsphilosophie 
aus dem Gesichtspunkte der Ästhetik bezeichnet er sein großes Werk: Die 
Kunst im Zusammenhange der Kiolturentwicklung und die Idee der Mensch- 
heit, I. Bd. : Der Orient, Lpz. 1863, IL Bd. : HeUas und Rom, ebd. 1865, 3. Aufl. 
1877, III. Bd. : Das Mittelalter, ebd. 1868, IV. Bd. : Renaissance and Reformation, 



252 § 19. Der spekulative Theismus und die Gegner Hegels. 

1871, 3. Aufl. 1885, V. Bd. : Das Weltalter des Geistes im Aiif gange. Literatur 
und Kunst im 18. xmd 19. Jahrh., 1873. Die sittliche Weltordnung, Lpz. 1877, 
2. Autl. 1890. Jesus Christus u. d. Wissensch. d. Gegenw., Lpz. 1888, 2. Aufl. 
1889. D. Wachst, d. Energie in d. geist. u. organ. Welt (aus Abh. d. k. bayr. Ak. 
d. Wissensch), Münch. 1892. Erkennen, Erleben, Erschließen, Festrede, Münch. 
1893. Gtesammelte Werke, 14 Bde., Lpz. 1886—93. Lebenserinnervmgen, 
hg. von W. Diehl (S. A. a. Arch. f. hess. Gesch. u. Altertumskunde), Darmst. 
1914. Er sagt selbst, seine Weltanschauung sei aus der Fichtes hervorgewachsen, 
doch war er auch d\xi-ch Hegel angeregt, wie dies sein erstes Werk beweist; 
dann entfernte er sich von dem letzteren in ähnlicher Art wie der jüngere Fichte 
u. a. durch die von ihm intendierte ,,Überwindiuig des Pantheismus wie des 
Deismus in der Anerkennung der Persönlichkeit wie der UnendUchkeit des der 
Welt einwohnenden und seiner selbst bewußten Gottes". Der „Friede zwischen 
Kojif und Herz", zwischen Glauben tmd Wissen, soll zustande kommen durch 
Anerkennung der sittlichen Weltordnung, die als göttliche das ganze Dasein 
durchdringt vmd sich offenbart an den höchsten Zielen der Menschheit, an der 
Geschichte, an Kultur, und Kunst. In unserem irdischen Leben kommen wir 
nicht zur vollen Entwicklimg unserer höheren Anlagen. „Für die Realisierung 
des Guten wie für die Selbst Vervollkommnung fordern wir Unsterblichkeit." 
Insbesondere weicht Carriere von der Ästhetik Hegels ab durch „Betonung der 
Bedeutung der Individualität und Sinnlichkeit gegenüber der Allgemeinheit des 
Gedankens". 

Heinr. Mor. Chalybäus (geb. 1796 zu Pfaffrode in Sachsen, Prof. 
in Kiel, gest. 1862 in Dresden), Phänomenologische Blätter, Kiel 1841. Die 
moderne Sophistik, Kiel 1843. AVissenschaftslekre, Lpz. 1846. System d. 
spekul Ethik, 2 Bde., Lpz. 1850. Philos. u. Christentum, Kiel 1853. Ftm- 
damentalphilosopMe, Kiel 1861. Polemisierend gegen Hegel tind in ge- 
ringerem Maße gegen Herbart, versuchte er einen ethischen Theismus zu be- 
gründen, indem er der praktischen Vernunft den Vorrang vor der theoretischen 
gab und den menschlichen Grundtrieb zum praktischen Leben und zum ethischen 
Wirken an die Spitze der Philosoplüe stellte. Seine Histor. Entw. d. spekul. 
Philos. von Kant bis Hegel, Dresd. 1837, 5. Auil. 1860, war eine seinerzeit viel 
benutzte ausgezeichnete Darstellung. 

Friedr. Harms (geb. 1819 in Kiel, gest. als Prof. d. Philos. in Berlin 
1880), Prolegomena zur Philos., Braunschw. 1852. Die „AUg. Enzyklopädie 
der Physik" enthält im ersten Bande, Lpz. 1856ff., eine von H. verf. philos. 
Ein]. F. Harms, Abhandlgn. z. System. Philos., Berl. 1868. Über d. Begr. d. 
Psychol. Aus Abhandl. d. Berl. Akad., Berl. 1874. Die Reform der Logik, 
ebd. 1874. Über d. Begr. d. Walirheit, ebd. 1876. Die Philos. seit Kant, Berl. 
1876. DieFormender Ethik, ebd. 1876. Gesch. d. Psychol., ebd. 1878. Gesch. 
d. Logik, ebd. 1881. Metaphj'^sik, aus d. handschr. Nachlasse d. Verf. hg. v. 
Heinr. Wiese, Bresl. 1885. Logik, hg. v. dems., Lpz. 1886. Ethik, hg. v. dems., 
Lpz. 1889. Begr., Formen u. Grvmdl.d. Rechtsphil., v. dems., ebd. 1889. Natiu"- 
philosophie von demselben, ebd. 1895. Psychologie von demselben, Lpz. 1897. 
Harms nähert sich in manchem dem älteren Fichte. Die Philosopliie ist ihm 
die Wissenschaft von dem Absoluten avis den Grundbegriffen der Empirie ; sie 
steht daher mit den Erfahrungswissenschaften in Verkelir und Wechsel- 
beziehung, Logik und Metaphysik sind Glieder eines Ganzen, dessen Prinzip 
der Begriff des Wissens ist, das sie nach seinem Subjekt und Objekt untersuchen. 



§ 19. Der spekulative Theismus und die Gegner Hegels. 253 

Sie machen zusammen die Wissensehaftslehre aus. Das Absolute ist nur zu 
erkennen, wenn man alle Grundbegriffe der Empirie durchgeht und miteinander 
verbindet. Die Ethik bestimmt Harms als die Wissenschaft von den Grund- 
begriffen der Geschichte. S. Friedr. Zimmer, Gnmdriß der Philosophie nach 
Friedr. Harms, Tüb. u. Lpz. 1902. 

Als der vorzügUchste Vertreter des „wissenschaftlichen Realismus" wird 
Harms von Johannes Witte (geb. 1846, früher Professor in Bonn, später 
Kreisschulinspektor in Ruhrort) bezeichnet. Der letztere will sich mit Harms in 
dem Streben nach einer auf Giimd einer Verniinftanschauung, die aber von der 
intellektuellen verschieden sein soll, sich aufbauenden Weltansicht berühren. 
Vorstudien zur Erkenntnis des unerfahrbaren Seins, Bonn 1876. Zur Erkennt- 
nistheorie und Ethik, dreiphilos. Abh., Berl. 1877. Über Freiheit des Willens, 
das sittl. Leben u. seine Gesetze, Bonn 1882. Grundzüge d. Sittenlehre, Bonn 
1882. Das Wesen d. Seele u. d. Natur d. geistig. Vorgänge im Lichte der Philo- 
sopliie seit Kant luid ihrer grimdlegenden Theorien histor. -krit. dargestellt, Halle 
1888. Sinnen u. Denken. Gesamm. Abh. u. Vortr., Halle 1889. 

Karl Phil. Fischer (1807—85, gest. als Prof. d. Philos. in Erlangen), 
Die Freiheit d. menschl. Willens im Fortschritt ihrer Momente, Tüb. 1833. 
Die Wiss. d. Metaphys. im Grundriß, Stuttg. 1834. Dia Idee der Gottheit, 
Tüb. 1839. Spekul. Charakteristik u. Krit. des Hegeischen Systems, Erlang. 
1845. Grundzüge d. Syst. d. Philos. od. Enzyklop, d. philos. Wiss., Erlang, 
u. Frankf. a. M. 1848 — 55. Die Unwahrh. d. Sensualismus u. Materiahsmus, 
mit bes. Rücksicht auf d. Scliriften v. Feuerbach, Vogt u. Moleschott, 
Erlang. 1853. Fischer hat unter Polemik gegen Hegel sich vielfach durch 
Baader anregen lassen. 

Jakob Sengler (1799 — 1878, seit 1842 Professor in Freiburg), Die Idee 
Gottes, Heidelb. 1845 — 52. Erkenntnislehre, Heidelb. 1858. Goethes Faust, 
Berl. 1873. — Er versuchte besonders die Persönlichkeit Gottes zu begründen 
und fand den Monotheismus aUein durch die Trinitätslehre möglich. 

Leop. Schmid(geb. 1808, 1839 Prof. d. Dogmat. in d. kath. -theolog. Fak. 
in Gießen, 1850 in die philos. Fak. übergetreten, gest. als Prof. d. Phil, in 
Gießen 1869), Grimdzüge der Einleit. in d. Philos., mit ein. Beleuchtung d. 
durch K. Phil. Fischer, Sengler und Fortlage ermöglichten Philosophie der 
Tat, Gießen 1860. Das Gesetz der Persönlichkeit, Gießen 1862. Schmid 
schloß sich den Bestrebungen Senglers und K. Ph. Fischers an. Ihrem Wesen 
nach besteht die Philosophie in der Selbstverwirklichung des Menschen zu 
reiner und voUer Menschlichkeit. Der Geist der Philosophie muß Wissen und 
Können, Bildung xmd Leben durchdringen imd verbinden. Die Tat muß über 
das Wort gestellt werden. Schmid war davon überzeugt, daß die neue Philo- 
sophie der Tat oder das System des Energismus in Deutschland durchzu- 
brechen beginne. 

Em. Aug. von Schaden (geb. 1814 in München, 1839 Privatdoz. in 
Erlangen, 1846 ao. Prof., gest. 1852 in Nürnberg), System der positiven 
Logik, Erlangen 1841. Vorlesung, über akademisches Leben tmd Studivim, 
Marb. 1845 (im 2. Teil desselben findet sich sein System in den Grundlinien). 
Üb. d. Gegensatz d. theistischen u. pantheistischen Standpunkte, Er- 
langen 1848; ein Sendschreiben an L. Feuerbach, worin er besonders die 
Frage nach der Persönlichkeit des Absoluten behandelt. Über die Hauptfrage 
der Psychologie, Erl. 1849. In einer Einleitvmg zu den von ihm herausgegebenen 



254 § 19. Der spekulative Theismus und die Gegner Hegels. 

Tagebüchern Baaders, 1850, 11. Bd. der Werke Baaders, gab er seinen eigenen 
Standpunkt genauer an. Er nähert sich vielfach der theosophischen Richtiing 
Baaders, den er den „philosophus christianus" nannte, während er selbst sich 
im Gegensatz zu Hamann, dem Magus des Nordens, als den Magus des Südens 
bezeichnete. Nach seiner Ansicht findet ein richtig organisierter Kopf und ein 
ebensolches Herz sowohl erkennend als fühlend nur die höchste Befriedigung 
„in der persönlichen Existenz einer primitiven Intention, eines teleologischen 
Weltbaumeisters". Es liegt diese Anerkennung auch im sensus communis, 
den alle wahre Philosophie auszulegen hat. — Schaden war ein Mann von 
reichen Kenntnissen und von glänzendem Vortrag. 

F. X. Schmid (aus Schwarzenberg, gest. 1884 als Prof. d. Philos. a. d. 
Univ. Erlangen), Christi. ReUgionsphilos., Nördl. 1857. Entwurf ein. Syst. d. 
Philos. auf pneumatolog. Grundlage, 8 Teile (Erkenntnislehre, Metaphys., 
Ethik), Wien 186.3—68. Außerdem verschied, philosophiegeschichtl. Arbeiten, 
die in der Literatiu- schon aufgezählt sind. 

J. W. Hanne, Die Idee d. absol. Persönlichk. od. Gott u. sein Verh. z. 
Welt, insonderheit z. menschl. Persönlichk., Hann. 1861. Geist d. Christent., 
Elberfeld 1867. 

K. Sederholm, Die ewig. Tatsachen. 2. A. Lpz. 1859. D. geist. Kosmos, 
Lpz. 1859. Der Urstoff und der Weltäther, Moskau 1864. Zur Rel. -Philos. 
(a. d. Z. f. Philos.), Lpz. 1865. 

Conrad Hermann (geb. 1818, gest. 1897 als Prof. in Leipzig), Grund- 
riß einer allgem. Ästhetik, Lpz. 1857. Philosophie der Geschichte, Lpz. 1870 
Die Ästhetik in ihrer Geschichte und als wissenschaftliches System, Lpz. 1875. 
Die Sprachwissenschaft nach ihrem Zusammenhang mit Logik, menschlicher 
Geistesbildimg und Philosophie, Lpz. 1875. Der Gegensatz des Klassischen 
und des Romantischen in der neueren Philosophie, Lpz. 1877. Hegel und die 
logische Frage der Philosophie in der Gegenwart, Lpz. 1878. Hermann sucht 
die von dem Hegeischen System aus „nächsthöhere" neue allgemeine Wahrheit 
der pliilosophischen Weltanschauung aufzufinden imd ist der Ansicht, daß die 
Philosophie nur im Anschluß an die Geschichte der Philosophie vind imter An- 
knüpfung an die großen historischen Traditionen der Vergangenheit ihren 
wahrhaften wissenschaftlichen Zielen in der Gegenwart mit Erfolg zuzustreben, 
vermöge. Siehe H. Abb.: D. Stellung u. Aufgabe d. Philos. in d. Gegenw . 
in: Unsere Zeit, Deutsche Revue d. Gegen w., 1883, H. 8, S. 285-296. 

Albert Peip (gest. als Prof. d. Philos. in Göttingen), Die Wissensch. u. d. 
geschichtl. Christentum, Berl. 1853. Der Beweis des Clu-istentxmis, Berl. 1856. 
Christosophie, Berl. 1858. Jakob Böhme, Lpz. 1860. Die Gesch. d. Philos. 
als Einleitungswiss., eine Antrittsvorles., Gott. 1863. Zum Beweis des Glaubens. 
Gütersloh 1867. Religionsphilos., hg. v. Th. Hoppe, Gütersloh 1879. 

Joh. Huber (geb. 1830, gest. 1879 als Prof. d. Philos. in München), Die 
Idee der Unsterblichkeit, Münch. 1864. Der Proletarier, ebd. 1865, Studien 
über die relig. Auf kl. im 18. Jahrb., z. Christologie, d. Statistik d. Ver- 
brechen u. d. Freih. d. Willens, Münch. 1867. Der Papst u. d. Konzil (v. 
Janus), 1876. Kleine Schriften (Lamennais, Jac. Böhme, Spinoza, Kom- 
munismvis u. Sozialismus, Die Nachtseiten von London, Deutsches Studenten- 
leben), Lpz. 1871. Die Lehre Darwins, Münch. 1871. Der Jesuitenorden, 
Berl. 1873. Zur Kritik moderner Schöpfungsiehron mit bes. Rucks, auf 
Haeckels „natürl. Schöpfimgsgeschichte", Münch. 1875. Die ethische Frage, 



§ 19. Der spekulative Theismus imd die Gegner Hegels. 255 

Älünch. 1875. Der Pessimismus, Münch. 1876. Die Forschung nach der 
Materie, Münch. 1877. Das Gedächtnis, ebd. 1878. Zur Philos. der Astronomie, 
ebd. 1878. S.auch Grundr.II. Huber kämpfte besonders gegen die mechanische 
Weltansicht für die Substantiaütät des Geistes als des allbeherrschenden Prin- 
zips, aber auch für die Freiheit des Geistes gegen den Jesuitismus. 

Karl Steffensen, geb. 25. April 1816 in Flensburg, studieri;e in Kiel 
xmd Berhn Jurisprudenz und Geschichte. Darm lebte er längere Zeit aus Gre- 
simdheitsrücksichten im Süden. Zurückgekehrt, wurde er zunächst Hauslehrer 
in Paris, später Erzieher eines mecklenburgischen Prinzen. Endlich habilitierte 
er sich in Kiel. Nach erneutem Aufenthalt im Süden wnirde er 1854, ohne daß er 
etwas Wissenschaftliches publiziert hatte, auf Empfehlung des mit ihm be- 
freundeten Altphilologen Heinrich Gteltzer, der einen sehr bedeutenden Ein- 
druck von ihm empfangen hatte, als Ordinarius der Philosophie nach Basel 
berufen. Dort hat er als Lelirer eine starke prophetenartige Wirktmg geübt. 
So sind z. B. auch E\icken, der eine Zeitlang neben ihm in Basel wirkt«, tmd der 
diesem eng verwandte G. Class von ihm beeinflußt (s. u.). Er starb am 12. Dez. 
1888. Veröffentlicht hat Steffensen außerordentlich wenig. Er hat lediglich 
in den „Protestantischen Monatsblättern" eine Anzahl Aufsätze publiziert, die 
jetzt unter dem Titel: Karl Steffensen. Gesammelte Vorträge und Aufsätze 
mit einigen Erinnerungsblättem von Freunden tmd Schülern, Basel 1890, 
gesammelt sind. Außerdem wurde aus seinem Nachlaß ein imvollendetes, etwas 
größeres Buch: Zur Philosophie der Gteschichte. Auszüge aus seinem hand- 
schriftlichen Nachlaß. Mit einem Vorwort von R. Eucken. Basel 1894, heraus- 
gegeben. Steffensen offenbart sich in diesem Werk als ein tiefer Metaphysiker, 
der eine Wirkung weit über Basel hinaus verdient hätte. Eucken hat über das 
Buch das Urteil gefällt: ,,Seit Fichte und Hegel ist über die großen Fragen 
unsres Daseins nicht so mächtig, so eindringlich geschrieben worden als von 
Steffensen." Dies Wort ist nicht übertreibend. Es lebte in diesem Denker ein 
metaphysisches Gefühl für das Greheimnis der Welt und des Lebens von äußer- 
ster Intensität. Er schreibt deshalb auch einen Stil von großer Schönheit und 
Prägnanz. Er steht in Gegensatz zu allem Natiiralismus und Positivisraus. 
Sein geistiges Lebenselement ist die Metaphysik. L^nd zwar ist es eine dualistische 
^Metaphysik, der er huldigt. Man könnte sie christlich nennen, ja mittelalterlich, 
wenn er nicht ganz reahstLsch in der Weltbetrachtung wäre und ganz frei im 
Urteil. Alle Geschichtsforschung bezieht sich ztiletzt nur auf die Seelen der 
Menschen. Geschichte reicht so weit, wie Seelen da sind. Solange keine Heroen 
auftreten, besteht freilich mehr die Möglichkeit ziu Gteschichte als selbst solche. 
Geschichtsphilosophie ist die Erkenntnis „eines übernatürlichen, überirdischen, 
aber in diese Erdnatur und das Erdenleben verflochtenen Geisteslebens" (S. 28). 
Trotz der idealistischen Grxindtendenz verabscheut Steffensen alle unwahre Ideah - 
sierung der Geschichte. Wohl aber meint er, daß wir überall von L'mhüllungen 
eingeschlossen sind, durch welche Offenbarimg hindurchscheint. ,,In dieser 
Welt herrschen Tod und Traiuigkeit. " (140.) Auch die Abhängigkeit 
unserer Seele vom Körper ist ,,ein schweres Dimkel". ,,Das ist unsers Januners 
Last, die kein Mimd aus kann sagen. " (146.) Der gewöhnliche, allzu optimistische 
Theismus erscheint Steffensen als ,,eine poetische Fälschung". (186.) Gut und 
Böse sind letzte Gründe dieser Welt. Ohne diese Begriffe ist ein Verständnis 
dieser Welt nicht möglich. Die Welt ist nicht eine Schöpfung Gottes, sondern 
es hat dabei ein ungöttlicher, widergötthcher Grund mitgewirkt. Alles sitthche 



256 § 19. Der spekvUative Theismxis und die Gegner Hegels. 

Leben erfordert Wiedergeburt. Die Geschichte bedeutet „eine Erlösung, eine 
Verwandlung in die wahrhaft wirkliche Erinnerung, Innerlichkeit, Macht, 
Freiheit zurück" (162). 

Friedrich Julius Stahl, geb. 16. Jan. 1801 in München, gest. 10. Aug. 
1861 in Bad Brückenau. 

Die Philosophie des Rechts, Heidelb. 1830—37, 2. Aiifl. 1845, 
3. Aufl. 1854 — 56, 5. A. Tüb. 1879, anast. Neudr. 1890. (Bd. I: Geschichte der 
Rechtsphilos., Bd. II, 1 u. II, 2: Rechts- u. Staatslehre a\if d. Grundl. christl. 
Weltanschauung). Das monarchische Prinzip, Heidelb. 1845. Reden, Berl. 1850. 
Was ist die Revolution ? Berl. 1852, im selben Jahr mehrere Auflagen (auch in 
den Parlam. Reden). Der Protestantismus als polit. Prinzip, BerUn. 1853. Der 
christl. Staat, 2. A. Berl. 1858. Siebzehn parlament. Reden und drei Vorträge, 
Berl. 1862. Die gegenwärt. Parteien in Staat u. Kirche, Berl. 1863, 2. A. 1868. 
Staatslehre auf d. Grundl. cliristl. Weltansch. Im Auszug neu hg., Berl. 1910. 

Stahl war zuerst jüd., seit 1819 protest. Konfession. In der Jugend liberaler 
Burschenschafter, ging er später zur konservativen Partei über. 1827 Privatdoz. 
d. Staatsrechts in München, 1832 ao. Prof . in Erlangen, unmittelbar daraixf nach 
Würzburg berufen. Seit 1 835 wieder in Erlangen. 1 840 wurde er auf Empfehlimg 
Bunsens dvu-ch Friedrich W^ilhelm IV. nach BerUn berufen, um die Rechtsphilo- 
sophie der Hegelianer zu bekämpfen. Bei im übrigen recht objektiver Beurteilung 
Hegels verwirft er dessen Pantheismus und Rationalismus. Aus bloßen Begriffen 
ist keine Erkenntnis möglich, sondern nur durch Erfahrimg. Verwandt ist Stahl 
Hegel in der Art, wie er dem geltenden Recht gegenübersteht und seine Gültig- 
keit als von Gott kommend stabiliert. GrCgen die Bezeichntmg als Anhänger 
Schellings hat Stahl sich lebhaft gewehrt (Vorr. zur 2. Aufl. von Bd. II, 1; 
abgedr. auch I* S. XVII Amn.). Er habe nur Schelhngs Polemik gegen das 
,,rationahstische Prinzip" übernommen. Auch Stahl vertritt unter scharfer 
Bekämpfung aller Formen des Pantheismus den Theismus unter gleich- 
zeitigem Festhalten an der christlichen Offenbarung vmd hat ihn zxvc Basis der 
Rechts- und Staatsphilosophie gemacht. Er fordert geradezu eine ,, Um- 
kehr der Wissenschaft", die seit anderthalb Jahrhunderten Recht vind Staat 
auf den Willen und Vertrag der Menschen, statt auf Gottes Ordnung und Fügung 
gegründet und damit ihre Autorität xmtergraben habe. Revolution ist ihm 
darum rächt bloß gewalttätiger Aufruhr, sondern er definiert: ,, Revolution ist 
die Gründung des ganzen öffentlichen Zustandes auf den Willen des Menschen 
statt auf Gottes Ordnxmg uad Fügung: daß alle Obrigkeit und Gewalt nicht 
von Gott sei, sondern von den Menschen, vom Volke; und daß der ganze ge- 
sellschaftliche Zustand zu seinem Ziele nicht die Handhabung der heihgen 
Gebote Gottes xmd die Erfüllxmg seines Weltplanes habe, sondern allein die 
Befriedigung und das willkürliche Gtebaren der Menschen. " Durch seine Staats - 
Philosophie wurde Stahl zum Schöpfer der modernen preußisch -konservativen 
Weltanschauung, worin seine historische Bedeutung gelegen ist. Die von ihm 
entwickelten Ideen bilden großenteils noch heute das ideologische Fundament 
der preußischen konservativen Partei. Er formulierte den Grundsatz ,, Autorität, 
nicht Majorität!" und setzte dem Andrängen des demolcratisch -parlamenta- 
rischen Systems die Forderung der Selbständigkeit der Krone entgegen, das 
Ideal einer „wirklichen Monarchie, in der der König nicht willenloses Werkzeug 
der parlamentarischen Majorität ist, nicht Minister eines Regierungssystems 
annehmen muß, daß ihm vorschreibt, sondern imierhalb der gesetzlichen 
Schranken selbständig nach eigenem Gewissen vind Urteil regiert, ja der Schwer- 



§ 19. Der spekulative Theismus und die Gegner Hegels. 257 

pvuikt der Gewalt ist". Der auf Wahrung der Autoritätsverhältnisse in der Ge- 
sellschaft gerichteten Grimdtendenz entspricht Stahls Eintreten für die Auf- 
rechterhaltung eines gebührend starken Anteils des Landadels an der parla- 
mentarischen Landesvertretimg, seiner Ortspolizeibefugnis, der Stetigkeit des 
Familiengrundbesitzes usw. Er setzte sich für diese Fordenmgen im allgemeinen 
Staatsinteresse ein, nicht ohne an anderen Fordenmgen der Ritterschaft Kjritik 
zu üben. — Für die Verwirkhchung seiner politisch-philosophischen Ideen war 
Stahl auch praktisch, als Führer der preußischen konservativen Partei, mit 
großem Erfolg tätig, ein leidenschaftlicher Bekämpfer des Liberalismus, der, 
wie er mit scharfem Bhck voraussah, notwendig ziu" Demokratie und dann 
weiter zum Soziahsmus führen müsse. 

Constantin Frantz (1817 — 91) trat mit Entschiedenheit für die 
letzten Perioden der Schellingschen Lehre ein und erwartete von der positiven 
Philosophie das Heil der Zukunft. Grxindsätze d. wahren u. absoluten 
Idealism., Berl. 1843. Philosophie der Mathematik, Lpz. 1842. Vorschule 
ZOT Physiologie d. Staaten, Berl. 1857. Die Naturlehre des Staates 
als Grundlage aller Staatswissensch., Lpz. u. Heidelb. 1870, Philosophismus 
VI. Christentum, Münch. 1875. (G«gen E. v. Hartmanns Schrift „Die Selbst- 
zersetzg. des Christentiims. ") ScheUings positive Philosophie, 3 Tle., Köthen 
1879 — 80. Der 3. Teil enthält d. Philos. der Offenbrn. nebst Charakteristik 
u. Würdigtmg der ganzen positiv. Philos. Aioßerdem zahlreiche pohtische 
Scluriften, so: Kritik aller Parteien, Berl. 1862. Die Wiederherstellg. Deutsch- 
lands, Berl. 1865. Das neue Deutscliland. Beleuchtet in Briefen an e. Staats- 
mann, Lpz. 1871. Der Föderahsmus als d. leitende Prinzip f. d. soziale, 
staathche u. internat. Organisation unt. bes. Bezugnahme auf Deutschland, 
kritisch nachgewiesen u. konstruktiv dargestellt, Mainz 1879. 

Constantin Frantz, geb. 1817 in Börnecke bei Halberstadt, studierte 
in Halle Mathematik, Physik mid Philosophie. Zunächst, auch noch zur Zeit 
seiner „Philos. der Mathematik", Hegehaner, wandte er sich weiterliin 
von Hegel ab und dem späteren ScheUing und einem mystisch gefärbten Christen- 
tum zu. Zunächst gedachte er die akademische Laufbahn zu betreten, ging dann 
aber zur Politik über und machte sich diu-ch seine glänzende pubhzistische 
Begabung sclineU einen Namen als politischer Schriftsteller. Auf großen Reisen 
dvirch Polen, Österreich, später auch durch Spanien vmd Nordafrika sammelte 
er viele persönHche Eindrücke. Geramne Zeit stand er im preußischen Staats- 
dienst, so war er Generalkonsul in Barcelona. Zunächst zu Bismarck bestehende 
engere Beziehungen lösten sich später, da derselbe Frantz mehr und mehr 
als ideenloser Machtpohtiker erschien vmd er zu seinen Schöpfvmgen kein 
Vertrauen hatte. — Auf den lange vergessenen Autor hat F. W. Foerster 
wieder die Aufmerksamkeit hingelenkt. 

Seine zahlreichen, zum Teil umfangreichen Schriften offenbaren einen 
philosophisch und allgemein hochgebildeten Mann, der auch seine praktisch- 
politischen Bestrebungen mit Ideen zu durchdringen bestrebt war. Das histo- 
rische Urteil über ihn geht heute dahin, daß er mehr für Philosophie des 
Staates als für praktische Plülosophie begabt gewesen ist. Daher auch sein 
Gegensatz zu Bismarck, dem er theoretisch gar nicht so unverwandt gewesen ist. 
Frantz erstrebte die Begründung einer neuenWissenschaft vom Staate, die vmter 
Verwerfung des spekulativen Verfalirens von den konkreten geschichthchen 
Verhältnissen ihren Ausgang nimmt. Älit anderen Worten, er sucht eine 

Ueberweg, Grundriß IV. yj 



258 § 19. Der spekulative Theismus \md die Gegner Hegels. 

deskriptive Staatsphilosophie zu begründen, eine Physiologie des Staates. Er ist 
also der Staatsphilosophie Repräsentant des neuen empirisch -natur- 
wissenschaftlichen Zeitalters. Er steht im Gegensatz sowohl ztun Naturrecht 
wie zxir theokratischen Staatslelire Stahls (s. o). Gleichwolil versucht auch er 
aus seiner Betrachtimg des Staates als eines „Naturprodukts" Normen zu 
gewinnen. So erscheint ihm für jeden Staat die Verfassung als die richtige, 
„welche der Natur des fraghchen Staates entspricht" (Vorschule S. 320). Das 
Frauenwahlrecht ist verwerflich, weil ,,Tannatürhch". Die positivistische Ein- 
stellimg Frantz' läßt ihn den Machtcharakter der Staaten klar erkennen. 
Doch geht sein Denken zuletzt darüber hinaus und auf die Schaffung von 
Staatenverbänden. 

Joh. Ulr. Wirth (gest. 1879 als Pfarrer in Wirm.enden) zeigte sich in 
seiner ersten Schrift: Theorie des Somnambulismus oder des tierischen Magne- 
tismus, Lpz. und Stuttg. 1836, als Hegelianer. In seinen späteren Schriften 
neigt er mehr Schleiermacher und ScheUings letzter Periode zu. System der 
spekulativen Etliik, Heilbr. 1841 — 42 (I : reine Ethik, II : konkrete Ethik). Die 
spekul. Idee Gottes u. die damit zusammenhäng. Probleme der Philos., Stuttg. 
u. Tüb. 1845. Philos. Studien, Stuttg. 1851, 2. verm. Aufl. 1854. 

Wilhelm Rosenkrantz (geb. 1821, seit 1867 Ober-Appellationsgerichts- 
rat in München, gest. 1874), knüpft an die positive Philosophie ScheUings tm- 
mittelbar an tmd sucht, dieselbe selbständig u. scharfsinnig weiterbildend, 
die Philosophie der positiven Tlie-ologie anzunähern, indem er auch die Bedeutimg 
der Scholastik anerkennt, aber doch nicht glaubt, daß es über sie hinaus keinen 
Fortschritt gebe. Die Philosophie ist ihm die absolute Wissenschaft, die auch 
für die Naturwissenschaften die Grimdlage bildet. Sein Hauptwerk ist: Die 
Wissenschaft des Wissens und Begründung der besonderen Wissenschaften 
durch die allgemeine Wissenscliaft, eine Fortbildung der deutschen Philosophie 
mit besonderer Rücksicht aixf Piaton, Aristoteles und die Scholastik des Mittel- 
alters, Bd. I, München 1866, wieder abgedruckt Mainz 1868, Bd. II, ebd. 1868. 
Es ist das nur die Analytik, die die Hauptstücke hat, indem sie von den Elementen 
des Wissens, von der Entstehung und von dem letzten Grunde, d. h. dem Prinzip 
des Wissens, handelt. Es sollte die Synthetik folgen, von der aber nur einzelne 
Teile in den weiter anzuführenden Schriften erschienen sind. In der Wissen- 
schaft des Wissens steigt er von der Tatsache der äußern und innern Erfahrung 
zur Erkenntnis der letzten höchsten Einheit auf und entfaltet dann diese in 
synthetischer Weise in ihrer ganzen Ausbreitung. Das unbedingt Seiende ist 
die Einheit des unbedingten Seins und der unbedingten Macht; diese Einheit 
kann aber nur in einem Willen enthalten sein, so daß das unbedingt Seiende Wille, 
d. h. göttlicher Wille, ist. Neben einer Kritik der Kategorienlehre gibt er auch 
eine eigene scharfsinnige Kategorienlehre. In seinen : Prinzipien der Theologie, 
nebst einer Einleitung über die Prinzipien!, im AUgem., Münch. 1875, 
und seinen Prinzipien der Naturwissenschaft, ebd. 1875, zeigt er, wie Gott nach 
seinem Wesen der Dreieinigkeit, seinen Eigenschaften, zu bestimmen sei, und 
wie der Natur xmd ihren Erscheinungen ein einheitliches geistiges Prinzip 
zugrunde liege. Die Lehre vom Geiste, die folgen sollte, ist nicht vollendet 
worden. Seine „Philosophie der Liebe' ' siehe bei A. Entleutner, Naturwissensch., 
Naturphilos. u. Philosophie der Liebe, Münch. 1877. 

Hubert Beckers (geb. 1806, gest. 11. März 1889 als Professor d. Philos. 
in München) ist ein treuer Anhänger ScheUings geblieben und hat außer Ab- 



§ 19. Der spekulative Theismus und dio Cregner Hegels.. 259 

handlungen über Schelling (s. Literat iiranli.) noch veröffentlicht: Über das 
Wesen des Gefülils, Müncli. 1830, Üb. d. Bedeutung des geistigen Doppellebens, 
in: Sitzungsber. der kgl. ba>T. Ak. d. W, 1860, Üb, d. Stelhing der Philos. z. d. 
exakten Wissenschaften, ebd. 1861, Aphorismen üb. Tod u. Unsterblichk. Zu 
ScheUings 114 Geburtst., Münch. 1889. 

Erwähnung verdient avich der s. Z. vielfach verkannte und geschmähte 
Friedrich Rohmer, geb. 1814 in Weißenburg i. Franken, gest. 1856 in 
Pasing. Speciilationis initium et finis, Münch. 1835 (auch im 6. Bd. der „Wiss. v 
Gott") ; Kritik des Gottesbegr. in d. gegenwärtigen Weltansichten, Nördling, 
1856 (anonym), 3. Aufl. 1857. Gott xi. seine Schöpfimg, ebd. 1857, D. natür 
hche Weg d. Menschen z. Gott, ebd. 1858. Die drei letzten Schriften ver 
einigt als 1. Bd. v. Fr. R.s Wissenschaft u. Leben unter dem Titel 
D. Wissenschaft v. Gott, etwas veränd. v. J. C. B(luntEchh), Nördling 
1871; 2. u. 3. Bd.; Wissensch. vom Menschen, auf Gr. mündl. Überl. u, 
schriftl. Aufzeichntmg bearb. v. Rud. Seyerlen, Nördling. 1885 (1. Hälfte 
D. sechzehn Grundkräfte, 2. H. : D. [Individual-] Psychologie) ; Polit, 
Schriften bearb. von dems., 5. u. 6. Bd. : Fr. R.s Leben und Wissenschaft! 
Entwicklungsgang. Entworf. v. Dr. Joh. Casp. Blimtschli, bearb. u 
ergänzt von Rud. Seyerlen, Münch. 1892. R. spielte 1842 — 51 als liberal 
konservativer PoUtiker eine Rolle ; in seinen politischen Schriften vertrat er die 
physiologische Auffassung vom Staate. Er selbst hielt sich in politischer, philo- 
sophischer u. religiöser Beziehung für ein Genie ersten Ranges, ja für eine Art 
Messias. Der wahre Philosoph ist nach ihm auch der wahre Staatsmann. Als 
Philosoph ist Rohmer ein Ausläufer der spekiilativen Epoche und relativ selb- 
ständig. Sein Denken ist von ausgesprochen religiös -poetischer, phantasievoUer 
Art. Nur die beiden zuerst genamiten Schriften hat er selbst veröffentHcht. Eine 
Nachwirkung hat er nicht geübt. Er suchte den Theismus mit dem Pantheis- 
mus auszugleichen. Alles Sein zerfällt nach ihm in zwei wesentlich verschiedene 
Arten, nämlich in die eine xirsprünghche vmd unendhche Einheit, den Makrokos- 
mus, imd in die Menge abgeleiteter, notwendig endhcher Existenzen, die Mikro- 
kosmen. Das Weltall ist nicht ein Wesen, es besteht aus dem einen Gott vmd 
den Geschöpfen Gottes. Vermischt dürfen diese beiden Welten nicht werden, 
und es gilt einen Schritt zu tun, welcher die Irrtümer des Pantheismus und 
Theismus überwindet und zugleich die in ihnen enthaltenen Wahrheiten aner- 
kennt. Das L'niversvmi oder die makrokosmische Natur ist der Körper Gottes, 
ist nicht von Gott geschaffen, sondern ist in Gott geworden. Der in ihm lebende 
Gteist ist Gottes Geist. Raum und Zeit sind Bestandteile Gottes, der ein ewiges 
Werden ist. Geschaffen ist die organische Welt. Jeder Mensch ist eine andere 
Person, weil er eine eigentümliche Idee Gottes ist. Mit dem Tode gehen der Leib 
und das an ihn gebundene seelische Element in die makrokosmische Materie, 
aus der sie genommen waren, der Individualgeist, die Einzelidee Gottes, aber in 
diesen zurück. 

Ant. Günther, Vorschule zur spekul. Theol. des posit. Christent., Wien 
1828— 29, 2. Aufl. 1846, 1848. Süd- imd Nordlichter am Horizonte spekulativer 
Theologie, Wien 1832. Janusköpfe (von Günther und Pabst), Wien 1834. 
Thomas a scrupulis. Zur Transfiguration der Persönlichkeitspantheismen 
neuester Zeit, Wien 1835. Die Juste-milieus in d. deutsch. Ph. gegen w. Zeit, 
Wien 1838. Eiu-ystheus u. Herakles, Wien 1843, und viele andere Schriften. 
Zuletzt ist Antisavarese lirsg. von Peter Knoodt mit einem Anhange, Wien 1883. 
Savarese, später Hausprälat des Papstes, hatte im J. 1856 das System Günthers 

17* 



260 § 19. Der spekulative Theismus mid die Gegner Hegels. 

als logisclaen Anthropomorphismus kintisiert. Dagegen wehrte sich Güntlier, 
gab aber auf Bitten seiner Freunde das Man. nicht zum Druck. Gesammelte 
Schriften, 4 Bd., Wien 1881. Die von A. Günther und J. E. Veith (s. üb. 
diesen J. H. Löwe, Wien 1879) Ixrsg. Zeitsclu-ift Lydia, Wien 1849—54, war 
ein Organ des Güntherianismus. — Bruclißtück e. Aiitobiographie, Briefe 
G.s usw. bei P. I^oodt, A. G., Wien 1881. 

Anton Günther, geb. 1783 in Lindenau (Böhmen), studierte in Prag, 
wo er auch Bolzano hörte; er starb 1863 als Weltpriester in IVien in den dürf- 
tigsten Umständen. Günther glaubte dui'ch einen dem cartesianischen ähnlichen 
Dualismus und Theismus den Schellingschen und Hegeischen Pantheismus 
überwinden zu können. Im Jalire 1857 wiirden zu Rom nach melirjälirigen 
Verhandlungen theologische mid psychologische Sätze Günthers, der diesem 
Ausspruche laudabiliter se subiecit, als irrig verui'teilt. Seine Schreibweise 
war häufig sarkastisch und hiinaoristisch, an Jean Paul erinnernd, wie sich dies 
schon zum Teil in den Titeln seiner Schriften zeigt. Er tritt zwar als Gegner 
Hegels auf, hat aber doch von ihm manches übernommen und sich auch viel- 
fach an die Hegeische Methode angelehnt. Nicht nur die Vernunftwahrheiten sind 
nach ihm Gegenstand der Philosophie, sondern auch die sogenannten Mysterien 
müssen in betreff ihres Warum wissenschaftlich begriffen werden. Günther 
läßt das Sehe] 11 ng -Hegeische Entwicklungsprinzip füi* die „Natur" gelten, 
deren Gebiet er bis zu der empfindenden, vorstellenden tmd Begriffe bildenden 
„Seele" ausdehnt (im Gegensatz zu Descartes), stellt aber über diese Seele den 
„Geist" als ein selbständiges, nicht an den Leib gebundenes Wesen. Das Leben 
des mit Sinnen begabten Individuums, das empfindet und vorstellt, einbildet, 
reprodiiziert imd produziert, urteilt und schließt, durch Triebe, Gefülile und 
Leidenschaften bewegt wird und selbst wieder. durch Nerven den Leib und 
weiter die Axißendinge bewegt, ist das seelische Leben, das vom Natur- 
prinzip herrührt, und so ist denn die Seele selbst „das in den tierischen Organis- 
men besonderte und subjektiv funktionierende Naturprinzip", das im Menschen 
freilich dem von ihm dvu*chaus verschiedenen Geiste dient. ]Mit diesem Dualis- 
mus griff Günther axif Descartes zurück und ging auch wie dieser vom Selbst- 
bewußtsein aus; er nennt sich auch häufig einen Cartesivis correctus. Das 
cogito ergo sirni des Descartes faßt er nicht als eine imirdttelbare Anschauung, 
sondern als Scliluß. Aber es ist nicht ein logischer Verstand essclüuß, sondern 
ein ontologischer, metaphysischer oder Vernunftschluß. Die Gewißheit beruht 
nicht auf dem Sein des Denkens, sondern auf der wahrhaften Identität des 
Denkens tmd Seins im Ichgedanken. — In der Auffindung dieses metaphysischen 
Schltisses sahen die Schüler Günthers ein großes Verdienst ihres Meisters, da 
er hierdurch zuerst das ideelle (im Seinsgebiete sich ergehende) Denken von 
dem (im bloßen Erscheinungsgebiete befangenen) begrifflichen gründhch aus- 
geschieden — und eine genetische Ableitung der allgemeingültigen Erkenntnis - 
formen, Kategorien, ermöglicht uiid so die ganze Philosophie neu tuid fest 
begründet habe. 

Der Mensch begreift sich selbst als zusammengesetztes Wesen : Ich finde, 
daß ich, einem anderen preisgegeben, nicht für mich, sondern für dieses bin; 
daraus folgt meine Beschränktheit : ich finde mich als Leib, Materialität. Indem 
ich aber mich so finde, bin ich auch für mich, der Materie entgegengesetzt, 
Geist. Naturwesen und Geist sind nicht quantitativ voneinander verschieden, 
sondern durchaus qualitativ verschiedene Substanzen, der Mensch besteht aus 
beiden, und so muß eine Wechselwirktmg zwischen ihnen angenommen und als 



§ 19. Der spekulative Theiemiis und die Gegner Hegels. 261 

möglich dargetan werden. Zwar kann der Geist nicht direkt aut den Leib ein- 
wirken, ebensowenig wie dieser auf jenen, aber das geistige Denken und Wollen 
kann auf das seelische Denken luid Wollen Einfluß ausüben und umgekehrt. 
Es bleiben die beiden Substanzen verschieden, aber das aus verschiedenen Sub- 
stanzen entstehende Donken vereinigt sich. Geistiges imd natürliches Leben 
sind füreinander bestimmt, es wird eine formelle Einheit der beiden zustande 
gebracht, und es findet eine „wechselseitige Mitteiliuig der Eigentümhchkeiten" 
statt. Durch das Bedingtsein des Selbstbewußtseins wird nun noch ein zweiter 
Dualismus erschlossen. Indem nämlich alles Negative, das im Endüchen liegt, 
negiert wird, erfaßt man den Gedanken eines solchen, das ganz unbeschränkt 
imd unbedingt ist, und so wird die Gottheit antipantheistisch über die Welt 
gestellt, welche letztere von Gott als seine Kontraposition geschatfen ist. 

An den Verhandlvingen über den Güntherianismus haben sich u. a. als 
Gegner Günthers J. N. P. Oischinger (Die Günthersche Philos., Schaffhausen 
1852), F. J. Clemens (Die Günthersche Philos. u. die katholische Kirche, Köln 
1853, wogegen P. Knoodt schrieb: Günther u. Clemens, Wien 1853), Michelia 
(Kritik der Güntherschen Philos., Paderborn 1864) beteiligt. Als Anhänger 
Günthers sind außer Joh. Hnr. Pabst (1785— 1838, lange Zeit österreichischer 
Älilitärarzt), der viel zur Verbreitimg der Güntherschen Lehre beitrug, und 
von dem „Der Mensch u. seine Geschichte", Wien 1830, „Gibt es eine 
Philosophie des Christentiims ?■■', Köln 1832, herrühren, und Veith zu nennen: 
Carl von Hock (gest. 1869; Cholorodea, Wien 1832, Cartesius u. seine 
Gegner, Wien 1835), J. Herten (Hauptfragen d. Metaphysik, Trier 1840), 
Ernst Melzer (geb. 18ü5, gest. 1899), Hist. krit. Beiträge z. L. v. d. Autonomie 
d. Vermmft, 1879, 2. Avdl. 1882, D. theist. Gottes- und Weltanschauung als 
Grundlage der Geschichtsphilos. 1888, D. Beweis f. d. Dasein Gottes u. s. Per- 
sönlichkeit, 1895. Die Unsterblichkeit auf Grimdl. d. Schöpfungsl., Neiße 1896. 

Auf Universitäten huldigten der Lehre Günthers mehr oder weniger 
Elvenich in Breslau, Weber längere Zeit ebendas., seit 1896 altkatholischer 
Bischof in Bonn (Schillers metaphysische Anschauiuigen vom Menschen, ent- 
wickelt aus s. ästhet. Abhandlungen, Sagan 1864, Kants Dualismus v. Geist 
u. Xaturausd. J. 1766 u. der des positiv. Christentums, Breslau 1866, D. Gesch. 
d. neueren deutsch. Philos. u. d. Metaphysik, Münster 1873, E. Dubois-RejTnond, 
Eine Krit. seiner Weltanschauung, Gotha 1885, Metaphysik, e. Wissenschaft!. 
Begründ. der Ontologie des positiv. Christentim:is, 2 Bde. : 1. Einleitg. u. 
Anthropologie, 2. Die antithetischen Weltfaktoren u. d. spekul. Theologie, 
Gotha 1888—91), J. H. Löwe, gest. 1892 in Prag, lange Zeit Professor 
daselbst (Lehrb. der Logik, Wien 1881, D. spekidative Idee der Freiheit, 
ihre Widersacher, ihre prakt. Verwertung, hg. v. d. kgl. böhm. Gesellsch. d. 
W., Prag 1890), Kaulich in Graz (gest. 1881, Über d. Möglichkeit, die Grenze 
u. d. Ziel des Wissens, 2. Aufl., Graz 1870; Handb. d. Log., Prag 1869, der 
Psychol., Graz 1870; Syst. d. Metaphys., Prag 1874; der Ethik, 1877), Peter 
Knoodt, geb. 11. Nov. 1811, gest. 27. Jan. 1869 als Prof. in Bonn, der einen 
erkenntnistheoretischen Kommentar der Ausgabe von Günthers Antisavarese 
beifügte, VincenzKnauer (1828— 94, Privatdoz. in Wien). Das bedeutendste 
Werk aus der Güntherschen Schule ist die Metaphysik von Theod. Weber. 
Dieser will die altchiüstliche Weltanschauiing wieder herstellen, auch in der 
Wissenschaft des deutschen Volkes der Wahrheit des positiven Christentums 
die lange vorenthaltene und doch pflichtmäßige Anerkernimg wieder ver- 



262 § 20. Die Scluile Herbarts. 

schaffen. Wie Descartes und Günther geht Weber von dem eigenen Denken 
und dem sich in ihm offenbarenden Ich aus ; das Bewußtsein muß dann analy- 
siert imd „hierauf müssen die Beziehungen des Ich zu allem substantial Seienden 
aufgesucht" tmd in ilirem Ursprung aufgedeckt werden. Auf diese Art wird 
der Geist des Menschen tmd die mit ihm verbundene Natur, zugleich die Ver- 
schiedenheit zwischen Geist und Natur festgestellt. Diese einander entgegen- 
gesetzten Faktoren finden sich auch außer dem Menschen, und in vollem Unter- 
schied zu ihnen und dem Menschen wird weiter Gott, der Schöpfer der 
Welt, erkannt. 

Ebenso wie der Güntherianismus war früher der gemäßigt pliilosopliisch- 
theologische Rationalismus des Hermes (geb. 1775, gest. 1831 als Professor in 
Bonn) der kirchlichen Zensur erlegen. 

Hier möchte auch am besten seine Stelle finden Martin Deutinger (1815 
bis 1864, Lehrer der Philos. in Freising, München, Dillingen, seit 1852 
pensioniert in München lebend, gestorb. in Bad Pf äf fers), Grundlinien e. posit. 
Philos. als vorläufiger Vers. e. Zm-ückführ. aller Teile d. Ph. auf christl. Prinz., 
Regensb. 1843 — 49 (1. Propädeutik des philosoph. Studiums, 2. Seelenlelire, 
3. Denklelire, 4. Gebiet der Kunst im allgemeinen, 5. das Gebiet der dichte- 
rischen Kunst, 6. Moralphilos.). Der gegenw. Zustand der deutschen Philos., 
aus d. handschriftl. Nachlaß des Verstorbenen hg. von Lorenz Kastner, München 
1866, knüpft melirfach an ScheUing und Baader an und will eine Versöhnung 
zwischen Wissen und Glauben stiften. Unter heftigem Widerspruch gegen den 
absoluten Idealismus tmd Intellektualismus Hegels, von welchem Denker er 
anderseits, namentUch in der Ästhetik, manches aufgenommen hat, ebenso tmter 
entschiedenster Polemik gegen den Materialisrnus, der nichts von geistiger 
Substanz wisse, bekämpft er auch den cartesianischen Dualismus Günthers. 
Von dem Sein komme man nie auf das Denken, ebensowenig von letzterem auf 
das erstex'e. Nehme man das Sein an, so beruhe dies auf Willen, der beide Seiten 
miteinander verbinde, und der deshalb auch über dem Denken stehen müsse. 
In der Ästhetik nimmt er nach v. Hartmann den Standptmkt des konkreten 
Idealismus ein. 

Neudecker (geb. 1840, Doz. d. Philosophie in Würzburg) ist in 
seinem eigenen Philosophieren von Deutinger ausgegangen. Das Grundproblem 
der Erkenntnistheorie, Nördüng. 1881, Grundleg. d. rein. Logik, Würzb. 
1882. Nach ihm ist das Selbstbewußtsein der feste Punkt, der für das Wissen 
und Denken nötig ist; es ist uns unmittelbar und an sich gewiß und ist die 
Voraussetzung für alle andere Gewißheit. Aus sich entwickelt es aber nicht den 
Inlialt des Bewußtseins. 

§20. Die Schule Herbarts. Anfangs sehr isoliert, hat Herbart 
später einen zalilreichen Kreis von Schülern gefanden, namentlich 
auch in Österreich, wo seine Lehre in der Unterrichtsverwaltung 
durch Exner und Bonitz begünstigt -«iirde. Eine Zeitlang war die 
Universität Leipzig das Zentrum der Herbartschen Philo- 
sophie. Eine eigentliche Fortbildung derselben hat nicht statt- 
gefunden. Die Lehre war zu fest bestimmt und abgerundet, als daß 
sich ähnlich wie in der Hegeischen Schule verschiedene Richtungen 
hätten abzweigen können. Jedoch sind nach der Seite der Psycho 



§ zO. Die Schule Herbarts. • 263 

logie, besonders der Völkerpsychologie, der Sprachphilosophie und 
der Pädagogik weitere Entwicklungen mit Erfolg versucht worden. 
In der Gegenwart haben die Herbartschen Ansichten für die Päd- 
agogik noch am meisten Bedeutung. Die namhaftesten unter den 
Herbartianern waren: Drobisch, Hartenstein, Strümpell, 
Steinthal, Lazarus, Zimmermann, Ziller, Rein. Steinthal, 
der besonders als Sprachforscher hervortrat, und Lazarus unternahmen 
bereits die Schöpfung einer Völkerpsychologie, fanden aber keine 
Schüler, die das Unternehmen fortgesetzt hätten. In verwandter 
Richtung arbeitete Th. Waitz, der — in wichtigen Punkten von 
Herbart sich emanzipierend — die Ethnologie auf psychologische 
Grimdlagen zu stellen bemüht war und hohe Verdienste um sie be- 
sitzt. Als Psychologe von Bedeutung war femer Volkmann. Eine 
Hinneigung zu Herbart zeigt auch der Neuscholastiker O. Willmann, 
der um die Pädagogik große Verdienste besitzt (s. u.). Unter denen, 
die mit Schärfe und Erfolg die Herbartsche Lehre angriffen, ist 
wieder besonders Ad. Trendelenburg zu erwähnen. 

Über den Religionsbegr. d. SchtJe H.s s. H. J. Holtzmann, in Ztschr. f. 
wiss. Theol., 25, 1881, S. 66—92. Über die Verbreitung der Herbartschen Schule 
in Böhmen s. Durdik, in: Ztschr. f. ex. PhUos. XII, 1883, S. 317-326. 

Die ,, Zeitschrift für exakte Philosophie im Sinne des neueren 
philosophischen ReaHsmus", die von 1860 bis 1874 in 11 Bänden erschienen 
ist, zuerst redigiert von Allihn und Ziller, später von AUihn und Flügel, 
vertrat die Lehre Herbarts. Bei ihrem Aufhören glaubte sie nachgewiesen zu 
haben, daß und in welcher Weise eine Reform der einzelnen philosophischen 
Disziplinen durch Herbart zustande gebracht sei, und daß es nicht nötig sei, 
sich Herbart gegenüber in korrigierender Weise zu verhalten. Im 1. Heft des 
I. Bandes der Zeitschrift gibt Alhhn als Anfang zu seiner Biographie Herbarts 
eine Zusammenstellung der Literatur der Herbartschen Schule. Spätere Hefte 
enthalten fortgesetzte Literatur angaben. Seit 1883 ist die Zeitschrift unter der 
Redaktion von Allihn und Flügel wieder ins Leben getreten und nach dem 
Tode Allihns weiter von Flügel allein herausgegeben worden. Das vierte Heft 
vom letzten, 20. Bande, 1896, gibt ein Inhaltsverzeichnis der zwanzig Bände. 
Seit 1894 erscheint die „Zeitschrift für Philosophie und Pädagogik", 
heravisgegeben von O. Flügel u. W. Rein, Langensalza. Es soll besonders die 
enge Verbindung von Philosophie und Pädagogik, wie sie sich bei Herbart 
findet, weitergeführt und atisgebaut werden, da auf dieser Verbindung mit der 
Pädagogik die Kultur Wirkung der Herbartschen Philosophie beruhe, die erst 
eben begonnen habe. 

Lazarus und Steinthal begründeten 1859 die ,, Zeitschrift für 
Völkerpsychologie und Sprachwissenschaft" und redigierten sie bis 
1890 (20 Bde.). Die Völkerpsychologie ist nach Lazarus, von dem die Bezeich- 
nung herstammt, die Lehre von den Elementen und Gesetzen des geistigen 
Völkerlebens. Sie will das Wesen des Volksgeistes Tond sein Tim psychologisch 
erkennen, die Gesetze entdecken, nach denen die innere geistige Tätigkeit 



264 § 20. Die Schiole Herbarts. 

eines Volkes in Leben; Kunst und Wissenschaft vor sich geht, sich ausbreitet, 
erweitert oder verengt, erhöht oder vertieft. Die Gründe, Ursachen und Ver- 
anlassungen der Entstehung, Entwicklimg und des Unterganges der Eigentüm- 
lichkeiten eines Volkes sollen enthüllt werden; der Begriff des Volks- oder 
Nationalgeistes wird dann nicht eine bloße Phrase sein. Die Zeitsclu-ift wendete 
sich nicht niu* an die Beriifspsychologen, sondern an alle, die das geschichtliche 
Leben der Völker nach irgendeiner Seite, ReUgion, Ktuist, Wissenschaft, 
Sprache usw., in der Weise erforschen, daß sie die Tatsachen aus dem Innersten 
des Geistes zu erklären, d. h. auf ihre psychologischen Gründe zurückzuf ülu-en 
suchen. Seit 1890 erscheint sie als „Zeitschrift des Vereins für Volks- 
kunde" und wurde zunächst von Karl Weinhold herausgegeben. 

Friedr. Heinr. Theod. Allihn (1811 geb., 1885 als Pfarrer in Merzien b. 
Cöthen gest.), Antibarbarus logicus, Halle 1850; I. Heft: Einleittmg in die all- 
gemeine formale Logik, 2. Avifl. Halle 1853 (xmter dem Pseudonjnii Cajus, 
s. u. bei Flügel). Der verderbl. Emfluß der Hegeischen Philos., Lpz. 1852. 
Die Umkehr d. Wissenschaft in Preußen, m. besond. Beziehg. auf Stahl und auf 
die Erwiderungen seiner Gegner Braniss und Erdmann, Berl. 1855. Die Grund- 
lehren d. allgem. Ethik nebst einer Abhandig, üb. d. Verhältn. der Rehg. zur 
Moral, Lpz. 1861. Gnmdriß der Ethik. Neu bearb. u. erweitert v. O. Flügel» 
Langens. 1898. 

Ludw. Ball auf, Abhandlimgen meist psychol. -pädagogischen Inhalts, 
im Oldenburger Schulblatt, in der pädagog. Re\Tie und dem pädagog. 
Archiv, imd in der Zeitschr. für exakte Philos., wo insbesondere in 
Band IV, Heft I, S. 73—92 ein von Ballauf verfaßter Artikel: „Von Beneke 
zu Her hart" eine Vergleichung der beiderseitigen Üoktrinen vom Herbartschen 
Standpiinkte aus enthält, die in theoretischem Betracht auf der Voraussetzung 
ruht, nur durch in der Erfalirxmg liegende Widersprüche könne ein Antrieb ge- 
geben sein, die Erfahrung zu ergänzen imd primitive Annahmen zu korrigieren, 
imd zwar eben durch diejenigen Widersprüche, welche Herbart in partiellem 
Anschluß an die Eleaten usw. in gewissen Erfalunmgsbegriffen gefunden haben 
will. Ballaufs Einwürfe gegen Benekes Eudämonismus aber berulien zum Teil 
auf einer falschen Isolierung der Elemente des sittlichen Gesamturteils gegen- 
einander, zxmri andern Teil auf irrigerweise aus dem Benekeschen Prinzip ge- 
zogenen Konsequenzen, besonders auf einer Unterscliätzung des Wertes, den 
auch nach diesem Prinzip die gesicherte rechtliche Ordnung haben muß. Die 
Elemente der Psychologie, Cöthen 1877, in 2. Aufl.: Die Grundlehren der Ps. 
tind ihre Anwendimg auf die Lehre von der Erkenntnis, Cöthen 1890. 

Ed. Bobrik, De ideis innatis sive piu'is pro principiis habitis, Regiomonti 
1829. Freie Vorträge über Ästhetik, Zürich 1834. Neues prakt. Syst. der Logik. 
I, 1: Ursprüngliche Ideenlehre, Zürich 1838 (ist unvollendet gebüeben). 

Herm. Bonitz (geb. 1814 in Langensalza, lange Zeit Prof. u. Mitglied 
des Unterrichtsrats in Wien, seit 1875 vortragender Rat für das höhere 
Schulwesen im Untorrichtsministeritun in Berlin, gest. 25. Juli 1888 in Berlin; 
mit Exner hat er den Organisationsentwxu-f fitr die österreichischen Gimanasien 
ausgearbeitet, der 1854 angenommen wurde), dessen Platonica vmd Aristotelica 
im 1. Teil des Grundr. erwähnt worden sind, ist hier auch als Mitlirsg. (bis 1867 
der „Zeitschr. f. Österreich. Gynonasien" und seit 1869 der Berl.„Zeitsclir. f. 
d. Gymnasialwesen" zu nennen; Aufs. üb. philos. Propädeutik, in Neuen Jen. 
Allg. Lit.-Ztg. 1846, Nr. 66. 



§ -20. Die Schule Herbarts. 265 

Carl Seb. Cornelius (geb. 1819, gest. 1899, seit 1854 Privatdozont in 
Halle), Die Lehre von der Elektrizität u, d. Magnetismus, Lpz. 1855. Üb. 
d. Bildung d. Materie aus einfach. Elementen, Lpz. 1856. Theorie des Sehens 
u. räxunl. Vorstellens, Halle 1861; Ergänzgn. dazii, ebd. 1864. Grund- 
züge einer Molekularphysik, Halle 1866. Üb. d. Bedeutg. des Kavusalprinz. 
in d. Naturwissensch,, Halle 1867. Üb. d. Entsteh, d. Welt, m. bes. Rucks, auf 
die Frage, ob tmserm Sonnensyst. ein zeitl. Anfang zugeschrieben werden muß, 
gekr. Preisschr., Halle 1870. Üb. d. Wechselwirk, zwischen Leib u. Seele, 
Halle 1871, 2. Aufl. 1875. Zur Theorif! der Wechselwirk, zwischen Leib u. Seele, 
Halle 1880. Abhandlvmgen zur Naturwissensch. u. Psychologie, Langensalza 1887. 
Nach der Molekularphysik von Corneütis besteht zwischen den Realen, die zu 
einem Massenteilchen miteinander verbunden sind, nicht eine direkte, sondern 
nur eine durch Äthersphären vennittelte Gemeinschaft. Die Zahl der Atome ist 
nach Cornehus nicht unendhch. 

Franz Cupr (gest. 1882 in Prag), Sein oder Nichtsein der deutsch. 
Philos. in Bölunen, Prag 1848. Grundriß d. empir. Psychol., Prag 1852. 

Mathias Arnos Drbal (geb. zu PrödUtz in Mähren 1829, gest. zu Brunn 
1885), Üb. d. Ursachen d. Verfalls der Philos. in Deutschland, Prag 1856. 
Gibt es einen spekulat. Syllogismus ? (Linz. Progr. 1857). Üb. das Erhab. 
(Linz. Progr. 1858). Üb. d. Natur d. Sinne, populärwiss. Vorträge, Linz 1860. 
Lelirb. d. propädeut. Logik, Wien 1865 u. oft. Empir. Psychol., Wien 1868, 
4. Aufl. 1885. Prakt. Logik oder Denklehre, Wien 1871. Darstell, d. wichtigsten 
Lehren der Menschenkunde u. Seelenlehre, nebst einer Übers, d. Gesch. d. Er- 
ziehungs- u. UnterrichtsL, 3 Tle, Wien 1872ff. 

Mor. Wilh. Drobisch (geb. 16. Aug. 1802, seit 1826 o. Prof. der Mathema- 
tik und seit 1842 auch der Philosophie zu Leipzig, gest. daselbst 30. Sept. 1896, 
also beinahe 70 Jahre ordentUcher Prof. in Leipzig), Rezens. üb. Herbarts Ab- 
handl. De attentionis mensura causisque primariis (1822) in der Lpz. L.-Z., 
Juni 1827, über Herbarts Psychol. als Wissensch. im Novemberheft, der Lpz. 
Liter.-Ztg. 1828. Rezens. üb. Herbarts Metaph. in der Jen. Liter.-Ztg, August- 
heft 1830. (In diesen Rezensionen ist besonders mit Erfolg avif die Herbartsche 
Philosophie hingewiesen worden.) Philo], u. Mathem. als Gegenstände d. Gym- 
nasialunterrichts betrachtet mit besond. Bezieh, auf Sachsens Gelehrten- 
schulen, Lpz. 1832. Üb. mathem. Didaktik, in der Lpz. Liter.-Ztg. 1832, 
Nr. 297. Beiträge ztxt Orient, üb. Herbarts Syst. d. Philos., Lpz. 1834. 
Neue Darstellung der Logik nach ihr. einfachst. Verhältn., nebst einem 
log.-mathemat. Anhange, Lpz. 1836, 2. völlig umgearb. Atiil. 1851, 5. Aufl. 
1887. Queastiontun mathematico-psychologicarum spec. I — V, Lips. 1836 
bis 1839. Grundlehren d. Religionsphilos., Lpz. 1840. Empirische 
Psychologie nach naturwissenschaftlicher Methode, Lpz. 1842, neugedruckt, 
Hamb. 1898. Üb. d. mathem. Bestimmung der musik. Intervalle, in: Abb. der 
Fürstl. Jablonowskischen Gesellsch., Lpz. 1846. Über die geometrische Kon- 
struktion der imaginären Größen, Ber. d. Gesellsch. d. Wiss. zu Leipzig II, 1848. 
Disqxüsitio mathematico -psychol. de perfectis notiomma complexibus, Lips. 
1846. Erste Grundhnien der mathem. Psj'chol., Lpz. 1850. Üb. d. Stellung 
Schillers zur Kantischen Ethik, aus den Berichten der K. Sachs. Ges. d. Wiss., 
besond. abgedr., Lpz. 1859. De philosophia scientiae natural! insita, Lips. 1864. 
Die moral. Statistik xmd die menschl. Willensfreiheit, Lpz. 1867. Üb. d. Fort- 
bildung der Ph. dm-ch Herbart, Lpz. 1876. Kants Dinge an sich u. s. Er- 



266 § 20. Die Schtde Herbarts. 

fahrungsbegriff, Lpz;, 1885. Enzykl. d. Ph. Nach e. Kollegienheft, Z. f. Ph. 
u. Päd. 15, 1908. Wälirend die erste Auflage der Logik Drobischs Denken 
vmd Erkennen streng auseinanderhielt, ist in der zweiten die Logik zwar auch 
ein Kanon des Denkens, dem dies in seinen Formen entsprechen muß, um in sich 
wahr zu sein, aber zugleich wird sie zum Organon der mittelbaren Erkenntnis, 
womit aber Drobisch den formalen Charakter der Logik nicht aufgeben will. 
]\Kt der Metaphysik Herbarts stimmt Drobisch nicht mehr ganz überein. In der 
Rehgionsphilosophie versuchter, die Philosophie in Her bartscher Untersuchungs- 
weise mit der Theologie auseinanderzusetzen. Der Philosopliie kommt auch auf 
dem religiösen Gtebiete die Aufgabe zu, das Gegebene zu begreifen. Aus dem 
Gefühle der Beschränktheit und Ohnmacht entsteht das Bedürfnis der Befreiung, 
der ErlösTing von den Schranken, der Erhebung zu etwas Höherem. Aber ein 
höchstes Wesen oder Gott darf man nicht nur wünschen, sondern um dem 
Gottesgedanken objektive Bedeutung zu geben, bedarf es des logischen Nach- 
weises. Der ontologische und der kosmologische Beweis sind untauglich, durch 
den teleologischen ergibt sich das Dasein des Glaubensgegenstandes als ein 
höchst wahrscheinUches ; die moralisch-praktischen Glaubensgründe treten 
noch als überzeugend hinzu. Unsere Atifgabe ist es, das höchste Gut, d. h. den 
moralischen Weltzweck zu verwirklichen; die Realisierbarkeit ist dadurch ge- 
währleistet, daß Gott die mit Absicht wirkende Ursache des sittlichen Zweckes 
und der für diesen zureichenden Mittel in der Natur ist (s. Kant). Den außer- 
weltlichen, lebendigen, persönlichen Gott bestimmt dann Drobisch nach den 
fünf Herbartschen praktischen Ideen der Heiligkeit, Vollkommenheit, Liebe, 
der richtenden und vergeltenden Gerechtigkeit. 

Jos. Durdik (1837 — 1903 Prof. in Prag), Lsibniz u. Newton, Halle 1869, 
KaUilogie od. üb. die Schönheit des Sprechens, Prag 1873. Üb. das Gesamtkimst- 
werk als Kunstideal, Prag 1880. Außerdem noch viele in bölimischer Sprache 
verfaßte Schriften, s. üb. ihn bei der böhmischen Philosophie. Grundr. Bd. V. 

Friedr. Exner (geb. 1802 in Wien, seit 1827 Prof. der Philos. in Wien, 
von 1832 an in Prag, 1848 in das Ministerium zu Wien berufen, gest. inPadua 
1853), Üb. Nominalismus und Realimus, Prag 1842 (aus den Abh. d. Böhm. 
Ges. d. Wiss. Die Psychol. der Hegeischen Schule, Lpz. 1843, 2. Heft ebd. 1844. 
Üb. Leibnizens Universalwissensehaft, Prag 1833 (aus den Abh. der Böhm. Ges. 
d. Wiss.). Über d. Lehre v. d. Einh. des Denk, und Seins, ebd. 1848 (aus den 
Abh. der Böhm. Ges. d. Wiss.). In seiner Stellvmg bewirkte er, daß die Her- 
bartsche Philosophie bes. auf den Lelirstühlen in Österreich vertreten wurde. 

Otto Flügel (geb. 1842 in Lützen, Pastor in Wansleben, Prov. Sachsen, 
gest. 1921). u.a.: Der Materialismus, Lpz. 1865. Das Wunder u. d. Erkenn- 
barkeit Gottes, Lpz. 1869. Die Probleme der Philos. und ilire Lösungen: 
hist.-krit. dargestellt, Cöthen 1876, 4. A. ebd. 1906. Die Seelenfrage, Cöthen 
1878, 2. A. 1890, 3. verm. A. 1902. Die spekulat. Theologie der Gegenw. 
krit. beleuchtet, Cöthen 1881, 2. A. 1888. Das Ich u. d. sittl. Ideen im Leben der 
Völker, Langensalza 1885, 5. A. 1912. Das Seelenlebend. Tiere, 3. A. Langen- 
salza 1897. Abriß der Logik u. d. L. v. d. Trugschlüssen, 4 A. Langensalza 1901, 
5. A. 1914. Es ist dies eine Neubearbeitung des Antibarbarus logicus von 
Allihn. Ideahsm. u. Materialism. der Geschichte, aus Z. f. Philos. u. Päd., 
Langensalza 1898. Zur Philosophie des Christentums, ebd. 1900. D. Bedeut. 
d. Metaph. Herbarts f. d. Gegenw., 1902. D. Religionsph. in Einzeldarstel- 
limgen, Langensalza 1904 — 05. Herbarts Leben u. Lehre, Lpz. 1907. Monis- 



§ 20. Die Schule Herbarts, 267 

nms und Theologie, 3. umgearb. A. der spekulat. Theologie der Gegenwart, 
Cöthen 1908. Seit Kelirbachs Tode ist Flügel Herausgeber der Sämtlichen 
Werke Herbarts (s. o.). Flügel, einer der tätigsten jetzt lebenden Herbartianer, 
war längere Zeit auch alleiniger Herausgeber der Zeitschr. f. exakte Philo- 
sophie. Er wendet sich namentlich gegen den Monismus, der Gott und Welt 
nicht trenne, also auch Gut und Böse nicht hinlänglich zu scheiden wisse, 
wälircnd der Herbartsche Pluralismus die Welt als abhängig von dem ihr sub- 
stantiell gegenüberstehenden Gott und doch relativ selbständig denken lasse, 
so daß auch das Übel seine Erklärung finde. Eine eigentliche spekulative 
Theologie ist nicht möglich, aber der teleologische Beweis erbringt doch die 
Wahrscheinlichkeit für das Dasein Gottes, und die Zweckformen in der alten 
Welt detiten hin auf Einsicht und Willen sowie auf Persönlichkeit Gottes. In 
die Lücken der Erkenntnis tritt die christliche Offenbarung ein. Gegen den 
aktuellen Seelenbegriff polemisiert Flügel in der längeren Arbeit: Der substan- 
tieUe u. d. akt. Seelenbegr., Zeitschr. f. Ph. u. Päd., III, 1896. 

Aug. Geyer (geb. zu Asch in Böhmen 1831, gest. 1885 als Prof. d. Rechte 
in München), Gresch. vi. Syst. d. Rechtsphilos. , Innsbruck 1863. Üb. d. neueste 
Gestalt, des Völkerrechts, Rede, Innsbruck 1866. Abhandig. in der Zeitschr. 
f. exakte Philos. u. i. Gerichtssaal (d. Kampf ums Recht, aiis Anlaß v. 
Jherings gleichn. Schrift, 1873, Heft 1). Strafrecht u. philos. Einleittmg in d. 
Rechtswissenschaften i. d. Holtzendorff sehen Enzyklop. d Rechtswissenschaft. 

Giist. Hartenstein (geb. 1808, seit 1835 ordentl. Prof. der Philo- 
sophie zu Leipzig, zog sich 1859 ins Privatleben zurück, später Ober- 
bibUothekar in Jena, gest. das. 1890), De methodo philosophiae, log. legibus 
astrigenda, finibus non terminanda, Lips. 1835. Die Probleme und Grundlehren 
d. allgem. Metaph., Lpz. 1836, aus denen man sich gut über die Herbartsche 
Lelxre orientieren kann. De ethices a Schleiermachero propositae fiuida- 
mento, Lips. 1837. Üb. d. neuest. Darst. u. Beurteil, d. Herbartschen Philos., 
Lpz. 1838. De psychologiae vulgaris origine ab Aristotele repetenda, Lips. 1840. 
Die Griindbegriffe d. ethisch. Wissensch., Lpz. 1844. De materiae apud Leib- 
nitium notione et ad monadas relatione, Lips. 1846. Üb. d. Bedeiit. der 
megarisch. Schule f. d. G«sch. d.metaphys. Probleme, Lpz. 1847 (aus d. Berichten 
üb. d. Verhandl. d. K. Sachs. G«s. d. Wiss.). Darstellg. d. Rechtsphilos. 
des Grotius (aus Bd. I der Abh. d. phil.-hist. Kl. d. K. Sachs. Ges. d. Wiss.), 
Lpz. 1850. De notionum juris et civitatis, quas Bened. Spinoza et Tliom. Hobbes 
proponunt, similitudine et dissimilitudine, Lips. 1856. Üb. d. wiss. Wert d. 
aristotel. Ethik (in d. Bericht, d. phil.-liist. Kl. d. K. G. d. Wiss.), Lpz. 
1859. Über Lockes amd Leibniz' Lehre von d. menschl. Erkenntnis, Lpz. 1861. 
Historisch-philos. Abh., Lpz. 1870 (worin acht der angeführten Abh. und 
neuntens eine Abhandl. über Leibniz' Lehre v. d. Verhältnis der Monaden zur 
Körperwelt, 1869, enthalten sind). 

Ottokar Hostinsky, Das musikahsch Schöne imd das Gesamtkunstwerk 
vom Standpunkt der formalen Ästhetik, Lpz. 1877. Die Lehre von der musikal. 
Klängen, Prag 1879. Üb. d. Bedeut. d. prakt. Ideen Herbarts f. d. aUgem. 
Ästhetik, Prag 1883. S. auch böhm. Philos. Grundr. Bd. V. 

Herm. v. Kayserlingk, Vergl. zw. Fichtes Syst. u. dem Syst. Herbarta, 
Königsberg 1817. Später ging Kayserhngk von der Herbartschen Richtung ab. 
Er hat eine Autobiographie verfaßt: Denliwürdigkeiten eines Philosophen, 
oder Erinnerungen u. Begegnisse aus mein. Leben, Altena 1839. 



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268 § 20. Die Schule Herbarts. 

M. Lazarus (geb. 1824, früher Prof. der Philosophie in Bern, seit 1873 
Honorarprof. in Berlin, gest. 14. April 1903 in Meran), Das Leben der Seele, 
in Monographien über seine Erscheinungen und Gesetze, Berl. 1856 — 57, 
S.Aufl., 3 Bde., 1883- 97, Anast. Neudr. d. 3. A., Bd. 1 1917. (Popiolär gehalten, 
aber der Titel ist zu weit gegriffen und verspricht zu viel.) Üb. d. Urspr. d. 
Sitten, Vortr. geh. zu Bern 1860, 2. Aufl., Berl. 1867. Üb. d. Ideen ind. Gesch., 
Rektoratsrede, zu Bern 1863 gehalten, 2. Abdr., Berün 1872. Z. Lehre v. d. 
Sinnestäuschgn., Berl. 1867. Ein psychol. Bhck in uns. Zeit, Vortr., BerUn 
1872, 2. Aufl. 1872. Ideale Fragen in Reden u. Vorträgen, Berl. 1878, 3. A. 
1885. Üb. d. Reize des Spiels, Berl. 1883. Treu u. frei, Ges. Reden u. Vorträge 
üb. Juden u. Judentum, Lpz. 1887. D. Ethik d. Judentums, Frft. 1898, 2. Bd. 
(A. d. Nachl.) 1911. Üb. Juden u. Judentum. Vortr. u. Aufs. hg. v. G. Kar- 
peles, 2. Aufl. hg. v. N. M. Nathan, Berl. 1910. M. Lazarus' Lebenserinnerungen, 
bearb. v. Nahida Lazarus u. Alfred Leicht, Berl. 1906. Aus meiner Jugend. 
Autobiographie, hg. v. N. Lazarus, Frankf. 1913. Die von Lazarus und 
Steinthal herausgegebene „Zeitschr. für Völkerpsychologie und Sprachwissen- 
schaft" s. o, 

Gust, Adolf Lindner (geb. 1828, gest. 1887 als Prof. an der böh- 
mischen Universität in Prag), Lehrbuch d. formal. Logik nach genet. Methode , 
Graz 1861, 5. Aufl. Wien 1881. Einleitg. i. d. Studium d. Philos., Wien 
1866. Lehrb. d, empir. Psychol. als induktiver Wissensch., Cilli u. Graz 1858, 
10. Aufl. Wien 1891 (sehr viel auf Lehranstalten gebraucht). Das Problem des 
Glücks, psychol. Untersuchgn. über d. menschl. Glücksehgkeit, Wien 1868. 
Ideen z. Psychol. d. Gesellsch. als Grundl. d. Sozialwiss. ebd. 1871 (70). 

Franz Karl Lott (geb. 1807, gest. 1874 in Wien), Herbarti de animi 
immortalitate doctr., Gott. 1842. Zur Logik (aus den Gott. Stud. bes. abg.), 
Gott. 1845. Fr, K. Lotts Metaphysik, herausgeg. v. Theod. Vogt, im Jahrb. 
des Vereins f. wissenschaftl. Pädagog., XII, S. 211 ff. Vgl. üb. ihn Theod. 
Vogt, Wien 1874. Er vertrat einen Theismus, nach welchem die Realen 
Herbarts als ewige Tätigkeiten des persönUchen Gottes aufgefaßt werden. 

Carl Mager, anfangs HegeHaner, später der Herbartschen Richtung zu- 
getan, hat die Zeitschrift begründet: Pädagogische Revue, 1840ff., von 1848 
bis 1854 hg. von Scheibert, Langbein und Kiihn, von 1855— 58 von Langbein 
allein. Statt derselben erscheint seitdem: Pädagogisches Archiv, hg. zunächst 
von W. Langbein, Stettin 1859—73, jetzt hg. v. J. Ruska, 54. Jg., Lpz. 1912. 

Jos. W. Nahlowsky, Das Gefühlsleben, Lpz. 1862, 2. A. 1884, 3. A. 1907. 
D. Duell, sein Widersinn u. seine moralische Verwerflichkeit, Lpz. 1864. 
Die ethisch. Ideen, als die waltenden Mächte im Einzel- wie im Staatsleben 
nach ihren verschiedenen Richtungen beleuchtet, ebd. 1865, 2. Aufl. Langensalza 
1904. Grundzüge z. Lehre v. d. Gesellsch. und dem Staate, ebd. 1865, Allgem. 
prakt. Philos. (Ethik) pragmat. bearb., Lpz. 1870, 3. Aufl. Lpz. 1903. 

L. F. Ostermann, Pädagog. Randzeichnungen, Hannov. 1850, s. 
auch die Literatur über Herbart. 

Preiß, Analyse d. Gefühle, Görz 1854. Anal. d. Begehrungen